Theodor Heuss Stiftung

Hans Küng

Der THEODOR-HEUSS-PREIS für 1998 wird Professor Dr. Hans Küng zuerkannt für sein unermüdliches, lebenslanges Engagement in religiösen, philosophischen und ethischen Existenzfragen unserer Zeit. Mit dem "Projekt Weltethos" (1990) und seiner federführenden Mitwirkung an der "Deklaration des Parlaments der Weltreligionen zum Weltethos" (1993) sowie seinem Werk "Weltethos für Weltpolitik und Weltwirtschaft" (1997) hat Hans Küng mßgeblich zur Formulierung einer ethischen Grundorientierung der Weltgesellschaft zugunsten einer friedlichen, gerechteren und humaneren Welt beigetragen. Mit seinen grundlegenden Arbeiten über die Weltreligionen hat er zudem eine notwendige Ausgangsbasis für das Gespräch zwischen den Religionen geschaffen. Auch soll sein wichtiger Beitrag zum Entwurf der "allgemeinen Erklärung der Menschenpflichten" des InterAction Council früherer Staats- und Regierungschefs ebenso gewürdigt werden wie seine Mitwirkung an vielen anderen politischen und interreligiösen Manifestationen. Die Auszeichnung mit dem THEODOR-HEUSS-PREIS will nicht nur das Lebenswerk von Hans Küng würdigen, sondern zu weiteren Bemühungen auf der Suche nach einem Weltethos ermutigen.

Europäisches Forum für Freiheit im Bildungswesen e.V.

Eine THEODOR-HEUSS-MEDAILLE für 1998 wird dem Europäischen Forum für Freiheit im Bildungswesen e.V. für sein bildungspolitisches Engagement, insbesondere für die Unterstützung beim Aufbau mittel-und osteuropäischer Bildungssysteme zuerkannt. Das Forum wurde 1989 -nach der Öffnung des »Eisernen Vorhangs« – von Eginhard Fuchs gegründet und hat heute Mitglieder aus etwa 30 europäischen Staaten – vor allem aus Ost-und Mitteleuropa. Pädagogen, Erziehungswissenschaftler und Lehrerbildner erarbeiten in Kolloquien, Arbeitskreisen und öffentlichen Foren europäische Grundlagen und Gemeinsamkeiten für freiheitliche Schulsysteme, Konzepte zur Lehrerbildung und -fortbildung, zur Schulverwaltung und Schulaufsicht, zur Beachtung von Minderheiten und zur sozialen und interkulturellen Bildung und Erziehung. Damit tragen sie als private Initiative entscheidend zum Aufbau freiheitlicher und demokratischer Bildungssysteme in Mittel-und Osteuropa bei. Mit der Zuerkennung einer THEODOR-HEUSS-MEDAiLLE soll allen Mitgliedern und Mitarbeitern des Europäischen Forums und den derzeitigen Vorsitzenden – Reijo Wilenius, Elke Urban und Tamas Vekerdy – Dank und Ermutigung für ihr beispielstiftendes Engagement zuteil werden.

Peter Eigen

Eine THEODOR-HEUSS-MEDAILLE für 1998 wird dem Gründer und Vorsitzenden der weltweiten Organisation »Transparency International e.V.« Dr. Peter Eigen für sein großes Engagement bei der Bekämpfung der internationalen und nationalen Korruption zuerkannt. »Transparency International« besteht seit 1993 und ist heute eine Organisation mit Sektionen (Chapters) in fünfzig Staaten. Unter der Leitung von Peter Eigen, einem ehemaligen Direktor der Weltbank, hat sich »Transparency International« zum Beobachter und Ansprechpartner im Kampf gegen nationale und internationale Korruption entwickelt. Seine Expertisen werden in vielen nationalen und internationalen Gesprächen, Konferenzen und Gesetzgebungsverfahren zunehmend gesucht. Es ist Peter Eigen zu verdanken, daß das Tabu-Thema »Korruption« auch in Deutschland diskutiert vird und notwendige staatliche und gesetzgeberische Maßnahmen eingeleitet wurden. Mit seinem Engagement zeigt Peter Eigen große Zivilcourage und leistet – gemäß der Satzung der THEODOR-HEUSS-STIFTUNG – beispielstiftenden Einsatz für das Allgemeinwohl. Mit der Zuerkennung einer THEODOR-HEUSS-MEDAILLE soll dieses Engagement ausgezeichnet und ermutigt werden.

Die Initiative: Deutsch-Russischer-Austausch e.V., Berlin

Eine THEODOR-HEUSS-MEDAlLLE für 1998 wird der Initiative Deutsch-Russischer-Austausch e.V. zuerkannt, für ihr großes Engagement, Bürgerinnen und Bürger in Rußland nach dem Zusammenbruch des Sowjet-Systems beim Aufbau demokratischer Gesellschaftsstrukturen zu beraten und zu unterstützen. Die Initiative wurde 1992 von jungen, an der Entwicklung in Rußland interessierten Slawisten in Berlin gegründet und mit Hilfe von Förderern und Spendern aus kleinsten Anfangen zu einer leistungsfähigen Organisation ausgebaut. Sie unterhält inzwischen Außenstellen in SI. Petersburg, Wolgograd, Novosibirsk und Perm. Diese Außenstellen beraten, ermutigen und unterstützen russische Bürgerinnen und Bürger,die sich zu sozialen Selbsthilfegruppen, zu Frauen-und Jugendinitiativen oder zu Menschenrechts-Organisationen zusammenschließen. Sie vermitteln soziale Kontakte und führen Austauschprogramme durch. Insgesamt bilden alle Aktivitäten wertvolle Ansätze für zivilbürgerliche Strukturen in einem Lande, in dem bis vor kurzem jede gesellschaftliche Eigeninitiative unmöglich war. Die vertrauensvolle Zusammenarbeit mit russischen Partnern dient zugleich der Verständigung und Überwindung von Feindbildern. Für dieses Engagement verdienen die Initiatoren und russischen Mitarbeiter mit der Zuerkennung einer THEODOR-HEUSS-MEDAILLE Dank, Anerkennung und Ermutigung.

Auf der Suche nach einem neuen Ethos – weltweit und zuhaus

Theodor Heuss Stiftung Theodor Heuss Stiftung Theodor Heuss Stiftung Theodor Heuss Stiftung Theodor Heuss Stiftung Theodor Heuss Stiftung Theodor Heuss Stiftung Theodor Heuss Stiftung Theodor Heuss Stiftung Theodor Heuss Stiftung Theodor Heuss Stiftung Theodor Heuss Stiftung Theodor Heuss Stiftung Theodor Heuss Stiftung Theodor Heuss Stiftung

Begrüßung Bundespräsident a.D. Richard von Weizsäcker Darf ich Sie, meine Damen und Herren, Teilnehmer, Freunde und Gäste der THEODOR-HEUSS-STIFTUNG herzlich begrüßen, mein besonderer Dank und Willkommensgruß gilt in Herzlichkeit Ihnen, Herr Bundespräsident. Die Verwandten von Theodor Heuss erlauben uns ja, die wir hier teilnehmen, uns wie eine Heuss-Familie zu fühlen. Dazu zählen Sie, Herr Bundespräsident, aber darüber hinaus -übrigens genau wie ich -per Erbschaft der Aufgabe in besonderem Maß. Ich bin Ihnen zwar insofern etwas voraus, als ich ebenso wie Theodor Heuss ein richtiger Schwabe bin, aber Sie haben dafür viele und bedeutungsvolle Jahre dem Land Baden-Württemberg durch Ihre aktive Tätigkeit gewidmet. Es ist vonUrnen schon frühzeitig manches Ruck-Signal durchs Landgegangen, zumal gegenüber der Jugend: ich erinnere mich immer daran, daß Sie sich einmal selbst an einer Abitur-Lateinklausur mit großem Erfolg beteiligt haben. Mein Gruß und Dank gilt allen, die zur heimatlichen Verwurzelung der THEODOR-HEUSS-STWI'UNG hier in Stuttgart beitragen: Herr Ministerpräsident, Herr Oberbürgermeister, wie auch IhrVorgänger Herr Rommel, Urnen allen zusammen mit der Frau Präsidentin des Bundesverfassungsgerichtes gilt unser Willkommen, unser Dank für die Gastfreundschaft. Ich spreche im Namen der Vorsitzenden der Heuss-Stiftung, Frau Hamm-Brücher; das Kuratorium und der Vorstand lebt von ihren Inspirationen. Neulich habe ich eine große Schlagzeile in einem Feuilleton gelesen, die lautete: »Wenn Hlldegard die Stimme hebt, haben die Priester nichts zu lachen.« Nun, bei uns handelt es sich weder um eine Heilige noch um Priester und gelacht wird viel, aber es ist nichts desto weniger Ihr Antrieb und Ihnen sind wir zu Dank verpflichtet. Sie mal1l1en uns, daß die Demokratie nicht alleine vomSchutz der Bürger vor dem Staat, sondern vonIhrer Aktivität, Ihrer Lebendigkeit, Ihrer Kritikfähigkeit, Ihrer Vernunft, Ihrem Anstand und Ihrer Hilfsbereitschaft lebt. DaI1in zielen ja auch Ihre Aufrufe, Herr Bundespräsident, und deswegen freuen wir uns, daß Sie unter uns sind. Es scheint oft leichter, sich gemeinsam der Feinde der Freiheit zu erwehren, als in einer unangefachtenen Freiheit mit den Schwächen, den Versuchungen und Ablenkungen fertig zu werden. Nun haben wir heute eine Aufgabe von zentraler Bedeutung: Ethos weltweit und zuhause. Fast alle Entwicklungen gehen rund um die Erde; die Wissenschaft und Technik, die Kommunikation und der Verkehr, die Märkte, aber auch die Migrationen, der Umgang mit der Natur.Das Wichtigste aber hat den Anschluß noch nicht gefunden, es hinkt gewissermaßen hinterher, die Zivilisierung unseres globalen Verhaltens, das Weltethos. Dazu werden wir im Zentrum unserer Veranstaltung bald mehr hören, was Preisträger und Laudator seit Jahr und Tag bedenken und vorantreiben. Hinzufügen möchte ich nur noch, daß nicht nur die Charity, sondern auch das zivilisierte Verhalten zuhause beginnt. Neben dem Schutz der Rechte geht es um die Pflichten gegenüber den anderen. Es scheint oft leichter, sich gemeinsam der Feinde der Freiheit zu erwehren, als in einer unangefochtenen Freiheit mit den Schwächen,den Versuchungen und Ablenkungen fertig zu werden.Und doch gibt es keine Freiheit ohne Selbstbeschränkung, ohne Hilfe, wenn sie überlebensfähig bleiben soll.Hilfe für andere,Schutz gegen Mißbrauch, auch dazu werden wir in der heutigen Veranstaltung Beispiele vorgeführt bekommen, die uns anregen können, wie wir uns verhalten sollen. Es geht ja nicht um Moralpredigten, die ihrerseits vielleicht gegen die menschliche Natur wirken könnten, sondern es geht um Einsichten, das eigene Interesse an der Ethik. Ich möchte nur ein Beispiel dafür nennen aus den Religionen, über die Hans Küng so viel besser Bescheid weiß, aber von denen wir eben auch immer wieder so viel lernen können. Der jüdische Theologe, Martin Buber hilft uns, zu verstehen, was gemeint ist, wenn er den uns allen geläufigen Satz »Liebe Deinen Nächsten wie Dich selbst« in seiner Sprache und in seiner besonderen Kenntnis mit den Worten übersetzt: »Liebe Deinen Nächsten, denn er ist wie Du«, genauso auf sich selbst bezogen, genauso voller Ängste und voller Eifersucht, und ihm zu helfen ist letzten Endes nichts anderes als eine Hilfe für sich selbst. In dieser Richtung die Aktivitäten zu erringen, um die es mit unserem heutigen Thema geht – weltweit und zuhause –, um diese Themen werden wir heute Vormittag hören,was wir lernen können und was wir umsetzen sollen. Ihnen allen herzlich Willkommen! » merken Grußwort Oberbürgermeister Wolfgang Schuster Einen schönen guten Morgen verehrter Herr Bundespräsident, Frau Präsidentin, Herr Ministerpräsident, verehrte Frau Hamm-Brücher, sehr geehrter Herr Professor Küng, verehrte Festgäste, herzlich Willkommen in Stuttgart und auch herzlichen Dank für die Ehre, die Sie unserer Stadt damit erweisen, daß Sie alljährlich hier den Theodor-Heuss-Preis verleihen. Sie bringen so – über unseren Ehrenbürger Theodor Heuss – die Landeshauptstadt in Verbindung mit den Werten der Liberalität und Humanität. Werte, die auch für unsere beiden Ehrenbürger, Herrn Bundespräsident Richard von Weizsäcker und Herrn Oberbürgenneister Manfred Rommel Maßstab waren; Werte, die auch für meine Arbeit Verpflichtung sind. Es gibt Menschen, in denen sich das personifiziert, womit sich eine Gemeinschaft identifizieren will und kann. Theodor Heuss war eine solche Persönlichkeit. Als einer der besten Chronisten und Deuter der schwäbischen Seele hat er stets das Verbindende, das »Sowohl-als-auch« gesucht. Dem schwäbischen Stamm maß er dabei »jene umfassende Art«zu, »die in Getrenntem das Einheitliche erkennen, die auch dem gegnerischen Standpunkt innerlich gerecht werden will«. Wesentlich – so Heuss – sei dem homo suebicus die Fähigkeit, überall in der Welt die Heimat zu bewahren, sich in neuer Umgebung zurechtzufinden, Sprache, Sitte und auch seinen Gott in die Fremde mitzunehmen. Umgekehrt habe dieses enge Land Württemberg – so schreibt Heuss in einem Aufsatz aus dem Jahre 1942 den Reichtum seiner Begabungen nicht ertragen, habe die großartigsten Naturen, Schiller, List und auch Keppler geradezu »gequält«. Professor Hans Küng ist zwar nicht von schwäbischer, wohl aber alemannischer Abkunft. Daß er hier in diesem Land nicht nur gern ertragen wird, sondern seine geistige und seine Wahlheimat gefunden hat, mag für eine positive Fortentwicklung der schwäbischen Seele Zeugnis geben. Wir danken Ihnen, verehrter Herr Professor Küng, heute vor allem für Ihren Mut, im Heuss'schen Sinne • im Getrennten das Einheitliche zu erkennen; • Getrenntes zusammenzudenken; • Dinge zusammen zu sehen, die überhaupt erst vor einem sehr großen und weiten Horizont zusammen in den Blick kommen können. Sie sind ein Mann des Weltfriedens.Von Ihrer Idee des übergreifenden und universalen Ethos kann unser Gemeinwesen Wesentliches lernen.Sie gießen mit Ihrer Arbeit das Fundament, auf dem wir alle als Praktiker des kommunalen Zusammenlebens aufbauen dürfen. In Stuttgart leben Menschen verschiedener Kulturen und Religionen aus 160 Nationen. Ein Viertel der Bevölkerung hat keinen deutschen Paß. Versöhnung und Integration, das tolerante Miteinander der Nationen und Religionen -nicht nur global, sondern gerade auch im Mikrokosmos urbanen Lebens: das ist unser gemeinsamer Auftrag -heute genauso wie in der Zukunft. An dieser Klippe entscheidet sich letztlich die Zukunftsfähigkeit unseres Gemeinwesens. Historisch bedeutsam werden kann, wer hohe Intellektualität und eigene Wertvorstellungen mit konkreter Gestaltungskraft zu verbinden weiß. Dies zeichnete Theodor Heuss aus. Theodor Adorno hat deshalb über sein Wirken in einer Weise geurteilt, die auch Professor Hans Küng gerecht wird: »Durch ihn ist Humanität zu einer Kraft geworden, welche bei den Massen Resonanz weckt«. In diesem Sinne: Ihnen, verehrter Herr Professor Küng, und allen Medaillenträgern alles Gute für Ihr weiteres Wirken und herzlichen Glückwunsch! » merken Grußwort Ministerpräsident Erwin Teufel Verehrter Herr Bundespräsident, verehrte festliche Gemeinschaft, Anfang April 1945, als Deutschland Schlachtfeld war und von fremden Truppen eingenommen wurde, notierte Theodor Heuss in Heidelberg: »Sehr merkwürdig die Nachrichtenlosigkeit, man weiß nicht, was in der Nähe los ist, noch weniger, was in der Ferne. Was für ein Wandel.« Unser Problem heute ist eine Informations- und Nachrichtenflut, die zur Überforderung des einzelnen und zu einer Desorientierung führt. Die Informations- und Kommunikationstechnik bis hin zur Digitalisierung macht die Welt zu einer Welt und Außenpolitik zur »Weltinnenpolitik«, eine Wortschöpfung von Carl Friedrich von Weizsäcker. Deshalb auch die richtige Überschrift über die heutige Tagung »weltweit und zuhaus«, beides fällt in eines. Globalisierung ist eben nicht nur ein Schlagwort, das Hochkonjunktur hat und wieder verschwindet, das Wort beschreibt die Wirklichkeit. Die Welt wird zu einer Welt und der Markt wird zum Weltmarkt. Ein Weltmarkt für Waren und Produkte, ein Weltmarkt für Dienstleistungen, ein Weltmarkt für Kapital, ein Weltmarkt für Arbeit, ein Weltmarkt für Wissen, ein Weltmarkt für Erfindungen und Technologie, ein Weltmarkt für organisierte internationale Kriminalität, ein Weltmarkt fürs Steuerzahlen und für die Verschiebung von Erträgen. Diese Globalisierung ist gewiß nicht nur eine wirtschaftliche Herausforderung und eine Verschärfung des Wettbewerbs, sondern eine geistige Herausforderung. Es kann ihr nicht mit Fatalismus begegnet werden, wie er in folgenden Begriffen zum Ausdruck kommt: Entmachtung der Politik, Staatsentmachtung, Niemandsteuerung, Niemandsherrschaft. Hans Küng nennt das entstandene Werte- und Normenvakuum ein Politikum aller ersten Ranges. Er geht von der nüchternen Annahme aus, daß in den Beziehungen zwischen Staaten wie zwischen Menschen nicht die Harmonie normal ist, sondern der Konflikt; seine Folgerung:Globalisierung erfordert ein globales Ethos. Er nennt es eine Realvision. Er fordert eine Politik und ein Verhalten, das nüchterne Interessenwahrnehmung und eine ethische Grundorientierung miteinander verbindet. Wie Hans Jonas spricht Hans Küng von einer Ethik der Verantwortung und er ist in guter Übereinstimmung mit Theodor Heuss, wenn er diese Verantwortung nicht nur als eine Verantwortung gegenüber den Mitbürgern, gegenüber den kommenden Generationen, sondern in einer Verantwortung vor Gott sieht. Diese Formulierung aus der Präambel des Grundgesetzes stammt von Theodor Heuss. Hans Küng ist ein Vertreter der Menschenrechte und der Menschenwürde, der Machtbeschränkung durch unantastbare Grundrechte. Er ist aber auch ein Wegbereiter und geistiger Wortführer in der Diskussion um die Erklärung von universalen Menschenpflichten. Das Recht braucht ein moralisches Fundament. Quid leges sine moribus. Hans Küng hat in den letzten zehn Jahren beim Ausgraben der goldenen Regel in allen Weltreligionen und bei der Entdeckung von fünf großen Geboten der Menschlichkeit in allen großen Religionen bahnbrechende Arbeit geleistet. Ein alle verbindendes Weltethos steht nicht mehr als Forderung im luftleeren Raum. Hans Küng hat ihm ein breites Fundament verschafft. Es ehrt Hans Küng und es ehrt die THEODOR-HEUSS-STIFTUNG, daß er heute mit dem THEODOR-HEUSS-PREIS ausgezeichnet wird. Ich beglückwünsche ihn namens der Landesregierung und in herzlicher Verbundenheit auch persönlich. Wir freuen uns, daß ein Theologe und ein Gelehrter von internationalem Rang seit Jahrzehnten der Universität Tübingen und dem Land Baden-Württemberg treu geblieben ist. So wie wir ihm hier auch die Freiheit von Forschung und Lehre ermöglicht haben. » merken Begründungen und Verleihung Dr. Hildegard Hamm-Brücher Herr Bundespräsident, liebe große Heuss-Familie, liebe Preisträgerinnen und Preisträger! I. Es ist fast auf den Tag ein Jahr her, daß Bundespräsident Roman Herzog sein Unbehagen am »status quo« in Politik und Gesellschaft unseres Landes mit folgenden Worten auf den Punkt gebracht hat: • Wir haben keine Erkenntnisprobleme • Wohl aber haben wir Umsetzungsprobleme Mit diesen neun Worten gelang es ihm, eine lebhafte Diskussion auszulösen – das Wort »Reformstau« reüssierte gar zum (Mode-)Wort des Jahres – und es ist eine Diskussion, die zwar immer vor der Gefahr des Zerredens und Finger-auf-Andere-zeigens nicht gefeit ist, die aber auch weiterführende Anstöße und kräftige Impulse gebracht hat. Impulse auch für unsere Orientierung bei der Auswahl unseres Jahresthemas und für die Auswahl unserer diesjährigen – der 34. Heuss-Preisträger. Unter der Losung »Auf der Suche nach einem neuen Ethos – weltweit und zuhaus.« Wir haben nach bürgergesellschaftlichem Engagement Ausschau gehalten, das für Erkenntnis und Umsetzung richtiger Einsichten in konkretes Handeln – also für Erneuerungsfähigkeit – beispielhaft ist. Dabei haben wir mehr solcher Beispiele gefunden als wir heute auszeichnen können und festgestellt, daß – in Abwandlung des bundespräsidialen Duktus – auch viele kleine »Rucke« Wege aus dem Reform- und Umsetzungsstau eröffnen. Immer dann, wenn Bürgerinnen und Bürger durch eigenes Handeln dazu beitragen, daß richtige Einsichten nicht im »Reformstau« steckenbleiben, daß sie nicht in Expertisen von Zukunftsmissionen versanden, sondern in bürgergesellschaftlichem Engagement umgesetzt werden – auch nicht im Wahlkampfgetümmel zu Schlagworten munitioniert werden immer dann gilt der schöne Zweizeiler Erich Kästners: Es gibt nichts Gutes, es sei denn man tut es! Ich denke, das ist es, worauf es sowohl für den Einzelnen als auch für die Bürgergesellschaft als Ganzes ankommt: solche kleinen Rucke zu wagen! Dieses Postulat trägt die THEODOR-HEUSS-STIFTUNG seit ihrer Gründung vor 35 Jahren sozusagen »sinnbildlich« in ihrem Wappen. Alle Jahre wieder sind wir auf der Suche nach stilbildenden Beispielen für ethisch verantwortliches Denken und Handeln! Beispielhaft erinnere ich nur an frühere Preisträger, heute vor allem an Vaclav Havel, den wir alle, glaube ich, hier miterlebt haben und gute Genesung wünschen. Im vorigen Jahr war es die Suche nach neuen Formen praktizierter Solidarität, heuer haben wir nach Wegen aus dem Problem- und Reformstau durch verantwortliches Denken und Handeln gesucht – weltweit und zuhaus. Hierfür wollen wir Hans Küng mit dem 34. THEODOR-HEUSS-PREIS und drei Initiativen mit gleichwertigen THEODOR-HEUSS-MEDAILLEN auszeichnen. Über unseren Preisträger wird – in guter Tradition – ein früherer Preisträger, nämlich Carl Friedrich von Weizsäcker sprechen, über die drei Medaillenempfänger tue ich es nun, auch deshalb mit besonderer Zuneigung, weil mir einige Felder ihres Engagements aus früheren Tätigkeiten nicht unbekannt sind: Bildung und Erziehung für nachwachsende Generationen, die Bekämpfung einer Hydra namens Korruption und drittens die Beratung bei der Entwicklung zivilgesellschaftlicher Strukturen in einem ehemals kommunistischen Land, in dem bis vor kurzem jede individuelle und/oder gesellschaftliche Eigeninitiative verpönt war. II. Meine Damen und Herren, zur Begründung unserer Auswahl nun einige Kurzberichte, die unsere Preisträger später ergänzen werden: Über das europäische Forum für Freiheit im Bildungswesen Wenn wir an »Umsetzungsprobleme« und »Reformstau« denken, fallen uns zumeist die öffentlichen Schul- und Bildungssysteme in Ost und West ein, die sich den Problemen und rasanten Verlinderungen unserer Lebens-und Arbeitswelt (im Osten kommen noch die politischen Umbrüche hinzu) als nicht ausreichend gewachsenerweisen, oder – aus welchen Gründen auch immer – daran gehindert.werden, neue Kräfte zu entfalten und den Sprung von der Erkenntnis zur Umsetzung zu wagen. Darumging es den etwa 70 Pädagogen und SchuJreformern aus 13 Ländern als sie schon 1989 und 1990 in Velence/Budapest das Europäische Forum für Freiheit im Bildungswesen gründeten (Waldorf- und Montessori-Pädagogen waren ebenso darunter, wie engagierte Schulreformer aus öffentlichen Schulsystemen) . In der Helsinki-Deklaration des Fomms (1991) heißt es: »Wir wollen das Recht auf Bildungsfreilleit in den Schullandschaften ganz Europas einbürgern«, weil nur freiheitliche und vielfaItige Schulformen die erwünschte und notwendige Erneuemng leisten können, indem sie verschüttete oder unterdrückte Selbs!gestaltungskräfte im Schulleben freisetzen und fOrdern. »Ein staatliches Monopol auf Schule und Bildung wirkt 'erlahmend'«, so der Mi!begründer und heutige Präsident des Fomms, der finnische Pädagoge Reijo Wilenius. Heute, im neunten Jahr des Bestehens des Fomms, gibt es quer durch Europa, ja weltweit, etwa 35 nationale Gruppen mit über 3000 aktiven Mitgliedern, die in ihren Ländern z. B. neue Modelle und Aktivitäten für die Lehreraus- und fortbildung, für die Schulaufsicht, für die pädagogisch-didaktische Erneuerung inklusive der Schulhäuser und Klassenräume, für den Schutz und die Förderung von Minderheiten erarbeiten und erproben, Schulverwaltungen und gesetzgebende Körperschaften beraten, Übersichten über Bildungsgesetze und einschlägige Verfassungsgebote erstellen und neuerdings – zu unserer Freude – sogar als beratendes NGO (non governmental organisation) beim Europarat zugelassen sind. Es grenzt an ein Wunder, was hier seit Öffnung der Grenzen und Mauem in Europa von Einzelnen und kleinen Gruppen an Engagement, Kompetenz, Steh- und Durchhaltevermögen geleistet wird. Drei offizielle Repräsentanten des Forums sind mit vielen Freunden des Forums heute unter uns: der Gründer und »spiritus rector« Eginhard Fuchs und die beiden derzeitigen Präsidenten, der finnische Pädagogik-Professor Rejo Wilenius und die Leipziger Lehrerin und Gründerin der ersten freien Schulen in den neuen Bundesländern, Elke Urban. Die Zuerkennung einer THEODOR-HEUSS-MEDAlLLE ist Ausdruck unserer Hochachtung und Bewunderung für dieses Engagement, das, so hoffen wir, nicht nur für Schul- und Bildungssysteme fruchtbar werden kann, die jahrzehntelang jedes freien pädagogischen Ethos beraubt waren, sondern auch in unseren westlichen pädagogischen Provinzen, die ja auch unter bildungspolitischer Verreglementierung leiden und oft der geistigen und pädagogisch-didaktischen Erneuerung bedürfen. Zu Peter Eigen und Transparency International In den letzten Jahren wächst Korruption weltweit und gefährdet zunehmend die ethischen und moralischen Fundamente aller Gesellschaften. Allein ihre quantitative Dimension, meine Damen und Herren,muß uns alarmieren! Seriöse Erhebungen haben ergeben, daß bisher etwa 100 Mrd. Dollar der effektiven Aufbauhilfe für die Dritte Welt durch Bestechung und Bestechlichkeit verloren gegangen sind. Hierzulande gab es 1997 9157 erfaßte Straftaten, im Vorjahr waren es 8447. Allein im Großraum München hat sich die Zahl der Korruptionsverfahren seit 1994 fast um 250% erhöht – von 937 auf 2319 Fälle, bei denen Freiheitsstrafen von insgesamt 199 Jahren und Geldstrafen in Höhe von 2,6 Millionen DM verhängt wurden. Meine Damen und Herren, es reicht jedoch nicht aus, dem »wuchernden Krebsgeschwür« Korruption nur mit strafrechtlichen Mitteln zu begegnen. Hinzu kommen müssen kompetente und konsequente Allianzen zwischen allen Verantwortlichen, die zur Bekämpfung, zur Enttabuisierung und zur Ächtung durch Selbstverptlichtung beitragen wollen. Korruption gefährdet die ethischen und moralischen Fundamente aller Gesellschaften. Dieser zivile Kampf gegen Korruption wird zum eigentlichen Bewährungsfall. Daß wir auch in Deutschland für diese heikle Thematik problembewußt geworden sind, verdanken wir dem Gründer und Vorsitzenden der mittlenveile in fünfzig Staaten tätigen Organisation Transparency International (mit Sitz in Berlin), Peter Eigen, einstmals Direktor der Weltbank, seinen Mitstreitern und allen Bundesgenossen, die seine Initiative unterstützen. Dank seines Einsatzes hat sich Transparency International zu einer geachteten, gesuchten, gelegentlich gefürchteten parteien- und regierungsunabhängigen Organisation entwickelt. Mit der Zuerkennung einer THEODOR-HEUSS-MEDAILLE wollen wir Peter Eigen und seinen Mitstreitern nicht nur unseren Respekt und Dank für sein Engagement aussprechen, wir wollen ihnen auch den Rücken stärken und damit dazu beitragen, daß der Bekämpfung und Ächtung von Korruption weltweit und zuhaus höchste Priorität gegeben wird. Der DRA Was sich hinter dem Kürzel DRA verbirgt, heißt zu deutsch lapidar Deutsch-Russischer Austausch. Es ist eine außergewöhnliche Pionier-Initiative einer Handvoll junger deutscher Slawisten (stellvertretend nenne ich seinen Gründer Rudi Piwko). Als sich diese jungen Leute nach dem Zusammenbruch des sowjetischen Politik-, Wirtschafts- und Sozialsystems, der totalen Ratlosigkeit russischer Freunde bewußt wurden, was gesellschaftspolitisch nun an Stelle von Indoktrination, staatlicher Reglementierung und Bevormundung entstehen soll in der Gesellschaft, da boten sie zum Aulbau einer demokratisch verfaßten Zivilgesellschaft Rat und Hilfe an und gründeten 1992 den Verein DRA, der mittlerweile und mit Hilfe von Mitstreitern und Förderern zu einer weitverzweigten und leistungsfähigen Organisation mit Außenstellen in St. Petersburg, Wolgograd, Novosibirsk und Perm aufgewachsen ist. Dort beraten und unterstützen deutsche Mitarbeiter russische Bürgerinnen und Bürger, die sich in neugegründeten sozialen Selbsthilfegruppen, in Frauen- und Jugendinitiativen oder religiösen, humanitären oder Menschenrechtsaktivitäten engagieren wollen. Auf diese Weise sind in Rußland mittlerweile zahlreiche nichtstaailiche Organisationen entstanden, deren Mitglieder von deutschen Partnern unterstützt, fortgebildet und vor allem immer wieder beraten werden. So entstehen erste konstante Ansätze für zivilgesellschafiliche Strukturen in einem Land, in dem bis vor kurzem jede individuelle oder gesellschafiliche Eigeninitiative verpönt war. Nur einige Zahlen und Tätigkeitsfelder seien genannt: Bisher arbeiteten etwa 70 junge Slawisten, u. a. Sozialarbeiter, Pädagogen, Journalisten etc., für 3 bis 12 Monate in russischen Projekten, über 150 Praktikanten kamen für 2 bis 12 Wochen nach Deutschland in Partnerschaftsorganisationen. Zu dem heute schon existierenden Netzwerk gehören über 100 (Nicht-Regierungs-) Kooperationsorganisationen. Und jenseits der Statistik entstanden neben dauerhaften deutsch-russischen Kontakten und partnerschafilicher Verbundenheit auch persönliche Freundschaften. Dieses wechselseitig beispielstiftende Engagement wollen wir mit einer THEODOR-HEUSSMEDAILLE auszeichnen und allen danken, die sich daran auch durch ideelle oder materielle Hilfe beteiligten. (Außer dem Initiator Rudi Piwko sind seine Nachfolgerin in der Geschäftsführung, Stefanie Schiffer, zwei ihrer russischen Kolleginnen, Olga Orlowa und die Leiterin des Büros von Wolgograd, Elena Schatochina und viele andere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter unter uns.) III. Meine Damen und Herren, alle diesjährigen Empfänger von THEODOR-HEUSS-MEDAILLEN beweisen durch ihr Engagement, daß es sehr wohl möglich ist, ethische Überzeugungen und Ideale mit Ausdauer, Leidenschaft und Augenmaß – weltweit und zuhaus – in engagiertes Handeln umzusetzen. Dafür wollen wir ihnen nicht nur danken; das kann uns auch Mut machen, nicht abseits zu stehen, sondern auch unsererseits mit »kleinen Rucken« beizutragen, daß richtige Einsichten in notwendiges Handeln umgesetzt werden. Und zu dieser grundsätzlichen Thematik wird nun Carl Friedrich von Weizsäcker – als Freund und Laudator unseres diesjährigen Preisträgers Hans Küng – zu uns sprechen. » merken Laudatio und Gedanken zum Jahresthema Carl-Friedrich von Weizsäcker Liebe Frau Hamm-Brücher, meine Damen und Herren, Laudatio und Gedanken zum Jahresthema, diesen Titel hat mir die Leitung der THEODOR-HEUSS-STIFTUNG für meine Rede von 10 Minuten vorgeschlagen. Die Laudatio geht auf Hans Küng, den Empfänger des THEODOR-HEUSS-PREISES. Wofür erhält er den Preis? Dafür, daß wir ihm die Einführung und Belehrung zum Jahresthema verdanken: »Auf der Suche nach einem neuen Ethos – weltweit und zuhaus«. Was ist das neue Ethos, das wir suchen? Küng hat dies ausgesprochen in seinem knappen Buch von 1990 unter dem Titel »Projekt Weltethos«. Das Buch beginnt mit drei Sätzen. Ich möchte das wiederholen: Kein Überleben ohne Weltethos. Kein Weltfriede ohne Religionsfriede. Kein Religionsfriede olme Religionsdialog. Diese Sätze, insbesondere der erste »Kein Überleben ohne Weltethos«, drücken neue Einsichten unserer Zeit aus, der letzten Jahrzehnte des 20. Jahrhunderts christlicher Zeitrechnung. Zum Zusammenhang zwischen den drei Sätzen Küngs erlaube ich mir, zwei Sätze meiner eigenen Ansicht der Probleme hinzuzufügen: Die Religion bedarf heute der Aufklärung. Die Aufklärung bedarf der Religion. Zu Küngs erstem Satz möchte ich nun zunächst im Namen der aufklärerischen Wissenschaft vom Menschen eine kleine Betrachtung anstellen. Der Mensch ist ein geselliges Lebewesen. Ethos bezeichnet die bewußten oder auch spontanen Normen des Umgangs der Menschen miteinander. Daß es solche Normen gibt, ist lebenswichtig für menschliche Gesellschaften. Schon die gesellig lebenden Tiere haben angeborene Normen ihres Umgangs miteinander in einer Gruppe, einem Rudel, manchmal selbst in einer Spezies. Darüber habe ich von Konrad Lorenz seinerzeit vieles gelernt. Eine Spezies ohne solche Verhaltenselemente wird in der Evolution schwerlich überleben können. Aber beim Menschen reichen die konkreten angeborenen speziellen Schemata des Umgangs miteinander nicht aus. Denn der Mensch hat nicht nur Anteil an den Jahrhunderttausenden der langsamen Evolution, sondern er hat Geschichte, die ihre Gestalten immer wieder von Generation zu Generation oder doch von Jahrhundert zu Jahrhundert verändert. Der Mensch muß mitmenschliches Verhalten zu denken, zu wollen, zu vollziehen lernen. Die menschliche Geschichte fordert immer wieder das Erlernen neuer Normen für die Lebensfähigkeit einer Familie, einer wandernden Gruppe, eines Dorfs, einer Stadt, eines Volks, einer organisierten Nation, eines Reiches, einer Großkultur. Und heute zwingt uns die Globalisierung des Marktes zu weltweit gültigen Normen. Können wir das leisten? Es gibt tiefe Skepsis darüber. Aber erlauben Sie mir, zwei Eindrücke aus meinem eigenen Leben zu nennen. Eindrücke, die diese Skepsis selbst skeptisch zu betrachten gestatten. Als ich, 1921, als Neunjähriger hier in Stuttgart in die Schule ging, las ich Uhlands Gedicht über den Grafen von Württemberg, Eberhard den Greiner – den alten Rauschebart –; Eberhard führte, im 14. Jahrhundert, Krieg zwischen Stuttgart und Reutlingen. Wer in meiner Schule hätte sich einen solchen Krieg damals noch vorstellen können? Aber als Kind lernte ich, zum Glück nicht von meinen Eltern, daß Frankreich und Deutschland Erbfeinde sind und immer wieder gegeneinander Krieg führen werden. Wer denkt heute, nach Adenauer und de Gaulle, noch so? Diese Veränderung haben wir selbst miterlebt. Wie aber soll ein Weltethos entstehen? Was kann seine emotionale Motivation und was kann seine politische Gestalt sein? Sind hier nicht die Skeptiker die einzigen glaubwürdigen Beurteiler? Hier folgt Küngs zweiter Satz: »Kein Weltfriede ohne Religionsfriede«. Das setzt meinen zweiten Satz voraus: »Die Aufklärung bedarf der Religion«. Küng ist christlicher Theologe. Ihm ist die Botschaft Christi die Grunderfahrung. »Liebe deinen Nächsten wie dich selbst«. Der Nächste ist hier nicht einfach der Angehörige der eigenen Kirche, er ist vielmehr der Mensch, den mir das Schicksal jeweils begegnen läßt. Jesus sprach von der Nächstenliebe eines Samariters, d. h. eines Palästinensers in heutiger Sprache, zu einem verletzten Juden, der auf der Straße lag. So ist die Bergpredigt Christi schon eine Aufforderung zum ernstgenommenen Weltethos. Aber haben die Christen in den knapp siebzehn Jahrhunderten, seit sie im römischen Reich zur Macht kamen, gemäß der Bergpredigt gelebt? Das Christentum wurde eine große Religion. Auch die großen Religionen sind vergleichbar den Nationen: inneren Frieden fordernd, aber voneinander abgegrenzt. Darum: Kein Weltfriede ohne Religionsfrieden. Hier setzt Küngs dritter Satz ein: »Kein Religionsfriede ohne Religionsdialog«. Der Dialog ist eine intellektuelle Nächstenliebe. Ich beginne das mir fremde Denken des anderen zu verstehen und darum ernstzunehmen; und ich beginne zu verstehen, warum mein Denken ihm fremd ist. Diese Hermeneutik, d. h. Dolmetscherkunst, beginnt den Partner und dadurch sich selbst besser zu verstehen. So ist wohl in den drei von Kling »prophetisch« genannten Religionen, Judentum, Christentum, Islam, die Fürsorge für die Armen stärker, als in den von ihm »mystisch« genannten Religionen Hinduismus und Buddhismus, die innere meditative Erfahrung stärker. In der Neuzeit kommt die intellektuelle Aufklärung auf. Ihrer Gesellschaftsordnung gegenüber, die uns heute beherrscht, sucht Küng intellektuelles Weltethos in seinem letzten großen Buch auszuarbeiten: »Weltetllos für Weltpolitik und Weltwirtschaft« (1997). Ein umfassendes Werk. In Küngs Gedankengang ist dieses Buch im Grunde untentbehrlich. Es läßt sich im Detail auf Theorie und Praxis von Politik und Wirtschaft ein. Es beginnt mit dem Selbstverständnis der »Realpolitik«, von Richelieu über Bismarck bis Kissinger; es führt über den Gedanken der Politik aus Verantwortung bis zum real gedachten Weltethos; es stellt die analogen detaillierten Fragen an die lokale und weltweite Wirtschaft. Und der Teil, der die Politik erörtert, endet mit einem persönlichen Nachwort eines Christen für Christen. In den letzten Jahren sind aus solchen Überlegungen auch öffentliche Erklärungen hervorgegangen. Das »Parlament der Weltreligionen« in Chicago 1993 forderte ein Weltethos. Der »Interaction Council«, dessen Mitglieder ehemalige Regierungsgschefs von 24 Staaten rings um die Erde sind, gab im Blick auf die ältere Erklärung der Menschenrechte durch die Vereinten Nationen, unter Leitung von Helmut Schmidt, 1997 eine »Erklärung der Menschenptlichten« heraus. An der Vorbereitung und Interpretation zu dieser Erklärungen war Küng wesentlich beteiligt. Soweit also meine Laudatio. Zuletzt eine persönliche Bemerkung. Wer harte Gegensätze zu überwinden sucht, der wird bei deren Vertretem auch Widerspruch finden. Wenn Sie es mir erlauben, Herr Küng, sage ich: Ihre Rolle in der Debatte hat mich manchmal an Ihren Schweizer Landsmann Winkelried erinnert, der 1386 in der Schlacht von Sempach die Speere einer ihm gegenüberstehenden Ritterfront ergriff und in seiner Brust versammelte. So entstand eine Lücke in der Front und die Schweizer siegten. Möchte Ihnen der HEUSS-PREIS zeigen, daß Ihr Glaube an ein notwendiges und mögliches Weltethos überzeugte Bundesgenossen hat. Das wollte ich sagen. » merken Berichte der Medaillenempfänger über ihre Arbeit Deutsch-Russischer Austausch e.V., Berlin Stefanie Schiffer Sehr geehrte Frau Hamm-Brücher, sehr geehrte Damen und Herren, liebe Freundinnen und Freunde, vor sechs Jahren begannen wir vier Kollegen vom Deutsch-Russischen Austausch mit einigen damals gerade neu entstehenden Nichtregierungsorganisationen in St. Petersburg zusammenzuarbeiten. Das waren junge Obdachlose, die sich zusammengetan haben, zwei Selbsthilfegruppen von Drogenabhängigen und es waren Opfer der politischen Repression, die Organisation Memorial St. Petersburg. Wir verstanden, daß diese jungen Initiativen in St. Petersburg drei Dinge brauchten: Kontakte, Fortbildung und Geld. Und so begannen wir zu arbeiten. Private Spenden, auch hier aus dem süddeutschen Raum, Spendensammlungen der Sendung Kennzeichen D im ZDF und bald auch Stiftungsmittel und europäische Fördermittel konnten wir an diese russischen Initiativen vermitteln, für Fortbildungsprogramme und für Anschub für deren Projekte. Ziemlich schnell bemerkten wir, daß diese Art von – nennen wir es ruhig Dienstleistungen – auch für andere St. Petersburger Nichtregierungsorganisationen interessant und wichtig waren. Unser kleines Zimmer am Njewski-Prospekt in dem wir arbeiteten, wurde bald zu einem deutsch-russischen staatlich-nichtstaatlichen Taubenschlag. Beim Deutsch-Russischen Austausch trafen sich MenschenrechtIer und Duma-Abgeordnete, Vertreterinnen von europäischen Menschenrechtsstiftungen begegneten hier den St. Petersburger Soldatenmüttern, für russische Journalistinnen fanden hier Deutschkurse statt und Jugendsozialarbeiter bereiteten sich in diesen Räumen auf die Hospitationen in deutschen Partnerstädten vor. 1996,vier Jahre nach der Gründung dieses Beratungsbüros, konnten wir das St. Petersburger Büro an die russischen Kolleginnen und Kollegen übergeben. Aus den Mitarbeitern wurden Partner, und mit der Rollenverteilung sind bis heute beide Seiten zufrieden. Das alles verlief in einer angenehm berauschenden Geschwindigkeil. Die Erfahrungen, die wir in St. Petersburg bei der Beratung von Nichtregierungsorganisationen sammeln konnten, setzen wir heute in der gleichen Form in drei weiteren russischen Städten um, in Wolgograd, in Novosibirsk, und in Perm. Letzte Woche telefonierte ich mit unserem russischen Partner, dem Professor Borodkin, dem Leiter des sibirischen Beratungsbüros für Bürgerinitiativen in Novosibirsk. Und er fragte mich, »was ist das denn für eine Auszeichnung, die Sie da bekommen, was ist das für ein Preis und wofür erhalten Sie den?« ich sagte ihm: »Die Auszeichnung erhalten wir für die Unterstützung der russischen Nichtregierungsorganisationen beim Aufbau der pluralistischen Zivilgesellschaft«, worauf er entgegnete: »ja, dann ist der Preis ja für uns!« und ich erwiderte: »genau, Herr Professor Borodkin, der Preis ist für Sie«. Leider konnte Professor Borodkin aus Novosibirsk heute nicht kommen, dafür sind Olga Orlowa aus St. Petersburg und Lena Schatochina aus Wolgograd anwesend, worüber ich mich sehr freue. Wir bedanken uns im Namen der russischen Partner, der jetzigen und der ehemaligen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, ganz herzlich bei der THEODOR-HEUSS-STIFTUNG für die Auszeichnung. Vielen Dank! Rudi Piwko Verehrter Herr Bundespräsident, sehr geehrte Damen und Herren, lassen Sie mich unsere Arbeit an einigen weiteren Beispielen kurz noch illustrieren. Wir organisieren jährlich mehrere Dutzend Austausch-Projekte, beispielsweise mit russischen Lokal-Journalisten, die in deutsche Partnerstädte kommen, oder Jugendleiter und auch Senioren-Betreuer tauschen sich aus, trilaterale Seminare für russische, deutsche und französische Jugendleiter finden statt, junge Russen und Westeuropäer nehmen in unseren Büros oder in sozialen Initiativen an Praktika teil; aber wir veranstalten auch jährlich Konferenzen zur Menschenrechtssituation oder produzieren gegenwärtig einen Dokumentarfilm über russische und andere Migrantinnen. Diese Liste ließe sich natürlich noch etwas fortsetzen, aber so haben Sie vielleicht auch einen kleinen Eindruck erhalten, wie vielfältig die Arbeit von etwa 20 Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen in den fünf Büros ist. Bestärkt hat uns, daß Sie, Herr Bundespräisident, bei Ihrem Besuch in Rußland und auch kürzlich in einer Rede, solche Partnerschaften zwischen Deutschen und Russen auf allen Ebenen angeregt haben. Lev Kopelev, der in unserem Beirat aktiv gewesen war, nannte uns wegen dieser Arbeit Volks-Diplomaten, was uns sehr stolz gemacht hat. Betrüblich ist allerdings, wie negativ das Bild über Rußland insgesamt in unseren Medien gezeichnet wird, aber vielleicht muß das ja nicht so bleiben, vor allem, wenn sich genügend Interessierte finden, die das neue und faszinierende andere Rußland entdecken wollen. Auf diesem Weg ist natürlich die Verleihung der THEODOR-HEUSS-MEDAILLE eine sehr effektive Unterstützung. Am stärksten ist dabei vielleicht das politische Signal an die russischen Nichtregierungsorganisationen, daß wir in Deutschland ihre Arbeit in Rußland so hoch schätzen, wie es die Verleihung der THEODOR-HEUSS-MEDAILLE ausdrückt. Herzlichen Dank für die Ehrung und eine ebenso herzliche Einladung an alle Interessierten, bei uns mitzutun. Vielen Dank! Transparency International Dr. Peter Eigen Sehr geehrter Herr Bundespräsident, sehr verehrte Frau Hamm-Brücher, sehr geehrte Damen und Herren! Es ist eine wunderbare Auszeichnung und eine Ehre heute die THEODOR-HEUSS-MEDAILLE zu erhalten. Ich danke der THEODOR-HEUSS-STlFTUNG und vor allem auch Ihnen, sehr verehrte liebe Frau Hamm-Brücher von ganzem Herzen. Ihre Anerkennung für die Arbeit von Transparency International ist nicht nur eine Ehrung, sondern auch eine konkrete Unterstützung für unseren globalen Kampf gegen die Korruption. Die Wahl Ihres Jahresthemas und diese glanzvolle Veranstaltung mit bewunderungswürdigen anderen Preisträgern ist eine wichtige Inspiration für die vielen Frauen und Männer, die weltweit und zuhaus ein neues Ethos suchen, die mutig für eine menschliche, bessere Welt kämpfen. Dabei ist es mir wichtig, drei simple Tatsachen zu betonen: 1. Korruption gibt es überall; 2. Korruption ist außerordentlich schädlich, sie hat verheerende Auswirkung; 3. Man kann etwas dagegen tun; nicht nur zuhaus, sondern auch weltweit. Als wir vor genau fünf Jahren unsere internationale Nicht-Regierungsorganisation Transparency international gründeten, hat man uns diese drei Wahrheiten nicht abgenommen. Wir waren etwa 60 Personen in der Villa Borsig in Berlin, die meisten waren aus Afrika, Asien und Lateinamerika angereist; viele von uns hatten die Allgegenwart der Korruption und ihre zerstörende Wirkung zu sehen und zu spüren bekommen. Paläste, Prestigeobjekte werden gebaut, während die Mittel für Schulen, für ländliche Kliniken verschwinden. Mammutprojekte machen die Eliten reicher, während die Armen weiter verelenden, die Umwelt zerstört wird, soziale Fürsorge verkümmert. Und wie wir jetzt fast täglich aus der Presse entnehmen können, diese Korruption ist keinesfalls ein Monopol der anderen, der dritten Welt oder der Transformations-Länder im Osten. Korruption zeigt auch bei uns in Europa und bei uns in Deutschland ihr häßliches Gesicht. Vor allem ist uns mehr und mehr bewußt, daß nicht nur zuhause in erschreckender Weise zunehmend bestochen wird, sondern daß auch gerade im internationalen Bereich die aktive Bestechung systematisch und im großen Stil von den großen Exportnationen einschließlich Deutschland gespeist wird. Vor fünf Jahren waren wir noch ziemlich sicher, daß man etwas dagegen tun kann, daß man gegen die Hydra der Korruption, wie Sie es nennen, verehrte Frau Hamm-Brücher, kämpfen kann mit Aussicht auf Erfolg. Wir wußten, daß wir realistisch und professionell und systematisch vorgehen mußten und dennoch mußten wir oft den Vorwurf einstecken, daß wir uns als Don Quichote zu einem noblen, aber hoffnungslosen Kampf gegen ein unabänderliches Übel der menschlichen Gesellschaft aufmachten. Heute sind wir sicher, daß es wirksame Mittel gegen die Korruption gibt. Wir glauben nicht, daß wir sie völlig abschaffen können oder daß wir über Nacht spektakuläre Erfolge erzielen werden, sondern wir rechnen mit einem schwierigen, langwierigen Kampf, der auch mit Rückschlägen und Niederlagen gespickt sein wird. Dabei haben wir uns bisher und auch in Zukunft von drei Grundideen leiten lassen, die unsere inzwischen weltweite Bewegung bestimmen. Unser erstes und wichtigstes Prinzip ist die Mobilisierung von Koalitionen. Das bedeutet die Zusammenarbeit von Regierung, Wirtschaft und Zivilgesellschaft im nationalen Bereich, aber auch in Regionen oder Kommunen. Häufig können Staat oder Wirtschaft nicht allein mit der Korruption fertig werden. Sie sind oft eher Teil des Problems. Die Zivilgesellschaft muß mobilisiert werden, um beim Entwurf und bei der Umsetzung von Antikorruptions-Strategien mitzuwirken. Aber auch international müssen Koalitionen gebildet werden. Keine Nation kann sich allein der internationalen Korruption erwehren. So ist die gewohnheitsmäßige Korruption in internationalen Firmen für manche ein regelrechtes Gefangenen-Dilemma geworden. Sie wagen nicht mit der Korruption – etwa in lndonesien oder in Nigeria – aufzuhören, aus Furcht, daß viel Aufträge an korrupte Mitbewerber verlorengehen. Ein international abgestimmtes Vorgehen ist da gefordert und wir sind hocherfreut, daß die 29 OECD-Mitgliedsstaaten und fünf weitere Staaten im Dezember 1997 eine Konvention unterschrieben haben, welche diese Korruption künftig unter Strafe stellt. Wir freuen uns übrigens auch sehr, daß Deutschland als erster Staat und als einziger Staat zum vereinbarten Zeitpunkt – nämlich zum 1. April diesen Jahres – die Ratifikation und Anwendungsgesetze dem Bundestag vorgelegt hat. Wir bedauern es aber um so mehr, daß die Steuerabzugsfähigkeit von Bestechungszahlungen trotz der gegenteiligen OECD-Empfehlungen von 1996 grundsätzlich beibehalten wird. Abgesehen von den wenigen Einzelfällen, in denen ein Bestechungsvorgang rechtskräftig vor ein Strafgericht abgeurteilt wird, muß der deutsche Steuerzalhler weiterhin etwa die Hälfte der internationalen Bestechungszahlungen mitfinanzieren. Ein zweites Grundprinzip unserer Arbeit ist die bestimmende Rolle der nationalen Sektionen von Transparency lnternational. Wie Amnesty International haben wir in den beteiligten Ländern eigenständige Sektionen, die wir national chapters nennen, die über die Zielrichtung, die Arbeitsprogramme, die Strategien in ihren Ländern selbst bestimmen. lnzwischen haben wir mehr als 60 solcher Sektionen, manche sind groß und aktivistisch, wie etwa in Argentinien mit mehr als 2000 Mitgliedern, manche sind ziemlich klein und trotzdem wirkungsvoll. Das deutsche Chapter hat etwa 100 Mitglieder. Das internationale Sekretariat in Berlin versucht die nationalen Chapters nach Kräften zu unterstützen. Dabei müssen nur zwei Bedingungen eingehalten werden. Die Transparency lnternational erlaubt nämlich grundsätzlich nicht, daß einzelne Fälle von Korruption untersucht werden und angeprangert werden. Und außerdem bestehen wir darauf, daß unsere nationalen Sektionen sich keiner parteipolitischen Orientierung in ihren Ländern unterordnen. Zum Abschluß das dritte Grundprinzip unserer Arbeit. Es ist unser systematischer Ansatz. Wir konzentrieren uns auf Gesetze, Institutionen, Richtlinien, Praktiken in einer ganzheitlichen Sicht. Wie der menschliche Körper für seine Gesundheit ein Immunsystem braucht, so kann sich die Gesellschaft nur durch ein umfassendes lntegritätssystem schützen. Die Diagnose, Bewertung und Verbesserungsvorschläge für diese Integritätssyteme unterstützen wir in vielen Llindern. Unser Handbuch gibt es inzwischen in neun Sprachen und kann samt 1000-seitigen Sammlungen von weltweiten Beispielen im Internet abgerufen werden. Der weltweite Bedarf, die dringende Nachfrage nach dieser Arbeit kann nur mit Hilfe von vielen Frauen und Männern erfüllt werden, die unsere Bewegung weltweit unterstützen. Viele von ihnen leisten diese Arbeit unter großen Opfern und mit erheblichem persönlichen Risiko. Ich denke hier besonders an den Vorsitzenden unseres Beirats, Olusegun Obasanjo, Mitglied des Interaction Council, der seit drei Jahren im Gefängnis der mörderischen Diktatur in Nigeria sitzt. Er war von Anfang an dabei, in Berlin und hat uns in den ersten Jahren kraft seiner Glaubwürdigkeit als früherer Präsident von Nigeria weit über die Grenzen von Afrika hinaus geholfen, die Schlagkraft und Wirkung zu erlangen, die wir brauchen, um mit der Korruption weltweit den Kampf aufzunehmen. Ihm und allen anderen, die in einer ähnlichen Lage sind, möchte ich den Preis, die THEODOR-HEUSS-MEDAILLE, heute widmen. Vielen Dank für diese Unterstützung, sie gibt uns Kraft und Inspiration und Einfälle und auch die Ausdauer, die notwendig sein wird, um mit Erfolg gegen die Korruption zu kämpfen, weltweit und zuhaus. Vielen Dank. Das Europäische Forum für Freiheit im Bildungswesen e.V., Witten Rejio Wilenius Hochverehrte Frau Hamm-Brücher, sehr verehrte Anwesende, die Freiheit im Bildungswesen ist eine der besten Traditionen Europas. Unser Forum versucht, überall einzugreifen, wo diese Freiheit unterdrückt oder gefährdet wird. Wir sehen diese Freiheit als eine notwendige Bedingung aller kreativer Bildung, auf die Kinder und die jungen Menschen das Recht haben. Unser Jaluhundert hat angefangen mit dem Aufruf der ersten großen Reformpädagogin Ellen Key; es soll das Jaluhundert der Kinder werden. Wir wissen, was es geworden ist. In unserem Forum haben sich die verschiedenen pädagogischen Richtungen und Ansätze in Europa zusammengefunden, die für eine Belebung der Bildung arbeiten wollen. Wir sind überzeugt, daß der Staat den rechtlichen und finanziellen Rahmen der Bildung geben muß, daß aber der lebendige Inhalt, das Gemälde sozusagen, auf der Initiativkraft der Lehrer und Lehrerinnen, der Eltern beruht. Von solcher dynamischen Bildung, die die heranwachsende Generation zu Selbständigkeit und zu Eigeninitiative führen kann, ist letzten Endes auch die Dynamik des Wirtschaftslebens der ganzen Gesellschaft abhängig. In diesem Sinne wollen wir für die freie Bildungsgesellschaft in Europa wirken; mit unseren spärlichen finanziellen Mitteln, aber mit einer wachsenden Anzahl von engagierten Menschen in mehr als 30 Ländern. Eginhard Fuchs Ich möchte nur kurz von einem unserer Projekte berichten, um zu zeigen, wie wir unsere Arbeit tun und wie unser Forum wächst. In Rußland haben uns einige Schulen gefragt: »wie kommen wir zu einem eigenen Profil?« Ich habe diese Schulen besucht, ihnen erzählt von Reformpädagogik, von alternativen pädagogischen Möglichkeiten, aber ich merkte und es wurde mir gesagt: »Das suchen wir nich!!« »Was sucht Ihr denn?« – »Eine schöne Schule.« »Eine schöne Schule?« Nun muß man wissen, daß Dostojewski gesagt hat: »Nur durch die Schönheit wird die Welt gerettet.« Und in Rußland scheint diese Aussage ein jeder zu kennen. Wir haben also einen Wettbewerb veranstaltet, an dem sich im ersten Jahr 80 Schulen beteiligt haben und in diesem Jahr sind es 250. Wir haben ganz naiv angefangen. Vorher – nachher. Wir werden jetzt in Baschkochdistan eine große internationale Tagung haben, die auch deutlich machen wird, was man unter Schönheit wird verstehen können. Sie sehen, da gibt es Einzelinitiativen, die können sich bei uns zusammenfinden, wenn sie wollen. Darunter steht dann ein allgemein menschliches Ideal. Wir haben in unserem Forum angefangen mit der Freiheit. Inzwischen fügt sich das Ideal Schönheit für mich unerwartet hinzu und ich hoffe, es wird uns weiter zu Gutem führen. Elke Urban Freiheit im Bildungswesen heißt vor allem Eigenverantwortung, nicht Beliebigkeit. Deutschland ist in der Beziehung ein Entwicklungsland verglichen mit unseren westeuropäischen und neuerdings auch verglichen mit den osteuropäischen Nachbarn. Tief verinnerlicht ist uns besonders im Bildungsbereich ein merkwürdiger Untertangeist, der die Lust auf Freiheit blockiert. Die Regelungsdichte und das deutsche Berechtigungswesen ersticken außerdem sehr viele innovative Bemühungen. Schulen gedeihen besser in Bürgerhand als in Staatshand. Eltern haben das Recht auf freie Wahl der Schule, Schulen müssen ihr Konzept offenlegen, damit die Eltern begründet wählen können. So hießen einige Forderungen der Leipziger Erklänmg von 1990, damals von 5000 Menschen unterzeichnet. Die Lust auf Freiheit kann freilich nur von freien Menschen verbreitet werden und die finde ich im europäischen Forum. Manche von uns sind »freie Christenmenschen« wie Martin Luther sagen würde. Wir haben es gelernt, Gott mehr zu gehorchen, als dem Menschen. Uns alle verbindet die Hoffnung, daß ein Ideal stärker sein kann, als die Wirklichkeit. Wir Ostmenschen haben erlebt, daß dies möglich ist. Aus allen reformpädagogischen Richtungen und in verschiedenen Verantwortungsebenen engagieren sich in unserer europaweiten Bürgerbewegung Pädagogen, Eltern, Politiker – auch Minister. Machen Sie doch auch mit! Wir danken der THEODOR-HEUSS-STIFfUNG für den Auftrieb, den wir durch die heutige Auszeichnung erfahren. » merken Schlusswort Hans Küng Sehr verehrter Herr Bundespräsident Herzog, Herr Ministerpräsident Teufel, sehr verehrte Vorsitzende, Frau Hamm-Brücher, meine Damen und Herren. Die beeindruckenden, bewegenden Berichte, die wir über die Aktivitäten der drei ausgezeichneten Initiativen hörten – gegen Korruption, für Freiheit im Bildungswesen und für deutsch-russischen Austausch haben vermutlich auch Sie in drei Überzeugungen bestärkt: Auch in der heutigen Gesellschaft kann ein Einzelner für eine ideale Sache jenseits von Profit und Eigennutz viel erreichen. Aber zugleich: Es muß der Einzelne, wenn er etwas erreichen wiII, zur Gruppe werden. Und drittens: Einzelne wie Gruppen realisieren ihr ideales Ziel nur, wenn dahinter der ethische Impetus steht, ein solches Engagement wahrhaftig zu wollen; weiter die sittliche Schwungkraft, das Wollen auch zur Tat werden zu lassen; und schließlich die moralische Energie, das Engagement auch gegen alle Widerstände durchzuhalten. Kurz, es braucht das Ethos zuhaus als Voraussetzung für ein Ethos weltweit. Was mich persönlich betrifft, mache ich mir nach meinem 70sten Geburtstag gerne ein Wort vom Ethos zuhaus zu eigen: »Man muß auf anständige Weise verstehen, älter, vielleicht alt zu werden, um die Chance zu wahren, jung zu bleiben«. Dieses Wort stammt von Theodor Heuss, und ich bin stolz darauf, diesen mit dem Namen der ersten deutschen Bundespräsidenten verbundenen Preis hier und heute zu empfangen. Stiftungsvorstand und Kuratorium danke ich dafür von Herzen: nein, nicht nur weil ich diesen Preis als eine große persönliche Auszeichnung, auch als Genugtuung empfinde. Sondern vor allem weil er für mich eine höchst wirksame, weil öffentliche Ermutigung für mein weiteres Engagement in Sachen gemeinsames Ethos bedeutet. Manche mögen sich bei dieser Preisverleihung im Zeichen von Theodor Heuss vielleicht gewundert haben: der Preis eines großen Deutschen und Schwaben – für einen Eidgenossen; eines bedeutenden Staatsmannes – für einen christlichen Theologen ohne alle Parteibindung; eines überzeugten Liberalen – für einen, der katholisch ist und zu bleiben gedenkt. Zum Eidgenossen: Sie haben Recht, lieber Carl Friedlich von Weizsäcker, mit dem Hinweis in lhrer Laudatio auf Winkelried und die Schlacht von Sempach 1386: Ich wohne am Sempacher See, dem Schlachtfeld quasi gegenüber. Von Winkelried heißt es in der Schweiz: »Einer für alle«, aber auch umgekehrt: »Alle für einen« – und auch das habe ich erfahren. Wer meine Theologie kennt, weiß: ich habe meine Wurzeln nie verleugnet und habe, als ich mich in den 80er und 90er Jahren den Themen Weltreligionen, Weltfrieden und Weltethos zuwandte, auch nie etwas zurückgenommen von dem, was ich in den 60er und 70er Jahren über Rechtfertigung, Kirche, Wiedervereinigung der Christen, Gottes Existenz und Christ sein geschrieben habe. Ja, ich gestehe offen, daß ich die geistige Kraft für mein Engagement letztlich aus einem vernünftigen Vertrauen auf die letzte-erste Wirklichkeit, auf Gott, bezog. In meinem christlichen Glauben liegt es jedenfalls begründet, warum ich selbst in düsterer Zeit meine Hoffnungsvision nicht aufgab, sondern durch Jahrzehnte immer mehr ausweitete: von den Kirchen auf die Religionen und von den Religionen auf die Nationen – in drei gleichsam konzentrischen Kreisen. Eine realistische Hoffnungsvision. Denn: Was zunächst die christlichen Kirchen betrifft: Alle ihre Schwächen und dunklen Seiten in Geschichte und Gegenwart meine ich zu kennen und halte doch wenig davon, Kirchengeschichte auf Kriminalgeschichte zu reduzieren. Auch ich leide unter dem Massenexodus aus den Kirchen und ärgere mich immer wieder über die welt- und lebensfremde Engstirnigkeit vieler Kirchenvertreter und die akademische Betullchkeit vieler Theologen. Und doch und trotzdem: Die Hoffnung, daß eine Erneuerung der christlichen Kirchen und zugleich eine Verständigung, Versöhnung, ja, Einheit zwischen ilrnen möglich ist, habe ich nie aufgegeben. Dabei brauchen wir keine uniforme Organisation in den oberen, abgehobenen Stockwerken der verschiedenen Kirchtürme. Wohl aber eine Abschaffung sämtlicher Exkommunikationen da unten im Kirchenschiff, damit Christen wechselseitig an Gottesdienst und Religionsunterricht ungehindert teilnehmen können. Ich halte es für keineswegs unmöglich, daß sogar noch zu meinen Lebzeiten – Deo bene volente – Bischöfe sich ermannen, ein Konzil sich versammelt oder ein Papst kommt und dann, wie in meinen jungen Jahren Johannes XXIII. und das Vatikanum II, jene für die allermeisten Katholiken und Protestanten ohnehin längst überfälligen Reformen (bezüglich Geburtenregelung, Zölibat, Geschiedene, Laienpredigt, Frauenordination...) endlich verwirklicht. Und was den europäischen Nationen nach so vielen Kriegen gelungen ist, einvereintes Europa, müßte doch endlich auch den christlichen Kirchen, bald 500 Jahre nach der Reformation, möglich sein: vereinte christliche Kirchen! Zum zweiten Kreis: den Weltreligionen. Aus Studien und Erfahrungen von viel Jahrzehnten meine ich auch ihre Schwächen und dunklen Seiten zu kennen. Und doch halte ich wenig davon, à la Huntington mangels der alten Ost-West-Konfrontation ein neues weItpolitisches Paradigma vom Clash der Zivilisation zu propagieren und dabei einen Islam zu zeichnen, mit dem der Konflikt angeblich unausweichlich sei. Auch mich bedrückt freilich, daß Weltreligionen oft nicht als die großen Geburtshelfer einer neuen Weltepoche fungieren denn als die großen Bremser und Störer des Weltfriedens. Und doch und trotzdem: Die Hoffnung, daß ein Friede zwischen den Religionen – Voraussetzung für den Frieden zwischen Nationen – möglich ist, habe ich nie aufgegeben. Ich sage nicht: eine Einheit der Religionen. Zwischen den christlichen Kirchen ist Einheit möglich auf der Basis des einen Glaubens an Jesus Christus. Aber die großen Religionen haben jede eine sehr verschiedene Basis; sie können nicht eine Einheit bilden. Doch der Welt wäre viel geholfen, wenn sie in Frieden lebten, in Dialog und solidarischem Miteinander. Dies führt von selbst zum dritten, weitesten Kreis: den Nationen. Die »Realpolitik« der Nationen nehme ich kritisch wahr, seit ich, tief erschrocken, als Zehnjähriger, vor genau 60 Jahren, am Tag des Einmarsches der deutschen Wehrmacht in Österreich begann, tagtäglich mit Neugier und Leidenschaft die Zeitung zu lesen. Und gerade der jüngste, stark von den Religionen mitgeprägte Krieg im früheren Jugoslawien hat vielen die Augen geöffnet für das Versagen der Kirchen, aber auch für die Schwächen von Politik und Diplomatie.Erlebten wir doch viel Diplomatie bar jeglichen ethischen Willens; eine Interessenpolitik jenseits aller Moral; eine Weltpolitik ohne ein Weltethos. Die Folge: immer neues Unrecht, neue Krisen, neue Konflikte, kein echter, dauerhafter Friede bis heute.Und doch gibt es auch immer wieder ermutigende Gegenbeispiele wie jetzt Nordirland: Da sind Staatsmänner und Staatsfrauen am Werk, die aus ihrer ethischen GrundeinsteIlung heraus gegen alle Opposition den Elan, die Risikobereitschaft und zähe Ausdauer hatten und haben, eine realistische Friedenspolitik genau zu planen und auch kraftvoll durchzusetzen. Ein neues Ethos weltweit, aber auch zuhaus: Wer wollte bestreiten, daß wir in einer orientierungsarmen Zeit leben und daß – angesichts von Kinderkriminalität, Kindermißbrauch, Korruption, Lug und Trug in Politik und Wirtschaft – ein neuer Gesellschaftskonsens notwendig ist: eine Rückbesinnung auf einen Grundbestand von humanen Werten, Grundhaltungen und Maßstäben. Auch hier gibt es ermutigende Signale. Das stärkste ist die »Erklärung zum Weltethos« des Parlaments der Weltreligionen, die 1993 in Chicago erstmals einen solchen Basiskonsens formuliert hat und Gläubige wie Nichtgläubige einlädt, sich ein elementares gemeinsames Menschheitsethos zu eigen zu machen. Dieselben ethischen Prinzipien wird man auch in der Allgemeinen Erklärung der Menschenverantwortlichkeiten finden, wie sie vom InterAction Council früherer Regierungsund Staatschefs unter dem Vorsitz des Altbundeskanzlers Helmut Schmidt 1997 vorgeschlagen wurde. Gerade gestern schickte mir Lord Yehudi Menuhin sein Vorwort zur englischen Ausgabe, wo es heißt: »Wir sollten zumindest in der einen evidenten Wahrheit übereinstimmen, in diesem Axiom, daß die Menschheit nie menschlich vorankommen wird, wenn wir nicht alle anerkennen, daß Menschenrechte niemals existieren können ohne Menschenverantwortlichkeiten. Sie bilden die beiden Seiten einer Münze. Es ist dies die eine und einzige universale Wahrung rur wahren menschlichen Austauscll. Sie ist stark und stabil. Sie beschützt uns vor Kriegen, Bürgerkriegen, vor Ausbeutung von Menschen, vor Elend und wirtschaftlichen Katastrophen. Und sie wird faktisch die Menschenrechte stärken, ganz zu schweigen von menschlichem Vertrauen,menschlichem Denken, menschlichem Glück«. Der hier notwendige Bewußtseinswandel ist eine Aufgabe für das neue Jahrtausend. Zuhaus – in Familie, Schule und Gemeinde – müssen wir zu realisieren beginnen, was weltweit zur Wirkung kommen soll. Denn an der jungen Generation vor allem ist es, diese große Zukunftsvision – Einheit der christlichen Kirchen, Frieden der Religionen und Gemeinschaft der Nationen mit Entschiedenheit zu verwirklichen. Gerade die junge Generation darf sich durch diese Preisverleihung der THEODOR-HEUSS-STIFTUNG angesprochen und ermutigt sehen.

1998