Andreas Dresen

Für seine Werke, die Unausgesprochenes sichtbar machen und zur innerdeutschen Verständigung beitragen

„Wir wollten aus der Tiefe unserer Herzen über Gundermann und damit über Erinnerung erzählen. Mit jener Leidenschaft, die er selbst besaß. Es gibt automatisch viele Verknüpfungen zwischen ihm und uns. Ganz sicher geht es auch darum, wieder die Deutungshoheit über unsere eigene Geschichte zu bekommen, diese Geschichte nicht einfach abzustreifen. Uns ist wichtig, dass man genauer hinsieht und keine einfachen Antworten gibt. Dass man sich nicht automatisch überlegen fühlt, nur weil man gewissen Zwängen nicht ausgesetzt war. Schnelle moralische Urteile entstehen zumeist aus der Attitüde heraus, sehr genau zu wissen, dass einem dies oder jenes nicht passiert wäre. Wir zeigen mit Gundermann hoffentlich auf differenzierte Weise einen Menschen, der sich gesellschaftlich eingemischt und aufgerieben, Schuld auf sich geladen und der eigenen Verantwortung gestellt hat. Es war in der DDR also sehr wohl möglich, verantwortlich zu handeln und sich trotzdem schuldig zu machen. Es geht keineswegs darum, alle Taten zu rechtfertigen. Ein interessantes Minenfeld…“

(Andreas Dresen über seinen Film „Gundermann“ im Presseheft zum Film)

 

„Ein politischer Filmregisseur“, so könnte man Andreas Dresen nennen, aber vielleicht würde er sich dieses Etikett – wie es sich für Künstler gehört – verbitten. Er macht Filme, arbeitet mit den Mitteln der Kunst. Aber welcher Regisseur hat in seinem Oeuvre schon Filmtitel wie „Herr Wichmann von der CDU“ oder dreht einen Streifen über jenen Gerhard „Gundi“ Gundermann, einen Liedermacher im Lausitzer Braunkohlerevier, der trotz seiner musikalischen Erfolge Baggerfahrer blieb, der sich als Kommunist bezeichnete, aber wegen „prinzipieller Eigenwilligkeit“ aus der SED ausgeschlossen wurde und der 1995 als Stasi-IM enttarnt wurde? Andreas Dresen liebt offenbar solche Gestalten mit all ihren Widersprüchen, „keine einfachen Antworten“ eben. Sie sind der Stoff, aus dem seine Filme sind.

 

Andreas Dresen wurde 1963 in Gera geboren, er arbeitete als Tontechniker am Theater Schwerin, machte ein Volontariat bei der DEFA und begann 1986 sein Studium an der berühmten Filmhochschule in Potsdam-Babelsberg. Das Studium schließt er 1991 ab. Sein erster Film „So schnell geht es nach Istanbul“, noch zu Studentenzeiten veröffentlicht, wird gleich mit Preisen ausgezeichnet – es zeigt, wie ein junger Türke aus West-Berlin nach dem Mauerfall rasch eine günstige Wohnung in Ost-Berlin finden will. Eine Ost-West-Geschichte mit Migrationshintergrund – welch ein Beginn für eine Karriere auf dem Grenzstreifen von Politik und Film!

 

Aber für rasche Vereinnahmungen ist dieser Regisseur nicht gemacht. Über den brandenburgischen „Provinzpolitiker“ Henryk Wichmann dreht er zwei Dokumentarfilme, er begleitet den CDU-Politiker monatelang, zunächst im erfolglosen Wahlkampf („Herr Wichmann von der CDU“, 2003), später ein Jahr lang, als Wichmann Abgeordneter im brandenburgischen Landtag ist („Herr Wichmann aus der dritten Reihe“, 2012). Als Dresen von der Deutschen Welle gefragt wird, was er aus der Zeit an der Seite eines Hinterbänklers gelernt hat, antwortet er, sein Bild von Politikern sei „mit Respekt erfüllt“ worden, weil diese sich in einem Wirrwarr von Interessen und Gesetzblättern durchzusetzen versuchten – für die Bürger etwas auszurichten versuchten. Und dann setzt er überraschend nach: „Für mich das Desillusionierende, muss ich ehrlich sagen, war fast eher die Begegnung mit dem Bürger, wo fast nur noch Forderungen gestellt werden, wo es fast nur noch um Partikularinteressen geht. Man geht aufeinander los, man ist nicht bereit, etwas Eigenes einzubringen in die Politik.“

 

Inzwischen muss sich Dresen selbst im Wirrwarr der Gesetzesblätter durchkämpfen, muss Interessen ausgleichen und etwas auszurichten versuchen: Seit 2012 ist er Mitglied des brandenburgischen Verfassungsgerichts – eines von vielen Ehrenämtern.

 

Im Hauptberuf bleibt Andreas Dresen aber Künstler, inzwischen auch Professor an der Hochschule für Musik und Theater in Rostock. Er ist ein ostdeutscher Künstler, ja, einer, der Bilder findet, die anders sind, der sich nicht scheut, Widersprüche offenzulegen, und dessen Filme so auch immer Bilder zeigen und evozieren, die Deutschland in einem anderen Licht erscheinen lassen. Solche neuen Bilder, Perspektivwechsel, sind wichtig in einer Demokratie – „Kunst bricht auf“, so lautete das Motto, als die Theodor Heuss Stiftung den Künstler Christo auszeichnete. Auch in Andreas Dresens Filmen bricht etwas auf, ruft zum Aufbruch – ganz besonders, wenn es um die deutsch-deutschen Verhältnisse und Befindlichkeiten geht. Es würde ihm allerdings ganz und gar nicht gerecht, wollte man Andreas Dresen auf seine politischen Filme reduzieren oder gar zum Verfassungshüter mit Filmkamera ernennen. Er ist ein Regisseur, der berührende, bewegende, aufregende und abenteuerliche Kinofilme macht. „Halbe Treppe“, „Sommer vorm Balkon“, „Wolke 9“, „Halt auf freier Strecke“, „Als wir träumten“ – wer diese und andere Dresen-Filme sieht, sieht danach ein bisschen anders, sieht genauer hin.

 

 

Perspektive hoch 3 e.V. - Dritte Generation Ostdeutschland

„Wir wollen…

… im Dialog mit der Öffentlichkeit einen Raum schaffen, in dem wir die unterschiedlichen Wahrnehmungen des Ostens von gestern anerkennen, um das Heute zu verstehen und Perspektiven für das Morgen zu entwickeln.

… mit anderen (zivil-)gesellschaftlichen Gruppen in Kontakt kommen, voneinander lernen und gemeinsam Ideen für mehr Engagement und Aktivität entwickeln.

… unsere Ideen verwirklichen und sichtbar machen und so einen aktiven Beitrag leisten.”

(So beschreibt der Verein Perspektive hoch drei selbst sein Anliegen auf seiner Webseite.)

 

Die Revolution 1989 war nicht nur ein politischer Systembruch, sondern ein tiefer Einschnitt in Biographien. In der öffentlichen Wahrnehmung, gerade aus Westdeutschland, spielt das eine untergeordnete Rolle. Was macht das mit Menschen, wenn ein ganzes Regime samt seiner Bürokratie abgewickelt wird? Wenn ca. 80 % der Bevölkerung zwischen 1990 und 1995 ihren Arbeitsplatz verlieren? Wenn es dreißig Jahre braucht, bis nach der friedlichen Revolution endlich gefeiert werden kann, dass zum ersten Mal eine Richterin mit Ost-Biographie ans Bundesverfassungsgericht berufen wird?

 

Die Deutsche Einheit ist ein Prozess, der noch nicht abgeschlossen ist, geschweige denn verstanden. Aber es gibt eine kleine engagierte Gruppe von Menschen, die verstehen will – auf Entdeckungsreise im eigenen Land. Im Verein Perspektive hoch 3 trifft sich vor allem die „Dritte Generation Ostdeutschland“ – Menschen aus den Jahrgängen 1975-1985, die in ein Land geboren wurden, das unterging, und die dann in „neuen Bundesländern“ aufwuchsen. Heute sind sie selbst Eltern, sie haben ihre Karrieren gemacht oder basteln noch an diesen, stehen in der Mitte der Gesellschaft. Aber: „Es klafft da eine Lücke.“

 

Neun ost- und westdeutsche Menschen fanden sich 2010 zusammen, um die Lücke zu schließen – oder überhaupt erst einmal die Defizite zu ergründen. Aus der losen Gruppe wurde 2013 der Verein Perspektive hoch 3, dessen Vorstand aktuell von Elisa Gutsche, Dr. Judith Enders und Michael Hacker gebildet wird. Elisa Gutsche, 1985 in Pirna geboren, formuliert drei Fragen als Triebfedern für ihr Engagement bei Perspektive hoch 3:

“Inwiefern prägen die Erfahrungen der Transformationszeit in Ostdeutschland noch heute Identitäten? Warum gibt es auch 30 Jahre nach der Friedlichen Revolution noch immer solche massiven strukturellen, sozialen und politischen Unterschiede zwischen Ost & West? Und was ist politisch zu tun, um diese Unterschiede zu beseitigen?”

 

Jede dieser Fragen zeigt auf die Lücke. Oder ist es schon eine klaffende Wunde des Einigungsprozesses, die – zumindest im Westen Deutschlands – viel zu lang ignoriert wurde?  Die Aktiven von Perspektive hoch 3 begeben sich immer wieder auf die Suche nach Antworten, versuchen, Gespräche in Gang zu bringen, Vorschläge zu entwickeln und mit soziokulturellen Aktionen ein Nachdenken anzuregen. Eine der ersten Aktionen des Vereins ist die Verleihung des Mauersegler Kurzfilmpreises 2014: Mit dem Internationalen Kurzfilmfestival Berlin werden junge Filmemacher*innen aufgerufen, ihren Blick auf die Transformationszeit im Osten zu zeigen. 2016 präsentierte der Verein in einer sehr erfolgreichen Ausstellung “Der dritte Blick” fotographische Positionen junger ostdeutscher Fotografinnen wie bspw. Andreas Mühe oder Anne Heinlein.Der Sammelband “Wie war das für euch? Die dritte Generation Ost im Gespräch mit den Eltern”, ein Demographie Lab  Zeitzeugenworkshops,Lesungen und öffentliche Debatten folgen. Im Internet wird das „Zeitenwende-Lernportal“ zur Verfügung gestellt – eine Fundgrube mit Zeitzeugenpool, Materialsammlung und Lernmodulen, mit denen Alltagsperspektiven auf die DDR-Zeit und die Zeit der Transformation eröffnet werden.

 

Wie lassen sich diese Aktivitäten einordnen? „Aufarbeitung“ und „Vergangenheitsbewältigung“ – diese Begriffe sind besetzt. Die Aktiven „erobern“ sich auch nicht die Geschichte und es ist keine „Selbstvergewisserung“ – dafür sind sie einerseits viel zu offen, andererseits viel zu selbstbewusst und methodenstark. Es ist zukunftsorientiertes, zivilgesellschaftliches Engagement aus einer historischen Verantwortung heraus – eine Kombination, die bei zahlreichen Auszeichnungen mit Theodor Heuss Medaillen eine Rolle spielte. Das fabelhafte Ergebnis: Die Dritte Generation Ostdeutschland wird gehört, ihre Perspektiven, die auf den sonderbaren Erfahrungen der verrückten Jahre um 1989 aufbauen, entfalten Prägekraft. Nur als Beispiel: Judith Enders vertritt Perspektive hoch 3 in der Kommission der Bundesregierung zu „30 Jahre Friedliche Revolution und Deutsche Einheit“. Gemeinsam mit Dörte Grimm, eine Mitstreiterin des Vereins, referierte sie schon vor Koreanern und Südafrikanern, die sich für das Thema Transformation und„Wiedervereinigung“ interessieren. Es wird um mehr gegangen sein als das Bewohnen von Plattenbauten. Inzwischen wagt man sich eben weiter und das Universelle der Transformationserfahrung und des Perspektivwechsels wird erkannt.

 

Jakob Springfeld

„Ich kämpfe für das Aufwachen von Zwickauern und Zwickauerinnen, in dem nicht länger weggesehen wird, wenn Nazis im Stadtrat sitzen oder politisch aktive Menschen angepöbelt werden. Wir stehen für ein anderes Zwickau, wir haben es uns zum Kampf gemacht, zusammenzuhalten und zu zeigen, dass Solidarität stärker ist als jeder Hass. Diese Erkenntnis ist die wichtigste zur Bewältigung der Klimakrise und die Klimakrise wird noch mächtiger auf uns hereinbrechen als rechter Hass, wenn wir nicht sofort etwas unternehmen.“

(Jakob Springfeld auf herzkampf.de)

 

Will man mit Jakob Springfeld Kontakt aufnehmen, muss man natürlich – Jakob Springfeld ist 18 Jahre alt – über die sozialen Netzwerke gehen, Twitter oder Instagram etwa. Sein Instagram-Profil ist mit gerade einmal drei Beiträgen beruhigend schlicht gehalten, aber die drei Schlagworte, mit denen er sich selbst charakterisiert, haben es in sich: „refugees welcome ǀ fck nzs ǀ climate justice“. Ein „Gutmensch“? Diese manchmal spöttelnd-genervte Charakterisierung lässt er gern auf sich sitzen – was wäre auch die Alternative zum Gutmenschensein? Wenn Jakob Springfeld über seine Politisierung spricht, dann erzählt er manchmal vom Jahr 2015, als er sich mit seinem Vater in einer Kirchengemeinde um Flüchtlinge gekümmert hat. Da war er 12, 13 Jahre alt. Es entstanden Freundschaften. Aber für den „Refugees welcome“-Pullover, den er dann trug, wurde der Schüler auf der Straße angepöbelt.

 

Auf einem der Instagram-Fotos steht Jakob Springfeld neben Angela Merkel, seine Frisur ist ein bisschen wilder als ihre, er hat ein Mikrofon in der Hand, er formuliert eine Forderung. Das Foto stammt vom 4.11.2019. Die Bundeskanzlerin und der sächsische Ministerpräsident Michael Kretschmer waren in Zwickau, um Erinnerungsbäume für die Opfer der Terrorgruppe NSU („Nationalsozialistischer Untergrund“) zu pflanzen. In Zwickau hatten die Rechtsterroristen ihr letztes Domizil vor ihrer Festnahme. Dass die Spitzenpolitiker überhaupt zu diesem Anlass nach Zwickau kamen, hat vielleicht auch mit Jakob Springfeld zu tun, den damals 17-jährigen Schüler vom Peter-Breuer-Gymnasium, auf den sie dann auch treffen. Für Enver Şimşek, das erste Opfer des NSU, hatte es in Zwickau einen ersten Gedenkbaum und eine Ruhebank gegeben. Als diese Denkmäler geschändet wurden, wollte Springfeld das nicht einfach so stehen lassen. Er organisierte eine spontane Gedenkminute: Rund 120 junge Menschen versammelten sich in der Mittagspause am umgesägten Baum, über Instagram und Klassenchats hatte sich Jakob Springfelds Aktion herumgesprochen. Die jungen Menschen erinnerten an Enver Şimşek, jenen Blumenhändler in Nürnberg, der 2000 ermordet wurde. „Wir wollten es einfach nicht zulassen, dass in unserer Stadt die Nazis das Sagen haben“, so formulierte Jakob Springfeld seine Motivation später gegenüber der Süddeutschen Zeitung. Als Angela Merkel einen Monat später nach Zwickau kam, forderte der junge Mann mit der etwas wilden Frisur, dass es ein Bildungs- und Dokumentationszentrum zum rechten Terror in Zwickau geben sollte.

 

Nazis in Zwickau – eine traurige Realität, Jakob Springfeld und seine Mitstreiter*innen werden immer wieder von rechten Gruppen bedroht. Auch das ist Teil der bundesdeutschen Geschichte vor und nach 1989 – seit 1990 hat die Theodor Heuss Stiftung sieben Mal Initiativen mit Medaillen geehrt, deren Mitglieder sich mit Courage und persönlichem Einsatz rechtsradikalen und fremdenfeindlichen Kräften in ihren Heimatstädten entgegengestellt haben – nicht nur in Ostdeutschland, wohlgemerkt.

 

Jakob Springfeld will es sich einfach nicht gefallen lassen, dass die Rechten in seiner Heimatstadt den Ton angeben und ein braunes Bild von Zwickau prägen. In seinem Engagement steckt ein urdemokratischer Impuls – es ist eben die Übernahme von Verantwortung für das eigene Gemeinwesen, mit klaren Aktionen, modernen Methoden und einer bunten Vision. In dieser Vision spielt das Stoppen des Klimawandels eine entscheidende Rolle. Jakob Springfeld hat Fridays for Future und die Grüne Jugend in Zwickau mitgegründet, zum internationalen Klimastreik waren Hunderte junger Menschen in Zwickau auf der Straße. Gut möglich, dass ihm die Spitzenpolitiker*innen auch in dieser Frage noch einmal genauer zuhören müssen.

 

 

 

Bernhard Winter

 „Mitkriegen, was los ist. Wirklichen Kontakt zu den Menschen suchen. Nicht nur über Facebook, Twitter, Hochglanzprospekte, mit Strahlemann-Plakaten oder mit 48-seitigen Grundsatzpapieren. Nein! Wirklichen Kontakt: damit meine ich Begegnungen mit Menschen aus Fleisch und Blut. Das fängt mit dem Gesicht an, das wir machen, wenn wir durch unseren Ort gehen: Griesgrämig oder freundlich? Sagen wir Grüß Gott oder huschen wir am anderen vorbei? Wie ist unser Händedruck? Gehen wir überhaupt noch zu Fuß durch unseren Ort? Oder spielt sich unser Leben ab im Auto, vor dem Computer, im Büro, in irgendeiner Wahlkampfzentrale, in sterilen Räumen, weit weg von den Menschen? Kommen wir in ein wirkliches Gespräch mit den Menschen? Machen wir Ohren und Augen auf, wenn sie mit uns reden und von ihren Sorgen und Wünschen erzählen?“

(Bernhard Winter auf winternetz.net, Rede zur Verleihung der Georg-von-Vollmar-Medaille 2019)

 

 

Bernhard Winter weiß, wovon er redet, wenn er darüber spricht, wie Politik sein sollte: Er war von 2002 bis 2011 Bürgermeister von Markt Schwaben, einer kleinen Stadt in Oberbayern. Das Zuhören, den „wirklichen Kontakt“ hat er zum Motto seiner Arbeit als Politiker, aber auch als Angehöriger der Zivilgesellschaft gemacht. „Kontakt“ – dieses Wort kommt vom lateinischen contingere – berühren. Wie wichtig die gegenseitige „Berührung“, der „wirkliche Kontakt“ ist, das ist in Zeiten pandemiebedingten Abstandhaltens erfahrbar geworden. Bernhard Winter hat es schon lange vorher als Grundprinzip eines demokratischen Gemeinwesens ausgemacht. Menschen müssen miteinander reden, ihre Sorgen und Wünsche miteinander teilen, sich begegnen. Das ist die Voraussetzung dafür, dass Demokratie gelingen kann, dass aus der Vielfalt unterschiedlicher Menschen eine Gemeinsamkeit wächst, aus der heraus sich das Zusammenleben positiv gestalten lässt.

 

Winter wurde 1954 in Augsburg geboren, er studierte nach dem Zivildienst Psychologie in München und ist approbierter psychologischer Psychotherapeut. Bis zur Wahl zum Bürgermeister arbeitete er in therapeutischen Heimen für Jugendliche und in der Jugend- und Behindertenhilfe. Zur Bürgermeisterwahl trat Bernhard Winter mit einem schlichten „JA“ als Motto an: Positiv auf die Menschen zuzugehen, sie zusammenzubringen, das war sein Ziel, und in den vielfältigen Aktivitäten seiner Amtszeit scheint der Gedanke immer wieder auf: die Belebung der Ortsmitte, das Zusammenbringen von Menschen an „Runden Tischen“, das gemeinsame Feiern, internationale Kontakte. JA steht bei Winter auch für „Jung & Alt“, er greift damit eine der Polarisierungen auf, die auch für – aus nicht-bayerischer Perspektive betrachtet – idyllische Kommunen wie Markt Schwaben eine Herausforderung ist. 2011, nach einer zweiten Amtszeit, schied Winter aus dem Amt, seither arbeitet er als Psychotherapeut in eigener Praxis, macht Öffentlichkeitsarbeit für eine Kinderklinik, schreibt Gedichte. Und er veranstaltet weiter die „Sonntagsbegegnungen“.

 

Schon 1992 initiierte er dieses Gesprächsformat. 2020 fand die 100. Ausgabe statt, der Kabarettist Gerhard Polt und der Schriftsteller Franz Hohler saßen gemeinsam auf der Bühne, auf der vor ihnen so viele andere Prominente gesessen hatten, die den Weg nach Markt Schwaben auf Einladung von Bernhard Winter gefunden hatten: Winter spannte Gregor Gysi und Bischof Wolfgang Huber zusammen, die deutsche Familienministerin Renate Schmidt und ihre türkische Kollegin Güldal Akşit, den Schriftsteller Sten Nadolny und den bayerischen Wirtschaftsminister Martin Zeil. Hans-Jochen Vogel, der in diesem Jahr verstorbene große Sozialdemokrat, war immer wieder zu Gast, auch als Schirmherr.

 

Die Sonntagsbegegnungen, natürlich in der Mitte des Ortes stattfindend, sind ein Forum. Bernhard Winter geht es nicht so sehr, so steht zu vermuten, um die prominenten Gäste als vielmehr um das Publikum. Ein „wirkliches Gespräch“ soll da entstehen – vielleicht lassen sich die Sonntagsbegegnungen als eine Art „Hochamt“ der Zivilgesellschaft verstehen. Bernhard Winter spricht immer wieder die Einladung aus, miteinander in Kontakt zu kommen. In Zeiten polarisierter Diskussionen und wütender Konfrontationen kann es gar nicht genug solcher „Brückenbauer“ (Süddeutsche Zeitung) geben.

Nach 30 Jahren: Wie schafft Demokratie Einheit in Vielfalt?

Am 26. September 2020 wurde der 55. Theodor Heuss Preis verliehen: fantastischer Preisträger, grandiose Medaillenträger*innen, hervorragende Laudatio, glänzende Reden, beeindruckende Gesprächsrunden, berührende Musik –

 

hier kann man alles noch einmal ansehen:

 

https://www.youtube.com/watch?v=ZnRRDuZ8_3s

 

 

Den 55. Theodor Heuss Preis erhält der Filmregisseur Andreas Dresen für sein künstlerisches Werk, das auf ehrliche und kraftvolle Weise Geschichten aus Ostdeutschland für ein gesamtdeutsches Publikum erzählt. Die überparteiliche Theodor Heuss Stiftung, die den Preis in Erinnerung an den ersten Bundespräsidenten vergibt, erklärt: „In Filmen wie „Gundermann“ oder „Als wir träumten“ macht Dresen das Selbstverständnis vieler Ostdeutscher mit Geschichten von Anpassung und Widerstand zum Thema. Plakative politische Aussagen sind ihm fremd, –seine Filme sind immer getragen von Respekt für den anderen und von demokratischen Werten. Sie sind Beispiele für Kunst, die politische Sprachlosigkeiten überwindet.“

 

Die Verleihung des Theodor Heuss Preises 2020 ist ein Auftakt zu den Feierlichkeiten zum 30. Jubiläum des Tags der Deutschen Einheit und steht unter dem Jahresthema „Nach 30 Jahren: Wie schafft Demokratie Einheit in Vielfalt?“.

 

Neben dem Theodor Heuss Preis werden drei Theodor Heuss Medaillen für besonderes Engagement für Demokratie und Bürgerrechte vergeben. Sie gehen an die Initiative „Perspektive hoch 3 e.V. – Dritte Generation Ostdeutschland“ für das demokratiepolitische Engagement der Mitglieder, die ausgehend von ihren Wende- und Nachwende-Erfahrungen ihre Rolle als „Raumpioniere“ und Mittler zwischen Ost und West gefunden haben und mit hohem Verantwortungsbewusstsein, Mut und Optimismus Zukunft gestalten; an den Schüler und Aktivisten Jakob Springfeld aus Zwickau für sein mutiges Engagement, mit dem er die Erinnerung an die Anschläge des NSU wachhält; und an den Therapeuten, Dichter und ehemaligen Bürgermeister Bernhard Winter aus Markt Schwaben (für sein langjähriges demokratiepolitisches und bürgerschaftliches Engagement mit über einhundert Sonntagsbegegnungen, die die Vielfalt in der Demokratie spiegeln.

 

Die Theodor Heuss Stiftung lenkt mit der Auszeichnung von Andreas Dresen und der Theodor Heuss Medaillenträger den Blick auf den Zustand der demokratischen Verständigung in Deutschland 30 Jahre nach der Wiedervereinigung: Spannungen zwischen Ost und West, Stadt und Land, Jung und Alt erschweren den Dialog. In einer freiheitlichen Demokratie bestehe aber die Chance der Verständigung, so Gesine Schwan, die Vorsitzende des Kuratoriums der Theodor Heuss Stiftung: „Wie wir diese Chance nutzen, hängt von uns ab. Zur Demokratie gehört eine Kultur der Empathie, des Zuhörens und der Kooperation. Die sollten wir mehr als bisher praktizieren. Dafür stehen der Theodor Preis- und die Theodor Heuss Medaillenträger auf beispielhafte Weise.“