Theodor Heuss Stiftung

Wolf Lepenies, Andrei Plesu

Der THEODOR-HEUSS-PREIS für das Jahr 2000
wird

dem Leiter des New Europe College in Bukarest

Professor Dr. Andrei Plesu

zuerkannt

für sein unermüdliches und beispielhaftes europa- und demokratiepolitisches Engagement im Rahmen zahlreicher wissenschafts- und kulturpolitischer Aktivitäten.

Der Kunsthistoriker und Philosoph hat von früh auf den Austausch und das Gespräch zwischen europäischen Traditionen und Kulturen gesucht. Immer wieder war er Grenzgänger zwischen Wissenschaft, Kultur und Politik. Zweimal – als Kulturminister und als Außenminister seines Landes – hat er politische Verantwortung übernommen. Auch in diesen Ämtern und ihren Zwängen ließ er nicht von seiner Überzeugung, dass die Begegnung und das Gespräch verantwortungsbewusster und -bereiter Eliten Substanz und Antrieb für ein freies Europa bilden muss.

In diesem Geiste gründete er zusammen mit Wolf Lepenies das New Europe College in Bukarest und wurde dem Rektor des Wissenschaftskollegs zu Berlin Partner und Freund in einem Netzwerk von Personen und Institutionen, die für das Wachsen Europas von entscheidender Bedeutung sind.

Der THEODOR-HEUSS-PREIS für das Jahr 2000 gilt beiden Europäern, die bewiesen haben, dass in der Begegnung und im Lernen voneinander neues europäisches Denken wachsen kann, das alle Beteiligten ermutigt, an der Verwirklichung eines geistig und kulturell begründeten Europa mitzuarbeiten. Dieses neue Denken und Handeln braucht das demokratisch zusammenwachsende Europa heute besonders dringlich. Dafür schulden wir beiden Preisträgern Dank und Anerkennung.
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Der THEODOR-HEUSS-PREIS für das Jahr 2000

wird

dem Rektor des Wissenschaftskollegs zu Berlin

Professor Dr. Wolf Lepenies

zuerkannt

für sein unermüdliches und beispielhaftes europa- und demokratiepolitisches Engagement im Rahmen zahlreicher wissenschafts- und kulturpolitischer Aktivitäten.

Nicht erst seit den historischen Umbrüchen des Jahres 1989 in Europa appelliert Wolf Lepenies in seinen öffentlichen Reden an die Mitverantwortung der Intellektuellen beim Aufbau und der geistigen Begründung Europas. Zugleich erinnert er an die Verpflichtung der Eliten, mit Mut zum Risiko zur Erneuerung der Demokratie und zur Mehrung des öffentlichen Wohls beizutragen. Immer wieder mahnt er eine Politik langer Fristen und tiefreichender mentaler Umorientierungen an, die dazu beitragen sollen, unsere „Belehrungskulturen“ zu „Lernkulturen“ zu wandeln.

Wichtige Ansätze hierzu verwirklicht der Rektor des Wissenschaftskollegs zu Berlin mit seinen erfolgreichen Gründungsinitiativen zum Aufbau von Partnereinrichtungen in Budapest, Bukarest, St. Petersburg und Warschau.

Partner und Freund in einem Netzwerk von Personen und Institutionen, die für das Wachsen Europas von entscheidender Bedeutung sind, ist ihm der ehemalige rumänische Außenminister Andrei Plesu.

Der THEODOR-HEUSS-PREIS für das Jahr 2000 gilt beiden Europäern, die bewiesen haben, dass in der Begegnung und im Lernen voneinander neues europäisches Denken wachsen kann, das alle Beteiligten ermutigt, an der Verwirklichung eines geistig und kulturell begründeten Europa mitzuarbeiten. Dieses neue Denken und Handeln braucht das demokratisch zusammenwachsende Europa heute besonders dringlich. Dafür schulden wir beiden Preisträgern Dank und Anerkennung.

Europäisches Jugendparlament

Eine THEODOR-HEUSS-MEDAILLE für das Jahr 2000

wird dem

Europäischen Jugendparlament

zuerkannt für seine beispielhaften Bemühungen, die Entwicklung und Gestaltung einer lebendigen europäischen Demokratie zur Sache junger Menschen zu machen.

Das Europäische Jugendparlament wurde 1987 von der Holländerin Bettina
Carr-Allinson ins Leben gerufen, um jungen Europäern die Möglichkeit zu eröffnen, die Zukunft Europas aktiv mitzugestalten. Seither versammeln sich zwei- bis dreimal im Jahr etwa 300 Schüler aus 26 europäischen Ländern zu einer Sitzungswoche, zu intensiven Debatten und zur persönlichen Begegnung. Die 16 – 22-jährigen Jung-Parlamentarier werden zu offenem, unabhängigem Denken ermutigt, üben demokratisches Verhalten ein und setzten sich mit aktuellen europäischen Problemen auseinander. So erwächst eine europäische Identität jungen Menschen aus unterschiedlichen Nationen und Kulturen.

Mit der THEODOR-HEUSS-MEDAILLE soll das beispielhafte Engagement von Bettina Carr-Allinson und den jungen europäischen Bürgerinnen und Bürgern anerkannt und gewürdigt werden. Sie sollen ermutigt werden, sich auch weiterhin am Aufbau und am Zusammenwachsen einer europäischen Demokratie zu beteiligen und damit bei jungen Menschen europäisches Bewusstsein und demokratische Verantwortung zu wecken.

Stiftung für die Rechte zukünftiger Generationen

Eine THEODOR-HEUSS-MEDAILLE für das Jahr 2000

wird der

Stiftung für die Rechte zukünftiger Generationen

zuerkannt für ihr beispielhaftes Engagement, die Erneuerung und lebendige Mitgestaltung unserer Demokratie zur Aufgabe junger Menschen zu machen.

Die Stiftung für die Rechte zukünftiger Generationen wurde 1997 aus einer Initiative von Schülern und Studenten durch Jörg Tremmel, ihren heutigen Sprecher, gegründet. Sie ist die einzige politische, aber nicht parteienpolitisch gebundene Stiftung in Deutschland, die von Jugendlichen geleitet wird. Ihre rund 180 Mitglieder - im Alter von 17 Jahren aufwärts - kommen aus den unterschiedlichsten politischen Richtungen. Fachleute und Politiker unterstützen die Projekte der Stiftung durch Mitarbeit im Kuratorium.

Die Stiftung setzt sich vor allem für die Generationengerechtigkeit ein und engagiert sich in sozialen, ökologischen, europa-, wirtschafts- und bildungspolitischen Fragen. Auch Kinderrechte sind ihr besonderes Anliegen. Es ist ihr Ziel, dass „das Handeln der Menschen heute nachfolgenden Generationen soviel Freiheit lässt, dass auch sie noch zum Handeln fähig sind“. In diesem Sinne will sie politisches Denken und Handeln beeinflussen und jungen Menschen Gelegenheit geben, eigene Ideen, Konzepte und Positionen zu erarbeiten und zur Diskussion zu stellen.

Mit der THEODOR-HEUSS-MEDAILLE soll das beispielhafte Engagement der Stiftung für die Rechte zukünftiger Generationen anerkannt und gewürdigt werden. Sie soll alle Beteiligten ermutigen, sich auch weiterhin mit eigenen Vorschlägen zu den drängenden Fragen in Staat und Gesellschaft und in die Debatte um ihre eigene Zukunft in Deutschland und Europa einzumischen und hierfür Mitstreiter und Unterstützung zu finden.

Europa weiter denken - Demokratie erneuern

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Begrüßung Dr. Ludwig Theodor Heuss

Sehr verehrte Preisträger,
sehr geehrter Herr Ministerpräsident,
sehr geehrter Herr von Weizsäcker
meine sehr geehrten Damen und Herren

das neue Jahrhundert ist noch jung und hat uns doch schon mit aller Macht erfasst. Die diesjährige 36. Verleihung des Theodor Heuss Preises steht unter dem Jahresthema Europa weiter denken – Demokratie erneuern und ist damit in besonderer Weise auf die Belange der Zukunft und der kommenden Generationen ausgerichtet.

Es ist mir eine besondere Freude, Sie heute im Namen der Theodor Heuss Stiftung zu dieser Feierstunde hier in Stuttgart begrüßen zu dürfen.

Ich begrüße die Preisträger des diesjährigen Theodor-Heuss-Preises, den ehemaligen rumänischen Außen- und Kultusminister Herrn Prof. Andrej Plesu, und
den Rektor Wissenschaftskollegs zu Berlin, Herrn Prof. Wolf Lepenies.
Ich begrüße die Vertreter des Europäischen Jugendparlaments insbesondere seine Gründerin, Frau Bettina Carr-Allison, und
die Delegation der Stiftung für die Rechte zukünftiger Generationen, pars pro toto, ihren Geschäftsführer Jörg Tremmel.

Ich begrüße den Ministerpräsidenten des Landes Baden-Württemberg Herrn Erwin Teufel, . Wir freuen uns sehr, dass Sie auch heute wieder in unserem Kreis sind.

Ein herzlicher Willkommensgruss gilt Ihnen, Herr Altbundespräsident von Weizsäcker, und unser herzlicher Dank für das wohlwollende Engagement, mit dem Sie die Stiftung seit Jahren begleiten.

Ich grüße die Präsidentin des Bundesverfassungsgerichts und stellvertretende Vorsitzende der Heuss-Stiftung, Frau Prof. Jutta Limbach.

Meine Damen und Herren, lassen Sie mich aus den protokollarischen Nöten, in denen ich mich jetzt schon befinde, keinen Hehl machen.

Ich begrüße den Minister für Bildung und Wissenschaft Klaus von Trotha und den Parlamentarischen Staatssekretär Siegmar Mosdorf.

Ich grüße die ehemaligen Bundesminister Hans-Jochen Vogel, Sabine Leutheusser-Schnarrenberger und Helmut Haussmann und den ehemaligen Vizepräsidenten des Bundestages, Burkhard Hirsch.

Ich begrüße den Oberbürgermeister der Landeshauptstadt Stuttgart, Herrn Wolfgang Schuster, und besonders herzlich seinen Vorgänger, Herrn Manfred Rommel. Mit Ihnen die Mitglieder der Stadtverwaltungen, der Kommunal- und Gemeinderäte – und nun in aufsteigender Folge- die Mitglieder des Landtages, die Mitglieder des Bundestages und – weil es so schön ist- einen Vertreter der britischen Oberhauses, Lord Ralf Dahrendorf.

Meine Damen und Herren, der kalendarische Abschluss eines Jahrhunderts bedeutet nicht das Ende der Geschichte. Er stellt aber eine Zäsur dar, die zweierlei deutlich werden lässt:

Zum einen: wie stark die Menschen in Europa in ihren unterschiedlichen Lebenserfahrungen und Lebensentwürfen von diesem vielfältigen und facettenreichen Jahrhundert geprägt wurden. Sie, sehr geehrter Herr Lepenies, sprechen von einer Zeit der Mentalitätsbrüche, die zwischen den Völkern, und wohl auch zwischen den Generationen wahrnehmbar ist. Anders als in der üblichen, emanzipatorischen Form des Generationenkonfliktes, den die klassische Tragödie kannte, sehen sich kommende Generationen in die Übernahme langfristiger ökonomischer und ökologischer Folgen aktuellen Handelns gezwungen, auch wenn dieses im Kontext und in der Lebenserfahrung der heutigen Entscheidungsträger adäquat zu sein scheint. Der Wechsel der Perspektive wird deutlich, wenn in unserer, als postkommunistisch deklarierten Zeit das Wort der „herrschenden Generation“ das der herrschenden Klasse ablöst.

Zum anderen: Konditioniert durch den jahrelangen Gebrauch der Zahl 2000 als Projektionsfeld einer mehr oder weniger utopischen kommenden Zeit, ist uns mit dem Sprung des Jahrhundertwechsels schlagartig die Zukunft näher gerückt als die Vergangenheit. Bei der Akzeleration der Geschehnisse, der Kurzatmigkeit des Handelns und der Größe und Vielschichtigkeit der Probleme tritt aber ebenso deutlich der Mangel an Orientierungswerten für die langfristigen Ziele zutage.

Die Theodor-Heuss-Stiftung freut sich und ist stolz, mit den heutigen Preisträgern und Medaillenempfängern Beispiele orientierungsgebenden Handelns auszeichnen zu dürfen.

Meine Damen und Herren, die Begrüßung zu einer solchen Feierstunde gehört sich, ist Teil der Konvention. Es war dies, erlauben Sie mir die Anspielung, ein Versuch des „Benimms“ – jetzt freuen wir uns auf die Erkenntnis.

Grußwort Oberbürgermeister
Dr. Wolfgang Schuster

Sehr geehrter Herr Bundespräsident,
sehr geehrter Herr Ministerpräsident,
verehrte Frau Hamm-Brücher,
sehr geehrter Herr Professor Lepenies,
sehr geehrter Herr Professor Plesu,
verehrte Festversammlung,

herzlich Willkommen in Stuttgart! Die alljährliche Verleihung des Theodor-Heuss-Preises in der Wahlheimat unseres ersten Bundespräsidenten – auch in der Geburtsstadt eines seiner Nachfolger – ist für Stuttgart eine hohe Auszeichnung. Eine Auszeichnung, für die wir vor allem der Gründerin und Vorsitzenden der Theodor-Heuss-Stiftung, Ihnen verehrte Frau Dr. Hamm-Brücher, sehr dankbar sind.

Sie sorgen vehement dafür, dass die Erinnerung wach bleibt – nicht nur an einen unserer größten Staatsmänner und an einen Menschen, für den Demokratie Lebensinhalt war. Sie halten damit vor allem auch das Bewusstsein lebendig, dass Demokratie den Konsens über die handlungsleitenden Werte voraussetzt und stets neu gelebt werden muss.

In diesem Sinne gilt mein besonderer Gruß dem Vorsitzenden des Kuratoriums der Stiftung, Herrn Bundespräsidenten Richard von Weizsäcker und seiner Gattin. Wie kaum eine andere Persönlichkeit in diesem Land haben Sie das Ansehen und die Fortentwicklung unserer Demokratie befördert. Mit meinem herzlichen Willkommensgruß verbinde ich nachträglich die besten Wünsche zu Ihrem 80. Geburtstag.

Die Theodor-Heuss-Stiftung zeichnet heute Initiativen aus, die „Demokratie im Alltag“ – im „europäischen Alltag“ zumal – realisieren. Dies im Bewusstsein: Ohne Demokratie im gelebten Alltag ist mit dem Staat kein Staat zu machen.

Die diesjährigen Preisträger waren allesamt mit ihrer Arbeit erfolgreich, die Grenzen des Gewohnten, die Grenzen des Denkbaren im Denken und Tun zu überschreiten. Wir brauchen neue, übergreifende Bezugspunkte, die ein „Wir-Gefühl“ möglich machen. Wir müssen Gemeinsamkeiten neu entdecken und öffentlich herausstellen, ob in der eigenen Stadt, im Land oder in Europa.

Ihr Wort, Herr Professor Plesu, kann dabei Mut machen: „Die Differenzen sind Accessoires, die Gemeinsamkeiten dagegen fundamental.“ Unter diesem Leitsatz haben Sie selbst den schwierigen Weg Rumäniens nach Europa geebnet, ein Europa der Freiheit und der Demokratie, das nicht am ehemaligen Eisernen Vorhang enden darf.

Ihr Anliegen einer „Produktiven Verunsicherung“, Herr Professor Lepenies, ist auch für uns ein wertvoller Impuls: über den eigenen Tellerrand hinaus schauen, Kulturen in einen produktiven Zusammenhang bringen, Traditionen in Beziehung setzen: Die interdisziplinäre Einheit der Wissenschaft als Modell für die internationale Einheit des kommunalen Gemeinwesens, sozusagen ein internationaler Lokalpatriotismus.

Stuttgart mit seinen 160 Nationen ist zu einer internationalen Stadt geworden, eine Entwicklung, die durch die Globalisierung der Wirtschaft, der Medien, der Wissenschaft und Forschung dynamisch vorangetrieben wird. Die stärkste Exportregion in Deutschland, die Region Stuttgart, kann so durchaus auch als Laboratorium gesellschaftspolitischer Möglichkeiten und Notwendigkeiten gesehen werden.

Ganz wesentlich dabei ist, dass die Menschen, ob alt oder jung, ob mit oder ohne deutschen Pass, sich hier verwurzeln können, Heimat finden, sich als Stuttgarter fühlen und damit auch verantwortlich für das Gemeinwesen fühlen. Dafür gilt es, Netzwerke bürgerschaftlich-demokratischer Gesinnung zu schaffen, was wir zum Beispiel in unseren Stadtbezirken fördern. Ganz im Sinne des Projekts der Heuss-Stiftung „Demokratie erneuern“, dem ich deshalb nur den besten Erfolg wünsche.

Theodor Heuss hat uns gemahnt: „Das ‚ohne mich‘ zerstört die gemeinschaftliche Gesinnung“. Deshalb wünsche ich den Preisträgern für ihre wichtige Arbeit weiterhin alles Gute.

Nochmals ein herzlicher Glückwunsch den Preisträgern; Willkommen in Stuttgart!

Grußwort Ministerpräsident
Erwin Teufel

„Entscheidend für politisches Handeln ist moralische Leidenschaft.“

Moralische Leidenschaft setzt zwei Dinge voraus:

1. Dass ein Mensch, der politisch handelt, moralische Maßstäbe hat, eine ethische Grundorientierung, ein Orientierungssystem, eine innere Haltung, ein Gewissen, oder ganz einfach Charakter.

2. Dass er mit Leidenschaft bei der Sache und bei den Menschen ist.

Diese moralische Leidenschaft im Sinne von Theodor Heuss charakterisiert beide heutigen Preisträger, Professor Lepenies, einer der klügsten Köpfe im Land, und Professor Plesu, ein Reformer, Philosoph und ein Mann mit aufrechtem Gang.

Ich grüße Sie alle sehr herzlich als Gäste der diesjährigen Verleihung des Theodor-Heuss-Preises im Namen der Landesregierung und persönlich.

Dass dieser Preis hier in unserem Land nun schon zum 36. Mal verliehen wird, darauf sind wir Baden-Württemberger stolz. Denn, so wie der erste Bundespräsident einer der wirklich großen Söhne unseres Landes war, so ist auch der Preis, der seinen Namen trägt, zu einer festen Größe geworden.

Ich danke der Theodor-Heuss-Stiftung und insbesondere Ihnen, liebe, verehrte Frau Hamm-Brücher, für diese Treue, und als Ministerpräsident dieses Landes ist es für mich nicht nur eine Pflicht, sondern eine große Freude, Sie alle auch in diesem Jahr wieder hier in Stuttgart willkommen zu heißen.

Ihrer guten Tradition entsprechend, verleiht die Theodor-Heuss-Stiftung ihre Preise insbesondere zur Förderung der politischen Kultur. Die diesjährigen Preisträger haben wie wenige ihr besonderes Engagement der Erneuerung politischer Kultur gewidmet. Und jeder hat auf seine Weise das Verhältnis von Politik und Kultur zu bestimmen gewusst.

Professor Lepenies hat in seinem wissenschaftlichen Werk die Bedingungen ausgeleuchtet, unter denen sich das gesellschaftliche Laben heute vollzieht. Er hat uns gelehrt, welche Rolle den einzelnen wissenschaftlichen Disziplinen dabei zukommt und wie sie zusammen so etwas wie die interkulturelle Kultur in unserem Land bilden können. Seine Analysen haben uns gezeigt, wie sehr unser Zusammenleben als Gesellschaft auf diese kulturelle Identität angewiesen ist.

Andrei Plesu hat lange Jahre der Unterdrückung und des Leides durch die kommunistischen Machthaber in Rumänien erfahren und sich nicht in Resignation zurückgezogen. Er hat nach der demokratischen Revolution eine vita activa in der Politik entwickelt und sich größte Verdienste in der demokratischen Stabilisierung seines Heimatlandes erworben. Er ist einer der philosophischen Köpfe Rumäniens.

Ob in wissenschaftlich-theoretischer Analyse, ob in praktischer Politik, Wolf Lepenies und Andrei Plesu haben uns gezeigt, was es heißt, Europa demokratisch zu gestalten und zu erneuern. „Deutschland erneuern – Europa gestalten“, das bleibt unsere Aufgabe in Politik und Gesellschaft über den Tag hinaus.

Einführung zum Jahresthema
Dr. Hildegard Hamm-Brücher

Willkommen zur 36. Verleihung unserer Demokratie-Preise, die den Namen des ersten Bundespräsidenten unserer Republik tragen. Sie fällt fast genau auf den Tag des Kriegsendes vor 55 Jahren – auf den Tag, an dem wir „vernichtet und erlöst zugleich“ waren. So hat es Theodor Heuss damals unvergesslich formuliert. – Und das Datum rund um den 8. Mai ist auch jener Tag, an dem vor 51 Jahren unser Grundgesetz im Parlamentarischen Rat angenommen und mit ihm der staatliche und gesellschaftliche Aufbau der Bundesrepublik Deutschland auf den Weg gebracht wurde. Beides hat Theodor Heuss maßgeblich geprägt und während der zehn Jahre seiner Präsidentschaft durch sein persönliches Vorbild „mit Leben erfüllt“. – Damit hat er eine demokratische Tradition begründet, die unsere (Parteien und Weltanschauungen übergreifende) Stiftung seit nunmehr 36 Jahren immer von Neuem anspornt, in seinem Sinne zur Vergewisserung und Weiterentwicklung unserer freiheitlichen Ordnung beizutragen.

Auch in diesem Jahr sind wir zusammengekommen, um am Beispiel unserer Preisträger über Lage und Verfassung unserer Demokratie – sowohl im eigenen Land als auch in europäischen Dimensionen – nach- und weiterzudenken – zu beidem Anstöße zu geben – und Anstöße zu empfangen.

Seit jenem 8. Mai vor 51 Jahren haben wir mit unserer demokratischen Entwicklung einen weiten Weg zurückgelegt. Mehr als einmal war er mit Hindernissen gepflastert und wiederholt – bis in die jüngste Zeit – von Krisen und Skandalen belastet.
Freiheitliche Gemeinwesen sind eben komplizierte und fragile Organismen und deshalb immer auch anfällig für Fehlentwicklungen und Gefährdungen.

Dank unseres Wegweisers mit Namen Grundgesetz war, ist und bleibt jedoch die Richtung und Gewichtung angezeigt. In seinen Artikeln 20 und 21 ist festgeschrieben, dass „alle Staatsgewalt vom Volke ausgeht“ und Parteien „an der politischen Willensbildung des Volkes“ mitwirken, nicht aber unsere Demokratie in Beschlag legen. Demzufolge haben Bürgerinnen und Bürger das Recht und die Pflicht unsere Verfassungswirklichkeit mitzugestalten. Hier beklagen wir allerdings ein deutliches Ungleichgewicht: Beides ist jedoch notwendig und unverzichtbar: Eine funktionierende repräsentative Demokratie und eine, sie immer neu begründende und mittragende, Bürgergesellschaft!

Des zum Zeichen haben wir das Datum des 8. Mai als Verfassungstag – und als Tag der Bürgergesellschaft gewählt, um unsere Bürgschaft zu bekunden und besonders bemerkenswerte Beispiele für innovatives demokratisches Bürgerengagement, für Zivilcourage und Toleranz auszuzeichnen.

In diesem Jahr haben wir dafür – angesichts der innenpolitischen Turbulenzen und der europapolitischen Unübersichtlichkeit - unser Jahresthema und unsere Preisträger - sozusagen im „Doppelpack“ - ausgewählt: Zum einen, Europa weiter – also über Brüssel hinaus – zu denken und seiner Erweiterung – diesseits und jenseits von EU-Institutionen – einen geistig-kulturellen Boden zu bereiten - und zum anderen, junge Menschen zu ermutigen, sich an überfälligen Erneuerungsprozessen im eigenen Land und in Europa zu beteiligen.

Dafür haben wir je zwei Beispiele - sozusagen als „Kronzeugen“ -ausgewählt:
Zwei unermüdliche Grenzgänger zwischen nationaler und europäischer Wissenschaft, Politik und Kultur - Wolf Lepenies und Andrei Plesu - und zwei Organisationen, die von jungen und junggebliebenen Menschen für junge Menschen ins Leben gerufen und aus eigener Kraft gestaltet werden. Allen vier „Kronzeugen“ ist gemeinsam, dass sie auf ihrem Weg in europäisches und demokratisches Neuland keine amtlich vorgezeichneten und beschilderten Straßen benutzen, sondern nach neuen Pfaden und Feldern Ausschau halten und diese erkunden. Richard von Weizsäcker und ich werden sich die Aufgabe teilen, ihr Engagement zu beschreiben und zu würdigen.

II.

Als wir vor etwa zehn Jahren zum ersten Mal von dem Projekt eines EUROPÄISCHEN JUGENDPARLAMENTS erfuhren, waren wir, offen gesagt, zunächst skeptisch: Sollte das, mangels Europabegeisterung jungen Menschen, eine Art Sandkastenspiel werden? - eine jugendbewegte „Schwatzbude“? - Und wie könnte man so etwas quer durch die EU-Staaten und bald darüber hinaus ohne amtlichen Auftrag und Finanzierung überhaupt organisieren? Und mit welchen Zielsetzungen? Trotz aller Fragezeichen: Wir wollten die Entwicklung beobachten! So geschah es, und nachdem ich zweimal (1994 und 1999) an Sessionen des Jugendparlaments – einmal in München und einmal in Weimar – teilgenommen habe, bin ich überzeugt: Wenn wir es nicht schon hätten, wir müssten ein EUROPÄISCHES JUGENDPARLAMENT erfinden, als ein Forum der Begegnung von jungen Menschen aus nunmehr 26 europäischen Staaten, als europäische Lernstatt für parlamentarische Arbeits- und Verhaltenregeln und nicht zuletzt als Gelegenheit der Auseinandersetzung mit gemeinsamen europäischen Problemen.

Wie wird man europäischer Jugend-Parlamentarier? Bewerben können sich Schülerinnen und Schüler als Gruppe des jeweiligen 11. und 12. Schuljahrgangs einer weiterführenden Schule bei einer nationalen Auswahlkommission. Nach einer ersten Überprüfung werden jeweils 10 Gruppen zu einer landesweiten Auswahlsitzung eingeladen. Dabei müssen die Kandidaten eine zweiseitige Ausarbeitung über ein europäisches Thema vorlegen und dieses mindestens zweisprachig begründen. Bei der Entscheidung für die Entsendung gibt nicht Redegewandtheit den Ausschlag, vielmehr Sachkunde, Teamfähigkeit, Fairness und Diskussionsverhalten untereinander und gegenüber anderen Meinungen. Übrigens: In jeder Delegation soll auch ein junger Musiker und ein Jung-Journalist sein. Die gleichen Kriterien gelten dann auch für die Kommissions- und Plenarsitzungen. Und sie prägen die Atmosphäre, den Umgang, auch die Beispielhaftigkeit der jährlich zwei bis drei Sessionen des Europäischen Jugendparlaments, die in jeweils einem anderen Land stattfinden. Seit 1988 waren es 23.

Nicht einzelne Jungparlamentarier sollen sich hervortun und in den Vordergrund spielen, auch keine nationalen Delegationen oder Parteiungen: allein entscheidend ist die gemeinsame Arbeit, das Kennenlernen, der Teamgeist, das Zusammenraufen und Zusammenfinden. Und das alles gilt nicht nur bei der Beratung und Beschlussfassung europa-politischer Themen – (derzeit vor allem die Probleme der Osterweiterung) – sondern für alle gemeinsamen Unternehmungen, z.B. Musik und Theater, Sport und Spiel.

Auf jeder Session gibt es eine Fragestunde und Diskussion mit (Berufs)Politikern, die meist zu Gunsten der Jungparlamentarier ausgehen. Die Resolutionen gehen nach Kommissions- und Plenarberatungen an das Europäische Parlament. Von dort würde man sich allerdings mehr Resonanz und auch mehr ideelle und materielle Unterstützung für den engagierten Nachwuchs wünschen.

A propos Unterstützung und Finanzierung: Ein so weit verzweigtes und kompliziertes Netzwerk wie das Europäische Jugendparlament bedarf eines spiritus rector – in diesem Fall ist dies eine „rectora“, eine Inspiratorin, und wir freuen uns ganz besonders, dass wir Sie, liebe Frau Bettina Carr-Allinson, als Gründungsmutter – und unermüdliche Begleiterin (Präsidentin) begrüßen, Ihnen danken und Sie für Ihr Lebenswerk auszeichnen dürfen. In diesen Dank schließen wir alle Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen – über 26 Länder verstreut – ein. Stellvertretend sind Marisa Sain, Dafne Caminita und Cornelius Winter unter uns. Ohne sie alle gäbe es diese ermutigende und für die europäische Zukunft zuversichtlich stimmende Initiative nicht. Wir freuen uns sehr, dass wir sie nun auch zum alljährlich wachsenden Kreis der Heuss-Preisträger zählen dürfen.

III.

Als wir – vor etwa drei Jahren – von der Gründung einer „Stiftung für die Rechte zukünftiger Generationen“ hörten, da waren wir zunächst auch nicht gerade elektrisiert! Wenn junge Menschen so etwas wie eine ehrwürdige Stiftung gründen, sind das dann „Yuppies in Nadelstreifen“ oder jugendbewegte „Oldies“ mit 68er-Nostalgie?
Knapp drei Jahre später haben wir unser (Vor)urteil nachhaltig revidiert, als wir erkannten, dass diese Stiftung – genau besehen eine „Anstiftung“ - zum Vor- und Nachdenken darüber ist, dass und wie politische Langzeitprobleme und Politikentwürfe aus der Sicht junger Menschen hinterfragt, ja in Frage gestellt werden müssen. Solcherlei „Anstiftung“ ist nicht nur hinsichtlich der Demokratie-Probleme im eigenen Land, sondern auch hinsichtlich europäischer Entwicklungen in wenigen Jahren gelungen.

Bisher wurden folgende Jahres-Tagungen durchgeführt:
1. „Wir brauchen neue Generationenverträge“
2. Politikertest: wie zukunftsfähig sind Parteiprogramme?
3. 50 Jahre Grundgesetz: was bleibt und was kommt

In Vorbereitung ist ein einwöchiger Europäischer Jugendkongress im Rahmen der EXPO („Our common Future – realising sustainability“) mit anschließender „Sternfahrt“ per Bahn und per Rad in die Hauptstädte Ost- und Westeuropas zur Überreichung der gemeinsam erarbeiteten Resolutionen.
Was beim Studium der Arbeitspapiere angenehm auffällt, sind nicht nur die zukunftsrelevanten Themen, sondern eine selbstgegebene „Stiftungskultur“, die sich auch in ihrem demokratischen Selbstverständnis und den Verfahrens- und Verhaltensregeln niederschlägt.

Ich zitiere: „Kritik soll stets konstruktiv sein: versuche, die Argumente des anderen genau zu verstehen – sei bereit, deine Meinung zu revidieren – wenn du willst, dass sich etwas ändert, musst du dazu beitragen – wir sind kein elitärer Debattierklub, sondern wollen für das als richtig und wichtig Erkannte auch einstehen - auch gegen Widerstände und Rückschläge“.

Alles in allem: Junge Menschen können sich in demokratischer Verantwortung einüben und damit an „politischer Willensbildung mitwirken“, b e v o r sie – oder besser noch: ohne dass sie von Anbeginn am Gängelband von Gremien und „Altvorderen“ hängen und auf deren Gunst für Erfolg und die eigene Karriere angewiesen sind.

Junge Menschen sollen ihre Ideen und Konzepte auch veröffentlichen können, neuerdings sogar im Eigenverlag. Sechs Beiträge gibt es bereits, darunter die Schrift: „Ihr habt diese Land nur von uns geborgt“ oder „Nachdenken über die Erblast des Holocaust“. Gleiche Themen werden in einer INTERNET-UNIVERSITÄT angeboten.

Die Stiftung ist also im Begriff, sich zu einer Initiative - nicht nur für die Rechte - sondern für die Verantwortlichkeiten zukünftiger Generationen zu mausern. Kein „Krieg der Generationen“ ist angesagt – wohl aber mehr Generationengerechtigkeit als Ziel gesetzt.

Dafür gilt das Wort von Hans Jonas: „Das Handeln der Politik heute muss den nachfolgenden Generationen soviel Freiheit lassen, dass auch sie zum Handeln noch fähig sind.“ In diesem Sinne treiben der Initiator Jörg Tremmel und seine Mitstreiter und Mitstreiterinnen alles andere als jugendbewegte Inzucht. Sie suchen Rat und Zusammenarbeit mit einem exquisit zusammengesetzten Kuratorium und einem „wissenschaftlichen Beirat“ „junggebliebener“ Berater. Ihr ältestes Mitglied ist 85 Jahre.

Zusammengefasst: Der Weg, wie ihn die „Stiftung für die Rechte zukünftiger Generationen“ eingeschlagen hat, kann - speziell für junge Menschen - aus der Sackgasse einer Zuschauer- und Wegseherdemokratie heraus, zu einer partizipatorischen Bürgerdemokratie hinführen, aus der sich für unser Land neue demokratische Kräfte und Impulse– über Parteigrenzen hinweg – entwickeln können. Dabei wollen wir sie unterstützen und ihr Engagement mit eine THEODOR-HEUSS-MEDAILLE ermutigen.

IV.

Sehr geehrte Damen und Herren,
unsere Jahresthematik „Europa weiter denken – Demokratie erneuern“ ist kein Lippenbekenntnis, sondern eine konkrete Aufgabe, zu deren Erfüllung vor allem Sachverstand, Tatkraft und Stehvermögen, aber auch Unterstützung und Ermutigung erforderlich sind.

Beides wollen wir unseren Preisträgern – auch mit Hilfe von Spenden unserer Freunde und Förderer – zuteil werden lassen. Allen, die - in welcher Weise auch immer - zum Gedeihen unserer freiheitlichen Demokratie beitragen, wollen wir von Herzen danken.

Unser ganz besonderer Dank und Glückwunsch gilt heute jedoch dem Vorsitzenden unseres Kuratoriums, Preisträger des Jahres 1984. Dürfte der THEODOR-HEUSS-PREIS zweimal verliehen werden, er gebührte Ihnen, sehr verehrter Richard von Weizsäcker, für Ihr Lebenswerk und Ihr unermüdliches Engagement - wie z.B. auch heute wieder - zur Würdigung unserer Preisträger ad personam beizutragen.
Wir bitten nun um Ihr Wort!

Laudatio Bundespräsident a.D.
Dr. Richard von Weizsäcker

Meine Damen und Herren,

darf ich den Faden aufgreifen von Frau Hamm-Brücher: Demokratie erneuern ist unsere ständige Aufgabe, dafür brauchen wir Motoren, Magnete, Kerntruppen. Darum geht es in der Heuss-Stiftung, sie zu finden und sie zu ermutigen.

Das geht nun schon deshalb gut voran, weil für diese Aufgabe - lebenslang - niemand mehr denkt, tut und bewegt, niemand seit ihrer Jugend als aktive Politikerin und bis heute täglich, mit ihrem nimmermüden, vom Verstand durchleuchteten, ihrem herzerwärmten mitreißendem Schwung soviel schafft, wie unsere Vorsitzende, Hildegard Hamm-Brücher. Sie sei für ihre Antriebskraft, ihre Strenge mit uns, ihren Humor, ihre Gradlinigkeit und einfach für ihr Vorbild von Herzen bedankt.

Zur Erneuerung der Demokratie gehört untrennbar, Europa weiter zu denken. Es sind unsere beiden Preisträger, Andrei Pleu und Wolf Lepenies, die die Zusammengehörigkeit von beidem auf exemplarische Weise mit Wort und Tat verkörpern. In dem uns zufallenden Kapitel der Menschheitsgeschichte ist Europa entscheidende Herausforderung. Für dieses unser Ziel steht auch alles auf dem Spiel. Zunächst die Fähigkeit, ökonomisch und ökologisch zu überleben, aber rund um den Globus nicht nur unsere Interessen zu vertreten, sondern unserer weltweiten Mitverantwortung gerecht zu werden. Dafür müssen wir das Zusammenleben lernen. Zusammenleben unter Menschen, zwischen Gesellschaften, Religionen und Überlieferungen.

Wolf Lepnies sagt dazu: „Der Fähigkeit der eigenen Kultur gewahr zu sein und ihr gerecht zu werden, das muss dadurch geschehen, dass wir nicht nur, wie im ganzen Westen seit Jahrhunderten, uns als eine lehrende Kultur verstehen, sondern eine lernende Kultur werden.“ Ihm geht es darum, Europa nicht nur als eine politische Aufgabe im engeren Sinn zu verstehen und sie just dadurch immer wieder zu überfordern, sondern die Kultur und Wissenschaft aus ihrer europäischen Unterforderung zu lösen. Es geht um mehr als um institutionelle Verträge, um kontrollierte Verteilungskämpfe, um alles in ganz Europa zum materiellen westlichen Lebensstandard emporzuziehen und um sie alle an unseren kulturellen Gewohnheiten teilhaben zu lassen.

Die Einheit Europas, sagt Lepenies mit großem Recht, sie ist keine Utopie mehr, aber sie ist ein Projekt, das immer noch scheitern kann – überdies gerade auch bei uns im Westen. Wir haben es nicht mit einer bloßen Osterweiterung, im Sinne von Verwaltungsrecht und Marktwirtschaft zu tun, es geht nicht um bloße Betrittsgebiete, um diesen unseligen Gesetzesbegriff aus der deutschen Vereinigung noch einmal zu nennen, sondern um kulturelle Osterweiterung unseres eigenen Lernhorizontes, um einen behutsamen Ausgleich von Mentalitätsdifferenzen, um eine Verantwortungsgemeinschaft der Eliten in Europa. Dies betreibt Lepenies seit Jahr und Tag, nicht nur mit Schriften und Reden, sondern mit der Tat, zumal im Zentrum und im Südosten Europas. Dort trifft er nun seinen kongenialen Pfadfinder.

Und so ist es für die Heuss-Stiftung ein wahrer Glücksfall und eine Ehre, zusammen mit Wolf Lepenies Andrei Pleu auszeichnen zu können. Als Forscher, als Freiheitskämpfer, als Pionier der Kultur, als Kultur- und Außenminister seiner Heimat Rumänien treibt er Europa und Demokratie ineinanderverbunden voran.

Schon seine eigenen wissenschaftlichen Arbeiten sind eine wahre Fundgrube. Promoviert hat er über das „Naturgefühl in der europäischen Kultur“ - ist das nicht eine herrliches Thema? Über Guardi hat er geforscht - das möchte ich gerne nachlesen. Er hat eine Arbeit über die Sprache der Vögel geschrieben, die verstehen natürlich Europa schon besser als wir Menschen. Er bringt uns aus seinem Land eine andere Seinsweise Europas nah – und das ist von zentraler Bedeutung für uns.

Er lehrt uns die Erfahrung im Umgang mit beschränkten Mitteln, auch mit beschränkten materiellen und wissenschaftlichen Zugängen – wie wertvoll in einer Welt, die doch auf die Dauer nicht eben Überfluss verheißt. Ein non-profit-Intellektueller, wahrlich nicht ärmer an Freude und Anziehungskraft - zumal mit seinem hinreißenden Humor. Er war Humboldt-Stipendiat, Fellow am Wissenschaftskolleg von Wolf Lepenies in Berlin und nun Rektor des New Europe College in Bukarest, in maßgeblicher Weise von Wolf Lepenies mitbegründet und ständig gefördert. In diesem ersten Institut seines Landes für fortgeschrittene Studien geben sie die lebensnotwendige Chance zur inneren Freiheit, zum freien Austausch untereinander, mit Zeit zum freien, vertieften - so notwendigen - Denken.

Hier wächst ein gemeinsamer geistiger, kultureller Patriotismus in Europa heran. Europa braucht ihn und auf ihn baut Europa. Andrei Pleu und Wolf Lepenies sind die Vorreiter. Wer sie kennt, wer sie beobachtet, der gewinnt neue Zuversicht für Europa, und dafür schulden wir ihnen nicht nur den Preis, sondern unseren tiefen Dank.

Forum der Preisträger und Medaillenempfänger
Teilnehmer: Wolf Lepenies, Andrei Plesu, Cornelius Winter (EYP), Bettina Carr-Allinson (EYP), Karin Seyfert (EYP), Jörg Tremmel (SRzG), Holger Friederich (SRzG), Sandra Hupka (SRzG)

Lepenies:
Meine Damen und Herren, dies ist keine Dankesrede, noch nicht. Andrei Plesu und ich möchten zunächst der Theodor-Heuss-Stiftung dazu gratulieren, dass sie sich getraut hat, so vielen unter Dreißig die Theodor-Heuss-Medaillen zu verleihen. Dass Andrei Plesu und ich auf diesem Podium sitzen, hat nichts damit zu tun, dass wir heute auch Preisträger sind. Andrei Plesu und ich sitzen auf diesem Podium, weil wir alt sind und weil wir demonstrieren wollen, dass es den Alten gut tut, auch einmal den Jungen zu zuhören. Andererseits ist es meine Aufgabe, den Jungen deutlich zu machen, dass auch ihre Zeit einmal abgelaufen sein wird, nämlich heute nach etwa zwanzig Minuten.

Winter:
Wir sind in der Situation, ein Gespräch zu führen, eigentlich über uns, weil wir uns auch noch nicht so kennen, und deswegen gleich meine erste Frage: - ich greife das auf, was Frau Hamm-Brücher gesagt hat - man fragt sich ja schon, selbst als Jugendlicher, wenn man hört, Stiftung für die Rechte zukünftiger Generationen, es wurde schon etwas gesagt, was ihr macht, aber wofür steht ihr denn nun eigentlich? Was ist es, was euch ausmacht?

Tremmel:
Die Stiftung für die Rechte zukünftiger Generationen steht für Generationengerechtigkeit und –nachhaltigkeit. Wir glauben, dass in einer ganzen Reihe von Feldern gegen diese beiden ethischen Prinzipien verstoßen wird. Es ist wohl unstrittig, dass meine Generation mit den Folgen von Treibhauseffekts, Ozonloch und Atommüll wird leben müssen, wenn Herr Schröder längst im Ruhestand sein wird. Das sollte auch Konsens sein, dass jede Generation im Rahmen ihrer Mittel lebt und haushaltet. Dagegen wird massiv verstoßen, wir haben immer noch 2,3 Billionen DM Staatsschulden - eine Zahl mit zwölf Nullen, meine Damen und Herren - und erst jetzt, seit kurzem, macht man ernsthafte Anstrengungen, dies abzubauen. Andere Felder, mit denen wir uns beschäftigen, sind Ausbildungsplatzmangel, Bildungskrise, Rentenproblematik, und wir glauben, dass das Prinzip der Generationengerechtigkeit der Schlüsselbegriff des neuen Millenniums oder zumindest des neuen Jahrhunderts ist, in wenigen Jahren so fest verankert im öffentlichen Bewusstsein wie heute die soziale Gerechtigkeit. Also, um es noch einmal kurz zusammenzufassen, wir sind think tank wie auch Lobby für künftige Generationen. Lobby, weil kommende Generationen keine Stimmen haben, um sich einzubringen im politischen Verteilungsprozess und deshalb sehr häufig zu ihrem Nachteil entschieden wird, und think tank, weil wir versuchen, das Prinzip der Generationengerechtigkeit in verschiedenen Politikbereichen durchzubuchstabieren.

Wir hatten jetzt zwei Treffen mit Herrn Walter Riester, weil wir - das kann man ruhig sagen - ein recht gutes Papier vorgelegt haben, für eine generationengerechte Rentenreform. Wir machen das Gleiche jetzt für Bildungspolitik, für Arbeitsmarktpolitik - also was heißt generationengerechte Bildungspolitik oder Arbeitsmarktpolitik zur Erneuerung der Demokratie.

Ich möchte die Teilnehmer ganz kurz vorstellen, erst Sandra Hupka, im Vorstand der Stiftung, Holger Friedrich, und natürlich, keinesfalls vergessen, die anderen SRzG-Mitglieder hier im Raum - also ohne ihre Mitglieder wäre die SRzG nichts – und deshalb freue ich mich besonders, dass viele nach Stuttgart gekommen sind.

So jetzt fragen wir mal und ihr antwortet: „Wie fing es denn bei euch alles an? Wie habt ihr euch gegründet?

Carr-Allinson:
Vielleicht kann ich das am Besten erklären, als die Urmutter von dieses Europäischen Jugendparlaments. Das war eigentlich eine Herausforderung durch meine Kinder, denen wir mal darüber gesprochen haben, dass wir eigentlich keine Nationalität haben; ich bin ja verheiratet mit einem Engländer und wir haben in vielen verschiedenen Ländern gewohnt in Europa, und die Kinder waren wirklich Europäer. Und, dann habe ich mir gedacht, dass es vielleicht eine sehr gute Sache wäre, wenn wir die Jugend von Europa zusammenbringen könnten, um miteinander über die wichtigen Fragen Europas zu sprechen, einander zuzuhören, voneinander zu lernen, in einem Gremium, das das freie Denken stimuliert, eine Herausforderung ist, die Horizonte zu weiten, und eine sehr positive Erfahrung sein kann, auch für das Selbstvertrauen. Denn voneinander zu lernen und die Verantwortung zu übernehmen, ein richtiger Staatsbürger zu sein, auch wenn man erst sechzehn oder siebzehn Jahre alt ist, prägt für die Zukunft und bringt den Jugendlichen viel – und nachher auch uns.

Friedrich:
Wie definiert ihr Europa - territorial beispielsweise?

Carr-Allinson:
Es ist eine sehr schwierige Frage Europa zu definieren, aber was wir gerne machen möchten, ist klein anfangen. Wir haben 1988 in der Europäischen Union mit zwölf Ländern angefangen, jetzt sind wir bei sechsundzwanzig Ländern. Wir haben jetzt Anfragen aus Belorussland, aus Armenien, Usbekistan. Manchmal bekomme ich eine Email, in der steht: Frau Carr-Allinson, wo hört Europa auf? Das ist ja die wichtige Frage.

Winter:
Zur Vorstellung wollen wir ihnen auch kurz sagen, wer wir sind.

Seyfert:
Also, ich bin Karin Seyfert und Teil der deutschen Delegation für das Europäische Jugendparlament.

Winter:
Und mein Name ist Cornelius Winter, ich gehöre zwar noch nicht zur Ur-Generation, aber ich gehöre zu denen, die schon seit einigen Jahren dabei sind und die jetzt ein bisschen ins hintere Glied getreten sind und noch organisatorisch mitarbeiten.

Wenn man unsere beiden Organisationen so vergleicht, so sind wir sehr stolz darauf, hier in Deutschland in diesem Jahr das zehnjährige Bestehen der deutschen Sektion des Europäischen Jugendparlaments zu begehen, ähnlich wie das zehnjährige Bestehen des Förderprogramms Demokratisch Handeln. Also, das ist ein netter Zufall, der sich da ergibt. Drei Jahre Stiftung für die Rechte zukünftiger Generationen, wenn man euch mal nach den ein oder zwei Schlüsselmomenten eurer Arbeit fragt, der ihr euch ja, ähnlich wie wir, ganz verschrieben habt, was würde denn da so kommen?

Friedrich:
Ich würde sagen, das ist in jedem Fall die Organisation des Europäischen Jugendkongresses dieses Jahr. Wir haben letztes Jahr begonnen, diese Thematik aufzugreifen; wir wollen in Hannover im August 400 junge Menschen aus ganz Europa versammeln und ich glaube, am Anfang hat uns das niemand zugetraut, vielleicht wir selbst auch nicht so ganz. Aber jetzt, nach einundeinhalb Jahren Arbeit, sehen wir auf einmal, wir können die Früchte ernten und wahrscheinlich wird der Kongress klappen und so ablaufen, wie wir uns das vorstellen. Das ist schon eine tolle Sache, und für mich mein persönliches Schlüsselerlebnis, dass man sieht, mit einer Idee so viel bewegen und dann auch so viele Jugendliche in Gesamteuropa dafür begeistern zu können.

Hupka:
Das, was ich toll daran finde ist dass man schon jetzt während der Organisation merkt, dass man mit Leuten aus allen möglichen Ländern zusammenarbeitet, dass man Emails bekommt, aus der Türkei, aus Polen, und dass sich während der Organisation ein internationales Netzwerk gebildet hat von Leuten, die sich für eine Idee begeistern können und zusammenarbeiten. Dieses Engagement aus den verschiedenen Ländern, gemeinsam auf eine Idee gerichtet zu spüren, das macht einfach wahnsinnig Spaß.

Tremmel:
Was ist für euch das Wichtigste auf dem Kongress, ist es das Ergebnis oder vielleicht etwas anderes?

Seyfert:
Ich muss für mich sagen, der Schlüsselmoment ist nicht, wenn man seine Resolution präsentiert und sieht, ob sie nun angenommen oder abgelehnt wird, sondern dass man in einem Komitee zusammensitzt von zehn Leuten, die man erst seit drei Tagen kennt, die aus ganz Europa zusammengewürfelt sind, und sich mit denen englisch verständigt, und wie du auch sagst, man versucht eben eine Lösung zu finden, oder man hat ein Problem und versucht darauf hinzuarbeiten, ohne jetzt einen zu vergessen oder eine Meinung nicht zu beachten. Ich finde, man lernt dort, dass es eigentlich keine hundertprozentig passende Lösung gibt. Dass es immer Kompromisse geben wird, und das hat mir auch geholfen, aktuelle politische Arbeiten besser zu verstehen. Da sieht man oft im Fernsehen Politiker und sagt: „Ach Gott, was machen die jetzt schon wieder?“ Durch diese Arbeit habe ich verstanden, dass die Arbeit, die die machen - natürlich kann ich jetzt besser kritisieren, weil ich es selbst gemacht habe. Ich kann sie natürlich auch verstehen, dass der Konsens, den man finden muss, nicht immer sehr einfach ist, und dass man auch sehr viel mit Emotion zu tun hat.

Friedrich:
Sind es die Emotionen, die euch zusammenhalten zwischen den sogenannten Plenartagungen, die ihr habt?

Seyfert:
Natürlich. Das ist ein sehr essentieller Teil. Das Teambuilding am Anfang, was vor jeder Sitzung stattfindet, hat ja den Sinn, die Gruppe zusammenzuschweißen, und dieses Gruppengefühl trägt dann auch die ganze Gruppe, und dann wird man auch fähig, sich gegen andere zu verteidigen. Zum Beispiel hatte ich in meinem Komitee ein Mädchen aus Zypern und wir haben eine Resolution über den Kosovo verfasst und die ganze zypriotische Delegation war gegen unsere Resolution. Aber das Mädchen hat sie mit uns verfasst, und hat sich gegen ihre eigenen Freunde verteidigt, in einem Parlament auf rein politischer Basis. Sie ist über ihre Emotion, die dieser Konflikt natürlich beinhaltet, hinweggekommen, dank dieses Teams.

Winter:
Ich glaube, wenn man über den Aspekt der Nachhaltigkeit spricht, um das mal aufzugreifen und darauf zu kommen, was so eigentlich zwischen den Sitzungen passiert, die ja insgesamt nur dreißig Tage im Jahr dauern, dann ist dieses Wort: „Das Ziel ist der Weg“, glaub ich, schon ein wenig unser Motto. Denn es geht weniger darum, ob nun die Resolution, die man verfasst hat, im Konsensverfahren angenommen wird oder nicht, sondern vielmehr um das Zustandekommen dieser Resolution und diese Prozesse der Diskussion, wie eine solche Resolution in weniger als drei Tagen entstehen soll. Und das macht auch die Nachhaltigkeit aus. Hinzu kommt das Gefühl und, da greif ich auch wieder das Wort von Frau Hamm-Brücher auf, Jung organisiert für Jung. Ich glaube, jungen Menschen Verantwortung zu geben, das ist ein Gefühl, was uns eint. Es motiviert ungeheuer, und treibt vorwärts und macht eine Organisation auch glaubwürdiger, wenn die Zielgruppe Jugendliche sind.

Tremmel:
Vielleicht gibt es da auch einen Unterschied in der Altersgruppe. Ihr seit mehr die Unter-zwanzig-Jährigen, bei uns ist das Hauptgewicht bei den Zwanzig- bis Dreißigjährigen. Bei uns ist das Ergebnis schon sehr wichtig. Wir bereiten etwa im Sommer die Resolution die zehn verschiedenen Regierungen persönlich per Fahrrad überbracht wird, in einer Internetkonferenz vor, also in einer Universität im Internet – auch ein ganz neuer Versuch zusammenzuarbeiten. Wir versuchen schon, als Denkfabrik wirklich absolute Qualität zu produzieren.
Aber, einig sind wir uns, dass das Miteinander, dieses Demokratie auch leben, sehr gut gerade in solchen Strukturen erprobt werden kann. Auch bei uns kommen die Leute auch zu Treffen und werden innerhalb kürzester Zeit so angenommen, dass sie ganz schnell Insider sind.
Und wir sind eine Stiftung, da kann man zu Vorstandssitzungen als normales Mitglied hin, der Vorstand wird jedes Jahr gewählt von den Mitgliedern – das ist einmalig in Deutschland – und jeder kann mitdiskutieren. Wir versuchen, dem besseren Argument zu folgen. Wenn es ein neues Mitglied ist, das überzeugende Argumente hat, dann verändern wir auch unsere Positionen, anders als Parteien das manchmal tun.

Friedrich:
Vielleicht kann man das, was Jörg gerade ausgeführt hat, auch so zusammenfassen; wir verstehen uns als pragmatische Idealisten. Also wir setzen uns auf jeden Fall ein Ziel, versuchen das aber Schritt für Schritt zu erreichen. Also was auch Du sagtest, der Weg ist das Ziel.

Tremmel:
Was sind denn eure aktuellen Herausforderungen, oder wo gibt es vielleicht Probleme?

Winter:
Ich glaube, da ist Bettina Carr-Allinson als Geschäftsführerin, die zwölf Jahre lang alles vorangetrieben hat, die ideale Ansprechpartnerin.

Carr-Allinson:
Was wir natürlich sehr gerne als unser Ziel sehen, ist die Vereinigung Europas durch das richtige Leben der Demokratie bei Jugendlichen; denn wenn wir Europa erweitern möchten, wo fangen wir dann an? Wenn ich von der Europäischen Kommission höre, dass ich alle Jugendlichen, die außerhalb der Union mitmachen, aus dem Antrag herausnehmen soll, frage ich mich manchmal: Ja, was haben wir jetzt vor? Wenn wir uns erweitern möchten, dann sind das doch die ersten diese Jugendlichen, die im Grenzgebiet von Europa leben, arbeiten, studieren. Die möchten wir zu uns ziehen und sagen: Kommt zu uns! Redet mit uns! Wir können von denen sehr viel lernen. Dieses Gespräch, die Kommunikation zwischen den Ländern ist so wichtig, vor allem in dem Alter, wo das einen unauswaschbaren Eindruck hinterlässt. Und das möchten wir so gerne fördern. Wir haben so kleine Pflanzen gesät, die Sonne scheint, aber uns fehlt das Wasser.

Lepenies:
Ich wollte eine Frage noch gerne loswerden, die vielleicht auch die Frage einiger im Auditorium ist. Es klang vorhin an, bei dem was Frau Hamm-Brücher sagte, mit leise kritischem Unterton gegenüber dem Europäischen Parlament. Der Eindruck, den man gewinnt, der - wie ich finde - wunderbar erfrischende Eindruck ist der eines ganz phantastischen Binnenklimas in diesen Gruppen, aber wie fühlen sie sich denn verstanden, von den natürlichen Ansprechpartnern, die sie haben sollten? Also bei Ihnen das Europäische Parlament, was könnte man da ändern, damit sie, falls sie uns nicht sagen, es läuft alles wunderbar, noch mehr erreicht? Und was, Herr Tremmel, haben Sie und ihre Kollegen gefragt, was könnte man machen, damit beispielsweise ihre Gesetzesinitiativen - Sie haben ja sehr konkrete Vorschläge gemacht - damit die nun auch wirklich auf den Weg kommen? Das ist ja eine Sache, solche möglichen Grundgesetzänderungen vorzuschlagen, sie vielleicht auch in der Zeitschrift für Rechtstheorie diskutiert zu bekommen, aber eine andere, sie wirklich umzusetzen. Vielleicht könnten Sie zum Abschluss beide noch mal etwas sagen: Wie sehen Sie denn die Chancen der praktischen Verwirklichung Ihrer so wunderbaren und notwendigen Ideen. Vielleicht für jede Gruppe einer noch, und dann sind wir am Ende mit der Zeit.

Tremmel:
Ich kann noch ganz kurz etwas zu der Gesetzesinitiative sagen, die wir nun nicht mehr angesprochen haben. Wir treten ja dafür ein, dass man Demokratie lebt und sie reformiert, als Alltagsgeschäft - da liegt ein Papier aus zusammen mit anderen Materialien - aber wir sind auch für eine Reform der Institutionen. Weil wir in einer Demokratie immer das Problem haben, dass gewählte Politiker tendenziell kurzfristig denken und dementsprechend handeln. Die Umweltzerstörung, die Staatsverschuldung sind Folgen davon, und deshalb wollen wir Generationengerechtigkeit konkretisieren und dies auch im Grundgesetz festschreiben - so dass die Verfassung einen Rahmen setzt, in dem für vier Jahre jeder Politiker handeln kann, aber dass eben dieser Grundrechtsschutz, der bisher nur für die heute lebenden, geborenen Generationen gilt, in die Zukunft ausgeweitet wird. Denn es kann ja nicht gerecht sein, wenn die heute Lebenden sämtliche Schätze des Planeten aufbrauchen und für Kommende nichts mehr übrig bleibt. Und diese Grundproblem der Demokratie das könnte man über die Verfassung lösen. Da haben wir mit Frau Däubler-Gmelin schon ein längeres Gespräch geführt und ihr liegt auch unser konkreter Vorschlag vor. Aber jetzt zur Frage des Europäischen Parlaments

Carr-Allinson:
Es wird immer schwieriger, mit den europäischen Institutionen zusammenzuarbeiten wegen dieser Bürokratie, wo man Formulare ausfüllen muss, bis sechzig, siebzig Seiten, um pro Person, pro Land den Preis der Tasse Kaffee zu berechnen. Mit den Parlamentariern verstehen wir uns sehr gut, aber es gibt natürlich viele Initiativen, die die auch fördern möchten. Jedes Jahr müssen wir mit keinem einzigen Pfennig anfangen und hoffen, dass wir es wieder schaffen, ungefähr einundeinhalb Millionen Euros zusammenzukriegen, und das ist emotionell und physisch erschöpfend. Die Planung geht ja auf zwei, drei Jahre hin, man kann nicht tausend Jugendliche einladen, in Athen, Dublin und Bern oder Dubrovnik zusammenzukommen, ohne einen Zwei- oder Dreijahresplan vorher festzulegen. Aber wir wissen nie, bevor der Ausschuss der Budgetdiskussion im Parlament im Dezember abgestimmt hat, ob wir ja oder nein etwas Geld bekommen werden. Deswegen müssen wir auch außerhalb des Parlamentes Unterstützung suchen.

Winter:
Ja, wenn man so ein Credo, ein „Was-bleibt-eigentlich?“, wenn man sich diese Frage stellt, ich glaube, dann stimmen wir überein, wenn ich sage - ich greife, den Ausspruch von Theodor Heuss auf - Demokratie ist eine Lebensform und muss immer gelebt werden, damit sie verständlich bleibt. Das ist das, was wir im Europäischen Jugendparlament versuchen: die Idee weiter zu leben und Europa und Demokratie dadurch verständlicher zu machen und - im Sinne der demokratiepolitischen Erklärung des amtierenden Bundespräsidenten und seiner drei Vorgänger aus dem letzten Jahr - ein Hineinwachsen in demokratische Lebensform und soziales Verhalten zu vermitteln, zu leben und hoffentlich nicht nur jetzt zehn Jahre, sondern im Sinne einer Nachhaltigkeit, noch viele, viele Jahre das weiterzuführen und an die nächsten Generationen weiterzugeben. Das hört sich vielleicht seltsam an, wenn ich das jetzt sage, aber das ist unsere wirkliche Hoffnung; weiter zu gehen. Vielen Dank!

Tremmel:
Meine Damen und Herren, die Jugend hat Visionen, das ist, glaube ich, heute deutlich geworden, aber um Visionen verwirklichen zu können, braucht man eben Menschen, und Geld - ihr genauso wie wir, für unseren großen Kongress, also: Investieren Sie auch mal in die Jugend.

Lepenies:
Meine Damen und Herren, ich denke, ich sage es nicht nur für die Alten, sondern für das ganze Auditorium, wir danken den Vertreten des Europäischen Jugendparlaments und der Stiftung für die Rechte zukünftiger Generationen für das, was sie gesagt haben, da für, wie sie es gesagt haben, und dafür dass sie es gesagt haben in der Zeit, die wir miteinander vereinbart haben!
Meine Damen und Herren, wir leben in einer Epoche der sicheren Lebenszeit. Wir alle haben die Chance, gut alt zu werden, und das gibt uns das Vertrauen, zu sagen, wir freuen uns darauf, demnächst von Ihnen regiert zu werden. Das Wort hat ein großer europäischer Politiker, ein wunderbarer Intellektueller, mein Freund Andrei Plesu.

Dank Andrei Plesu

Meine Damen und Herren,

Soweit mir bekannt, ist dies das erste Mal, dass der Theodor-Heuss-Preis gleichzeitig an einen Westeueropäer und einen Osteueropäer, die beide in ein gemeinsames Projekt eingebunden sind, verliehen wird. Dadurch hört der Zwischenraum zwischen den beiden Hälften Europas - der vor zehn Jahren noch unüberwindbar war - auf, eine Grenze zu bilden, ein Raum des Unterschieds und des Bruches zu sein und wird zur Brücke. Ja, man könnte fast behaupten, dass der Preis diesmal nicht an Menschen, sondern an eine Beziehung vergeben wird.

Ohne eine Neuwertung des willkürlichen Zwischenraums, den der Zweite Weltkrieg zwischen Westen und Osten des Kontinents geschaffen hat, kann Europa nicht funktionieren, kann Europa nicht überleben. Die Demokratie darf ihrerseits die große Gelegenheit nicht verpassen, in diesem nach 1989 radikal veränderten Kontext ihre Prämissen, Mechanismen und Grenzen zu überdenken. Wir haben voneinander zu lernen, oder zumindest etwas zusammen zu erleben. Ich behaupte dies in Gedanken an einen aristotelischen Absatz, der besagt, dass wahre Weise nicht etwas zu lernen, sondern etwas zu erleben haben. Und gerade deshalb scheint mir die oftmals in letzter Zeit angesprochene These von Wolf Lepenies sehr wichtig, dergemäß es wesentlich sei, die Beziehung zwischen Lehrenden und Lernenden zu relativieren. Wir dürfen uns nicht auf den kleinlichen Unterschied zwischen „jenen, die geben“ und „jenen, die bekommen“ konzentrieren. Wir müssen uns auf das Teilen einer Erfahrung konzentrieren, für die wir gemeinsam Verantwortung übernommen haben, auf eine Steigerung der Rezeptivität eines jeden von uns gegenüber der Erfahrung des andern hinstreben.

Eigentlich gibt es zwei Arten von Kompetenz: Zum einen die Kompetenz der Dinge die man hat, zum anderen die Kompetenz der Dinge die man anstrebt. Zwischen diesen beiden Kompetenz-Arten existiert, meiner Meinung nach – so wie zwischen Männern und Frauen –, eine Beziehung der gegenseitigen Überlegenheit. Jede von ihnen übt auf ganz spezifische Weise die Vorherrschaft über die andere aus.
Lebt man in einer stabilen Demokratie, weiß man zumindest über zwei Dinge gut Bescheid: Wie die demokratischen Institutionen funktionieren und welches die Grenzen der Demokratie sind, mit anderen Worten, wie die demokratischen Institutionen manchmal nicht funktionieren. Strebt man die Demokratie nur an, beherrscht sie also noch nicht, weiß man besser als jeder andere, welches die ideale Form der Demokratie, welches das Modell ist.

Demzufolge wissen Sie, hier im Westen, weitaus besser als wir, welches die Unzulänglichkeiten, die Imperfektionen eines demokratischen Systems sind. Sie haben damit tagtäglich zu tun. Sie sind nüchtern, objektiv und leicht skeptisch. Wir im Osten erleben die Demokratie noch wie ein euphorisches Projekt: Wir sind vielleicht naiv, wir sind manchmal pathetisch und manchmal ineffizient...
Auf der einen Seite also die technische, realistische, illusionsfreie Kompetenz, auf der anderen die lyrische Kompetenz, die diffuse Emotivität, die utopische Exaltiertheit.

Demokratie ist für uns das wundersame Produkt der Freiheit, ein Tabu, das nicht kommentiert wird, Demokratie ist einfach das Äquivalent eines Superlativs. Die Vorteile liegen - in diesem Fall - in der Vitalität, im mobilisierenden Vertrauen in Lösungen, in der erfinderischen Kraft. Die Nachteile sind dabei nicht weniger ausgeprägt und augenscheinlich: Ungenauigkeit der Vision, Verzettelung der Bemühungen, Impulsivität, das Fehlen einer geduldigen und systematischen Konstruktion. Unsere Kompetenz hat – mit ihrer eher erträumten, denn realen Grundlage – oftmals die Charakteristika einer Sub-Kompetenz.
Ihre Kompetenz hingegen, die auf unmittelbare und anhaltende Erfahrung gründet, droht zur Supra-Kompetenz zu werden, beziehungsweise zu einer Kompetenz, die sich in Routine und Selbstgefälligkeit verwandelt.
Der sub-kompetente Mensch schafft das Ziel eher aus Zufall. Der supra-kompetente Mensch ist zwar oft erfolgreich, hat jedoch das Pech, sich nicht mehr über das Gelingen freuen zu können, weil er dies als selbstverständlich empfindet.

Man könnte sagen, wir bewegen uns gewissermaßen in unterschiedlichem Takt. Und die europäische Integration der ehemals kommunistischen Länder ist im Grunde genommen eine Frage der richtigen Verwaltung dieser unterschiedlichen Takte. Wir müssen genauer und strikter werden, realistischer und pragmatischer. Sie hingegen sollten vielleicht etwas lyrischer, reflexiver und flexibler werden. Um aufeinander zu treffen und den Gleichtakt zu schaffen, müssen wir uns zusammen weiterentwickeln, uns energisch aufeinander zu bewegen. Wir müssen auf beiden Seiten den Ballast abwerfen, und beide Seiten müssen das Risiko einer gewissen Unvorhersehbarkeit eingehen. Das ist die einzige gesunde Dynamik einer Wiederbegegnung.

Diese Wiederbegegnung aber wird nicht stattfinden, wenn der Westen - mehr oder minder ungeduldig - den mühsamen Aufstieg der Ost-Staaten zu seinen Standards abwartet; und ebenso wird es diese Wiederbegegnung nicht geben, wenn der Osten in der Pose des ewigen Opfers erstarrt, das bedingungslos von allen Seiten her unterstützt werden muss.

Und sollte den beiden heutigen Trägern des Theodor-Heuss-Preises ein echtes Verdienst angerechnet werden, so besteht dieses eben darin, dass sie aufeinander zu und anschließend Schulter an Schulter weiter gegangen sind.

Zu Beginn, Anfang der achtziger Jahre war das, existierte Wolf Lepenies für mich nur als ein Name in einer Bibliografie. Der Titel eines seiner Bücher, Melancholie und Gesellschaft, erregte meine Aufmerksamkeit, lange Zeit aber hatte ich keinen Zugang zum Buch. Als wir uns dann 1992 im Wissenschaftskolleg zu Berlin begegneten, war ich doppelfach müde: als Intellektueller aus dem Osten und als ehemaliger Kultusminister; eine recht melancholische Kombination, der Wolf mit sehr viel Taktgefühl entgegentrat. Er hatte eine Art Humor, der Nietzsche wohl dazu verleitet hätte, seine Meinung über seine Landsleute in mancher Hinsicht zu ändern. Unsere Begegnung erwies sich als sehr fruchtbar. Gewissermaßen kam es letztendlich dazu, dass wir beide zur Illustration des Titels von Wolfs Buch wurden: Er stellte die „Gesellschaft“ dar, das artikulierte Projekt, die gemeinschaftliche Ordnung, ich die „Melancholie“, den Rohstoff, die potentielle Energie. Wolf lieferte den klaren Blick, ich lieferte die Ringe unter den Augen... Das Ergebnis dieser Begegnung war, dass sich mein Blick mit den Jahren etwas klärte, während Wolf sich einige Ringe unter den Augen zulegte.

Wie auch immer – unsere Partnerschaft scheint so homogen geworden zu sein, dass wir heute einen ehrenvollen und ehrenden gemeinsamen Preis verliehen bekommen. Im Vorteil dabei bin ich. Wolf hätte diesen Preis wann immer auch ohne mich bekommen können, während ich den Preis ohne Wolf nie erhalten hätte. Das ist auch, meine ich, die derzeitige Beziehung zwischen dem Osten und dem Westen Europas: Sie kommen ohne uns zurecht, wir aber kommen ohne Sie nicht klar. Zu hoffen bleibt, dass die gediegene abendländische Gesellschaft das Bedürfnis nach einem diskreten Gärungsmittel, nach Melancholie verspürt. Diesbezüglich können Sie sich auf uns verlassen: Melancholie ist die einzige Ware, die wir im Überfluss haben....

Dank Wolf Lepenies

Meine Damen und Herren,
dies ist für mich ein ganz besonderer Augenblick. Ich komme mir vor wie der Geschäftsführer der Theodor-Heuss-Stiftung. Denn der hat bekanntlich seinen Sitz Im Himmelsberg 16. Im Himmelsberg - für Sie hier in Stuttgart ist es eine Adresse - für mich drückt sich darin symbolhaft der Rang des Preises aus, den Sie mir heute, zusammen mit Andrei Ples¸u, zuerkennen.
Ich fühle mich geehrt durch die beeindruckende Reihe derer, die den Theodor-Heuss-Preis vor mir erhalten haben. Ihre Namen zu nennen, verbietet sich - leicht könnte sonst der Eindruck entstehen, man glaube, man gehöre dazu.
Ich danke dem Kuratorium der Theodor-Heuss-Stiftung. Meine Damen und Herren - Sie haben mir Ihren Preis für mein Engagement in Mittel- und Osteuropa zuerkannt, für den schon vor dem Wunderjahr 1989 begonnenen Versuch, zur Stärkung lokaler Wissenskulturen in Budapest und Bukarest, in Sankt Petersburg und Warschau und demnächst, hoffentlich, auch in Sofia beizutragen. Die Gründung neuer und die Unterstützung bestehender Forschungsinstitutionen in Mittel- und Osteuropa ist zu einer Schwerpunktaufgabe meiner Heimatinstitution geworden. Sie ehren mit dem Theodor-Heuss-Preis 2000 die Mitarbeiter des Wissenschaftskollegs zu Berlin.
Den Preis aus Ihren Händen zu empfangen, verehrte Frau Hamm-Brücher, ist mir eine besondere Freude. Viele Jahre waren Sie Mitglied im Stiftungsrat der Wissenschaftsstiftung Ernst Reuter, in die das Kolleg eingebettet ist. Sie haben unser mittel- und osteuropäisches Engagement stets mit großer Sympathie verfolgt. Oft konnte ich Ihren Rat und Ihre stete und hartnäckige Bereitschaft zur Intervention für eine gute und notwendige Sache nutzen.
Sie, Herr Ministerpräsident, haben, wie vor Ihnen Lothar Späth, sich bei unseren Institutionengründungen für das Collegium Budapest besonders eingesetzt. Ich habe es keineswegs als selbstverständlich empfunden, wie nachdrücklich Sie und Herr Minister von Trotha über lange Jahre hinweg und unter ausgesprochen schwierigen Haushaltsbedingungen das Land Baden-Württemberg zu einem entschiedenen Förderer unserer Aktivitäten gemacht haben.
Es ist eine besondere Auszeichnung, im Rahmen dieser Preisverleihung von Richard von Weizsäcker gewürdigt zu werden - in dem wir in diesen Tagen, aus Anlaß seines Geburtstages, einen der großen Bundespräsidenten unseres Landes feiern, einen Glücksfall für die Bundesrepublik Deutschland.
Herr Bundespräsident - allen, die dabei waren, ist unvergessen, wie wichtig Ihre Teilnahme bei der Einweihung unserer ersten Förderinstitution, des Collegiums Budapest, im Jahre 1992 war. Ihre Teilnahme schuf ein Novum für das ungarische Protokoll, denn bei der Zeremonie waren mit Ihnen sowohl der ungarische Staatspräsident, der Ministerpräsident und der Oberbürgermeister von Budapest zugegen - die, verschiedenen Parteien angehörend, solche Zusammentreffen in der Regel sorgsam vermieden. Schwerlich hätte die Institution ohne diese geballte, beinahe unprotokollarische Sympathiebekundung der ungarischen politischen Führung überleben können. Sie waren verantwortlich dafür. Sie hielten bei der Einweihungszeremonie keine Ansprache, aber umso eindrucksvoller für alle Teilnehmer war die Aufmerksamkeit, mit der Sie die - in der Tat ungewöhnliche - Rede des ungarischen Ministerpräsidenten Antall verfolgten und sich Notizen machten. Auch einmal zuzuhören statt anderen immer die Meinung zu sagen - wir aus dem Westen hätten uns kein passenderes Symbol für unsere Aktivitäten in Mittel- und Osteuropa wünschen können.
Sie machen mir mit der Verleihung des Theodor-Heuss-Preises 2000 eine ganz besondere Freude dadurch, daß ich diesen Preis zusammen mit meinem Freund Andrei Ples¸u erhalte. Geteilte Freude ist doppelte Freude. Andrei Ples¸u war unser Fellow im Wissenschaftskolleg.
Daß es gelungen ist, mit ihm und für ihn - nicht zuletzt durch die großzügige Unterstützung der Volkswagenstiftung, des Stifterverbandes und der Schweiz, insonderheit der Zuger Kulturstiftung Landis & Gyr - das New Europe College in Bukarest zu errichten, das noch in diesem Jahr sein großzügiges neues Gebäude beziehen wird, ist ein Wunder. Wie könnte es auch anders sein: Andrei Ples¸u, dieser Spezialist für Zwischentöne und Zwischenwesen, ist schließlich den Engeln besonders nahe. Auch er wird sich heute wie auf dem Himmelsberg fühlen.
Zugleich ist Andrei Ples¸u, dieser ironische Melancholiker, Realist und fest in der Wirklichkeit verankert. Die Zeitschrift, die er begründet hat, heißt Dilema. Lassen Sie mich, meine Damen und Herren, die Gelegenheit dieser Preisverleihung nutzen, um auf ein Dilemma der gegenwärtigen Wissenschafts- und Kulturpolitik in Europa aufmerksam zu machen.

Lange vor 1989 hatten viele Künstler und Intellektuelle in Mittel- und Osteuropa eine Streit- und Protestkultur geschaffen, die den Fall der staatsautoritären Regime und den Niedergang des Kommunismus beschleunigte. Nicht nur der Prager Frühling war ein Sieg der Kultur über die Gewalt. Heute müssen wir uns fragen: War es ein Pyrrhus-Sieg?
Kennzeichen der mittel- und osteuropäischen Revolutionen nach 1989 war der schnelle Umschlag von kultureller Reputation in politische Wirkung. Künstler und Wissenschaftler, Schriftsteller und Gelehrte wurden in höchste Staatsämter gewählt - wie Andrei Ples¸u in Rumänien. Die Kultur kam an die Macht. Es war ein einzigartiger Augenblick der europäischen Nachkriegsgeschichte. Würden in Zukunft auf unserem Kontinent zwei politische Kulturen miteinander wetteifern: Moralisten ohne große Expertise im Osten, Experten ohne allzu viel Interesse an moralischen Fragen im Westen? Es kam anders. Diese Konstellation blieb eine Episode - mit wenigen Ausnahmen. Die übliche Veralltäglichung des Charismas nahm ihren Lauf und weder Ochs noch Esel hielten sie auf: auch im Osten merkten viele Helden, daß sie Händler werden mußten, um ihren Eintritt in die Europäische Union nicht zu gefährden.
Heute klaffen im zusammenwachsenden Europa die Rhetorik und die Realität des Einigungsprozesses gefährlich auseinander: auf der einen Seite wird von den Mitgliedstaaten der Europäischen Union der Zusammenhalt des ganzen Kontinents beschworen - auf der anderen Seite verbünden sich die, die heute bereits Mitglieder der Union sein dürfen, mit denen, die es morgen werden möchten, gegen diejenigen, die es auch übermorgen noch nicht sein sollen. Niemand hat ein Patentrezept für die Erweiterung der Union. Jeder weiß, daß die Einheit des ganzen Kontinents schwierig zu erreichen sein und erhebliche ökonomische und politische Kosten verursachen wird.
In dieser Situation wird - wie so oft in der europäischen Geschichte - die Kultur als Politikersatz in Dienst genommen. Während den Ländern Mittel- und Osteuropas der Zugang zu unseren Märkten noch immer weitgehend verwehrt wird, werden sie in der NATO willkommen geheißen und aus vollem Herzen für ihre Kulturleistungen gepriesen. Das Militär und die Kunst müssen als Ersatz für ökonomische Diskriminierung und als Trost für politische Distanzierung herhalten.
Im Osten Europas hat daher heute der Begriff ‘Kulturpolitik’ einen leicht ambivalenten, ja negativen Klang. Er wird von vielen als ein Flucht- und Schutzbegriff, als Formel des schlechten Gewissens wahrgenommen.
Andrei Ples¸u der Philosoph und Kunsthistoriker hat beispielhaft gezeigt, daß die Wissenschaft nicht politikfern betrieben werden muß, um intellektuell aufregend zu sein. Andrei Ples¸u der Kultur- und Außenminister Rumäniens hat vorgemacht, wie sich eine Realpolitik gestalten läßt, die kulturelle Besonderheiten als Chance sieht und sich nicht davor scheut, ihre Hoffnung auf die Überzeugungskraft der Intelligenz zu setzen.
Indem Sie Andrei Ples¸u mit dem Theodor-Heuss-Preis ehren, meine Damen und Herren, helfen Sie allen, denen es darum geht, in der Wissenschafts- und Kulturpolitik für die Länder Mittel- und Osteuropas kein Ablenkungsmanöver und keinen Ersatz für politische Mitsprache und ökonomische Teilhabe zu sehen - sondern, im Gegenteil, den ersten Schritt auf dem Wege zu einem Europa, das sich den Namen einer Gemeinschaft oder einer Union verdient, weil es keinerlei europäische Ausschließungen mehr praktiziert. Ich kann mir keinen besseren Weg zur Erneuerung und Bekräftigung der demokratischen Idee in ganz Europa vorstellen.
Ich danke Ihnen.

2000