Andreas Dresen

Für seine Werke, die Unausgesprochenes sichtbar machen und zur innerdeutschen Verständigung beitragen

„Wir wollten aus der Tiefe unserer Herzen über Gundermann und damit über Erinnerung erzählen. Mit jener Leidenschaft, die er selbst besaß. Es gibt automatisch viele Verknüpfungen zwischen ihm und uns. Ganz sicher geht es auch darum, wieder die Deutungshoheit über unsere eigene Geschichte zu bekommen, diese Geschichte nicht einfach abzustreifen. Uns ist wichtig, dass man genauer hinsieht und keine einfachen Antworten gibt. Dass man sich nicht automatisch überlegen fühlt, nur weil man gewissen Zwängen nicht ausgesetzt war. Schnelle moralische Urteile entstehen zumeist aus der Attitüde heraus, sehr genau zu wissen, dass einem dies oder jenes nicht passiert wäre. Wir zeigen mit Gundermann hoffentlich auf differenzierte Weise einen Menschen, der sich gesellschaftlich eingemischt und aufgerieben, Schuld auf sich geladen und der eigenen Verantwortung gestellt hat. Es war in der DDR also sehr wohl möglich, verantwortlich zu handeln und sich trotzdem schuldig zu machen. Es geht keineswegs darum, alle Taten zu rechtfertigen. Ein interessantes Minenfeld…“

(Andreas Dresen über seinen Film „Gundermann“ im Presseheft zum Film)

 

„Ein politischer Filmregisseur“, so könnte man Andreas Dresen nennen, aber vielleicht würde er sich dieses Etikett – wie es sich für Künstler gehört – verbitten. Er macht Filme, arbeitet mit den Mitteln der Kunst. Aber welcher Regisseur hat in seinem Oeuvre schon Filmtitel wie „Herr Wichmann von der CDU“ oder dreht einen Streifen über jenen Gerhard „Gundi“ Gundermann, einen Liedermacher im Lausitzer Braunkohlerevier, der trotz seiner musikalischen Erfolge Baggerfahrer blieb, der sich als Kommunist bezeichnete, aber wegen „prinzipieller Eigenwilligkeit“ aus der SED ausgeschlossen wurde und der 1995 als Stasi-IM enttarnt wurde? Andreas Dresen liebt offenbar solche Gestalten mit all ihren Widersprüchen, „keine einfachen Antworten“ eben. Sie sind der Stoff, aus dem seine Filme sind.

 

Andreas Dresen wurde 1963 in Gera geboren, er arbeitete als Tontechniker am Theater Schwerin, machte ein Volontariat bei der DEFA und begann 1986 sein Studium an der berühmten Filmhochschule in Potsdam-Babelsberg. Das Studium schließt er 1991 ab. Sein erster Film „So schnell geht es nach Istanbul“, noch zu Studentenzeiten veröffentlicht, wird gleich mit Preisen ausgezeichnet – es zeigt, wie ein junger Türke aus West-Berlin nach dem Mauerfall rasch eine günstige Wohnung in Ost-Berlin finden will. Eine Ost-West-Geschichte mit Migrationshintergrund – welch ein Beginn für eine Karriere auf dem Grenzstreifen von Politik und Film!

 

Aber für rasche Vereinnahmungen ist dieser Regisseur nicht gemacht. Über den brandenburgischen „Provinzpolitiker“ Henryk Wichmann dreht er zwei Dokumentarfilme, er begleitet den CDU-Politiker monatelang, zunächst im erfolglosen Wahlkampf („Herr Wichmann von der CDU“, 2003), später ein Jahr lang, als Wichmann Abgeordneter im brandenburgischen Landtag ist („Herr Wichmann aus der dritten Reihe“, 2012). Als Dresen von der Deutschen Welle gefragt wird, was er aus der Zeit an der Seite eines Hinterbänklers gelernt hat, antwortet er, sein Bild von Politikern sei „mit Respekt erfüllt“ worden, weil diese sich in einem Wirrwarr von Interessen und Gesetzblättern durchzusetzen versuchten – für die Bürger etwas auszurichten versuchten. Und dann setzt er überraschend nach: „Für mich das Desillusionierende, muss ich ehrlich sagen, war fast eher die Begegnung mit dem Bürger, wo fast nur noch Forderungen gestellt werden, wo es fast nur noch um Partikularinteressen geht. Man geht aufeinander los, man ist nicht bereit, etwas Eigenes einzubringen in die Politik.“

 

Inzwischen muss sich Dresen selbst im Wirrwarr der Gesetzesblätter durchkämpfen, muss Interessen ausgleichen und etwas auszurichten versuchen: Seit 2012 ist er Mitglied des brandenburgischen Verfassungsgerichts – eines von vielen Ehrenämtern.

 

Im Hauptberuf bleibt Andreas Dresen aber Künstler, inzwischen auch Professor an der Hochschule für Musik und Theater in Rostock. Er ist ein ostdeutscher Künstler, ja, einer, der Bilder findet, die anders sind, der sich nicht scheut, Widersprüche offenzulegen, und dessen Filme so auch immer Bilder zeigen und evozieren, die Deutschland in einem anderen Licht erscheinen lassen. Solche neuen Bilder, Perspektivwechsel, sind wichtig in einer Demokratie – „Kunst bricht auf“, so lautete das Motto, als die Theodor Heuss Stiftung den Künstler Christo auszeichnete. Auch in Andreas Dresens Filmen bricht etwas auf, ruft zum Aufbruch – ganz besonders, wenn es um die deutsch-deutschen Verhältnisse und Befindlichkeiten geht. Es würde ihm allerdings ganz und gar nicht gerecht, wollte man Andreas Dresen auf seine politischen Filme reduzieren oder gar zum Verfassungshüter mit Filmkamera ernennen. Er ist ein Regisseur, der berührende, bewegende, aufregende und abenteuerliche Kinofilme macht. „Halbe Treppe“, „Sommer vorm Balkon“, „Wolke 9“, „Halt auf freier Strecke“, „Als wir träumten“ – wer diese und andere Dresen-Filme sieht, sieht danach ein bisschen anders, sieht genauer hin.

 

 

Perspektive hoch 3 e.V. - Dritte Generation Ostdeutschland

„Wir wollen…

… im Dialog mit der Öffentlichkeit einen Raum schaffen, in dem wir die unterschiedlichen Wahrnehmungen des Ostens von gestern anerkennen, um das Heute zu verstehen und Perspektiven für das Morgen zu entwickeln.

… mit anderen (zivil-)gesellschaftlichen Gruppen in Kontakt kommen, voneinander lernen und gemeinsam Ideen für mehr Engagement und Aktivität entwickeln.

… unsere Ideen verwirklichen und sichtbar machen und so einen aktiven Beitrag leisten.“

(So beschreibt der Verein Perspektive hoch drei selbst sein Anliegen auf seiner Webseite.)

 

Die Revolution 1989 war nicht nur ein politischer Systembruch, sondern ein tiefer Einschnitt in Biographien. In der öffentlichen Wahrnehmung, gerade aus Westdeutschland, spielt das eine untergeordnete Rolle. Was macht das mit Menschen, wenn ein ganzes Regime samt seiner Bürokratie abgewickelt wird? Wenn ca. 80 % der Bevölkerung zwischen 1990 und 1995 ihren Arbeitsplatz verlieren? Wenn es dreißig Jahre braucht, bis nach der friedlichen Revolution endlich gefeiert werden kann, dass zum ersten Mal eine Richterin mit Ost-Biographie ans Bundesverfassungsgericht berufen wird?

 

Die Deutsche Einheit ist ein Prozess, der noch nicht abgeschlossen ist, geschweige denn verstanden. Aber es gibt eine kleine engagierte Gruppe von Menschen, die verstehen will – auf Entdeckungsreise im eigenen Land. Im Verein Perspektive hoch 3 trifft sich vor allem die „Dritte Generation Ostdeutschland“ – Menschen aus den Jahrgängen 1975-1985, die in ein Land geboren wurden, das unterging, und die dann in „neuen Bundesländern“ aufwuchsen. Heute sind sie selbst Eltern, sie haben ihre Karrieren gemacht oder basteln noch an diesen, stehen in der Mitte der Gesellschaft. Aber: „Es klafft da eine Lücke.“

 

Neun ost- und westdeutsche Menschen fanden sich 2010 zusammen, um die Lücke zu schließen – oder überhaupt erst einmal die Defizite zu ergründen. Aus der losen Gruppe wurde 2013 der Verein Perspektive hoch 3, dessen Vorstand aktuell von Elisa Gutsche, Dr. Judith Enders und Michael Hacker gebildet wird. Elisa Gutsche, 1985 in Pirna geboren, formuliert drei Fragen als Triebfedern für ihr Engagement bei Perspektive hoch 3:

“Inwiefern prägen die Erfahrungen der Transformationszeit in Ostdeutschland noch heute Identitäten? Warum gibt es auch 30 Jahre nach der Friedlichen Revolution noch immer solche massiven strukturellen, sozialen und politischen Unterschiede zwischen Ost & West? Und was ist politisch zu tun, um diese Unterschiede zu beseitigen?”

 

Jede dieser Fragen zeigt auf die Lücke. Oder ist es schon eine klaffende Wunde des Einigungsprozesses, die – zumindest im Westen Deutschlands – viel zu lang ignoriert wurde?  Die Aktiven von Perspektive hoch 3 begeben sich immer wieder auf die Suche nach Antworten, versuchen, Gespräche in Gang zu bringen, Vorschläge zu entwickeln und mit soziokulturellen Aktionen ein Nachdenken anzuregen. Eine der ersten Aktionen des Vereins ist die Verleihung des Mauersegler Kurzfilmpreises 2014: Mit dem Internationalen Kurzfilmfestival Berlin werden junge Filmemacher*innen aufgerufen, ihren Blick auf die Transformationszeit im Osten zu zeigen. 2016 präsentierte der Verein in einer sehr erfolgreichen Ausstellung „Der dritte Blick“ fotographische Positionen junger ostdeutscher Fotografinnen wie bspw. Andreas Mühe oder Anne Heinlein.Der Sammelband „Wie war das für euch? Die dritte Generation Ost im Gespräch mit den Eltern“, ein Demographie Lab  Zeitzeugenworkshops,Lesungen und öffentliche Debatten folgen. Im Internet wird das „Zeitenwende-Lernportal“ zur Verfügung gestellt – eine Fundgrube mit Zeitzeugenpool, Materialsammlung und Lernmodulen, mit denen Alltagsperspektiven auf die DDR-Zeit und die Zeit der Transformation eröffnet werden.

 

Wie lassen sich diese Aktivitäten einordnen? „Aufarbeitung“ und „Vergangenheitsbewältigung“ – diese Begriffe sind besetzt. Die Aktiven „erobern“ sich auch nicht die Geschichte und es ist keine „Selbstvergewisserung“ – dafür sind sie einerseits viel zu offen, andererseits viel zu selbstbewusst und methodenstark. Es ist zukunftsorientiertes, zivilgesellschaftliches Engagement aus einer historischen Verantwortung heraus – eine Kombination, die bei zahlreichen Auszeichnungen mit Theodor Heuss Medaillen eine Rolle spielte. Das fabelhafte Ergebnis: Die Dritte Generation Ostdeutschland wird gehört, ihre Perspektiven, die auf den sonderbaren Erfahrungen der verrückten Jahre um 1989 aufbauen, entfalten Prägekraft. Nur als Beispiel: Judith Enders vertritt Perspektive hoch 3 in der Kommission der Bundesregierung zu „30 Jahre Friedliche Revolution und Deutsche Einheit“. Gemeinsam mit Dörte Grimm, eine Mitstreiterin des Vereins, referierte sie schon vor Koreanern und Südafrikanern, die sich für das Thema Transformation und„Wiedervereinigung“ interessieren. Es wird um mehr gegangen sein als das Bewohnen von Plattenbauten. Inzwischen wagt man sich eben weiter und das Universelle der Transformationserfahrung und des Perspektivwechsels wird erkannt.

 

Jakob Springfeld

„Ich kämpfe für das Aufwachen von Zwickauern und Zwickauerinnen, in dem nicht länger weggesehen wird, wenn Nazis im Stadtrat sitzen oder politisch aktive Menschen angepöbelt werden. Wir stehen für ein anderes Zwickau, wir haben es uns zum Kampf gemacht, zusammenzuhalten und zu zeigen, dass Solidarität stärker ist als jeder Hass. Diese Erkenntnis ist die wichtigste zur Bewältigung der Klimakrise und die Klimakrise wird noch mächtiger auf uns hereinbrechen als rechter Hass, wenn wir nicht sofort etwas unternehmen.“

(Jakob Springfeld auf herzkampf.de)

 

Will man mit Jakob Springfeld Kontakt aufnehmen, muss man natürlich – Jakob Springfeld ist 18 Jahre alt – über die sozialen Netzwerke gehen, Twitter oder Instagram etwa. Sein Instagram-Profil ist mit gerade einmal drei Beiträgen beruhigend schlicht gehalten, aber die drei Schlagworte, mit denen er sich selbst charakterisiert, haben es in sich: „refugees welcome ǀ fck nzs ǀ climate justice“. Ein „Gutmensch“? Diese manchmal spöttelnd-genervte Charakterisierung lässt er gern auf sich sitzen – was wäre auch die Alternative zum Gutmenschensein? Wenn Jakob Springfeld über seine Politisierung spricht, dann erzählt er manchmal vom Jahr 2015, als er sich mit seinem Vater in einer Kirchengemeinde um Flüchtlinge gekümmert hat. Da war er 12, 13 Jahre alt. Es entstanden Freundschaften. Aber für den „Refugees welcome“-Pullover, den er dann trug, wurde der Schüler auf der Straße angepöbelt.

 

Auf einem der Instagram-Fotos steht Jakob Springfeld neben Angela Merkel, seine Frisur ist ein bisschen wilder als ihre, er hat ein Mikrofon in der Hand, er formuliert eine Forderung. Das Foto stammt vom 4.11.2019. Die Bundeskanzlerin und der sächsische Ministerpräsident Michael Kretschmer waren in Zwickau, um Erinnerungsbäume für die Opfer der Terrorgruppe NSU („Nationalsozialistischer Untergrund“) zu pflanzen. In Zwickau hatten die Rechtsterroristen ihr letztes Domizil vor ihrer Festnahme. Dass die Spitzenpolitiker überhaupt zu diesem Anlass nach Zwickau kamen, hat vielleicht auch mit Jakob Springfeld zu tun, den damals 17-jährigen Schüler vom Peter-Breuer-Gymnasium, auf den sie dann auch treffen. Für Enver Şimşek, das erste Opfer des NSU, hatte es in Zwickau einen ersten Gedenkbaum und eine Ruhebank gegeben. Als diese Denkmäler geschändet wurden, wollte Springfeld das nicht einfach so stehen lassen. Er organisierte eine spontane Gedenkminute: Rund 120 junge Menschen versammelten sich in der Mittagspause am umgesägten Baum, über Instagram und Klassenchats hatte sich Jakob Springfelds Aktion herumgesprochen. Die jungen Menschen erinnerten an Enver Şimşek, jenen Blumenhändler in Nürnberg, der 2000 ermordet wurde. „Wir wollten es einfach nicht zulassen, dass in unserer Stadt die Nazis das Sagen haben“, so formulierte Jakob Springfeld seine Motivation später gegenüber der Süddeutschen Zeitung. Als Angela Merkel einen Monat später nach Zwickau kam, forderte der junge Mann mit der etwas wilden Frisur, dass es ein Bildungs- und Dokumentationszentrum zum rechten Terror in Zwickau geben sollte.

 

Nazis in Zwickau – eine traurige Realität, Jakob Springfeld und seine Mitstreiter*innen werden immer wieder von rechten Gruppen bedroht. Auch das ist Teil der bundesdeutschen Geschichte vor und nach 1989 – seit 1990 hat die Theodor Heuss Stiftung sieben Mal Initiativen mit Medaillen geehrt, deren Mitglieder sich mit Courage und persönlichem Einsatz rechtsradikalen und fremdenfeindlichen Kräften in ihren Heimatstädten entgegengestellt haben – nicht nur in Ostdeutschland, wohlgemerkt.

 

Jakob Springfeld will es sich einfach nicht gefallen lassen, dass die Rechten in seiner Heimatstadt den Ton angeben und ein braunes Bild von Zwickau prägen. In seinem Engagement steckt ein urdemokratischer Impuls – es ist eben die Übernahme von Verantwortung für das eigene Gemeinwesen, mit klaren Aktionen, modernen Methoden und einer bunten Vision. In dieser Vision spielt das Stoppen des Klimawandels eine entscheidende Rolle. Jakob Springfeld hat Fridays for Future und die Grüne Jugend in Zwickau mitgegründet, zum internationalen Klimastreik waren Hunderte junger Menschen in Zwickau auf der Straße. Gut möglich, dass ihm die Spitzenpolitiker*innen auch in dieser Frage noch einmal genauer zuhören müssen.

 

 

 

Bernhard Winter

 

 „Mitkriegen, was los ist. Wirklichen Kontakt zu den Menschen suchen. Nicht nur über Facebook, Twitter, Hochglanzprospekte, mit Strahlemann-Plakaten oder mit 48-seitigen Grundsatzpapieren. Nein! Wirklichen Kontakt: damit meine ich Begegnungen mit Menschen aus Fleisch und Blut. Das fängt mit dem Gesicht an, das wir machen, wenn wir durch unseren Ort gehen: Griesgrämig oder freundlich? Sagen wir Grüß Gott oder huschen wir am anderen vorbei? Wie ist unser Händedruck? Gehen wir überhaupt noch zu Fuß durch unseren Ort? Oder spielt sich unser Leben ab im Auto, vor dem Computer, im Büro, in irgendeiner Wahlkampfzentrale, in sterilen Räumen, weit weg von den Menschen? Kommen wir in ein wirkliches Gespräch mit den Menschen? Machen wir Ohren und Augen auf, wenn sie mit uns reden und von ihren Sorgen und Wünschen erzählen?“

(Bernhard Winter auf winternetz.net, Rede zur Verleihung der Georg-von-Vollmar-Medaille 2019)

 

 

Bernhard Winter weiß, wovon er redet, wenn er darüber spricht, wie Politik sein sollte: Er war von 2002 bis 2011 Bürgermeister von Markt Schwaben, einer kleinen Stadt in Oberbayern. Das Zuhören, den „wirklichen Kontakt“ hat er zum Motto seiner Arbeit als Politiker, aber auch als Angehöriger der Zivilgesellschaft gemacht. „Kontakt“ – dieses Wort kommt vom lateinischen contingere – berühren. Wie wichtig die gegenseitige „Berührung“, der „wirkliche Kontakt“ ist, das ist in Zeiten pandemiebedingten Abstandhaltens erfahrbar geworden. Bernhard Winter hat es schon lange vorher als Grundprinzip eines demokratischen Gemeinwesens ausgemacht. Menschen müssen miteinander reden, ihre Sorgen und Wünsche miteinander teilen, sich begegnen. Das ist die Voraussetzung dafür, dass Demokratie gelingen kann, dass aus der Vielfalt unterschiedlicher Menschen eine Gemeinsamkeit wächst, aus der heraus sich das Zusammenleben positiv gestalten lässt.

 

Winter wurde 1954 in Augsburg geboren, er studierte nach dem Zivildienst Psychologie in München und ist approbierter psychologischer Psychotherapeut. Bis zur Wahl zum Bürgermeister arbeitete er in therapeutischen Heimen für Jugendliche und in der Jugend- und Behindertenhilfe. Zur Bürgermeisterwahl trat Bernhard Winter mit einem schlichten „JA“ als Motto an: Positiv auf die Menschen zuzugehen, sie zusammenzubringen, das war sein Ziel, und in den vielfältigen Aktivitäten seiner Amtszeit scheint der Gedanke immer wieder auf: die Belebung der Ortsmitte, das Zusammenbringen von Menschen an „Runden Tischen“, das gemeinsame Feiern, internationale Kontakte. JA steht bei Winter auch für „Jung & Alt“, er greift damit eine der Polarisierungen auf, die auch für – aus nicht-bayerischer Perspektive betrachtet – idyllische Kommunen wie Markt Schwaben eine Herausforderung ist. 2011, nach einer zweiten Amtszeit, schied Winter aus dem Amt, seither arbeitet er als Psychotherapeut in eigener Praxis, macht Öffentlichkeitsarbeit für eine Kinderklinik, schreibt Gedichte. Und er veranstaltet weiter die „Sonntagsbegegnungen“.

 

Schon 1992 initiierte er dieses Gesprächsformat. 2020 fand die 100. Ausgabe statt, der Kabarettist Gerhard Polt und der Schriftsteller Franz Hohler saßen gemeinsam auf der Bühne, auf der vor ihnen so viele andere Prominente gesessen hatten, die den Weg nach Markt Schwaben auf Einladung von Bernhard Winter gefunden hatten: Winter spannte Gregor Gysi und Bischof Wolfgang Huber zusammen, die deutsche Familienministerin Renate Schmidt und ihre türkische Kollegin Güldal Akşit, den Schriftsteller Sten Nadolny und den bayerischen Wirtschaftsminister Martin Zeil. Hans-Jochen Vogel, der in diesem Jahr verstorbene große Sozialdemokrat, war immer wieder zu Gast, auch als Schirmherr.

 

Die Sonntagsbegegnungen, natürlich in der Mitte des Ortes stattfindend, sind ein Forum. Bernhard Winter geht es nicht so sehr, so steht zu vermuten, um die prominenten Gäste als vielmehr um das Publikum. Ein „wirkliches Gespräch“ soll da entstehen – vielleicht lassen sich die Sonntagsbegegnungen als eine Art „Hochamt“ der Zivilgesellschaft verstehen. Bernhard Winter spricht immer wieder die Einladung aus, miteinander in Kontakt zu kommen. In Zeiten polarisierter Diskussionen und wütender Konfrontationen kann es gar nicht genug solcher „Brückenbauer“ (Süddeutsche Zeitung) geben.

Nach 30 Jahren: Wie schafft Demokratie Einheit in Vielfalt?

Am Tag vor der Verleihung des 55. Theodor Heuss Preises, am Freitag, 25. September 2020, fand im Haus der Wirtschaft das traditionelle Kolloquium zum Jahresthema statt. Einen Bericht von Clemens Pfeifer finden Sie hier im Anschluss:

 

 

Kolloquium zum Jahresthema 2020

„Nach 30 Jahren: Wie schafft Demokratie Einheit in Vielfalt?“

 

Es herrscht erst einmal keine große Feierlaune im Kolloquium zur Preisverleihung im Jahr 2020: Schön auf Abstand sitzen die Teilnehmerinnen und Teilnehmer versprengt in einem Saal im Haus der Wirtschaft in Stuttgart. Aber der pandemiebedingt aus dem Frühjahr verschobene Termin passt nun zufällig terminlich so schön zum Thema: Nur eine Woche vor dem dreißigjährigen Jubiläum der deutschen Wiedervereinigung durften sich die Freunde und Weggefährten der Stiftung nach langen Zeiten von bloßen Online-Treffen nun endlich wieder real in die Augen blicken – der sorgfältigen Organisation von Birgitta Reinhardt und Anna Welling sei Dank. Die Bundesrepublik ist seit 30 Jahren etwas Neues. Der Jahresbericht der Bundesregierung zum Stand der deutschen Einheit liest sich großartig. Die Angleichung der wirtschaftlichen Lebensverhältnisse sei weit vorangekommen. Alte Umweltgefahren seien in erstaunlich kurzer Zeit beseitigt und moderne Strukturen aufgebaut worden und die „neuen“ Bundesländer seien ein attraktiver Standort für die Ansiedlung junger, innovativer Unternehmen und Forschungseinrichtungen.[1] Also doch: Grund zum Feiern?

 

 

Kuratoriumsvorsitzende Prof. Dr. Gesine Schwan, die den einführenden Impuls gibt, ist skeptisch. Die 30-Jahre-Bilanz gehe so nicht auf. Und doch lädt sie zum Feiern ein. Wenn wir die deutsche Einheit beurteilen, solle die Kernfrage sein, ob denn die Chancen, ein Leben in Würde zu führen, gestiegen seien. Und das sind sie. Auf dem Boden der freiheitlich-demokratischen Grundordnung haben nun wieder alle Deutschen mehr Entfaltungsmöglichkeiten als jemals zuvor: „Man darf kämpfen!“ Und doch scheint es manchmal fast so, als sei die Mauer nicht gefallen, sondern lediglich durch einen unsichtbaren Vorhang ersetzt worden. So wundere sich Preisträger Andreas Dresen etwa, warum er als „ostdeutscher Regisseur“ bezeichnet wird, man aber etwa bei Kolleginnen nie von „westdeutschen Regisseurinnen“ spreche.

 

 

Gesine Schwan mahnt dazu, die (ökonomische) Stärke der alten Bundesländer nicht geschichtsvergessen auf die eigene Leistung zurückzuführen. Die Voraussetzungen seien einfach nicht vergleichbar. Einen Weg, den Vorhang zu lüften, sieht sie darin, aus der einstigen Zweiteilung eine Vielfalt zu machen. Einheit könne nicht das Ziel einer demokratischen Gesellschaft sein. Menschen, die diese Vielfalt repräsentieren, ehre die Theodor Heuss Stiftung in diesem Jahr: herausragende Persönlichkeiten, die viel mutiger sind und auch sein müssen, um in einem Umfeld von Klischees, Missverständnissen, Selbstgerechtigkeiten und Hochmut ihre Perspektiven in den Diskurs einzubringen.

 

 

Beim Kolloquium geht es um das Kennenlernen, um das Vertiefen des einen oder anderen Gedankens. Rupprecht Podszun fiel die Aufgabe zu, das Gespräch mit den Medaillenträgern zu moderieren.

 

 

Für den Verein „Perspektive hoch 3 e.V.“ sprach die stellvertretende Vereinsvorsitzende Dr. Judith Enders, einige weitere Mitglieder waren im Saal dabei und konnten ergänzen. Perspektive hoch 3 ist eine Zusammenkunft nicht mehr ganz junger, aber auch noch nicht älterer Menschen, die mitreden wollen. Sie geben der „dritten Generation Ostdeutschland“ eine Stimme. Über die auch schmerzhaften Erfahrungen, die ihre Generation in der deutschen Integration machen musste, werde zu selten gesprochen, erklärte Judith Enders. In zahlreichen Gesprächen und Projekten verschafft Perspektive hoch 3 den zwischen 1975 und 1985 Geborenen Gehör. So soll eine „neue Sensibilität“ geschaffen werden – für differenzierte Geschichten, vielleicht für die Vielfalt in der Einheitssause.

 

 

Aus ursprünglich kleinen Gesprächen im Hinterzimmer entstand ein Netzwerk von engagierten Menschen mit zahlreichen Projekten, die Enders mit Hilfe einer Power-Point-Präsentation vorstellte. Besonderes Interesse beim Publikum weckte eine Bustour, bei der Perspektive hoch 3 quer durch den ländlichen Raum der ehemaligen DDR fuhr. In zahlreichen Begegnungen wurden dabei die Erfahrungen, Geschichten und Ideen der ländlichen – vielleicht manchmal unterrepräsentierten – Bevölkerungsgruppen gesammelt. Berliner fahren aufs Land und erklären die Welt? Nein, gerade den Eindruck versuchte man zu vermeiden, berichtet Johannes Staemmler. Häufig fehlen aber überhaupt zivilgesellschaftliche Foren für den Austausch.

 

Mit einem ersten gemeinsamen Buch „Dritte Generation Ost – Wer wir sind, was wir wollen“ erklärten 33 Autorinnen und Autoren, wie sie den Wandel empfanden. Im zweiten Werk „Und wie war das für Euch?“ ging der Blick schließlich auf die Sicht der Eltern dieser Generation. Eine erschreckende Erkenntnis: In vielen Familien wurde in all den Jahren nach 1989 kein einziges Wort über diesen Bruch im Leben gesprochen. „Wir haben unsere Eltern ja auch nicht gefragt“, hat Judith Enders hierbei oft zu hören bekommen. Aber vielleicht ist genau das auch das Problem? Man wolle nicht schon wieder eine stille Generation sein, die die Dinge unter den Teppich kehre, „wo es aber schon voll ist“. Das Zeitenwende Lernportal, für das beim Kolloquium und bei der Preisverleihung engagiert geworben wird, ermöglicht Lehrkräften Zugriff auf Zeitzeugenberichte.

 

 

Ein unsorgfältiger Umgang mit einer solch intensiven Transformation wie der Wiedervereinigung kann auch gefährlich sein. In der Diskussion kommt der Gedanke auf, ob nicht womöglich sogar die mörderischen Taten des NSU durch die Unstrukturiertheit und Orientierungslosigkeit nach der Wende begünstigt wurden. Schwieriges Thema. Rechtsextremisten knüpfen oft bewusst an solche Unsicherheiten an; diese geben rechten Gedanken eine Heimat, erklärt Vereinsvorsitzende Elisa Gutsche.

 

 

Sommer 2018, es knallt. Wenige Meter neben Jakob Springfeld explodiert ein Böller. Auf der demokratischen Gegendemo bei den Ausschreitungen in Chemnitz 2018 wurde dem damaligen Schüler (und jetzt frischgebackenen Abiturienten) schlagartig deutlich, dass das Problem mit Rechtsextremismus doch gewichtiger ist, als er sich erhoffte.

 

 

Wenn Jakob seine Geschichten erzählt, fühlt es sich so an, als sei man live dabei. Aber zugleich erscheint es so surreal. Bedrohliche Aufkleber auf dem heimischen Briefkasten, Drohungen und Anfeindungen auf der Straße – Erfahrungen, die niemand machen sollte, die aber für einen jungen Mann schrecklich normal sind, weil er sich gegen Rechts und für den Klimaschutz engagiert.

 

 

Bereits zu Zeiten der „Flüchtlingskrise“ 2015 packte er an. Er zeigte Offenheit, kam mit den Geflüchteten in Kontakt. Etwas Politisches hatte er sich bei alledem nicht gedacht. Es ging irgendwie einfach darum, das Richtige zu tun. Und so glitt Jakob Springfeld immer mehr in seine neue Rolle als Aktivist. Er ist, wie Rupprecht Podszun recherchiert hat, einer der drei jüngsten Medaillenträger in der Geschichte der Theodor Heuss Stiftung – die anderen waren Rainer Wagner, der 1967 für eine Jugendzeitschrift ausgezeichnet wurde, und Karin Storch, die 1968 eine aufrüttelnde Abiturrede gehalten hatte. Beide machten später im Journalismus große Karrieren.

 

 

Jakob Springfelds Auftritt ist so souverän, als hätte er nie etwas anderes getan als für wichtige Themen einzutreten. Was er macht, kommt an: Nachdem Jakob etwa eine aufsehenerregende Schweigeminute hunderter SchülerInnen zugunsten der NSU-Opfer initiierte, nachdem Neonazis eine Gedenkstelle geschändet hatten, stattete die Bundeskanzlerin Zwickau einen Besuch ab und sprach mit Jakob.

 

 

Und trotz dieser Erfolge: In der direkten Diskussion beiße man mit Argumenten und Visionen oft auf Granit. Das sei in dem Moment einfach nur frustrierend, erklärt Jakob. Doch er ist überzeugt davon, dass er trotzdem etwas bewirkt. Wenn auch nicht immer bei seinen Kontrahenten, so doch wenigstens bei all den stillen Beobachtern, auf der Straße, im Internet, im Saal in Stuttgart, wo Jakobs unbekümmerter Mut ansteckt.

 

 

Auch der Kampf gegen den Klimawandel ist ihm ein Anliegen. So gründete er in seinem Heimatort Zwickau örtliche Gruppierungen der Jugendorganisation „Grüne Jugend“ sowie der Initiative „Fridays for Future“. An Energie mangelt es ihm offenbar nicht – aber immerhin geht es auch um die großen Fragen der Zukunft.

 

 

Wenn man den dritten Medaillenträger, Bernhard Winter, nach seiner Geschichte fragt, erzählt er nicht von den Schritten auf einer Karriereleiter. Viel eher berichtet er über den Kontakt mit Menschen und danach richtet sich auch sein Werdegang.

 

 

Er geht die Dinge unkonventionell an. Als Bürgermeister von Markt Schwaben, einer kleinen Stadt in Oberbayern, nahm er eigentlich nie an Fraktionssitzungen teil. Von seinem Amt wurde er auch nicht durch eine Wahl abgelöst. Er hat sich nach 9 Jahren selbst zurückgezogen. „Menschen, die zu lange in der Politik sind, haben oft ein steinernes Gesicht, ein eingefrorenes Lächeln“, erklärt Winter. Und statt danach den typischen Weg in die Wirtschaft zu wählen, zog es Bernhard Winter noch „näher zum Menschen“.

 

 

Voller Freude erzählt er von seiner kleinen psychotherapeutischen Praxis. Bei seinen Patienten geht sein erster Blick nicht auf Krankheitsberichte und Diagnosen. Bernhard Winter sieht nach, wer ihm denn gegenübersitzt, und versucht, das zu finden, was stark ist. Das, was Farbe und Kultur hat. Er will Gespräche führen, die ankommen und den Menschen viel bedeuten. Und dieses Prinzip trägt er seit 1992 in den Ort, in die Mitte des Ortes – in Markt Schwaben, bei den Sonntagsbegegnungen, führt er Leute zusammen. Bernhard Winters Stimme leuchtet, wenn er davon erzählt, wie er Menschen aus Papua-Neuguinea und aus Oberbayern zusammenbringt, die türkische Familienministerin und die deutsche, Gregor Gysi und Günther Beckstein, Dieter Hildebrandt und Thomas Hitzlsperger – und immer wieder: Hans-Jochen Vogel. An ihn wird erinnert, immerhin war er, der ein Weggefährte von Bernhard Winter war, auch ein langjähriger Freund der Theodor Heuss Stiftung. Winters neuestes Projekt ist ein Ausflug nach Bielefeld-Bethel, wo eine berühmte Behinderteneinrichtung ihren Sitz hat, inklusiv, eine ganze Busladung voll aus Markt Schwaben mit ganz unterschiedlichen Menschen, die in den Norden fahren. Wenn Corona es denn zulässt. Die Sonntagsbegegnungen, die er so unermüdlich seit 1992 organisiert, über 100 sind es inzwischen, eröffnen Perspektiven auf die Vielfalt in der Demokratie.

 

 

Diese Demokratie hat letztlich in Markt Schwaben mit gar nicht so sehr anderen Problemen zu kämpfen wie in Zwickau oder im geeinten Deutschland. Das wird auch in den Interventionen aus dem Publikum heraus deutlich, die zwar zunächst stark am Ost-West-Gedanken anknüpfen. In der Sache geht es aber immer darum, den Anderen überhaupt mit seiner Geschichte zu verstehen. Dann lösen sich Klischees auf: In Gegensätzen – alt und jung, Ost und West, neu dabei und immer schon hier – werden plötzlich Verbindungslinien sichtbar, die dann doch so etwas wie ein einigendes Band der Demokraten darstellen.

 

Und die Dinge anzupacken, Selbstwirksamkeit zu erfahren – das verbindet heute alle Medaillenträger. Sie sitzen auf der Bühne, weil sie es nicht dabei belassen, über Probleme zu jammern oder sie zu analysieren. Sie gehen raus in die „echte Welt“, ob nun per Bus aufs Brandenburger Land, auf die Straße zum Demonstrieren oder in die Gastwirtschaft im Ortskern mit den Sonntagsbegegnungen.

 

Kuratoriumsmitglied Jan Hofmann, der in der Wendezeit am Zentralen Runden Tisch saß, warf im Schlusswort zum Kolloquium die Frage auf, wie es denn inzwischen um eine gemeinsame Identität in Deutschland steht. Wenn man Umfragewerte heranzieht, scheint eine gewisse Skepsis fast noch angebracht zu sein. In Befragungen etwa zu der gefühlten Lastenverteilung der Wende oder zur Zufriedenheit mit dem Wandel bewerten Ost- und Westdeutsche die Lage noch spürbar unterschiedlich. Umso richtiger erscheint also die Wahl des Themas des Theodor Heuss Preises 2020, freut sich Jan Hofmann. Und er schließt mit dem Bonmot: „Demokratie schafft Einheit in Vielfalt und das ist doch viel besser als Einheit in Einfalt zu schaffen“.

 

Clemens Pfeifer

 

 

[1] Jahresbericht der Bundesregierung zum Stand der Deutschen Einheit, Berlin 2019, S. 11 (Abrufbar unter: https://www.bmwi.de/Redaktion/DE/Publikationen/Neue-Laender/jahresbericht-zum-stand-der-deutschen-einheit-2019.pdf?__blob=publicationFile&v=26).

Begrüßung Ludwig T. Heuss

Ludwig Theodor Heuss, Vorsitzender der Theodor Heuss Stiftung

 

 

Sehr geehrte Preisträger,

Sehr geehrte Frau Landtagspräsidentin,

Meine sehr geehrten Damen und Herren

 

Es ist mir eine große Freude, Sie heute zu dieser besonderen 55. Verleihung des Theodor Heuss Preises hier in Stuttgart begrüßen zu dürfen. Wir wahren Abstand und tragen Maske, doch das Thema geht uns nahe – und ich möchte fast sagen: durch die aufgezwungene Verschiebung auf Ende September sind wir ihm auch terminlich noch nähergekommen: «Nach 30 Jahren: wie schafft Demokratie Einheit in Vielfalt?»

 

Meine Damen und Herren, unser menschliches Gehirn ist so programmiert, dass wir uns an bestimmte, sehr emotionale Ereignisse genau erinnern können. Jeder hier wird noch exakt wissen, wo man war, was man tat, am 9. September 2001, als der Terroranschlag auf das World Trade Center verübt wurde.

Einige von uns erinnern sich gewiss auch an den 9. November 1989, als die Mauer fiel.

 

Und an den 3. Oktober 1990? Ich erinnere mich auch an den sehr gut. Das sollte der Tag sein, an dem die deutsche Einheit vollendet wurde, für mich bis damals das wohl wichtigste historische Ereignis in meinem bisherigen Leben. Darauf fieberte ich durchaus hin. Das wollten wir feiern. Familie und einige Freunde, die wir alle in Basel, in der Schweiz, lebten, machten uns am Abend des 2. Oktober 1990 auf, über die Grenze, nach Lörrach, um dort mit den Menschen zu feiern, sich zu freuen, sich zu umarmen. Sekt hatten wir auch mitgenommen. Ja ich erinnere mich noch lebhaft, wie wir dort ankamen und die glücklichen Menschenmassen suchten, das Feuerwerk. Nichts. Nicht einmal eine Blaskapelle. Am Schluss standen wir etwas betreten auf dem dunklen Marktplatz, als die Stadtkirche Mitternacht schlug, prosteten uns verstohlen zu und machten uns auf den Heimweg. Irgendwo lief ein Fernseher, da guckte einer eine Aufzeichnung vom letzten «Tatort». So habe ich den Moment der Einheit erlebt.

 

Nun mag man argumentieren Lörrach sei eben die Gemeinde Deutschlands, die am weitesten vom politischen Zentrum Berlins entfernten ist, das erwähnt man in der Ecke durchaus gelegentlich mit einem gewissen Stolz, – aber so wenig Emotion an einem solchen Tag, der das Leben von Millionen Menschen verändern sollte? Das blieb mir von dem Augenblick an bewusst: es würde noch ein weiter Weg zur «Einheit in Vielfalt» werden. In jener Zeit, in der Michael Schindhelm seiner Tischnachbarin in der Akademie der Wissenschaften Angela Merkel ein Buch widmete mit den inspirierenden Worten: «Gehe ins Offene», ging in anderen Teilen der Republik alles weiterhin seinen gewohnten Gang.

 

Ja, meine Damen und Herren, das war die Ausgangslage vor dreißig Jahren und die Diskussionen, die wir in der Vorbereitung der heutigen Veranstaltung in unseren Gremien geführt haben, die Diskussionen und Gewichtungen, manche aufbrechenden Empfindlichkeiten und Missverständnisse, – das alles hat uns vor Augen geführt, wie sensibel der Umgang mit und der Blick auf die gemeinsame Vergangenheit, den Einigungsprozess in unserem Land immer noch ist. Nicht alle gingen, oder konnten so frei «ins Offene» gehen, für manche endete der Schritt ins Ungewisse auch im Irrtum, oder im Abgrund. Aber «Einheit in Vielfalt» hat auch eine westliche Perspektive: auch in Stuttgart, sogar in Lörrach, hat sich die in den vergangenen dreißig Jahren eine vielgestaltige, vielfältige Veränderung der Gesellschaft manifestiert.

 

Meine Damen und Herren, die Suche nach Identität, nach Selbstverständnis und Selbstvergewisserung begleitet uns im 21. Jahrhundert genauso, wie in den vorherigen. Und gerade weil dieses Thema so nahe geht, ist der künstlerische Ansatz so wichtig. 2014 haben wir in diesem Raum den vor vier Monaten verstorbenen Künstler Christo geehrt. «Kunst bricht auf» lautete damals das Motto und ja, zu recht weist Rupprecht Podszun in seinen einfühlsamen Portraits der diesjährigen Preisträger darauf hin, dass auch in Andreas Dresens Filmen etwas aufbricht, zum Aufbruch aufruft – «ganz besonders, wenn es um die deutsch-deutschen Verhältnisse und Befindlichkeiten geht.»

 

Meine Damen und Herren, bitte begrüßen Sie mit mir, den diesjährigen Träger des Theodor Heuss Preises, den Filmregisseur Andreas Dresen,

 

Ich begrüße die Empfänger der Theodor Heuss Medaillen

 

–        die Initiative «Perspektive hoch 3 e.V. – Dritte Generation Ostdeutschland», als deren Vertreter Dörte Grimm, Amanda Groschke, Johannes Staemmler und Elisa Gutsche heute unter uns sind.

–        den ehemaligen Schüler und Aktivisten Jakob Springfeld aus Zwickau

–        und den Dichter, Therapeuten und Bürgermeister a.D. Bernhard Winter aus Markt Schwaben.

 

Was es mit der Initiative und den Personen auf sich hat, werden wir im Verlauf des Tages noch hören.

 

ich begrüße den Fimlkritiker und Moderator Knut Elstermann, und ich danke Ihnen sehr, dass Sie die Laudatio auf unseren heutigen Preisträger übernommen haben

 

Ich begrüße die Mitglieder von Vorstand und Kuratorium der Theodor Heuss-Stiftung, die -wie immer- aktiv in die Veranstaltung eingebunden sind, zuvorderst unsere Kuratoriumsvorsitzende Gesine Schwan, die später auch ein Gespräch mit Andreas Dresen führen wird und Rupprecht Podszun, der ein Gespräch mit den Medaillenempfängern moderieren wird. Herzlichen Dank!

 

Ich begrüße die Präsidentin des Landtags von Baden-Württemberg, Frau Muhterem Aras, sehr herzlich – ich weiss die Verbundenheit, die Sie unserer kleinen Stiftung entgegen bringen sehr zu schätzen.

 

Ich begrüße als Vertreter der Landesregierung Frau Staatssekretärin Petra Olschowski und Herrn Ministerialdirigent Florian Hassler und als Vertreterin der Stadt Stuttgart Frau Bürgermeisterin Isabel Fezer, – beide sind ja auch im Vorstand, aber das gibt doch auch nochmals Anlass darauf hinzuweisen, wie wichtig uns in unserer Arbeit die breit abgestützte Überparteilichkeit ist.

 

Eine Überparteilichkeit in bester liberaler Tradition und darum grüße ich stellvertretend für viele Peter Eigen (auch als ehemaligen Preisträger), Sabine Leutheusser-Schnarrenberger (als stellvertretende Vorsitzende), Michael Theurer und Klaus von Trotha (als Mitglieder des Kuratoriums).

 

Andere ehemalige Kuratoriumsmitglieder haben wir im vergangenen Jahr leider verloren. Ich gedenke in großer Dankbarkeit an unser langjähriges Vorstandsmitglied und Unterstützer der ersten Stunden Hans-Jochen Vogel und ich gedenke an unseren langjährigen treuen Unterstützer Armin Knauer.

 

Ich grüße die Vertreter des Landtages, des Gemeinderates der Stadt Stuttgart (wir haben zwei Fraktionsvorsitzende unter uns) und ich grüße die Vertreter von befreundeten Stiftungen und zwei Förderer, die ich gerne namentlich erwähnen möchte: Heinz Gerstlauer, von der Lechler-Stiftung und Anette und Timo Rögelein.

 

Ich grüße die Vertreter der Presse – und freue mich auf eine schöne Berichterstattung – und, ganz besonders – das wichtigste zum Schluss: ich sprach ja schon von der Bedeutung der Kultur: seien uns die Vertreter von Kulturstiftungen, Galerien, Staatsoper herzlich willkommen und natürlich ganz besonders Sebastian Krumbiegel. Was für ein Privileg, dass Sie die künstlerische Umrahmung übernommen haben.

 

Herzlich Willkommen und auf ein gutes Gelingen!

 

 

 

 

Grußwort Bürgermeisterin Isabel Fezer

Isabel Fezer

 

 

Sehr geehrte Damen und Herren,

 

im Namen der Landeshauptstadt Stuttgart heiße ich Sie herzlich willkommen. Diesen Satz habe ich zuletzt vor sieben Monaten so sagen dürfen; er funktioniert bei Videokonferenzen nicht so richtig. Es ist kein Wunder, dass es nun die der Demokratie verpflichtete Theodor Heuss Stiftung ist, die es möglich macht, dass hier im Raum 160 Menschen zusammen kommen und viele mehr über das Internet beteiligt sind. Denn demokratische Prozesse setzen den öffentlichen Diskurs, das Teilen von Erfahrungen und Erkenntnissen, das Erleben von Vorbildern voraus. Und genau darum geht es bei der Preisverleihung der Theodor Heuss Stiftung, jedes Jahr, und – wie ich meine -, in diesem Jahr ganz besonders.

 

Wie schafft Demokratie Einheit in Vielfalt? eine Frage, die wir uns in der Stiftung mit Blick auf das 30jährige Einheitsjubiläum von Ost- und Westdeutschland gestellt haben.

 

Eine Frage, deren Relevanz aber auch in Bezug auf andere politische und gesellschaftliche Entwicklungen aktueller denn je ist. Unsere Gegenwart ist von auseinanderdriftenden Kräften geprägt. Die USA, deren Bevölkerung tief gespalten ist, ziehen sich zurück aus Staatenbündnissen und daraus folgenden Verpflichtungen, die für den Erhalt der Erde, Menschheit und Natur überlebensnotwendig sind und sie schaffen Raum für neue geopolitische Risiken – ich denke an den Nahen Osten, an das Auftrumpfen der Türkei, an die Aggression Chinas gegenüber Taiwan – um nur einige zu nennen.

 

Und natürlich kämpfen auch in Europa die Mitgliedstaaten mit dem Phänomen des Sich-voneinander-Entfernens. Das Vereinigte Königreich hat die Zugbrücken längst hochgezogen und die restlichen Mitgliedstaaten der Europäischen Union ringen um gemeinsame Grundwerte ohne realistische Aussicht auf eine Einigung.

 

Was es heißt, wenn eine Gesellschaft gespalten ist, wissen wir in Deutschland natürlich auch ganz gut, in Stuttgart allemal. Der Streit um den Stuttgarter Hauptbahnhof hob vor über 10 Jahren den Wutbürger aus der Taufe und führte zu einem Riss durch die Stadtgesellschaft, der nicht nur zwischen den Parteien, sondern bis hinein in die Familien verlief. Streiten tun wir auch anderswo in Deutschland, über Europa, über Flüchtlinge, über die Umwelt, über gesellschaftliche Vielfalt, über political correctness, natürlich über Corona und ja, auch über das Verhältnis zwischen Ost und West. Sorge macht mir dabei nicht der Streit.

 

Für die Weiterentwicklung einer demokratischen Gesellschaft ist er überlebenswichtig. Sorge macht mir das Selbstverständnis der Streitenden auf beiden Seiten der Gefechtslinien. Eigene Überzeugungen werden mit geradezu religiösem Eifer verteidigt und wer diese nicht teilt, ist nicht einfach anderer Ansicht, sondern wird der Häresie bezichtigt.

 

Solch ein Streit sucht nicht den diskursiven Austausch mit dem Gegner, – der auch Nähe bedingt -, sondern zielt von vornherein auf Entfremdung aus. Und hier setzen unser diesjähriger Preisträger und unsere Medaillenträgerinnen und –träger an: Sie gebieten der Entfremdung Einhalt, sie machen Menschen und ihre Überzeugungen sichtbar, nah, wahrnehmbar und öffnen damit Türen für einen demokratischen Verständigungsprozess, der gegenseitigen Respekt voraussetzt.

 

Andreas Dresen öffnet uns die Augen und die Seele für ostdeutsche Schicksale in ihrer Vielschichtigkeit, Ambivalenz und Menschlichkeit. Die Initiative Perspektive hoch 3 bezieht sich auf die Erfahrungen ostdeutscher Menschen als Input für innerdeutsche demokratische Prozesse.

 

Jakob Springfeld hält die Erinnerung an Opfer rechtsextremistischer Gewalttaten wach und geht auch sonst keinem demokratischen Diskurs aus dem Weg. Und Bernhard Winter schafft Raum für tiefgründige öffentlich geführte Auseinandersetzungen zwischen ganz unterschiedlichen Menschen.

 

Unsere Preis- und Medaillenträger feiern die Vielfalt und verhelfen uns zugleich zu Respekt und Interesse für andere Überzeugungen, Lebensentwürfe und politische Haltungen. Nur so kann Demokratie gelingen und nur so können wir die Einheit in unserem Land leben.

 

Lassen wir uns von diesen Menschen anstecken!

Laudatio auf Andreas Dresen

Knut Elstermann

 

 

Nur wenige Regisseurinnen und Regisseure haben es in Deutschland geschafft, ihr eigenes Markenzeichen zu werden. Wenn ich die Namen Wim Wenders, Tom Tykwer oder Margarethe von Trotta nenne, haben Sie sofort eine ungefähre Vorstellung von Färbung, Stil und Tonlage ihrer Filme.

 

Ohne, dass er es je angestrebt hätte, ist auch Andreas Dresen zu einem Klassiker des deutschen Kinos geworden. Das Wort Klassiker lässt zurückschrecken, ich weiß, doch ich meine das nicht als erstarrte Pose, sondern ganz wörtlich als etwas Normsetzendes, Vorbildliches. Junge Leute, die mir ihre Filmprojekte schildern, sagen manchmal, um die Sache abzukürzen, sie wollten so etwas machen in der Art von Andreas Dresen – dann wissen wir alle sofort, was gemeint ist.

 

Dabei ging Dresen nie den leichten Weg. Er hätte sich sehr schnell als der Regisseur des Ostens etablieren, eine Marktlücke besetzen können. Genau das wollte er nicht und er hat Filmprojekte stets abgelehnt, wenn sie ihm zu vordergründig einen folkloristischen Ostblick bedienten. Gerade weil er sich der vorschnellen Zuschreibung entzog, jeder landsmannschaftlichen Kungelei, wurde er aus seinen Erfahrungen heraus, durch seinen unbestechlichen Blick, durch seine künstlerische Meisterschaft, durch seine Aufrichtigkeit doch zu einer der wenigen, wichtigen, ostdeutschen Stimmen, die in diesem Land zu vernehmen sind. Dir selbst mag so eine Bezeichnung gar nicht besonders gefallen, denn zurecht sagst Du immer, wer bezeichnet Tom Tykwer  als westdeutschen Regisseur?

 

Doch Du weißt, ich finde, so lange sich kaum Ostdeutsche finden in Intendanzen, Botschaften, DAX-Vorständen, Chefredaktionen, Universitätsleitungen, Generalstäben, Gewerkschaftsführungen, Museumsdirektionen usw., solange der Osten immer noch als irgendwie merkwürdiger, vielleicht sogar als störender Sonderfall betrachtet wird, so lange wird es nötig sein, der Zurücksetzung solche authentischen Stimmen aus dem Osten entgegenzuhalten. Stimmen wie Deine – unaufgeregt, selbstbewusst, gesprächsbereit. Gerade weil Du so genau hinsiehst und so menschlich erzählst, wie wir die tiefen Umbrüche in Magdeburg, Frankfurt an der Oder und Hoyerswerda erlebten, wirst Du auch in Wiesbaden und Hamburg so gut verstanden. In Stuttgart offenbar auch. Wenn Du diese Geschichten nicht erzählst, wer dann?

 

Nehmen wir nur auf Deinen jüngsten Film: „Gundermann“.

 

Gundi Gundermann, der Liedermacher aus dem Osten, war ein ebenso origineller wie widersprüchlicher Künstler. Im Tagebau arbeitend, baggerte er die Natur ab, deren Zerstörung er in seinen Liedern beklagte. Der überzeugte Sozialist flog aus der Partei, spitzelte für die Stasi und wurde selbst überwacht. Andreas Dresens Film stellt den viel zu früh gestorbenen Rockpoeten auf keinen Sockel, sondern setzt ihn von Anfang an seiner zwiespältigen Vergangenheit aus. Der einfühlsame, überaus sorgfältig inszenierte Film beschönigt und verkleinert nichts, arbeitet aber sehr genau und differenziert heraus, wie Haltungen entstehen und ausgenutzt werden. Kein Fan-Biopic und keine simple Täter-Opfer-Gegenüberstellung, sondern ein kluger und bewegender Musikfilm über ein gelebtes Leben mit all seinen Idealen, Verstrickungen, dem Verrat und den Enttäuschungen. Es wurde höchste Zeit für solche Filme über die DDR und es war ein sehr langer Weg dorthin, den Du mit unendlicher Geduld – fast zehn Jahre lang – gegangen bist, während ich offen gestanden nicht mehr daran glaubte, dass es Gundermann im Kino je geben würde. (Mittwoch im Ersten. 20.15 )

 

Ich wage die Behauptung, dass Dein Film „Gundermann“, nach dem großartigen Drehbuch von Laila Stiehler, viel für die deutsche Einheit geleistet hat, was allein schon diesen Preis rechtfertigen würde. Bei Gesprächen und in  Briefen aus dem Westen Deutschlands haben Zuschauerinnen und Zuschauer Dir gesagt, dass sie durch den Film vielleicht zum ersten Mal intensiver über das Leben hinter der Mauer nachgedacht haben, über einen Alltag, der sehr viel mehr war als die übliche, leitartikelhafte Beschränkung auf Opportunismus und Widerstand.

 

Andreas Dresen ist Sohn der Theaterschauspielerin Barbara Bachmann, und der Theaterregie-Legende Adolf Dresen, von dessen Berliner Inszenierungen Zuschauerinnen noch heute schwärmen, Ziehsohn des nicht weniger legendären Theatermannes Christoph Schroth. Dass er sich dem großen Erbe dieser Theaterfamilie stellte und zugleich entzog, dass er zunächst ganz auf den Film setzte, spricht für das Wesen eines sanften Rebellen, der nichts über den Haufen wirft.

 

Super-Acht-Filme entstanden, etwa eine Reportage des 14-jährigen über ein Konzert der beliebten Band Karat in Dresens damaliger Heimatstadt Schwerin. Der Junge interviewte sogar den Sänger Herbert Dreilich, und fragte, ob dieser die allgemein schlechten Kritiken des neuen Albums teile, was der Star, erstaunlich freundlich, verständlicherweise verneinte. Dieses frühe, bohrende Werk müsste übrigens in jeder Dresen-Retrospektive laufen. Irgendwie ist er   doch noch immer dieser begeisterte Junge, dem ein herrliches Instrument in die Hand gegeben wurde, mit dem man Menschen erreichen, bewegen und berühren kann.

 

Dresen wurde an der Filmhochschule „Konrad Wolf“  in Babelsberg dafür ausgebildet, in der DDR Filme bei der DEFA zu machen. Als er mit dieser Ausbildung fertig war, am Ende als Meisterschüler des leider kaum noch bekannten Regisseurs Günther Reisch, gab es weder die DDR noch die DEFA.

 

Auch hier trat er ein Erbe an, fühlt sich den besten Traditionen des DEFA – und des osteuropäischen Films, vor allem des sowjetischen, tief verbunden – etwa dem poetischen Realismus eines Wassili Schuschkin. Zugleich entdeckte Dresen seine Themen und Geschichten vor der eigenen Haustür und fand sich schnell und sehr professionell zurecht unter den völlig neuen Produktionsbedingungen.

 

Schon in seinem ersten Kinofilm „Stilles Land“ (VoD) haben wir den ganzen Dresen: das Unheroische, auch Komische der Zeitenwende, das Menschlich- Konkrete im Abstraktum der Geschichte. Mir sagt dieser schöne Film von 1992 noch heute mehr über die DDR, darüber wie wir gelebt haben, über die täglichen Kompromisse, den kleinen und den großen Mut, als die meisten der pathetischen Wende-Epen. Nach allem, was ich über Theodor Heuss weiß, denke ich mir, dass ihm diese Haltung gefallen hätte, diese Privatheit im Politischen.

 

Ich scheue mich nämlich etwas, Andreas Dresen einen politischen Filmemacher zu nennen, obschon er fraglos einer der politischsten Menschen ist, den ich kenne. Doch die Inspirationen all seiner Filme sind immer die Menschen und ihre Geschichten, ihre Leiden, Sehnsüchte und Träume. Ihn interessieren seine Figuren, die sich ganz selbstverständlich in der sozialen  Welt bewegen. Dresen verfilmt keine politische Ideen, er erzählt Geschichten von Menschen, die ob sie wollen oder nicht politische Wesen sind.

 

In „Nachtgestalten“ von 1999, der wirklich fast nur nachts gedreht wurde, sieht er auf die Menschen am Rande, die Ausgegrenzte und Ausgestoßenen. Es war der größte Triumph für den gerade gestorbenen, wunderbaren Michael Gwisdek, der anrührend einen Helfer wider Willen spielte und dafür den Silbernen Bären der Berlinale erhielt. Dresen wagte hier einen Neu-Beginn, dessen Frische diesen zweiten Kinofilm nach den vielen Jahren gründlicher Fernseharbeiten prägte – darunter das hochaktuelle, raue Meisterwerk „Die Polizistin“ über gnadenloses Mobbing gegen eine junge Beamtin.

 

Heiter und gelöst warf Andreas Dresen für „Halbe Treppe“ 2002 allen Ballast ab, angelte selbst den Ton als Teil des winzigen Teams im Frankfurter Oder-Turm und sah fasziniert zu, was seine Schauspieler im magischen Augenblick der Improvisation gerade erfinden.

 

Die schwierige Methode der Improvisation, die den Schauspielern auf demokratische Weise Mitsprache und Verantwortung zutraut, hat Dresen in „Wolke 9“ , diesem tabubrechenden Film  über Liebe und Sexualität im Alter   und in „Halt auf freier Strecke“  über eine tödliche Krebserkrankung immer weiter verfeinert. Wie geht das nur, dachte ich gerade bei diesem Film, dass ich alle Beteiligten gut kenne, dass ich weiß, es geht dem prachtvollen Hauptdarsteller Milan Peschel sehr gut, ich weiß auch, dass Andreas bei der Sterbeszene irgendwo hinter der Kamera steht und dass ich dennoch so traurig bin, als müsste ich morgen tatsächlich zur Beerdigung des Filmhelden? Verzauberung durch die große Kunst von Andreas, das ist ein unerklärlicher, nicht aufzulösender Rest, der bleibt.

 

Ich kenne wohl kein anderes filmisches Werk und keinen Regisseur besser als ihn, habe das wachsen und reifen gesehen, was längst in ganz Deutschland und im Ausland berühmt ist. Es ist sein Blick, der genau erfasst, was wir sonst höchstens aus dem Augenwinkel wahrnehmen, Alter, Krankheit und Vergänglichkeit, und all die kostbaren, kleinen, absurden, witzigen, schmerzenden Augenblicke der Alltäglichkeit, die Leben ausmachen. Man sagt das immer so leicht: Andreas Dresen liebt alle seine Figuren und vielleicht ist das Unsinn, denn niemand kann alle Menschen lieben. Aber es ist eben doch immer eine Haltung erkennbar, die niemanden, auch nicht im größten Unglück und in der schwersten Verfehlung, allein lässt. So ist es übrigens auch im wirklichen Leben, man fühlt sich in Deiner Nähe immer wahrgenommen und gut aufgehoben.

 

Es gibt den Menschenfreund Andreas Dresen, den nüchternen und den mitfühlenden Beobachter, den harte Arbeiter Andreas Dresen, der ausgelassenen bis in den Morgen feiern kann, den Melancholiker und Grübler,   und es gibt den Freimütigen, den Bekennenden, den Auskunftsfreudigen.

 

Die Mitarbeiter tauchen tief in seine Projekte eintauchen, an denen sie mündig  daran arbeiten. Weggefährten könnten in jeder Talkshow profund Auskunft über Deine Filme geben, denn niemand von ihnen hat dabei nur einen Job ausgeübt, jeder war und ist ein vollwertiges, hingebungsvolles Mitglied der Familie. Eine Familie, in der nicht nur Feste gefeiert werden. Hier erleben wir den Andreas Dresen der zähen Unerbittlichkeit, der von jedem alles verlangt, der immer genau weiß, was er will, der gern aufnimmt, was andere einbringen, der besessen arbeitet und doch nie recht zufrieden ist. „Lass es gut sein, Andreas, man sieht es im Film doch nicht“, rufen entnervte Kollegen dem Detailversessenen dann manchmal zu. „Man sieht es eben doch“, entgegnet er.

 

Steffi Kühnert, Axel Prahl, Thorsten Merten, Milan Peschel, Horst Westphal, Ursula Werner, Andreas Schmidt, Inka Friedrich, Nadja Uhl, Gabriela-Maria Schmeide und viele andere, selbst jene Darsteller, die bisher nur einmal mit ihm gearbeitet haben, sind unverwechselbare Dresen-Schauspielerin, Bewohner seines Universums, in dem es im Grunde genauso zugeht wie bei Ihnen und bei mir zu Hause, nur dass dort ein Gesetz unverhandelbar herrscht: das der absoluten Wahrhaftigkeit.  Selbst in der artifiziellsten Kunstform, auf der Opernbühne, wo sich die Leute seltsamerweise ansingen, herrscht bei Dir, etwa in Deinem berührenden Figaro,  im Potsdamer Schlosstheater im Neuen Palais, die Kunst der glaubhaften Menschengestaltung, da leuchten die Charaktere plötzlich auf – der triebgesteuerte Graf, die traurige Gräfin, die kluge Susanne, der treuherzige Figaro, auch sie sind jetzt typische Dresen-Gestalten. Er ist ja auch zum Theater, zur Bühne gegangen, auch wieder ein Erbe.

 

Wer hätte es je für möglich gehalten, dass auch ein Politiker, zumal von der CDU einst zu diesem Universum gehören würde! Der Herr Wichmann. Ein überaus engagierter Mann, der Andreas in vielem sehr ähnlich ist. Beide sind vollkommen unfähig, sich Zumutungen zu entziehen, beide haben ein Verantwortungsgefühl, das manchmal an Selbstzerstörung grenzt,  beide verbindet die Sehnsucht nach Gemeinschaft, und damit meine ich nicht unbedingt ein Parteibuch, beide schauen grundehrlich auf die eigenen Schwächen, Niederlagen, auf das Scheitern.

 

In zwei dokumentarischen Arbeiten schildert Dresen den Wahlkampf und die Arbeit auf Kreis- und Landesebene, denn auf beiden Feldern war der überaus fleißige Wichmann zeitweise zugleich engagiert. Sehr klug entschied Dresen sich für das Mitglied einer Partei, die ihm nicht sehr nahe ist, denn es geht in diesen Filmen absolut nicht um Parteienpolitik, sondern um das Porträt eines Mannes, der ohne doppelten Boden agiert, der wirklich das Beste will, ein positives Gegenbild zur Politikverdrossenheit, dieses schleichenden Gifts der Demokratie.

 

Diese beiden, auch im Kino sehr erfolgreichen Dokumentarfilme machen Politik durchsichtig, die Mühen der Ebene, den täglichen Kleinkram, das enorme Arbeitspensum, mit einem feinen, nie verletzenden Humor, der den jungen, manchmal noch sehr komisch-unbeholfenen Mann nicht vorführt.

 

Kurioser Nebeneffekt: Wichmann ist heute – Dank Dresen – einer der bekanntesten Politiker Brandenburgs. Jetzt wieder in der Lokalpolitik, dritter Teil ist fällig.

 

Ich bedaure es übrigens zutiefst, dass Du bei Deinen vielen, aufwändigen Spielfilmprojekten nicht öfter zum dokumentarischen Erzählen kommst.

 

Ich könnte mir vorstellen, dass es nicht zuletzt diese Filme waren, die zu Deiner Berufung als Verfassungsrichter geführt haben. Eine hochmoralische Arbeit, das künstlerische Gewissen fließt hier in Gesetzesform ein, dazu kommt der  Einsatz für Geflüchtete, die Professur in Rostock – das Pensum ist unglaublich, die Energie wohl unbegrenzt.

 

Es gibt aber auch den zögerlichen Andreas Dresen, der im Grunde ein bekennend ängstlicher Mensch ist – und das erweist sich immer wieder als seine größte Stärke. Jedes Experiment, jede Improvisation, jeder mutige neue Schritt auf unbekanntes Gebiet, jede Reise ins Ungesicherte ist den eigenen Bedenken abgerungen. Andreas Dresen ist ein Radikaler der Besonnenheit, der nie über seine Figuren oder sein Publikum hinausschießt. Nach der Premiere erwartet er zunächst keine langen Debatten, keine Analysen, sondern schlicht eine Antwort auf seine sehr ehrlich gemeinte Frage: „War es nicht langweilig?“.  Jeder Künstler entlässt seine Werke vollständig in die Welt, wo sie ein Eigenleben führen. Ich weiß gar nicht, ob Dir bewusst ist, wie viel uns Deine Filme bedeuten, wie sehr sie für uns Teil unserer eigenen Identität, unserer eigenen Geschichte geworden sind. Etwas, das sich in keiner Weise in Zuschauerzahlen oder Umsätzen ausdrücken lässt.

 

Brecht, Sie merken am Klassiker-Zitat, ich komme zum Ende, sprach so schön von der Freundlichkeit der Welt. Er meinte damit ganz sicher keine Idylle, sondern eine Welt, die gut für uns ist. Erlaube mir, dass ich es an einem solchen Tag einer so ehrenvollen und hochverdienter Auszeichnung mit ganz un-brechtischer Gefühlsaufwallung sage: Andreas, die Welt ist etwas freundlicher, weil es Dich gibt.

 

 

 

 

 

 

Sebastian Krumbiegel, Auftakt zur 55. Theodor Heuss Preisverleihung

Grußwort Ludwig Heuss, 55. Theodor Heuss Preisverleihung

Grußwort Isabel Fezer, 55. Theodor Heuss Preisverleihung

Laudatio Knut Elstermann auf Andreas Dresen, 55. Theodor Heuss Preisverleihung

Übergabe des Theodor Heuss Preises 2020 an Andreas Dresen

Gesine Schwan im Gespräch mit Andreas Dresen

Übergabe einer Theodor Heuss Medaille 2020 an Perspektive³ e.V.

Übergabe einer Theodor Heuss Medaille 2020 an Jakob Springfeld

Übergabe einer Theodor Heuss Medaille 2020 an Bernhard Winter

55. Theodor Heuss Preisverleihung, Podiumsgespräch mit Elisa Gutsche (Perspektive³), Jakob Springfeld und Bernhard Winter moderiert von Rupprecht Podszun

Mitschnitt der Verleihung des 55. Theodor Heuss Preises, 26.9.2020, im Haus der Wirtschaft in Stuttgart

Audiomitschnitt 55. Theodor Heuss Preisverleihung, 26.9.2020

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