Human Rights Watch (HRW),
Prof. Dr. Meinhard Miegel,
Prof. Dr. Klaus Töpfer

 

Human Rigths Watch (HRW)

Der Theodor-Heuss-Preis für das Jahr 2005 wird der Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch (HRW) für ihr langjähriges Engagement zur Einhaltung der Menschenrechte verliehen. Die Organisation wurde 1978 zunächst als Helsinki Watch zur Einhaltung der Menschenrechte in der Sowjet-Union und in Osteuropa gegründet. Heute arbeitet sie weltweit mit hunderten von freiwilligen Mitarbeitern, darunter Anwälte, Journalisten und Länderexperten, von einem zentralen Büro in New York und Außenstellen u.a. in Brüssel, London, Genf sowie einigen afrikanischen und südamerikanischen Ländern aus. In Deutschland soll dieses Jahr eine Gründung erfolgen. Nachforschungen der Organisation werden derzeit an über 70 Brennpunkten gravierender Menschenrechtsverletzungen durchgeführt, unter anderem im Sudan, Irak, Kongo, in Darfur, Nepal, Afghanistan und in US-Gefängnissen wie Abu Ghraib und Guantanamo Bay. Besondere Schwerpunkte der in jeder Hinsicht, auch finanziell, regierungs- und politisch unabhängigen Untersuchungen waren in jüngster Zeit z. B. sexuelle Gewalt gegen Frauen und Kinder, Waffenlieferungen, Misshandlungen von jungen Rekruten in der russischen Armee, AIDS in Afrika, Kindersoldaten u.v.m. Andere Projekte beziehen sich auf die Freiheit der akademischen Lehre, die Verantwortung von Konzernen, auf internationales Recht, Zensur und Flüchtlinge. Die Berichte von Human Rights Watch sind wegen ihrer Genauigkeit, Unparteilichkeit und Vollständigkeit bei Regierungen und internationalen Organisationen anerkannt, aber auch gefürchtet. Aufgrund ihrer Erfahrungen sind die Mitarbeiter von Human Rights Watch davon überzeugt, dass Menschenrechte besser geschützt werden können, wenn ein Netzwerk freiwilliger gesellschaftlicher Zusammenarbeit über ihre Einhaltung wacht, Verstöße öffentlich anprangert und Abhilfe durchsetzt. In einer Zeit, in der weltweit vor aller Augen auf unterschiedlichsten Ebenen des politischen und gesellschaftlichen Handelns im kleinen und großen Maßstab die Menschenrechte missachtet und mit Füssen getreten werden, zeigt diese Organisation beispielhaft, wie einem eklatanten Missstand mit friedlichen Mitteln entgegengetreten werden kann. Dafür schulden wir Human Rights Watch Dank und Anerkennung. »

Prof. Dr. Meinhard Miegel

Der Theodor-Heuss-Preis für das Jahr 2005 wird dem Juristen, Gesellschaftswissenschaftler und Leiter des Instituts für Wirtschaft und Gesellschaft Bonn e.V. (IWG) Meinhard Miegel zuerkannt, weil er ein Aufklärer, ein unbestechlicher und manchmal unerbittlicher Beschreiber und Deuter gesellschaftlicher und wirtschaftlicher Sachverhalte ist. Sein Instrument war und ist das 1977 gemeinsam mit Kurt Biedenkopf gegründete Institut für Wirtschaft und Gesellschaft in Bonn. Das Institut sieht eine seiner zentralen Aufgaben in der Beratung von Politik, hat es aber stets vermieden, sich von öffentlichen Finanzquellen abhängig zu machen. Das IWG war und ist ausschließlich privat, durch die Mitglieder des Trägervereins finanziert, eine ganz und gar zivilgesellschaftliche Organisation. Bei der selbst gestellten Aufgabe radikaler Sachverhaltsaufklärung wurde auf die Interessen der Geldgeber, wenn diese im Gegensatz hierzu standen, nie Rücksicht genommen. Viele Mächtige fanden sich im Spiegel der Publikationen von Miegels Institut als Kaiser ohne Kleider. Aber Miegel sah sich nie nur als Enthüller, sondern als Planer. Er nutzte viele Gelegenheiten, zum Beispiel in der Bayrisch-Sächsischen Zukunftskommission, um sich an der Entwicklung von Antworten auf die von ihm und seinen Kollegen analysierten Probleme zu beteiligen. Angesichts der Unfähigkeit von Politik und Verbänden, notwendige und vorgeschlagene Reformwege zu gehen, gründete Miegel den Bürgerkonvent. Ziel ist es Bürger zu mobilisieren, die in allen Parteien und an vielen anderen Stellen der Gesellschaft Zukunftsmut machen sollen. Der Theodor-Heuss-Preis 2005 gilt einem unermüdlichen Aufklärer, der Wahrnehmungsverzerrungen und Denkblockaden aufzeigt, Lösungswege benennt und vor Erstarrungen und dem Verlust der Zukunftsfähigkeit warnt. Dafür schulden wir ihm Dank und Anerkennung. »

 

Prof. Dr. Klaus Töpfer

Der Theodor-Heuss-Preis für das Jahr 2005 wird dem Leiter des Umweltprogramms der Vereinten Nationen (UNEP) in Nairobi/Kenia Klaus Töpfer zuerkannt, weil er ein glaubwürdiger und leidenschaftlicher Verfechter einer nachhaltigen Entwicklung von Umwelt und Gesellschaft im globalen Zusammenhang ist. Er verkörpert damit ein wesentliches Element von Zukunftsfähigkeit, das den engen Spielraum ausschließlich nationaler und kurzfristiger ökonomischer Interessen sprengt. Beharrlich und gegen Widerstände hat Töpfer seine Politik für Umweltschutz fortgeführt und sich dabei als Vermittler zwischen Interessengegensätzen bewährt. Als gelernter Ökonom und Befürworter einer sozialen Marktwirtschaft war ihm dabei die Suche nach dem praktisch Mach- und Realisierbaren ein bedeutendes Ziel. Ein wichtiger Erfolg war die UN Konferenz 1992 in Rio de Janeiro, zu der Töpfer als damaliger Bundesumweltminister und Vertreter der Bundesregierung maßgeblich beigetragen hat. Als Leiter des Umweltprogramms der Vereinten Nationen (UNEP) in Nairobi hat er eine Außensicht auf die Entwicklungen in Deutschland und Europa. Er betont immer wieder die große Bedeutung internationaler Zusammenarbeit, ohne die sich die Gefahren für Wasser, Luft, Wald und Wetter nicht bannen lassen. So ist er auch ein Wegbereiter des Kyoto-Protokolls, das er als Maßnahme zum schrittweisen Abbau fossiler Brennstoffe und damit des CO2-Ausstoßes in unserer Energieversorgung unterstützt. Ebenso hält er Ökosteuern als Lenkungsmaßnahme für sinnvoll und unterstützt den Einsatz erneuerbarer Energien. Der Theodor-Heuss-Preis 2005 gilt einem ehrlichen Vermittler im globalen Interessenausgleich, der die Bedeutung des Umweltschutzes weltweit voranzutreiben sucht, sich für die Interessen der Entwicklungsländer einsetzt und in vorbildlicher Weise besonders jungen Menschen Mut macht und Wege in die Zukunft aufzeigt. Dafür schulden wir ihm Dank und Anerkennung.

Es wurden keine Theodor Heuss Medaillen vergeben

40 Jahre Theodor Heuss Stiftung 1965-2005
– Herausforderungen für die Zukunft

Theodor Heuss Stiftung Theodor Heuss Stiftung Theodor Heuss Stiftung Theodor Heuss Stiftung Theodor Heuss Stiftung Theodor Heuss Stiftung Theodor Heuss Stiftung Theodor Heuss Stiftung Theodor Heuss Stiftung Theodor Heuss Stiftung Theodor Heuss Stiftung Theodor Heuss Stiftung Theodor Heuss Stiftung Theodor Heuss Stiftung Theodor Heuss Stiftung Theodor Heuss Stiftung Theodor Heuss Stiftung Theodor Heuss Stiftung Theodor Heuss Stiftung Theodor Heuss Stiftung Theodor Heuss Stiftung

Begrüßung Dr. Ludwig Theodor Heuss Sehr verehrter Herr Bundespräsident, sehr verehrte Preisträger, sehr verehrter Herr Bundespräsident von Weizsäcker, sehr verehrter Herr Bundespräsident Scheel, liebe Frau Hamm-Brücher, sehr geehrter Herr Minister, sehr geehrter Herr Oberbürgermeister, sehr geehrte Freunde und Förderer der Theodor-Heuss-Stiftung, meine sehr geehrten Damen und Herren, es ist eine besondere Feierstunde, die wir heute mit der 40. Verleihung des Theodor-Heuss-Preises begehen und für mich eine ganz besondere Freude, Sie alle hier in Stuttgart begrüßen zu dürfen. Ganz besonders herzlich möchte ich Sie, sehr verehrter Herr Bundespräsident, und Sie, sehr verehrte Frau Köhler, begrüßen und Ihnen beiden danken, dass Sie es möglich machen konnten heute unter uns zu sein. Das Interesse und die Sympathie, die wir von Ihnen schon für unsere Stiftung erfahren durften, stützt und stärkt uns. Ganz herzlich willkommen und herzlichen Dank. Ich begrüße sehr herzlich die diesjährigen Preisträger des Theodor- Heuss-Preises, Herrn Professor Meinhard Miegel, Gründer und Leiter des Instituts für Wirtschaft und Gesellschaft Bonn e.V. (IWG), Herrn Professor Klaus Töpfer, Bundesumweltminister a.D. und Leiter des Umweltprogramms der Vereinten Nationen (UNEP) in Nairobi/Kenia, sowie Herrn Kenneth Roth, und mit ihm die weiteren Vertreter der Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch. Es war uns schon bei der Auswahl bewusst, dass es keine leichte Aufgabe sein würde diese drei Preisträger in einer gemeinsamen Laudatio zu würdigen. Ich danke darum Bischof Wolfgang Huber, Bischof der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg und Ratsvorsitzender der EKD sehr herzlich, dass er auf unsere Bitte hin diesen Kelch nicht an sich vorbeiziehen ließ, sondern ihn ergriffen hat. Auch Ihnen, der Sie unserer Stiftung seit Jahren verbunden sind, ein herzliches Willkommen. Zur heutigen Feierstunde ist wiederum eine große Zahl ehemaliger Preisträger unter uns. Lassen sie mich stellvertretend Sie beide sehr herzlich begrüßen, Herr Altbundespräsident Richard von Weizsäcker, Preisträger des Jahres 1984, langjähriger Vorsitzender des Kuratoriums Nachhaltige Demokratiepolitik und Schlussredner des heutigen Tages, und Sie, Herr Altbundespräsident Walter Scheel, Preisträger des Jahres 1971 und unser Ehrenvorsitzender seit 1978. Ihnen beiden gilt für Ihre Treue und Ihr Wohlwollen unserer Stiftung gegenüber großer Dank. Und, meine Damen und Herren, sehen Sie mir meine Schwierigkeiten mit dem Protokoll nach und lassen Sie mich an dieser Stelle aus dem Kreis anwesender Preisträger und Freunde noch einige nennen, denen wir uns als Stiftung besonders verbunden fühlen. Ich begrüße Walter Jens, Hans Küng, Hans Jochen Vogel und Hartmut von Hentig. Meine Damen und Herren, als Münchner Kind ist die Theodor-Heuss-Stiftung seit 1985 fest in Stuttgart heimisch geworden und hat einen großen Kreis von Freunden und Förderern gefunden, denen wir in Dankbarkeit verbunden sind. Ich begrüße Herrn Justizminister Ulrich Goll als Vertreter der Landesregierung von Baden-Württemberg und den Oberbürgermeister der Landeshauptstadt Stuttgart, Herrn Wolfgang Schuster. Ein herzlicher Gruß und Dank auch an die zahlreichen privaten Förderer unserer Arbeit: Großzügige Einzelpersonen und die Robert Bosch Stiftung, die durch ihre Beiträge an den Freundeskreis unsere inhaltliche Arbeit erst ermöglichen. Stadt, Land und der Freundeskreis sind die Pfeiler, die auch in Zukunft unser Bestehen sichern. Alle wären wir jedoch nichts ohne Sie, sehr verehrte, liebe Hildegard Hamm-Brücher, unsere Gründungsvorsitzende. Sie haben die Theodor-Heuss-Stiftung 1965 wenn nicht als Bürgerinitiative, so doch als einen Verein initiativer Bürger gegründet und während 38 Jahren geleitet. Das heutige Jubiläum gilt Ihrem Werk. Herzlich willkommen! Meine Damen und Herren, 60 Jahre sind seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs vergangen, während 40 Jahren, seit 1965, hat die Theodor-Heuss-Stiftung die Entwicklung der Demokratie in Deutschland nach der Diktatur begleitet und kommentiert. 1965 bis 2005: Im Rückblick über die vergangenen Jahrzehnte spannt sich ein Bogen miterlebter Zeitgeschichte. Wir freuen uns, dass wir Ihnen in diesem Jahr unter dem Titel »Demokratie ist keine Glücksversicherung« eine von Beatrice von Weizsäcker in enger Zusammenarbeit mit Hildegard Hamm-Brücher herausgegebene Chronik unserer eigenen Geschichte vorlegen dürfen. Die Schrift ist im Hohenheim Verlag erschienen und natürlich auch heute hier erhältlich. Feierlichkeit und Vollendung des vierten Dezenniums sollen aber nicht bedeuten, dass ein auf die Vergangenheit gerichteter Blick sich in der eigenen Nabelschau genügt. Im Gegenteil: Die Reflexion der Zeitläufe soll uns eine Grundlage sein uns den neuen Herausforderungen in Gegenwart und Zukunft zu stellen. Die Entwicklung von Demokratie und Bürgergesellschaft in Deutschland aus den Ruinen einer durch Diktatur und Krieg zerstörten Gesellschaft war in den vergangenen Jahrzehnten vielfach mühsam, beschwerlich und nicht frei von Rückschlägen. Wir Jüngere dürfen heute einer Generation dankbar sein, die die politischen und auch ökonomischen Voraussetzungen unserer Lebensform geschaffen hat. Die Festigung und Entfaltung unserer Demokratie fiel auch mit einer Periode beispielloser Entwicklung von wirtschaftlichem Wachstum, Wohlstand und sozialer Sicherheit zusammen. Heute leben wir in einer Zeit, in der zunehmend die Erkenntnis reift, dass nicht nur kurzfristige konjunkturelle Schwankungen das ökonomische Fundament unserer Gesellschaft erschüttern, sondern dass uns tief greifende und wohl auch schmerzliche Reformen und Veränderungen ins Haus stehen. Nein, – Demokratie ist keine Glücksversicherung, aber noch viel weniger darf der Irrtum gelten, Demokratie sei eine Wohlstandsprämie. Die Wirkungsfelder unserer heutigen drei Preisträger verbindet in besonderem Maß das Prinzip der langfristigen Perspektive. Realistische und realisierbare soziale Sicherung, der Erhalt unserer natürlichen Ressourcen und der Schutz von Bürger- und Menschenrechten, das sind Grundwerte der Demokratie, die auch bei fehlendem Wachstum und sinkenden Wohlstand nicht verhandelbar sind. Liebe Hildegard Hamm-Brücher, noch bevor das Wort Nachhaltigkeit Eingang in den deutschen Alltagswortschatz gefunden hat, haben Sie mit der Gründung dieser Stiftung eine Basis für nachhaltige Demokratiepolitik gelegt. Wir, die im vergangenen Jahr die Geschicke dieser Stiftung übernehmen durften, danken Ihnen dafür und versprechen, dass wir uns, ganz in Ihrem Sinne, nicht vor den Herausforderungen der Zukunft drücken werden. Meine Damen und Herren, seien Sie uns zur heutigen Veranstaltung herzlich willkommen. » merken Grußwort Bundespräsident Prof. Dr. Horst Köhler »Demokratie ist keine Glücksversicherung, sondern das Ergebnis politischer Bildung und demokratischer Gesinnung«, hat Theodor Heuss schon 1928 gesagt. Dies ist der wohl am häufigsten von ihm zitierte Ausspruch. Ich habe deshalb gezögert, ihn an den Anfang meines kurzen Grußwortes zu stellen. Aber diese Feststellung ist gerade heute wichtig. Denn lange Jahre waren in der Bundesrepublik wachsender Wohlstand und Demokratie nahezu identisch. Dass Demokratie jedenfalls keine ökonomische Glücksversicherung ist, ist uns heute angesichts der Probleme und wirtschaftlichen Schwierigkeiten unseres Landes sehr bewusst. Sich gerade in dieser Situation an Theodor Heuss zu erinnern und seine Äußerungen im Original zu lesen, ist lohnend. Und deshalb bin ich auch gern zur heutigen Preisverleihung gekommen. Theodor Heuss hat viel dazu beigetragen, dass unser Land heute auf einem stabilen demokratischen Fundament ruht. Er steht mit seinem Namen und seinen Idealen für den Preis, der heute vergeben wird. Heute feiern wir die 40. Verleihung des Theodor-Heuss-Preises. Sie, verehrte Frau Hamm-Brücher, haben Theodor Heuss als junge Frau von 25 Jahren bei einem Interview kennen gelernt. Sie haben der Theodor-Heuss-Stiftung über 40 Jahre »Herz, Stimme und Schwungrad« verliehen, wie dies ein Journalist jetzt schrieb. Ich bin heute auch hergekommen, um Frau Hamm-Brücher für ihr unermüdliches Engagement für die Stiftung und die Werte der Demokratie zu danken. Theodor Heuss war einer der Gründungsväter unseres Staates, der Bundesrepublik Deutschland. Die Verleihung des Theodor Heuss Preises ist deshalb immer zweierlei. Sie ist zum einen eine Ehrung der Preisträger, die im Sinne von Theodor Heuss gewirkt haben. Es sind Preisträger, die sich durch vorbildliches demokratisches Verhalten, bemerkenswerte Zivilcourage und beispielhaften Einsatz für das Allgemeinwohl ausgezeichnet haben. Bischof Huber wird anschließend die heutigen Preisträger würdigen. Die Verleihung des Preises ist aber zum anderen eine Erinnerung an den ersten Bundespräsidenten der Bundesrepublik Deutschland. Die Erinnerung an ihn und natürlich auch an die anderen Persönlichkeiten, mit denen unsere demokratische Tradition verbunden ist, gehört zu einem lebendigen Patriotismus. Deshalb liegt mir daran, dass die Kenntnis über die Gründer unseres Staates bei den Bürgerinnen und Bürgern fest verankert bleibt. Theodor Heuss schlägt durch seinen Lebensweg zugleich die Brücke zu den Demokraten der Weimarer Republik. Mit dem Reichspräsidenten Friedrich Ebert stand er in gutem Kontakt. Dessen staatsmännisches und unparteiisches Wirken beeindruckte ihn damals tief. Theodor Heuss war Mitglied des Parlamentarischen Rates, der unser Grundgesetz formuliert hat. Und Carlo Schmid hat über ihn gesagt: »Unter den Mitgliedern des Parlamentarischen Rates war Theodor Heuss einer der wenigen, der über echte parlamentarische Erfahrungen verfügte. Unter ihnen ist Theodor Heuss am stärksten hervorgetreten, so stark, dass er dem Grundgesetz die Züge seines Wesens einzuprägen vermochte.« Nachdem er 1949 zum ersten Bundespräsidenten gewählt worden war, lag es an Theodor Heuss, dieses Amt mit Leben zu erfüllen. Er hat hierzu schon bei seinem Amtsantritt gesagt: »Was ist denn das Amt des Präsidenten der Bundesrepublik Deutschland? Bis jetzt ist es ein Paragraphengespinst gewesen und die Frage ist nun, wie wir, wir alle zusammen, aus diesem Amt etwas wie eine Tradition, etwas wie eine Kraft schaffen, die Maß und Gewicht besitzen und im politischen Kräftespiel sich selber darstellen will.« Heute fassen wir dies in dem kurzen Satz zusammen: Die Person des Bundespräsidenten prägt das Amt. Theodor Heuss hat dieses Amt in besonderer Weise geprägt. Heuss hat großen Wert auf direkten Kontakt mit der Bevölkerung gelegt. Bereits unmittelbar nach seiner Wahl hat er auf dem Bonner Marktplatz zu den Bürgern gesprochen und er hat ihnen gesagt, dass die Verfassung im Bewusstsein und der Freude des Volkes selbst lebendig sein muss. Die Zustimmung der Menschen war für ihn eine Legitimation für seine Arbeit. Diesen Kontakt mit den Menschen hatte er immer gesucht. Er hat viele Möglichkeiten ergriffen, um zu und mit den Bürgern zu sprechen. Nicht zuletzt deshalb hat er schnell Vertrauen und Ansehen gewonnen. Seine Beliebtheit lebt bis heute im Gedächtnis vieler Menschen in dem liebevollen Spitznamen »Papa Heuss« fort. Zu seiner Popularität hat auch die Fähigkeit beigetragen, schwierige Fragen offen anzusprechen. Schon früh hat Theodor Heuss auf die Verbrechen des Naziregimes hingewiesen. In einem allgemeinen Klima des Verdrängens hat er die Dinge klar benannt. Bei der Einweihung des Mahnmals im ehemaligen KZ Bergen-Belsen provozierte er mit dem Hinweis, jeder Deutscher habe in irgendeiner Weise von den Verbrechen an den Juden gewusst. Gegen andere Empfehlungen hat er bei seinem Besuch in Rom darauf bestanden, der in den »Ardeatinischen Höhlen« erschossenen Geiseln zu gedenken. Er sah die nationale Selbstfindung der jungen Bundesrepublik als – wie er es einmal nannte – »schweren Weg der Selbstreinigung«. Ich denke, wir sind auf diesem Weg gut vorangekommen und können 60 Jahre nach Kriegsende mit Stolz auf das Erreichte zurückblicken. Theodor Heuss verstand sein Amt als Bundespräsident keineswegs als unpolitisch oder rein repräsentativ. Es war ihm zwar daran gelegen, sein Amt parteipolitisch neutral auszuüben. Dies wollte er jedoch nicht als Meinungslosigkeit verstanden wissen. In seiner Rede nach der Wiederwahl im Juli 1954 hat er seinen politischen Anspruch noch einmal ausdrücklich betont. Er hat hierfür die plastische Formulierung genutzt, er werde durch die Wahl nicht zu einer Staatsapparatur für Unterschriften, Ordensverleihungen, Empfänge und was man so »Repräsentation« nennt. Die Kompetenzen des Amtes hat Heuss für sich voll in Anspruch genommen. Er nahm gesellschaftspolitisch Stellung und mischte sich mal mehr, mal weniger erfolgreich in vermeintlich tagespolitische Fragen ein: Ob es um die Einführung einer neuen Nationalhymne ging, um Fragen des deutschen Verteidigungsbeitrages bei der europäischen Integration, um die Saarfrage oder um die Offiziere der neu gegründeten Bundeswehr, Heuss formulierte klare Positionen von einem durchdachten eigenen politischen Standpunkt aus. Theodor Heuss hat dem Amt des Bundespräsidenten Gehalt und Gestalt gegeben. So hat es Theodor Eschenburg einmal formuliert. Er setzte Maßstäbe für seine Nachfolger. Zum 50. Jahrestag seiner Wahl zum Bundespräsidenten, am 12. September 1999, haben ihn Johannes Rau, Roman Herzog, Richard von Weizsäcker und Walter Scheel gemeinsam gewürdigt. Der Preis, der seinen Namen trägt, zeichnet demokratisches Bewusstsein und Zivilcourage aus. Den diesjährigen Preisträgern gratuliere ich herzlich. Der Stiftung wünsche ich weiterhin Erfolg und eine glückliche Hand bei der Auswahl der Preisträger. » merken 40 Jahre Theodor Heuss Stiftung – Rückblick Dr. Hildegard Hamm-Brücher Von zwei Jahrestagen soll hier und heute die Rede sein: Einmal vom Ende der Nazi-Diktatur vor 60 Jahren und zum anderen vom Beginn unserer Stiftungsgeschichte vor 40 Jahren. Auf den ersten Blick scheint das Zusammentreffen beider Daten purer Zufall zu sein und deshalb nicht erlaubt, sie in einem Atemzug zu nennen. Dennoch gibt es gewisse Zusammenhänge zwischen dem Datum des Untergangs des menschenverachtenden Unrechtsstaates in der politisch schier hoffnungslosen »Stunde Null« des 8. Mais 1945 und der zunächst kaum beachteten Gründung einer parteienübergreifenden Demokratie-Stiftung zwanzig Jahre später. Einer Stiftung, die sich, im Sinne des 1963 verstorbenen ersten demokratischen Bundespräsidenten Theodor Heuss zum Ziel setzte, dazu beizutragen, unsere, damals noch nur halbwegs akzeptierte demokratische Staatsform durch die Ermutigung zu demokratischen Lebensformen zu stärken. D.h. sie bürgernäher und glaubwürdiger »im Bewusstsein und in der Freude« der Bürger aufwachsen und Wurzeln schlagen zu lassen. So steht es in Heuss’schen Reden und so heisst es etwas nüchterner in unseren Gründungspapieren. Die Gründungsväter und Gründungsmütter der Stiftung, die allen politischen und kulturellen Lagern entstammten, stimmten überein, dass es nicht ausreiche, unsere Demokratie – mehr oder weniger distanziert – als Projekt einer staatlichen Ordnung zu akzeptieren, sondern dass sie von verantwortungsbereiten Bürgern und Bürgerinnen angenommen und mitgestaltet werden müsse – sozusagen als ein Angebot zum anfassen, teilhaben und teilnehmen. Mit den Worten von Heuss zu praktizieren, dass »Demokratie und Freiheit nicht nur Worte, sondern lebensgestaltende Werte« sind. Das war, das ist und das bleibt, (wie ich hoffe) unser Auftrag! Was sind »lebensgestaltende Werte« für ein freiheitliches Gemeinwesen? Vor allem alles, was in einer Diktatur verpönt ist: Zivilcourage, Verantwortungsbereitschaft, Toleranz, humanitäres und soziales Engagement, Freiwilligkeit... All das stand von Anbeginn auf unserer Agenda. Die erste öffentliche Verleihung des Theodor-Heuss-Preises und der ebenbürtigen Theodor-Heuss-Medaillen fand am 31. Jan. 1965 statt. Der Preis ging an Georg Picht, dem wohl anstößigsten Bildungsreformer unseres Landes und an die damals neu gegründete Aktion Sühnezeichen – Friedensdienste. Medaillen erhielten u.a. eine deutsch-dänische Schulpartnerschaft (damals eine kleine Sensation) und eine Jugend-Rotkreuz-Gruppe für ihre neuartigen humanitären Einsätze. Zur Erinnerung: 1965 standen wir noch hautnah unter den Nachbeben der NS-Diktatur und ihren Folgen für die aufwachsende Demokratie: Die Schrecken des Holocaust und die Scham begannen gerade erst ins kollektive Bewusstsein zu dringen, ein nennenswertes, zivilcouragiertes Bürgerengagement musste man buchstäblich mit der Lupe suchen, und mehr als einmal mussten die von der Stiftung ausgewählten Initiativen gegen amtliches Missvergnügen und Widerstände ermutigt und unterstützt werden. Seit dieser ersten Verleihung sind nun 40 Jahre vergangen, und in der Rückschau wird deutlich, dass der Theodor-Heuss-Preis niemals nach Opportunität oder Bambi-Rezepten verliehen wurde, sondern stets unsere erlebte Zeitgeschichte bewusst begleitet hat; dass er zu einer Art Zeitansage geworden ist, die über »Soll und Haben« unseres demokratischen Werdegangs Rechenschaft ablegt. So gesehen ist er unter allen, mittlerweile zahlreichen politischen Preisen nach wie vor ein Unikat. Mehr als einmal hat die Stiftung Pionierleistungen, oder beispielstiftende Initiativen ausgezeichnet, lange bevor sie als politisches oder gesellschaftliches Thema öffentlich bewusst wurden. Hierfür seien stellvertretend drei Beispiele genannt: 1. Bereits 1967 haben wir Ludwig Raiser und die Autoren der heiß umstrittenen sogen. »Oder-Neisse-Denkschrift zur Vertriebenen Frage« der Evangelischen Kirche ausgezeichnet, die in den 70er Jahren zum wichtigsten innen- und außenpolitischen Thema wurde und auch in der Folgezeit von uns wiederholt aufgegriffen wurde. – 2. Bereits 1985 haben wir Karl Heinz Böhm und Rupert Neudeck für ihr weltweites humanitäres Engagement ausgezeichnet, Jahre bevor es öffentliche Anerkennung und Unterstützung fand. Bis zur heutigen Verleihung ist es eines unserer Stiftungsschwerpunkte. – 3. Bereits 1970 (also vor 25 Jahren) haben wir eine allererste »Bürgeraktion zum Schutze der Demokratie« ausgezeichnet. Das waren junge Leute, die mit ihren Initiativen entscheidend dazubeigetragen haben, dass die NPD damals den Einzug in den Deutschen Bundestag (allerdings nur um haaresbreite) verfehlte. – Das Thema: Auseinandersetzung mit Alt- und Neonazismus wurde von uns also frühzeitig erkannt und seither mindestens zehn Mal aufgegriffen. Weitere wichtige Schwerpunkte waren u.a. – Jugend- und Bildungsinitiativen (Jahrzehnte vor PISA) – Umwelt- und Naturschutz – Lebensform Demokratie – Europa – Vergangenheit und NS-Erblasten – und nicht zuletzt immer wieder die Auszeichnung beispielstiftender Persönlichkeiten der Zeitgeschichte z.B. Marion Dönhoff, Helmut Schmidt. Manfred Rommel, Vaclav Havel, die Brüder Weizsäcker, Günter Grass, Hans Küng, Jürgen Habermas, ... Heute gibt es alles in allem 50 Preisträger und 110 Empfänger von Theodor-Heuss-Medaillen, von denen zu unserer großen Freude heute viele unter uns sind und mit uns feiern. Abgesehen von der alljährlichen Verleihung der Theodor-Heuss-Preise ist über die vier Jahrzehnte noch weiteres vielfältiges Engagement hinzugekommen, z.B. unser mit der Akademie für Bildungsreform seit 15 Jahren durchgeführtes Förderprogramm Demokratisch Handeln, oder unser Schüler-Stipendienprogramm, das mir besonders ans Herz gewachsen ist. (14 »Ehemalige« helfen auch heute wieder). Sie alle gehören, samt unseren Spendern und Förderern, zur wachsenden Heuss-Familie, die manifestiert, wie kunterbunt sich Demokratie als Lebensform verwirklichen kann. Auch das erfüllt uns heute – und mich persönlich – mit großer Dankbarkeit, besonders auch für die Freunde und Weggefährten, die heute nicht mehr unter uns sind. Natürlich gab es auch Rückschläge und Sorgen! u.a. die permanenten Geldnöte (jahrelang mussten wir mit insgesamt 5000.- DM haushalten und durchhalten). Vielleicht hätte uns Heuss so manches Mal statt des legendären »Nun siegt mal schön!« mit einem: Nun verzagt mal nicht! ermuntert. – Was wir verinnerlicht haben und dabei lernten, dass es der lange Atem ist, der nicht nur im Großen sondern auch im Kleinen, das tägliche Brot einer lebensfähigen Demokratie ist! Das ist auch die Botschaft, die ich heute – vor allem an nachwachsende Generationen – in – und außerhalb der Stiftung, weitergeben möchte: Verzagt nicht! – auch nicht an den Schattenseiten der Demokratie. »Joggt« sozusagen mit langem Atem durch unser freiheitliches Gemeinwesen und lasst Euch auf die Herausforderungen und Chancen ein, die es Euch bietet... Ganz frei nach Kästner: Es gibt nichts Gutes, es sei denn man sucht es. Am Ende meiner 12 minütigen Tour d’horizon über unser 40 jähriges Tun (und Lassen!), noch ein Wort zum zweiten Jubiläum des Jahres 2005, soweit es für das demokratiepolitische Selbstverständnis der Theodor-Heuss-Stiftung von Bedeutung ist: Wenn ich den Verlauf der 60 Jahre Nach-Hitler-Zeit rückblickend bedenke, dann wird mir bewusst, dass der Aufbau und die Gestaltung unserer Demokratie zu jeder Zeit unter einer zweifachen Herausforderung stand: Einmal war es der Aufbau einer von Grund auf neuen staatlichen und gesellschaftlichen demokratischen Ordnung und zum anderen war es die immer wieder virulente Konfrontation mit den Hinterlassenschaften und Erblasten der NS-Diktatur, sowie die Notwendigkeit der Aufarbeitung und Bewährung. Nicht nur die materielle Entschädigung hat uns bis in die jüngste Zeit finanziell belastet, belastender noch und immer wieder qualvoll waren die geistige und moralische Aufarbeitung und Versuche zur Wiedergutmachung. Wir mussten, wie es im 126. Psalm heißt: Mit Tränen säen, um mit Freuden ernten zu können. Nun stehen wir nach 60 Jahren an der Schwelle zu einer neuen Epoche. Die Herausforderung lautet: Wie werden die Nacherben mit dem dunkelsten Kapitel unserer deutschen Geschichte umgehen, wenn alle Schrecken und alles Un-Heil verblasst und alle unmittelbare Betroffenheit mangels Zeitzeugen vergessen sein werden? Wird es dann nur noch die so genannte »Normalität« d.h. Gleichgültigkeit und/oder Unzuständigkeit für weiterwirkende Verantwortung geben? – Oder könnte es uns gelingen, so etwas wie ein weiterwirkendes »memento«, - ein: Seid und bleibt wachsam! – zu hinterlassen? – Etwas wie einen lebendigen Kodex unserer politischen Erfahrungen, inklusive der Irrtümer und Verhängnisse, die zu den Schrecken und Verbrechen der NS-Zeit geführt haben? Wie könnte es gelingen, alte und junge Menschen vor neuerlichem Wegsehen und Vergessen zu warnen und vor aktualisierten NS-Parolen im neuen Gewand zu immunisieren? Zweierlei vor allem tut Not: Wir müssen – und das ist eine conditio sine qua non – der besorgniserregenden Verwilderung unserer demokratischen Kultur und Praxis Einhalt gebieten und das Ansehen und die Glaubwürdigkeit unserer Demokratie an Haupt und Gliedern verbessern. Und wir müssen sowohl der »Geschichtsvergessenheit« als auch der Verharmlosung in Wort, Schrift und Medien wehren. Geschichte – und hier vor allem Zeitgeschichte – lässt sich weder durch Doku-Thriller noch durch ein einstündiges Lernfach pro Woche abspulen. Sie muss, sozusagen »von Kindesbeinen an«, zu einem zivilbürgerlichen Bildungs- und Erziehungsauftrag aufgewertet werden. Denn ohne zeitgeschichtlichen Rückbezug können wir Heranwachsenden beides nicht vermitteln: Die weiterwirkende Verantwortung für unsere Geschichte und die politischen und moralischen Konsequenzen, die wir nach 1945 aus den Erfahrungen der Unfreiheit und des Unrechtsstaats gezogen haben. Das war und das ist der Konsens, auf dem sich unsere demokratische Verfasstheit gründet: Dazu beizutragen, dass menschenverachtende Diktaturen hierzulande, in Europa und hoffentlich auch in der Welt gar nicht erst aufwachen können. Dazu sind nicht nur Regierungen verpflichtet, dazu können – wie unsere Preisträger aus vier Jahrzehnten beweisen – verantwortungsbereite Einzelne und Gruppen entscheidend beitragen. Dieser Konsens ist es, der zu einem konstitutiven Teil unserer Identität werden muss. Das Kalkül der neuen/alten Rechten und ihrer nicht wenigen »fellow-travellors« nach einem endgültigen »Schlussstrich« unter der NS-Vergangenheit, sobald keine Opfer dieser Zeit mehr leben, darf sich keinesfalls erfüllen! Deshalb ist es mein Zukunfts-Wunsch als Gründungsvorsitzende unserer nun 40jährigen Demokratie Stiftung, dass wir, unsere Preisträger, Freunde und Förderer, dass jeder von uns diesen Konsens weiterträgt. Vielleicht gelingt es sogar, dass wir uns mit gleichgesinnten Organisationen hierzulande und wo möglich international zu einer Art »democratic rights and duties watch« zusammenfinden. Denn es ist und bleibt noch, und immer wieder, viel zu tun, damit Demokratie und Freiheit hier, und hoffentlich einmal weltweit, zu Freiheit und Leben gestaltenden Werten werden: Im Weinberg der Demokratie werden viele Arbeiterinnen und Arbeiter gebraucht! » merken Laudatio Bischof Dr. Wolfgang Huber Wer eingeladen ist, die Laudatio zur vierzigsten Verleihung des Theodor-Heuss-Preises zu halten, hat Anlass, zunächst ein Loblied auf den Preis selber anzustimmen, bevor er auf die zu sprechen kommt, die diesen Preis erhalten. Der Theodor-Heuss-Preis stellt uns Beispiele für Bürgermut und demokratisches Verantwortungsbewusstsein vor Augen, die ansteckend wirken sollen. Der heute nötige Bürgermut muss in einem pointierten Sinn Mut zur Zukunft sein. In einer Zeit des Wandels muss sich unsere Verantwortung auf die Zukunft richten. Dafür setzt die heutige Preisverleihung ein deutliches Zeichen. Herausforderungen für die Zukunft – so heißt deshalb in diesem Jahr das Thema des Theodor-Heuss-Preises. Über die Formulierung bin ich zunächst gestolpert. Nicht »Herausforderungen der Zukunft«, sondern »Herausforderungen für die Zukunft« – die sprachliche Spannung, die in dieser Formulierung steckt, enthält eine deutliche Parteinahme. Für die Zukunft wird Partei genommen. Jener Haltung wird der Abschied gegeben, die um der erlebten Gegenwart willen die Zukunft aufs Spiel setzt. Jene Haltung wird in Frage gestellt, die einer künftigen Generation die Lebensmöglichkeiten vorenthält, die den gegenwärtig Lebenden als selbstverständlich gelten. Ein Verhalten wird auf den Prüfstand gestellt, das der Parole folgt »Erlebe dein Leben jetzt«, weil von der Zukunft ohnehin nichts zu erwarten sei. Denn wir Deutschen sind in wachsendem Maß von Unzufriedenheit und Zukunftsangst bestimmt. Nicht einmal jeder dritte Bürger glaubt heute, dass man in fünf bis zehn Jahren noch gut in Deutschland leben kann. Die traditionell hohe Zufriedenheit mit dem Leben zwischen Kiel und München, zwischen Stuttgart und Berlin geht in großen Schritten zurück. Fast jeder zweite Deutsche sorgt sich um seinen Arbeitsplatz. Und sechzig Prozent der Bürgerinnen und Bürger rechnen damit, dass sich ihre persönliche finanzielle Situation verschlechtern wird. So heißen die Ergebnisse der neuen Umfrage »Perspektive Deutschland«, die gestern veröffentlicht wurden. Das sind deutliche Signale für Zukunftsverdrossenheit. Nicht einfach Politikverdrossenheit ist ein Grundproblem unserer Zeit, sondern eher das, was ich Zukunftsverdrossenheit nennen will. Auf die Politik wird dann projiziert, was uns an unserer Lage insgesamt beunruhigt. In Deutschland ist es üblich geworden, von der Zukunft nicht allzu viel und jedenfalls nichts Gutes zu erwarten. Unsere Erwartungssicherheit haben wir in einem so hohen Umfang an die ständige Steigerung des materiellen Wohlstands geknüpft, dass schon Stagnation wie eine Katastrophe erlebt wird. An keinem Indikator zeigt sich diese Zukunftsverdrossenheit deutlicher als an dem mangelnden Mut zu Kindern. Sie werden als zusätzliche Wohlstandsgefährdung angesehen. Die Zeit, die Kinder brauchen, gerät in Kollision zu dem von vielen empfundenen Druck, eine Ausbildung abzuschließen und sich auf dem enger gewordenen Arbeitsmarkt zu behaupten. Sehr häufig ungewollt geraten insbesondere akademisch ausgebildete Frauen in die Situation, dass sie dem Kinderwunsch erst dann Raum geben können oder wollen, wenn es zu spät ist. Erhebliche Anstrengungen werden inzwischen unternommen, um Deutschland wieder zu einem kinderfreundlicheren Land zu machen. Betreuungsangebote sollen verbessert und finanzielle Hilfen sollen verstärkt werden. Das alles ist von großem Gewicht. Doch gerade dieses Beispiel zeigt, dass die Überwindung der Zukunftsverdrossenheit nicht nur eine ökonomische, sondern ebenso, ja vielleicht sogar in höherem Maß, eine kulturelle Aufgabe ist. Meinhard Miegel hat einmal darauf hingewiesen, dass es nicht nur einen Wohlstand um uns, sondern auch einen Wohlstand in uns gibt. Eine neue Zukunftsgewissheit entsteht nicht allein dadurch, dass wir Menschen aufgehen in der Welt um uns her. Wir müssen auch wieder die Fähigkeit entwickeln, um noch einmal Meinhard Miegel zu zitieren, »einzugehen in die Welt, die in uns ist.« Dafür müssen Menschen überhaupt die Möglichkeit haben, eine innere Welt aufzubauen. Die Sehnsucht nach dieser inneren Welt ist allerorten zu spüren. Die Bereitschaft, sich auf sie einzulassen, wächst. Man kann auch die außerordentliche Reaktion auf den Wechsel im Papstamt der römisch-katholischen Kirche in diesem Zusammenhang sehen. Dass Traditionsverlust in sich selbst schon ein Freiheitsgewinn ist, glauben inzwischen nur noch wenige. Dass Zukunftsgewissheit sich wesentlich aus Quellen des kulturellen Gedächtnisses speist, tritt wieder ins Bewusstsein. Dass Bildung nicht nur auf die Beherrschung von Techniken zielt, mit deren Hilfe wir uns in der äußeren Welt orientieren, wird allmählich wieder eingesehen. Wir brauchen Bildungsprozesse, durch die wir eine innere Welt aufbauen können. Aber ein Bildungssystem, das dem Orientierungswissen den gleichen Rang einräumt wie dem Verfügungswissen, haben wir gegenwärtig – noch – nicht. Der Mut zur Zukunft muss und kann erneuert werden. Heute wird dies am Beispiel von zwei Menschen und einer Institution erwiesen, die beides zeigen: Warum es nötig ist und wie es gelingen kann. Gemeinsam ist allen drei Preisträgern vor allem eines: Sie wecken den Mut zur Zukunft nicht dadurch, dass sie über diese Zukunft Illusionen verbreiten. Illusionen werden vielmehr zerstört, wenn Meinhard Miegel voraussagt, dass der Sozialstaat dem Untergang geweiht ist – falls die Frage der Überalterung der Gesellschaft nicht anders angegangen wird als derzeit. Illusionen werden zerstört, wenn er schon seit vielen Jahren beschreibt, wie ein auf die Spitze getriebener Individualismus die kulturellen Voraussetzungen aufzehrt, auf denen er beruht: Nämlich dass eine Gemeinschaft auf dem Gedanken der Freiheit aufgebaut werden kann. Illusionen werden zerstört, wenn Human Rights Watch immer wieder neu darauf aufmerksam macht, wo und wie die Menschenrechte mit Füßen getreten werden: In Indien oder in Sierra Leone, im Kosovo oder in Tschetschenien. Illusionen werden zerstört, wenn unsere Berufung auf die Menschenrechte daran gebunden wird, dass wir sie weltweit anerkennen und zur Geltung bringen. Illusionen werden auch zerstört, wenn Klaus Töpfer darauf hinweist, dass sich weltweit die Umweltprobleme weiterhin dramatisch verschärfen und mehr als eine Milliarde Menschen keinen Zugang zu sauberem Trinkwasser haben. Illusionen werden ebenso zerstört, wenn er den unzureichenden Charakter unserer Reformbemühungen beschreibt. Wir sind mit Anpassungsreformen beschäftigt – so sagt er – , wo wir doch Gestaltungsreformen brauchen – und das angesichts einer globalisierten Welt. Der Mut zur Zukunft erfordert die Bereitschaft, sich nüchtern mit dem zu beschäftigen, was auf uns zukommt, um einzusehen, dass wir die Hände nicht in den Schoß legen und den Dingen nicht ihren Lauf lassen können. Etymologisch leitet sich das Wort »Zukunft« her vom althochdeutschen »zuochumft«, was »das auf jemanden Zukommende« bedeutet. Wenn wir uns mit Zukunft beschäftigen, beschäftigen wir uns mit dem, was auf uns zukommt. Dann beschäftigen wir uns mit der Überalterung der Gesellschaft – und dass sie auf uns zukommt, hat Meinhard Miegel aufgezeigt. Und er hat davor gewarnt, diese Wirklichkeit zu verdrängen. Als eine »deformierte Gesellschaft« bezeichnet Miegel eine Gesellschaft, die das, was auf sie zukommt, nicht als Teil ihrer Wirklichkeit wahrnimmt. Wenn wir uns mit dem beschäftigen, was auf uns zukommt, dann beschäftigen wir uns mit der Verletzung von Menschenrechten – und wer die Berichte von Human Rights Watch liest, kann kaum daran zweifeln, dass solche Menschenrechtsverletzungen auch weiterhin auf uns zukommen werden. Im Gegenteil: Wer unsere innere und äußere Haltung zur Entwicklung im Sudan und der humanitären Tragödie in Darfur vergleicht mit den Berichten, die Human Rights Watch zugänglich macht, erkennt das Ausmaß, in dem wir diesen Teil unserer Wirklichkeit verdrängen – trotz der Bilder, die uns diese Wirklichkeit vor Augen stellen. Wenn wir uns mit dem beschäftigen, was auf uns zukommt, dann beschäftigen wir uns mit der Zerstörung unserer Umwelt – und angesichts der Schwierigkeiten, mit denen sich Klaus Töpfer bei seinem Kampf gegen den globalen Klimawandel auseinandersetzen muss, ist kaum daran zu zweifeln, dass die ökologische Bedrohung zu dem gehört, was auf uns zukommt. Die Theodor-Heuss-Stiftung hat sich in den letzten vierzig Jahren große Verdienste dadurch erworben, dass sie Bürgermut und Bürgerverantwortung in unserem Land ermutigt und bestärkt hat. Sie hat von Anfang an Frieden und Versöhnung in Europa zu ihrem Thema gemacht und die Aufmerksamkeit auf die Entwicklung einer europäischen Bürgergesellschaft gelenkt. Heute unternimmt die Stiftung einen weiteren Schritt. Sie nötigt uns dazu, Zukunftsverantwortung in einen globalen Horizont zu stellen. Weder Deutschland noch Europa können wir wie Inseln betrachten, für die wir die Wertentscheidungen reservieren, die uns wichtig sind. Wir sind nicht in der Lage der Siegerländer Pietisten, die vor Jahrhunderten dichteten: »Mag die Welt auch noch so brausen, wir wollen hier im Stillen hausen.« Ob unsere elementaren Wertentscheidungen bei uns selbst eine Zukunft haben, hängt auch davon ab, ob wir für ihre Beachtung andernorts eintreten. Wenn wir uns zur Verbindlichkeit der Menschenrechte bekennen, dann müssen wir unsere Stimme auch zu der Gewalt erheben, unter der Frauen aus der Kaste der Unberührbaren in Indien leiden; Human Rights Watch hat das in beeindruckender Weise getan. Denn von Menschenrechten kann man in einem ernsthaften Sinn erst dann reden, wenn die Menschenrechtsverletzung, die an einem Ort geschieht, an allen Orten der Welt wahrgenommen wird. Immanuel Kant hat dies schon vor mehr als zweihundert Jahren als entscheidende Voraussetzung dessen bezeichnet, was er »Weltbürgerrecht« nannte. Heute haben wir die Möglichkeit, dieses »Weltbürgerrecht«, dieses Bekenntnis zur weltweiten Geltung elementarer Menschenrechte zum praktischen Leitfaden unseres Handelns zu machen. Human Rights Watch zeigt, wie das gehen kann. Auch Nachhaltigkeit braucht globale Förderung. Diese fängt vor Ort an. Klaus Töpfer hat durch sein Engagement für Raumordnung und Umweltschutz in der Wissenschaft wie in jahrzehntelanger landes- und bundespolitischer Verantwortung Beispiele dafür gegeben. Auch sein eigener politischer Beitrag ist deshalb einzubeziehen, wenn er im Blick auf die ökologische Bilanz der Industrieländer heute zu einer verhalten positiven Bilanz kommt, Die beträchtlichen Investitionen in die Wassereinhaltung und in Kläranlagen nennt er dafür ebenso als Beispiel wie die Fortschritte im Kampf gegen Schadstoffe oder die verbesserten Recyclingquoten. Aber auch die Industriestaaten haben Anteil an einer globalen Situation, die sich verschlechtert. Deshalb ist es kein Zufall, dass Klaus Töpfer seit 1998 all seine Energie auf die internationale Ebene verlegt hat und zu einer Schlüsselperson für das weltweite Bemühen um Nachhaltigkeit geworden ist. Die Herausforderungen, vor denen dieses Bemühen steht, sind groß. Zu diesen Herausforderungen tragen auch die Industrienationen bei – zum Beispiel durch ihren exorbitanten Energieverbrauch, insbesondere auch durch ihre ständig wachsenden Mobilitätsansprüche. Aber die dramatische Umweltsituation zeigt sich in besonderer Weise in Ländern der Dritten Welt. Die sanitäre Situation der Menschen hat Klaus Töpfer bei solchen Überlegungen genauso im Blick wie den weiteren Anstieg des Kohlendioxid Ausstoßes und die wachsenden Probleme bei extremen Wettersituationen. Was Max Weber als Verantwortungsethik bezeichnete, lässt sich heute nicht mehr im Rahmen des Nationalstaats beschreiben, den Weber selbst noch vor Augen hatte. Die Bretter, die der politisch Verantwortliche bohren muss – »mit Leidenschaft und Augenmaß zugleich«, wie Weber sagte – sind dadurch erheblich dicker geworden. Doch ohne Zweifel hat in der globalisierten Welt eine Verschiebung der Verantwortungsträger stattgefunden. Max Webers berühmten Vorträgen über »Wissenschaft als Beruf« und »Politik als Beruf« müsste heute ohne Zweifel ein weiterer Vortrag über »Wirtschaft als Beruf« zur Seite treten. Unsere globalisierte Welt beschreiben wir vorwiegend in wirtschaftlichen Kategorien; Finanzströme und wirtschaftliche Transaktionen bilden zusammen mit der weltweiten Zugänglichkeit von Informationen die entscheidenden Triebkräfte dessen, was wir »Globalisierung« nennen. Die Zukunftsfähigkeit dieser Welt hängt deshalb in hohem Maß daran, dass wirtschaftliche Macht nicht nur im globalen Horizont ausgeübt, sondern auch in globaler Verantwortung wahrgenommen wird. Die Marktgesetze bestimmen zwar die Art und Weise, in der mit knappen Ressourcen effektiv umgegangen wird. Aber sie geben noch keine Auskunft auf die Frage, wie wirtschaftliche Entscheidungen auf die Lebensmöglichkeiten künftiger Generationen und die Zukunftsfähigkeit unserer Gesellschaftsordnung bezogen werden. Beim Blick auf vierzig Jahre Theodor-Heuss-Preis fällt auf, wie klein die Zahl von Menschen in wirtschaftlicher Verantwortung ist, die bisher mit diesem Preis ausgezeichnet worden sind. Demokratische Kultur und wirtschaftliches Handeln werden offenbar vergleichsweise selten miteinander in Verbindung gebracht; die Aufforderung zum »rechten Gebrauch der Freiheit« wird nicht gerade häufig auf wirtschaftliches Handeln angewandt. Nach meiner Überzeugung sollte sich das ändern. Auch in dieser Hinsicht setzt die 40. Preisverleihung einen besonderen Akzent. Seit nahezu drei Jahrzehnten leitet Meinhard Miegel in Bonn das Institut für Wirtschaft und Gesellschaft in Bonn. Welche Arbeitsmarktpolitik die Beschäftigungslage verbessern, welches Rentensystem die Alterssicherung gewährleisten, welche Steuerungsinstrumente das Gesundheitswesen bezahlbar halten oder welche Wohnungspolitik zu einem verantwortbaren sozialen Wohnungsbau führt – das sind Beispiele für Fragestellungen, an denen Meinhard Miegel Wirtschaft und Gesellschaft praktisch miteinander verbinden will. Möge die heutige Preisverleihung dazu beitragen, dass sein Beispiel Schule macht. Das, was auf uns zukommt, fordert uns heraus. Es fordert uns heraus zum Denken und zum Handeln. Die Preisträger dieses Jahres setzen sich in herausragender Weise dafür ein, die Herausforderungen der Zukunft anzunehmen und sie zu gestalten. Sie achten nicht nur auf die Welt um uns, sondern auch auf die Welt in uns. Der Zukunftsverdrossenheit setzen sie Mut zur Zukunft entgegen – illusionslos, aber hoffnungsvoll. Das ist es, was wir heute brauchen. » merken Dank Kenneth Roth, Human Rights Watch Präsident Köhler, Präsident von Weizsäcker, Präsident Scheel, Dr. Hamm-Brücher, Bishop Huber, Dr. Heuss, Ladies and Gentlemen, Theodor Heuss stood for the must fundamental values of humanity. He understood the importance of building a democracy that respects those values and upholds the basic rights of us all. Human Rights Watch is proud to carry on the vision of Theodor Heuss and to try to extend it through our work to protect people in need around the world. We are thus deeply honored to receive a prize in his name. Indeed, this award comes at a particularly opportune moment. Not only is this the fortieth year of the Theodor Heuss Prize, but, as I will explain, it is also the first year – the very beginning – of Human Rights Watch’s office in Germany, which we inaugurated this week in Berlin. Human Rights Watch is part of a global movement of human rights organizations, with partners in virtually every corner of the world. Our aim is to promote the principles of freedom and democracy wherever atrocities break out, wherever repression reigns, wherever victims suffer. These are principles that Theodor Heuss and other statesmen of the Federal Republic believed in, and they are principles that today are shared widely throughout Germany. Human Rights Watch and our allies work to bring the plight of persecuted people to public attention and to demand an end to their oppression. Our staff is composed of investigators, or researchers, who live in or regularly visit countries suffering from severe repression or abusive wars. These researchers interview victims and witnesses of abuse and publish their accounts through our reports – some 80 to 100 each year, which are published on our website and distributed widely. These reports allow us to put pressure on governments to end violation of human rights. We shame governments by publicizing their abuses in the press. We work with other powerful governments at the highest levels to encourage them to use their diplomatic and economic influence to press for an end to abuses. And in extreme cases of genocide, war crimes, or crimes against humanity, we seek to bring the perpetrators of abuse to justice. In all of this work, we shine a spotlight into the shadows where governments try to hide their misdeeds. We make it impossible for the people and governments of the world to say that they did not know. Today, Human Rights Watch faces many challenges in our work: •We are working to end ethnic killing in Darfur and eastern Congo. •We are working to stop disappearances in Chechnya and Nepal. •We are working to curb repression in China and Uzbekistan. •We are working to stop Washington’s mistreatment of prisoners in the name of fighting terrorism. •We are working to ensure respect for the rights of immigrants and asylum-seekers here in Europe. •We are working to end discrimination against women in the name of culture or religion in the Middle East. •We are working to halt the use of children as soldiers in northern Uganda and Sri Lanka. •And we are working to bring justice to those who have been responsible for the worst atrocities, whether Slobodan Milosevic in the Balkans, Saddam Hussein in Iraq, the genocidaires in Rwanda, or the killers today in Darfur. Several key principles guide our work: •We oppose human rights abuse by all governments and armed groups, whether of the left or right, whether of the global South or North, whether weak or powerful. •We are committed to scrupulous honesty and objectivity in our investigation and reporting of human rights abuses. •We uphold the common values of humanity as reflected in international human rights and humanitarian law. •We believe that every person and every nation has a responsibility to do its part to help end human rights abuses wherever or whenever they occur. It is this responsibility for everyone to do his part that has led Human Rights Watch to intensify our work in Germany. Human Rights Watch has long worked closely with the German government on some of the most important human rights campaigns. The German government was our most important governmental ally in our effort to establish the International Criminal Court, and just this month it played a key role in pressing for the situation in Darfur to be referred to that court. The German government also provided helpful support to our efforts to end the scourge of anti-personnel landmines and to stop the use of children as soldiers. In addition, Germany is playing an increasingly important role in assuming its peacekeeping responsibilities in abusive countries: in Bosnia, Afghanistan, and soon (if plans are realized) in southern Sudan. But, to be frank, Germany is still not doing everything it can or should be doing to defend human rights. To encourage a more active and consistent role in promoting human rights, and to forge a closer working relationship with the German government, Human Rights Watch this week is opening its first office in Berlin. The director of our new office will be Marianne Heuwagen, a senior journalist at Süddeutsche Zeitung and former director of that newspaper’s Berlin bureau. She is here with us today. Our new Berlin office will work closely with Human Rights Watch’s new committees of supporters in Hamburg, Munich, Berlin, and elsewhere. Many of the members of these committees are in the audience today as well. Our aim is to encourage the German government and people to live up to their full potential as defenders of human rights around the world. That is the best tribute we could pay to the vision and values of that great statesman, Theodor Heuss. Thank you for honoring us in his name. » merken Dank Prof. Dr. Meinhard Miegel Wenn ich es recht sehe, will die Theodor-Heuss-Stiftung mit dem mir soeben verliehenen Preis Personen, Institutionen und Organisationen nicht nur für Verdienste um unsere Demokratie auszeichnen. Sie will sie zugleich auch gegenüber der Öffentlichkeit kennzeichnen. Die so Gekennzeichneten sollen – das dürfte eine der dem Preis zugrunde liegenden Überlegungen sein – anderen eine Vorstellung davon vermitteln, wie demokratisches, wie bürgerschaftliches Engagement aussehen könnte und vielleicht auch aussehen sollte. Das ist ein hoher Anspruch, der schwierig zu erfüllen ist. Das noch Bemerkenswertere ist allerdings, dass es aus der Sicht der Theodor-Heuss-Stiftung überhaupt eines solchen Preises bedarf. Ist es nicht das Natürlichste in der Welt, dem Menschen gewissermaßen angeboren, sich demokratisch, sich bürgerschaftlich zu verhalten? Waren nicht die vormundschaftlichen Staats- und Gesellschaftsformen jedweder Couleur nur menschheitsgeschichtliche Umwege, die früher oder später in die einzig menschengerechte Ordnung einmünden mussten, in die Demokratie? Manche haben so gedacht. Doch die Wirklichkeit verneint diese Fragen. Völker, die in Demokratien leben, erleben diese oft als mühsam, ja schweißtreibend und nicht Wenige sind dieser Ordnung überdrüssig. »Demokratie, was ist das schon?«, »Lasst uns bloß mit Eurer Demokratie in Ruhe!«. So oder ähnlich lässt sich Volkes Stimme oft vernehmen und ich wage – empirisch wohl begründet – die Aussage, dass bisher immer nur Minderheiten ernsthaft bemüht waren, diese sperrige demokratische Ordnung vorbehaltlos anzunehmen und mit Leben zu erfüllen. Diese Mühen erfordern Kraft, Zeit und – sprechen wir es mutig aus – Geld. Die Demokratie ist nicht nur eine anspruchsvolle Ordnung. In gewisser Weise ist sie auch recht aufwändig. Und diesem Aufwand suchen sich viele zu entziehen. Um Kraft, Zeit und Geld zu sparen, sind sie bereit, anderen ihre Geschicke anzuvertrauen und sich von diesen führen zu lassen. In einer geradezu kindlichen Weise bauen sie auf irdische Die Mühen der Demokratie Heilsbringer und Erlöser, die ihnen den Weg durchs Leben bahnen sollen. Solche Heilsbringer und Erlöser sind wohlfeil. Doch gute und weise Herrscher – das wusste schon Platon – sind nur wenige darunter. Die meisten, die sich andienen, die Wege der Menschen zu bahnen, sind Schwätzer, Scharlatane und gelegentlich Verbrecher. Sie führen nicht. Sie verführen. Die geschichtlichen Belege hierfür sind erdrückend. Trotzdem wollen viele weiterhin den scheinbar leichten Weg gehen und hoffen auf irdische Erlösung. Auch Demokratien, sie vielleicht sogar besonders, sind vor solchen trügerischen Erlösungshoffnungen nicht gefeit. Aber es wäre ein gefährliches Unterfangen, wenn Demokraten den Versuch unternähmen, sie erfüllen zu wollen. Sie könnten nur scheitern. Schon viel zu lange wurde die Illusion genährt, die Bürger könnten in gewisser Weise Wohlstand, Gerechtigkeit oder gar ihr Lebensglück herbeiwählen. Schon viel zu lange haben mitunter auch Gutmeinende die haltlosesten Versprechungen gemacht, um die trügerischen Erlösungshoffnungen nicht zu enttäuschen. Das konnte nicht gut gehen und das ging nicht gut. Wer es mit der Demokratie und mit den Bürgern ehrlich meint, kommt nicht umhin, einige Wahrheiten ungeschminkt auszusprechen. Die wohl wichtigste ist: So lange die menschliche Natur ist, wie sie ist, gibt es keine vollkommenen Ordnungen – weder wirtschaftliche noch gesellschaftliche, noch politische. Und keiner sollte so tun, als kenne er Mittel und Wege, um zu irdischer Vollkommenheit zu gelangen. Allerdings unterscheiden sich menschliche Ordnungen im Grad ihrer Unvollkommenheit. Die größte Stärke der Demokratie ist, dass sie mehr als jede andere politische Ordnung den Menschen in seiner ganzen bizarren Widersprüchlichkeit, Erhabenheit und Torheit gelten lässt. Das hebt sie über andere Ordnungen weit hinaus. Hier ist sie vollkommener als jene. Zugleich ist dies jedoch auch ihre empfindlichste Schwäche. Denn weil jeder einzelne gilt, laufen alle ihre Entscheidungsprozesse nicht etwa auf Konsense hinaus – wir sind keine Konsensgesellschaft wie manche meinen! – sondern auf Kompromisse. Dabei liegt es im Wesen des Kompromisses, dass keiner bekommt, was er eigentlich will. Jeder muss fortwährend Abstriche machen. Das verkennen jene, die rasche, klare Entscheidungen fordern. Wer wünschte sich diese nicht? Aber eben nur zum eigenen Vorteil, nicht zum Vorteil des Kontrahenten, des Mitbürgers. Neigt sich die Waage zu dessen Gunsten, wird schnell nach einem Kompromiss gerufen – und wieder einmal gehen die Beteiligten unzufrieden nach Hause. Die Demokratie stellt hohe und höchste Anforderungen an die Kompromissfähigkeit des Menschen und damit an seine Friedensfähigkeit. Denn ohne diese gibt es keine tragfähigen Kompromisse, ohne diese keine demokratische Ordnung und ohne diese keine unbedingte Geltung des einzelnen und seiner Würde. Die Würde des einzelnen ruht damit im letzten nicht auf der Duldsamkeit – das ist zu wenig – sondern auf der Friedensfähigkeit der Bürger. Diese ist den Menschen jedoch nicht in die Wiege gelegt. Vielmehr ist sie eine der prekären kulturellen Errungenschaften, die sich schnell verflüchtigen, wenn sie nicht sorgsam gepflegt werden. Pflegen wir also unsere Friedensfähigkeit In diesem Geiste danke ich allen, die mitursächlich sind, dass mir heute dieser Demokratiepreis verliehen worden ist. Ich weiß diese Auszeichnung zu schätzen, ich weiß aber auch, dass sie eine Bürde ist oder zumindest sein kann. Dennoch sage ich meinen aufrichtigen Dank. » merken Dank Prof. Dr. Klaus Töpfer Hochverehrter Herr Bundespräsident Köhler, verehrter Bundespräsident von Weizsäcker, Bundespräsident Scheel, hochverehrte liebe Frau Hamm-Brücher, Herr Heuss, meine sehr verehrten Damen und Herren. An mir ist es jetzt zunächst zu gratulieren. Ihnen, gnädige Frau, zu gratulieren für 40 Jahre Theodor-Heuss-Stiftung und all denen, die mit Ihnen zusammen diese großartige Idee so lange durchgehalten haben. Gratulation noch einmal dazu, wie Sie diesem Theodor Heuss-Preis sein hohes, unverwechselbares Profil gegeben haben. Zweitens habe ich zu danken. Zu danken dafür, dass ich Preisträger dieses Jubiläumsjahres bin. In der Überlegung, wie ich danken könnte, habe ich auf ein Buch Zugriff genommen, das ich bei meinen vielen Reisen immer dabei habe, ein Buch des spanischen Jesuiten Baltasar Gracian, das den schönen Titel trägt »Handorakel und Kunst der Weltklugheit«, geschrieben im Jahre 1647, übersetzt von Arthur Schopenhauer. Vieles aus der großartigen Laudatio von Bischof Huber, für die ich von Herzen danke, könnte man dieser Sammlung kongenial beifügen oder wird sich darin bestätigt finden. Aus diesem Buch, wie gesagt, möchte ich die Maxime 107 zitieren. Diese lautet: »Man sei weder unzufrieden mit sich selbst, - denn das wäre Kleinmut, - noch selbstzufrieden, - denn das wäre Dummheit.« Hochverehrte gnädige Frau, dieser Preis hat dazu beigetragen, dass bei mir diese Balance wieder hergestellt ist, dass der Kleinmut etwas überwunden wird, ohne dass es in die Dummheit der Selbstzufriedenheit umschlägt. Ich danke Ihnen sehr herzlich dafür. Ja, es ist ein Grund zu danken, aber es ist genauso wichtig den zweiten Teil des Veranstaltungsmottos, die Herausforderung für die Zukunft, ernst zu nehmen. 60 Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg begehen wir in diesem Jahr auch den 60. Geburtstag der Vereinten Nationen. 60 Jahre fordern auch hier heraus zu überlegen: Was bedeutet das als Herausforderung für die Zukunft? Kofi Annan, Generalsekretär der Vereinten Nationen, hat zur Vorbereitung dieses Jubiläumsgipfels, des »Millennium +5 Summit«, des Gipfeltreffens aller Staats- und Regierungspräsidenten, das im September dieses Jahres in New York stattfindet, einen vorbereitenden Bericht geschrieben. Und er hat diesen Bericht unter die Überschrift »In larger freedom« gestellt. »In größerer Freiheit« oder wenn Sie so wollen: Mehr Freiheit wagen, mehr Freiheit sichern, mehr Freiheit ermöglichen. Er hat diesen Bericht in drei Teile unterteilt. Er schreibt erst über die »freedom from want«, also über die Freiheit von Not, von Armut, von Hoffnungslosigkeit junger Menschen, von existenzieller Bedrohung. Und er schreibt über »freedom from fear«, über die Freiheit vor Ängsten, von neuen Bedrohungen, Konflikten und Terror in unserer Welt. Und er schreibt über »freedom to live in dignity«, über die Freiheit sein eigenes Leben in Würde zu gestalten. Er verweist dabei auf »the rule of law«, auf die Notwendigkeit, dass wir unser gesellschaftliches Zusammenleben auf das Recht aufbauen müssen. Er fordert insbesondere die Würde und die Gleichheit der Frau in allen Gesellschaften der Welt. Er verweist auf die Menschenrechte, die bei dieser Preisverleihung so großartig geehrt werden. Er fordert Demokratie ein. Sicherlich wäre es wichtig, dass ich mich mit diesem Teil, also mit der Demokratie, beschäftige und auseinandersetze. Mein Mitpreisträger Prof. Miegel hat dies jedoch bereits hinreichend getan. Und so möchte ich mich mit wenigen Worten auf diesen ersten Teil beziehen, auf die Freiheit »from want«, Freiheit vor Angst, vor Not, vor Hoffnungslosigkeit, vor Armut und Unterdrückung. Nach wie vor ist diese Welt mehr denn je drastisch geteilt, nicht nur mit Blick auf Arm und Reich, nicht nur eine Teilung zwischen Nord und Süd. Es ist eine zweigeteilte Welt mit Blick auf die Entwicklung der Bevölkerung. Wenn man sich überlegt, welche Herausforderung die Bevölkerungspolitik in den hochentwickelten Ländern der westlichen Welt darstellt und welche Herausforderung sich in Afrika stellt, wird diese Zweiteilung brutal sichtbar. Es ist bei aller Globalisierung eine zweigeteilte Welt. Wir müssen dazu beitragen und uns überlegen, ob wir mit dieser zweigeteilten Welt, in dieser Globalisierung, eine friedliche Entwicklung erreichen können. Und deswegen ist zu Recht von Kofi Annan in diese »freedom from want« auch die Frage der Umweltstabilität mit einbezogen worden. Das ist ja nicht irgend so etwas wie ein euphorisches und nostalgisches Sehnen nach Bewahrung der Schöpfung derer, die sonst keine Probleme vor sich haben. Sondern es ist sehr deutlich, dass die Überwindung von Not und Armut nur erreicht werden kann, wenn wir aufbauen können auf eine stabile Umwelt, auf die Leistungsfähigkeiten von Natur. UNEP hat vor wenigen Wochen das »Millennium Ecosystem Assessment« vorgestellt. Darin weisen 1300 Wissenschaftler nach, dass die Leistungsfähigkeiten der Ökosysteme zu über 60% zerstört sind und diese Zerstörung dazu führt, dass Wettbewerbs- und Entwicklungsfähigkeit eingeschränkt sind. Wer Arbeitsplätze schaffen und erhalten will, muss soziale Stabilität gewährleisten und ökologische Leistungsfähigkeit ermöglichen. Dies gehört zusammen. Und das hat ursächlich vieles mit Frieden zu tun. Wenn es denn richtig ist, dass die nächsten Kriege Wasserkriege werden könnten, dann muss man sich doch fragen: Welches sind die Abrüstungsinstrumente für diese Wasserkriege? Was ist zu tun? Welche Abrüstungsinstrumente stehen für diese Spannungen zur Verfügung? Solche Abrüstungsinstrumente sind z.B. Feuchtgebiete an den Oberläufen von Flüssen, weil sie Wasserspeicher sind und damit dazu beitragen, dass Wasser besser zurückgehalten, Flutkatastrophen vermindert und Wasser besser genutzt werden kann. Wer in Kläranlagenbau investiert, leistet Friedensarbeit, damit es nicht zu Wasserkriegen in der Zukunft kommt. Wir brauchen nicht Wasser für die Umwelt, sondern Umwelt für Wasser. Wir brauchen Ökosysteme für die Überwindung von Armut, für wirtschaftliche Entwicklung. Und wir brauchen diese Verantwortung für die Umwelt, die Natur – lassen Sie mich das auch in hohem Respekt zu Theodor Heuss sagen – um den Respekt von Gesellschaft und Individuum gegenüber der uns Menschen überantworteten Schöpfung glaubwürdig zu beweisen. Ich glaube nicht, dass dies altmodisch ist, dass wir diese Aufgabe mit Blick auf die unserer Gesellschaft aktuell besonders gestellten Probleme zurückstellen dürfen. Wir leben in einer Zeit, in der wir immer wieder vor der Herausforderung stehen, Werte in den Dialog der Zivilisationen einzubringen; eine Verantwortung für die Schöpfung soll als ein über die Religionen hinweg verbindender Gesamtwert aufrecht erhalten und aktiv geschützt werden. Es gibt keine Weltreligion, in der Respekt vor Schöpfung nicht mitgegeben wäre. Dies ist eine großartige Grundlage für Dialog. Eine großartige Grundlage dafür, Toleranz zu erarbeiten, immer wissend, dass nur der wirklich tolerant sein kann, der eine eigene Position hat. Aber der den Mut, die Kraft und das Selbstbewusstsein hat, diese seine Position immer und immer wieder in Verständnis der Position anderer zu verstehen und dazu beizutragen, dass aus diesem heraus Respekt, Verantwortung erwächst. Deswegen lassen Sie mich abschließend diesen Zusammenhang einbinden in das, was der von mir in besonderer Weise geschätzte Philosoph Hans Jonas mit dem „Prinzip Verantwortung“ verbindet. Dieser deutsche Jude, der in den schwärzesten Tagen unseres Vaterlandes nach Amerika auswanderte, der zurückkam und in der Stadt Mönchengladbach, seiner Heimatstadt, dieses Buch »Prinzip Verantwortung« schrieb. Hans Jonas hat eine Antwort darauf gegeben, dass wir uns in der hochtechnischen Zivilisation gerade auch der Verantwortung für kommende Generationen und für fern von uns Lebende bewusst sind. Auch dies ist eine zentrale Herausforderung an die Zukunft, dass wir nicht unseren Wohlstand durch die Abwälzung von Kosten auf andere finanzieren dürfen. Die entfernt Lebenden, besonders die Ärmsten der Armen in den Entwicklungsländern, aber auch die zukünftig Lebenden werden diese Handlungsweise auf Dauer nicht verstehen. Ich danke Ihnen sehr herzlich. » merken Schlusswort Bundespräsident a.D. Dr. Richard von Weizsäcker Lieber Herr Bundespräsident, verehrte Frau Köhler, liebe Freunde und sozusagen Familienangehörige der Theodor-Heuss-Stiftung, darf ich für wenige Worte zum Abschluss noch kurz um Ihre Aufmerksamkeit bitten. Wir befinden uns mitten in einer Phase schwerer, notwendiger Erinnerung über menschliche, historische, politische Grenzen hinweg. Erinnerung, die 60 Jahre zurückgeht. Eine Erinnerung, die vielleicht tiefer als je zuvor unter uns zu spüren ist. Wer vermag die Gründe dafür wirklich zu deuten? Am 8. Mai 1945 wussten die allermeisten von uns kaum, wo und wie immer sie ihn auch erlebt haben mögen, was er bedeutet, welche Last, welche neue Lebenschance, welche Verantwortung er für jeden von uns mit sich brachte. Auch und zumal bei uns in dem Teil Deutschlands, wo die so tief entbehrte und so entscheidend notwendige freie Luft zum Atmen wieder kam. Da lag das ganze Gewicht bei den Persönlichkeiten, die berufen waren voranzugehen. Und das war Theodor Heuss, mit Konrad Adenauer, Kurt Schumacher, mit Carlo Schmid und anderen. Die Aufgabe von Heuss war ja nicht das tägliche exekutive Geschäft, aber ein Mandat von umso zentralerer Bedeutung, um uns an diese wiedergewonnene Freiheit im politischen Gemeinwesen heranzuführen. Er tat das nie mit großen Worten, nie in feierlicher Form. Er hatte sozusagen einen altväterlichen Zylinder auf. Seine Antrittsrede, seine wegweisenden Gedanken trug er vor wie einen Gesprächsbeitrag im Freundeskreis und zugleich mit dem tiefen Ernst seiner historischen, seiner politischen, im besten Sinne menschenrechtlich-liberalen Erfahrung. Kein anderer hat uns wieder auf so wahrhaft human-politische Weise einen bürgerlichen Neuanfang in die Demokratie hinein nahe gebracht, wie er sie uns vorgemacht und sie uns auch immer abverlangt hat. Es war eine eminent schwere Aufgabe. Doch wie er sie auf sich nahm, das hat für die neue, die feste Verwurzelung des demokratischen Gemeinwesens mehr beigetragen bei uns als alles andere. Es war die einmalige, die entscheidende Aufgabe für das Staatsoberhaupt, die in der Geschichte unseres Landes ihres Gleichen sucht und die immer mit dem Namen Theodor Heuss verbunden bleibt. Und nun also galt es, diese Leistung und Wirkung zu erkennen, das Mandat als ein verpflichtendes Erbe aufzunehmen, es weiter zu tragen. Das ist der Kern des Impulses von Hildegard Hamm-Brücher, die Theodor-Heuss-Stiftung zu schaffen, nicht um dort Jubiläen zu feiern, sondern um zu erwerben, was das Erbe uns zumutet, uns abverlangt, um es dadurch zu bewahren und erst zu besitzen. Liebe Frau Hamm-Brücher, was Sie hier geschaffen haben, das ist eine große, segensreiche Initiative. Wir werden Sie, zumal in dieser zwar stets respektvollen aber zugleich freiheitlich-liberalen Atmosphäre von Theodor Heuss, nun nicht gleich heilig sprechen, und Sie haben es uns, Ihren Freunden und Mitstreitern, ja auch oft wahrlich nicht immer ganz leicht gemacht. Auch wir haben manchmal versucht etwas zu denken, zu sagen und beizutragen. Das war gar nicht immer so ganz leicht, da Sie doch Ihre ganz feste Orientierung, Ihren Kompass hatten und ungern bereit waren, davon abzuweichen. Frühzeitig waren Sie einem Glücksfall in Ihrem Leben begegnet, nämlich Theodor Heuss selbst, schon im Oktober 1946. Es heißt, das sie für Sie politische Liebe auf den ersten Blick geworden. Sie interviewten ihn, den damaligen »Kultminister«, wie das immer so schön in Württemberg heißt, über Schul- und Hochschulfragen. Ja, dann hat er sich darüber gefreut und dann hat er zu Ihnen gesagt: »Mädle, Sie müsset in die Politik.« Also, lieber Freund Walter Scheel, Sie müssen schon entschuldigen, im Amt des Bundespräsidenten sind verschiedentlich Schwaben gewesen. Es hat mit Theodor Heuss angefangen und jetzt haben wir Horst Köhler, und dazwischen gab es noch einen anderen. Ja, Mädle, Sie müsset in die Politik, und das ging dann stürmisch nach oben. Zuletzt wurde es die Heuss-Stiftung. Über die Arbeit dort habe ich einmal die Schlagzeile gelesen: »Wenn die Hildegard die Stimme hebt, haben die Priester nichts zu lachen.« Nun, also es handelt sich hier weder um eine strenge Heilige, noch um eingeschüchterte Priester. Gelacht wurde ganz ausgiebig. Aber es ist nun einmal die reine Wahrheit, dass die Heuss-Stiftung mit ihren Auszeichnungen, durch Sie, und durch niemanden sonst, zu einem nimmermüden, unersetzlichen freiheitlichen Antrieb unserer demokratischen Bürgergesellschaft herangewachsen ist. Zur Einsicht dafür, dass die Demokratie nicht allein zum Schutz der Bürger vor dem Staat da ist, sondern dass die Demokratie von der Vernunft, dem Anstand, der Hilfsbereitschaft und der eigenen aktiven Kraft der Bürger lebt. So sind wir hier heute versammelt, um die Auszeichnungen dieses Jahres zu vergeben und nun gegen Ende unserer Feier Ihnen, liebe Hildegard Hamm-Brücher, von ganzem Herzen zu danken für Ihre schlechthin wegweisende Tat der Theodor-Heuss-Stiftung. Leicht war das alles gar nicht, zumal am Anfang. Man brauchte gute Mitstreiter. Stiftung, das klingt so, als habe sie uferlos Mittel geerbt. Nichts dergleichen. Auch einige Mittel wurden zum Start benötigt, da kam zur rechten Zeit eine gute Fee und half. Frau Köhler, Lotte Köhler, der Name ist ein guter Begriff für Qualität. Und dann ging es voran, um den Trägern der Preise und Medaillen Mut für die weitere Arbeit in die Zukunft hinein zu geben. Mit dem Preis wird ja etwas ausgezeichnet, das noch nicht erreicht und vollendet ist. Etwas, was weiter getan werden muss, damit wir die Zukunft bestehen. So ist es auch heute und hier, wie es uns Bischof Huber überzeugend nahe gebracht hat bei der Begründung für die drei Preisträger. Human Rights Watch, wo die vielen völlig freiwilligen Mitarbeiter ihre ganz direkten Beiträge z.B. für die Mittelost-Reformen, für die Menschenrechte überall leisten, so dass es keinen »Clash«, sondern einen bereichernden »Dialogue of Civilizations« geben soll, und Marianne Heuwagen ist uns herzlich willkommen in Berlin, um uns alle dazu zu ermuntern. Meinhard Miegel, dem nimmermüden Aufklärer, aber eben nicht, wie es dann immer heißt, als Cassandra, sondern als Prophet unseres Reformzwangs. Und Klaus Töpfer, der für den zukunftsentscheidenden Schutz unserer natürlichen Ressourcen kämpft und von dem wir immer wieder lernen, dass der Klimawandel Lebensaufgabe unserer Zeit ist, jetzt und nicht demnächst. Ermutigung für die Zukunft, dafür steht die Heuss Stiftung, dafür danken wir Ludwig Theodor Heuss, dass er die Stafette weiter voran trägt, aktiv und mit vollem Leben. Dafür danken wir Hildegard Hamm-Brücher, denn sie ist die eigentliche Preisträgerin. Und danken möchte ich Ihnen, verehrter Herr Bundespräsident, für Ihre aktive Teilnahme, Ihre Zuwendung, Ihre Ermutigung zur weiteren Arbeit der Stiftung in der Heuss-Familie, die uns hier verbindet und die uns auch in Zukunft wieder zusammenführen wird.

2005