Wolfgang Thierse

Bundestagspräsident Wolfgang Thierse Der Theodor-Heuss-Preis für das Jahr 2001 wird dem Präsidenten des Deutschen Bundestages Wolfgang Thierse zuerkannt für sein beispielhaftes Engagement zur Stärkung unserer Demokratie als Staatsund als Lebensform. Für Demokratie zu leben, Freiheit zu erfahren, gerechten Wohlstand zu gewinnen, das waren schon zu Zeiten der DDR die Träume, die sich für Wolfgang Thierse mit der Sehnsucht nach der Wiedervereinigung verbanden. Dazu bekannte er sich als Bürgerrechtler mutig und Benachteiligung in Kauf nehmend. Nach dem Fall der Mauer entschied er sich verantwortungsbereit für den Weg in die Parteiendemokratie und ins Parlament, hielt aber fest an seinen bürgerrechtlichen Überzeugungen. Den demokratischen Grundkonsens immer neu zu stiften, ist ihm vordringliches Anliegen: im Eintreten für eine Kultur der Mitmenschlichkeit und der Achtung vor ethnischen, religiösen und kulturellen Unterschiedlichkeiten, im Zeugnis für eine ostdeutsche Identität in gesamtdeutscher Verantwortung und im Einsatz für ein Deutschland guter Nachbarschaft in Europa. Wolfgang Thierse zeigt diese Grundlagen und Bedingungen des Zusammenlebens im vereinten Deutschland nicht nur auf, er lebt sie auch und handelt danach. So fördert er das Ansehen des Parlaments beim Bürger, indem er auf Initiativen und Engagement aus der Bürgergesellschaft partnerschaftlich antwortet. Damit festigt er den demokratischen Zusammenhalt zwischen den im Staat Verantwortlichen und im Gemeinwesen tätigen Bürgern. Trotz Kritik und gelegentlicher Anfeindungen stellt er sich mit hohem persönlichen Einsatz der Auseinandersetzung mit rechtsextremistischer Gewalt und ermutigt damit – vor allem junge Bürger – zu Zivilcourage und Widerstehen. Der Theodor-Heuss-Preis für das Jahr 2001 gilt einem bürgerschaftlich engagierten Politiker, der sich dem Zusammenwirken von Bürgern und Parteien, Volk, Volksvertretung und Regierung verpflichtet fühlt. Damit gibt er ein Beispiel zur Stärkung unserer Demokratie als Staatsund als Lebensform, und dafür schulden wir Wolfgang Thierse Dank und Anerkennung.

Ausländische Mitglieder des internationalen Ausschusses des Geminderats in Stuttgart

Eine Theodor-Heuss-Medaille für das Jahr 2001 wird den ausländischen Mitgliedern des Internationalen Ausschusses des Gemeinderats in Stuttgart zuerkannt für ihr langjähriges kommunalpolitisches Engagement und ihre konstruktive Einflussnahme auf Entscheidungen in Ausländerfragen. Zusammen mit dem Oberbürgermeister, Angehörigen der Stadtverwaltung und Mitgliedern des Gemeinderats haben Ausländer, die seit langem in Stuttgart leben, auch öffentliche Aufgaben übernommen und sich über Jahre beharrlich und gegen viele Rückschläge für ein friedliches Zusammenleben zwischen deutschen und ausländischen Mitbürgern eingesetzt. Sie haben erreicht, dass der Internationale Ausschuss –1971 war er der erste Ausschuss mit dieser Aufgabenstellung bei einem westdeutschen Gemeinderat – heute ein Organ des Gemeinderats ist. Er unterstützt das bürgerschaftliche Engagement ausländischer Bürger mit Anregungen und Empfehlungen und erarbeitet Vorschläge für ihre Integration. Seine Stellungnahmen finden Eingang in die Beschlussfassung des Gemeinderats. Damit geben beide Gremien ein nachahmenswertes Beispiel für die Einbeziehung ausländischer Mitbürger in das Miteinander von Bevölkerung, Rat und Verwaltung in der kommunalen Selbstverwaltung. Das erfordert demokratische Offenheit, Geduld und realistischnüchterne Bereitschaft zum kooperativen Handeln. Mit der Zuerkennung einer Theodor-Heuss-Medaille für das Jahr 2001 soll diese konstruktive Zusammenarbeit anerkannt, ermutigt und dankbar gewürdigt werden.

Bürgerinnen und Bürger der Stadt Arnsberg (Sauerland) und der Bürgermeister Hand-Jürgen Vogel

Eine Theodor-Heuss-Medaille für das Jahr 2001 wird den Bürgerinnen und Bürgern der Stadt Arnsberg/Sauerland und ihrem Bürgermeister Hans-Josef Vogel zuerkannt für ihr Engagement in allen Angelegenheiten des Zusammenlebens mit Flüchtlingen und Fremden. Arnsberger Bürgerinnen und Bürger setzten sich zusammen mit ihrem Bürgermeister trotz aller Widerstände dafür ein, 200 Kosovaren in ihrer Stadt die neu gefundene Heimat zu erhalten. Sie ergriffen die Initiative, bereits lange bevor die Innenminister der Länder die Bereitschaft erkennen ließen, Bürgerkriegsflüchtlingen aus dem Kosovo, die bei uns einen Arbeitsplatz gefunden haben, ein Bleiberecht auf Dauer zu gewähren. Die ehemaligen Flüchtlinge sind inzwischen nicht nur zu unersetzbaren Arbeitskräften geworden, sie beteiligen sich auch am öffentlichen Leben und haben sich mit ihren Familien in der Stadt integriert. Ihre Kinder sind zum großen Teil in Arnsberg geboren und leben mit ihren deutschen Nachbarn zusammen. In ihrem Bündnis mit den ursprünglich »Fremden« geben Bürgermeister und Bürger nicht nur eine Antwort auf den auch in Arnsberg herrschenden Facharbeitermangel, sie bestehen damit ebenso eine Bewährungsprobe für die Weiterentwicklung unserer Demokratie. Ihr Beispiel bestätigt auch, dass sowohl Bürgerinnen und Bürger als auch Bürgermeister und Gemeinderäte großen Einfluss darauf haben, ob in ihren Gemeinden Fremdenfeindlichkeit abgebaut wird und »Bündnisse« als Impulse für eine lebendige Bürgerdemokratie« zustande kommen. Mit der Theodor-Heuss-Medaille soll das beispielhafte Engagement in der Stadt Arnsberg anerkannt und gewürdigt werden. Möge die »kleine Demokratie« der Bürgerinnen und Bürger mit ihrem Bürgermeister auch andere Gemeinden ermutigen, wenn nötig gegen die »größere« aufzustehen, wenn es darum geht, demokratische Offenheit, Toleranz und Zusammenhalt gegenüber nahen wie fernen Nachbarn zu üben.

Netwerk Demokratie Kultur e.V. Wurzen

Eine Theodor-Heuss-Medaille für das Jahr 2001 wird dem Netzwerk Demokratische Kultur e.V. Wurzen zuerkannt, mit dem sich der Student Markus Zeeh zusammen mit jungen Freunden gegen rechtsextremistische Gewalt und Fremdenfeindlichkeit einsetzt. Markus Zeeh und seine Freunde engagieren sich, obwohl sie inzwischen in Leipzig studieren, in ihrer Heimatstadt Wurzen in beispielhaft mutigen Initiativen, um dem gewalttätigen Rechtsextremismus eine demokratische Kultur entgegenzusetzen. Seit 1999 organisieren sie Veranstaltungen und geben ein »Extrablatt« heraus, in dem sie ihre Aktivitäten bekannt machen und für Mitarbeit werben. Sie gehen in Schulen und Jugendclubs. Sie suchen bei Schulleitern, Kirchenvertretern und in der Stadtverwaltung Mitstreiter zu gewinnen. Auf diese Weise haben sie ein demokratisches Netzwerk aufgebaut, das sich gegen die etablierte rechte Szene stellt und dafür sorgt, dass Opfer rechter Gewalt nicht allein bleiben. Das Netzwerk Demokratische Kultur wirkt in Wurzen und Umgebung. Es bezieht Stellung gegen Rechtsextremismus und Rassismus und tritt für ein gewaltfreies Aushandeln von Konflikten ein. Es engagiert sich für die Stärkung des sozialen Zusammenhalts, für die Rechte von Minderheiten und versucht, Jugendlichen Chancen zu Beteiligung und Mitarbeit zu eröffnen. Damit gibt das Netzwerk ein Beispiel, wie unsere demokratischen Kultur durch ein praktisches Bündnis dort gestärkt werden kann, wo sie besonders gefährdet ist. Dieses Engagement soll mit einer Theodor-Heuss-Medaille anerkannt und dankbar gewürdigt werden. Sie soll junge Demokraten in Wurzen und überall dort, wo sie gegen rechtsextremistische Herausforderungen aufbegehren, ermutigen und bestärken.

Neue Bündnisse für unsere Demokratie

2001