Theodor Heuss Stiftung

Lord Ralf Dahrendorf

Der THEODOR-HEUSS-PREIS für 1997 wird Lord Ralf Dahrendorf zuerkannt für sein politisches und geisteswissenschaftliches Lebenswerk beim Aufbau und der Ausgestaltung unserer, nach dem Ende der NS-Diktatur, neu zu schaffenden freiheitlichen Staats-und Gesellschaftsordnung und für sein ebenbürtiges Engagement als Promotor eines politisch und kulturell vereinten Europas. Immer ging und geht es Ralf Dahrendorf um die Freiheit des Bürgers, aber auch um seine Verantwortung für die Freiheit des Anderen, also um Solidarität. Erst in jüngster Zeit hat er hierfür mit dem von ihm inspirierten und dem Britischen Oberhaus vorgelegten »Report«: »Wealth creation and social cohesion« wiederum ein merkens- und bemerkenswertes Zeugnis abgelegt. Darin werden nicht nur die Folgen der weltwirtschaftlichen Globalisierung für die Zukunft westlicher Industrie- und Arbeitsgesellschaften beschrieben, sondern auch die sich daraus ergebenden Herausforderungen für die Erneuerung und Gestaltung des sozialen und gesellschaftlichen Zusammenhalts, also der Solidarität in einer sich spürbar entsolidarisierenden Gesellschaft. Damit hat Ralf Dahrendorf, angesichts einer entscheidenden Gegenwarts- und Zukunftsaufgabe, abermals einen bedeutenden Beitrag zur Orientierung und Bewußtseinsbildung geleistet. Wie kaum ein anderer politisch engagierter Wissenschaftler verkörpert Ralf Dahrendorf mit seinem Lebenswerk und in seiner Person das Vorbild eines liberalen, offenen und zukunftsweisenden europäischen Weltbürgertums, das mit der Zuerkennung des THEODOR-HEUSS-PREISES dankbar gewürdigt werden soll.

Das Hamburger Spendenparlament und sein Initiator Pastor Stephan Reimers

Eine THEODOR-HEUSS-MEDAILLE für 1997 wird dem Hamburger Spendenparlament und seinem Initiator Pastor Stephan Reimers zuerkannt für ihr beispielstiftendes Engagement bei der Realisierung neuer Formen sozialer Solidarität durch Hilfe zur Selbsthilfe. Unter den zahlreichen Projekten, die mit diesen Zielsetzungen von Pastor Reimers als Leiter des Diakonischen Werkes in Hamburg in den letzten Jahren auf einen guten Weg gebracht wurden, soll das Hamburger Spendenparlament und seine aktiven Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter ausgezeichnet werden, weil diese Initiative ein eindrucksvolles und anschauliches Modell für neue Formen solidarischen Denkens und Handelns ist, bei dem alle Spender (derzeit über 2000) gleichzeitig auch Mitglieder des Spendenparlaments sind, die vierteljährlich in einem parlamentarischen Diskussions- und Entscheidungsverfahren nicht nur über die Verteilung der Mittel (1996: 500.000 DM) auf verschiedene soziale Selbsthilfe-Projekte mitberaten und entschieden, sondern sich auch persönlich mit den Zielsetzungen der geförderten Projekte und den Menschen, denen sie gilt, identifizieren können. Dieses Engagement, Solidarität zwischen keine-Not leidenden Menschen und Notleidenden neu zu denken und vorhandene Spendenbereitschaft mit tätiger persönlicher Anteilnahme an ihrer Verwendung zu verbinden, soll mit einer THEODOR-HEUSS-MEDAILLE gewürdigt, ermutigt und zur Nachahmung empfohlen werden.

DöMAK Tauschring Halle und sein Initiator Helmut Becker

Eine THEODOR-HEUSS-MEDAILLE für 1997 wird dem DöMAK Tauschring in Halle an der Saale und seinem Initiator Helmut Becker zuerkannt für ihre, aus der Erfahrung in der Jugendbildungsarbeit in der »Villa Jühling« im Stadtteil Dölau gewachsenen Initiative, durch einen Tausch von Tätigkeiten und/oder Gütern, einen bargeldlosen Kreislauf von Angebot und Nachfrage geldwerter Leistungen in Gang zu bringen. In einer Zeit hoher Arbeitslosigkeit und spürbarer Kürzungen finanzieller Zuwendungen des Staates, ermöglicht die Verwirklichung dieser -aus England stammenden Idee des »Local Exchange Trading Systems« -nicht nur neue kreative Formen der wechselseitigen Selbsthilfe, vor allem schafft sie bei allen Beteiligten Möglichkeiten, brachliegende persönliche Fähigkeiten zu aktivieren und zu entfalten, Ausgrenzungen abzubauen, durch persönliche Kontakte Bestätigung zu ernten und – auch ohne regelmäßiges DM-Einkommen – im solidarischen Austausch mit Anderen, ein selbstbestimmtes, vielseitiges, oft sogar zu neuen Lebenserfahrungen führendes Auskommen zu erzielen. Mit der Zuerkennung einer THEODOR-HEUSS-MEDAILLE soll dieser, unter einer wachsenden Zahl von Tauschringen wohl ältester in Halle -stellvertretend für alle Initiativen, die neue Formen des solidarischen Austauschs von Tätigkeiten und wechselseitiger Hilfe erproben -ermutigt und gefördert werden.

Initiator und "Spiritus Rector« des Berliner Jugendselbsthilfe-Projektverbundes ZUKUNFT BAUEN

Eine THEODOR-HEUSS-MEDAILLE für 1997 wird dem Initiator und »Spiritus Rector« des Berliner Jugendselbsthilfe-Projektverbundes ZUKUNFT BAUEN Dieter Baumhoff und seinen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern zuerkannt für ihr beispielhaftes vielseitiges Aufbauwerk zur Förderung, Betreuung und Qualifizierung sozial benachteiligter und gefährdeter Jugendlicher. Seit Mitte der 80er Jahre – heute in beiden Teilen der Stadt – bieten sie jugendlichen Außenseitern mit zahlreichen Einzelprojekten eine Vielzahl Hilfen zur Selbsthilfe an. Insgesamt werden für etwa 120 benachteiligte und gefährdete junge Menschen – eingebettet in lebenspraktische Hilfen – berufsqualifizierende und berufsausübende Maßnahmen durchgeführt: Sanierung und Neubau von Häusern, in die die Jugendlichen selbst einziehen können, betreute Wohnplätze, Handwerksbetriebe, Selbst-hilfe-und Beratungsstellen, verschiedene Frauenprojekte, Hilfen zur Erziehung von Kindern, zwei Restaurants... Mit ihrem Engagement geben Dieter Baumhoff und sein Team – Im Sinne der Jahresthematik der THEODOR-HEUSS-STIFTUNG: »Solidarität neu denken und gestalten« – konkrete und erfolgreiche Beispiele, wie Solidarität auch unter erschwerten Bedingungen praktiziert werden kann und erlebbar wird. Dieses beispielhafte Engagement soll mit einer THEODOR-HEUSS-MEDAILLE ausgezeichnet, ermutigt und gefördert werden.

Globaler Wettbewerb und sozialer Zusammenhalt – unvereinbar?

1997