Preisträger 2021

Prof. Dr. Maja Göpel

Corona-Krise als Chance für einen sozialökologischen Wandel

„Wir können das doch viel besser!“, davon ist die Politökonomin, Transformationsforscherin und Autorin Maja Göpel überzeugt. In Zeiten von Corona beherrscht die Bekämpfung des Virus den öffentlichen Diskurs. Gesellschaftspolitische Themen wie Nachhaltigkeit und sozialökologischer Wandel rücken scheinbar in den Hintergrund. Und doch kann genau diese Krise auch eine Chance zu einem neuen umfassenden Aufbruch sein. Die Pandemie brachte die Erfahrung von Begrenzung mit sich und zeigte Ungleichheiten bei der Verteilung der Ressourcen und des Reichtums auf, in Bezug auf Deutschland und auch global betrachtet. Die Corona-Krise öffnete zudem die Augen dafür, dass man auf Konsum auch einmal verzichten kann. Sie verdeutlicht, dass eine Gesellschaft als Schicksalsgemeinschaft durch frühzeitiges Eingreifen und Solidarität direkte Erfolge erringen kann. Viele Bürger*innen befassen sich nun mit der Frage, was wirklich wichtig ist im eigenen Leben, in einer sich verändernden Gesellschaft, und für den einen Planeten, für den alle verantwortlich sind. In dieser Zeit des Umbruchs und der Verunsicherung zeigt Maja Göpel Perspektiven, wie ein „gutes Leben“ für alle möglich wird.

 

Maja Göpel wurde 1976 in Bielefeld geboren. Seit ihrer Jugend zielt sie in ihrem wissenschaftlichen und gesellschaftlichen Engagement auf lebendige Nachhaltigkeit im weitesten Verständnis dieser inzwischen weit akzeptierten politischen und sozialen Norm. Parallel zum Diplom als Medienwirtin und der Promotion in Politischer Ökonomie arbeitete sie mit verschiedenen Nichtregierungsorganisationen bei den Themen Welthandel, Klimawandel und Nachhaltigkeit zusammen. Dabei stand die Verbindung von Umweltthemen mit sozialer Gerechtigkeit und Teilhabe an gesellschaftlicher Entwicklung im Mittelpunkt. Maja Göpel wirkte federführend beim Aufbau des „World Future Council“ mit. Der Transformationsforschung widmete sie sich als Leiterin des Berliner Büros des „Wuppertal Instituts für Klima, Umwelt und Energie“, dessen erster Leiter Ernst-Ulrich von Weizsäcker vor 10 Jahren mit dem Theodor-Heuss-Preis ausgezeichnet wurde. Nach ihrer Zeit beim Wuppertal Institut brachte Göpel ihre umfassende Erfahrung als Generalsekretärin des „Wissenschaftlichen Beirats der Bundesregierung Globale Umweltveränderungen“ ein. 2019 wurde die Transformationsforscherin zur Honorarprofessorin der Leuphana Universität Lüneburg ernannt und war Mitbegründerin des Netzwerks „Scientists for Future“, einer Bewegung von Forschern für mehr Klimaschutz, der auch die Medaillenträgerin Mai Thi Ngyuen-Kim angehört. Mit dem Bestseller „Unsere Welt neu denken“ ist Maja Göpel 2020 einem breiten Publikum bekannt geworden.

 

Ihre wissenschaftliche Arbeit sucht unaufhörlich und mit großer Aufgeschlossenheit für die verschiedenen Perspektiven nach überzeugenden praktischen Antworten auf die Grundfragen der Nachhaltigkeit. Es geht Maja Göpel um einen Wandel unserer globalen Lebensweise, der die Grenzen unseres Planeten und seiner Ressourcen achtet. Das kann nur gelingen, wenn der Wandel politisch inklusiv, d.h. solidarisch gestaltet wird, im Prozess der Transformation ebenso wie im Umgang miteinander. Sozialökologischer Wandel geht nur demokratisch und gemeinsam. Solidarität wird damit nicht nur zum Zeichen des sozialen Zusammenlebens, sondern auch des gemeinsamen zukunftsgerichteten Handelns.

 

Die Transformation erfasst alle Bereiche, auch die Wirtschaft ist massiv betroffen. Gerade dort, wo Veränderungen unabdingbar sind, besteht die Chance, diese nachhaltig zu gestalten. Für Kapital aus öffentlicher Hand zur Rettung von Unternehmen fordert Maja Göpel deshalb eine CO2-Reduktionsstrategie und ein zukunftsfähiges Geschäftsmodell. Auch wenn dies kurzfristig Arbeitsplätze und Gewinne kosten könne, entstehe auf lange Sicht eine positive Bilanz. Sie argumentiert für einen Lastenausgleich nach der Krise. Denn bei den derzeitigen Marktstrukturen sind besonders die, die Akzente für Nachhaltigkeit setzen wollen, systematisch benachteiligt. Branchen wie Bildung, Pflege, Kultur stehen mit ihrer außer-monetären Wertschöpfung nach Göpels Ansicht zu wenig im Fokus. Sie wirbt für eine Kreislaufwirtschaft mit resilienten Wertschöpfungsketten, die alle versorgt, aber nicht ununterbrochen wächst. Ihre Leitlinien sind Bürgerrechte, soziale Marktwirtschaft, erhöhte Lebensqualität mit geringem ökologischem Fußabdruck. Denn so können viele Dinge wachsen, die wirklich wichtig sind: eine gesunde Umwelt, eine solidarische Gesellschaft, sinnvolle Jobs, Zeit für Bildung, Familie, Gemeinschaft und Gesundheit.

 

Maja Göpel macht komplexe Zusammenhänge und historische Entwicklungen verständlich. Sie setzt viele im politischen Diskurs als unversöhnlich dargestellte Handlungsoptionen so in Beziehung, dass Wege nach vorne sichtbar werden. Gemeinsam gilt es zu überlegen, wie wir in unseren Rollen als Produzent oder Konsument dazu beitragen können, ein System zukunftsfähig zu machen. Anstelle von rigorosen Verzichtsstrategien plädiert Maja Göpel für Kreativität, die eingefahrene Denkgewohnheiten überwindet und neue Möglichkeiten eines „guten Lebens“ für alle eröffnet. Ihr Buch „Unsere Welt neu denken: Eine Einladung“ ist so zu einem Bestseller geworden. Es gelingt ihr, viele Menschen zu erreichen, die mit kleinen Schritten gemeinsam etwas bewirken. Das dokumentiert, wie klug Maja Göpel die Notwendigkeit, unbequeme Herausforderungen anzugehen, mit einladender Freundlichkeit, die sie selbst lebt, verbindet. Die Krise kann so auch etwas Positives mit sich bringen, denn „Wir können das doch viel besser!“

 

 

 

"Karawane der Vernunft"

Kreative Zivilcourage gegen rechte Corona-Proteste

 

„Stehen wir gemeinsam füreinander ein!“, so lautet eines der Ziele der Initiative „Karawane der Vernunft“ des Vereins Augen auf – Zivilcourage zeigen e.V.. Unter dem Motto „Paradiesvögel statt Reichsadler“ wehrten sie sich mit einem Auto-Korso gegen rechte Proteste gegen Corona-Maßnahmen, die im Juni 2020 entlang des ostsächsischen Teils der Bundesstraße 96 stattfanden. Um den Raum wieder für die Demokratie zurückzuerobern, zogen mutige Engagierte kreativ und friedlich durch die Straße.

 

Die Bundesstraße 96, die „ostdeutsche Route 66“, ist eine Straße mit Geschichte: Sie war eine zentrale Verkehrsachse der DDR und stand für die Sehnsucht nach Freiheit. Im Herbst 1989 zogen sich Lichterketten gegen das SED-Regime entlang dieser Straße durch die ganze DDR. Im Juni 2020 prägten stattdessen Gegner von wissenschaftsbasiertem Diskurs, Demokratie und Rechtsstaat das Straßenbild.

 

Bei Demonstrationen gegen die Corona-Schutzmaßnahmen seit Anfang Mai standen zunehmend Neonazis, Reichsbürger*innen und Verschwörungstheoretiker:innen im Vordergrund. Rechte Proteste mit schwarz-weiß-roten Fahnen, auch die Farben des nationalsozialistischen Regimes, bestimmten die Szenerie und riefen Erinnerungen an schlimme Zeiten hervor. Dieses Bild war für Anwohner:innen und Durchfahrende unerträglich und sandte ein fatales Signal über den Zustand der Demokratie in Ostdeutschland.

 

Die Initiative „Karawane der Vernunft“ des Vereins Augen auf – Zivilcourage zeigen e.V. nahm diese Präsenz des Rechtsextremismus nicht länger hin. Sie wollte zeigen, dass Anhänger:innen des deutschen Reiches nicht das Volk sind und die Meinungshoheit im öffentlichen Raum für die Demokratie zurückerobern. So schlossen sich am 14.06.2020 Menschen mit über 30 Fahrzeugen in einem Auto-Korso zu einem friedlichen Protest zusammen. Mit geschmückten Autos, bunten Fahnen und ausdrucksstarken Plakaten setzten die Teilnehmenden zwischen Zittau und Bautzen ein Zeichen für Vernunft, Solidarität und Demokratie. Ganz nach ihrem Motto „Paradiesvögel statt Reichsadler“ standen sie für Vielfalt und Kreativität und setzten sich gegen Ausgrenzung, Rassismus, Antisemitismus und Gewalt zur Wehr. Mit von der Partie waren Menschen aus Gewerkschaften, Vereinen und anderen Organisationen, Künstler:innen, Vertreter:innen von Kirchen, Unternehmen, Parteien – und einfach demokratisch gesonnene Bürger:innen aus den Landkreisen Görlitz und Bautzen.

 

Dieses Engagement erforderte jedoch Mut! Bereits im Vorfeld erlebten die Teilnehmenden massive Drohungen. Während des Korsos wurden sie beschimpft und angefeindet. Rechtsextreme zeigten Hitlergrüße, sprangen auf die Fahrbahn, warfen mit Eiern, wendeten Gewalt an und spuckten in die Autos. Wer sein Nummernschild nicht abgeklebt hatte, musste im Anschluss mit Hakenkreuzschmierereien an Autos und Häusern rechnen. Auch in den sozialen Medien wurde gehetzt. Die Engagierten wurden zu einem Feindbild der Rechtsextremen. Doch: „Man muss aufstehen, wenn es unbequem wird“, davon ist Dorothea Schneider überzeugt. Sie steht dem Verein Augen auf – Zivilcourage zeigen e.V. vor, der die „Karawane der Vernunft“ initiierte. Der Verein setzt sich seit 2001 mit vielfältigen Aktionen wie Konzerten, Theaterstücken, Fußballturnieren, Bildungs- und Jugendarbeit für Demokratie und Solidarität in der Lausitz ein. Er vernetzt die demokratische Zivilgesellschaft, damit sie gemeinsam entschlossen gegen Rechtsextreme auftreten kann.

 

Engagiert und mutig machte die „Karawane der Vernunft“ des Vereins Augen auf – Zivilcourage zeigen e.V. so eine breite Öffentlichkeit auf die rechte Radikalisierung aufmerksam. Mit ihrer findigen Aktion zeigte sie, dass die Oberlausitz hinschaut und gemeinsam handelt. Die Initiative ist ein Vorbild für Zivilcourage gegen Rechtsextremismus. Denn das Motto „Stehen wir gemeinsam füreinander ein!“ gilt in Zeiten von Corona und darüber hinaus!

 

 

GoBanyo - Waschen ist Würde

Teilhabe und Infektionsschutz für Obdachlose in Corona-Zeiten

 

„Teilhabe fängt damit an, dass wir jeden Menschen als Mensch sehen“, erklärt Dominik Bloh, der selbst lange Zeit obdachlos war und den Duschbus für Obdachlose initiiert hat. Unter den Einschränkungen der Corona-Pandemie leiden alle Menschen. Selten stehen dabei die Risiken und Sorgen Obdachloser im Fokus, obwohl sie derzeit größer denn je sind. Umso wichtiger ist das Angebot des Duschbusses, der zum Infektionsschutz beiträgt und den Besucher*innen ein neues Selbstwertgefühl und mehr Teilhabe ermöglicht.

 

Dominik Bloh hat elf Jahre auf der Straße gelebt und über diese Zeit das Buch „Unter Palmen aus Stahl: Die Geschichte eines Straßenjungen“ geschrieben. Er weiß, welche Entbehrungen ein solcher Alltag mit sich bringt: „Wenn man immer dreckig ist, dann kommt der Zeitpunkt, wo man wirklich denkt: Ich bin Dreck.“. Andere Menschen gehen auf Distanz, man gehört nicht dazu, Selbstwert und Würde gehen verloren. Ein Wendepunkt in seinem Leben war die Flüchtlingskrise 2015. Hier zu helfen, gab ihm wieder eine Aufgabe und er schaffte den Absprung aus der Obdachlosigkeit.

 

„Jeder Mensch hat das Recht, sich zu waschen. Aber nicht jeder bekommt die Chance dazu.“ Das ist der Antrieb für die Idee, einen mobilen Duschbus in Hamburg zu betreiben. Der Duschbus wird seit Dezember 2019 flexibel in Hamburg eingesetzt. Dank Wassertanks und Standheizung ist er unabhängig. An vier Standorten können Obdachlose kostenlos an sieben Tagen in der Woche während vier bis fünf Stunden duschen. Ein Tag ist Frauen vorbehalten. GoBanyo ist auch für die erreichbar, die auf Grund körperlicher Beeinträchtigungen oder mangels finanzieller Ressourcen für öffentliche Verkehrsmittel nicht mobil sind. Die drei voll eingerichteten Badezimmer, eines davon behindertengerecht, bieten Privatsphäre und Ruhe. Alle Besucher*innen erhalten kostenlos Hygieneartikel, Handtücher und gespendete Kleidungsstücke. Bei einem heißen Kaffee vor dem Bus ergibt sich dann noch die Möglichkeit, sich mit anderen auszutauschen und von den Mitarbeitenden beraten zu lassen. Auch diese sozialen Kontakte werden als äußerst wertvoll empfunden.

 

Während der Corona-Pandemie hat sich die Lage von Obdachlosen verschärft: Soziale Einrichtungen mussten ihre Dienste einschränken, die Gastronomie ist geschlossen, sodass auch dort keine Möglichkeit zur Erfrischung besteht. Doch gerade in dieser Zeit ist Hygiene besonders wichtig. Mit einem kompletten Hygienekonzept hat es GoBanyo geschafft, den Betrieb in Corona-Zeiten schnell wieder aufnehmen zu können. Die Initiative erwirkte außerdem eine Kooperation mit einem Schwimmbad, das ebenfalls seine Türen zum Duschen öffnete.

 

Viele Obdachlose freuen sich deshalb umso mehr über den Duschbus. GoBanyo ist eine eingetragene gemeinnützige GmbH, bestehend aus den Organisationen „Viva con Agua Stiftung“, „Hanseatic Help e.V.“, „clubkinder e.V.“ und vier Privatpersonen, darunter Dominik Bloh. Sie arbeitet eng mit städtischen Trägern und Behörden zusammen. Das tägliche Geschäft übernehmen Dominik Bloh, drei festangestellte Mitarbeitende und freiwillige Helfer*innen. Der knallbunte ehemalige Linienbus war ein Geschenk der Hamburger Hochbahn. In einer Crowdfunding-Aktion kam in nur sechs Wochen durch Spenden von Partnern aus der Wirtschaft und Bürger:innen genug Geld für den Umbau zusammen.

 

GoBanyo ermöglicht so Hygiene und in pandemischen Zeiten auch Infektionsschutz. Doch etwas anderes ist vielleicht noch wichtiger: Waschen ist Würde. Menschen, die sich nicht waschen, haben geringere Chancen auf eine Wohnung oder einen Job. Wer sich frisch und wohl fühlt, hat wieder mehr Selbstwertgefühl und kann etwas angehen und verändern. Viele haben am Ende ihres Aufenthalts Freudentränen in den Augen. Freude schenken kann übrigens jede:r – einfach mit einem Blick und einem Lächeln. Denn: „Teilhabe fängt damit an, dass wir jeden Menschen als Mensch sehen.“

 

https://gobanyo.org/

Grundschule Bad Münder

Kreativität und Zusammengehörigkeit trotz Schulschließung

 

„Miteinander lernen, füreinander da sein“ – das ist das Motto der Grundschule Bad Münder. In Corona-Zeiten fehlen vor allem Gemeinschaft und persönliche Kontakte, ganz besonders Kindern, die nicht mehr zur Schule gehen können. Um die Schüler*innen einander auch in dieser Zeit näher zu bringen, wurde die Grundschule Bad Münder kreativ und rief den „Miteinander-Podcast“ ins Leben, den die Kinder selbst gestalten. Er lässt eine Gemeinschaft spürbar werden und bietet Informationen zu wichtigen Themen, aber auch Unterhaltung aus der Schule. So wird das Zusammengehörigkeitsgefühl während der Corona-Pandemie auf unterhaltsame Art gefördert.

 

Seit Beginn der Schulschließung im März 2020 sendet der Miteinander-Podcast Beiträge für Kinder und Erwachsene. Inzwischen sind über 75 Folgen entstanden – Woche für Woche. Die Sendungen mit einer Dauer zwischen 13 und 20 Minuten werden vorrangig von Kindern und Jugendlichen aus der Notbetreuung bzw. aus den Lerngruppen produziert. Einleitung, Überleitungen und Schluss moderieren sie selbst. Die Redaktionsleitung hat Schulleiter Christoph Schieb. Die abwechslungsreichen Beiträge können dann über die Schulhomepage von Mitschüler:innen, Eltern, Lehrer:innen und allen Interessierten gehört werden. Wer in die Podcasts reinhört, ist sofort begeistert von den witzigen, kreativen und informativen Beiträgen!

 

Der Miteinander-Podcast bietet Reportagen über Ereignisse aus dem Schulleben. So berichten die Kinder unter anderem darüber, was sie täglich machen, z. B. das Schulbeet bepflanzen oder basteln. Die jungen Moderator:innen interviewen Gäste wie den Bürgermeister von Bad Münder, den Hausmeister oder einen Arzt und erzählen die neuesten Streiche des Schulgespensts Wally, das die Schule zeitweise für sich hatte. Der Podcast umfasst außerdem verschiedene Rubriken: Gespräche mit Erwachsenen über die Situation von Kindern in anderen Ländern während der Corona-Pandemie, die Vorstellung von Lieblingsbüchern, Rätsel, eine Hörspielserie zu Ereignissen in der Vergangenheit, Nachrichten für Kinder sowie den „Witz der Woche“. Der Miteinander-Podcast widmet sich darüber hinaus wichtigen politischen und gesellschaftlichen Themen. So klärt er die jungen Hörer:innen beispielsweise mit dem Kinderrechte-Quiz auf.

 

Mitschüler:innen, Lehrer:innen und andere Hörer:innen haben die Möglichkeit, Grußbotschaften und Sprachnachrichten zu schicken. So werden auch die Kinder zu Hause erreicht und fühlen sich im Corona-Lockdown ihren Freund:innen und ihrem Schulalltag näher. Egal, ob innerhalb oder außerhalb der Schule: Die Beiträge stoßen auf reges Interesse. Sogar Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier, Landtagspräsidentin Dr. Gabriele Andretta und Ministerpräsident Stephan Weil schickten Mut-Mach-Botschaften.

 

Über die Zusammengehörigkeit in Corona-Zeiten hinaus leistet der Miteinander-Podcast einen wichtigen Beitrag: „Das gemeinsame Produzieren und bewusste Hören der eigenen Beiträge fördern das Wissen über und den kreativen Umgang mit Medien“, berichtet Schulleiter Christoph Schieb. Der Miteinander-Podcast informiert, weckt Interesse und regt zum Engagement an. Auch im Unterricht tauschen sich die Schüler:innen über diese Themen aus. So trägt der Podcast zu einer demokratischen Schulentwicklung unter Einbeziehung der Kinder bei. Die Beiträge halten zudem die Schulgemeinschaft lebendig und schaffen ein Gefühl der Zusammengehörigkeit. Denn „Miteinander lernen, füreinander da sein“ ist gerade in Zeiten von Corona besonders wichtig. Übrigens: Über die anderen Medaillenträger:innen hat der Miteinander-Podcast auch schon berichtet!

 

https://www.gs-badmuender.de/schuelerseite-schulradio.php

Dr. Mai Thi Nguyen-Kim

Mit Wissenschaft für ein junges Publikum gegen Corona

 

„Man kann den Leuten viel mehr zumuten, als man denkt.“. Diese Erfahrung hat die Chemikerin, Wissenschaftsjournalistin, Fernsehmoderatorin und YouTuberin Mai Thi Nguyen-Kim gemacht. Gerade in der Corona-Pandemie ist es von grundlegender Wichtigkeit, dass ein breites, auch jüngeres Publikum die wissenschaftlichen Hintergründe der Entwicklung versteht. Klassische Medien erreichen eine jüngere Zielgruppe jedoch oft nicht. Mai Thi Nguyen-Kim wendet sich mit ihren Formaten daher direkt an überwiegend jüngere Menschen und klärt mit fachkundigen, mitreißenden und geistreichen Videobeiträgen über die pandemischen Entwicklungen auch in gesellschaftspolitischer Hinsicht auf. Sie wirkt mit gut aufbereiteten Fakten Verschwörungstheorien entgegen und schafft so die Grundlage für gemeinsames, solidarisches Handeln in der Corona-Pandemie.

 

Mai Thi Nguyen-Kim wurde 1987 in Heppenheim geboren. Nach ihrem Studium der Chemie in Mainz und am MIT arbeitete sie als Doktorandin an der Rheinisch-Westfälischen Technischen Hochschule Aachen, der Harvard University und dem Fraunhofer-Institut für Angewandte Polymerforschung und wurde 2017 an der Universität Potsdam promoviert. 2015 begann Mai Thi Nguyen-Kim mit dem YouTube-Kanal „The Secret Life of Scientists“, mit dem sie Naturwissenschaft auch für jüngere Menschen interessant machte. 2016 startete ihr YouTube-Kanal „schönschlau“, der 2018 in „maiLab“ umbenannt wurde. Der Kanal wird vom Südwestrundfunk für „funk“, einem Gemeinschaftsangebot von ARD und ZDF für Jugendliche und junge Erwachsene, produziert und hat bereits über eine Million Abonnenten. Mai Thi Nguyen-Kim ist außerdem Moderatorin im Projekt „Die Debatte“ im Rahmen von „Wissenschaft im Dialog“, einer Initiative von Wissenschaftsorganisationen zur Stärkung des Dialogs zwischen Wissenschaft und Gesellschaft. Die Chemikerin gehört zum Team von „Terra X Lesch & Co“ und ist Moderatorin in der Sendung „Quarks“. Ihre Bücher, „Komisch, alles chemisch!“ und „Die kleinste gemeinsame Wirklichkeit“ sind Bestseller. Sie ist außerdem Teil der Initiative „Scientists for Future“ (die von Preisträgerin Maja Göpel mitgegründet wurde) und Mitglied im Senat der Max-Planck-Gesellschaft.

 

„Corona geht gerade erst los“ – diese Botschaft war im April 2020 einem breiten Publikum noch nicht präsent. Mai Thi Nguyen-Kims Video mit diesem Titel erlangte großes Aufsehen und erreichte auf ihrem YouTube-Kanal „maiLab“ innerhalb von vier Tagen mehr als 4 Millionen Aufrufe. Es ist das „Top Trending Video des Jahres 2020 auf YouTube“ in Deutschland. In der Zeit des ersten Lockdowns, als über das Ende der Maßnahmen diskutiert wurde, rief sie gerade jüngeren Menschen die volle Bedeutung der Pandemie ins Bewusstsein. Sie erklärte, dass eine natürliche Herdenimmunität das Gesundheitssystem an seine Grenzen brächte, so dass auf Schutzmaßnahmen nicht verzichtet werden könne und schaffte damit die Basis für eine hohe Akzeptanz.

 

Während der Corona-Krise wird die Relevanz von Wissenschaftskommunikation besonders deutlich – auch als Grundlage politischer Entscheidungen. Dabei ist Mai Thi Nguyen-Kim ein wichtiges Vorbild, nicht nur in der Pandemie. Mit ihren authentischen, unterhaltsamen Wissensbeiträgen klärt sie auf und verbreitet Wissenschaft im Alltag. Sie wirbt für Medienkompetenz und weckt Interesse an naturwissenschaftlichen Fakten.

 

In einer Zeit vieler Diskussionen, Positionen und Widersprüche bietet sie in allen Medien tiefgehende wissenschaftliche Beiträge, die objektive Fakten für alle nachvollziehbar aufbereiten. Von der pandemischen Entwicklung über Antworten rund ums Impfen bis zum Ende der Pandemie: Mai Thi Nguyen-Kim bringt einem breiten, auch jüngeren Publikum komplexe Inhalte näher, ohne je das Fundament seriöser Wissenschaft zu verlassen. Sie gibt jungen Menschen die Chance, sich ein eigenes Bild zu machen, wirkt Verschwörungstheorien entgegen und setzt sich so für solidarisches Verhalten während der Corona-Pandemie ein. Das wird auch bei den Herausforderungen, die nach der Pandemie wieder in den Blickpunkt rücken – Stichwort: Klimaschutz –, wertvoll sein. Ihre mitreißenden Beiträge machen Spaß, sie kommen gut an und tragen Früchte. Denn: „Man kann den Leuten viel mehr zumuten, als man denkt.“

 

"Über Corona hinaus: Kreative Solidarität statt Ausgrenzung"

Am 29. Oktober fand das Kolloquium anlässlich der 56. Theodor Heuss Preisverleihung zum Jahresthema
„Über Corona hinaus: Kreative Solidarität statt Ausgrenzung“ im Rathaus der Landeshauptstadt Stuttgart statt.Unter der Moderation von BürgermeisterinIsabel Fezer, Mitglied des Vorstands der Theodor Heuss Stiftung diskutierten die Preis- und Medaillenträger:inne 2021 nach einem Auftakt von Prof. Dr. Gesine Schwan über das Thema „Wie organisiert man Solidarität politisch?“. Impulse kamen von den Theodor Heuss Preis- und Medaillenträger:innen Maja Göpel, Sven Kaseler (Karawane der Vernunft), Dominik Bloh (GoBanyo – Waschen ist Würde) und Christoph Schieb (Grundschule Bad Münder). Das Schlusswort hielt Dr. Reni Maltschew, Stv. Kuratoriumsvorsitzende der Theodor Heuss Stiftung.

Am 30. Oktober 2021 zeichnete die Theodor Heuss Stiftung in Stuttgart Prof. Dr. Maja Göpel mit dem Theodor Heuss Preis 2021 und die Initiativen GoBanyo gGmbH (Duschbus für Obdachlose in Hamburg), Augen auf – Zivilcourage zeigen (mit Kreativität gegen Rechts in Ostsachsen) und die Grundschule Bad Münder (Miteinander-Podcast) mit Theodor Heuss Medaillen 2021 aus. Mit welchen Ideen, mit welcher Tatkraft, zuweilen auch mit welchem Mut diese Preis- und Medaillenträger:innen diese Welt einfach ein bisschen besser machen, ist beeindruckend.

Das Programmheft zur Veranstaltung finden Sie hier: Programmheft 56. Theodor Heuss Preisverleihung

Einen Mitschnitt der Veranstaltung finden Sie hier:

Preisverleihung 2021 Preisverleihung 2021 Preisverleihung 2021 Preisverleihung 2021 Preisverleihung 2021 Preisverleihung 2021 Preisverleihung 2021 Preisverleihung 2021 Preisverleihung 2021 Preisverleihung 2021 Preisverleihung 2021 Preisverleihung 2021 Preisverleihung 2021 Preisverleihung 2021 Preisverleihung 2021 Preisverleihung 2021 Preisverleihung 2021 Preisverleihung 2021 Preisverleihung 2021 Preisverleihung 2021 Preisverleihung 2021 Preisverleihung 2021 Preisverleihung 2021 Preisverleihung 2021 Preisverleihung 2021 Preisverleihung 2021 Preisverleihung 2021 Preisverleihung 2021 Preisverleihung 2021 Preisverleihung 2021 Preisverleihung 2021 Preisverleihung 2021 Preisverleihung 2021 Preisverleihung 2021

Laudatio

Prof. Dr. Ludwig Theodor Heuss, Vorsitzender der Theodor Heuss Stiftung

 

Meine sehr geehrten Damen und Herren,

 

lassen Sie mich mit einem imaginären Morgenspaziergang im Berliner Südwesten beginnen. Hinter dem Botanischen Garten, in Dahlem führt die breite Engler Allee in Richtung Breitenbach Platz. Auf der rechten Seite öffnet sich ein kleiner Park, der nach Gustav Mahler benannt ist. Gegenüber, auf der anderen Strassenseite, etwas zurückversetzt liegt eine weisse Villa aus den zwanziger Jahren. Ein aus mehreren Kuben in klassischem Bauhausstil zusammengesetztes Gebäude, Flachdach, mit ruhigen Linien vornehmer Grosszügigkeit. Im Salon standen sich einst zwei Flügel gegenüber zum vierhändigen Spiel. Heute beherbergt das Haus die Residenz des ungarischen Botschafters. Vor dem Haus zwei Stolper-Steine, in doppeltem Wortsinn. Sie erinnern an Gustav und Toni Stolper und das ominöse Jahr 1933, die Arisierung des Hauses und die Flucht der Stolpers nach New York. Ursprünglich aus Wien stammend hatte Gustav die Zeitschrift «Der Deutsche Volkswirt» zum Blühen gebracht und war Reichstagsabgeordneter der liberalen DDP gewesen. Dieses konkrete Fluchtereignis, an das heute der Stolperstein in Dahlem erinnert, hat die Lebenswege verschiedener Menschen beeinflusst: der damals um die Ecke, wohnende Theodor Heuss, auch regelmässiger freier Mitarbeiter in Stolpers Redaktion, verlor die Nähe zu seinem engsten persönlichen Freund und zugleich politischen Weggefährten. Trotz intensivster, beschwörender Diskussionen entschied er für sich in Deutschland zu bleiben, mit Gleichgesinnten Fühlung zu halten und die Zeit, von der niemand wusste, wie lange sie dauern würde, durchzustehen. Es wurde, der regulären Arbeit beraubt, ein Rückzug auch auf die essenziellen Fragen des Lebens und Überlebens. Heute haben wir ihn, als Namensgeber unserer Stiftung hier, in Form einer neuen, während der Corona-Zeit geschaffenen Bronzebüste des Bildhauers Karl Ulrich Nuss, die wir hier zum ersten Mal zeigen dürfen.

 

Aber auch ein anderer Mitarbeiter Stolpers, der wöchentlich aus Wien berichtende Korrespondent, war von dem Ereignis schwer betroffen, verlor nach dem Arisierungsverkauf der Zeitschrift sein geregeltes Einkommen und emigrierte bald darauf nach England. Später würde sich Stolper für ihn für ein Rockefeller Stipendium verwenden und ihn 1940 nach New York holen. Sein Name war – und jetzt verstehen Sie diesen einleitenden Exkurs – Karl Polanyi.

 

Und mit diesem Bogen sind wir schon mitten im Thema: es war dieser grosse Wirtschaftshistoriker und Soziologe Karl Polanyi, der mit seinem, damals in New York geschriebenen Hauptwerk «The Great Transformation» einen zentralen Begriff in die öffentliche Debatte einführte. Transformation: das heisst nicht nur Veränderung, sondern grundsätzlichen, dauerhaften Wandel. Vor allem aber wurde Polanyis kritische Analyse der ökonomischen und in ihrer Folge gesellschaftlichen Veränderungen Grossbritanniens im Zeitalter der Industrialisierung wegbereitend. Sie zeigten, wie das Paradigma eines radikalen Marktes eine Gesellschaft verändern und letztlich zerstören kann. Wie durch den «zementierten Tunnelblick einer ungeregelten Ökonomie Menschen, Natur und Geld als «fiktive Waren» betrachtet und in der Folge auch als solche behandelt werden.»[1] Eben das war die grosse Transformation der Industrialisierung.

 

Maja Göpel ist Transformationsforscherin, Politökonomin, Nachhaltigkeitswissenschaftlerin, Gesellschaftswissenschaftlerin und Campaignerin. Ich bin bloss Arzt. Aber da das Thema der 56. Theodor Heuss Preis Verleihung ja das Corona-Virus in seinem Titel trägt, kam jemand auf die Idee der Mediziner in der Runde möge die Laudatio halten, denn das Thema «Über Corona hinaus: Kreative Solidarität statt Ausgrenzung“, geht uns alle an, genauso wie COVID. Ja nicht nur das, die Dinge hängen zusammen. Die so unerwartet über uns hereingefallene Krankheit hat bei genauer Betrachtung viel zu tun mit der Art und Weise unseres gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Lebens, unseren Wertvorstellungen und unserem Umgang mit der Umwelt und den natürlichen Ressourcen. Die Abhängigkeiten von weltumspannenden Lieferketten, der Kampf um Rohstoffressourcen und der auf Lohn- und Sozialunterschieden beruhende Standortwettbewerb der Staaten lag mit einem Mal in seiner Fragilität auf dem Tisch. Nie habe ich mich in meiner Klinik so hilflos gefühlt, wie zu Beginn der Pandemie, als wir nur noch für zehn Tage Masken an Lager hatten und sämtliche Nachlieferungen blockiert waren. Natürlich, alle: Politik, Wirtschaft und Handel bemühten sich nach Unterbruch und lockdown möglichst rasch wieder zum Business as usual zurückzukehren, und Masken sind -zumindest bei uns- keine Mangelware mehr. Aber dieses für unsere Generationen erstmalige Erlebnis einer globalen Bedrohung hat verunsichert, hat bisher unreflektiertes Vertrauen in Grundfesten unserer Lebensweisen erschüttert. Welche fragwürdigen externen Abhängigkeiten und Zwänge, beherrschen da im Business as usual unser Leben? Kommt nun «nach Corona» die Einsicht, wie verletzlich nicht nur unsere globalen Lieferketten sind, sondern wie unsinnig auch die Gier nach immer mehr ist und wie falsch und deletär es ist nicht die volle ökologische und soziale Kostenwahrheit zu bemessen? Geruchsinn verloren, aber Erkenntnis gewonnen? Hoffentlich.

 

Aber, meine Damen und Herren, seien wir ehrlich: das ist doch nichts Neues, das wissen wir ja eigentlich, schon seit Jahren. 2011 hatten wir ja auch Ernst Ulrich von Weizsäcker und 1987 Klaus Michael Meyer Abich und Lutz Wicke als Preisträger. Der Bericht des Club of Rome zur Lage der Menschheit wurde 1973 mit dem Friedenspreis des Buchhandels ausgezeichnet, seine Inhalte waren schon für mich Stoff in der Schule und im ersten Studienjahr. Auch ich habe vor über vierzig Jahren mit Schrecken die Graphiken und Kipppunkte der Simulationsmodelle gesehen und mir gesagt: «so kann das nicht weiter gehen». Sie sicherlich auch.

 

Und genau darüber forscht Maja Göpel: über unsere Trägheit im nachhaltigen Denken und Handeln, über die Mechanismen, die einer nachhaltigen Kreislaufwirtschaft noch immer entgegenstehen und über die Mechanismen in uns, die wir die Dinge schon seit Jahrzehnten wissen, aber nichts daran ändern. «Irgendwann», so schreibt sie «fragte ich mich: Alle Menschen, die ich kenne, wünschen sich Liebe, Frieden, die Überwindung von Armut und eine schöne und sichere Umwelt. Warum also machen wir das dann nicht einfach? Was hält uns als Gesellschaft davon ab?»[2]

 

Es waren immer die scheinbar einfachen Beobachtungen und Fragestellungen, die die Menschheit weitergebracht haben. Sie wissen: wäre Newton beim Mittagsschlaf nicht der berühmte Apfel auf den Kopf gefallen, würden wir vielleicht noch heute auf die Entdeckung der Schwerkraft warten. Und die Fragestellung, die Maja Göpel sich auferlegt hat ist durchaus von Newton’scher Dimension. Es geht um nichts weniger als die nachhaltige Veränderung des menschlichen Lebensstils in einem mit den natürlichen Ressourcen in Einklang stehenden Mass. Und das letztlich global, denn wir haben nun mal nur eine Erde. Es geht um die Bewältigung eines neuen Zeitalters, einer neuen geochronologischen Epoche: nämlich des Anthropozän, in dem der Mensch zum wichtigsten Einflussfaktor auf die biologischen, geologischen und atmosphärischen Prozesse auf der Erde geworden ist. Und wir wissen es alle, die Zeit ist knapp.

 

Dabei ist Maja Göpel nicht das, was man vielleicht eine Klimaaktivistin bezeichnen würde, auch wenn man ihre biographischen Wurzeln auf einem umgestalteten Bauernhof, durch dessen Räume wohl gelegentlich ein Hauch von Kommunardengeist wehte, so deuten könnte: aufgewachsen in einer Mehrfamilien-Gemeinschaft, vegetarisch, als Hippiekinder auf der Reformschule, Regenbogen-farbiger Bauwagen im Garten. Da liessen sich leicht Vorurteile bedienen, aber es wäre falsch, sie vorschnell in eine Schublade zu stecken.

 

Zurecht versteht sich Maja Göpel in erster Linie als Wissenschaftlerin, die mit den Fakten der Evidenz arbeitet, berät, Empfehlungen gibt und auf Fehlstellen und Notwendigkeiten hinweist. Doch so sehr sie auch von Journalisten gedrängt wurde: eine Wahlempfehlung für eine Partei hat man von ihr keine bekommen. Da bricht sie lieber das 3.5-stündige podcast Interview auf ZEIT-online mit dem Code Wort ab. Will sie denn nichts verändern, nichts Konkretes bewegen? Doch natürlich, aber sie will sich nicht vereinnahmen lassen. Die anstehenden Probleme benötigen eben aus jedem Blickwinkel der politischen Standpunkte einen Lösungsansatz. «Wie und mit welchen Massnahmen sich eine gute, nachhaltige Gesellschaft bewahren lässt, werden Konservative sicher auch künftig anders beantworten als Linke» [3] oder Liberale, Sozialdemokraten oder Grüne. Zentral und wirklich alternativlos ist dagegen eine Politik, die die Grenzen des Planeten beachtet. «Beyond ideology» lautet ihre Twitteradresse: sie denkt nicht «out of the box», sondern über die box selbst. «Ideologien sind geschlossene Weltbilder», erklärt sie gegenüber der taz.[4] «Die helfen uns nicht weiter in liberalen, aufklärungsorientierten Gesellschaften mit einem hohen Anspruch an Innovations- und Erneuerungsfähigkeit. Denkmuster zu hinterfragen, ist deshalb auch eine emanzipatorische Agenda». Maja Göpel macht Politik, aber mit klarer Distanz zum Politischen. Sie will Veränderung vor allen Dingen ermöglichen. Transform-Abilität ist die Kernkompetenz im 21. Jahrhundert. Am ehesten würde ich Sie vielleicht als «Transformations-Aktivistin» bezeichnen wollen. In der konsequenten Durchdringung der notwendigen Veränderungen liegt selbstverständlich Haltung und klare Linie, auch für die eigene Lebensweise, die alles auf den Prüfstand der Nachhaltigkeit legt. Auf die Anfrage zu einer Politikagenda, die sich hier und jetzt umsetzen liesse, nannte sie an erster Stelle die Idee der «Enkeltauglichkeit» der Politik, etwa in Form eines «Rates der Generationengerechtigkeit», mit einem Vetorecht gegenüber politischen Entscheidungen, die die nachfolgende Generation betreffen.[5] Das ginge theoretisch mit den meisten Parteien. Aber Maja Göpel setzt weniger auf Parteiprogramme und den klassischen Marsch durch die Institutionen. Sie setzt auf Vernunft, auf Bewusstseinsveränderung der Individuen, auch der Individuen, die Institutionen tragen. Die aufsehenerregende Entscheidung des Bundesverfassungsgerichtes zum Klimaschutzgesetz im April dieses Jahres muss für eine Transformationsforscherin elektrisierend gewesen sein: «Ändere die Sicht auf die Welt und es verändert sich die Welt.» ist ihre Devise. Das Paradigma der an Legislaturperioden und Quartalsabschlüssen orientierten Kurzfristigkeit und Kurzsichtigkeit in Politik und Wirtschaft beginnt ernsthaft auf die Probe gestellt zu werden.

 

Wie wird man Politökonomin und Nachhaltigkeitsexpertin? Die Kombination eines Studiums von politischer Ökonomie mit Medien- und Kommunikationswissenschaften brachte Maja Göpel an sechs Universitäten in vier Ländern. 2007 promovierte sie zu «Institutionalismus-theorien und hegemonialen Praktiken globaler Politikgestaltung: zur Neubewertung der Prämissen freiheitlich-demokratischer Nationalstaatsordnungen» an der Universität Kassel. Dazwischen und danach schloss sich praktische Tätigkeit beim Mitaufbau des World Future Council, als Direktorin des Brüsseler Büros und Kampagnenleiterin in Hamburg an. Ab 2013 nahm sie ihre Forschungstätigkeit am Wuppertal Institut, auch als dessen Berliner Direktorin, wieder auf, und war zuletzt Wissenschaftliche Direktorin am The New Institute und Generalsekretärin des Wissenschaftlichen Beirats der Bundesregierung Globale  Umwelt-veränderungen (WBGU). Seit 2019 ist sie Professorin an der Leuphana Universität Lüneburg.

 

In ihren Schriften verwendet Maja Göpel gerne das ikonographische Bild der im schwarzen Weltraum aufgehenden Erde, das die Astronauten von Apollo 8 aus dem Fenster der Raumkapsel machten. Es ist das wirkmächtigste Bild der Umweltfotografie, da es die offensichtliche Begrenztheit unseres Planeten unmittelbar vor Augen führt. Wir haben nur eine Erde und sie ist wunderschön. Zugleich passt es gewissermassen auch zur Flughöhe der Transformationsforscherin. Sie betrachtet die Dinge systemisch und aus Distanz um «unsere Welt neu zu denken», wie der Titel ihres internationalen Bestsellers lautet.  In eingänglicher, flüssiger Sprache führt sie die Lesenden in die grossen Zusammenhänge ein. Und das exakt zum richtigen Zeitpunkt: in einer Welt in der öffentliche Erzählungen und lebensweltliche Erfahrungen zunehmend auseinanderklaffen, in der das Vertrauen in Grundlagen und Institutionen erodiert, macht sie eine Einladung zur Neuorientierung. Nicht esoterisch spirituell, sondern auf der Faktenbasis wissenschaftlicher Kenntnis.

 

Ausgehend von der Prämisse der einen, Erde mit ihren begrenzten Ressourcen und realen Gefährdungen analysiert sie die Paradigmen und Mechanismen, die die Menschheit in die heutige Situation gebracht haben. Sie analysiert und dekonstruiert dabei letztlich eine weltgeschichtliche Entfaltung, die der Historiker Eric Jones 1981 als «European Miracle» bezeichnet hat:[6] den Aufstieg Europas seit dem Spätmittelalter und die Entwicklung seiner weltweiten wirtschaftlichen und wissenschaftlichen Dominanz. Ausgangspunkt -und das macht eine Wertung auch schwierig- war das Aufkommen einer Gesellschaft, der es gelungen war das malthusianische Axiom zu überwinden, nämlich zu verhindern, dass regelmässig Hungersnöte und Massensterben eine wachsende Bevölkerung dezimieren, wie in den Jahrhunderten der Menschheitsgeschichte zuvor. Wachstum war möglich geworden. Es war dieses, in seinem ursprünglichen Kern höchst humane Versprechen in wissenschaftlichen und technischen Fortschritt, das mit der Renaissance und Aufklärung das europäische Denken beförderte und seine, mit allen negativen Auswirkungen verbundene globale Dominanz begleitete. Waffengewalt und Kriegstechnik taten gewiss das ihre, aber nicht nur.  Schon in den bürgerlichen Gesellschaften des 19. und 20. Jahrhunderts und erst recht in unserer heutigen zivilen und Zivilgesellschaft wird Herrschaft nicht nur durch Zwang erzeugt, sondern, viel wichtiger noch, durch den Konsens zu zustimmungsfähigen Ideen. Antonio Gramsci hatte hierfür den Begriff der «Hegemonie» geprägt und hier setzt auch Maja Göpel an. Sie wird weder Freiheit noch Fortschritt verwerfen, weder die rückläufige Säuglings- und Müttersterblichkeit, noch das Internet. Aber, da das weltumspannende Konstrukt der Menschheit nun mal der Handel und damit die Ökonomie ist, untersucht und seziert sie als politische Ökonomin diejenigen Inhalte der ökonomischen Theorie deren hegemonialer Charakter unsere Gesellschaft immer mehr in die Falle der Selbstzerstörung getrieben haben. Viele der dort zentralen Konzepte sind noch dem Denken einer Zeit verhaftet, als die Erde bloss 1 Milliarde Menschen trug und eine scheinbar endlose unergründete Natur vorhanden war, die es zu bezwingen und auszubeuten galt. Das ist Adam Smith oder David Ricardo nicht vorzuwerfen, es entsprach dem Blick auf die Welt und prägte sie für Generationen. Denn anerkannte Ideenwelten sind resistente geistige Trampelpfade. Man wird in sie hineingeboren. Doch mit dem Kenntnisstand des 21. Jahrhunderts ist es Zeit für eine neue Aufklärung, einen Wechsel der zentralen Paradigmen, einen Umbruch, eben eine Transformation. «The Great Mindshift» nennt Maja Göpel ihr Konzept für die nächste Transformation – und Polanyi nickt aus dem Jenseits freundlich zu.

 

Das Handwerk der Veränderung innerhalb eines sozio-ökologisch-technischen Systems aber benötigt Kompetenz; Transformative Kompetenz und bedarf des multidimensionalen Ansatzes: Verständnis für Umwelt und Nachhaltigkeit, Verständnis für die Dynamik und Veränderung von Institutionen und -hier winkt Gramsci  – «die Fähigkeit des Menschen sich Zukünfte vorzustellen, die nicht auf versteckten, unhinterfragten, hegemonialen Annahmen der bestehenden Systeme basieren.» «Futures Literacy», wird diese Dimension genannt und das übersetzt sich garantiert nicht mit «Lesefähigkeit der Terminbörse», nein eben nicht, es geht um die Einbeziehung der langfristigen Terminkontrakte, die die Menschheit mit dem Planeten laufen hat und was diese unabhängig der heute dominierenden Paradigmen bedeuten könnten.

 

«Paradigms, People, Purpose, Process, Planet» 5 mal P, sind die 5 Ebenen zum Verständnis, oder auch die Ansätze zum «Hacken» des Systems um eine Veränderung, eine Transformation in Gang zu bringen. Sozialwissenschaftler wissen: Zehn Prozent der Menschen in einem System bilden die kritische Masse, um neuen Ideen oder Meinungen zu einer raschen Verbreitung zu helfen.

 

Da ist es wieder: das Politische mit Distanz zur Politik. Formulierte die Wissenschaftlerin die klare Erkenntnis, dass ein grosser «Mindshift» notwendig ist, so macht sich die Transformationsaktivistin mit ihrer Einladung «unsere Welt neu denken» genau daran die Ideenwelt in den Köpfen zu hacken und gegenzusteuern. Die Transformabilität von Gesellschaften hängt schliesslich nicht primär von effizient gestalteten Technologien und Institutionen ab, sondern von den richtungsweisenden Begründungen, mit denen Menschen diese Technologien und Institutionen kreieren.[7] «Purpose», die Sinnhaftigkeit, ist das zentrale und schwierigste Element zur Veränderung eines Systems, das geht nur mit kleinen Schritten, aber die kritische Masse wächst. Auch bei der Ausbreitung von Erkenntnis gibt es Kipppunkte, die die Entwicklung beschleunigen. Darum heisst es immer wieder «traditionelle Argumente delegitimieren, alternative Bedeutungen anbieten und das Licht auf alternative Handlungsoptionen werfen». «Wir können auch anders» lautet der Titel ihres für nächstes Frühjahr angekündigten Buches, das kann je nach Standpunkt als Ermunterung, oder Drohung gelesen werden. Der Aufbruch in eine Welt von morgen will gestaltet, nicht verhindert werden.

 

Alternative Handlungs- oder auch Haltungsoptionen umfassen ein weites Spektrum. Auch scheinbar kleine Dinge. Zum Beispiel zu hinterfragen, ob körperliche Sauberkeit ein bürgerliches Distinktionsmerkmal ist, oder ob nicht auch für Obdachlose gelten sollte: «Waschen ist Würde», wie es die Initianten von GoBanyo sagen. Jeder Mensch hat das Recht sich zu waschen, aber nicht jeder bekommt die Chance dazu.» Das war der Antrieb für die Idee, einen mobilen Duschbus in Hamburg zu betreiben. Seit Dezember 2019, also mit Ausbruch von Corona nahm dieser seine Tätigkeit aus. Aber «das wichtigste an GoBanyo ist die Hilfe zur Selbsthilfe» sagt Dominik Bloh, der Gründer der Initiative und einer der es wissen muss. Hat er doch selbst den Absprung aus der Obdachlosigkeit geschafft und kann ermessen, was es mit dem Motto auf sich hat «Waschen ist Würde». Die Hinterfragung eines Paradigmas und die Erfahrung von Selbstwirksamkeit ist bei GoBanyo sowohl für die Initianten als auch die Unterstützten der zentrale Schlüssel kreativer Solidarität.

 

Oder welche Paradigmen stehen hinter den Narrativen von menschlicher Wertigkeit und Entwertung, durch Disziplin, Härte, Einschüchterung und Gewalt, von schwarzer Pädagogik, die sich in der Gesellschaft, über Generationen unter der Oberfläche erhalten haben. In Ost und West. Zeiten gesellschaftlicher Destabilisierung und Verunsicherung lassen sie in erschreckender Stärke neu zum Ausbruch kommen. Als rechte, ja rechtsextreme Geisteshaltung, als Staats-, Rechts- oder Wissenschaftsverweigerung. Gegen sie aufzustehen, braucht Mut und gegenseitige Selbstvergewisserung. Die «Karawane der Vernunft» des Vereins «Augen auf – Zivilcourage zeigen e.V.» ist ein Beispiel dafür, wie es der Zivilgesellschaft gelingen kann auf solche Strömungen in der Gesellschaft rasch, beherzt und fantasievoll zu reagieren. Die Bundesstraße 96 ist eine Straße mit Geschichte: Sie war eine zentrale Verkehrsachse der DDR und stand für die Sehnsucht nach Freiheit. Im Juni 2020 prägten stattdessen Gegner von wissenschaftsbasiertem Diskurs, Demokratie und Rechtsstaat das Straßenbild. Bei Demonstrationen gegen die Corona-Schutzmaßnahmen standen zunehmend Neonazis, Reichsbürger und Verschwörungstheoretiker im Vordergrund. Rechte Proteste mit schwarz-weiß-roten Fahnen bestimmten die Szenerie. Unter dem Motto »Paradiesvögel statt Reichsadler« wehrte sich die Karawane der Vernunft mit einem Auto-Korso gegen rechte Proteste gegen Corona-Maßnahmen um den Raum wieder für die Demokratie zurückzuerobern. Einzelne Aktionen wie diese mögen für sich selbst kurzlebig sein, doch sie setzen Zeichen. Auch mit dem Motto «Stehen wir gemeinsam füreinander ein!». Das wir ist wichtiger als das ich. Die Selbstvergewisserung im Handeln verdrängt passives über sich ergehen lassen und das Erleben der Selbstwirksamkeit macht eine Gesellschaft fähig zur Veränderung.

 

«Gesellschaftliche Krisen», so Maja Göpel, sind immer auch Bildungskrisen wenn die, ich zitiere es nochmals «erzählerischen Begründungen nicht mehr mit den dokumentierten Erfahrungen übereinstimmen». Deshalb kommt der Bildung, die ja immer reflexiv mit dem überkommenen Wissenskanon umgehen sollte, bei der Zukunftsgestaltung die zentrale Bedeutung zu.

 

Mai Thi Nguyen-Kim hat sich, gerade in der Corona-Zeit, grosse Verdienste um die Wissenschaftsvermittlung erworben. Mit lockerer Zunge und schnellem Schnitt transportiert sie Ergebnisse wissenschaftlicher Forschung und stellt grundlegende Prinzipien wissenschaftlichen Arbeitens dar. Dabei mischt sie sich in gesellschaftliche Debatten ein und widerlegt oder plausibilisiert politische Meinungen mit den Aussagen wissenschaftlicher Studien. In einer Zeit grassierender Fake-News, in der sich jeder seine Wirklichkeit nach Gutdünken bastelt und die wildesten Behauptungen aufstellt, ist ein solcher Weckruf über den Wert der Rationalität von grossem Wert, zumal es ihr gelingt ein vorwiegend junges Publikum anzusprechen. Es ist das Privileg der Wissenschaft Dinge radikal zu hinterfragen, und nur so kann es gelingen sich von bestehenden Denkmustern zu lösen und «futures literacy» zu erlangen. Allerdings, und auch das muss gesagt werden: Wissenschaft ist nicht demokratisch und klare, scheinbar auf der Hand liegende Resultate der Wissenschaft – die Corona Krise hat das zur Genüge gezeigt – sind in einer Demokratie nicht automatisch umgesetzt. Das gilt es auch beim hippen Wissenstransfer in der Spirale der Aufmerksamkeitsökonomie zu beachten.

 

Nicht im gleichen Ausmass Glamour behaftet und breitenwirksam, aber in der Substanz noch wichtiger sind Aktionen wie der «Miteinander Podcast» der Grundschule Bad Münder, der während der Zeit der Corona-Schulschliessung wöchentlich produziert wurde. Ein Podcast als kreative Antwort auf eine Ausnahmesituation, dabei gleichzeitig Schulung im Umgang mit neuen Medien und Technologieformen, selbstreflexive inhaltliche Auseinandersetzung und, nicht zu unterschätzen Stärkung eines Gemeinschafts- und Zusammengehörigkeitsgefühls. Denn »Miteinander lernen, füreinander da sein« ist gerade in Zeiten von Corona besonders wichtig.

 

So weisen viele einzelne kleine Schritte in die richtige Richtung. Die Dynamik des «great Mindshift» gewinnt an Fahrt und legt den Boden für eine Aufklärung 2.0, eine Weltsicht, in der Wachstum und Natur nicht mehr unbegrenzt sind, eine Weltsicht in der sich daher neue Prioritäten und Verteilungsfragen stellen.

 

Maja Göpel legt mit ihren Schriften, vor allem aber mit ihrer Teilnahme am öffentlichen Diskurs eine neue Spur, die die alten Pfadabhängigkeiten hinter sich lässt. Veränderungs-prozesse lösen Unsicherheit und Ängste aus. Bei allem Ernst der Lage argumentiert sie aber stets sachlich und freundlich. Sie arbeitet nicht mit Drohungen, Horrorszenarien und komplettem Verzicht. Transformation, so gewinnt man den Eindruck, hat bei ihr etwas angenehm pragmatisches, freundliches, ja geradezu lustvolles. Und spätestens hier erinnern einen die fünf P der transformativen Kompetenz an cinque p, panna, pepe, pomodori, parmigiano e prezzemolo: das beste italienische Pastarezept und man weiss: es gibt keinen Grund sich vor der grossen Transformation zu fürchten. Dass ihr dies gelingt: die Angst vor der Veränderung zu nehmen und stattdessen neu-gierig zu machen, ist ein zentraler Kern ihres Wirkens und ihrer Ausstrahlung.

 

Für all dies und noch viel mehr verdient sie unseren Dank und höchste Anerkennung.

 

 

 

 

 

 

 

[1] Transform abilität pg 5
[2] Unsere Welt neu Denken. pg. 19 f.
[3] Demokratieverstärker pg.52
[4] «Wir wird wichtiger als Ego», taz 1.11.2020
[5] Demokratie im Enkeltest, in: Demokratieverstärker, Campus 2021
[6] Jones, Eric (1981). The European Miracle: Environments, Economies and Geopolitics in the History of Europe and Asia. Cambridge University Press.
[7] Jahrbuch Ökologie 2017/18

Begrüßung und Einführung ins Jahresthema

Prof. Dr. Gesine Schwan, Vorsitzende des Kuratoriums der Theodor Heuss Stiftung

 

Meine Damen und Herren,

 

die diesjährige Verleihung des Preises und der Medaillen der Theodor-Heuss- Stiftung musste wegen Corona einige Hürden nehmen. Jetzt ist es endlich so weit, und darüber sind wir sehr froh. Ich begrüße Sie deshalb mit ganz besonderer Freude – im Namen der Stiftung und ihres Vorsitzenden Ludwig Heuss – und danke Ihnen dafür, dass Sie in den immer wieder erneut etwas unruhigen Zeiten heute gekommen sind.

 

Anstelle von Ludwig Heuss zu begrüßen ist eine Herausforderung, denn er macht das immer so prägnant, persönlich, aktuell und zugleich „über den Tag hinaus“, dass man seine durchdachten Worte genießt, was ja nicht bei jeder Begrüßung der Fall ist. Ich muss mich also mächtig anstrengen.

 

Allen voran danke ich dem Oberbürgermeister der Stadt Stuttgart, Herrn Dr. Frank Nopper vielmals dafür, dass er sich die Zeit genommen hat, heute zu uns zu sprechen.  Wir sind gespannt auf Ihre Worte, lieber Herr Oberbürgermeister.

 

Als Vertreterin der Landesregierung begrüße ich sehr herzlich Frau Staatssekretärin Petra Olschowski. Ich danke dem wunderbaren Roger de Weck, der unserer Stiftung schon so lange verbunden ist, dass er mit Maja Göpel ein Gespräch führen wird, das sicher alle entscheidenden Facetten unserer Preisträgerin würdigen wird, natürlich nur die öffentlichen. Ich freue mich über die Anwesenheit der Abgeordneten des Bundestages, des Landtages und des Gemeinderates der Stadt Stuttgart ebenso wie der Vertreter:innen von befreundeten Stiftungen und unserer Spender/Förderer, namentlich Frau Anette und Timo Rögelein und Ralf Schairer (von der Baden-Württembergische Bank).

 

Sehr froh sind wir immer über die fortdauernde Verbundenheit von Preisträger:innen über einzelne Preisverleihungen hinaus:  die Aktion Sühnezeichen ist 1965 ausgezeichnet worden und heute hier vertreten, aus Chemnitz sind die Medaillenträger von 2019  Robert Verch, Mandy Knospe und Benjamin Schürer dabei ebenso wie Jakob Springfeld aus Zwickau, Medaillenträger von 2020. Auch ehemalige Stipendiat:innen und neue junge Freunde sind heute hier: Almut Berger, Peter Jonach und Hannah Naumann, überdies Kinder und Enkelkinder von Hildegard Hamm-Brücher – Verena, Friederike, Lea, Maximilian Hamm. Ihnen allen ein herzliches Willkommen!

 

Ich begrüße die Mitglieder von Vorstand und Kuratorium unserer Stiftung, insbesondere Ludwig Heuss sowie Barbara Babic-Heuss.

 

Das Trio Lepor von Live Music Now e.V., das aus drei Heuss Stipendiatinnen besteht und 2014 unsere Medaille erhalten hat, hat unser Gemüt schon zu Beginn musikalisch erfreut und wird das am Ende noch einmal tun – vielen Dank!

 

Und schließlich natürlich unsere drei Medaillenträger – die Initiative »Karawane der Vernunft« des Vereins Augen auf – Zivilcourage zeigen e.V, die Hamburger Initiative „GoBanyo – Waschen ist Würde“, die den nicht nur in Corona-Zeiten besonders wichtigen Dusch-Bus für Obdachlose ins Leben gerufen hat, und die Grundschule Bad Münder, Schülerinnen und Direktor mit ihren »Miteinander-Podcasts«, die seit Beginn der Pandemie das Zusammengehörigkeitsgefühl der Schülerinnen und Schüler festigt und belebt.

 

Unsere Veranstaltung wird auch per Life-Stream übertragen unter dessen Zuschauern wir den Bürgermeister von Bad Münder: Hartmut Büttner herzlich begrüßen.

 

Ja und schließlich als Krönung unsere Preisträgerin Maja Göpel, auf deren Gespräch mit Roger de Weck wir uns ganz besonders freuen.

 

Im Programm steht, dass ich auch ins Jahresthema einführen soll. Sie wissen, dass die Theodor Heuss Stiftung sich jedes Jahr ein neues Thema ausdenkt und dabei – im Datum immer dem Verleihungstag erheblich voraus – mit einigen Risiken Aktualität und längerfristige Bedeutung zu verbinden versucht.  Zugleich soll die Formulierung im positiven Sinne „anstößig“ sein, also zum Weiterdenken anstoßen.

 

Das hat zur Folge, dass das Thema interpretationsfähig aber auch manchmal interpretationsbedürftig ist, was man umgekehrt als eine Todsünde der Kommunikation und der Themenfindung verwerfen kann. Aber ein ganz eindeutiges Thema wäre vielleicht auch zu langweilig.

 

Das diesjährige Thema: „Über Corona hinaus: kreative Solidarität statt Ausgrenzung“ möchte ich deswegen ein wenig im Zusammenhang mit der Auswahl unserer Preisträgerin Maja Göpel erläutern.

 

Vielfach wurde im Zuge der Pandemie nach den gemeinsamen Erfahrungen bzw. Lehren aus Corona gefragt. Die sind natürlich nicht einheitlich und deshalb auch nicht eindeutig zu bestimmen. Aber herauskristallisiert hat sich doch zum einen das Bedürfnis nach Zusammensein und nach Solidarität. Wir haben oft unerwartete Solidarität erlebt. Auf der anderen Seite hat die Pandemie zugleich das Gegenteil ausgelöst: Reizbarkeit, Ressentiments, die Suche nach Sündenböcken und Ausgrenzung. Soweit der Befund.

 

Die Theodor Heuss Stiftung, die sich seit ihrer Gründung für gemeinsames demokratisches Engagement der Bürgerinnen und Bürger einsetzt, will eben diesen Gegensatz zwischen Solidarität und Ausgrenzung pointieren und dabei Stellung beziehen. Das hat im Wesentlichen dann auch unsere Auswahl der Preisträgerin und der Medaillenträger bestimmt.

 

Maja Göpel, die wir als Preisträgerin ausgewählt haben, hat ihre Entscheidung ebenso getroffen wie die Theodor Heuss Stiftung: für Solidarität. Das kommt sowohl in ihrem umfangreichen wissenschaftlichen Werk „The Great Mindshift. How a New Economic Paradigm and Sustainability Transformations go Hand in Hand“ (Springer Open/ Wuppertal Institut 2016) als auch in ihrem vor kurzer Zeit erschienenen Bestseller „Unsere Welt neu denken“ zum Ausdruck. Hier besonders im Untertitel „Eine Einladung“ (Ullstein, Berlin 2020, 16. Aufl. 2021).

 

In beiden Veröffentlichungen plädiert Maja Göpel entsprechend ihrem eigenen langjährigen Engagement für Nachhaltigkeit. Der Untertitel des deutschen Buches unterstreicht, dass sie die dafür notwendige Erneuerung nicht durch Ausgrenzung derer bewirken will, die dem Schutz des Klimas und unserer natürlichen Ressourcen zunächst abwehrend, skeptisch oder indifferent gegenüberstehen. Vielmehr lädt sie alle ein zum gemeinsamen Projekt, den schönen blauen Planeten Erde gemeinsam zu retten und damit auch Pandemien vorzubeugen. Im Einzelnen werden Ludwig Heuss bei der Urkundenverleihung, Roger de Weck im Gespräch mit Maja Göpel und Rupprecht Podszun im Panel mit den Medaillengewinnerinnen und -gewinnern den Zusammenhang von Pandemieerfahrung und Solidaritätsnotwendigkeit noch detaillierter vorstellen.

 

Ich hoffe auf einen spannenden und zugleich motivierenden Vormittag und danke allen, die sich bei dessen Vorbereitung engagiert haben – neben Vorstand und Kuratorium natürlich wie immer vor allem Birgitta Reinhardt und Anna Welling!

 

Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit

 

 

Grußwort Ministerpräsident Winfried Kretschmann

 

Sehr geehrte Damen und Herren,

 

der Theodor-Heuss-Preis ehrt verdienstvolle Persönlichkeiten und ihre Arbeit. Dabei nimmt er stets auch die Zukunft mit in den Blick. Er soll in den Worten von Carl Friedrich v. Weizsäcker auch für etwas stehen, „was in unserer Demokratie getan und gestaltet werden muss, ohne dass es bereits vollendet ist.“ In diesem Jahr kommt die Theodor-Heuss-Stiftung diesem Anliegen in besonderer Weise nach. Sie ehrt die Transformationsforscherin Maja Göpel, die sich von Berufs wegen mit Zukunft und Veränderung beschäftigt. Und sie stellt die junge Disziplin heraus, die Frau Göpel so eindrücklich vertritt und von der ich annehme, dass sie eine wissenschaftliche Leitdisziplin des 21. Jahrhunderts sein wird.

 

Warum wage ich eine so weitreichende Prognose? Gute Gründe dafür finden sich in der Wirtschaftswissenschaft selbst, in der Maja Göpel promovierte, etwa in der Arbeit „Die große Transformation“, die der berühmte österreichisch-ungarische Wirtschaftshistoriker Karl Polanyi 1944 im US-amerikanischen Exil veröffentlichte. Polanyi zeichnet darin die tiefe Transformation der traditionellen agrarischen Wirtschaftsweise durch die Markt- und Industriegesellschaft nach. Wegweisend ist, dass er nicht nur auf die soziale Seite eingeht, die sich aus der Freisetzung von Arbeitskräften aus der alten bäuerlichen Produktion ergibt, sondern auch auf die Freisetzung des Bodens und der natürlichen Lebensgrundlagen, aus der dann die ökologische Problematik erwächst. Heute wissen wir: Die ökologische Frage ist neben der sozialen Frage die zweite große Herausforderung der industriellen Moderne. Die Transformationsforschung will vor allem auf die ökologische Herausforderung Antworten geben. Es geht ihr um die Bewältigung der Folgen jener ersten Transformation, mit der wir uns die Natur industriell verfügbar machten. Der Austausch mit der Natur und zwischen den Menschen soll so transformiert werden, dass er nachhaltig wird und keinen Raubbau an den natürlichen Grundlagen mehr darstellt.

 

Dieses Forschungsanliegen hat große Schnittmengen mit einer verantwortungsvollen Politik und einem zivilgesellschaftlichen Engagement, das unsere Zukunft so gestalten will, dass sie nicht als blindes Schicksal erlitten wird. Maja Göpel verfolgt dieses praktische Anliegen unter anderem im Wissenschaftlichen Beirat „Globale Umweltveränderungen“ der Bundesregierung und als Mitinitiatorin der „Scientists for Future“, einer Bewegung von über 25.000 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern, die die „Fridays for Future“- Bewegung mit wissenschaftlicher Expertise unterstützt.

 

Maja Göpel stellt in ihrer Arbeit grundsätzliche Fragen bis in die Mentalitätsgeschichte hinein. Sie beleuchtet die „Entkopplungserzählung“, die mit der Annahme, dass unsere Wirtschaft unabhängig und entkoppelt von ihren natürlichen Grundlagen immer weiterwachsen könne, blind machte für die ökologische Frage. Der „Club of Rome“, dem Maja Göpel angehört, hat diesem Grundmythos der industriellen Moderne bereits Anfang der 1970er Jahre eindrucksvoll widersprochen. Und die Frage nach den „Grenzen des Wachstums“, die damals aufkam, treibt uns bis heute um. Inzwischen wissen wir, dass unsere Antworten differenziert ausfallen müssen. Es gilt den ökologischen Fußabdruck, den wir auf diesem Planeten hinterlassen, deutlich zu verkleinern. Um das aber tun zu können, brauchen wir in einigen Bereichen auch mehr Wachstum, zum Beispiel bei den ökologischen Technologien. Sie erst können uns den Weg in einen nachhaltigen und umweltverträglichen Wohlstand ebnen. Gerade hier liegen auch besondere Chancen für unser Land Baden-Württemberg. Wir wollen auf dem Weltmarkt mit hochmodernen ökologischen Technologien erfolgreich sein, durch die nachhaltiges Produzieren marktfähig wird. Hierfür ein kopierfähiges Modell zu etablieren, das ist einer unserer ganz praktischen Beiträge zur globalen Transformation.

 

Maja Göpels Transformationsansatz ist pragmatisch und lösungsorientiert. Sie weiß, dass einfache binäre Schemata, die etwa Markt und Staat, Ordnungspolitik und Freiheit oder Konsum und Konsumverzicht gegeneinander ausspielen, wenig zur Lösung beitragen. Stattdessen stellt sie die konkreten Kontexte, Geschichten und Anforderungen in den Transformationsbereichen in den Mittelpunkt. Das ist genau der pragmatische Ansatz, den wir in Baden-Württemberg mit unserem „Strategiedialog Transformation der Automobilwirtschaft“ verfolgen. Wir bringen Wirtschaft, Arbeitnehmer, Politik und weitere gesellschaftliche Gruppen zusammen, um konkrete Impulse für die Transformation des Automobilsektors hin zur Nachhaltigkeit zu geben und die vielen Einzelmaßnahmen, die nötig sind, im Konsens anzugehen. Die industrielle Kernbranche unseres Landes befindet sich praktisch auf dem Weg, den die Transformationsforschung mit ihren wissenschaftlichen Mitteln erkundet.

 

Ich freue mich, dass der Theodor-Heuss-Preis in diesem Jahr in so besonderer Weise dem Anspruch der Zukunftsbezogenheit gerecht wird und gratuliere der Preisträgerin herzlich. Ich gratuliere ebenso den Gewinnerinnen und Gewinnern der Theodor Heuss Medaille, die in diesem Jahr an Personen und Initiativen vergeben wird, die wichtige Beiträge zu Solidarität und gesellschaftlichem Zusammenhalt unter den Bedingungen der Corona-Pandemie leisten:

·       Der Initiative “Karawane der Vernunft”, die Auto-Korsos gegen rechte Proteste gegen Corona-Maßnahmen organisiert hat,

·       der Grundschule Bad Münder, die das Miteinander in Pandemiezeiten mit unterhaltsamen Podcasts fördert,

·       der „Initiative GoBanyo – Waschen ist Würde“, die sich in Hamburg mit einem Duschbus für Obdachlose engagiert,

·       und der Chemikerin und YouTuberin Mai Thi Nguyen-Kim, die mit viel beachteten Videobeiträgen über die Pandemie aufklärt und sehr dazu beiträgt, Wissenschaft für alle zugänglich zu machen.

 

Allen Preisträgerinnen und Preisträgern wünsche ich für ihr weiteres Engagement viel Erfolg und alles Gute.

 

 

Winfried Kretschmann

Ministerpräsident des Landes Baden-Württemberg

Videomitschnitt der Verleihung des 56. Theodor Heuss Preises, 30.10.2021, Stuttgart

Begrüßung und Einführung ins Jahresthema 2021 durch Prof. Dr. Gesine Schwan, Vorsitzende des Kuratoriums

Grußwort Dr. Frank Nopper, Oberbürgermeister der Landeshauptstadt Stuttgart

Laudatio Prof. Dr. Ludwig Theodor Heuss, Vorsitzender der Theodor Heuss Stiftung

Verleihung des Theodor Heuss Preises 2021 an Prof. Dr. Maja Göpel durch Sabine Leutheusser-Schnarrenberger, Stv. Vorsitzende der Theodor Heuss Stiftung

Roger de Weck im Gespräch mit Maja Göpel

Würdigung und Verleihung der Theodor Heuss Medaillen 2021 an GoBanyo, Augen auf - Zivilcourage zeigen e.V., Grundschule Bad Münder und Dr. Mai Thi Nguyen-Kim

Gespräch mit den Theodor Heuss Medaillenträger:innen 2021 moderiert von Prof. Dr. Rupprecht Podszun

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