Theodor Heuss Stiftung

Lord Ralf Dahrendorf

Der THEODOR-HEUSS-PREIS für 1997 wird Lord Ralf Dahrendorf zuerkannt für sein politisches und geisteswissenschaftliches Lebenswerk beim Aufbau und der Ausgestaltung unserer, nach dem Ende der NS-Diktatur, neu zu schaffenden freiheitlichen Staats-und Gesellschaftsordnung und für sein ebenbürtiges Engagement als Promotor eines politisch und kulturell vereinten Europas. Immer ging und geht es Ralf Dahrendorf um die Freiheit des Bürgers, aber auch um seine Verantwortung für die Freiheit des Anderen, also um Solidarität. Erst in jüngster Zeit hat er hierfür mit dem von ihm inspirierten und dem Britischen Oberhaus vorgelegten »Report«: »Wealth creation and social cohesion« wiederum ein merkens- und bemerkenswertes Zeugnis abgelegt. Darin werden nicht nur die Folgen der weltwirtschaftlichen Globalisierung für die Zukunft westlicher Industrie- und Arbeitsgesellschaften beschrieben, sondern auch die sich daraus ergebenden Herausforderungen für die Erneuerung und Gestaltung des sozialen und gesellschaftlichen Zusammenhalts, also der Solidarität in einer sich spürbar entsolidarisierenden Gesellschaft. Damit hat Ralf Dahrendorf, angesichts einer entscheidenden Gegenwarts- und Zukunftsaufgabe, abermals einen bedeutenden Beitrag zur Orientierung und Bewußtseinsbildung geleistet. Wie kaum ein anderer politisch engagierter Wissenschaftler verkörpert Ralf Dahrendorf mit seinem Lebenswerk und in seiner Person das Vorbild eines liberalen, offenen und zukunftsweisenden europäischen Weltbürgertums, das mit der Zuerkennung des THEODOR-HEUSS-PREISES dankbar gewürdigt werden soll.

Das Hamburger Spendenparlament und sein Initiator Pastor Stephan Reimers

Eine THEODOR-HEUSS-MEDAILLE für 1997 wird dem Hamburger Spendenparlament und seinem Initiator Pastor Stephan Reimers zuerkannt für ihr beispielstiftendes Engagement bei der Realisierung neuer Formen sozialer Solidarität durch Hilfe zur Selbsthilfe. Unter den zahlreichen Projekten, die mit diesen Zielsetzungen von Pastor Reimers als Leiter des Diakonischen Werkes in Hamburg in den letzten Jahren auf einen guten Weg gebracht wurden, soll das Hamburger Spendenparlament und seine aktiven Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter ausgezeichnet werden, weil diese Initiative ein eindrucksvolles und anschauliches Modell für neue Formen solidarischen Denkens und Handelns ist, bei dem alle Spender (derzeit über 2000) gleichzeitig auch Mitglieder des Spendenparlaments sind, die vierteljährlich in einem parlamentarischen Diskussions- und Entscheidungsverfahren nicht nur über die Verteilung der Mittel (1996: 500.000 DM) auf verschiedene soziale Selbsthilfe-Projekte mitberaten und entschieden, sondern sich auch persönlich mit den Zielsetzungen der geförderten Projekte und den Menschen, denen sie gilt, identifizieren können. Dieses Engagement, Solidarität zwischen keine-Not leidenden Menschen und Notleidenden neu zu denken und vorhandene Spendenbereitschaft mit tätiger persönlicher Anteilnahme an ihrer Verwendung zu verbinden, soll mit einer THEODOR-HEUSS-MEDAILLE gewürdigt, ermutigt und zur Nachahmung empfohlen werden.

DöMAK Tauschring Halle und sein Initiator Helmut Becker

Eine THEODOR-HEUSS-MEDAILLE für 1997 wird dem DöMAK Tauschring in Halle an der Saale und seinem Initiator Helmut Becker zuerkannt für ihre, aus der Erfahrung in der Jugendbildungsarbeit in der »Villa Jühling« im Stadtteil Dölau gewachsenen Initiative, durch einen Tausch von Tätigkeiten und/oder Gütern, einen bargeldlosen Kreislauf von Angebot und Nachfrage geldwerter Leistungen in Gang zu bringen. In einer Zeit hoher Arbeitslosigkeit und spürbarer Kürzungen finanzieller Zuwendungen des Staates, ermöglicht die Verwirklichung dieser -aus England stammenden Idee des »Local Exchange Trading Systems« -nicht nur neue kreative Formen der wechselseitigen Selbsthilfe, vor allem schafft sie bei allen Beteiligten Möglichkeiten, brachliegende persönliche Fähigkeiten zu aktivieren und zu entfalten, Ausgrenzungen abzubauen, durch persönliche Kontakte Bestätigung zu ernten und – auch ohne regelmäßiges DM-Einkommen – im solidarischen Austausch mit Anderen, ein selbstbestimmtes, vielseitiges, oft sogar zu neuen Lebenserfahrungen führendes Auskommen zu erzielen. Mit der Zuerkennung einer THEODOR-HEUSS-MEDAILLE soll dieser, unter einer wachsenden Zahl von Tauschringen wohl ältester in Halle -stellvertretend für alle Initiativen, die neue Formen des solidarischen Austauschs von Tätigkeiten und wechselseitiger Hilfe erproben -ermutigt und gefördert werden.

Initiator und "Spiritus Rector« des Berliner Jugendselbsthilfe-Projektverbundes ZUKUNFT BAUEN

Eine THEODOR-HEUSS-MEDAILLE für 1997 wird dem Initiator und »Spiritus Rector« des Berliner Jugendselbsthilfe-Projektverbundes ZUKUNFT BAUEN Dieter Baumhoff und seinen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern zuerkannt für ihr beispielhaftes vielseitiges Aufbauwerk zur Förderung, Betreuung und Qualifizierung sozial benachteiligter und gefährdeter Jugendlicher. Seit Mitte der 80er Jahre – heute in beiden Teilen der Stadt – bieten sie jugendlichen Außenseitern mit zahlreichen Einzelprojekten eine Vielzahl Hilfen zur Selbsthilfe an. Insgesamt werden für etwa 120 benachteiligte und gefährdete junge Menschen – eingebettet in lebenspraktische Hilfen – berufsqualifizierende und berufsausübende Maßnahmen durchgeführt: Sanierung und Neubau von Häusern, in die die Jugendlichen selbst einziehen können, betreute Wohnplätze, Handwerksbetriebe, Selbst-hilfe-und Beratungsstellen, verschiedene Frauenprojekte, Hilfen zur Erziehung von Kindern, zwei Restaurants... Mit ihrem Engagement geben Dieter Baumhoff und sein Team – Im Sinne der Jahresthematik der THEODOR-HEUSS-STIFTUNG: »Solidarität neu denken und gestalten« – konkrete und erfolgreiche Beispiele, wie Solidarität auch unter erschwerten Bedingungen praktiziert werden kann und erlebbar wird. Dieses beispielhafte Engagement soll mit einer THEODOR-HEUSS-MEDAILLE ausgezeichnet, ermutigt und gefördert werden.

Globaler Wettbewerb und sozialer Zusammenhalt – unvereinbar?

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Begrüssung Paul Noack Verehrte Festversammlung, liebe Freunde und Freundinnen der THEODOR-HEUSS-STIFTUNG, es ist mir die Aufgabe übertragen worden, Sie alle im Namen der Stiftung zu begrüßen. Das ist zwar höchst ehrenvoll, erfordert aber eine geradezu schmerzhafte Zurückhaltung der persönlichen Eitelkeit. Denn alles, was ich sagen kann, steht in Gefahr, schon während der vor uns liegenden Preisverleihung zur Doublette zu degenerieren. Wer weiß schon, was alles in anderthalb Stunden viel besser gesagt wird. Um dieser Gefahr zu entgehen, darf ich mich darauf beschränken, den Ehrengästen des Jahres 1997 ein persönliches Willkommen zu entbieten. Daß noch sehr viel von Prominenz hier im Saale ist, haben Sie alle aus der ausliegenden Anwesenheitsliste erfahren. Es versteht sich aber von selbst, daß wir Erwin Teufel, dem Ministerpräsidenten des Landes BadenWürttemberg, unseren freundschaftlichen Gruß ebenso entbieten wie dem Oberbürgermeister der Landeshauptstadt Stuttgart, Wolfgang Schuster. Beiden, dem Land und der Stadt, hat der THEODOR-HEUSS-PREIS viel tätiges Wohlwollen zu verdanken. Herzlichen Dank. Daß ich vor dem Folgenden einen Willkommensgruß an unseren langjährigen stellvertretenden Vorsitzenden, Alt-Oberbürgermeister Rommel, einschiebe, werden Sie hoffentlich nicht als eine Verletzung irgendwelcher geschriebener oder ungeschriebener protokollarischer Regeln interpretieren. Herzlich willkommen. Auf die Worte Lord Dahrendorfs, dessen Frau ich auch hier begrüße, des diesjährigen Preisträgers zur Jahresfrage: »Globaler Wettbewerb und sozialer Zusammenhalt – unvereinbar?« warten wir alle mit Spannung. Mein Willkommen, Lord Dahrendorf, in der Zwischenzeit. Klaus von Dohnanyis Laudatio wird – nehme ich an –, aus dem gleichen Stoff gestrickt sein. Die drei diesjährigen Träger der THEODOR-HEUSS-MEDAILLEN geben mit ihren Aktivitäten eine Antwort darauf, ob es möglich geblieben ist, in einer kälter gewordenen Welt immer noch solidarisch zu handeln. Ich begrüße die Vertreter des Hamburger Spendenparlaments und seinen Initiator Stephan Reimers, des DöMAK-Tauschrings Halle und seinen Initiator Helmut Becker, die jugendselbsthilfeprojekte »ZUKUNFT BAUEN« Berlin und ihren Initiator Dieter Baumhoff. Wir sind, meine Damen und Herren, immer stolz darauf gewesen, daß der THEODOR-HEUSS-PREIS kein Abholpreis ist, den man entgegennimmt, um dann auf Nimmerwiedersehen zu verschwinden. Deshalb darf ich an Stelle der vielen im Saal befindlichen Preis-und Medaillenträger den letztjährigen Preisträger Ignatz Bubis begrüßen und die erste Trägerin, Marion Gräfin Dönhoff. Herzlich willkommen. Und daß man bei uns sogar so etwas wie Karriere machen kann, verehrter Herr Alt-Bundespräsident, zeigen Sie, zeigt das Beispiel Richard von Weizsäckers. Er präsidiert souverän dem Kuratorium unserer Stiftung und wird am Ende dem Fest die echte, rechte Rundung geben. Herzlich Willkommen. Eigentlich muß ich ihn gar nicht begrüßen, er gehört zu uns und das gilt in gleichem Maße, last not least, für die Angehörigen der Familie Heuss, denen wir unsere Identität verdanken, Ihnen allen auch unser Gruß, Sie sind uns lange schon zu Freunden und Freundinnen geworden. Und damit hoffe ich, meiner Begrüßung formgerecht Genüge getan zu haben und gebe nun das Wort an Herrn Oberbürgermeister Schuster. Vielen Dank. » merken Grußwort Oberbürgermeister Wolfgang Schuster Herzlich willkommen in Stuttgart. Ich freue mich, daß ich im Namen der Landeshauptstadt Sie alle begrüßen darf. Für uns ist die Theodor-Heuss-Preisverleihung das wichtigste gesellschaftspolitische Ereignis in Stuttgart und deshalb gilt mein erster Gruß auch Ihnen, verehrte Frau Hamm-Brücher als Vorsitzende und den weiteren Damen und Herren des Vorstandes, wobei ich Sie, verehrter Herr Ministerpräsident persönlich ansprechen möchte, aber auch unsere beiden Ehrenbürger, nämlich Sie, Herr Bundespräsident a.D. Richard von Weizsäcker und Sie, verehrter, lieber Herr Rommel; auch Ihnen ein herzlicher Willkommensgruß. Theodor Heuss ist Ehrenbürger unserer Stadt und bleibt Stuttgart vielfältig verbunden – wobei ich weniger an die große Straßenverbindung denke, die nach ihm benannt ist. Es ist vielmehr sein politisches Vermächtnis, das heute und morgen noch Gültigkeit hat. Die begonnene Arbeit der Bundespräsident Theodor-Heuss-Haus-Stiftung kann dieses Vermächtnis dauerhaft lebendig gestalten und ergänzt damit die verdienstvolle Arbeit der THEODOR-HEUSS-STIFTUNG in unserer Stadt. Was bedeutet Internationalisierung unseres Lebensalltags, die uns begegnet in der Globalisierung der Wirtschaft, der Medien, der Wissenschaft und nicht zuletzt in der wachsenden Internationalität unserer Bevölkerung, gerade in Stuttgart? Was bedeutet die simple Formel »global denken, lokal handeln« für das soziale Miteinander, für das Sichverwurzeln und Verwurzeln können, Identität finden können in einer Kommune? Können sich die Kids von heute, im Ozean des Internets surfend, mit ihrem Staat, mit ihrer Stadt identifizieren? Wie kann ihre Bereitschaft geweckt werden, sich auch für andere zu engagieren, Verantwortung zu übernehmen und sich für unsere Umwelt verantwortlich zu fühlen? Auch wenn wir diese Fragen vor dem Hintergrund eines Wertepluralismus, der häufig Werteindifferenz bedeutet, bewerten müssen, so bin ich als kommunaler Praktiker doch sehr zuversichtlich, wenn wir uns an dem Schlüsselsatz von Theodor Heuss orientieren: »Gemeinden sind wichtiger als der Staat, die Menschen sind wichtiger als die Gemeinde.« In der Tat, je stärker der Trend zur Globalisierung und damit zur Anonymität und Undurchschaubarkeit wird, je eher erleben wir einen Rückzug in das eigene Stadtviertel, die »Renaissance der Nahwelt«. Dabei ist es allerdings wichtig, daß sich der einzelne mit seinen Interessen nicht einspinnt, ein Trend, den amerikanische Soziologen als Cocooning beschreiben. Und deshalb müssen wir Kommunalpolitik und kommunales Verwaltungshandeln neu gestalten, indem wir neue Formen des Miteinanders von bürgerschaftlichem Engagement und kommunaler Dienstleistung finden. Der Weg von der »Staatsgesellschaft zur Bürgergesellschaft«, wie Sie, Lord Dahrendorf, es einmal formulierten, bedeutet, daß Kommune als Gemeinwesen auch Gemeinschaftsaufgabe ist. Um dies bewußt zu machen, gilt es, positive Beispiele herauszustellen, die neue Foren des Miteinanders schaffen. Ich freue mich, daß heute drei Medaillen vergeben werden, für solche innovative Projekte, die für eine Kultur des Helfens und der Solidarität stehen. Ich hoffe im übrigen, daß die Preisträger keine Lizenzgebühren verlangen, da ich in der nächsten Woche die Idee des Spendenparlaments in modifizierter Form in Stuttgart angehen möchte. Wir konnten bereits in den letzten Wochen neue Wege gehen, z. B. auch mit einem neuen Miteinander für eine saubere und vor allem für eine sichere stadt. Wir werden in den nächstenJahren noch viele Projekte angehen müssen, damit aus öffentlicher Dienstleistung und bürgerschaftlichem Engagement im Sinne von Theodor Heuss »Demokratie zur Lebensform« wird. Der französische Schriftsteller Antoine de Saint-Exupery hat einmal geschrieben: »Was ich am meisten verabscheue, ist die traurige Rolle des Zuschauers. Man soll nie zuschauen. Man soll mittun und Verantwortung tragen. Der Mensch ohne mittuende Verantwortung zählt nicht.« Die THEODOR-HEUSS-STIFTUNG bringt mit ihrer Arbeit immer wieder ins Bewußtsein von uns allen: Wir sind nicht zur Rolle des Zuschauers verurteilt. Jeder von uns kann nach seinen Kräften Verantwortung übernehmen und Gemeinwesen mitgestalten. In diesem Sinne wünsche ich den Preisträgern für ihre weitere Arbeit viel Erfolg in der Hoffnung, daß ihr gutes Beispiel ansteckend wirkt. Nochmals Ihnen herzlichen Glückwunsch und ein herzliches Willkommen. » merken Grußwort Ministerpräsident Erwin Teufel Verehrte Frau Hamm-Brücher, verehrter Herr Altbundespräsident Richard von Weizsäcker, verehrter Lord Dahrendorf, liebe Kolleginnen und Kollegen aus dem europäischen Parlament, dem deutschen Bundestag, der Landesregierung von Brandenburg und Baden-Württemberg und dem Landtag von Baden-Württemberg, verehrter Herr Oberbürgermeister, verehrte Familie Heuss, meine sehr verehrten Damen und Herren. Ich möchte Sie alle herzlich grüßen. Im Namen der Landesregierung und persönlich. In der Einführung zum Werk über die großen Deutschen spricht Theodor Heuss von dem Bemühen, wirtschaftliche und technische Kenntnisse in ein System sozialer Gerechtigkeit und kulturgeschichtlicher Verantwortung einzugliedern. Dies sind auch zentrale Anliegen im Werk von Professor Ralf Dahrendorf. Und sie sind angesichts der Fragestellung über der heutigen Veranstaltung »Globaler Wettbewerb und sozialer Zusammenhalt« unvereinbar? aktueller denn je. Ich freue mich sehr darüber, daß der 33. THEODOR-HEUSS-PREIS heute einer Persönlichkeit verliehen wird, die in besonderer Weise mit dem Land Baden-Württemberg verbunden ist. Mit dieser Ehrung wird eine politische und wissenschaftliche Lebensleistung gewürdigt, für die wir großen Respekt empfinden und für die gerade Baden-Württemberg zum Dank verpflichtet ist: Für die herausragenden Leistungen in Forschung und Lehre, die er zwischen 1960 und 1966 an der Universität Tübingen und danach in der Gründungsphase der Universität Konstanz, die er entscheidend mitgeprägt hat, ab 1969 in unserem Land geleistet hat.Er gehört dabei auch zu einer Gründergeneration, die, um einen Ausdruck Karl-Dietrich Brachers aufzunehmen, »Wissenschaft für die Demokratie« als Integrationswissenschaft im Nachkriegsdeutschland jeimisch gemacht hat. Als Berater der Landesregierung in Bildungsfragen zwischen 1964 und 1968 hat Professor Dahrendorf einen Hochschulgesamtplan Baden-Württemberg erarbeitet. Manche Empfehlungen sind noch heute aktuell und gültig und wir versuchen sie gerade anzugehen; beispielsweise ein Kurzstudium. Professor Ralf Dahrendorf war 1968/69 auch Mitglied des Landtags von Baden-Württemberg und er war 1969/70 baden-württembergischer Bundestagsabgeordneter. Noch heute besteht seine Verbindung nach Bonndorf im Schwarzwald und in Holzschlag im Schwarzwald sind einige seiner Bücher entstanden. Ich freue mich auch, daß mit Lord Dahrendorf eine Persönlichkeit geehrt wird, die, ganz im Sinne von Theodor Heuss, nicht dem Zeitgeist folgte, sondern die Zeit mitgeprägt hat. Noch mehr, Ralf Dahrendorf war oft seiner Zeit voraus. Ich bin überzeugt davon, daß Lord Dahrendorf auch dem aktueUen Zeitgeist voraus ist, wenn er sagt, in den jüngsten Tagen, Wirtschaftskulturen blieben geseUschaftlich und regional geprägt. Ich hoffe es. Darin liegt auch eine Chance für unser Land. Ein Leben lang hat Lord Dahrendorf dafür gearbeitet, daß die Worte Demokratie und Freiheit nicht bloß Worte, sondern lebensgestaltende Werte sind, wie Theodor Heuss formuliert hat. Die Freiheit ruht auf drei Säulen, schreibt Ralf Dahrendorf: dem Verfassungsstaat, der Marktwirtschaft und der Bürgergesellschaft, ein Begriff, der auch von ihm geprägt wurde. Ich beglückwünsche Sie, verehrter Lord Dahrendorf, zur heutigen hohen Auszeichnung mit dem THEODOR-HEUSS-PREIS und ich beglückwünsche alle, die heute für ihre bürgerschaftliche Initiative, für ihr Engagement vor Ort, die Theodor-Heuss-Medaillen erhalten. Ich sage den Glückwunsch mit Worten von Theodor Heuss: »Die äußere Freiheit der vielen lebt aus der inneren Freiheit der einzelnen. Die innere Freiheit ist der köstlichste Besitz, den Gott dem Menschen als Möglichkeit geschenkt hat und den als Aufgabe zu begreifen, seine Würde bestimmt.« » merken Laudatio Klaus von Dohnanyi Meine sehr verehrten Damen und Herren, der Herr Ministerpräsident eben, Herr Noack und Herr Oberbürgermeister – guten Tag Herr Oberbürgermeister – Sie haben so protokollarisch perfekt alle Damen und Herren angesprochen, daß ich mich beschränken werde auf, liebe Frau Hamm-Brücher, meine Damen und Herren. Wir sind beisammen, um zum THEODOR-HEUSS-PREIS und zu den THEODOR-HEUSS-MEDAILLEN 1997 zu gratulieren. Ralf Dahrendorf erhält den Preis für seine wissenschaftliche und politische Lebensleistung und anläßlich eines erstaunlichen Berichtes an das britische Oberhaus »On Wealth Creation and Social Cohesion in a Free Society«, auf Deutsch mit meinen Worten: »Über die Schaffung von Wohlstand und gesellschaftlichen Zusammenhalt in Freiheit« . Von Lord Dahrendorf, dem Hamburger aus sozialdemokratischem Hause und einstmaligem freidemokratischen Kollegen in der sozialliberalen Regierung Willy Brandt; heute dem Warden of St. Antony's College, Oxford, weltweit anerkannten Sozialwissenschaftler Deutschlands und Großbritanniens; dem Mitglied des Oberhauses des Vereinigten Königreiches und dem Mitglied der Liberal Democratic Party, von ihm stammt die Beschreibung unserer 80er Jahre als dem »Ende des sozialdemokratischen Zeitalters«. Nachdem ich den Bericht »On Wealth Creation ... « für das britische Oberhaus gelesen habe, lieber Herr Dahrendorf, bin ich mir dessen nicht mehr so sicher. Ralf Dahrendorf ist es als Wissenschaftler und als politischem lntellektuellen und auch auf seinen parteipolitischen Wegen immer wieder gelungen, politische Positionen zu gewinnen, auf denen ihm persönlich eine Verbindung von zunächst unvereinbar scheinenden Parteipositionen möglich wurde. Das hat ihn – so scheint mir – schon angelsächsisch oder britisch gemacht zu Zeiten, zu denen von den Ehren der London School of Economies oder des Oberhauses keine Rede sein konnte. In seinem bereits vor 40 Jahren verfaßten, 1958 im American Journal of Sociology unter dem Titel »Out of Utopia: Toward a Reorientation of Sociological Analysis« veröffentlichten und 1959 mit dem »Journal Fund Award for Learned Publication« preisgekrönten Artikel heißt es: »Der Pfad aus Utopia beginnt mit dem Erkennen der staunenswerten Tatsachen der Erfahrungen und mit dem Anpacken der Probleme, die solche Tatsachen stellen.« So sind Sie stets ein theoretisch fundierter Pragmatiker oder ein pragmatisch denkender Theoretiker gewesen. In der Reith-Lectures, die Sie vor über 20 Jahren im britischen Rundfunk hielten, faßten Sie Ihre Position so zusammen: »Weder gibt es eine einfache Erklärung der komplexen Wirklichkeit, noch eine einzige Antwort auf alle Probleme. Keine Gegenwartsanalyse, kein Zukunftsentwurf kann daher einfach sein... Um der Gefahr zu begegnen und das Entwicklungspotential zu verwirklichen, brauchen wir keine Heilslehre. Wir haben die Waffen, die wir brauchen: unsere Köpfe.« Von Ihrem Kopf haben Sie immer mutig und undogmatisch Gebrauch gemacht. Niemals ohne Hoffnung, aber immer ohne Illusionen -so könnte man den Wissenschaftler und Politiker Ralf Dahrendorf auf einen Nenner bringen. Sehr brauchbar, so scheint mir, für unsere Tage. Meine Damen und Herren, einige Worte zu dem Report, über den Ralf Dahrendorf sicher nachher auch noch berichten wird. Der Report geht offenbar von zwei Erkenntnissen aus, die sonst nicht immer so klar voneinander getrennt werden: Einer säkularen Tendenz der Veränderung der Industriegesellschaften schlechthin einerseits und den sehr unterschiedlichen wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Kulturen derjenigen einzelnen Nationen anderseits, die auf diese Veränderungen reagieren müssen; der Report beschränkt sich daher in seinen Vorschlägen konsequent auf ein Land, nämlich auf Großbritannien. Er unterscheidet zwischen den »neuen Technologien« und der vielzitierten »Globalisierung« , die ja beide erst gemeinsam -was wir oft übersehen die »Revolution in der Produktion« herbeiführen, die von Ihnen mit der Revolution in der Landwirtschaft vor 150 Jahren verglichen wird. Durch diese sprunghafte Entwicklung sieht der Report das Gewebe der Zivilgesellschaft, der wie man sagt civil society, gefährdet. Die wesentlichen Bausteine einer solchen Zivilgesellschaft benennt der Praktiker Dahrendorf im Report mit verständlichen Begriffen: wirtschaftlicher Wohlstand muß sowohl nachhaltig ökologisch als auch nachhaltig sozial erreichbar werden; der gesellschaftliche Zusammenhalt (social cohesion) muß allen Bürgern eine Chance der Teilhabe (inclusion) geben, damit sie sich den Werten und Institutionen der Gesellschaft verbunden (committed) fühlen und auf dieser Grundlage eine stakeholder-(keine nur shareholder!)-Gesellschaft entstehen kann, in der alle die Rechte und pflichten der freien Bürger genießen und übernehmen können. Aus der Sicht unserer deutschen Debatte klingen diese Ziete nicht fremd. Ich glaube sogar, daß alle vier Fraktionen im Deutschen Bundestag sie unterschreiben könnten. Bemerkenswert an dem Report sind jedoch die konkreten institutionellen und politischen Veränderungen, die zur Bewältigung der Probleme vorgeschlagen werden. Um die spezifische Antwort Großbritanniens auf die großen Veränderungen der Globalisierung zu formulieren, zeichnet der Report zunächst die Stärken Großbritanniens: Geringere staatliche Beschränkungen; ein vergleichsweise lockeres Netz von Regulierungen; eine offene Flexibilität in einer Kultur individueller Kreativität. Dies so scheint mir ist eine Beschreibung Großbritanniens, die sich durchaus mit dem Bild deckt, das sich auch uns, dem kontinentalen Beobachter, bietet. Dann aber kommt der Bericht sehr ungeschminkt auch zu den Schwächen, der sozialen Lage Großbritanniens, über die auch wir hier oft diskutieren. Unmißverständlich hält er fest, daß die »Shareholder-Kultur der britischen Institutionen zugleich unverträglich ist mit den Werten des öffentlichen Bereichs«, der public domain, die die Kommission so entscheidend unterstreicht. »In unserer Zeit«, so heißt es weiter, offenbar in kritischer Einschätzung dieser Seite der Thatcher-Reformen, »ist der öffentliche Bereich unter einen wachsenden Druck geraten« und fahrt fort, daß »durch Regierungshandlungen, durch das Überlassen öffentlicher Aufgaben, an Einrichtungen,.die von Geschäftsinteressen dominiert werden und auch durch das Pressen solcher Einrichtungen in Ausformungen des Marktes«, die »Old Corruption«, ich übersetze das, die alte Verderbnis, wie der Bericht sagt, des Frühkapitalismus und die damit verbundenen sozialen Zerstörungen in Großbritannien vieder Raum gewonnen hätten. Die Menschen, so heißt es dann in dem Bericht, sind aber »Stakeholder«und dann zu meinem Erstaunen: »In Deutschland sind die Mitbestimmung der Belegschaften und die Anwesenheit der Banken in den Aufsichtsräten Beispiele einer StakeholderOrientierung der Unternehmen«. »In einigen Fällen brauchen wir höhere Steuern, und wir sollten das klar sagen«, heißt es ebenfalls. Und: »Das Tabu über diese Frage ist nicht akzeptierbar.« Es verwundert dann nicht mehr, unter den Vorschlägen der Kommission auch Zwangsbeiträge zu einem Fonds der Rentenversicherung und für einen Bildungsfond zu finden, die allerdings der Selbstverwaltung unterliegen sollten. Wie weit sind wir da noch von den Körperschaften der Rentenversicherung oder der Berufsbildungsfinanzierung in Deutschland? Meine ausgesprochene Bewunderung, Lord Dahrendorf, gilt dem Bericht also dort, wo er ungeschminkt Wahrheiten nennt, um diese Analyse dann mit einer Perspektive institutioneller Reformen und Veränderungen zu verbinden. Und alle diese Vorschläge der Veränderung dienen letzten Endes einer Stärkung von Eigenverantwortung und zurechenbarer Verantwortung auf allen Ebenen, wenn ich den Bericht richtig verstanden habe. Hier, in der Wiedergewinnung einer größeren Übereinstimmung zwischen der Befugnis zu fordern und zu entscheiden einerseits und dem Tragen und Verantworten der Folgen solcher Forderungen und Entscheidungen andererseits, hier liegt heute die zentrale Reformaufgabe für jede Gesellschaft. Wo im technischen Fortschritt und im Wirbel der Globalisierung an so vielen verschiedenen Stellen so unterschiedliche Antworten gegeben und Reformschritte getan werden müssen, dort kann eine positive Entwicklung nur über eine spürbare Eigenverantwortung gesteuert werden. Man könnte dies auch durch die Umkehrung einer alten Volksweisheit verdeutlichen:Wer anschafft, muß eben auch bezahlen. Nur so kann nämlich der klassische, liberale Gedanke der Selbstbestimmung wieder mit dem Gemeinsinn und mit sozialer Verantwortung verbunden werden. Lord Dahrendorf hat in einem langen Arbeitsleben als Wissenschaftler und als Politiker, als Publizist und Anreger immer wieder versucht, konkret. und pragmatisch den anthropologisch bedingten Widerspruch zu überbrücken, der zwischen der Kreativität individueller Rivalität der Menschen und ihrem gleichzeitigen Bedürfnis nach Menschenwürde in kollektiver Solidarität, entsteht. In unserer Wirklichkeit geht das nie ohne Konflikte. Und auch nicht ohne Umbrüche und Rückschläge. Deswegen, wie Sie an anderer Stelle kürzlich unterstrichen haben, ist es entscheidend, daß wir die demokratischen Grundlagen und Ausprägungen von Staat und Gesellschaft auch losgelöst von allen vorübergehenden wirtschaftlichen Schwankungen schätzen und verteidigen: Denn wer Demokratie und Wohlstand allzu eng miteinander verbindet, der lebt nicht sicher auf demokratischem Grund. Die Freiheit, die der Report in den Mittelpunkt aller Betrachtungen und Vorschläge stellt, diese bürgerliche Freiheit muß deswegen auch im Mittelpunkt aller Reformen sein und bleiben. Hier, in der solidarischen Freiheit, liegt ja auch der wahre Gemeinsinn. Und doch, Lord Dahrendorf, habe ich am Schluß eine Frage: Sie haben stets darauf vertraut, daß sich in der Demokratie der Gemeinsinn immer wieder im Konflikt erneuert. Es heißt schon in dem zitierten Aufsatz »Out of Utopia«: »Nicht das Vorhandensein, sondern das Fehlen von Konflikt ist erstaunlich und anormal. Und wir haben guten Grund zum Verdacht, wenn wir eine Gesellschaft oder Sozialorganisation finden, die allem Anschein nach keine Konflikte aufweist«. Dem ist gewiß zuzustimmen. Aber, meine Damen und Herren, welche Rolle kommt der organisierenden Hand des Staates in einer Welt zu, in der die Konflikte, auch die ökonomischen und sozialen, nun wohl immer häufiger von »außen«, gewissermaßen aus »globalem Raum«, in die Gesellschaft getragen werden? Organisiert sich eine freie »Konfliktgesellschaft« auch in diesem größeren Raum am besten von selbst? Oder brauchen wir nicht nun erst recht einen starken, wenn auch modernen, effizienten, flexiblen und dezentralen nationalen Staat? Natürlich heute auch auf sozusagen regionaler Ebene und zwar auch im Rahmen der EU. Gegenwärtig wird Kontinentaleuropa vom Erfolg des angelsächsischen »Modells« beeindruckt. Dort spielt der Staat gegenüber der Selbstorganisation der GeseUschaft eine geringere RoUe. Die USA und Großbritannien greifen hier auf ihre Geschichte zurück. Wir sehen aber auch die für uns noch immer unannehmbaren sozialen Zerklüftungen beider Länder. Das bisher so erfolgreiche »Deutsche Modell« war aber ein Versuch, durch Eigenverantwortung, Gemeinsinn und einen starken Staat eine dynamische und soziale Gesellschaft zu entwickeln. Die Arbeit als Ware – die Arbeit als Dienst; der Arbeiter als Verkäufer seiner Ware – der Arbeiter als Gemeinschaftsbeteiligter: Dies waren, so glaube ich, die historischen Gegensätze zwischen der Adam Smith-Rezeption im angelsächsischen Bereich und einer deutschen Antwort auf die Probleme der Industriegesellschaft im 19.Jahrhundert, wie sie zum Beispiel Gustav von Schmoller verstand. Entsteht dieser Disput nun von Neuem? Gewiß, im Augenblick bedürfen wir besonders in Deutschland einer Stärkung der Eigenverantwortung und mehr verantworteter, also zurechenbarer Dezentralisation, zum Beispiel auch gerade in unserem Förderalismus. Aber könnte es nicht sein, daß gerade in einer globalen Wirtschaft ein »spürbarer Staat« auch die Voraussetzung für eine intakte »public domain«, für einen Gemeinsinn darstellt, weil im globalisierten Konflikt dieser Gemeinsinn nicht mehr »von selbst« aus dem ·Konflikt in der Gesellschaft selbst destilliert wird? Zeigen nicht heute die USA und das Vereinigte Königreich auch, daß dies ein Problem geworden ist? Ist das nicht im Grunde auch ein Ergebnis des Reports, frage ich Sie?Wenn das aber so wäre: Brauchen wir dann nicht gerade im Prozeß der Globalisierung die Fortentwicklung des Deutschen Modells? Im Sturzbach wissenschaftlicher, technischer, wirtschaftlicher und damit auch sozialer Veränderungen können wir, so meine ich, frei und solidarisch nur mit einer klaren und durchsetzbaren Ordnung überleben. Diese muß flexibel genug sein, um in den Sturmgewässern der Globalisierung zu segeln: Aber eben doch eine Ordnung, ein Ordo sein. Ist das aber so, dann könnte das »Deutsche Modell«, dem Sie wohl zurecht einen im Kern »sozialdemokratischen« Charakter zugeschrieben haben, am Ende doch dem »angelsächsischen Modell« erneut erfolgreich Konkurrenz machen. Und wir wären doch nicht am Ende des »sozialdemokratischen Zeitalters«! Allerdings könnte dies nur sein, wenn wir in Deutschland die institutioneUen Reformen zu mehr Eigenverantwortung akzeptieren und auch wirklich durchsetzen. Und diesen Gedanken der Eigenverantwortung wiederum, treiben heute, jedenfaUs in Deutschland, in erster Linie die Liberalen voran. Vielleicht sind sie es ja wieder, die Liberalen, die den Weg zur Erneuerung bahnen. Sie schrieben in Ihrer Portraitskizze von Theodor Heuss über das 19. Jahrhundert »Liberale waren die ersten Sozialreformer unter den demokratischen Parteien.«. Die Geschichte könnte sich ja wiederholen. Gegenwärtig, so sage ich offen, sieht es fast so aus. Sie sehen, Sie haben uns immer wieder gezeigt, Lord Dahrendorf, daß es sich lohnt, »weiter«-zudenken. Auch der Bericht »On Wealth Creation« regt dazu an. Wir danken Ihnen für das, was Sie uns gesagt und auch für Deutschland in Großbritannien und in Europa getan haben. Der THEODOR-HEUSS-PREIS ist wohlverdient. » merken Begründungen und Verleihung Hildegard Hamm-Brücher Liebe Preisträger, liebe Freunde und Träger sehr geehrten Damen und Herren. Zum 33. Mal versammeln wir uns hier, nicht immer in diesem Raum, aber vor allem mit Ihnen, meine Damen und Herren, die durch Ihre Anwesenheit bekunden, daß Sie an den schwierigen Angelegenheiten unserer »res publica« Anteil nehmen Anteil haben – nicht als Zuschauer, wie vorher gesagt wurde, sondern als Teilnehmer und Teilhaber der Demokratie. So verstehen wir ja auch die Verleihung unseres Preises: nicht als eine zeremonielle, der rauhen Wirklichkeit entrückte Verkündung, sondern als eine Begegnung mündiger Demokraten, die bereit und fähig sind, sich »aus freien Stücken« mit Stärken und Schwächen, mit guten und unguten Entwicklungen unseres Gemeinwesens auseinanderzusetzen. Und dies auch in diesem Jahr, in dem vielen von uns – so brandete es uns entgegen –, nicht unbedingt nach feiern zu Mute ist. So vieles stürmt tagtäglich auf uns ein, verunsichert, ärgert uns, läßt immer mehr Menschen resignieren. Da sind die nicht übersehbaren Folgen der ökonomischen und technologischen Globalisierung und im Gefolge die verheerende Arbeitslosigkeit (Kosten 1996: 159 Mrd., d. h. pro Kopf eines Arbeitslosen 40.000 DM). Da sind die Sorgen um die Zukunftschancen unserer Kinder, der Abbau, oder doch Gefährdung vieler kultureller und dem Gemeinwohl verpflichteter Initiativen. – Und über allem schwebt, wie ein Damoklesschwert, die Angst; daß der bisher gültige, jedoch wegen seiner immensen Kosten unbezahlbar gewordene soziale Gesellschaftsvertrag nicht mehr hält, was er über Jahrzehnte versprochen und auch gehalten hat. Die Ängste des Ausgeliefertseins gehen um. Es sind also soziale Fragen, die ähnlich wie vor 100 Jahren -– Dohnanyi hat es angedeutet –, zu einem entscheidenden POLITIKUM unserer Zeit geworden sind. Wird unsere, auf diesem Gesellschaftsvertrag gründende demokratische Ordnung, sich diesen schockartigen Veränderungen als gewachsen erweisen? Seit der letzten Heuss-Preis-Verleihung vor 12 Monaten stecken wir also inmitten einer beunruhigenden, politischen und sozialen Klimaveränderung in unserem Land und wir mußten uns bei den Überlegungen für die heutige, die 33., gewissenhaft fragen, ob es überhaupt schon Ansätze gibt, wie den neuen Herausforderungen begegnet werden kann, ohne über unsere schmerzhaften sozialen Befindlichkeiten einfach nur weiße Salbe zu schmieren. Deshalb haben wir uns sehr bemüht, Projekte aufzuspüren, in denen, trotz der überall spürbaren Einbrüche in's soziale Netz, sozialer Zusammenhalt und Solidarität praktiziert, erfahren und gelebt werden. Und wir sind fündig geworden! Unter zahlreichen eindrucksvollen Vorschlägen haben wir neben Ralf Dahrendorf, einen unermüdlichen, nun auch bei dieser Herausforderung wieder inspirierenden Vordenker (unser Preisträger des Jahres 1988, Klaus von Dohnanyi hat ihn gerade eben gewürdigt) – drei konkrete Beispiele für praktisches Handeln – also quasi das Thema zum Anfassen ausgewählt. Es sind dies: Das Hamburger Spendenparlament, der Tauschring DöMAK (erkläre ich gleich) in Halle und die Sozialhilfeprojekte »ZUKUNFT BAUEN« in Berlin. Anhand dieser drei Beispiele möchten wir aufzeigen, daß es sehr wohl gelingen kann, vor der Schockerfahrung zunehmender sozialer Entsolidarisierung nicht zu kapitulieren, vielmehr mit neuen Konzepten und Ressourcen gegenzuhalten. Dazu gehört allerdings der Mut, sich nicht allein auf die gewohnten, staatlich geregelten Bahnen finanzieller und administrativer Hilfeleistung zu verlassen, sondern mit innovativer Energie, gepaart mit Fachkompetenz, Realitätssinn und Stehvermögen, neuartige Projekte auch finanziell über Wasser zu halten und über die Runden zu bringen. Da ist also das SPENDENPARLAMENT mit seinen knapp 3000, im doppelten Wortsinn ihre »Talente« einbringenden, stimmberechtigten Mitgliedern (Mindestbeitrag 120,- DM im Jahr), stellvertretend sind neben Herrn Reimers, Verena Niebel und Barbara Tode unter uns. Viermal im Jahr beraten und entscheiden die Mitglieder, manchmal übrigens recht kontrovers, über die Vergabe der eingegangenen Spenden (im ersten Jahr waren es insgesamt etwa 70.000 DM). Was damit bezweckt und bewirkt wird, darüber . wird der Leiter des Diakonischen Werkes in Hamburg, Pastor Stephan Reimers, später berichten. Hier nur unsere Einlassung: Es geht bei diesen und anderen Hamburger Projekten vor allem immer um Hilfe zur Selbsthilfe für Bettler, für Obdachlose, sogenannte Asoziale, Drogenabhängige, die in den prächtigen Einkaufspassagen unserer Großstädte unübersehbar geworden sind und oft als sogenannte »häßliche« Arme bezeichnet werden, und für die wir, Hand aufs Herz, weniger freudig spenden, als für hungernde oder behinderte Kinder, für Opfer von Kriegen und Gewalt. In Hamburg gibt es, z. B. etwa 6.000 Obdachlose, 150.000 Sozialhilfeempfanger, fast 90.000 Arbeitslose. Da helfen dann »milde Gaben« wenig. Deshalb versuchen es Pastor Stephan Reimers und seine engagierten Weggefährten anders! Ihre Losung heißt: Hilfe und Beistand zur Selbsthilfe! Das erste Projekt dieser Art war die wöchentliche Obdachlosen-Zeitung »Hinz & Kunzt« – das »t« hat mit Kunst zu tun –, heute mit einer Auflage von 120.000 und 1.400 ausgewiesenen Verkäufern, die an jedem verkauften Exemplar 1,- DM verdienen. Über 100 dieser Mitarbeiter schafften den Ausstieg, 14 feste Arbeitsplätze wurden im Projekt geschaffen und aus dem Erlös zusätzliche Wohnmöglichkeiten außerdem. Aber es genügte nicht! Weitere Projekte, wie die Hamburger Tafel und die Einrichtung sogenannter Kirchen-Katen auf Kirchengrundstücken folgten. O-Ton Reimers: »Wir wenigen hauptberuflichen Sozialarbeiter könnten das alles mit Spenden alleine nicht schaffen, wenn sich nicht auch möglichst viele hilfs-und spendenbereite Menschen (Christen und Nichtchristen) als Beteiligte einbringen.« Reimers nennt das »soziale Erwärmung« durch wechselseitiges Beteiligtsein, sowohl seitens der Gebenden, als auch übergreifend auf die Empfänger, die der Hilfe zur Selbsthilfe bedürfen. Das leistet mehr und etwas anderes als alle Almosen. Es könnte ein Baustein für einen neuen Gesellschaftsvertrag werden, der sich nicht allein auf gesetzliche Ansprüche gründet, vielmehr durch neue Formen wechselseitiger Partizipation, und daraus erwachsender Solidarität wirksam wird. Dieser Einsatz ist es, meine Damen und Herren, den wir heute mit einer THEODOR-HEUSS-MEDAILLE auszeichnen, für den wir danken und zu dem wir weiter ermutigen möchten. Auch der DöMAK Tauschring in Halle (inzwischen habe ich festgestellt, gibt es etwa 80 ähnliche Projekte in der Bundesrepublik) ist nicht als ein fertiges Muster-Projekt vom Himmel gefallen, sondern hat eine wechselvolle Vorgeschichte, über die sein Initiator jugendpfarrer Helmut Becker, der mit zwei bewährten Helfern – ehemaligen Zivis – zu uns gekommen ist, nachher berichten wird. Hier kann die Tauschring-Idee nicht bis zu ihren Wurzeln zurückverfolgt, nur anhand der Hallensischen Praxis kurz beschrieben werden: Da ist eine evangelische Jugendbildungsstätte, beheimatet in der »Villa jühling« in Halle-Dölau mit Wohn-, Tagungs- und Freizeitmöglichkeiten. Und da gibt es viele Jugendliche, die sich dort gerne aufhalten. Alle sind ziemlich mittel- und arbeitslos. Helmut Becker bietet ihnen Mitarbeit in Haus, Garten und Verwaltung an und offeriert verrechnet auf einem Vereinskonto – Bezahlung in sogenannter DöMAK-Währung (Dölauer Mitarbeiter Kredit): z. B. freie und verbilligte Schlafplätze, die Benutzung des Heimbusses, die Veranstaltung von Parties, die Beteiligung an Fortbildungsveranstaltungen usw. Nach und nach wurden auch außenstehende Interessenten in den Tausch-Kreislauf von Arbeitsleistungen und Waren auf DÖMAK-Verrechnungsbasis einbezogen; erst jüngst auch ein Theater, ein Cafe und Läden. – Regelmäßig veröffentlichte »Marktangebote« informieren über neue Erwerbs- und Verdienstmöglichkeiten, über soziale und kulturelle Tauschangebote. Auf diesem Wege werden nicht nur Interessen und Fähigkeiten aktiviert und nutzbar gemacht, die Tauschringaktivitäten -und das finde ich besonders wichtig eröffnen den Teilhabern Wege aus ihrer Isolierung, sie ermöglichen neue soziale Kontakte, verschaffen Anerkennung und neue Perspektiven. Durch die Zuerkennung einer THEODOR-HEUSS-MEDAILLE soll dieses Projekt, das bereits von der Robert-Bosch-Stiftung finanziell gefördert wird, nun auch von uns unterstützt und ermutigt werden. Der kleine Kreis unserer diesjährigen Heuss-Medaillen-Empfänger schließt sich mit einem Berliner Jugendselbsthilfeprojekt, das den verheißungsvollen Namen »ZUKUNFT BAUEN« trägt. Spiritus rector, Motor und, wie man in Berlin sagt, die Seele »von's Janze« ist der ehemalige Sozialarbeiter Dieter Baumhoff, der zusammen mit seiner Lebensgefährtin Heidi Depil aus seinem ersten Reformprojekt für junge berufs- bzw. arbeitslose Jugendliche vor bald 15 Jahren, es hieß damals »Leben lernen«, weitere Jugendselbsthilfeprojekte entwickelt und sie schließlich zusammen mit engagierten Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern 1986 im Verein ZUKUNFT BAUEN zusammengefaßt hat. Bei allen Projekten geht es um junge Menschen, die zumeist in Heimen aufgewachsen, in der Gesellschaft »unbehaust«, nicht Fuß fassen. Mit solchen Jugendlichen, derzeit über hundert, werden – jetzt vor allem in Ost-Berlin – abbruchreife Häuser und Wohnungen renoviert. Die Jugendlichen, die dabei eine handwerkliche Ausbildung erhalten, erfahren zudem Beratung und Begleitung, erhalten Freizeitangebote und können zu guter Letzt In die selbst hergerichteten Wohnungen preiswert einziehen. Mittlerweile ist auch ein Haus für junge Mütter, verbunden mit einer Kindertagesstätte und einem Restaurant, renoviert worden, damit die Bewohnerinnen in der Nähe ihrer Kinder auch arbeiten können. Vielleicht erscheinen die Baumhoff'schen Konzepte und Projekte auf den ersten Blick nicht außergewöhnlich, sie sind es aber, sobald man sie in Augenschein nimmt; ja sie sind durch ihren ganzheitlichen Ansatz geradezu bahnbrechend: Sie verbinden nämlich Angebote zu begleiteter Jugendselbsthilfe mit Wirtschaftlichkeit und schaffen auch noch dringend benötigten Wohnraum. Und wenn man Dieter Baumhoff fragt, was er sich wünscht und woran es ihm fehlt, sagt er nicht: »am Geld«, vielleicht sagt er das auch, aber er sagt, es fehlt vor allem »daß ich mich immer so verbiegen muß, um den unterschiedlichen administrativen Reglementierungen entsprechen zu können« , und er wünscht sich nichts mehr, als daß die Zuständigkeiten für sein Konzept »ZUKUNFT BAUEN«, das ja sozusagen »aus einem Guß« ist, administrativ total auf Ämter und Behörden zersplittert, endlich auch ganzheitlich gefördert und verwaltet werden kann. Das wünschen wir ihm auch, meine Damen und Herren und all denen, die sich gleich ihm neben ihrem bewundernswerten Engagement noch mit vielerlei behebbaren bürokratischen Ärgernissen herumschlagen müssen. Mit diesem Wunsch verbinden wir unseren tiefen Dank und die Zuerkennung einer THEODOR HEUSS-MEDAILLE. M eine sehr geehrten Damen und Herren, gibt es nach der Begründung für die Auswahl unserer diesjährigen THEODOR-HEUSS-MEDAILLEN-Empfanger so etwas wie ein zusammenfassendes Schlußwort? Ich will es versuchen: Angesichts der Tatsache, daß es die Politik derzeit offenkundig nicht mehr ausreichend schafft, unsere wirtschaftlichen und sozialen Probleme – wie man sagt – »in den Griff« zu bekommen, wodurch unser demokratisches Immunsystem samt seiner politischen Vitalität beeinträchtigt wird, kommt es unserer Überzeugung nach entscheidend darauf an, die gesellschaftlichen Kräfte zu entdecken und zu unterstützen, die willens und fähig sind, zur Überwindung des Formtiefs beizutragen und unsere sozial-politische Vitalität zu erneuern. Das sind Leistungen, die sich wirklich lohnen. Und ich meine, daß wir in diesem Sinne auch das Sozialwort der Kirchen beherzigen sollten und nicht »totloben«, wie Bischof Lehmann neulich kummervoll gesagt hat! Denn unsere auseinanderdriftende Gesellschaft braucht Solidarität, andernfalls wird sie nicht nur materiell sondern auch geistig und moralisch verarmen. Das ist die Botschaft, die wir heute, verbunden mit unserem Dank an unsere diesjährigen Preisträger, an Sie – an uns alle – weitergeben möchten. » merken Gedanken zum Jahresthema Lord Ralf Dahrendorf Meine sehr verehrten Damen und Herren, dies ist für mich – ich will es rundheraus sagen – ein großer und schöner Tag. In den erlauchten Kreis der Theodor-Heuss-Preisträger aufgenommen zu werden, macht mich dankbar und demütig. Vor allem aber beruhrt mich, daß so viele Freunde, liebe Freunde, verehrte Freunde, an der Preisverleihung beteiligt und heute hier anwesend sind. Darunter mein Preisvorgänger, der hochgeschätzte Stadtrat Ignatz Bubis. Sie wollen, daß ich etwas zum Thema, zur Sache sage. »Sind globaler Wettbewerb und sozialer Zusammenhalt unvereinbar?« Auch diese Ungeduld, zur Sache zu kommen, kennzeichnet unsere Gastgeberin Hildegard Hamm-Brucher. Ich kann dennoch nicht umhin, ihr zunächst eine Liebeserklärung zu machen: Wie sie den Charme der großen Dame mit der Widerborstigkeit der unbezähmbaren Fundamental-Liberalen verbindet, ist ja ganz ungewöhnlich. Theodor Heuss hätte das schöner gesagt. Als der Bundespräsident sich 1959 von der Bevölkerung verabschiedete, verwies er in seiner Rede auf das damals noch freundliche Gewässer seiner Kindheit, den Neckar, und bemerkte, »daß ich selber auch nie reguliert wurde, sondern nur in dem Wechsel der Sachlagen, der Aufgaben, sei es drinnen, sei es draußen, mir die innere Freiheit nie rauben ließ«. So hat auch Hildegard Hamm-Brücher jeder Regulierung widerstanden. Zu Klaus von Dohnanyi möchte ich vieles sagen, das ich in das eine Wort fassen will: Dankeschön, lieber Freund! Die Frage nach der Rolle des Staates in unserer Welt heute werde ich nicht beantworten, sondern eher ein paar Fußnoten anbieten zu seiner Darstellung, die ich am liebsten so stehenlassen würde, weil sie so viel klarer ist, als irgend etwas, was ich selbst bieten kann. Ich bin ja im Unterschied zu vielen hier und trotz gewisser Exkursionen ins praktische Leben eigentlich kein Mann der Tat, sondern einer des Wortes, ein Intellektueller. Zu Recht spricht die Preisbegrundung bei meinen Beiträgen von der Einsicht in politische Probleme, nicht von deren Bewältigung. Intellektuelle reden und schreiben. Sie tun dies antizyklisch, wenngleich im demokratischen Gemeinwesen nicht azyklisch. Sie gehören also dem Kreis der Tonangebenden an, singen aber nicht das Lied der jeweils Mächtigen. Manchmal sind sie ihrer Zeit beunruhigend weit voraus, manchmal rufen sie unwillkommene Merkposten aus der Vergangenheit in Erinnerung. Das ist ein Geschäft von herbem Reiz, das ich nun schon seit fünf Jahrzehnten betreibe. Wenn ich die unmittelbare Nachkriegszeit einmal beiseite lasse und das Jahresthema fest im Blick behalte, dann zerfallen diese fünf Jahrzehnte für uns im Westen in zwei etwa gleich lange Perioden: Die erste war vom Wirtschaftswunder geprägt; da fehlte es von der Koreakrise bis zum Konjunkturtal der Mitte der 60er Jahre nicht an Schwankungen, aber im großen und ganzen gewöhnten wir uns daran, Wirtschaftswachstum als konstanten Hintergrund anzunehmen. Prozyklisch war es, mit Konrad Adenauer »keine Experimente« zu erlauben oder auch mit Herrn Macmillan zu sagen, »You've never had it so good«, »Noch nie ist es euch so gut gegangen«. Mit beiden Parolen sind bekanntlich Wahlen gewonnen worden. Wir Antizyklischen kämpfen indes um andere Werte. Wir gingen auf die Straße in der Spiegel-Affäre, wir halfen Hildegard Hamm-Brücher in ihrem erinnernswerten bayerischen Landtagswahlkampfvon 1962, in dem die Wähler das Urteil der Partei der Kandidatin revidieren mußten. Wir wollten Reformen: »Nach dem Ausbau der Umbau!« war eine Parole, »Mehr Arbeiterkinder an die Universitäten«, überhaupt »Bildung ist Bürgerrecht«, »Ein Machtwechsel ist nötig!« »Mehr Demokratie wagen!« – allerdings in Institutionen – da lag die Scheidelinie zwischen mir und Rudi Dutschke, auf jenem Übertragungswagen vor der Freiburger Stadthalle im Januar 1968, wo er die Fachidioten der Politik anprangerte und ich ihm die Fachidioten des Protestes entgegenhielt. Vielleicht markiert in Deutschland die Bundestagswahl von 1972 den Höhe- und Endpunkt dieser Entwicklung. Die 70er Jahre waren zugleich eine Wasserscheide. Auf einmal wurde die als so stabil und verläßlich angenommene Wirtschaft selbst zum Problem. Wirtschaftswachstum hat Nebenwirkungen, ökologische zum Beispiel. Es gibt vielleicht sogar Grenzen des Wachstums. Ölpreise können plötzlich steigen und damit vieles aus dem Gleichgewicht bringen. Die Konvertibilität der Ankerwährung der Nachkriegszeit, des US-Dollar, ist nicht naturgegeben die Konvertibilität in Gold, so daß plötzlich alles fließt oder zumindest »floated«. Neue Akteure betreten den Weltmarkt. Die Vollbeschäftigung, auf der der Wohlfahrtsstaat übrigens beruhte, wird fragwürdig. Anpassungsprozesse sind nötig – nur, wer will ihre Mühen auf sich nehmen? Auf dem europäischen Kontinent zunächst nur wenige. In Großbritannien aber kam 1979 Margaret Thatcher zur Macht, im gleichen Jahr wurde Ronald Reagan in den USA zum Präsidenten gewählt. In beiden Ländern -und vorsichtiger auch andernorts -begann mit dem Rückzug des Staates und der Lockerung vieler Regelungen eine schmerzhafte Umstrukturierung der Wirschaft. Es begann übrigens auch jene Auseinanderenlvicklung von Ost und West, die eine der Ursachen der Revolution von 1989 war. Ein Wort muß ich zu diesem Jahr 1989, jenem herrlichen Triumph der Freiheit sagen. Natürlich gab und gibt es Enttäuschungen -sie waren übrigens zum Teil vorhersehbar; aber in der offenen Gesellschaft lassen sie sich bewältigen. Es tut mir weh, daß George Source, mit dem mich vieles verbindet und der manches dazu beigetragen hat, den neuen Demokratien auf den Weg durch das Tal der Tränen zu helfen, jetzt schreibt, der Kapitalismus sei an die Stelle des Kommunismus als Feind der offenen Gesellschaft getreten: Der Witz der offenen Gesellschaft ist es doch gerade, daß es nicht mehr ein System gibt, auch nicht einen Kapitalismus, was immer die ökonomischen Lehrbücher und die Chicago Boys in den Regierungen osteuropäischer, südeuropäischer, lateinamerikanischer Länder sagen mögen. Es gibt zahlreiche Kapitalismen, angelsächsische und rheinische, südostasiatische und japanische darunter. In der offenen Gesellschaft führen zwar nicht alle, aber doch viele Wege nach Rom, also zum erstrebten Ziel größerer Lebenschancen für alle. Allerdings werden Kraft und Phantasie verlangt, um einen dieser Wege zu beschreiten. Denn die Aufgaben sind schwieriger geworden, als sie ein Vierteljahrhundert nach 1948 waren. Sie sind nicht weniger als eine Quadratur des Kreises. Eine solche läßt sich bekanntlich immer nur annäherungsweise erreichen. Es geht darum, dreierlei zur gleichen Zeit zu tun:wirtschaftliche Wettbewerbsfähigkeit in den rauhen Winden des WeItmarktes zu stärken, den Zusammenhalt von Bürgergesellschaft in Solidarität und Gemeinverantwortung zu pflegen, keine Abstriche von der politischen Freiheit zu erlauben. Viele glauben, daß sich je zwei dieser Ziele erreichen lassen, nicht aber alle drei: Wettbewerb und Freiheit würden in Amerika mit sozialer Solidarität bezahlt. Sozialstaat und Freiheit gingen in Deutschland auf Kosten der Wettbewerbsfähigkeit. Wettbewerb und Zusammenhalt bedeuteten in Singapur den Verzicht auf Freiheitsrechte. Ich teile solchen Pessimismus nicht. Darum der englische Bericht, von dem hier die Rede war, darum vorher schon mein Beitrag zur Kopenhagener UN-Konferenz über Sozialentwicklung, der in Italien sogar zum Bestseller wurde. Italien kommt übrigens mit seiner freien Bürgergesellschaft, die den Zusammenhalt von Familien und Gemeinden mit tränenloser Anpassungsfähigkeit verbindet, der Quadratur des Kreises sehr nahe. Deutschland findet die Abkehr vom Komfort vertrauter Strukturen schwieriger. Stimmt das überhaupt mit dem globalen Wettbewerb, der zu schmerzhaften Anpassungen zwingt? Globalisierung ist weder eine Naturgewalt, noch darf sie als Alibi für allerlei durchsichtige Interessen herhalten. Doch gibt es tiefgreifende Wandlungen der Weltwirtschaft mit Folgen für Güterproduktion wie für Dienstleistungen. Diese haben etwas mit der Internationalisierung der Finanzmärkte und davor noch mit der Informationsrevolution zu tun. Vor allem aber sind die technischen Entwicklungen in eine Umbruchzeit gefallen, das Ende des Kalten Krieges und eine jener merkwürdigen Springfluten der Hoffnung, die die Menschheit zuweilen überkommen. Vor allem bisher unterentwickelte Länder, darunter die menschenreichen Nationen Asiens, fühlten sich ermutigt zu einer Entwicklung, die die Internationalisierung des Wettbewerbs zur greifbaren Realität gemacht hat. Darum sind in den OECD-Ländem, die nicht ins Brackwasser der Weltwirtschaft abgetrieben werden wollen, Strukturwandlungen unumgänglich. Wie lassen diese sich zustandebringen, ohne den sozialen Zusammenhalt zu zerstören? Nun, statt fünf Stunden der Vorlesung fünf Sätze zur Beantwortung dieser Frage: 1. Wirtschaftliche Unternehmen haben nicht nur unmittelbar materiell interessierte Aktionäre, sondern es gibt viele, die an ihrem Überleben hängen und die nicht in der Lage sind, ihre Aktien zu verkaufen; sie haben stake holder, das bleibt wichtig. 2. Der Sozialstaat kann dort, wo er zum Selbst bedienungsladen der ohnehin besser verdienenden geworden ist, einzelnen mehr Verantwortung zumuten, muß aber am sozialen Grundvertrag, auch am Generationenvertrag, festhalten. 3. Die Stärke der Gemein den ist ein Kernstück des sozialen Zusammenhalts in Deutschland; sie darf weder durch zentralistische Tendenzen ausgehöhlt, noch durch verfehlte Anpassungsmaßnahmen wirtschaftlich geschwächt werden. 4. Eigeninitiative der Bügerschaft, der ganze mißlich benannte, aber allwichtige freiwillige oder dritte Sektor, verdient Unterstützung und Anerkennung. Die THEODOR-HEUSS-MEDAILLEN dieses Jahres geben einmal mehr das richtige Signal. Und, 5. sind da die Fragen, vor denen viele zurückschrecken, nämlich die der Ausgeschlossenen, der Arbeitslosen, der Armen, der Ausländer, der Asylanten, ohne deren Einschluß unsere Gesellschaft das moralische Recht verwirkt, sich zivilisiert zu nennen. Demokratie und Rechtsstaat sind in Deutschland nicht gefährdeter als anderswo in der freien Welt. Überall wächst jedoch angesichts der neuen Aufgaben die Versuchung des Autoritarismus. Das Schweigen der Bürger ist kein Zeichen der Stabilität. Auch verordneter sozialer Zusammenhalt ist übrigens nicht von Dauer. Leider sind Tendenzen der Zentralisierung nicht nur aus der Perspektive von Bürgermeistern unverkennbar. Sogar die Reform des Sozialstaats verlockt manchen zu Formen der Zwangsarbeit. Ganz zu schweigen von der neuen Härte im Umgang mit Recht und Ordnung. Die Verteidigung der Freiheit gegen autoritäre Anfechtungen könnte noch zum sch,vierigsten Element der Quadratur des Kreises werden. Manchmal, meine sehr verehrten Damen und Herren, habe ich das Gefühl, daß die Zukunft der Arbeit der Schlüssel zur Lösung der neuen Aufgaben ist. Was hält eine freie und reiche Gesellschaft zusammen, in der Berufe auf Lebenszeit völlig von variablen teils bezahlten, teils unbezahlten Tätigkeiten abgelöst werden? Wer auf solche Fragen eine Antwort erhofft, darf sie allerdings nicht in dieser Preisrede erwarten; sie ist mein Thema für das nächste Jahrzehnt. Der Preis, der mir heute zuerkannt worden ist, ermutigt mich, an diese Aufgabe heranzugehen. Auch dafür bin ich sehr dankbar. » merken Berichte der Medaillenempfänger über ihre Arbeit Stephan Reimers Liebe Frau Hamm-Brücher, verehrte Damen und Herren, für die ehrenvolle Auszeichnung durch eine THEODOR-HEUSS-MEDAILLE sage ich im Namen des Hamburger Spendenparlaments von Herzen Dank. Wir freuen uns über das bisher erreichte und sind auch ein wenig stolz darauf, nur ein Jahr nach der ersten Arbeitssitzung bereits 1 Million DM Spendengelder zusammengebracht zu haben. Nicht nur, daß sich die Spenden aus vielen vielen Einzelbeiträgen von 120,- DM zusammensetzen, auch die demokratische Vergabe der Gelder und die Adressaten sind bemerkenswert. Für obdachlose, alkoholabhängige, alte und isolierte Menschen Geld zu sammeln, ist sehr schwer. Wenn im sozialen Bereich gespendet wird, dann gehen die Gelder an die Behinderten- und Kinderprojekte denken Sie an Ihre eigene Praxis. Das Hamburger Spendenparlament hat es erreicht, Geld in diesen Bereich der »häßlichen Armut« zu lenken, die oft als selbstverschuldet und von Sponsoren als imageschädigend empfunden wird. 55 Projekte, die in diesem schwierigen und für Spenden eher ausgegrenzten Feld arbeiten, sind im ersten Arbeitsjahr des Spendenparlaments unterstützt worden. Daß wir in so kurzer Zeit mehr als 2.700 Hamburgerinnen und Hamburger für Mitgliedschaft und Mitarbeit gewinnen konnten, ist nicht ohne ein anderes Phänomen zu erklären: Es ist schon genannt worden Hinz & Kunzt, die vom Diakonischen Werk gegründete Obdachlosenzeitung der Stadt. Seit über drei Jahren ist sie mit einer durchschnittlichen Auflage von 120.000 Exemplaren die größte Monatszeitung der Stadt. Zusammen mit einer Selbsthilfegruppe von Obdachlosen haben wir diese Zeitung entwickelt. Das war ein merkwürdiges Gefühl damals, wenn nach den ersten Projektsitzungen die Obdachlosen wieder auf die Platte gingen und wir in unsere geheizten Wohnungen. Da ist ein anderes Gefühl entstanden, als Mitleid: Respekt. Denn die obdachlosen Hinz & Künztler haben sich auf der Platte durchaus organisiert und kamen pünktlich zu den Besprechungen. Für alle, die dabei waren hat das Thema »Winter« oder auch nur »Regen« eine andere Bedeutung gewonnen, ganz zu schweigen von dem Wort »heimatlos«. Und dieses Gefühl von Respekt hat sich in der Stadt ausgebreitet. Mit dem Kauf der Zeitungen konnten Menschen sich ansehen, die vorher geflissentlich aneinander vorbeigesehen hatten. Aus dem Wegsehen ist ein interessiertes Nachfragen geworden – gerade zwischen den Stammkunden und ihren Verkäufern. Menschlichkeit und Humor werden gegenseitig entdeckt. Um nur zwei Beispiele zu nennen: die Präsidentin unserer Kunsthochschule erzählte mir eines Tages: »Hinz & Kunzt hat aber schlagfertige Verkäufer. Ich sag' zu dem einen, ich hab' schon eine Hinz & Kunzt. Da sieht er mich an und fragt: ,so, was steht denn drin?'« Und eine andere Frau erzählte mir: »ich merkte, als ich bezahlte, daß ich nun mein letztes Geld ausgegeben hatte, mit dem ich mir einen Kaffee kaufen wollte. Als ich das dem Verkäufer sagte, sagte der, »wieso, macht doch nichts, dann lad' ich Sie eben ein«. Beziehungen konnten sich verändern. Viele engagierte Hinz & Kunzt-Leserinnen und Leser haben mich immer wieder gefragt, »Wie können wir noch mehr gegen Obdachlosigkeit tun, als diese schöne, lobenswerte Zeitung zu kaufen?« Und aus solchen Fragen ist das Hamburger Spendenparlament entstanden und viele der Leserinnen und Leser der Zeitung wurden Mitglied im Parlament. Zu unseren Sitzungen kommen im Durchschnitt 500 Mitglieder. Die Universität hat uns für die Sitzung das Auditorium Maximum kostenlos zur Verfügung gestellt. Und es geht dort sehr munter zu. Was besonders erfreulich ist: Es ist eine Bühne für soziale Projekte entstanden. Projekte, die bisher nur in der Abgeschiedenheit eines Stadtteiles, einer Straße existierten, werden nun von der ganzen Stadt wahrgenommen. Denn jede Sitzung wird von einem starken Presseaufgebot begleitet; der NDR überträgt live auf der Hamburg-Welle aus diesen Sitzungen. Und es ist schön, zu spüren, welche Wärmewellen aus dem Auditorium den Vertretern der Projekte zuströmen, wenn sie von ihrer Arbeit berichten. Daraus entsteht häufig eine Konfliktlage zwischen der vorpcüfenden Finanzkommission und dem Plenum. Denn viele Parlamentarier empfinden die Vorschläge der Finanzkommission in der Regel als zu geizig und möchten den tollen Projekten, die sie kennenlernen, mehr Geld bewilligen. Die heutige Auszeichnung wird gewiß dazu beitragen, diesen neuen vielversprechenden Weg der Spendensammlung und -vergabe für Armutsprojekte in-und außerhalb Hamburgs bekannter zu machen und zu verbreiten. Dafür sage ich herzlichen Dank! Helmut Hecker Sehr geehrte Frau Hamm-Brücher, sehr geehrte Damen und Herm, ich möchte mich für die Verleihung der THEODOR-HEUSS-MEDAILLE sehr herzlich bedanken. Sie ist für uns eine Ermutigung zur rechten Zeit. Nach fünfjähriger Tätigkeit für die Umsetzung der Idee eines gerechten Ressourcenaustausches tritt uns heftiger Widerstand aus dem System der verfestigten Besitzstandswahrung entgegen. Das ist unser Problem. Ein wichtiger Bestandteil eines funktionierenden Tauschringes, von denen es mittlerweile über 100 in Deutschland gibt, ist der gegenseitige Austausch von Begabungen und Fähigkeiten; dazu gehören gerade auch handwerkliche Talente. Der Austausch dieser Fähigkeiten soll uns jetzt weitgehend untersagt werden. Zwei unserer Mitglieder in Halle wurden durch die Initiative der örtlichen Handwerkskammer wegen unlauteren Wettbewerbs mit Mahngebühren und hohen Strafandrohungen bedacht. Unser Widerspruch vor Gericht wurde abgelehnt und der Tauschring, der ja gerade kein Geld hat, muß nun unseren Mitgliedern helfen, die Gerichtskosten des Verfahrens zu bezahlen. Das Preisgeld wird uns dabei helfen. Ein weiteres Problem ist die steuerrechtliche Behandlung von Tauschvorgängen im geldlosen Ring. Die steuerrechtliche Bemessung soll nach dem geldwerten Vorteil erfolgen. Nach der bisherigen Ankündigung der Handhabung soll aber gerade dies nicht erfolgen. Erstens wird fälschlicher Weise angenommen, daß ein Guthaben im Tauschring einem DM-Guthaben vergleichbar ist; das ist aber nicht der Fall. Ein geldwerter Vorteiltrill nämlich erst dann ein, wenn eine geeignete Gegenleistung im Tauschring in Anspruch genommen werden kann. Wer für eine Leistung DöMAK erhält, gibt eigentlich einen Kredit auf Vertrauen, nicht auf Sicherheit hin. Er vertraut darauf, daß der Ring zu gegebener Zeit auch ihm helfen kann. Dieses Vertrauen wird bestraft, wenn er für Vorleistungen steuerlich bezahlen muß. Ein drittes Problem ergibt sich im Bereich unseres Sozialsystems. Wenn die Leistungen im Tauschring – wie oben beschrieben – eingeordnet werden, können gerade die, die durch Arbeitslosigkeit in materielle Armut geraten sind, die Vorteile des Tauschringes nicht genießen. Von ihrer Sozialhilfe oder dem Arbeitslosengeld würde genau das abgezogen werden, was sie sich zuvor im Tauschring erarbeitet haben. Die Botschaft an diese Menschen lautet also, »Selbsthilfe auf Gegenseitigkeit lohnt sich nicht«. Der Gesetzgeber ist an dieser Stelle gefragt, uns zu helfen und er ist gefordert. Die staatlichen Kassen – so meine ich – und auch das deutsche Handwerk, sind sicherlich nicht durch die Ausbreitung von Tauschringen bedroht. Eher könnte ihre Beteiligung an den Tausch ringen dem Handwerk und dem Gemeinwesen nützlich sein. Die Idee eines anderen Geldwesens, die unserem Tauschring zugrunde liegt, könnte ganz neue Wege zur sozialen Gerechtigkeit zeigen. Tauschringe wie der unsere sind Experimente eines gerechten Austausches durch Entwicklung regionaler Märkte mit einem von der Landeswährung unabhängigen Tauschmittel. Dennoch werden Tauschringe in ihrer gegenwärtigen Gestalt kaum erfüllen können, was man sich von ihnen verspricht. Die Zahl der Mitglieder und die Tauschgüter müssen so erweitert werden, daß ein spürbarer Anteil des Lebensunterhaltes in ihnen bestritten werden kann. Dazu wird es erforderlich sein, daß eine Verbindung zwischen Stadt und Land wiederhergestellt wird. Wir brauchen die Beteiligung von Kommunen, Kirchen, kleinen örtlichen Unternehmen und sozialen Einrichtungen. Erst mit ihnen ist der notwendige experimentelle Rahmen gegeben, um regionale Ressourcen wirksam zu erschließen. Verrechnungssysteme wie die DöMAK können vielen Menschen, die unter den gegenwärtigen und zukünftigen Bedingungen keine Chance auf Erwerbsarbeit haben, sinnstiftende soziale Bezüge und Zukunft bieten. Wir sehen in dem, was wir betreiben, eine Chance, die unaufhaltsame Entwicklung zum globalen Markt und zur Auflösung der Volkswirtschaften mit den regionalen Bedürfnissen und den lebensdienenden Funktionen menschlicher Arbeit zu versöhnen. Wir brauchen dabei Ermutigung, Beratung und Ihre Unterstützung. Ich danke für Ihre Aufmerksamkeit! Dieter Baumhoff Meine sehr verehrten Damen und Herren, namens- und stellvertretend für meinen Verein ZUKUNFT BAUEN nehme ich mit Dank die Ehrung der THEODOR-HEUSS-STIITUNG hier entgegen. Unter den Stichworten: Selbsthilfemöglichkeiten junger Menschen praktisch fördern, marktnahe Berufsqualifizierung sichern, preiswerte Wohungen bauen und vermitteln,·ganzheitlich Denken und sozial Handeln und Solidarität praktizieren, wurde unser Verein für sein nun 15jähriges Engagement in Berlin gewürdigt. Der Beginn war ein kleines Altbausanierungs-Projekt für eine Gruppe von jugendlichen Outdrops der Gesellschaft; Schulabbrecherinnen, Trebegänger und mit dem Gesetz in Konflikt geratene junge Menschen, die sich durch eigene Bautätigkeit ihre Berechtigung für eine preiswerte, langjährig gesicherte Wohnung erarbeiteten. Gleichzeitig erarbeiteten sie sich über diese Teilhabe an dem Projekt ihre soziale Reintegration und die Option auf gesellschaftliche Teilhabe, indem sie sich wieder angenähert hatten an gesellschaftliche Leistungsnorm und berufliche Leistungsnorm. Aus diesem zugleich schwierig, wechselhaft und aber durchaus auch erfolgreich verlaufenden Abenteuer – so kann ich es heute bezeichnen –, folgten Wiederholungsprojekte nach gleicher Konzeption. Inzwischen konnten wir so fünf Projekte erfolgreich zu Ende bauen. Dieses Jugendselbsthilfeprojekt, das auch langjährig den Teilnehmern und Teilnehmerinnen zur persönlichen Stabilisierung verhalf, wurde Kern eines sozialen Unternehmens. Wir sind mitgegangen mit den Jugendlichen in den Stadtteil, haben die Projekte an den Jugendlichen weiterentwickelt. So betreiben wir heute betriebliche Berufsausbildung in zehn Berufsbranchen, wir haben eine soziale Hausverwaltung von über 300 Wohnungen, bieten Kinderbetreuungsplätze an, betreute Wohnungen für junge Menschen und verschiedene Hilfen für Familien. So wurden in 15 Jahren 24 komplette Altbauten mit über 22.000 m' Nutzfläche von einem Personenkreis, der zuvor für nicht produktiv gehalten wurde – das möchte ich hier gerne betonen –, saniert. Seit einigen Jahren – und das ist uns auch wichtig zu betonen –, arbeiten wir mit europäischen Partnerorganisationen zusammen, um diese jungen Menschen auch an dem vielzitierten europäischem Haus teilhaben zu lassen. Denn ich möchte hier nicht ausführen, was es bedeutet, diese jungen Menschen nur zu Statisten, zu Zuschauern degradieren zu lassen. Daneben ist uns wichtig, daß unser Projekt ZUKUNFT BAUEN kein Produkt der vielgeschmähten BerlinSubventionierung ist, sondern von Beginn an immer durch eigene Leistung, durch Teilhabe an produktiver Arbeit, nur seine Ziele erreichen konnte. Alle Angebote und Hilfen richten sich an Menschen, die zur Lebensbewältigung nicht auf persönliche, soziale Netze zurückgreifen können. Die Konzeption unseres Verbundes zielt darauf ab, diese Mängel an sozialer Einrichtung, an zerrissenen sozialen Netzen wiederherzustellen und die Ressourcen und sie haben Ressourcen -und Potentiale der betroffenen Menschen und Familien am jeweiligen Ort in ihrer Lebenswelt in ihrem Stadtteil, dorthin müssen wir uns begeben und dort können wir diese Ressourcen stärken. Dies gelingt uns natürlich nur – Frau Dr. Hamm-Brücher hat es schon bemerkt –, wenn wir die Zerlegung ganzheitlicher Probleme in Verwaltungssegmente überwinden können. Mit dieser ganzheitlich und ressortübergreifenden Überzeugung, mußten und müssen wir auch heute noch quer und gegen sämtliche Verwaltungslogik anschwimmen. Daß uns das in der Vergangenheit doch immer wieder gelingen konnte, ist ein Verdienst vieler Mitstreiter und Mitarbeiter. Daß wir für die Ergebnisse und Leistungen heute hier geehrt werden, freut uns nicht nur, es gibt uns auch Hoffnung, daß wir für unsere weiteren Ziele zukünftig weitere Kooperationspartner und -partnerinnen finden können. Mit Kooperationspartnern meinen wir nicht nur, Zuwendungen von Fördergebern erhalten zu können; als Sozialbetrieb im Spannungsfeld Zwischen Subventionen und wirtschaftlich orientiertem Handeln werben wir auch um interaktive Vaterschaft mit Wirtschaftsunternehmen. Vielen Dank. » merken Schlusswort Richard von Weizsäcker Meine Damen und Herren, erlauben Sie mir zum Schluß nur drei kurze Bemerkungen, bevor wir wieder zum Anfang zurückkehren können – nämlich zur wunderbaren Musik. Ich möchte das Motto des diesjährigen Zusammenseins »Globaler Wettbewerb und sozialer Zusammenhalt – unvereinbar?« als ein zentrales und Frau Hamm-Brücher besonders zu dankendes Motto unterstreichen. Wir müssen alle miteinander in der Freiheit bestehen, in der wir nun bei offenen Grenzen und am Ende des Kalten Krieges angelangt sind. Das ist eine Anforderung an unsere Strukturen einerseits und unser persönliches Verhalten andererseits. Was die Strukturen anbetrifft, so könnte man ja den Eindruck gewinnen, der globale Wettbewerb, das ist Sache der Wirtschaft, der soziale Zusammenhalt, das ist Sache der Politik. So wie unser Begriff der Volkswirtschaft keinen Sinn mehr ergibt, weil die Wirtschaft sich im globalen Wettbewerb bewähren muß und das Volk für die Politik zurückbleibt. So dürfen wir es aber meiner Meinung nach nicht sehen, wenn wir in der Freiheit bestehen wollen, sondern wir müssen uns über Kreuz zwischen Wirtschaft und Politik besser verstehen und helfen. Der Staat oder die Politik darf den Wettbewerb und das Gewinnstreben beim Wettbewerb nicht verteufeln; im Gegenteil, er muß es möglich machen, fördern -dazu gehören das Kartellrecht, die Steuerpolitik, vielleicht auch Anschubfinanzierung – und schließlich auch dazu beizutragen, daß die Preise die ökologische Wahrheit sagen. Alles Maßnahmen des Staates zum Zweck der Förderung der Wirtschaft im Rahmen ihres Wettbewerbs und Gewinnstrebens. Die Wirtschaft darf den sozialen Zusammenhalt schon deshalb nicht geringschätzen, weil sie ja selber davon lebt. Die Wirtschaft, die anders als die Politik nicht von kurzen Legislaturperioden bestimmt wird in ihrem Mandat, soll der Politik helfen, notwendige Reformen mehrheitsfähig zu machen. Dazu muß aber die Wirtschaft auch für die Lebensbedingungen der Politik mehr Verständnis aufbringen als sie es im allgemeinen tut. Es hat doch keinen Sinn, wenn sich die Wirtschaft darüber aufregt, daß Teile der Bevölkerung auf die Straße gehen wenn sie sich belastet fuhlen durch wirtschaftliche Maßnahmen und wenn sie durch ihre Demonstrationen etwas erreichen wollen, was vielleicht nicht notwendigerweise dem ökonomischen Sachverstand wirklich am allernächsten kommt. Nein, die Politik ist so. Die Wirtschaft muß das verstehen in ihrem eigenen Interesse. Ein über Kreuz-Verständnis ist notwendig. Im allgemeinen sagen ja politische Parteien, wenn sie fur ihre Programme werben, daß wir alle in einem Boot sitzen. Dann stellen wir fest, daß das offenbar gar nicht der Fall ist, daß die Wirtschaft in einem Boot sitzt und ganz woanders hinfährt als die Politik in ihrem Boot. Nein, wir sitzen doch in einem Boot, wir sitzen in einem Boot der Glaubwürdigkeit; und wenn die Wirtschaft nicht dazu beiträgt, daß die Politik mit ihren Maßnahmen sowohl strukturvernünftig, als auch glaubwürdig ist, wie auch umgekehrt, dann werden am Ende sowohl die Politik wie die Wirtschaft den Schaden davontragen. Ich sage immer, der ehrbare Kaufmann in Hamburg ist kein ethischer Sonderling, sondern einer, der seine Interessen, seine eigenen, persönlichen Interessen, richtig versteht. Und damit kommen wir zum Stammvater unserer Wirtschaft, zu Adam Smith, der uns immer gepredigt hat: Auf der einen Seite ist es der Egoismus, der in seiner Summe zur besten Versorgung der Gesellschaft mit den notwendigen Gütern fuhrt. Und auf der anderen Seite lebt dieser Egoismus von einem Rahmen, den Adam Smith den Staat nennt, in dem alle diejenigen Geschäfte besorgt und Voraussetzungen geschaffen werden, die ihrerseits keinen ausreichenden Gewinn versprechen und ohne deren Versorgung aber die Wirtschaft ihren Gewinnen nicht nachgehen kann. Ob man das Ethik nennen will als Summe unseres Zivilisationsprozesses, oder ob man sich möglichst nahe am Sozialdarwinismus halten und einfach sagen will, das sei die beste Form der Überlebensstrategie, das ist mir ziemlich egal. Jedenfalls ist es notwendig, sich darüber im klaren zu sein, daß wir in einem Glaubwürdigkeitsboot silzen und daß wir in diesem Glaubwürdigkeitsboot auch die Voraussetzungen dafür schaffen müssen, daß der soziale Zusammenhalt bestehen bleibt. Er kann aber nur bestehenbleiben, wenn das andere, nämlich wenn das persönliche Verhalten von uns Menschen auch seinen entsprechenden Beitrag leistet. Wir haben durch die Beispiele der Medaillen, die eben verliehen worden sind, wie ich finde, den besten Anschauungsunterricht. Man spricht bei uns so oft von Politikverdrossenheit und versteht darunter, daß die Menschen sich privatisieren; sie sind verdrossen gegen die Politik und selber halten sie sich raus. In Wirklichkeit lebt sowohl die Marktwirtschaft als auch die Demokratie – oder genauer gesagt der Kapitalismus und die Demokratie – von Voraussetzungen, die sie strukturell nicht schaffen können, wenn wir uns nicht als Personen in ihnen engagieren. Und das ist das, was die durch die MedaiUen ausgezeichneten Menschen mit ihren Einrichtungen uns vormachen, und deswegen ist die Vergabe dieser Medaillen genauso wichtig wie die Vergabe des THEODOR-HEUSS-PREISES selbst. Der Tauschring, der mit seiner Eigeninitiative und mit seiner kommunikationsschaffenden Arbeitsweise dem sozialen Zusammenhalt dient, oder der Ideenreichtum, von dem wir von Pastor Reimers eben einen Anschauungsunterricht bekommen haben mit dem Spendenparlament, und die Sorge für die beruflich benachteiligten und sozial gefährdeten Jugendlichen in Berlin, das sind die Beispiele, die wir in unserem persönlichen Verhalten bei tragen müssen, damit das ganze funktioniert. Zu unserem Preisträger Ralf Dahrendorf möch te ich nur noch sagen: es gibt so viele deutsche Wissenschaftler, die sich über ihr möglicherweise durchaus richtiges Denken freuen und sich mit einer gerümpften Nase begnügen, wenn sich die Welt einschließlich der Politik nicht danach orientiert. Ralf Dahrendorf hat sich immer – wie er selber sagt – als Intellektueller einem schlüssigen Denken überantwortet und zugleich auch immer in der Politik exponiert. Und da hat er nun die bei uns in Deutschland nicht so oft anzutreffende Eigenschaft mit seiner britischen Ader verwirklicht, nämlich die Härte des Nehmens zu verbinden mit der Klarheit und Faimeß des Gebens im Wettbewerb. Ich möchte zum Schluß aber vor allem dafür danken, daß wir hier einmal wieder in dieser THEODOR-HEUSS-Familie zusammensein und uns treffen dürfen. Theodor Heuss hat die Grundlage für unsere Demokratie geschaffen und gestärkt. In seinem Namen sich hier zu versammeln, ist für mich immer zugleich einerseits ein erwärmendes, familiäres Gefühl und auf der anderen Seite auch ein Appell in die Öffentlichkeit hinein, damit wir unserer demokratischen Verfassung die Grundlagen gewissermaßen nachliefern können, die sie als Verfassungstext selber nicht bereitstellen kann. Und daß unsere Seele des Geschäfts, Hildegard Hamm-Brücher, uns jährlich diese Freude macht, daß sie das ganze Jahr über hindurch zusammen mit Frau Panholzer und anderen dafür sorgt, daß wir an den richtigen Gedanken arbeiten, daß wir ermutigende Preise ausgeben können, und daß wir uns außerdem alle miteinander in diesem Familientreffen darüber freuen können, dafür bin ich Ihnen von Herzen dankbar.

1997