Theodor Heuss Stiftung

Yvonne Hofstetter

Digitalisierung im Dienste der Zivilgesellschaft

 

Die Vorteile der Digitalisierung für unsere freiheitlich-demokratische Gesellschaft nutzbar machen – damit das gelingt, bedarf es einer öffentlichen Auseinandersetzung über die Auswirkungen von Vernetzung und Algorithmen auf die Demokratie und die Bürgerinnen und Bürger. Die Essayistin Yvonne Hofstetter tritt mit diesem Anliegen an die Öffentlichkeit. Mit ihren Auftritten und Publikationen öffnet sie Räume für einen Diskurs über die Grenzen der Fachwelt hinaus. Yvonne Hofstetter will aufrütteln. Sie spitzt zu, polemisiert auch stellenweise, verfehlt so ihre Wirkung aber nicht und trägt diese dringend zu führende Diskussion in die Mitte von Politik und Gesellschaft.

 

Profundes Technologiewissen und ihr juristischer Hintergrund prägen Yvonne Hofstetters Beiträge. Sie blickt auf knapp zwanzig Jahre Programmiererfahrung zurück – unter anderem als Geschäftsführerin der Firma Teramark Technologies. Über die Entwicklung maschineller Lernverfahren und Künstlicher Intelligenz spricht sie mit der Kenntnis der Praktikerin. Dabei verliert sie sich jedoch nicht in Details, sondern behält stets das große Ganze im Blick und beherrscht es, die technische Tiefe ihrer Beiträge auf ihr jeweiliges Publikum zuzuschneiden. So gelingt es ihr, Gruppierungen unterschiedlichster Kenntnisstände und Technologieaffinität zusammenzuführen und die Aufmerksamkeit auf eine wesentliche Herausforderung für die Demokratie in den nächsten Jahren zu lenken. Es geht um die Frage, wie eine Gesellschaft die Vorteile der Digitalisierung nutzen kann, ohne eine Einschränkung der Grundrechte zuzulassen. Yvonne Hofstetters juristische Vorbildung erlaubt es ihr, neben praktischem Wissen auch rechtsphilosophische Überlegungen miteinfließen zu lassen, wenn sie öffentlich darüber nachdenkt, wie Künstliche Intelligenzen Organisation und Funktionsweise von Gesellschaften umgestalten.

 

Als maßgeblich an diesen Umbrüchen beteiligt sieht sie das „Internet of Everything“ – die Verknüpfung von Menschen, Gegenständen, Prozessen und Daten. Sie entwirft Szenarien, in denen nicht mehr der freiheitliche Mensch, sondern seine „Umgebungsintelligenz“ alle Konsequenzen verschiedener Optionen vorausberechnet und dann die Entscheidungen für Individuen trifft. „Umgebungsintelligenz ist rigoroser als das geschriebene Recht, weil sie keine Auslegung zulässt. Schon das „If_Then_Else“ eines regelbasierten Computerprogramms ohne jede Eigenintelligenz bedeutet, dass eine Anweisung ausgeführt wird, sobald eine bestimmte Bedingung eingetreten ist.“ Mit solchen Aussagen ruft sie ihrem Publikum und ihren Lesern den Wert der Freiheitsrechte in Erinnerung und mahnt die Notwendigkeit an, sie gegen die Absolutheit der Algorithmen zu schützen.

 

Frank Schirrmacher, der 2014 verstorbene Herausgeber der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, entdeckte das publizistische Potential Yvonne Hofstetters. Er riet ihr dazu, mit ihrem Fachwissen und ihren Prognosen an die Öffentlichkeit zu treten: „Sie müssen ein Buch schreiben. Sie wissen, wie die Systeme funktionieren. Ihnen glaubt man – ich hingegen bin nur Beobachter.“ Sie nahm seinen Rat an. 2014 erschien „Sie wissen alles - Wie intelligente Maschinen in unser Leben eindringen und warum wir für unsere Freiheit kämpfen müssen“. Darin berichtet sie ausführlich von der systematischen Sammlung und Auswertung großer Datenmengen durch verschiedene Akteure und die damit einhergehenden Kontrollmechanismen. Das Buch ist mehr als eine Analyse, es ist ein Appell. Ein Appell, an jeden einzelnen Leser, nicht bedenkenlos an der umfassenden Datensammlung teilzunehmen, an die Rechtsprechung, die ihr zur Verfügung stehenden Mittel einzusetzen um die Grundrechte der Bürgerinnen und Bürger zu schützen und an die Politik, von der Yvonne Hofstetter fordert, Richtlinien zu verschärfen.

 

Es folgten zahlreiche Interviews und Vorträge sowie zwei Jahre später ein weiteres Buch. „Das Ende der Demokratie - Wie die künstliche Intelligenz die Politik übernimmt und uns entmündigt“. Darin greift sie das Thema aus ihrer vorhergehenden Publikation auf und warnt vor einer existentiellen Bedrohung für unsere Demokratie und Verfassung. Den Rahmen für ihre Überlegungen bildet die (noch) fiktive Geschichte zweier Wissenschaftler, die eine lernende Maschine zum künstlichen Politiker ausbilden. Kann eine intelligente Maschine besser mit der steigenden Komplexität der vernetzten Gesellschaft umgehen, als ein Mensch? Und ist eine gelenkte Demokratie überhaupt mit Europas Grundwerten vereinbar? Mit diesem Gedankenexperiment gibt Yvonne Hofstetter ihrem Zweifel eine narrative Form.

 

Trotz allem ist sie weder Technologiefeindin noch Kulturpessimistin. Sie befürwortet partizipatorische Demokratieprozesse, die Räume für die Beteiligung von Bürgerinnen und Bürgern schaffen. Diese sollen aktiv in den Prozess der Gestaltung des Umgangs mit den neuen Technologien einbezogen werden, sich aber auch selbst aktiver einbringen. Es geht Yvonne Hofstetter um die ethische Dimension bei der Entwicklung von Künstlicher Intelligenz; um die humane und demokratische Flankierung der Algorithmen.

 

aula - Schule gemeinsam gestalten

Das Schulumfeld aktiv gestalten

 

„Ausdiskutieren und Live abstimmen“ – das ist der Grundgedanke hinter „aula“, der sich auch im Namen niederschlägt. Und der Name verweist auch darauf, wo aula angesiedelt ist: In der Schule, genauer in der Schulgemeinschaft. Denn eine Aula ist ein klassenübergreifender Ort der Zusammenkunft von Schülerinnen und Schülern und Lehrerinnen und Lehrern. In einer Aula werden schulpolitische Themen besprochen. Schon in der römischen Kaiserzeit erfüllte die Aula als Halle, in der zeremonielle Akte stattfanden, die Funktion eines Versammlungsraums. Menschen zusammenzubringen, das ist auch der Zweck der Aula in Universitäten und Schulen, und Menschen zusammenbringen möchte auch die nächste Aula-Generation, die digitale Aula. Die Aula geht mit der Zeit, behält aber ihren Wesenskern.

 

„aula – Schule gemeinsam gestalten“ ist ein digitales Beteiligungskonzept, das es Schülerinnen und Schülern ermöglicht, sich aktiv in Entscheidungen des Schulalltags einzubringen. Herzstück des Projekts ist eine Online-Plattform, auf der sie ihre Ideen präsentieren und gemeinschaftlich über deren Umsetzung abstimmen können. Damit kombiniert aula mediale Bildung mit politischer Teilhabe und macht die Schülerinnen und Schüler fit für politisches Engagement in der digitalisierten Welt.

 

Konzipiert ist aula für Schülerinnen und Schüler ab der fünften Klasse. Das Umfeld nicht als unveränderliche Gegebenheit zu begreifen, sondern zu verstehen, dass man Dinge mit einer guten Idee, Einsatz, Begeisterungsfähigkeit und Überzeugungskraft ändern kann – das möchte aula vermitteln. Schülerinnen und Schüler lernen mit aula auch, dass Wünsche Kosten haben. Sie erfahren, wie wichtig und manchmal auch kompliziert Kompromissfindung sein kann. Sie setzen eigene Vorstellungen ins Verhältnis zu den Vorstellungen anderer und müssen Gestaltungsmöglichkeiten realistisch einschätzen.

 

Wenn eine Schule aula einführt, wird zunächst ein Vertrag mit der Schulkonferenz geschlossen, der die Grenzen des aula-Einsatzbereichs definiert und im Gegenzug zusagt, alle Entscheidungen, die innerhalb dieser Grenzen getroffen werden, mitzutragen. Das ist elementar für einen erfolgreichen Einsatz von aula: Es bedarf der Bereitschaft von Eltern und Lehrerinnen und Lehrern, ein Stück Verantwortung abzugeben, ohne vorher zu wissen, wie dieser Freiraum genutzt wird. Denn die Schülerinnen und Schüler wollen ernst genommen werden. Sie stehen aber auch vor der Herausforderung, ihrer neuen Verantwortung gerecht zu werden.

 

Als sogenannte „offene Bildungsressource“ ist aula für die Schulen kostenlos – sowohl die Software als auch das dazugehörende didaktische Begleitmanual. Was die Schulverwaltung und die Lehrerinnen und Lehrer einbringen sollten, sind Kapazität und Motivation. Die Einführung von aula muss im Unterricht sorgfältig vorbereitet werden. Nach dem Projektstart sind regelmäßige Reflexionsphasen wichtig, um die Schülerinnen und Schüler in diesem Prozess zu begleiten. Jetzt geht es auch darum, Raum für die Diskussion der Vorschläge und die Organisation von Mehrheiten zu schaffen, über die Umsetzung zu beratschlagen und Verbindungen zwischen Alltagsentscheidungen und demokratischer Verantwortung aufzuzeigen. Richtig eingesetzt stärkt aula viele Kompetenzen, die für eine spätere gesellschaftliche Teilhabe als mündige Bürger von großer Bedeutung sind. Unter anderem sind das Kommunikation, Kooperation, Kreativität, kritisches Denken, Argumentation, Diskussion, Kompromissfindung und nicht zuletzt ein reflektierter Umgang mit digitalen Medien.

 

Initiiert wurde aula von dem Verein politik-digital e.V., einem Verein für die demokratische und digitale Entwicklung der europäischen Informationsgesellschaft. Politik-digital e.V. hat sich zum Ziel gesetzt, einen Beitrag zur europäischen Informations- und Wissensgesellschaft zu leisten. Die Möglichkeiten für eine demokratische Beteiligung der Bürger sollen verbessert und die politischen Institutionen und Prozesse transparenter werden. Finanziell gefördert wird aula von der Bundeszentrale für politische Bildung. Bei der technischen Umsetzung unterstützt der Verein Liquid Democracy e.V. Mit der Psychologin und ehemaligen politischen Geschäftsführerin der Piratenpartei, Marina Weisband, wird das aula-Projekt von einer Persönlichkeit mit viel Erfahrung und Expertise in den Bereichen Demokratie, Digitalisierung und Didaktik geleitet.

 

Im Schuljahr 2016/2017 wurde aula an vier Schulen getestet. Pilotschulen waren die Jenaplan-Schule in Jena, die Pestalozzi-Realschule in Freiburg, die Stadtteilschule am Hafen in Hamburg und das Rupert-Neudeck-Gymnasium in Nottuln. Die vier Schulen werden mit monatlichen Besuchen, einer ausführlichen Anleitung und Workshops bis zum Sommer 2018 begleitet. Dejan Mihajlovic, Lehrer an der Pestalozzi-Realschule in Freiburg fasst seine bisherigen Erfahrungen mit aula folgendermaßen zusammen: „Es geht um ein grundlegend verändertes Verständnis von Partizipation. So eine gravierende Veränderung benötigt viel Zeit, Kraft und Kontinuität. Im alltäglichen Schulbetrieb stellt das alle vor nicht zu unterschätzende Herausforderungen. Deshalb darf aula nicht die Angelegenheit einer Person oder Gruppe sein, sondern sollte von allen Schultern im System Schule getragen werden.”

 

 

 

 

 

AlgorithmWatch

Hinter dem Algorithmus: Wertesystem und Annahmen über die Welt

 

Das autonome Auto steckt in einem Dilemma: Etwas Unvorhergesehenes ist passiert und jetzt ist ein Unfall unvermeidbar. Entweder muss das Auto ein spielendes Kind überfahren, oder zwei ältere Damen, die gerade die Straße überqueren. Wie soll es sich entscheiden? Wägt es Leben gegen Leben ab? Ist das Leben eines jungen Kindes wichtiger als das zweier Frauen, die schon viele Jahre hinter sich und vielleicht nur noch wenige vor sich haben? Was, wenn es nicht nur zwei ältere Damen sind, sondern drei? Oder zehn? Soll das Auto aktiv die Fahrtrichtung ändern, um das Kind zu verschonen und dafür andere Leben, die eigentlich nicht von diesem Unglück betroffen gewesen wären, zu beenden? Eine Entscheidung von der jeder nur hoffen kann, dass er selbst sie nie treffen muss.

 

Ist ein Mensch in dieser Situation, wird er vielleicht nicht das Gefühl haben, aktiv nachgedacht zu haben, bevor er das Steuer in die eine oder die andere Richtung reißt. Alles ging so schnell und dann war es schon zu spät, wird er sich später sagen. Bei einem autonomen Auto aber wird diese Entscheidung weniger chaotisch ablaufen – weil sie nicht in der Situation, sondern im Voraus getroffen wird. Sie wird bei der Programmierung des Algorithmus getroffen. Von Menschen. Algorithmische Entscheidungen sind niemals neutral, sie sind stets geprägt von den Wertvorstellungen, Paradigmen und Interessen der Macher – so lautet das Credo der 2015 ins Leben gerufenen nicht-kommerziellen Initiative AlgorithmWatch.

 

Gründer waren die Politikwissenschaftlerin Lorena Jaume-Palasí, der Journalist und Softwareunternehmer Lorenz Matzat, der Journalist Matthias Spielkamp und die Informatikprofessorin Katharina Anna Zweig. Schon die Zusammensetzung des Quartetts verweist auf das Anliegen: Mit der Plattform algorithmwatch.org setzt sich die gemeinnützige GmbH dafür ein, dass die Funktionsweise von Technik trotz steigender Komplexität für eine breitere Öffentlichkeit nachvollziehbar bleibt. Das ist notwendig, wenn eine Gesellschaft bei fragwürdigen Entwicklungen die Möglichkeit haben soll, rechtzeitig demokratisch einzugreifen.

 

AlgorithmWatch befasst sich mit sogenanntem ADM – automated decision-making. Entscheidungsfindungsprozesse mit hoher sozialer Relevanz, die mithilfe von Algorithmen ablaufen, werden von AlgorithmWatch genau beobachtet, erläutert und eingeordnet. Außerdem untersucht die Initiative Algorithmen, die menschliche Entscheidungen vorhersagen oder sogar vorbestimmen. AlgorithmWatch geht es darum, die Kriterien und Werte, die bei der Entwicklung eines Algorithmus zugrunde gelegt werden, zu überprüfen und gegebenenfalls zu hinterfragen. Auf der gleichnamigen Beobachtungsplattform werden diese Analysen algorithmischer Entscheidungsfindung einer breiteren Öffentlichkeit zugänglich gemacht und die Auswirkungen auf die Gesellschaft diskutiert.

 

 

Jugend hackt

Mit Code die Welt verbessern

Programmieren ist nichts anderes als das Erkennen, Verstehen und systematische Lösen von Problemen. Dafür wird ein Problem so lange in kleinere Teilprobleme zerlegt, bis diese jeweils überschaubar genug sind, um sie anzugehen. Nun kann der Programmierer allein Teilproblem für Teilproblem lösen oder einzelne Teilprobleme an verschiedene Programmierer weitergeben, die dann parallel daran arbeiten. Bei beiden Varianten werden am Ende die Teile wieder zusammengefügt. Im Idealfall ist nun das ursprüngliche Problem gelöst. Eine Herangehensweise, die sich nicht nur für das Programmieren empfiehlt.

 

Auch gesellschaftliche Probleme scheinen oft zu groß, um überhaupt gelöst zu werden und als Ganzes sind sie das vielleicht auch. Den Klimawandel aufzuhalten, ist kein Wochenendprojekt, stattdessen nichts zu tun, ist aber keine gute Alternative. Die Teilnehmer von Jugend hackt lernen, auch solche großen Herausforderungen in bewältigbare Pakete aufzuteilen. So entwickelte eine Gruppe von Jugendlichen eine App fürs Smartphone, mit der die CO2-Bilanz von Produkten bestimmt werden kann. Mit der Handykamera wird der Barcode gescannt, dann werden dem Nutzer Informationen zum CO2-Fußabdruck des Produkts angezeigt. Die App ermöglicht es, unkompliziert Klimaaspekte in Kauf- und Konsumentscheidungen miteinzubeziehen. Damit ist der Klimawandel natürlich noch nicht gestoppt, aber ein Beitrag ist geleistet und in der Zwischenzeit haben andere Kleingruppen an der Lösung anderer Teilprobleme des Klimaproblems gearbeitet.

 

Jugend hackt ist ein Förderprogramm mit gemeinnütziger Ausrichtung für Jugendliche zwischen 12 und 18 Jahren. In regelmäßigen Abständen richtet das Programm sogenannte "Hackathons" unter dem Motto "Mit Code die Welt verbessern" aus. Ein Wochenende lang treffen sich programmiererfahrene ehrenamtliche Mentoren und programmierbegeisterte Jugendliche. In Kleingruppen können die Jugendlichen unter fachkundiger Anleitung an eigenen prototypischen Hard- oder Software-Projekten arbeiten. Am Ende präsentieren sie ihre Ergebnisse der Öffentlichkeit. Jugend hackt vernetzt Gleichgesinnte, vermittelt Technik- und Medienkompetenz und legt großen Wert darauf, diese Fähigkeiten mit gesellschaftlicher Verantwortung zu verknüpfen. Die Teilnehmer erfahren, welche positive Wirkung ein gut durchdachtes Programmierprojekt entfalten kann.

 

2013 wurde Jugend hackt von der Open Knowledge Foundation Deutschland und der Medienbildungsagentur mediale pfarde.org - Verein für Medienbildung ins Leben gerufen und erstmals in Berlin veranstaltet. Ziel war es, Jugendliche für Soft- und Hardware zu begeistern und ethische Grundlagen im Umgang mit Informationstechnologien zu vermitteln. Seitdem ist das Programm stark gewachsen, wurde konzeptionell weiterentwickelt und hat viele Förderer gewonnen, unter anderem die Bundeszentrale für politische Bildung.

 

Das Interesse an Jugend hackt ist groß. Schon nach zwei Jahren konnten neben dem Hauptevent in Berlin auch Hackathons in Dresden, Ulm, Köln und Hamburg veranstaltet werden. Nach und nach kamen Linz, Zürich, Frankfurt am Main und Halle (Saale) dazu. Und die Jugend-hackt-Familie wächst weiter: 2018 werden erstmals auch Events in Schwerin und Heidelberg stattfinden. Außerdem vernetzt sich Jugend hackt international: In Kooperation mit dem Goethe Institut können seit kurzem einige Teilnehmer und Teilnehmerinnen aus Deutschland im Rahmen des Programms "Vernetzte Welten" zu Events nach Südostasien fahren. Um Anfänger in die Grundlagen des Programmierens, Lötens und 3D-Drucks einzuführen, startete Jugend hackt im vergangenen Jahr das Event "Hello World". Die stets vollen Anmeldelisten zeigen eindrücklich, wie viele Jugendliche in ihrer freien Zeit lernen, sich vernetzen und "mit Code die Welt verbessern" wollen.

 

 

 

Programmierte Freiheit - Spielräume für Verantwortung

Theodor Heuss Stiftung Theodor Heuss Stiftung Theodor Heuss Stiftung Theodor Heuss Stiftung Theodor Heuss Stiftung Theodor Heuss Stiftung Theodor Heuss Stiftung Theodor Heuss Stiftung Theodor Heuss Stiftung Theodor Heuss Stiftung Theodor Heuss Stiftung Theodor Heuss Stiftung Theodor Heuss Stiftung Theodor Heuss Stiftung Theodor Heuss Stiftung Theodor Heuss Stiftung Theodor Heuss Stiftung Theodor Heuss Stiftung Theodor Heuss Stiftung Theodor Heuss Stiftung Theodor Heuss Stiftung Theodor Heuss Stiftung Theodor Heuss Stiftung Theodor Heuss Stiftung Theodor Heuss Stiftung Theodor Heuss Stiftung Theodor Heuss Stiftung Theodor Heuss Stiftung Theodor Heuss Stiftung Theodor Heuss Stiftung Theodor Heuss Stiftung Theodor Heuss Stiftung Theodor Heuss Stiftung Theodor Heuss Stiftung

Begrüssung Gesine Schwan, Vorsitzende des Kuratoriums

Sehr geehrte Damen und Herren,

Ludwig Heuss, der von uns allen hochgeschätzte und auch sehr gemochte Vorsitzende der Theodor-Heuss-Stiftung, hat mich gebeten, in diesem Jahr die Begrüßung für die Stiftung zu sprechen. Das ist eine hohe Ehre, aber auch eine erhebliche Herausforderung, weil es ein beeindruckendes Vorbild dafür gibt, dem gerecht zu werden, wirklich schwer ist.

Über mehr als 50 Jahre hinweg hat die Theodor-Heuss-Stiftung sich inzwischen bemüht, einen wirksamen Beitrag für die Erhaltung und lebendige Weiterentwicklung der Demokratie als politisches System, aber vor allem auch als Lebensform zu leisten. Angesichts von sozialen, ökonomischen und technologischen Entwicklungen der Gegenwart, die uns immer rasanter und unübersichtlicher vorkommen, wird es zu einer Überlebensfrage der Demokratie, ob es uns gelingt, damit auch kulturell Schritt zu halten. Man kann als Bürger, oder einfach auch als Mensch, selbst wenn man zu den Begünstigten auf unserer Erde zählt,  zuweilen den Eindruck gewinnen, dass man kaum noch hinterher kommt, wenn man die Zusammenhänge verstehen möchte.

Das ist aber andererseits notwendig, wenn wir nicht von einer Krise in die nächste taumeln wollen, was das Vertrauen in die Fähigkeit demokratischer Politik, Lösungen für ein gedeihliches Zusammenleben zu finden, endgültig zerstören könnte.

Niccolò Machiavelli, dem man gemeinhin nüchternen Realitätssinn zuspricht, resümiert in seinen „Discorsi“ die Erfahrungen mit der römischen Geschichte in dem Satz: „Will es aber das Schicksal, das das Volk zu niemandem Vertrauen hat, wie es manchmal der Fall ist, wenn es schon früher einmal durch die Umstände oder durch die Menschen getäuscht worden ist, so stürzt es unaufhaltsam in sein Verderben.“ (Discorsi, Stuttgart 1977, Bd.I, 53, S. 136). Dabei denkt Machiavelli (anders als in seinem berühmteren „Fürsten“) an die Voraussetzungen für das Gedeihen einer freiheitlichen Republik. Das verweist auf den grundlegenden Zusammenhang zwischen Vertrauen und freiheitlichem Gemeinwesen.

 

Wir erleben seit längerem einen zunehmenden Vertrauensverlust nicht nur in die politischen Repräsentanten unserer Gesellschaft. Der um sich greifende sog. Populismus definiert sich – bei aller Diffusität des Begriffs – jedenfalls durch ein heftiges Ressentiment gegen die sog. Eliten, das seine Anhänger zusammenschweißt und prädestiniert ist, zunehmend Hass und Gewalt zu säen. Dringende Aufgabe ist es, das Vertrauen in unser Gemeinwesen und innerhalb unseres Gemeinwesens dadurch wieder zu kräftigen, dass die verantwortete Wahrnehmung unserer Freiheit – durch die gewählten Repräsentanten von Politik und Gesellschaft wie durch uns Bürgerinnen und Bürger – gestärkt und auch für alle erkennbar wird.

 

„Programmierte Freiheit – Spielräume für Verantwortung“: Wir haben uns diesmal schwer getan bei der Suche und Formulierung unseres Jahresthemas, das sich eben auf diese Frage richtet. Wenn wir in Vorstand und Kuratorium der Theodor-Heuss-Stiftung ungefähr ein Jahr vor dem anvisierten Termin  an die Vorbereitung  des Themas für die Preisverleihung gehen, fragen wir uns immer, ob  die in den Blick genommene  Thematik in der Öffentlichkeit dann auch  als wichtig oder dringend wahrgenommen wird. Bisher hat es immer ganz gut geklappt.

Aber diesmal kam hinzu, dass wir uns mehrheitlich nicht sicher genug gefühlt haben, die technologischen und theoretisch-politischen Implikationen der Künstlichen Intelligenz, die im Fokus stehen sollte, kompetent zu durchschauen und zu beurteilen. Andererseits hatten wir den Eindruck, dass hier mit Macht ein Problem auf uns zukommt, dass wir schnell öffentlich angehen sollten. Wir mussten also nach unserem ersten Treffen einige Lese-Pausen und –pensen einlegen, um zu einer verantwortbaren Entscheidung zu gelangen.

Das Eine, die Aktualität des Themas, ist nun offenkundig gegeben. Seit einem Jahr häufen sich die Bücher, Zeitungsartikel, Symposien, auch Filme, die sich mit den Chancen und den Gefahren der Künstlichen Intelligenz befassen. Aber gerade angesichts dessen war es zugleich entscheidend, die Frage, um die es uns geht, genau zu formulieren.

Im Zentrum steht zunächst nicht die zweifellos bedeutsame, aber auch sonst schon vielfach  diskutierte Gefahr der Überwachung durch Digitalisierung und Big Data. Im Zentrum steht vielmehr die Frage danach, ob die technologische, ökonomische und kulturelle Dynamik, die die rasante Entwicklung der künstlichen Intelligenz treibt und von ihr zugleich getrieben wird, das auslöscht, was bisher nicht nur in der europäischen Kultur als entscheidendes Kennzeichen von uns Menschen angesehen worden ist: die Fähigkeit und die Pflicht zur Verantwortung für unser Verhalten und für unsere Entscheidungen. Sie setzt echte Freiheit und Entscheidungsspielräume voraus und auch die Möglichkeit, das Entscheidungsfeld, die Alternativen, über die entschieden werden soll,  zu erkennen und zu durchschauen. Eben dies wird in Frage gestellt, nicht nur, wenn Entscheidungen durch Künstliche Intelligenz gefällt werden, sondern auch schon, wenn sie für Personen, die das letzte Wort haben, so vorbereitet werden, dass die Spielräume dafür praktisch verschwinden.

Das Naheliegende wäre, die Verantwortlichkeit systematisch vor die Programmierung z.B. von Algorithmen, die die Weichen stellen, zu platzieren. Die dafür notwendigen Prämissen und Kontexte, mit denen die Maschine für diese Algorithmen „gefüttert“ wird, sind aber immer begrenzt und perspektivisch. Davon geht man auch bei Menschen selbstverständlich aus. Eine Gefahr bei der Künstlichen Intelligenz besteht jedoch darin, dass Künstliche Intelligenz als „objektiv“ oder „neutral“ und überdies als umfassend angesehen werden könnte, obwohl sie notwendig wie die programmierenden Menschen selbst perspektivisch verfährt. Vorurteile bekämen einen Anschein von Objektivität oder Unbestechlichkeit, würden überdies in atemberaubender Geschwindigkeit weltweit flächendeckend in Weichenstellungen eingespeisst und gewännen eine unbezähmbare Macht.

Darüber hinaus aber setzt offensichtlich mit der  Programmierung einer künstlichen Intelligenz, die dann ihrerseits „von allein“ weiterlernt, eine Eigendynamik ein, die weder am Anfang noch danach durchschaut oder gelenkt werden kann. So wird es wie im wirklichen Leben: Auch Kinder, die lernen, gehen später ihre eigenen Wege. Man behält sie – wovon manche autoritären Erziehungstheorien träumen – eben nicht „im Griff“.

Und doch beunruhigen uns selbstlernende Maschinen mehr als selbstlernende Kinder. Weil wir bei Maschinen das Spezifische menschlicher Verantwortung – so oft wir als Menschen hinter deren Anspruch auch faktisch zurückbleiben  - nicht erkennen können: eigenständig auf Wertpostulate, auf Argumentationen und Begründungen einzugehen und in prinzipiell nie endenden Zusammenhängen ein Urteilsvermögen zu entwickeln.

Zwar kann auch eine Maschine so programmiert werden, dass sie Prioritäten setzt. Aber so wie wir Verantwortung bisher verstanden haben, ist das Urteilsvermögen darauf  angewiesen, über solche Prioritäten in existenziellem Ernst und ohne die Chance einer letzten Absicherung zu entscheiden. Ein solcher existenzieller Ernst kann sich allein  aus den verarbeiteten Daten nicht ergeben. Menschen müssen sich selbst dabei ins Wagnis begeben. Das macht die Würde der Entscheidung aus. Hat es Sinn, bei Maschinen davon zu sprechen?

Und der existentielle Ernst setzt, woran das Wort „Verantwortung“ uns erinnert, eine Fähigkeit und eine Bereitschaft zum „Antworten“ und zur Verständigung voraus, die wir im Privaten wie im Politischen als hohen Wert und als unabdingbar für ein friedliches und sinnvolles Zusammenleben annehmen. Unsere Welt würde sich radikal ändern, und ich wage zu sagen: Sie würde radikal verarmen, wenn Verantwortung, Gespräch, Verständigung und letztlich Freiheit in ihr keinen Ort mehr hätten, weil ihnen der existenzielle, die Person im Gewissen bindende Ernst fehlte.

Man kann im Angesicht dieses radikalen möglichen Verlusts in der dynamischen Entwicklung der Künstlichen Intelligenz auch die Chance erkennen, sich gemeinsam neu darauf zu besinnen, was das Wesen von uns Menschen, im Unterschied zu Maschinen, eigentlich ausmacht. Wollen wir zu Objekten anonymer Entscheidungen werden oder wollen wir unsere Verantwortung wahrnehmen, um das kostbare Gut unserer Freiheit zu erhalten, die uns oft viel zu schaffen macht, ohne die wir aber auf authentische persönliche Begegnungen verzichten müssten? Und was macht diese Freiheit im Wesentlichen aus, da sie ja immer auch von Kontexten, in denen wir entscheiden, beeinflusst wird?

Es sind schwierige Fragen, in die wir da tauchen. Wir sind froh, dass uns die diesjährige Preisträgerin, Frau Yvonne Hofstetter, dazu sicher helfende Antworten geben wird. Herzliche Willkommen Frau Hofstetter und ebenso herzliche Gratulation zum diesjährigen Theodor-Heuss-Preis!

Auch den Präsidenten des Bundeskartellamts, Herrn Andreas Mundt, begrüße ich sehr herzlich. Er wird die Festrede halten und sie mit grundsätzlichen Überlegungen zum Thema verbinden. Wir  freuen uns auf seine Einsichten und Erfahrungen.

Ich begrüße auch als Medaillenträger Matthias Spielkamp, - Frau Jaume-Palasi ist leider kurzfristig erkrankt - von AlgorithmWatch, sowie Marina Weisband, die für „aula - Schule gemeinsam gestalten" die Medaille entgegen nimmt, und Paula Grünwald, die für „Jugend hackt“ die Medaille erhält. Sabine Leutheusser-Schnarrenberger, die stellvertretende Vorsitzende der Theodor-Heuss-Stiftung, wird die Diskussion im Anschluss der Medaillenverleihung leiten. Auch Ihnen, liebe Frau Leutheusser- Schnarrenberger, ein herzliches Willkommen!

Wir sind sehr dankbar, dass Theresia Bauer, Ministerin für Wissenschaft, Forschung und Kunst uns heute für das Land Baden-Württemberg die Ehre gibt und Grußworte sprechen wird. Herzlich willkommen, liebe Theresia Bauer.

Für die Stadt begrüßt uns heute Isabel Fezer, Bürgermeisterin der Landeshauptstadt Stuttgart. Aber das ist nur ihr Nebenberuf. Im Hauptberuf ist sie unser Vorstandsmitglied. Ihren nachdenklichen und beharrlichen Interventionen verdanken wir nicht zuletzt das heutige Thema. Von Herzen Dank und ein herzliches Willkommen.

Rupprecht Podszun wird dieses Mal das Schlusswort sprechen, wir hielten ihn wegen seiner Sachkenntnis besonders dafür geeignet, uns mit den richtigen Wegweisungen  wieder ins Freie zu entlassen!

Und natürlich begrüße ich

-         als Vertreter des Bundes die MdB’s und Kuratoriumsmitglieder Cem Özdemir und Stefan Kaufmann -    als Vertreter des Landes  den Landtagsabgeordneten  Jochen Haußmann, sowie Minister a.D. Klaus von Trotha, der ebenfalls unser Kuratoriumsmitglied ist

-        Herrn Prof. Dr. Wolfgang Schuster, ehemaliger OB der Landeshauptstadt Stuttgart und ehemaliges Mitglied des Vorstands der THS und jetzt Vorsitzender der deutschen Telekom Stiftung

-        Herrn Berthold Leibinger als ehemaligen Preisträger und großzügigen Unterstützer,

-       die ehemaligen Theodor Heuss Preis- und Medaillenträger, wie Burkhard Hirsch, Anetta Kahne, Helmut Wilhelm, Dietrich Elchlepp, Marina Silverii,

-       die Vertreter der Wirtschaft: Hans-Peter Stihl und Prof. Dr. Carl Hahn

-        die Gemeinderäte der Landeshauptstadt Stuttgart

-       die Vertreter von Kirchen und Religionsgemeinschaften, Verbänden und Stiftungen

-       die Schülerinnen und Schüler, Lehrerinnen und Lehrer der Schulen Birklehof, Salem und Königin-Olga-Stift

-        und vor allem die Unterstützer und Förderer der Theodor Heuss Stiftung

 

Und zum krönenden Schluss begrüße ich Ludwig Heuss, der nachher den Preis und die Medaillen verleiht  und ohne den wir hier alle nicht zusammenwären!

Begrüßung Gesine Schwan

Grußwort Ministerin Theresia Bauer, MdL

Grußwort Bürgermeisterin Isabel Fezer

Festrede Andreas Mundt, Präsident des Bundeskartellamts

Preisverleihung an Yvonne Hofstetter

Medaillenverleihung an AlgorithmWatch

Medaillenverleihung an Jugend hackt

Medaillenverleihung an aula - Schule gemeinsam gestalten

Dank der Preisträgerin

Podiumsgespräch mit den Medaillenträgern

Schlusswort Rupprecht Podszun, Mitglied des Vorstands