Theodor Heuss Stiftung

Prof. Dr. Krzysztof Michalski

Prof. Dr. Krzysztof Michalski Der Theodor-Heuss-Preis für das Jahr 2004 wird dem Philosophen, Gründer und Rektor des Instituts für die Wissenschaften vom Menschen, Krzysztof Michalski, zuerkannt, weil er mit seiner Arbeit den Blick darauf lenkt, dass in einem vereinigten Europa die Frage des Zusammenlebens der Menschen im Mittelpunkt stehen muss. Seit Anfang der achtziger Jahre spielt er eine wichtige Rolle bei der Vertiefung des politischen und kulturellen Dialogs zwischen Ost und West. Damit trug er zur Befreiung vom Kommunismus bei und förderte die Entwicklung einer demokratischen Zivilgesellschaft in den Ländern Mittel- und Osteuropas. Michalski und sein Institut verbinden immer höchste intellektuelle Ansprüche mit den Fragen politischer Umsetzbarkeit und besonderer Förderung des Nachwuchses. Indem sie auf beispielhafte Weise herausragende Persönlichkeiten aus Wissenschaft, Gesellschaft und Politik miteinander ins Gespräch bringen, stärken sie zudem die Entwicklung einer dringend notwendigen Diskussionskultur. Nach der EU-Erweiterung wird diese Arbeit wichtiger denn je sein. Europa kann nur gedeihen, wenn West und Ost bereit sind, umzudenken und sich den gemeinsamen Herausforderungen der Zukunft zu stellen. Krzysztof Michalski ist zugleich ein wichtiger Mittler im transatlantischen Dialog. Er ist ebenfalls Professor an der Boston University, wo das Institut für die Wissenschaft vom Menschen eine Niederlassung hat, die sich insbesondere den amerikanisch-europäischen Beziehungen widmet. Der Theodor-Heuss-Preis 2004 gilt einem Vermittler zwischen den Gesellschaften und den Kulturen, der durch seine Arbeit dazu beiträgt, dass das zukünftige Europa ein Europa der Bürger, der Menschen sein wird. Dafür schulden wir ihm Dank und Anerkennung.

Junge Europäische Föderalisten (JEF)

Eine Theodor-Heuss-Medaille für das Jahr 2004 wird den Jungen Europäischen Föderalisten (JEF) zuerkannt, für ihr langjähriges Engagement für ein bürgernahes, demokratisches, solidarisches und geeintes Europa. Seit dem 9. November 1989 befindet sich Europa im Umbruch. Der Aufstand der Bürger für Demokratie, Rechtsstaatlichkeit und Freiheit hat zum Einsturz der Mauer geführt. Die deutsche Einheit eröffnete die Chance zu einem vereinten Europa, dem am 1. Mai 2004 weitere zehn Staaten, unter anderem Polen, die Tschechische Republik, Ungarn und Slowenien beitreten werden. Diese wichtigen Entwicklungen werden jedoch von den Bürgerinnen und Bürgern kaum wahrgenommen. Es mangelt in weiten Teilen an europäischer Öffentlichkeit, an zivilgesellschaftlichem Engagement über Grenzen hinweg und an der Teilhabe der Bürgerinnen und Bürger an der Gestaltung der Europäischen Union. Die Jungen Europäischen Föderalisten engagieren sich seit über 50 Jahren für ein vereintes und friedliches Europa. Mit vielfältigen Aktionen und Projekten macht JEF nicht nur auf den überfälligen Integrationsprozess der Europäischen Union aufmerksam. Die Mitglieder aus nahezu 30 Staaten setzen sich dafür ein, dass die Europäische Union, um handlungsfähiger zu werden und zu bleiben, demokratischer, rechtsstaatlicher und bürgernäher werden muss. Als wichtiger zivilgesellschaftlicher Akteur in europapolitischen Fragen vereint JEF junge Menschen, die sich dem Ziel eines transparenten und föderalen Europa der Vielfalt von Kulturen und Lebensweisen verpflichtet haben. Die Theodor-Heuss-Stiftung will mit den Jungen Europäischen Föderalisten eine Initiative auszeichnen, die für das Europa von >unten<, für das Europa der Bürgerinnen und Bürger und für offene, plurale Gesellschaften eintritt und kämpft.

MitOst e.V.

Eine Theodor-Heuss-Medaille für das Jahr 2004 wird MitOst e.V., Verein für Sprach- und Kulturaustausch in Mittel-, Ost- und Südosteuropa, zuerkannt, für sein demokratisches und völkerverbindendes Engagement für ein solidarisches und friedliches Europa. Seit dem 9. November 1989 befindet sich Europa im Umbruch. Der Aufstand der Bürger für Demokratie, Rechtsstaatlichkeit und Freiheit hat zum Einsturz der Mauer geführt. Die deutsche Einheit eröffnete die Chance zu einem vereinten Europa, dem am 1. Mai 2004 weitere zehn Staaten, unter anderem Polen, die Tschechische Republik, Ungarn und Slowenien beitreten werden. Diese wichtigen Entwicklungen werden jedoch von den Bürgerinnen und Bürgern kaum wahrgenommen. Es mangelt in weiten Teilen an europäischer Öffentlichkeit, an zivilgesellschaftlichem Engagement über Grenzen hinweg und an der Teilhabe der Bürgerinnen und Bürger an der Gestaltung der Europäischen Union. MitOst e.V. trägt seit 1996 als Mittler und Förderer des Kultur- und Sprachaustausches in Mittel-, Ost- und Südosteuropa dazu bei, dass vorwiegend junge Europäer und Europäerinnen einander kennen lernen und sich gemeinsam dem Ziel der Völkerverständigung und Bildung über Grenzen hinweg verpflichten. Mit mehr als 900 Mitgliedern aus 20 Staaten initiiert und vernetzt MitOst e.V. ehrenamtliche Bildungs- und Kulturprojekte, Seminare, Ausstellungen und Dokumentationen im Bereich der internationalen Verständigung und unterstützt damit effektiv und nachhaltig die Entwicklung hin zu einem bürgerschaftlichen, zukunftsfähigen und vereinten Europa. Die Theodor-Heuss-Stiftung will mit MitOst e.V. eine Initiative auszeichnen, die für das Europa von >unten<, für das Europa der Bürgerinnen und Bürger und für offene, plurale Gesellschaften eintritt und kämpft.

PICUM

Eine Theodor-Heuss-Medaille für das Jahr 2004 wird PICUM (Platform for International Cooperation on Undocumented Migrants) zuerkannt, für ihr langjähriges Engagement für ein solidarisches, demokratisches und geeintes Europa. Seit dem 9. November 1989 befindet sich Europa im Umbruch. Der Aufstand der Bürger für Demokratie, Rechtsstaatlichkeit und Freiheit hat zum Einsturz der Mauer geführt. Die deutsche Einheit eröffnete die Chance zu einem vereinten Europa, dem am 1. Mai 2004 weitere zehn Staaten, unter anderem Polen, die Tschechische Republik, Ungarn und Slowenien beitreten werden. Diese wichtigen Entwicklungen werden jedoch von den Bürgerinnen und Bürgern kaum wahrgenommen. Es mangelt in weiten Teilen an europäischer Öffentlichkeit, an zivilgesellschaftlichem Engagement über Grenzen hinweg und an der Teilhabe der Bürgerinnen und Bürger an der Gestaltung der Europäischen Union. PICUM begann im Jahr 2000 damit, sich für diejenigen Menschen einzusetzen, die sich als Einwanderer ohne Papiere innerhalb Europas aufhalten und dadurch von der Gesellschaft ausgeschlossen sind. Sie kämpft für die Achtung der Menschenrechte dieser ausländischen Bürger mit dem Ziel, die Anerkennung dieser Rechte, insbesondere des Rechts auf Grundversorgung, auf menschenwürdige Behandlung und auf eine gesetzliche Regelung ihres Status zu erreichen. Als nichtstaatliche Organisation berät, unterstützt und vernetzt sie Institutionen und Initiativen, die sich in den europäischen Staaten vor Ort um die Einwanderer mit ungeklärtem Status kümmern, und erarbeitet Empfehlungen für die Verbesserung ihrer rechtlichen und sozialen Lage in Übereinstimmung mit den nationalen Verfassungen und den internationalen Abkommen. Die Theodor-Heuss-Stiftung will mit PICUM eine Initiative auszeichnen, die für das Europa von >unten<, für das Europa der Bürgerinnen und Bürger und für offene, plurale und gerechte Gesellschaften eintritt und kämpft.

Anstöße für ein Europa der Bürger

Einführungsreferat Sabine Leutheusser-Schnarrenberger Die Theodor-Heuss-Stiftung hat das Motto der diesjährigen Preisverleihung – und damit sein Jahresmotto – Europa gewidmet und es »Anstöße für ein Europa der Bürger« genannt. Aus dieser Themenformulierung wird der Grundgedanke deutlich, der die Theodor-Heuss-Stiftung geleitet hat. Gegenüber dem Europa der Institutionen, der Regierungskonferenzen, der Zusammenarbeit der Staaten und der festen Strukturen wollen wir den Akzent auf das Europa der Bürger legen. Ein Europa, nicht zwingend identisch mit der Europäischen Union, das eine Vielfalt von Traditionen, Kulturen, unterschiedlichen Wertverständnissen und unterschiedlichen Einflüssen der Kirchen sein eigen nennt. Zivilgesellschaftliche Elemente über Grenzen hinweg zu mobilisieren und zu stärken, die Bürger zu Engagement und Teilhabe aufzufordern, entspricht den Grundanliegen und Zielen der TheodorHeuss-Stiftung seit ihrer Gründung im Jahr 1964. Die hohe Attraktivität der Europäischen Union lässt die Mitgliedschaft für immer mehr Staaten begehrenswert erscheinen. Anträge von Kroatien, Mazedonien liegen vor, mit Bulgarien und Rumänien wird seit langem verhandelt, die Türkei hat eine europäische Perspektive seit 1963 und viele osteuropäische Staaten wie Ukraine, Moldawien setzen langfristig auf die EU. Akzeptanz und Zufriedenheit der Bürger in der Europäischen Union mit der europäischen Integration nehmen dagegen seit einiger Zeit ab. Im Oktober 2003 hatten nur 44% der Bürger einen positiven Eindruck von Europa gegenüber 48 % ein halbes Jahr zuvor. Die Angst vor Zentralisierung, vor Normierung, vor einem Eindringen in alle Lebensbereiche ist bei vielen Bürgern genauso präsent wie die Skepsis gegenüber dem Erweiterungsprozess. Aber auch die Unsicherheit, wie mit der Vielfalt der Kulturen, Bräuche und Ansichten umgegangen werden soll, wie das gegenseitige Verstehen besser werden kann, ist groß. Es liegt also sehr nahe, sich dem Thema »Europa« als Theodor-Heuss-Stiftung« im Jahre 2004 zuzuwenden. In knapp vier Wochen wird die Osterweiterung vollzogen werden, zehn teilweise unmittelbare Nachbarn Deutschlands werden Mitglieder der Europäischen Union werden und hinter dieser nüchternen Feststellung verbirgt sich einer der grandiosesten Transformationsprozesse der letzten Jahrzehnte. Nach dem mörderischen NS-Regime, der Teilung Deutschlands und Europas und der Aufteilung in Machtblöcke, die die Weltpolitik beherrschten, stehen sich heute Freunde über diese Grenzen hinweg gegenüber, können historische und emotionale Gräben überwunden werden und mit der Mitgliedschaft dieser Staaten in der Europäischen Union nicht nur diese als politischer Akteur gestärkt, sondern ganz wesentlich zur Stabilisierung und zum Frieden in Europa beigetragen werden. Wie erleben die Bürger diesen Prozess? Mental bestehen eindeutig Defizite. Denn trotz der Zustimmung bei den Referenden beäugen sich die Bürger der »neuen« Mitgliedstaaten und die der »alten« häufig mit Unverständnis, Distanz und nicht nur mit aufgeschlossener Neugier. Worauf es jetzt ankommt, ist füreinander ein geistig-politisches, emotionales und historisches Verständnis zu entwickeln, nicht als Einbahnstraße des Lernens, sondern der Bürger im Osten gen Westen und umgekehrt. Hier liegen neue Aufgaben, für die politische Wissenschaft, systematisch Wert-, Normen- und Kulturfragen in ihren gesamteuropäischen Unterschieden und Gemeinsamkeiten aufzuarbeiten. Aber genauso für bürgergesellschaftliches Engagement, für Initiativen und für uns, die Theodor-Heuss-Stiftung. Unsere Preis- und Medaillenträger stehen dafür. Von Jean Monnet stammt der Satz, wenn er noch einmal anfangen könnte, würde er mit der Kultur beginnen (nicht mit der Wirtschaft). Dafür ist es heute auch nicht zu spät. Europa als Jahresmotto lag nahe, denn es besteht in diesem Jahr 2004 die große Chance, das europäische Verfassungsprojekt einen wichtigen Schritt voran zu bringen. Mit der Annahme durch den Rat könnte endlich die Beratung in den Parlamenten der Mitgliedstaaten und nach meiner Vorstellung die breite öffentliche Diskussion mit den Bürgerinnen und Bürgern beginnen, die letztendlich in einer Beteiligung der Bürger durch eine Volksabstimmung münden könnte. Es sei dahin gestellt, ob es sich um eine Verfassung im klassischen staatsrechtlichen Sinne handelt, um einen Vertrag mit Verfassungselementen oder nur um eine Weiterentwicklung der vertraglichen Grundlagen der Europäischen Union. Unstreitig ist mit diesem Verfassungsprojekt eine Integrationsentwicklung der Europäischen Union hin zu einer Wertegemeinschaft verbunden, und damit ein Abschied von der Konzentration auf die Wirtschaftsgemeinschaft mit einem funktionierenden Binnenmarkt. Aus der Sicht der Bürger ist dieses Verfassungsprojekt von entscheidender Bedeutung, weil erstmals eine Grundrechtecharta das Handeln der Institutionen der Europäischen Union binden soll, das Europäische Parlament gestärkt wird und bessere Grundlagen für eine gemeinsame Außenpolitik gelegt werden. Das gelingt mit diesem Entwurf zwar noch nicht aus demokratie-theoretischen Aspekten zufrieden stellend, aber es ist aus der Sicht der Bürger eine eindeutige positive Entwicklung, die auf weitere Dynamik angelegt ist. Damit erteile ich den Überlegungen eine Absage, die vor übertriebenen Demokratieerwartungen warnen und stärker auf den funktionierenden Markt und das Institutionengefüge als Zustimmungselemente setzen. Exekutive braucht parlamentarische Kontrolle. Sie schafft Transparenz und Legitimation. Sie muß verbessert werden. Die Bürger erwarten angesichts der Instabilitäten auf dem Balkan, den seit Jahren andauernden Konflikten im Nahen Osten und nach dem völkerrechtlich und außenpolitisch nicht gerechtfertigten Irak-Krieg ein gemeinsames Handeln der Europäischen Union in der Außenpolitik. Sie nehmen sehr deutlich wahr, dass die Nationalstaaten allein keine wirkungsvollen Antworten auf die außenpolitischen Gefährdungen und Entwicklungen geben können und die Europäische Union als politischer Akteur gefordert ist. Eine gemeinsame Außen- und Sicherheitspolitik kann identitätsstiftende Wirkung entfalten, denn die Völker Europas waren sich einig in der Ablehnung des Krieges gegen den Irak, anders als die Regierungen der Mitgliedstaaten. Gerade die Unstimmigkeiten und Verwerfungen im Vorfeld des Irak-Krieges haben insofern etwas Positives bewirkt. Der Druck auf gemeinsames außenpolitisches Handeln in Europa ist stärker geworden. Die Europäische Verfassung brauchen wir, weil die Strukturen zum gemeinsamen Handeln in Europa verbessert werden müssen, aber allein die Strukturen führen noch nicht zu einer einheitlichen inhaltlichen Position. Diese wird es gerade mit einem stärkeren öffentlichen Druck und dem Drängen der Bürgerinnen und Bürger geben. Meine Vision der Weiterentwicklung Europas in dieser Frage ist, dass die Europäische Union als Völkerrechtssubjekt, das sie nach Verabschiedung der Verfassung endlich würde, als EU Mitglied in der Welthandelsorganisation (WTO) würde, mit einem Sitz im UN-Sicherheitsrat vertreten wäre und als EU in der NATO eine entscheidende Rolle zusammen mit den Amerikanern wahrnehmen würde. Dann müsste Europa mit einer Stimme sprechen, dies würde den Zwang zur einheitlichen außenpolitischen Positionierung verschärfen. Und es würde Europa wieder so dialogfähig machen, wie es Außenminister Fischer vor kurzem bei der Abkehr von seiner früheren Position nach einem Kerneuropa als dringend notwendig bezeichnet hat. Amerika braucht ein starkes, handlungsfähiges Europa genauso wie Europa sich nicht in einer Politik gegen Amerika definieren kann und darf. Europa lag als Thema nah, denn hinter den institutionellen und geographischen Veränderungen begegnen sich die Bürger über Grenzen hinweg intensiver und häufiger als je zuvor. Die zunehmend offeneren Grenzen in Europa, die Freizügigkeit, die Möglichkeit des Studiums in europäischen Staaten und die leichtere Anerkennung von Bildungsabschlüssen, die Europäische Unionsbürgerschaft mit einem europäischen Pass, Freundschaften und Partnerschaften und wirtschaftliche Kooperation bringen die Menschen innerhalb Europas einander immer näher. Aber es wachsen auch die Ängste und Befürchtungen der Menschen in Europa, dass ihre Arbeit jetzt einem gnadenlosen Wettbewerb unterworfen wird und die Schrauben des Wettbewerbs zu niedrigeren Löhnen und niedrigerer Absicherung sich immer schneller drehen. Weil diese Gefahr gegeben ist, muss die Politik auf ein möglichst zügiges Heranführen der europäischen Nachbarn an einen höheren Wohlstand-und Einkommensstandard ausgerichtet sein, denn der Wettbewerb um Steuersätze zwischen 0 und 15 Prozent bei der Besteuerung von Gewinnen und Stundenlöhnen von fünf Euro pro Stunde ist ruinös und wird langfristig keine Gewinner zeigen. Die Bürgerinnen und Bürger erwarten zu Recht, dass die Ziele des Europäischen Integrationsprozesses, die Finalität dieser Entwicklung deutlicher beschrieben werden. Wohin soll dieses Europa in der Form der derzeitigen Europäischen Union, deren Erweiterungsprozess noch lange nicht abgeschlossen ist, führen? Zu den Vereinigten Staaten von Europa oder zu einem immer größer werdenden Staatenverbund mit Schwerpunkt auf dem wirtschaftlichen Freihandel? Diese Fragestellung kann auch mit anderen Begriffen belegt werden wie zentralistischer Superstaat statt intergouvernementale Zusammenarbeit, demokratisch legitimiertes europäisches Handeln oder Regierungskonferenzen mit intransparenten Entscheidungen ohne demokratische Legitimation? Zugespitzt und vielleicht etwas überspitzt sind dies die derzeitigen Diskussionsstränge bei der Beschreibung der Finalität der europäischen Entwicklung. Für mich kann es nur ein Ergebnis geben, das die bürgergesellschaftlichen und demokratischen Elemente eindeutig stärkt. Meine größte Sorge gilt dem Demokratiedefizit in der Europäischen Union und einer unheilvollen Allianz zwischen den Akteuren exekutiver Entscheidungen wie dem Rat und der Kommission auf der einen Seite und einem Parlament, das auf der Strecke bleibt. In diesem Prozess müssen Zivilgesellschaften über die Grenze ihrer Staaten hinweg sich stärker einbringen. Aber wie kommen wir in Europa zu einer Zivilgesellschaft? Dazu brauchen wir eine stärkere Diskussion darüber, welche Kräfte die Gesellschaft zusammenhalten, über das Menschenbild , über seine Lebensformen und die ethischen Bedingungen seiner Freiheit. Deshalb hat die Theodor-Heuss-Stiftung die Medaillen an drei Initiativen vergeben, die sich mit der europäischen Zivilgesellschaft, den langfristigen Entwicklungen und den schwächsten Bürgern in diesem Prozess befassen. Es werden sich gleich näher vorstellen: • MiTOst e.V., die sich für den Sprach- und Kulturaustausch in Mit-tel-Ost- und Südosteuropa seit 1996 einsetzen. Sie wollen Grenzen in den Köpfen und auf den Landkarten überwinden helfen. • Die Jungen Europäischen Föderalisten (JEF) kämpfen seit über 50 Jahren in einem ständigen Selbstverjüngungsprozess für ein demokratisches, bürgernahes, solidarisches und föderales Europa. Dies machen sie nicht nur in den Mitgliedstaaten, sondern in 30 Staaten Europas aktiv, parteipolitisch unabhängig und mit großem europäischem Sendungsbewusstsein. • Und PICUM, Plattform für die internationale Zusammenarbeit von Flüchtlingen ohne Papiere, setzt sich für diejenigen ein, die außerhalb der Gesellschaften stehen. Sie helfen den Menschen ohne Pässe, den Illegalen, die ohne legale Aufenthaltsgenehmigung von jeglichen Dienstleistungen ausgeschlossen sind und keine Gesundheitsfürsorge, keine Nahrungsversorgung, gar nichts haben. Die Ausgrenzung dieser Menschen führt zu immensen sozialen Problemen, die von der Zivilgesellschaft gelöst werden müssen, ohne dass damit der Verstoß gegen geltende Bestimmungen belohnt wird. Hier im Plenum und in Arbeitsgruppen können Sie die Medaillenträger und ihre Erwartungen an ein Europa der Bürger kennenlernen und mit ihnen diskutieren. Genauso, wie Sie im zweiten Teil unseres Kolloquiums mit dem diesjährigen Preisträger, dem Philosophen und Gründer des Instituts für die Wissenschaften vom Menschen, Professor Krzysztof Michalski debattieren können. Sein Wirken als Rektor dieses Instituts gilt der Vertiefung des politischen und kulturellen Dialogs zwischen Ost und West und damit der Förderung einer demokratischen Zivilgesellschaft in den Ländern Mittel- und Osteuropas. Europa von unten zu denken, unterschiedliche und gemeinsame Werte in den Gesellschaften zu definieren, Toleranz und ihre Grenze aufzuzeigen, das Miteinander vielfältiger Kulturen und ihre grundsätzliche Gegensätzlichkeit zu untersuchen sind nur unvollkommen beschriebene Wirkungsfelder unseres Preisträgers. Demokratie und Islam, Islam und Gewalt, Gewalt als Bedrohung der Demokratie sind nur einige aktuelle Fragestellungen. Welche Anstöße für ein Europa der Bürger können wir heute gewinnen? Wie soll dieses Europa aussehen und wo liegen seine Grenzen? Gibt es eine europäische Identität? Worauf kann sie sich gründen? Professor von Hentig hat seine anregenden Gedanken dazu in 10 Punkten dargelegt. » merken Vorstellung der Medaillenträger » merken JEF Lutz Hager Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Theodor-Heuss-Stiftung, voranstellen möchte ich einen ganz herzlichen Dank, dass wir Junge Europäische Föderalisten heute und morgen bei Ihnen zu Gast sein dürfen und dass wir als Medaillenträger geehrt werden. Das ist eine sehr große Anerkennung für uns, darüber freuen wir uns sehr. Ich möchte uns kurz vorstellen. Mein Name ist Lutz Hager, ich bin der Bundesvorsitzende im Vorstand von JEF Deutschland. Das Besondere an JEF ist, dass wir eine europäische Organisation sind, und deswegen wollen wir uns Ihnen auch ganz dezidiert als europäische Organisation vorstellen. Neben mir steht Marianne Bonnard, sie ist Generalsekretärin von JEF Europa in Brüssel, unserem Dachverband auf europäischer Ebene, und Ilze Garoza, die Vorsitzende von JEF Lettland. Sie wird von einer Kampagne erzählen, die sie in Lettland für das Beitrittsreferendum im letzten Herbst gemacht hat. Wir als JEF Deutschland wären natürlich froh, wenn wir auch einmal eine Gelegenheit hätten, ein Referendum zu haben, für das wir auf die Strasse gehen könnten. Marianne Bonnard JEF, das sind drei Worte: Junge Europäische Föderalisten. Erst einmal Junge: JEF ist eigentlich nicht so jung. JEF wurde 1948, kurz nach dem 2. Weltkrieg, gegründet. Wir sind also eigentlich eine der ältesten Jugendorganisationen in Europa. Aber jung insofern, dass unsere Mitglieder alle unter 35 sind. Die meisten Mitglieder sind 20 bis 22 Jahre alt, aber die Jüngsten, die 12 oder 13 sind, haben wir in Norwegen. Aber JEF ist man nicht nur, wenn man im Pass jung ist, sondern ein JEFer bleibt man sein ganzes Leben lang. Ein JEFer zu sein ist nämlich einfach eine Generation voraus zu sein, »To Be a Generation Ahead«. JEF war immer so, seit 50 Jahren. Und wir versuchen auch heute, dieses Motto zu vertreten, mit dieser Idee voranzugehen. Dann Europäische: Wir sind ein europäischer Verband und europäisch nicht nur im Sinne der EU. JEF ist in mehr als 35 Ländern vertreten. Das bedeutet: JEF ist in der aktuellen EU vertreten, sie ist in der EU vom Mai 2004 vertreten und sie ist auch schon in der EU von 2050 vertreten. Wir haben Mitglieder in Aserbaidschan, in Armenien, in der Türkei und Zypern. Für JEF ist Europa also nicht nur die EU, sondern ein Kontinent und wir denken, dass wir innerhalb dieses Kontinents keine Grenzen haben sollten. Überhaupt ist »Grenze« ein Wort das wir nicht kennen, auch nicht auf Weltebene. Europäisch zu sein heißt für uns europäisch in der Kultur zu sein, europäisch zu denken, Europa zu erleben und Europa zu formulieren und zwar ein Europa der Bürger. Ein Europa, wo die Bürger im Mittelpunkt stehen und wo die Bürger entscheiden können. Und dann steht noch das Wort Föderalisten da: Was wir unter Föderalismus verstehen, muss ich in Deutschland sicher nicht erklären. Ich komme aus Frankreich und in meinem Land versteht man nicht, was dieses Wort bedeutet. Aber wenn ich sage: Subsidiarität, Legitimität, Kompetenzabgrenzung, Demokratie, dann versteht man das in Frankreich auch. JEF will also eine Vision voranbringen, die Vision eines föderalen Europas, die Vision eines Europas, das auch auf der Weltebene aktiv sein und mit Partnern arbeiten kann. Die Vision von einer besseren Welt, wo die Bürger sich engagieren und entscheiden können. Und diese Ideen formulieren wir in Europa gegenüber unseren Ansprechpartnern. Das sind einerseits die Politiker, aber auch die Bürger. Wir arbeiten auf allen Ebenen und Ilze Garoza wird Ihnen nun ganz konkret erläutern, mit welchen Aktivitäten wir diese Ideen voranbringen können. Ilze Garoza Ich komme aus Lettland, aus Latvia, einem der Länder, die demnächst der EU beitreten werden. Wir haben die Wochen gezählt, bis Lettland ein Mitglied der EU sein wird. Jetzt zählen wir die Tage, 35, 34, 33, und bald ist es so weit. Bei uns waren die Menschen schon motiviert, als wir im Jahr 2000 Mitglied von JEF wurden. Alle wollten in das vereinigte Europa hinein. Die jungen Leute wussten schon lange vor den politisch Verantwortlichen, dass sie ein vereinigtes Europa wollten. Es waren also zuerst die Bürger, die das realisierten und sie fingen als erste an, mit Bürgern anderer Staaten zu kommunizieren. Sie verstanden, dass sie das große Europa nicht aus Lettland heraus machen konnten, dass sie sich mit anderen Europäern zusammentun mussten. So haben wir in JEF ein Netzwerk gefunden und seit 2000 spielt JEF Latvia eine aktive Rolle in all den Seminaren, Konferenzen, Austauschprogrammen und Kampagnen. Die Organisation kam durch den Dachverband von JEF. Dieser gab uns die Instrumente an die Hand, um dieses Europa zu erforschen. Die aktiven Mitglieder von JEF Latvia sind im Durchschnitt viel jünger als in den westlichen Staaten, so zwischen 18 und 22 Jahren. Um zu zeigen, was sich abspielt, welche Kraft die jungen Leute haben, wie begeistert sie sind und wie motiviert, auf die Strasse zu gehen, habe ich etwas Material mitgebracht. Da Europa für den Staat keine Priorität war, als das Referendum kam, fanden wir als Organisation, dass etwas getan werden musste. Wir hofften, unsere Bevölkerung und vor allem die jungen Leute so zu erreichen, dass sie sich immer mehr für die Erweiterung interessieren würden. Die Reaktionen waren kontrovers, doch zumindest wussten die Leute, dass es die Kampagne gab. Sie wurde in den Medien gezeigt und gefiel den Leuten. Wir verteilten Stickers, die sich ziemlich schnell verbreiteten. Ich finde heute noch welche, wenn ich durch die Strassen gehe. Die Kampagne schien wirklich um sich zu greifen. Alles, was wir machten, kam von den jungen Leuten. Sie setzten sich zusammen und dachten darüber nach, wie man so eine Kampagne anfängt und dann gingen sie hin und redeten mit den Bürgern. Ich denke einfach, dass dies der Geist von JEF ist, aus dem solche Ideen kommen. Und ich möchte betonen, dass, wenn wir heute feiern – wenn Lettland heute den Beitritt zur NATO feiert und sich schon darauf freut, den 1. Mai 2004 zu feiern – so ist das das Resultat dessen, was wir gemacht haben. Hier habe ich nun für Herrn Heuss ein T-Shirt mitgebracht und ich kann dazu sagen, dass unser Premierminister dieses T-Shirt auch trägt. Marianne Bonnard Die Osterweiterung war also für JEF die Herausforderung des letzten Jahres. Dieses Jahr, aber natürlich auch schon die letzten Jahre, steht der Verfassungsprozess auch bei uns auf der Agenda und wird es auch noch bleiben, solange die Verfassung noch nicht verabschiedet ist. Sie ist auch noch nicht perfekt und JEF wird in den nächsten Jahren auch weiterhin darauf einwirken, dass die Verfassung so perfekt wie möglich wird. Die Herausforderung für die nächsten 2 Monate ist die Europawahl. Wir werden unser Bestes tun, damit so viele Leute wie möglich, jung und alt, zur Wahl gehen und sich darüber Gedanken machen, welches Europa sie wollen. » merken MitOst e.V. Angelika Baumann Völkerverständigung, Kulturaustausch, zivilgesellschaftliches Engagement kann viele Gesichter haben. Auch MitOst hat ganz viele Gesichter und wir wollen Ihnen eine kleine Auswahl vorstellen. Angelika Baumann (zur Geschichte) 1996 haben sich in Melchingen, auf der Schwäbischen Alb, 9 Lektoren der Robert-Bosch-Stiftung zusammengefunden, um einen Verein zu gründen mit dem Ziel ehrenamtliche Projektarbeit zwischen Ost und West langfristig zu sichern und eine Plattform für andere Mittel- und Osteuropa-Begeisterte zu schaffen. Der Name war schnell gefunden. Im darauf folgenden Jahr gab es eine erfreuliche Entwicklung. Es gab die ersten Mitgliederreisen, es gab eine Lesereise und es gab das erste von insgesamt vier studentischen Seminaren in Kreisau. Bei der zweiten Mitgliederversammlung, 1997, haben schon 45 Mitglieder teilgenommen. Anne Stalfort (zu den Mitgliedern) Heute, 2004, hat MitOst fast 1.000 Mitglieder in mehr als 20 Ländern. Von Köln bis Kaliningrad, von Nürnberg bis Novosibirsk. Die Mit-Ostler bilden also ein dichtes Netz zivilgesellschaftlich engagierter junger Erwachsener in Mittel- und Osteuropa. MitOst ist mittlerweile in drei Bereichen tätig: In der Unterstützung und Ermunterung zur ehrenamtlichen Projektarbeit, in der Netzwerkarbeit, damit diese 1000 jungen Ehrenamtlichen sich kennen lernen und sich begegnen können und als Trägerverein mehrere Stiftungsprogramme. Gosia Tomaszkiewicz (zu den Projekten) Ich komme aus Polen. Im Vorstand von MitOst bin ich Beisitzerin und zugleich für Projekte verantwortlich. Projekte machen einen sehr wichtigen Teil unserer Vereinsarbeit aus. Der Fantasie werden wirklich keine Grenzen gesetzt. Unsere Mitglieder sind in den verschiedensten Kulturbereichen tätig, die Projekte reichen von Fotoausstellungen, Studienreisen, Sprachkursen, Kulturaustausch, Seminaren bis zu Projekten, die als Ziel das gegenseitige Kennenlernen von benachbarten Ländern haben. Die heißen bei uns Grenzprojekte. Aus unserer Erfahrung ist ein Projekthandbuch entstanden, es heißt »Europa machen«. Das Buch sollte allen jetzigen und zukünftigen Projektleitern als Hilfe dienen, um ein Superprojekt zu machen. Monika Sus (zu Alumni) Warum haben wir Alumniarbeit? 40 Prozent der MitOst-Mitglieder sind ehemalige Stipendiaten der Robert-Bosch-Stiftungs-Programme im mittel- und osteuropäischen Kontext. Ein Aspekt der Alumniarbeit ist das Wissen, das die ehemaligen Stipendiaten schon erworben haben, für das MitOstNetzwerk nutzbar zu machen. Darüber hinaus ist unser Ziel, ehemalige Stipendiaten über die Studentinnen- und Studentenzeit hinaus weiter für die ehrenamtlichen Projekte zu begeistern. Wir wollen sie auch immer weiter vernetzen. Konkrete Alumniprojekte sind unter anderem ein Magazin mit den Erfahrungsberichten von den Stipendiaten der einzelnen Programme, wie auch Schulungen und Fortbildungen zum Thema Fundraising oder eine Broschüre über Projektmanagement. Kartin Peerenboom (zur Kommunikation) Ich bin die zweite Vorsitzende von MitOst. MitOst, das ist auch ein großes Netzwerk. In fast jedem Land gibt es auch einen so genannten Ländervertreter, der eine Schnittstelle zwischen dem Verein und den Mitgliedern in seinem Land bildet. Der Informationsaustausch in unserem Verein läuft hauptsächlich über Email, über die Homepage, aber auch über unser Magazin, über Rundbriefe und natürlich über persönliche Treffen. Wir freuen uns auch über ein immer größer werdendes Netzwerk nach außen. Wir arbeiten mit einigen Kooperationspartnern zusammen, z.B. mit anderen Osteuropa-Initiativen und Förderern bei Projekten und Konferenzen, zum Beispiel bei unserem MitOst Festival. Anne Veigel (zum Festival) Ich bin Schatzmeisterin des Vereins und ich möchte das internationale MitOst-Festival präsentieren. Es wird dieses Jahr vom 28. Oktober bis zum 2. November in der Litauischen Hauptstadt Vilnius stattfinden. Wir erwarten 350 Gäste aus über 20 Ländern, und die Teilnehmer werden sich in Dutzenden von Workshops zum Thema Projektmanagement, Projektentwicklung, Kunst und Kultur weiterbilden. Es gibt ein Rahmenprogramm mit verschiedensten Veranstaltungen, auch zum Thema Kunst und Kultur, es sind Lesungen, Fotoausstellungen und so weiter, die wir in enger Zusammenarbeit mit regionalen Künstlern und Veranstaltern durchführen. Wir bauen auf die Erfahrungen unseres letzten Festivals, das im November 2003 in Page in Ungarn stattgefunden hat. Dort waren es ungefähr 300 Teilnehmer und Gäste aus aller Welt, die sich in vielen Workshops und Veranstaltungen kennen gelernt haben, die zusammengearbeitet haben und vor allem sich auch vernetzt haben. Das Festival hat großen Anklang gefunden, in den regionalen und überregionalen Medien in ganz Ungarn, und hat auch ein multikulturelles internationales Flair in dieses Städtchen gebracht. All das erwarten wir auch vom Internationalen Festival 2004 in Vilnius. Darius Polok (zum Theodor-Heuss-Kolleg) Ich leite das Theodor-Heuss-Kolleg der Robert-Bosch-Stiftung, ein Programm, das in der Trägerschaft des MitOst e.V. ist und das im Rahmen des Vereins 1997 eine Lawine von kleinen Projekten losgetreten hat. Mit Unterstützung der Robert-Bosch-Stiftung wurde es dann ausgebaut. Im Jahr 2002 ist es dann zurück an den Verein gegangen und ist jetzt eines der größeren Programme innerhalb des MitOst e.V. Der Name ist nicht zufällig. Zu Beginn gab es, dankenswerterweise auch durch die Unterstützung der Familie Heuss, die klare Ausrichtung, dass das, was Theodor Heuss zu Beginn und am Ende des 2. Weltkrieges für die deutsche Demokratie geleistet hat, nun nach seinem Vorbild auch in Mittelosteuropa zu tun ist. Es gibt nämlich nicht nur ein Demokratiedefizit, wie wir es gehört haben, sondern auch ein Kompetenzdefizit. Um aber aktiv zu sein, und das wollen wir, um junge Menschen zu Aktivität zu animieren, muss man zunächst einmal wissen, wie man dies tut. Man muss wissen, wie Projekte durchzuführen sind, man muss vor allem wissen, woher man Kontakte bekommt, man muss auch wissen, wie man Gelder für Projekte bekommt. Das Theodor-Heuss-Kolleg ist eine einjährige Ausbildung in Projektarbeit für Personen aus Deutschland, Mittel- und Osteuropa. Hier sieht man, dass unser Europabegriff nicht an der Grenze der EU aufhört, ganz bewusst nicht, sondern es geht darum, Europäer im Geiste zu vereinigen. Europäer, das heißt für uns Menschen, die sich am aktiven Bürgerideal orientieren, die im Citoyen ein Beispiel sehen, die sich für das Gemeinwohl engagieren wollen. Wie bringen wir die Leute nun dazu, Projekte zu machen? Das ist aus unserer Erfahrung sehr interessant. Hier geht es darum, Eigensinn mit Gemeinsinn zu verbinden. Nur wenn die jungen Menschen wissen, dass das was sie tun auch für sie selbst wichtig ist, werden sie auch für andere etwas tun und für das Gemeinwohl handeln. Und das gelingt uns, indem wir den jungen Menschen, die zu uns kommen, sagen: Was willst Du denn verändern? Oder, in der Sprache der jungen Leute: Was nervt Dich vor Ort und was sollte anders werden? Und wir helfen ihnen dabei, genau diese Dinge zu verändern. Im Laufe des Heuss-Kollegs erwerben sie Fähigkeiten und Kompetenzen, die sie dann künftig in ihren eigenen Berufen brauchen und hoffentlich dann auch später im Sinne eines Europas der aktiven Bürger einsetzen werden, egal wo sie tätig sind. Astrid Stefani (zu »Junge Wege in Europa«) Ich leite das Programm »Junge Wege in Europa« der Robert-Bosch-Stiftung, das sich auch in Trägerschaft von MitOst e.V. befindet. »Junge Wege in Europa« fördert gemeinsame Projekte von Schülern und Jugendlichen aus Deutschland und aus Mittel- und Osteuropa. Zielsetzung des Programms ist es, dass die jungen Menschen sich bei ihrer Projektarbeit gemeinsam mit Fragestellungen beschäftigen und Themen behandeln, die das zukünftige Europa gestalten. So hoffen wir, dass wir durch das Programm junge Leute darin unterstützen können, die Vision eines gemeinsamen Europas zu entwerfen, und dass wir den jungen Menschen aus Deutschland und aus Mittelosteuropa helfen können, verschiedene Kompetenzen zu entwickeln und sich anzueignen, zivilgesellschaftliche Kompetenzen, wirtschaftliche Kompetenzen, Kompetenzen im kulturellen Bereich. Als Beispiel zwei Projekte, die sich mit dem Thema Europa beschäftigen: Eine Gruppe aus Deutschland, Slowenien und Polen fragt sich: Welches ist die gemeinsame Kultur, die wir nach der EU-Erweiterung vertreten? Und sie entwickelt daraus einen Beitrag für den Karneval der Kulturen in Berlin. Eine andere Gruppe deutscher und polnischer Schüler fragt sich, eine ähnliche Fragestellung, was soll uns das Europa der Zukunft geben, welches sind unsere Erwartungen, was wollen wir selber einbringen? Und versuchen es in einer eigenen Sprache zu formulieren, sie machen Hip-Hop-Texte und nehmen eine deutsch-polnische CD auf. Wir freuen uns, in diesem Rahmen ankündigen zu können, dass wir noch ein drittes Programm in Trägerschaft bekommen haben, ganz frisch, seit letzter Woche. Das ist auch ein Programm, das sich mit Schulpartnerschaften aus Deutschland, Mittel- und Osteuropa beschäftigt, ein Programm der Stiftung Erinnerung, Verantwortung und Zukunft. Es heißt: »Frieden für Europa. Europa für den Frieden«. » merken PICUM Pieter Muller Ich stelle Ihnen zuerst Hildegard Grosse vor. Sie ist im Vorstand der Bundesarbeitsgemeinschaft Asyl in der Kirche und in dieser Funktion Gründungsmitglied der Platform for International Cooperation on Undocumented Migrants. Und hier ist Nele Verbruggen, die als Koordinatorin im Sekretariat von PICUM in Brüssel arbeitet. Wir sind sehr glücklich und sehr stolz darauf, dass die TheodorHeuss-Stiftung uns gefunden hat und uns jetzt eine Medaille geben möchte. PICUM ist ein Netzwerk von Nichtregierungsorganisationen, die sich für Menschen ohne Papiere in Europa einsetzen. Wir sind seit November 2000 tätig, also sehr jung. Das Netzwerk, ursprünglich gegründet von einigen deutschen, belgischen und niederländischen NGOs, hat sich inzwischen auf 12 europäische Länder ausgedehnt. Das Sekretariat befindet sich in einem kleinen Büro in Brüssel. Unser Ziel ist, die Sicherung der sozialen Grundrechte von Menschen ohne Papiere in Europa zu fördern. Unser Fokus liegt nicht bei der irregulären Einwanderung. Wir sind also nicht direkt bei der Debatte über die Grenzkontrollen und die Frage der offenen Grenzen betroffen. Wir weisen darauf hin, dass die europäischen Staaten sich alle mittels internationaler Abkommen verbunden haben, um allen Menschen, die sich auf ihrem Hoheitsgebiet befinden, die ihnen zukommenden Rechte zu garantieren. Wir stellen fest, dass Menschen ohne Papiere hier generell von diesen Rechten ausgeschlossen werden. Als die Gründer von PICUM damals in 1999/2000 die Sachlage der Menschen ohne Papiere in ihren Ländern untersuchten und zu dieser Feststellung kamen, haben sie entschieden, dass hier eine Initiative notwendig ist. Wir alle haben uns schon seit vielen Jahren in unseren lokalen oder nationalen NGO’s mit der Aufnahme oder Unterstützung von Flüchtlingen, Asylsuchenden oder Migranten befasst. Fast ausnahmslos ehrenamtlich, als eine selbst übernommene, selbstverständliche Verpflichtung eines Bürgers oder einer Bürgerin seinen oder ihren Mitmenschen gegenüber. Eine noch selbstverständliche Verpflichtung einer Kategorie von Menschen, von Mitmenschen in unserer Gesellschaft gegenüber, die wegen Nachlässigkeit der verantwortlichen Regierungen und Instanzen sozial ausgegrenzt werden und sich dagegen kaum wehren können. Für uns alle handelt es sich um ein Engagement für soziale Gerechtigkeit und wir fühlen uns verantwortlich, eine gerechte Gesellschaft zu fördern. Was macht PICUM nun praktisch? PICUM betätigt sich auf zwei Ebenen: 1. Auf organisatorischer Ebene: Das Zusammenbringen von NGO’s für den Austausch von Erfahrungen, Sachkenntnissen, Informationen, das Organisieren von Themenseminaren zu Fragen des Gesundheitswesens, der Unterkunft, Erziehung und Arbeit, zur Stärkung der Sachkenntnisse der NGO’s und Unterstützung der Mitgliedsverbände bei der organisatorischen Entwicklung, zur Ethik der Hilfeleistung und vieles mehr. 2. Auf der politischen Ebene. Hier ist das Monitoring sehr wichtig. PICUM verfolgt die politischen Entwicklungen sowohl auf europäischer wie auch auf nationaler Ebene und versucht mit Argumenten Einfluss auszuüben. Momentan ist unser Anliegen, die Frage der Anwendung der sozialen Grundrechte für Menschen ohne Papiere bei maßgeblichen Politikern vorzubringen. Bis heute ist PICUM hauptsächlich in vier Arbeitsbereichen tätig: 1. Gesundheitswesen, Gesundheit, 2. Erziehung, 3. Unterkunft, Obdach, 4. Arbeitsbedingungen. Der letzte Bereich ist im Moment unsere erste Priorität. Wir wollen allerdings nicht die irreguläre Arbeit der so genannten informellen Wirtschaft fördern. Wir sprechen uns nicht aus für das Anrecht eines Dokumentlosen auf Arbeit. Was wir befürworten ist das Recht eines Dokumentlosen, der eine Arbeit leistet, dies unter fairen Arbeitsbedingungen zu tun. Das heißt also, dass alle Dokumentlosen, die eine Arbeit leisten, die gleichen Rechte haben wie die regulären Arbeitnehmer und nicht ausgebeutet werden dürfen. Wenn Sie das alles noch ausführlicher und im Einzelnen untersuchen und wissen möchten: www.picum.org. Herzlichen Dank für Ihre Aufmerksamkeit. » merken Der Preisträger Vier Fragen an Krzysztof Michalski Was ist Ihre persönliche Vorstellung des Europas der Zukunft? »Wenn ich von Europa träume, so habe ich die Vorstellung von vier europäischen Ideen, vier Institutionen, vier Errungenschaften, die man nicht besitzen kann, sondern die ich als Aufgaben verstehe. Es sind vier soziale Kräfte, die Europa auch bisher schon zusammengehalten haben: Frieden Frieden wird in Europa vorausgesetzt wie die Luft zum Atmen; dieser Friedensraum wird nun erweitert. Europa soll eine Friedenszone werden, wie eine große Schweiz. Auch die Türkei sollte aufgenommen werden. Wohlstand Der Wohlstand hielt bisher Europa zusammen. Heute müssen wir fragen, ob wir ihn uns noch leisten können. Vielfalt der Traditionen Einheit, Identität darf man nicht eng sehen. Sie schließt Vielfalt keineswegs aus. Wenn die Einheit nur politisch definiert wird, wie es die Verfassung tut, wird sie zu sehr aufgewertet. Freiheit Freiheit ist keine Errungenschaft, sondern die ständige Aufgabe, die von ihr Ausgeschlossenen zu finden und sie an der Freiheit zu beteiligen. Was muss sich ändern, damit sich in Europa eine demokratische Zivilgesellschaft herausbildet? »Die Spannung zwischen Politik und den nichtpolitischen Institutionen muss nutzbar gemacht werden. Politik braucht eine Basis, die nicht Politik ist, sie muss Rahmen, aber nicht Inhalt sein. Politik soll die Rahmenbedingungen für einen Garten schaffen, aber nicht der Garten selbst sein«. Ich bin Pole. Wir Polen sind ganz anders als die >bisherigen< Europäer. Die Diversität wird größer. Wir bringen Neues hinein und das wird die >Bisherigen< strapazieren. Im Europa der Bürger ist das ehrenamtliche Engagement von großer Bedeutung. Dabei geht es nicht darum, geldwerte Leistungen zu bekommen, die nichts kosten, sondern es geht um die >vita activa< für die Identitätsbildung. Im demokratischen Europa wird die Völkerverständigung eine Schlüsselrolle spielen. Internationalität wird wichtiger als Binationalität werden. Während die Achse Ost-West zunehmend in den Hintergrund treten wird, wird die Achse Zentrum-Peripherie, das Gefälle zwischen privilegierten und unterprivilegierten Regionen, zunehmend wichtig werden. Wie kann eine europäische Identität entstehen? »Diese Identität gibt es schon. Es geht darum, sie politisch relevant zu machen: Was sind die Bedingungen der europäischen Solidarität? Es müssen neue Kräfte sein, weil die alten Werte nicht mehr allein tragend sind. Wir sollten alle Solidarität mit den anderen Menschen fühlen. Die Bereitschaft dazu hält sich in Grenzen, aber es gibt sie. Die Solidarität zu den neuen Mitgliedern schwankt zwischen niedrig und hoch. Zwischen der BRD und der früheren DDR ist sie zum Beispiel hoch. Dabei geht es um weit mehr als nur wirtschaftliche Transferleistungen.« Wie kann man jungen Menschen helfen, damit sie Europa zu ihrer eigenen Sache machen können und wollen? »Das Wichtigste ist, dass junge Menschen zusammenkommen. Die Aufgabe für uns Ältere ist, Europa zu einem Ort zu machen, an dem sie sich frei entfalten können; Zugang zu Bildung und Ausbildung sind Voraussetzung dafür.« » merken Ausblick Prof. Dr. Hartmut von Hentig Ein »philosophischer Ausblick« soll an dieser Stelle folgen. Meine Verlegenheit angesichts dieses Auftrags ist leicht zu verstehen: Da sitzt unter uns ein geschulter und bestallter Philosoph, der morgen für seine Verdienste um das werdende Europa den Theodor-Heuss-Preis erhalten und dafür mit einer wohlausgearbeiteten Rede danken wird. Was erwartet man sich? Doch wohl mit Recht einen »philosophischen Ausblick«. Und nun soll ich Laie hier – nach vierstündiger bewegter, gedankenreicher, widersprüchlicher Debatte einen solchen improvisieren, »schlüssig« im dreifachen Sinn des Wortes: Als Folgerung aus dem Gesagten, streng gedacht und den Nachmittag zum Schluss bringend. Da hat, sodann, der Vorsitzende der Theodor-Heuss-Stiftung gerade gerühmt, man sei weiter gekommen seit dem Jahr 2000, als das Jahresthema noch »Europa weiter denken« gelautet habe; nun gehe es um praktische Anstöße. Und die ausgerechnet soll ich philosophisch in den Blick nehmen? Da haben, schließlich, die morgigen Empfänger der Heuss-Medaillen ihre Tätigkeiten vorgestellt. Sie alle tun Bewundernswertes. Aber nur die JEF, die Jungen Europäischen Föderalisten, sind für ihr Handeln auf eine Idee von Europa angewiesen – eine philosophisch geprüfte Geschichte und Hoffnung, die sich so nennt. Und selbst sie scheinen mir einer Denk-Hilfe nicht zu bedürfen. Auf die Frage, was ihr größtes Problem sei, kam zwar die Antwort: »To understand what we mean«, was mich alert nach meinem Bleistift greifen ließ. Aber es ging dann doch nicht um die Erhellung von Begriffen und Vorstellungen, sondern um die Entzifferung der gewechselten E-Mails. Und nun soll ich in diese verständliche Alltagsnot auch noch philosophische Fragen hineintragen? Nicht einmal die Zehn Thesen, die »Europas Identität« (für einen ganz anderen Zweck) umreißen und die man an alle Teilnehmer des Kolloquiums als Anregung ausgeteilt hat, sind von irgendjemandem mit in die Erörterung gezogen worden. Und auch sie kommen ja nur (wenn man so sagen darf) »ganz entfernt in die Nähe« von Philosophie; sie interpretieren bekannte Erscheinungen als Merkmale von oder Gegensätze zu Europa. Kurz gesagt: Spekulation, eine bloß denkende Beschäftigung mit Europa, ist nicht gefragt. Sie ist auch nicht gemeint! Gemeint ist wohl vielmehr etwas, das neben den ständig und überall (auch hier und heute unter uns) verhandelten politischen, ökonomischen und verwaltungstechnischen Themen (Kern-Europa, Verfassung, Doppelte Mehrheit, Euro-Länder und NichtEuro-Länder, Vereinheitlichung der Normen, Herstellung von gleichen Wettbewerbschancen, Ausgleichszahlungen und Übergangszeiten, Subventionsabbau, Stabilitätspakt, Schadstoffregulierung, Niederlassungsrecht, Abschirmung gegen Zuwanderung aus Afrika und Asien etc.) – ich sage, mit dem Wort »philosophisch« ist etwas gemeint, das neben alledem Europa auch ausmacht: Gute und schlimme Erinnerungen, trennende und verbindende Traditionen, europäische Annehmlichkeiten und europäische Schwierigkeiten, die leicht hersagbaren »gemeinsamen Werte« und ein eigentümliches Bewusstsein, das sich entweder stolz oder beschämt einstellt, je nachdem, ob von Sokrates, Michelangelo, Shakespeare und Chopin die Rede ist oder von Hexenverbrennung, Burenkrieg, Auschwitz und »sozialistischem« Staatsterror. Dass wir gern und oft die »Wertegemeinschaft« feiern oder die zweifellos europäische Demokratie oder die ebenfalls zweifellos europäischen Menschenrechte, enthebt mich der überflüssigen Übung, es hier auch zu tun. Nützlich wäre sie nur, wenn ich unser Verhältnis zu diesen hohen Gegenständen einer strengen Prüfung unterwürfe – und daraus Schlüsse auf die Tragfähigkeit eines Europas zöge, das auf sie baut und nicht auf Schengen und Maastricht. Dazu freilich fehlt hier die Zeit – das hätte den ganzen Nachmittag eingenommen. Statt dessen will ich einer begrenzten und einfacheren Frage nachgehen, die zu stellen erstens dem Pädagogen zukommt, die zweitens sich in die eben vorgenommene Auslegung meines Auftrags einfügt (der »philosophische Ausblick« solle dem gedachten Europa im Unterschied zum gemachten gelten) und die drittens eine dialektische Antwort nahe legt, also bewirkt, dass ich wenigstens philosophisch verfahre. Ich frage: Wie kann man sich die Förderung eines europäischen Bewusstseins vorstellen? – nicht einfach seine Entstehung. Das wäre leicht zu beantworten: Es bildet sich, indem man ein politisch, ökonomisch, juristisch vernünftiges Europa herstellt und dann lange Zeit auskömmlich in ihm lebt. »Förderung« eines europäischen Bewusstseins hingegen meint etwas, das dieser »Entstehung« vor- und zuarbeitet, also den Willen dazu generiert und stärkt. Das geschieht entweder durch Einsicht in Notwendigkeiten und Vorteile – und davon ist meistens die Rede – oder durch unmittelbare und elementare Wahrnehmung. Dass davon weniger »die Rede« ist, liegt in der Natur der Sache. Solche »Rede« müsste ja Wahrnehmung erzeugen, nicht ersetzen, und das vermögen in der Regel nur Poeten. Gleichwohl will ich wenigstens andeuten, was wir da versäumen. Ich tue es am Beispiel der eigenen Person und prüfe: Wie und wo habe ich Europa erlebt – bewusst und befriedigend? Wo und wann wollte ich Europäer sein? Die Zeit zwischen meinem dritten und siebten Lebensjahr habe ich in Kalifornien verbracht. Meine amerikanischen Straßen- und Schulfreunde trugen alle die gleiche Art von Kleidern, sprachen gleich, aßen die gleichen diagonal geschnittenen quadratischen Sandwiches, liebten Toffee-Bonbons, Marshmallows und Apple Pie, ob sie nun selber schwarz, gelb, braun oder weiß waren. Ich hingegen trug abwechselnd Seppelhosen, Russenkittel, Matrosenanzug, die alle ihre Geschichte hatten. Meine Mutter kaufte rundes Schwarzbrot bei einem polnischen Juden, bei dem es auch Mohn für den Mohnkuchen und zur Weihnachtszeit Marzipan gab. Joghurt hatte sie bei einem Bulgaren ausfindig gemacht. Wenn Gäste kamen, wurde Wein getrunken, den mein Vater sich in festen Holzkisten aus Deutschland schicken ließ; dazu war französischer Käse angesagt. Ich erfuhr: Es gibt eine Welt jenseits des Atlantiks, in der alles irgendwie miteinander zusammenhängt und einen eigentümlichen Charakter hat; die Dinge haben eine Herkunft – und die bleibt an ihnen haften wie der Akzent an der Sprache. Als Student war ich wieder fünf Jahre in den Vereinigten Staaten. Wenn ich im Jahr 1948 durch den Central Park oder das Metropolitan Museum in New York ging, »witterte« ich den Europäer meist schon von weitem. Er ist ein anderer als der, der vor zwei oder drei Generationen eingewandert ist, auch wenn er die Sprache genauso gut spricht. Er ist es durch einen zwiespältigen Unterschied: Er will nicht sein wie alle anderen und er will gleichwohl nicht auffallen. Das letztere ist in vielen Gegenden der Welt unvermeidlich. Im Alter von zehn und elf Jahren lebte ich mit meiner Familie in Kolumbien. Dieses hatte zwei Bevölkerungen – eine vorwiegend indianische und eine ausschließlich weiße, unter denen die Blonden eine aufsehenerregende Minderheit waren. Als wir, von der Küste kommend, mit dem Zug in La Esperanza eintrafen und meine kleinen Geschwister – zwei-, drei- und vierjährig und hellblond gelockt – aus dem Zug gereicht wurden, fiel eine Indianerin auf die Knie und rief erregt: »Por Dios, tres angelitos!« Damals war der Europäer nicht nur ein »Fremder«, er war »Herrschaft«. Welcher europäischen Nationalität man angehörte, spielte für die Einheimischen keine Rolle. In ihren Augen wurden wir durch Ausschluss aus den ihnen vertrauten und erkennbaren Gruppen der indios, hidalgos und gringos definiert und so zu Europäern; diese Sicht machte sich uns nicht nur bemerkbar, sie prägte uns auch. Mit meinem Vater bin ich später im Nahen Osten gereist: Im Libanon und Irak, in Syrien und Saudien. Die unerhörte Intensität des Orients – seiner Gerüche, seiner Gewürze, seiner Laute, Schreie, Gebete, Musik, seiner Farben – gab mir ein Bewusstsein von Kargheit, Kühle, Blässe, Mäßigung, die ich weder ablegen konnte noch wollte, sofern sie nicht in Härte und Verbissenheit umschlugen. Andererseits waren die Orientalen dieser Region bewundernswert gelassen, unbefangen, zugewandt, in überwältigender Weise gastlich und großzügig, darin den Amerikanern nicht unähnlich, mit denen sie heute im Streit liegen. Im Orient waltet immer ein bisschen Anarchie. Michael Kohlhaas schien mir hier unwahrscheinlicher, vollends die farblosen Cromwells, Robespierres und Honeckers. Beschämt lernte ich an ihnen: Europäisch-Sein ist eine Haltung – Zurück-Haltung, Vorsicht, Abstand, ja, Askese. Diese Wahrnehmung war nicht unerwartet, aber sie war irritierend. Mein Vater hatte die Hälfte seines Lebens im Orient verbracht. Er war ihm verfallen – war ein preußischer Araber geworden. Ich bin mit seinen Geschichten aufgewachsen. James Moriers »Hajji Baba von Ispahan« war mir so vertraut wie die Siegfried-Sage, die Odyssee und die Josephs-Geschichte. Als Richard von Weizsäcker anmahnte: »In deinen zehn Thesen hätte ich gerne auch etwas über den Einfluss des Orients auf Europa gelesen«, musste ich keinen Augenblick nachdenken: Ja, wir rechnen in arabischen Zahlen; ohne Kaffee können wir nicht leben; unsere Vorstellung ist bevölkert mit Gestalten und Ereignissen aus »Tausendundeine Nacht«; ohne den Orient kein Zwerg Nase und kein Kalif Storch, keine Hafis-Gesänge und keine Entführung aus dem Serail, keine Alhambra und nur ein christlicher Aristoteles. Das war mir schon immer bewusst und war deshalb in meine Vorstellungswelt assimiliert. Jetzt erfuhr ich die Fremdheit des Orients und daran meine europäische Identität. Die belehrendste Fremdheit habe ich im Fernen Osten erfahren: Im zugleich »archaischen« und »futuristischen« Japan, im anmutigen Indonesien. Von der stilisierten Weisheit und dem disziplinierten Ehrgeiz der einen, der sanften Geschmeidigkeit und Kindlichkeit der anderen fühlte sich der Europäer Hentig gleich weit entfernt – als Angehöriger einer weder alten noch jungen, vielmehr einer erwachsenen Kultur, die ihre Bescheidung bejaht. Wozu taugen solche Beobachtungen? Ich meine, sie machen darauf aufmerksam, dass sich die europäische »Identität« nicht allein über den Kopf einstellt, also über das Bewusstsein von geschichtlichen Merkmalen, wie ich sie in den zehn Thesen aufgezeichnet habe. Wo man sich ausschließlich auf diese verlässt, bekommen heftige Gefühle – ausgelöst durch irgendein geeignetes Ereignis – leicht die Oberhand: Zwei Kinder werden von Hunden in einen Fluss gehetzt, ertrinken dort und bringen zwei Volksgruppen zurück in den alten Zustand – Wir-Albaner, Wir-Serben, Wir-Ureinwohner, Wir-Christen, Wir-Muslims, Wir-Altkommunisten, Wir-Neuvaterländischen. Mit Europa-Wissen ist da nichts getan. Darum muss es neben der Herstellung eines Europas der ökonomischen und politischen Vernunft und neben der historisch-philosophischen Klärung seines Bewusstseins eine Verankerung der Idee in der Erfahrung geben - in dem, was die Medaillen-träger unter uns vor allem verkörpern: Gemeinsame Aufgaben (PICUM), Seminare, Reisen, Gespräche, Lager (MitOst, JEF), Austausch von Schülern und Lehrern und dafür die wichtigsten Voraussetzungen, nämlich Sprachen-Lernen und Zeit. Das von der Theodor-Heuss-Stiftung als Thema ins Auge gefasste sogenannte Soziale Jahr könnte für viele ein Europäisches Jahr sein. Verallgemeinert lautet also meine Antwort auf die eigene Frage, wo wir uns als Europäer erleben: Vor allem am Fremden, an Nicht-Europa. Identität setzt Nicht-Identität voraus; ohne eine solche bräuchte und hätte man sie nicht. Der päpstliche Berater in Fragen des Islam, Justo Lacunza Balda sagt: Kultur sei nicht mehr und nicht weniger als »die Kunst, sich etwas anzueignen, was nicht das ‚Meinige‘ ist«. Er hat damit zugleich eine sehr europäische Erwartung ausgesprochen und einen Grund für die Erfolge der europäischen Zivilisation in der Welt. Wo sie diese Kunst nicht aufbringt, wird sie zurückgestoßen. Eine Anleitung zu dieser Kunst habe ich kürzlich von dem zur Zeit in Deutschland weilenden türkischen Minister für Religion und für Angelegenheiten im Ausland lebender Türken erhalten, Professor Mehmet Aydin. Er hat sie in umgekehrter Richtung angewandt, hat, um dem deutschen Publikum zu beweisen, dass die Türkei nach Europa gehört und doch eine Nation von Muslimen ist, den Islam so dargestellt, dass er nicht in Widerspruch zu Demokratie, zu den Menschenrechten, zu Pluralismus und Zivilgesellschaft steht. Von vielen anderen Merkmalen Europas abgesehen, die die Türken und Muslims ohnedies mit den Europäern teilen. Er hat die Türkei an Europa erklärt – uns und gleichzeitig seinen Landsleuten, die mehr als die Hälfte des Publikums ausmachten. Seinen Beweisgang hätte er nicht ohne eine deutliche Wahrnehmung der Verschiedenheiten der beiden Gesellschaften vornehmen können. Nur so ist ihm gelungen, diese als unerheblich oder überwindbar oder gar als fruchtbar erscheinen zu lassen. Wieder schildere ich, was mir dabei passiert ist: Ich sah einen Europäer das Podium betreten, eine Erscheinung, die Gadamer oder von Weizsäcker hätte heißen können. Er sprach türkisch und entschuldigte sich bei seinen Dolmetschern dafür, dass er frei rede, ihnen also keinen Text geben könne – den habe er auf Englisch verfasst, weil er das für hier üblich gehalten habe. Der außerordentlich flüssigen Simultanübersetzung war anzumerken, dass die Begriffe und Denkfiguren direkt – gleichsam eins zu eins – übernehmbar waren; was Aydin zu sagen hatte, fiel von allein in die Sprache Kants und Comtes, Russells und Chomskys, der Süddeutschen Zeitung und der NZZ. Die Form der Darstellung und Begründung war universalistisch, enthielt keine Mysterien, nichts, was sich verständiger Einsicht entzieht; nichts Außergeschichtliches, nichts Absolutes wurde bemüht, um heikle Erscheinungen zu erklären. Dabei haftete seinem Gegenstand, Aydin nannte ihn den »türkischen Weg des Islam«, ein beträchtlicher Eigensinn an. Das Wort »Identität« spielte eine große Rolle und meinte eine in der Geschichte sich entwickelnde Besonderheit; er nannte sie »Kultur«, wollte sie nicht als ein Gebilde verstanden wissen, als ein Konstrukt wie das Osmanische Reich oder OPEC, ASEAN, die NATO. Es lohnt sich, die Merkmale dieser türkisch-islamischen Kultur in der Reihenfolge seines Vortrags kurz zu betrachten: • die Religion spiele in seinem Land eine stärkere Rolle als das Christentum bei uns, nicht obwohl, sondern weil sie nicht »verfasst«, nicht in Katechismen überliefert sei, sich vielmehr vornehmlich im Lebensalltag fortzeuge; • wie das Christentum überschreite der Islam die Nationalitäten; • er sei schon dadurch zu großer Offenheit genötigt: In Jerusalem und Kairo, in Damaskus und Basra, vor allem aber in Istanbul sei es zu dauerhaften Symbiosen von Muslimen, Juden und Christen gekommen; würden diese gestört, dann in der Regel nicht von den Gläubigen, sondern von den Politikern; bekanntlich hätten die im christlichen Europa verfolgten Juden mit Vorliebe im Osmanischen Reich Zuflucht gesucht und gefunden; Islam sei ein Weg der Mitte und schon darum gut Freund mit der Philosophie des Aristoteles; • darum sei der Islam zugleich zu innerer Pluralität disponiert: Suniten, Schiiten, Wahabiten, Aleviten und über zehn verschiedene Rechtsschulen streiten sich zwar wie die christlichen Konfessionen in Permanenz, aber dies werde als Reichtum des Islam empfunden, wie die Parteienvielfalt in der Demokratie oder die Methodenvielfalt in der Wissenschaft; die Wörter »Auseinandersetzung«, »Streitkultur«, »Dialog« könnten Übersetzungen aus dem Koran sein; • auf den freilich greifen alle zurück; er sei der Grundtext; er werde ausgelegt – immer wieder neu, in ständiger Kritik der sich verfestigenden Meinung, in ständiger Anpassung an das sich verändernde Leben, in ständigem Austausch der Erfahrungen; so ergebe sich so etwas wie ein Mainstream und in diesem eine unablässige Reform; • symbolisiert werde seine regelnde Funktion durch die heiligen Städte Mekka und Medina, die Geburts- und Grabesstätten des Propheten, die erste als Zentrum der geistlichen, die zweite als Zentrum der rechtlichen Wissenschaften des Islam; • für den »türkischen Weg« sei der Konstitutionalismus kennzeichnend: Hierokratie und Volkssouveränität schlössen sich aus; die laizistische türkische Republik sei möglich, weil die Religion außerhalb der staatlichen Ordnung und ohne diese ein kräftiges Leben führe; Misstrauen gegen eine islamische Türkei im Verband der europäischen Nationen sei unangebracht: Ich breche diese Darstellung ab. So redete der Professor und Minister und fand in der Diskussion fast keine Widerrede. Eine beherzte Deutsche hielt ihm Fälle dogmatischer Härte, grausamer und eben nicht argumentativer Auseinandersetzung innerhalb des Islam, die Unterdrückung von Frauen, die Verfolgung von Christen entgegen – er gestand »Rückfälle« und »Unvollkommenheiten« ein oder führte rechtstechnische Gründe für dieses und jenes ins Feld. Hier kommt es mir nicht darauf an, ob der Minister in allem die Wahrheit gesagt hat, sondern vorzuführen, wie man zwei Welten, von denen viele, nicht nur Samuel P. Huntington, meinen, sie seien zu dem großen weltgeschichtlichen Zusammenprall/clash des 21. Jahrhunderts prädestiniert, einander so nähert, dass ihre Unterschiede ihrer gegenseitigen Erschließung dienen. Würden wir Europäer doch auch so argumentieren – mit dem Blick auf den anderen, seine Erwartungen und seine Befürchtungen und darum mit der Offenheit unserer Religion und ihren Spannungen; mit unseren Grundtexten und ihrer Vielfalt; mit unseren politischen Einrichtungen und ihren Missbildungen; mit unseren Nöten und Unfertigkeiten – und mit unserem Wissen davon. Wir würden dabei wohl auch – wie der türkische Minister – manches schönreden, damit man es überhaupt erkennt. Aber auch das Schönreden hat gelegentlich einen guten Sinn: Man legt sich auf das fest, was man öffentlich bekannt hat. Nötig haben wir es in der Hauptsache nicht. Ich bin, wie der polnische Gesprächspartner von Graf Strachwitz, sicher, dass Europa keine Utopie ist, sondern eine Wirklichkeit. Mein Briefkasten trägt unter meinem Namen einen breiten grünen Aufkleber mit der Aufschrift: ALTES EUROPA. Ein Mitglied der mir fremden heutigen Regierung Amerikas hat es mir erneut bewusst und lieb gemacht. Es hat seine Fehler, aber es ist deutlich anders als der Rest der Welt. Und vor dieser Differenz verneige ich mich.

2004