Theodor Heuss Stiftung

Ignatz Bubis

Der Theodor-Heuss-Preis für 1996 wurde Herrn Ignatz Bubis zuerkannt für seine beispielhaften Bemühungen, den Dialog mit gesellschaftlichen Gruppen – vor allem mit jungen Menschen – zu suchen. Dabei gelingt es ihm, durch seine Offenheit und Wahrhaftigkeit, aber auch durch Verständnis für seine Gesprächspartner und durch persönliche Zuwendung Tabus und Denkblockaden im deutsch-jüdischen Verhältnis entgegenzutreten. Mit seinem unermüdlichen Engagement trägt Ignaz Bubis in Wort und Tat zum besseren Verständnis für die Situation jüdischer Mitbürger in Deutschland bei und weckt – vor allem bei jüngeren Menschen Mitverantwortung für diese Aufgabe. Er baut damit am Fundament eines in die Zukunft gerichteten, friedlichen und vorurteilsfreien Zusammenlebens von Menschen unterschiedlicher Kulturen und Religionen. Mit der Verleihung des Theodor-Heuss-Preises soll dieser unentwegte Einsatz gewürdigt werden und zur Nachahmung ermutigen.

Cem Özdemir, Deutsch-türkischer Bundestagsabgeordneter

Eine Theodor-Heuss-Medaille für 1996 wurde Cem Özdemir zuerkannt für sein beispielhaftes Engagement zum Abbau von Vorurteilen, Berührungsängsten und Feindseligkeiten zwischen türkischen Bürgerinnen und Bürgern. Von Jugend auf hat Cem Özdemir – heute deutscher Staatsbürger türkischer Herkunft – diese Aufgabe als persönlichen Auftrag erkannt und ist dabei über lange Jahre mit Mut, Beharrlichkeit und Humor mit eigenem Beispiel vorangegangen, bevor er nun als Bundestagsabgeordneter verstärkt und bundesweit für die Gleichberechtigung türkischer und deutscher Jugendlichen eintreten kann. Er tut das sowohl gegenüber den türkischen Gruppen, die sich gegenüber der deutschen Gesellschaft abschließen, als auch gegenüber Deutschen, die sich Bürger türkischer Abstammung nicht als gleichwertig und gleichberechtigt vorstellen können. Mit der Zuerkennung der Theodor-Heuss-Medaille an Cem Özdemir sollen alle jungen Männer und Frauen der zweiten in Deutschland lebenden Generation türkischer Familien, die ihren Platz in unserer Gesellschaft suchen, ohne ihre kulturelle Identität und Verbundenheit zu ihren Familien und ihrer Herkunft zu verleugnen oder zu verwischen, geehrt und ermutigt werden.

Maria von Welser, Leiterin des ZDF-Frauenjournals »Mona Lisa«

Eine Theodor-Heuss-Medaille für 1996 wurde Maria von Weiser zuerkannt für ihr unermüdliches Engagement als Leiterin des ZDF-Frauenjournals »Mona Lisa« – zusammen mit ihrem 10-köpfigen Mitarbeiterinnen-Team – das Medium Fernsehen zum Abbau von Denk– und Verhaltensblockaden und zum offenen Dialog zwischen gesellschaftlichen Gruppen, sowie zwischen den Geschlechtern und Generationen zu nutzen und ihre Zuschauer vor allem bei sozialen und humanitären Mißständen zu tätiger Mitverantwortung aufzufordern. In besonders hervorragenden Weise ist ihr dies beim brisanten Thema »Kinderpornographie« gelungen, mit der Folge einer Anhörung im Deutschen Bundestag und einer verschärften Gesetzgebung, sowie durch ihre Berichte über das Schicksal tausender bestialisch vergewaltigter Frauen im Bürgerkrieg im ehemaligen Jugoslawien. Mit der Zuerkennung der Theodor-Heuss-Medaille an Maria von Weiser soll das beispielhaft verantwortungsbewußte Engagement des Frauenjournals »Mona Lisa« – auch hinsichtlich des mehr und mehr entarteten Konkurrenzkampfes zwischen den elektronischen Medien – gewürdigt und zur Nachahmung empfohlen werden.

Initiatoren und Gestalter des Friedensdorfes Storkowin Brandenburg

Eine Theodor-Heuss-Medaille für 1996 wurde den Initiatoren, Gründern, Förderern und Bewohnern des Friedensdorfes Storkow zuerkannt für ihr Bemühen, in einer seit Anfang der 90er Jahre von fremdenfeindlichen Übergriffen und wachsenden rechtsextremistischen Gruppierungen gefährdeten und als Folge der Polarisierung dialogunfähig gewordenen Bürgerschaft durch eine Initiative zur Errichtung eines »Friedensdorfes« zum Abbau der Konflikte und zur Überwindung der Polarisierung beizutragen. Nach einer Idee des »Komitees Cap Anamur« wurde in Storkow 1992 ein gemeinnütziger Verein gegründet und bereits 1993 – finanziell unterstützt durch öffentliche und Stiftungsmittel, beraten von einem »mobilen Beratungsteam«des Landes Brandenburg mit dem Bau der ersten Häuser unter Mitarbeit arbeitsloser deutscher und ausländischer Jugendlicher, auf einem von der Stadt Storkow zur Verfügung gestellten Grundstück begonnen. Heute wohnen bereits über 40 Deutsche und Asylbewerber, arbeitslose und berufstätige, rechtsradikale und demokratische Jugendliche im »Dorf«; nach dem zweiten, bereits begonnenen Bauabschnitt sollen es mehr als doppelt so viele sein. Im Zuge der Planung und Errichtung des »Friedensdorfes« haben Begegnungen und Gespräche sowie neue Erfahrungen und Einsichten zur wachsenden Dialogbereitschaft und damit zur Verbesserung des Zusammenlebens in und um Storkow spürbar beigetragen. Mit der Zuerkennung der Theodor-Heuss-Medaille für dieses mutige und immer auch gefährdete Projekt soll allen daran Beteiligten dankbare Anerkennung und Ermutigung zuteil werden.

Aufeinander zugehen – Mut zum Dialog

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Begrüßung Oberbürgermeister Manfred Rommel Sehr verehrte Frau Hamm-Brücher, hoch verehrter lieber Herr Altbundespräsident Scheel, hochverehrter Herr Altbundespräsident von Weizsäcker, sehr verehrter Herr Ministerpräsident, verehrter lieber Herr Vogel, meine verehrten Damen und Herren! Im Namen der Landeshauptstadt Stuttgart begrüße ich Sie hier in der Alten Reithalle herzlich. Ich gratuliere, den Ereignissen vorauseilend, dem Preisträger, Ihnen, verehrter Herr Bubis sowie den Medaillenempfängern, Herrn Özdemir, Frau von Welser und den Initiatoren von Storkow. Die Alte Reithalle ist für die Stadt Stuttgart, die ein Pferd in ihrem Wappen führt, ein würdiger und angemessener Veranstaltungsort. Mark Twain schildert in seinem Buch »Roughing«, wie er und einige Kumpane, im Schnee und zu Pferd unterwegs, sich verirrt hatten. Schließlich seien sie auf Spuren von Pferdehufen gestoßen, denen sie gefolgt wären. Die Zahl der Spuren hätte sich ständig vermehrt, und das hätte sie immer mehr in der Überzeugung bestärkt, auf dem richtigen Weg zu sein, bis sie schließlich bemerken mußten, daß sie dauernd im Kreise geritten und ihren eigenen Spuren gefolgt waren. Das ist die Weise, in der sich auch im Leben und in der Politik Meinungen zu immer stärker gefestigten Überzeugungen verdichten. Nicht ganz zu Unrecht, jedenfalls was die praktischen Fragen anbetrifft, nennt Nietzsche Überzeugungen größere Feinde der Wahrheit als Lügen. Ein wichtiges Mittel, um sich von Überzeugungen zu befreien und wieder zu Meinungen zu kommen, ist der Dialog, zu dem, wie unser Jahresthema feststellt, Mut gehört. Denn ein Dialog liegt nur dann vor, wenn nicht nur geredet, sondern auch zugehört wird. Wer zuhört, riskiert aber, in seinen Überzeugungen schwankend zu werden. Ich schließe mit einer Geschichte, die keine Tiefe hat, aber doch einen Übergang darstellt von der Reithalle zu den Gedanken zum Jahresthema von Bischof Huber aus Berlin und außerdem dem Umstand Rechnung trägt, daß Herr von Weizsäcker und Herr Vogel regierende Bürgermeister von Berlin waren. Im Berlin des alten Preußens sagte während des Reitunterrichts ein Wachtmeister zu einem Rekruten: »Mensch, Sie sitzen auf dem Jaul wie Iphigenie auf Tauris«. Darauf sagte der Rittmeister: »Wachtmeister, es freut mich ja, daß Se sich in der Bibel so jut auskennen, aber Jottes Wort jehört nun mal nicht auf die Reitbahn«. Diese Behauptung ist aus mehreren Gründen anfechtbar. Wir freuen uns auf jeden Fall nachher auf die Worte von Bischof Huber. » merken Begrüßung Ministerpräsident Erwin Teufel Verehrte Frau Dr. Hamm-Brücher, meine sehr verehrten Damen und Herren, ich grüße Sie alle, verehrte Gäste, im Namen der Landesregierung und persönlich sehr herzlich. Besonders herzlich grüße ich unsere hochverehrten Altbundespräsidenten, die abgeordneten Kolleginnen und Kollegen, alle Gäste und alle Kolleginnen und Kollegen aus dem Kuratorium und dem Vorstand der Theodor-Heuss-Stiftung und ich begrüße auch besonders herzlich die Familie Heuss. Für uns ist es eine große Freude, daß mit der jährlichen Verleihung des Theodor-Heuss-Preises in unserem Land die Erinnerung an einen großen Deutschen und an einen großen Sohn unseres Landes, unseren ersten Bundespräsidenten Theodor Heuss wachgehalten wird. Es geschieht diese Erinnerung am besten, indem Persönlichkeiten seiner Geisteshaltung ausgezeichnet werden. So grüße ich und beglückwünsche ich Ignatz Bubis, den diesjährigen Preisträger und alle Persönlichkeiten, die mit der Theodor-Heuss-Medaille ausgezeichnet werden. »Aufeinander zugehen – Mut zum Dialog«, diese Haltung lebt uns mit einem ungeheuren persönlichen Einsatz Ignatz Bubis seit vielen Jahren vor. Ignatz Bubis hat sich nie darauf beschränkt, als Vorsitzender des Zentralrates der Juden in Deutschland und in seinen vielen anderen Ämtern nur die Interessen seiner Glaubensgemeinschaft zu vertreten. Er bemüht sich unaufhörlich und mit großem persönlichen Einsatz Barrieren abzubauen, Menschen zusammenzuführen, über Vorurteile aufzuklären, Tabus aufzubrechen oder am besten gar nicht entstehen zu lassen. Ignatz Bubis gibt uns damit ein leuchtendes Beispiel bürgerlicher Zivilcourage. Theodor Heuss sagte in einer Rundfunkansprache zur Woche der Brüderlichkeit 1952 »Ich weiß, daß der Begriff der Toleranz vielen teuer ist. Ich habe ihn in meinen Sprachvorrat nicht aufgenommen. Denn es hat sich an ihn etwas die Vorstellung von lässigem Gewährenlassen und duldender Unverbindlichkeit angehängt«. Nun ist zwar nach meinem Verständnis Toleranz weit mehr als gewähren lassen, aber ich gebe dem ersten Bundespräsidenten der Bundesrepublik Deutschland recht: Es genügt nicht ein beziehungsloses nebeneinander Herleben; es braucht Menschen, die Gemeinschaft stiften zwischen unterschiedlichen Lebensstilen und Weltansichten. Es braucht den ständigen Dialog und Menschen, Persönlichkeiten, die auch dann im Gespräch aushalten, wenn es schwierig wird. Dialog ist ein Ereignis zwischenmenschlicher Beziehung aus der keiner so herauskommt, wie er hineingegangen ist. Dialog ist ein Sich-Einlassen auf den anderen und seine Sache, ein Gelten-Lassen des anderen, ein Umgang, in dem keiner den anderen zu einem Zweck mißbraucht. »Der eine für den anderen« sagt Emanuel de Visa und er fährt mit einem ethischen Imperativ fort: »Der andere begegnet von Angesicht zu Angesicht mit einem Anspruch, der zu unbedingter Verantwortung für ihn und sein Leben verpflichtet«. Der Weg muß also führen von der Vermeidung des Gegeneinander und der Überwindung des beziehungslosen Nebeneinander zum Miteinander und dem Füreinander-Verantwortung-Tragen. Theodor Heuss nennt diese Haltung moralische Leidenschaft. Ich wünsche sie uns allen. » merken Gedanken zum Jahresthema Bischof Wolfgang Huber, Berlin Meine sehr verehrten Damen und Herren, 1. 20. Juli 1994, fünfzigster Jahrestag des gescheiterten Attentats auf Adolf Hitler. Am frühen Nachmittag werden in der Gedenkstätte Berlin-Plötzensee Kränze niedergelegt. Unbeholfen und hilfsbedürftig,noch nicht einmal drei Monate im Amt des Bischofs, reihe ich mich unter die Honoratioren, die der Zeremonie beiwohnen, suche die Nähe meines katholischen Amtskollegen, des Kardinals Sterzinsky. In einigen Metern Entfernung sehe ich den Vorsitzenden des Zentralrats der Juden in Deutschland, Ignatz Bubis. Noch bevor die Kranzniederlegung beginnt, löst Bubis sich aus einer Gruppe, in der er stand, und stellt sich zu Kardinal Sterzinisky und mir. Zur Begründung sagt er nur: "Ich komme zu den Brüdern im Glauben.« Aufeinander zugehen – Mut zum Dialog. Der Blick auf den Preisträger und die Medaillenempfänger, die von der Theodor-Heuss-Stiftung in diesem Jahr ausgewählt wurden, hilft bei der Annäherung an dieses Thema. Ohne sie erhielte es leicht den schalen Geschmack eines moralischen Appells. Mit ihnen dagegen und durch sie wird es zu einer Einladung. Ich möchte gern dem larmoyanten Ton den Abschied geben, in dem unsere Gesellschaft als dialogunwillig und als unfähig zum Aufeinanderzugehen beschrieben wird. Dieser Tag hat in meinen Augen darin seinen Sinn, daß er zeigt: Menschen können aufeinander zugehen; es gelingt immer dann, wenn eine oder einer anfangt sich zu bewegen: Dialoge finden statt; denn es gibt noch Menschen, die gewillt sind, zu hören und zu verstehen. 4. November 1994. Die deutsche Nationalstiftung hat zu einem Symposium nach Weimar eingeladen. Das Thema heißt: Staatsbürgerschaft und Einwanderungspolitik. Zu den Sprechern gehört Ignatz Bubis. Er zitiert eine Zeitungsschlagzeile. Sie heißt: »Zwei Ausländer haben einen Franzosen überfallen«. Mit diesem einfachen Zitat widerlegt Bubis alle Statistiken über das Ausländerproblem in Deutschland. Seine Folgerung heißt: »Wenn wir die Zahl der Ausländer dividieren unter den Ausländern, die wir akzeptieren, und unter den Ausländern, die die Gesellschaft nicht akzeptiert, werden wir plötzlich völlig neue Zahlen bekommen«. In der Tat: Man sagt uns, daß ungefähr ein Zehntel der deutschen Wohnbevölkerung ausländischer Herkunft sei und deshalb ein besonderes Akzeptanzproblem darstelle. Zieht man jedoch diejenigen ab, die schon länger als ein Jahrzehnt in Deutschland leben oder die als Partner aus westlichen Industrieländern ohnehin willkommen sind, wird sich die Zahl zumindest halbieren. Fängt man an, so zu rechnen, dann zeigt sich, daß die Integration mindestens in ebenso starkem Maß ein Problem der aufnehmenden Mehrheitsgesellschaft wie der zuwandernden Minderheiten ist. 25. März 1996. Besuch im Friedensdorf im brandenburgischen Storkow. An diesem Dorf interessiert mich zweierlei zugleich: der Versuch, arbeitslosen Jugendlichen Zugang zu einer beruflichen Ausbildung zu vermitteln, und das Projekt gemeinsamen Wohnens von Zugewanderten und Einheimischen. Schnell kommt das Gespräch auf die Situation von Bürgerkriegsflüchtlingen vor allem aus den Teilen Bosniens, die nun serbischer Herrschaft unterstellt sind. Menschen aus diesen Gebieten wohnen in Storkow, sitzen unter uns, während wir darüber sprechen, bringen ihre eigenen Gefühle und Gedanken ein. Und die Deutschen um den Tisch sagen: Wir wollen uns nicht von unseren Freunden trennen, unseren Nachbarn, unseren Kollegen. Das ist ein neuer Ton in Deutschland. Von Stammtischgesprächen wie auch von den Beratungen der deutschen Innenminister unterscheidet sich dieses Gespräch durch den schlichten Tatbestand, daß die Betroffenen teilnehmen und daß Freundschaften mit ihnen gewachsen sind. Wer Bürgerkriegsflüchtlinge mit Namen kennt und zu seinen Freunden zählt, redet nicht mehr von Kontingenten. Und umgekehrt: Je geringer die Kenntnis der Fremden, desto größer die Fremdenfeindlichkeit. Es gibt keine bessere Arznei gegen sie als die Begegnung, das Kennenlernen, das Aufeinanderzugehen. Dafür stimmt Lessings Satz: »Es ist Arznei, nicht Gift, das ich dir reiche.« 2. Wer in diesen Jahren im Osten Deutschlands lebt, wer, wie ich, durch die Wende im Osten Deutschlands heimisch wurde, spürt eine Sehnsucht, die durch das Land geht. Diese Sehnsucht hat einen Namen. Er heißt: Runder Tisch. Manche überhöhten Erwartungen verbinden sich mit diesem Wort, so als könnten und dürften Runde Tische auf Dauer als Politikersatz dienen. Doch sieht man von solchen falschen Erwartungen ab, dann zeigt sich: Es gibt eine elementare Sehnsucht nach dem Dialog. Verständigung wird gesucht. Denn die Angst vor dem Nichtverstehen geht um. Es nistet sich mehr ein in diesem Land als nur Mißverständnisse; wechselseitiges Unverständnis macht sich breit. Von der Mauer in den Köpfen ist die Rede.Auch eine Mauer des Nichtverstehens kann bedrohlich werden, nicht nur eine Mauer aus Stein. Geschichtliche Erfahrung lehrt: Zeiten des Umbruchs sind Zeiten des Dialogs. In Zeiten des Umbruchs ist die Verständigung zugleich besonders gefährdet. Wie beides zusammenhängt, läßt sich erklären. In Zeiten des Umbruchs verlieren gewohnte Traditionen, gemeinsame Werthaltungen und vertraute Deutungsmuster ihre Kraft. Eine gemeinsame Sprache muß neu gefunden werden; deshalb sehnt man sich nach dem Dialog. Doch gerade weil die gewohnten Schemata nicht mehr passen, breitet sich Mißtrauen aus. Die Lebenslügen, an die sich alle gewöhnt hatten, sind entschleiert. Doch eine neue Wahrheit ist damit noch nicht erkannt. Aber ohne ein Minimum an gemeinsamen Vorstellungen kann eine Gesellschaft nicht leben; Grundkonsens heißt das abgegriffene Wort dafür. Ein Minimum an gemeinsamen Einschätzungen ist unerläßlich: Reicht Egoismus oder braucht man auch Rücksichtnahme auf das Leben anderer? Sind Spielregeln nur dazu da, den eigenen Vorteil zu fördern, oder dienen sie auch der Fairneß? Was halten wir von sozialer Gerechtigkeit: taugt sie – und damit auch die soziale Marktwirtschaft als Leitbild nur für schönes Wetter? Woran orientiert sich unser Bild von der eigenen Nation: an unserem Willen, die für alle geltenden Menschenrechte zu fordern, oder am Vorrang der eigenen Sonderinteressen? Das sind Fragen, die gemeinsame Antworten brauchen. Wer zu solchen Antworten beitragen will, muß den Mut haben, eigene Vorstellungen zu überprüfen, bei Uneindeutigkeiten Kompromisse einzugehen und auch Fremdes gelten zu lassen. Mut zum Dialog bedeutet Mut zur fremden Wahrheit. Wer den Dialog ernst nimmt, muß sich für die Wahrheit in der Position des anderen interessieren. Am Ende dieses Jahrhunderts wissen wir: Das Projekt geschlossener Gesellschaften hat keine Zukunft mehr. Das gilt für die geschlossene christliche Gesellschaft genauso wie für die geschlossene kommunistische Gesellschaft. Zukunftsfähig sind nur offene Gesellschaften. Wie aber entwickeln offene Gesellschaften Überzeugungskraft und Bindungsfähigkeit? Die Frage hat in Deutschland eine besondere Dringlichkeit gewonnen. Noch immer leiden wir Deutschen unter den erfreulichsten Ereignissen dieses Jahrhunderts: dem Ende des Ost-West-Konflikts und der deutschen Teilung. Denn diese Ereignisse haben uns auch unsere bisherigen Identitätskonstruktionen geraubt. Händeringend suchen wir nach einer neuen. Dabei ist zumindest so viel deutlich: Eine Rückkehr zu vorgefertigten Antworten ist ausgeschlossen. Das einzige, was möglich ist, ist die freie und faire Suche nach den Prinzipien, die eine offene Gesellschaft nötig hat, damit die Verschiedenen in ihr zusammen leben können. Für diese Suche lassen sich drei Bedingungen angeben. Die erste Bedingung heißt Gleichberechtigung. Hier im Süden Deutschlands stellt sich manchmal die Frage, ob nichtchristliche Überzeugungen Chancengleichheit erhalten. Im Nordosten Deutschlands mache ich zur Zeit die neue Erfahrung, daß dem christlichen Glauben und den christlichen Kirchen die Gleichberechtigung verweigert wird. Darin besteht für mich persönlich das besorgniserregende Signal des brandenburgischen Schulgesetzes. Die zweite Bedingung heißt: Suche nach der eigenen Identität und lebendige Auseinandersetzung mit ihr. Wenn Multikulturalismus die Gleichgültigkeit gegenüber den eigenen kulturellen Wurzeln meint, kann man vor ihm nur dringend warnen. Toleranz entsteht nicht ohne Beheimatung; Offenheit für das Fremde und für die Fremden gibt es nicht ohne eigene kulturelle und religiöse Identität. Die dritte Bedingung heißt: überzeugte Toleranz. Ein lebensfähiger Pluralismus bildet sich nur, wenn Einzelne und Gruppen sich ihrer eigenen Identität gewiß sind; und er hat nur Bestand, wenn Einverständnis über die Prinzipien besteht, die das Zusammenleben der Verschiedenen möglich machen. 3. Angesichts solcher Herausforderungen gewinnen auch biblische Traditionen eine neue Leuchtkraft. Das gilt gerade für die Traditionen, auf die Juden und Christen sich gemeinsam berufen. Unter ihnen steht die Überzeugung von der gleichen Würde aller Menschen an erster Stelle. Durch die Bezeichnung des Menschen als Ebenbild Gottes ist sie tief in unsere kulturelle Überlieferung eingezeichnet. Nie ist sie tiefer verletzt worden als im Antisemitismus und Judenhaß. Das Kainsmal, daß Christen sich daran beteiligten, bleibt für immer an ihrer Stirn. Zorn und Empörung steigen in mir auf, wenn ein renommierter Verlag ein Buch publiziert, das die Judenverfolgung der Nazi-Zeit als »rassische Sanierung« bezeichnet. Anführungszeichen helfen nichts, um diese Schamlosigkeit zu bemänteln. Der Skandal bleibt. Für dieses Land gibt es nur einen Weg. Er liegt in dem Kampf für die gleiche Würde aller Menschen, für die Bertold Brecht die nüchterne Formel fand: »Auf die Erde voller kaltem Wind kamt ihr alle als ein nacktes Kind«. Immer wieder wird in den Traditionen der Juden und Christen die Wahrnehmung von Fremden und Schwachen zum entscheidenden Prüfstein der eigenen Verläßlichkeit. Israels Fremdheitserfahrungen bewahrheiten diese Perspektive in unvergleichlicher Weise. Wechselseitige Verantwortung und in ihrem Rahmen die besondere Sorge für die an den Rand Gedrängten bleibt der entscheidende Maßstab einer humanen Gesellschaft. Human ist eine Gesellschaft zugleich nur dann, wenn sie den Begabungen ihrer Glieder Raum gibt und sie zur Entfaltung kommen läßt. Deshalb verwendet das Neue Testament für die Kirche – als eine exemplarische Gemeinschaft das Bild vom Leib, der aus der Verschiedenheit der Glieder seine Lebenskraft bezieht. Ausgrenzung – auch in der Gestalt massenhafter Arbeitslosigkeit ist ein direkter Widerspruch zu einem solchen Gesellschaftsbild. Wir dürfen uns mit solchen Widersprüchen nicht abfinden. Wir brauchen Menschen, die sich solchen Widersprüchen entgegenstellen, ohne zu resignieren. Wer resigniert, setzt seine Zeichen zurück. Wer dagegen seine Zeichen nach vorn setzt, von dem läßt sich sagen: Er prosigniert. Die Arznei, die wir heute brauchen, heißt Prosignation. Wir brauchen Zeichen der Hoffnung. Menschen brauchen wir, die die Hoffnungszeichen so weit nach vorn setzen, wie das nur irgend zu verantworten ist. Solche Menschen zeichnet die Theodor-Heuss-Stiftung heute aus. Dafür sage ich Dank. » merken Begründungen und Verleihung Hildegard Hamm-Brücher Meine sehr geehrten Damen und Herren, liebe Freunde und Förderer der TheodorHeuss-Stiftung! In diesen Tagen und Wochen sprechen wir oft von den Gefährdungen des "Wirtschaftsstandortes Deutschland« und von der Notwendigkeit eines »Bündnisses für Arbeit«. Kein Zweifel,ein solches Bündnis ist wichtig, wenn es um Arbeitsplätze und Wirtschaftswachstum, also um unser aller materieller Lebensqualität geht. Damit es gelingt, ist zweierlei notwendig: Einmal die Einsicht aller Beteiligten und Verantwortlichen, daß es zur Erhaltung des Wirtschaftsstandortes Deutschland über allen Interessengegensätzen der gemeinsamen Anstrengungen aller Beteiligten bedarf, und zum anderen des Mutes zum Dialog, damit Denkblockaden und Feindbilder abgebaut und stattdessen gemeinsame Interessen entdeckt und neue Konstellationen gewagt werden können. Meine sehr geehrten Damen und Herren, unser Land ist aber nicht nur Wirtschaftsstandort, sondern auch »Demokratie-Standort« und auch dieser ist gefährdet, wenn unsere langgewohnte Schönwetter-Demokratie zumindest Pause macht, wenn das soziale Netz löchrig wird und die Spannungen zwischen politischen und gesellschaftlichen Gruppen wachsen. Brauchen wir da nicht auch die Einsicht aller Beteiligten und Verantwortlichen, daß es über allem notwendigen Parteien- und Interessenstreit auch der gemeinsamen Einsichten und Anstrengungen bedarf, wenn es um unsere gesellschaftliche Innovationsfähigkeit, um qualitative Wachstumsraten im Zusammenleben, kurz und gut, um die Erhaltung und Gestaltung politischer und gesellschaftlicher Lebensqualität geht? Brauchen wir angesichts dieser Herausforderungen nicht auch so etwas wie ein »Bündnis für Demokratie«? Und setzt das nicht auch den Abbau von Denkblockaden und Feindbildern voraus, den Mut zum Dialog? Ja, ich denke, all das ist notwendig, wenn wir im inneren Gefüge unserer Demokratie Destabilisierung verhindern und den demokratischen Grundkonsens – ja es ist ein abgegriffenes Wort – bewahren und stärken wollen. Das ist die Botschaft, die wir mit der Auswahl unserer diesjährigen Preisträger signalisieren wollen: Ohne die Bereitschaft, die Fähigkeit und den guten Willen zum aufeinander Zugehen,ohne den Mut zum Dialog verliert unsere freiheitliche Ordnung ihre Fähigkeit zur Erneuerung, verkümmert zur Parteien-und Zuschauerdemokratie und könnte schließlich funktionsunfähig werden. Diese Botschaft, meine Damen und Herren, hat Theodor Heuss, damals Kultminister von Württemberg-Baden, vor fast auf den Tag 50 Jahren in einer Rundfunkansprache in Ostberlin (der ersten und einzigen dieser Art) – am 18. März 1946 – so formuliert: »Demokratie ist keine Zauberformel für die Nöte dieser Welt, die gibt es auch in der Demokratie. Demokratie heißt auch nicht nur Wählerstatistik und ist nicht nur ein Rechenverfahren, sondern im Elementaren die Anerkennung eines freien Menschentums, das auch im Gegner den Partner sieht, den Mitspieler. Für diesen Weg brauchen wir den Geist der Duldung... Duldung ist nicht ein schwächliches Gesäusel,sondern ein Element aktiver Tapferkeit...« leh denke, diese Botschaft ist auch heute noch gültig: Auch heute liefert Demokratie an sich noch keine Zauberformel für unsere Nöte, auch gibt es keine Bestandsgarantie für sie allein durch Wählerstatistik und Rechenverfahren und – das darf man nach einem erfolgreichen Wahlkampf wohl auch sagen – auch heute muß die »Anerkennung des freien Menschentums« ihr Fundament und ihr Gütesiegel sein und bleiben, und all dies setzt die Bereitschaft zum Dialog voraus und den Willen, daran auch dann festzuhalten – es wurde schon gesagt – , wenn Einstellungen und Positionen scheinbar hoffnungslos verfestigt sind.Auch im Gegner den »Partner und Mitspieler«anzuerkennen,was Heuss als Element aktiver Tapferkeit bezeichnet, das ist es auch, was unsere diesjährigen Preisträger, Sie lieber Ignatz Bubis, Sie liebe Frau Maria von Weiser, Sie lieber Cem Özdemir und die Gründer und Beteiligten des Friedensdorfes Storkow so besonders auszeichnet! Sie alle finden sich nicht mit Denkblockaden, Feindbildern und verfestigten Positionen ab, sondern gehen auf die jeweils »anderen« zu, stellen sich offen und zuhörbereit dem Dialog und praktizieren damit genau die demokratischen Werte, die Theodor Heuss vor 50 Jahren schon beschwor. Sie begründen und praktizieren damit ein über Parteien und Blockierungen greifendes »Bündnis für Demokratie« .Dieses Bündnis zu schmieden und zu festigen, das hat sich die Theodor-Heuss-Stiftung nun seit 32 Jahren zum Ziel gesetzt. Und nun zur Begründung im einzelnen. Ignatz Bubis gelingt diese Dialogfähigkeit auf einem besonders schwierigen Felde. Mit seinem schier unerschöpflichen Bemühen den deutsch-jüdischen Dialog vor allem in der Begegnung mit jungen Menschen – zu führen, ihn zu entkrampfen, ohne um seine Probleme herum - oder sie schön zu reden, gibt er ein eindrucksvolles Beispiel dafür. Diesen Dialog hat er in nur wenigen Jahren mit mehreren hunderttausendJugendlichen geführt (welcher Politiker hätte das je geschafft?). Bei ungezählten Gelegenheiten gibt er sie, Beispiele für Geduld, für Fairneß und Toleranz und er hilft damit seinen jungen Diskussionspartnern zu verstehen, daß es in diesem Dialog nicht um Vergangenheitsbewältigung, sondern um Gegenwarts-und Zukunftsgestaltung geht. Wer - wie ich - die Wirkung seiner offenen, wahrhaftigen und verständnisvollen Art, seine Geistesgegenwart, auch in heiklen Augenblicken – wir erinnern uns an die große Demonstration in Berlin -, an seine Fairness bei ungerechten Kollektiv-Anschuldigungen gegen »die« Deutschen erlebt hat, kommt zu dem Ergebnis: Ignatz Bubis ist für den Umgang mit der sensiblen Problematik des Zusammenlebens von Juden und Nicht-Juden in-und außerhalb Deutschlands wirklich ein Glücksfall! Das ist es, was wir mit der Verleihung des Theodor-Heuss-Preises zum Ausdruck bringen, wofür wir danken und auch alle anderen ermutigen wollen, die gleich ihm diesen Dialog wagen. Maria von Weiser wollen wir auszeichnen, weil sie und ihre Mitarbeiterinnen das (übrigens auch von Männern gern angeschaute) Frauenjournal »Mona Lisa« - auch gegen Widerstände - zu einem grenzüberschreitenden Dialogforum mit beispielhafter Wirkung entwickelt hat. Selbst bei (nationalen und internationalen) Themen von politischer, gesellschaftlicher und/oder kultureller Brisanz - wie z. B. allen frauenpolitischen Fragen, Ausländerfeindlichkeit, Deutschlands neue Armut, das grausame Schicksal vergewaltigter Frauen im Bosnienkrieg und letzten Sonntag auch Frauen aus Israel und dem neu beginnenden palästinensischen Staat, - immer gelten Darstellung und Dialog den menschlichen und zwischenmenschlichen Aspekten, werden politische Sachverhalte selbst dann, wenn politische Positionen festgefahren und verhärtet sind -vollständig, fair und im Respekt vor abweichenden Meinungen dargestellt und verhandelt. Wo, meine Damen und Herren, und wem gelingt das noch in unseren, nur noch von Einschaltquoten besessenen, oft manipulierten elektronischen Medien?! Auch das ist ein Glücksfall, meine Damen und Herren. Auch wollen wir Maria von Welser für ihr persönliches Engagement, ihren Mut und ihr Stehvermögen z. B. im Kampf gegen Kinderpornografie - zu dessen Diskussion im Bundestag sie wesentlich beigetragen hat - oder für die im jugoslawischen Bürgerkrieg grausam vergewaltigten Frauen, auszeichnen. Auch dieses persönliche Engagement verdient gemäß der Satzung der Theodor-Heuss-Stiftung unseres Dankes und bedarf der Ermutigung. Cem Özdemir, deutscher Staatsbürger, Sohn türkischer Gastarbeiter aus Bad Urach, gerade 30 Jahre jung, versteht sich als Angehöriger der »ersten Generation von neuen Inländern«. Angesichts virulenter und offenkundiger Ausländerfeindlichkeit und wechselseitiger Spannungen im Zusammenleben von Deutschen und Türken, bemüht er sich von Jugend an um Wege aus dem Neben-und Gegeneinander zum Miteinander zu finden, zumindest zu einem toleranteren Umgang zu kommen, engagiert er sich als unermüdlicher Mittler zwischen Deutschen und den Landsleuten seiner Muttersprache und Kultur. Seit 1994 praktiziert er diesen weiterführenden Dialog zwischen In-und Ausländern nun auch als einer der jüngsten Bundestagsabgeordneten und als erster Repräsentant der Generation »neuer Inländer« innerhalb und außerhalb des Parlaments und setzt dafür durch sein persönliches Verhalten und mit Schlagfertigkeit und Humor - Sie werden das sicherlich bald erleben – persönliche Zeichen. Dabei verschanzt er sich nicht hinter Parteiraison, sondern bemüht sich, auf andersdenkende Kollegen wirklich ein- und damit zuzugehen. Zusammen mit Abgeordneten anderer Parteien wirkt er bei der Auszeichnung »Schule ohne Rassismus« mit, die nun schon vielen Schulen zuteil wurde. Wo auch immer: Cem Özdemir beweist, daß ein tolerantes Miteinander ganz und gar kein »schwächliches Gesäusel«ist, sondern immer von Neuem aktive Tapferkeit erfordert. Welchem Politiker gelingt dies innerhalb und außerhalb unserer Volksvertretungen? Auch Cem Özdemir ist ein Glücksfall. Unsere vierte Auszeichnung wurde den Initiatoren, Erbauern und Teilhabern des Friedensorfes Storkow im Bundesland Brandenburg zuerkannt -Bischof Huber hat davon schon berichtet - für ihr Projekt, sozusagen in der Nußschale Wege aus den alltäglichen Konfrontationen zwischen Deutschen, Asylbewerbern, Vietnamesen, Bosnienflüchtlingen, arbeitslosen und arbeithabenden Jugendlichen, zwischen gewaltbereiten meist rechtsextremistisch eingestellten Jugendlichen und verängstigten Bürgern zu suchen und zu beschreiten. Das Friedensdorf in Storkow ist ein wahrhaft mutiges Projekt, das, angesichts alarmierend zunehmender ausländerfeindlicher Gewalttaten innerhalb und außerhalb Storkows, 1992 vom Vorsitzenden des Komitees Cap Anamur Rupert Neudeck und seinen Mitstreitern (Heuss-Preisträger des Jahres 1985) angeregt und mit Hilfe finanzieller Unterstützung der Stadt, des Landes und auch der EU, vor allem aber durch private Spenden und die praktische Mitarbeit junger Menschen beim Bau, – samt der Mithilfe von dort stationierten BundeswehrPionieren – auf den Weg gebracht wurde. Vor allem aber sind es engagierte Bürgerinnen und Bürger der Stadt Storkow und seit 1995 auch die ersten Bewohner des Friedensdorfes, die diesen Dialog nun konkret praktizieren, indem sie »ihr«eigenes Projekt mit Mut, Phantasie und Ausdauer – oft auch über schwierige Klippen – voranbringen. In drei Bauabschnitten sollen circa 30 Reihenhauswohnungen für 40% ausländische und 60% deutsche Wohnungssuchende entstehen sowie ein Begegnungszentrum für Bewohner und Einheimische. Wo in unserer Gesellschaft wird etwas ähnliches aus freier Initiative gewagt und auch durchgehalten? So ist dieses Friedensdorf für unsere Gesellschaft auch ein Glücksfall! Meine sehr geehrten Damen und Herren, anfangs sprach ich von einem »Bündnis für Demokratie«. Ist das nur eine Vision oder gar eine Illusion? Unsere Preisträger wagen und praktizieren es und sie beweisen den hierfür erforderlichen Mut zum Dialog. Dafür wollen wir heute ihnen und allen danken, die Ähnliches tun. Denn: Ein Bündnis für Demokratie braucht sehr viele Verbündete, es braucht jeden von uns! Vielen Dank! » merken Gespräch der Preisträger zum Jahresthema Moderation: Bundespräsident a. D. Richard von Weizsäcker von Weizsäcker: Meine Damen und Herren, wir haben Gutes, Richtiges, Zentrales über unsere Preisträger gehört und jetzt ist es an der Zeit, daß wir etwas von den Preisträgern selbst hören. Meine Aufgabe besteht lediglich darin, die Preisträger dazu aufzufordern, uns möglichst konkret von den Arbeiten und Erfahrungen zu schildern, die sie gemacht haben und von den Projekten, die sie weiter behandeln wollen. Vielleicht darf ich, ohne irgendeine Hierarchie der Preise aufzustellen, vorschlagen, daß wir mit dem Friedensdorf Storkow anfangen. Wir haben zwar gehört, worum es dabei geht und wissen nun alle, wo Storkow liegt, haben auch einen Begriff von den ungeheuren Schwierigkeiten, die sie zu überwinden haben. Ich wäre den drei Damen, die aus Storkow hier sind, jedoch sehr dankbar, wenn sie uns konkret schildern würden, wo die Hauptschwierigkeiten liegen. Wie kommt es zustande, daß gerade zu Rechtsextremismus neigende junge Leute geheilt oder davon abgebracht werden, indem man etwas dafür tut, daß sie eine Beschäftigung oder Ausbildung finden? Wie bringen Sie es mit Flüchtlingen fertig, die zu uns kommen, daß sie sich wohlfühlen können, weil sie wohl aufgenommen werden - wiederum durch konkrete Arbeit? Ich wäre Ihnen sehr dankbar, wenn Sie uns das konkret schildern würden; wir kommen vielleicht auch noch zu einem Überkreuzgespräch der verschiedenen Aktivitäten. Gabriele Baum, Vertreterin des Friedensdorfes: Wenn ich beginnen darf. Wie Sie gehört haben, sind wir ein Integrations-Projekt, d. h. wir arbeiten mit problembehafteten Jugendlichen, die wir von der Straße geholt haben. Sie alle waren arbeitslos und z.T. auch aus der rechten Szene. Wir haben sie durch die Arbeit und durch das gemeinsame Erleben beim Bau des Friedensdorfes und bei den Problemen, die sich rundherum ergeben, näher an uns herangezogen und aus dem Milieu herauslösen können. von Weizsäcker: Kann man sagen, daß die Arbeitslosigkeit ein wesentliches Motivfür die Annäherung an den Rechtsextremismus ist? Haben Sie diese Erfahrung gemacht? Gabriele Baum: Ich glaube, daß sie wohl eine Rolle spielt, aber daß sie nicht der wesentliche Auslöser ist. Diese Jugendlichen sind nicht zu uns gekommen, weil sie unbedingt das Friedensdorf mit aufbauen wollten. Sie sind dazugekommen, weil wir sagen konnten, »hier kriegt Ihr ein Bett und hier kriegt Ihr ein Taschengeld und hier macht Ihr was Sinnvolles und wir helfen Euch dabei«. Das war einfach ein ganz purer Anfang und in dem Miteinander und in,dem Zusammenleben haben sie neue Beziehungen aufbauen können, neue Bezugspersonen in uns finden können und das hat ihnen geholfen. Uns war wichtig, daß sie dadurch auch eine Perspektive für sich selbst aufzubauen lernen. Wir haben von der ersten Jugendgruppe bis auf einen alle Jugendlichen 17 waren es - in Lehrstellen vermitteln können und in Arbeitsstellen; diese jungen Leute haben ihren Weg gefunden. Das ist für uns ganz wichtig gewesen. von Weizsäcker: Und wie ist die Reaktion in Storkow darauf? Gabriele Baum: Sagen wir, jetzt schon etwas besser. Wir hatten am Anfang natürlich Schwierigkeiten, es ist etwas Neues, etwas Fremdes für so einen kleinen Ort - Storkow hat 6300 Einwohner - das ist nicht viel. Da kommen welche, die wollen ein Dorf bauen, ein Friedensdorf bauen und vielleicht kommt da auch noch ein Asylbewerberheim hin. Es gab sehr viele Vorurteile. Wir haben von Anfang an mit unseren Bosniern gebaut - Fatima sitzt hier zu meiner Rechten -, ganz aktiv und die Storkower hatten natürlich auch Angst, daß hier rechte Kräfte kommen und dieses Projekt stören könnten und damit auch sie stören könnten. Dreimal auf Holz geklopft, es ist nicht so weit gekommen. Ich muß aber auch sagen, daß wir kritische Situationen hatten und sehr wachsam sind. Die Storkower waren auch skeptisch. Wissen Sie, wir haben im ersten Bauabschnitt Holzhäuser gebaut bzw. Holzständerbauweise genutzt und das sieht, wenn man's aufbaut, ein bischen aus wie ein Kartenhaus. Und dann haben sie gesagt »das brennt ja sehr gut, das ist nicht gut«, aber die Häuser sind inzwischen sehr stabil geworden und man sieht, da kommt ja noch ein bißchen mehr dran als nur Holz. Im zweiten Bauabschnitt haben wir massiv gebaut. Und jetzt, wo die Leute sehen, daß da ordentlich was entsteht, daß die Häuser bewohnt sind, daß sie sehr schön sind, unkonventionell aufgebaut, daß unsere Mieter sich sehr gut verstehen, egal ob deutsch oder Ausländer oder wie auch immer, da wächst die Akzeptanz und das ist auch ein wichtiger Schritt für uns. von Weizsäcker: Wer ist denn der Träger des Hauses oder wer nimmt denn die Mieten ein? Gabriele Baum: Wir als Verein. Wir wollten eigentlich nie Millionäre werden, was wir ja nun irgendwie sind, weil wir so viele Häuser gebaut haben. Wir sind ein Verein, der sich aus einer kleinen Gruppe gebildet hat und wir nehmen die Mieten ein und nutzen natürlich in der Bauphase das Geld noch dafür, aber werden in der Folgezeit dieses Geld verwenden, um interkulturell zu arbeiten. Das ist das eigentliche Hauptziel, interkulturelle Arbeit zu leisten. von Weizsäcker: Interkulturelle Arbeit, das gilt ja nicht nur zwischen verschiedenen Kulturen, Rassen, Nationalitäten, sondern auch zwischen verschiedenen Lagen der Leute aus derselben Nationalität in ganz unterschiedlicher Lebensschwierigkeit. Gabriele Baum: Ja, genauso ist es. Deshalb haben wir auch eine sehr bunte Mischung der Mieter im Friedensdorf. Das ist sehr schön. von Weizsäcker: Wo liegt denn das in Storkow, mittendrin? Gabriele Baum: Mittendrin ist übertrieben, aber es liegt auch nicht ganz so weit draußen. Wie soll ich sagen. Ich glaube nicht, daß Sie Storkow kennen, aber man läuft zum Zentrum ca. eine Viertelstunde. Eine Straßenbahn haben wir natürlich nicht. Die Nähe zu den Bewohnern ist da und nicht weit von uns ist ein größeres Wohngebiet, das ist die Verbindung. Wir bauen auch einen großen Spielplatz, damit wir die Kinder aus diesem Wohngebiet auch mit anziehen und natürlich auch die Erwachsenen. Sie sollen alle kucken und sich immer mehr für das Friedensdorf interessieren. von Weizsäcker: Wie lange sind Sie denn schon in Storkow? (Frage an die junge Bosnierin) Fatima Karabegovic: Ich bin drei Jahre hier, über drei Jahre. von Weizsäcker: Sind Sie alleine oder mit Angehörigen gekommen? Fatima Karabegovic: Ich bin mit meinem Mann gekommen. von Weizsäcker: Wie ist denn die Verbindung zustande gekommen? Sind Sie vom Friedensdorf aufgefordert worden? Fatima Karabegovic: Wir haben von Anfang an sofort Glück gehabt und deutsche Leute kennengelernt. In der Zwischenzeit sind sie ganz gute Freunde geworden. Von denen haben wir vom Friedensdorf gehört. Und da sind wir eingestiegen. Mein Mann war von Anfang an dabei, er hat auch mit aufgebaut und jetzt wohnen wir seit April '94 im Friedensdorf. von Weizsäcker: Wollen Sie es noch ein bißchen ergänzen? Wir sind ja hier nicht nur zusammen, um Ihnen zu gratulieren und unsere Achtung zum Ausdruck zu bringen für das was Sie tun, sondern soweit es geht auch, um Ihnen zu helfen, dort, wo Sie hauptsächlich noch Schwierigkeiten haben. Also, es wird ja den einen oder anderen Berliner hier geben, der sich nun alsbald auf den Weg nach Storkow machen wird, um Sie zu besuchen. Wir wollen gerne hören, wo noch geholfen werden kann durch die Öffentlichkeit. Frauke Postel: Ich freue mich über diese Frage. Dazu sagen wir natürlich sehr gerne etwas. Ich möchte Ihnen eine Vorstellung über das ganze Volumen dieses Projektes geben: der Verein, zusammen mit dem Komitee Cap Anamur, hat im Oktober '93 angefangen zu bauen, ohne daß ein Pfennig Geld da war. Wir haben einfach darauf gesetzt, daß es möglich ist, soviel Solidarität zu organisieren, daß da eines Tages Häuser stehen werden. Und wir waren vielleicht ein bißchen übermütig, wir haben einfach gesagt wir bauen in zwei Bauabschnitten 14 Wohnungen und auch noch ein Begegnungszentrum -das soll nach Auskunft der Architekten ein Finanzvolumen von insgesamt 5 Mio. Mark haben, und wir wissen immer noch nicht, ob wir diese 5 Mio. zusammenbringen. Aber auf irgendeine Weise sind schon 4 Mio. in dieses Projekt hereingeflossen, das ist enorm. Deshalb ist der Verein, der vor Ort die Trägerschaft innehat und die Arbeit organisiert, nicht die einzige Stelle, die für dieses Projekt arbeitet und dieses Projekt stützt, sondern es gibt ganz ganz viele Menschen, die mit ihren Spenden ob 10 Mark, 50 Mark - 100.000 Mark sind auch schon gekommen - ganz viele Menschen, ganz viele Unternehmen, ganz viele Ausbildungsträger, die ihre jugendlichen Lehrlinge schicken, um bei uns zu helfen. Sie waren dabei, um diese Häuser zu bauen. Sie sagen manchmal, das ist Solidarität zum Anfassen. Jeder Stein ist von jemandem gegeben worden. Und es gibt viele Jugendliche – im Sommer haben wir z.B. internationale Workcamps die aus vielen Ländern kommen, um uns zu helfen. Da fließt ganz viel rein. Es ist wirklich nicht nur ein Verein, der aus 20 Menschen besteht und aktiv ist – das auch -, aber viele, viele Unterstützer, die wir hier gar nicht nennen können sind es. von Weizsäcker: Ich finde das vollkommen richtig, daß Sie nicht nur Ihre Freude darüber ausdrücken, wie viele Leute schon geholfen haben, sondern daß Sie auch an uns appellieren, wie notwendig es ist, daß das auch weiter geschieht. Es sind doch zwei Sachen: Auf der einen Seite brauchen Sie die materielle Grundlage, die können Sie nicht selber schaffen. Daß viele kleine, mittlere und größere Einzelspenden zu Ihnen kommen, daß aber auch die Freudenberg-Stiftung und die Robert-Bosch-Stiftung gerade an solchen Projekten in den östlichen Bundesländern ansetzen, das finde ich besonders gut. Das geht ganz gewiß auch weiter und wird der Öffentlichkeit im ganzen – ich meine jetzt nicht nur den öffentlichen Kassen – sondern dem öffentlichen Bewußtsein voranhelfen, um zu zeigen, daß diese kleinen Zellen, die hier entstehen, das allerwichtigste sind, was wir gemeinsam in Deutschland tun können, damit die Lebensverhältnisse unter Ihren Lebensbedingungen gut vorangehen. Vielen Dank Ihnen jedenfalls. Herr Özdemir, wir kommen nach Schwaben. Sie sind aus Urach, da spricht man ja ein schwäbisch, was kaum der Herr Rommel verstehen wird. Ich will Ihnen nicht zu nahe treten, aber… Özdemir: Das ist Honorationsschwäbisch, was der Herr Rommel schwätzt. von Weizsäcker: Herr Özdemir, das freut uns nun sehr, daß Sie unter uns sind. Wir wissen von Ihnen, haben darüber gehört, was Sie tun. Die erste Generation von neuen Inländern, wie Frau Hamm-Brücher es genannt hat. Wir wissen von den vielen Schwierigkeiten, die Sie sowohl in dem Kreis der türkischen Mitbürger wie auch in dem Kreis der deutschen Mitbürger immer wieder mal haben, weil Sie natürlich über Kreuz vermitteln oder Verständnis erzeugen müssen. Auch Sie würde ich bitten, uns ein bisschen von den Schwierigkeiten zu erzählen, die Sie noch haben. Sie setzen sich u. a. auch mit großer Tatkraft und Berechtigung dafür ein, daß es bei uns leichter wird, wenn keine quasi innertürkischen Probleme auf unserem Boden ausgetragen werden. Sie sind also jemand, der uns wirklich etwas erzählen kann darüber, wie wir denn nun mit den Kurden weiterkommen und vorankommen. Ich erinnere mich an einen Besuch, den ich mal in Ankara gemacht habe. Da mußte ich auch eine Rede halten, ich war damals noch in meinem letzten Amt, und die Rede mußte zur Obersetzung ans türkische Außenministerium gegeben werden, weil bei unserer Botschaft niemand war, der das übersetzen konnte. Dabei kam heraus, daß in meiner Rede das Wort »Kurden« vorkam; daraufhin wurde mir bedeutet, ich sollte das Wort doch lieber streichen – das war nun zu viel verlangt; das konnte ich natürlich nicht tun. Auf der anderen Seite haben wir ja hier wirklich ein Problem, wo wir Verständnis brauchen und Sie sind jemand, der uns dazu verhelfen kann. Özdemir: Ich glaube, daß es sehr sehr wichtig für das Verständnis ist, daß man von Generalisierungen Abstand nehmen sollte. Das ist eine große Versuchung in der Mediengesellschaft, daß man dazu neigt, wenn es wenige gibt, die zu Gewalt greifen, daß man dann generalisiert und den Eindruck erweckt, als ob die Mehrheit dahinterstehen würde. Die Mehrzahl der Türken, die Mehrzahl der Kurden, die Mehrzahl all derer, die als Nichtdeutsche in unserer Gesellschaft hier Platz gefunden haben, sind genauso loyal zu dieser Gesellschaft, fühlen sich genauso wohl wie die Mehrzahl der Deutschen dieses tut. Und wir sollten den Gewalttätern nicht den Gefallen tun, daß wir durch allzu viel Aufmerksamkeit für sie vergessen, daß die Mehrheit der Gesellschaft sich in dieser Gesellschaft wohlfühlt und weiter in dieser Gesellschaft leben möchte. Wenn ich vielleicht noch auf einen Punkt hier eingehen darf. Ich denke - meine Eltern sitzen ja heute auch hier im Publikum -, als sie vor über 30 Jahren in dieser Gesellschaft eingewandert sind, sie hatten ja nicht vor einzuwandern, der Rest ist Geschichte, sie sind mittlerweile eingewandert. Und wenn man ihnen damals gesagt hätte, daß ihr Sohn eines Tages erstens in diesem Land das Licht der Welt erblicken würde - im wunderschönen Schwabenländle - und dann auch noch ihnen gesagt hätte, daß er womöglich Bundestagsabgeordneter wird, ich glaube, sie hätten ihn einfach für verrückt erklärt. Daß es so geschehen ist, ist glaube ich ein Zeichen dafür, daß trotz aller Kritik eine Veränderung in dieser Gesellschaft möglich ist, daß es sich auch lohnt, sich in dieser Gesellschaft zu engagieren, aber, und ich denke, man kann es diesen Menschen auch einfacher machen, indem man z. B. dazu beitragen würde, daß Kinder, die so wie ich in diesem Land das Licht der Welt erblickt haben, nicht Ausländer sind, sondern Inländer sein müssen und zwar qua Geburt. von Weizsäcker: Sie müssen Inländer sein, aber sie wollen natürlich ihre eigene Herkunft, die ihrer eigenen Eltern und Großeltern nicht verletzen. Wie man solche Verletzungen vermeidet, das führt uns sehr schnell wieder in das Problem der doppelten Staatsangehörigkeit. Das ist ein leidiges Thema und leidige Themen sind dadurch gekennzeichnet, daß sie Jahre oder vielleicht Jahrzehnte brauchen, bis sie gelöst werden. Wir haben in Berlin immer wieder die Erfahrung gemacht, daß es bei den jungen, unter uns geborenen Türken natürlich genau den Weg nehmen soll und gar nicht anders kann, als den, den Sie genommen haben, auch wenn sie nickt gleich alle Mitglieder des Bundestages werden. Daß sie aber auf der anderen Seite doch auch nicht einen Trennungsstrich ziehen wollen gegenüber ihrer Herkunft und ihren Vorfahren und inwiefern da eine Sorge vor einer doppelten Staatsangehörigkeit auf die Dauer bestehen bleiben soll, ist mir sei/jahr und Tag nicht erfindlich. Ich bin ja hier nicht als Moderator bestellt, um meine eigenen Meinungen vorzutragen, aber ab und zu geht es halt doch ein bißchen mit einem durch. Darf ich noch fragen: Gerade jetzt ist der Vorschlag gemacht worden, es sollte mit verständigungsbereiten, vernünftigen kurdischen Exponenten auch der Dialog aufgenommen werden und solch einen Dialog gäbe es. Was halten Sie denn davon? Özdemir: Ja, ich gehöre zu denen, die diesen Vorschlag mit gemacht haben, insofern begrüße ich diesen Vorschlag. von Weizsäcker: Es wäre gut, wenn es Unterstützer dieses Vorschlages in mehreren Parteien gäbe. Özdemir: Das wäre sicherlich sehr sinnvoll. Ich glaube, daß die Bundesrepublik Deutschland, ob Sie will oder nicht, mittlerweile diesen Konflikt teilweise zu ihrem Konflikt gemacht hat Zwei Millionen Menschen aus der Türkei leben hier und geben ihre Probleme und ihre Identität natürlich nicht an der Garderobe ab. Die Türken wie die Kurden beschäftigt es, was in der Türkei an schlimmen Dingen tagtäglich geschieht und hier hat glaube ich - die Bundesrepublik Deutschland ein Stück weit eine Verantwortung, aber auch eine schöne Möglichkeit, vermittelnd zu wirken. Wir sollten die Kräfte, die sich für eine friedliche, für eine zivile, für eine menschenrechtliche Lösung einsetzen stärken, indem wir diese Menschen zusammenführen, indem wir ihnen die Möglichkeit geben, daß gerade sie sich über ihre Probleme unterhalten können. Ich glaube, daß das auch durchaus in der Türkei als Signal verstanden werden würde, wenn wir hier in Deutschland mit gutem Beispiel vorangehen würden. von Weizsäcker: Natürlich können wir nicht das Problem in der Türkei oder im Irak lösen, was sich mit den Kurden stellt, aber wir können doch auch zum Ausdruck bringen, daß wir der Meinung sind, daß es ein so tiefsitzendes, so historisch und menschlich umfassendes Problem ist, daß man doch vernünftigerweise nie erwarten darf, es militärisch zu lösen. Özdemir: So ist es. von Weizsäcker: Und hier ist ja eine lnterrelation. Je mehr sich dieser Kurs bei der türkischen Regierung durchsetzt, desto besser können auch wir uns, wenn auch nur ganz zart, von außen beteiligen. Je schärfer der Konflikt in der Türkei selber ist, desto mehr sind auch wir hier wieder die mehr oder weniger ratlos Betroffenen. Özdemir: Es gibt ein sehr schönes türkisches Sprichwort. »Ein guter Freund sagt stets die Wahrheit«. Und wir sind ja nun befreundet mit der Türkei und insofern glaube ich, ist es nicht etwas Unverfrorenes, wenn man sich unter Freunden die Wahrheit sagt und vor allem darauf hinweist, daß man mit kriegerischen Mitteln im ausgehenden 20. Jahrhundert keine 'Konflikte mehr löst, sondern mit anderen zivilen Mitteln lösen muß. Ich glaube die Türkei wartet darauf, daß diese Wunde endlich geheilt wird. Man sollte von anderen Beispielen in der Welt lernen. Und wenn Deutschland als befreundetes Land der Türkei hier seinen Beitrag zu einer Konfliktlösung leisten kann, dann glaube ich, daß das Menschen in und aus der Türkei – sowohl Türken wie Kurden – wahrscheinlich sehr lange in Erinnerung behalten würden. von Weizsäcker: Ich glaube Sie können uns allen sowohl in der allgemeinen Öffentlichkeit als auch unter Ihren BundestagsKolleginnen und Kollegen wirklich weiter helfen mit Ihrer eigenen Geschichte und mit Ihrer Entschlossenheit, hier zur friedlichen und vernünftigen Lösung zu führen, ohne – wie gesagt - daß wir Deutschen uns hier einbilden, wir könnten das Problem wirklich lösen. Weiter guten Etfolg für diese Ihre Arbeit! Özdemir: Danke. von Weizsäcker: Frau von Welser, ich habe natürlich große Scheu, hier als Moderator zu sitzen, um Ihnen das Wort zu erteilen. Wer bin ich, der ich das dürfte. Ich möchte aber doch sagen, Frau Hamm-Brücher hat es ja schon angedeutet, daß der Anteil der männlichen Zuschauer bei Ihren Zuschauern ständig wächst. jedenfalls wären die Männer ganz gut beraten, wenn sie dazu beitragen würden. Aus zwei Gründen meiner Meinung nach: Das eine ist, daß ich diese Sendung in dem ganzen weiten Bereich der gesellschaftlichen und menschlich-persönlichen Probleme ungefähr die zentralste und wichtigste halte, die ich aus dem Fernsehen kenne, ohne daß ich eine wirkliche Übersicht über das Fernsehen hätte. Es ist nun mal so, daß unter dem Stichwort, das Sie sich für Ihre Sendung gesetzt haben, anhand des Schicksals der Frauen für uns alle in der Gesellschaft und erst recht natürlich für die Männer deutlich wird, was wir nicht verstehen und was wir versäumen, wenn wir in den anderen allgemeineren Sendungen uns zu orientieren versuchen. Und das andere ist, daß es ja wahrscheinlich auch für »Mona Lisa« eine Ermunterung ist, sich nicht frauenintrovertiert alleine mit den Problemen zu beschäftigen, wenn sich immer mehr die Männer wirklich interessieren. Was sind denn Ihre Beschwerden mit uns Männern in Bezug aufIhre Sendung? von Welser: Zuerst einmal finde ich es wunderbar, daß 40% Männer »Mona Lisa« sehen. Zweitens, es gäbe noch mehr in diesem Land - Sie haben vollkommen recht, Herr von Weizsäcker -, wenn mehrere auch am Sonntagabend schauen würden. Aber da gibt es ja nun den Sport und da gibt es Serien... Ich denke, unter der Überschrift, was wir in Mona Lisa machen - Frauen interessieren sich für alles, deshalb machen wir im Frauenprogramm alle Themen -, versuchen wir, Männer auch als Partner im Dialog zu erreichen, mit ihnen gemeinsam etwas zu verändern und nicht nur in einer Sonder-und Außenrolle. Wenn ich mir überlege, daß im Bundestag immer noch nicht adäquat genug Frauen sitzen, wie in diesem Land Frauen leben, daß unverändert Frauen noch nicht das gleiche für ihre Arbeit verdienen, wenn ich mir überlege, daß Frauen immer noch an Heim und Herd überwiegend gedrängt werden unter der Maßgabe, Kinder brauchen die Mutter ganz zu Hause, deswegen haben wir nicht genug Kindergartenplätze usw. Dies führt sich fort im weiteren Lebensweg einer Frau. Daß der Wiedereinstieg mit 35 in unserem Land, wenn eine Frau zu Hause war und Kinder großgezogen hat, immer noch ein extremes Problem ist und daß wir in der jetzigen Zeit unter der Überschrift »Bündnis für Arbeit« als Frauen kaum vorkommen, das sind meine Beschwerden. von Weizsäcker: Das finde ich leider gar nicht überraschend und völlig legitim, daß Sie das in den Vordergrund stellen und als erstes unterstreichen. Ich möchte mir dennoch erlauben noch einmal hinzuzufügen, daß ich die Sendung »Mona Lisa« nicht zuletzt auch deswegen so packend finde, weil sie vom Blickpunkt und vom Schicksal der Frau her eben nicht nur das Schicksal der Frau schildert, sondern auch das Schicksal der Kinder und das Schicksal des Zusammenlebens. Ich finde immer, wenn eine bestimmte Gruppe sich bei uns - sagen wir einmal die Gewerkschaften oder die Wirtschaftsvertreter - zu Wort melden, um ihre völlig legitimen Interessen vorzubringen, dann bringen sie das Verständnis bei den anderen um so weiter voran, je mehr sie sich an den Problemen der zu erreichenden Zuhörer beteiligen. Das finde ich bei Ihnen gerade so gut gelungen. von Welser: Herzlichen Dank. Ich denke, die einzelne Geschichte, und das ist eine Idee, die wir in »Mona Lisa« von Anfang an weiterzubewegen versucht haben, die Geschichte des einzelnen Menschen exemplarisch für eine größere Geschichte zu zeigen, damit wir die Zuschauerinnen und Zuschauer damit erreichen, denn ich glaube nur durch eindrucksvolle Bilder, durch drastische Bilder und auch drastische Worte kann man Menschen erreichen, Emotionen erzeugen und auch etwas bewegen. von Weizsäcker: Ich möchte nur noch einmal sagen, ich finde die Sendung wegen ihrer kurzweiligen Ernsthaftigkeit so packend Man kann wirklich gar nicht anders, als konzentriert zuhören und versteht auf diesem Wege vom Schicksal der Frauen, von dem, was die Gesellschaft im ganzen ihnen schuldet und von dem, was die Gesellschaft im ganzen von ihnen erwarten darf. von Welser: Ich wage Sie nicht zu unterbrechen, möchte es aber wegen eines Wortes tun, weil es jetzt dreimal gefallen ist. Das »Schicksal« der Frauen, das ist mir ein wenig zu negativ, zu larmoyant. von Weizsäcker: Aber da ich auch immer nur vom Schicksal der Menschen spreche -, ich werde mir das aber zu Herzen nehmen. Bei Frau von Welser kann man natürlich auch wunderbare Sachen nachlesen. Sie haben so schöne Publikationen gemacht, z. B. über's Oktoberfest. Gibt es spezifisch weibliche Erfahrungen auf dem Oktoberfest? von Weiser: Kindheitserfahrungen. von Weizsäcker: Nein, also vielen Dank und ich bin sicher, daß Sie die ansteigende Kurve des Eindringend in unser Verständnis mit Ihren Sendungen weiter voranbringen werden und auch dafür gelten Ihnen unsere allerbesten Wünsche. von Welser: Herzlichen Dank. von Weizsäcker: Herr Bubis, wir kennen Sie alle und sind froh und dankbar, daß wir Sie haben. Die Art und Weise wie Sie mit jungen Leuten umgehen, wie Sie dafür sorgen, daß wir aus den verschiedenen religiösen, kulturellen und ethnischen Sektoren aufeinander zugehen, das alles imponiert uns immer wieder. Zugleich mahnen Sie uns einerseits auf das ernsthafteste und aufder anderen Seite haben Sie eine so entwaffnende Art, sich über Dinge zu äußern, daß man nicht in sich versinkt, sondern auch noch Träume daran hat, von Ihnen gemahnt zu werden, Und etwas anderes, was ich doch auch noch erwähnen möchte, Herr Bubis: immer wenn es mal im Ausland ein bißchen schwierig wird mit der Beurteilung dessen, was bei uns in Deutschland vor sich geht, dann sind Sie oft der erste, der mutigste und der überzeugendste und der gegenüber, daß wir in Deutschland auch Menschen sind Wo liegen z, Zt. Ihre Hauptsorgen, Pläne? Bubis: Ich habe keine besonderen Pläne, keine besonderen Sorgen. Ich will aber einige Feststellungen treffen aus der Erfahrung, die ich in den letzten 3 1/2 Jahren in Diskussionen, gerade oder überwiegend mit jungen Menschen gemacht habe. Und was Sie vorhin zuletzt gesagt haben, das hängt ein bisschen mit meiner Einstellung des nicht Verallgemeinernd zusammen. Ich ertrage es nicht, wenn irgendwelche,Dinge verallgemeinert werden, so wie Sie es auch angesprochen haben. Es ist natürlich schwierig, Gewalttäter zu ignorieren und zu sagen, wir nehmen sie nicht wahr und dann sind sie vielleicht nicht da. Die Gewalt kann man nicht und darf man auch nicht ignorieren, aber - dem stimme ich zu – daraus darf man nicht Verallgemeinerungen ziehen. Wenn es eine Gruppe gibt, die meint, ihre politischen Auseinandersetzungen nach Deutschland zu tragen, dann muß man denen begegnen, ohne aber zu sagen, das sind die Kurden oder das sind die Türken. Hier habe ich genauso oft das Bedürfnis zu sagen, die Gewalttäter, das sind nicht die Deutschen. Auch in Deutschland wird das oft auf die Jugend abgeladen, auf die sozial schwachen Jugendlichen, auf die sog. »No-Future-Gesellschaft«; wir tun manchmal so als ob wir kurz vor dem Weltuntergang stehen und da ist man geneigt, sehr schnell zu sagen, »na ja, die heutige Jugend". Die heutige Jugend ist viel besser als ihr Ruf in der eigenen Gesellschaft und das sage ich aus Erfahrung. Ich erlebe das in den Diskussionen. Die Jugend ist wißbegierig, die Jugend ist heute nicht bereit sich per order de Mufti Dinge anzuhören und das ist gut so. Sie wollen überzeugt werden, sie wollen diskutieren und sie wollen auch ihre Meinung an den Mann oder an die Frau bringen und das halte ich für das positivste Zeichen überhaupt. Der entscheidende Faktor ist, wir haben in der Zeit der schlimmsten Ausschreitungen erlebt, daß überwiegend dort Dinge geschehen sind, wo der Anteil der Fremden am geringsten war. Ob wir jetzt an Hoyerswerda oder Rostock denken, wo gerade mal 0,4% Ausländer da waren. Ich benutze nicht gerne das Wort Ausländer, das habe ich aus dem Zitat von Herrn Özdemir deutlich gelernt. Wir haben ein Beispiel. Wir haben die Woche des ausländischen Mitbürgers eingeführt, da haben sich besonders die Schweizer und die Österreicher gefreut, daß wir an sie gedacht haben, um sie in unsere Gesellschaft zu integrieren. Und als ich neulich eine »Woche des ausländischen Mitbürgers« in der Nähe von Frankfurt eröffnet habe, da war ich überrascht, da waren gar keine Schweizer da, auch keine Österreicher. Deshalb benutze ich nicht gerne das Wort von Ausländern, aber es gibt tausende von Beispielen: Je mehr Fremde in einer Gesellschaft leben, desto besser funktioniert das Zusammenleben. Und ich bin vielleicht ein Beispiel des Integrierten, der nicht seine eigene Religion, oder sein eigenes Verständnis oder seine eigenen Wurzeln dabei aufgegeben hat. Ich habe damit auch keine Probleme; meine jüdische Identität habe ich mir immer bewahrt, ohne daß ich deshalb nicht auch ein Teil der Gesellschaft geworden bin. Ich bin ja nun nicht nur auf dem Gebiet meines »closed shops«, »closed circles« tätig. Mir liegt sehr daran, die Meinung gerade der jungen Menschen in unserer Gesellschaft zu verändern. Wir sind sehr schnell dabei ,zu sagen, »die heutigeJugend«. Ein zweites, das auch kurz angesprochen wurde: Die Fremdenfeindlichkeit, auch die gewalttätige Fremdenfeindlichkeit, die kommt nicht aus den sozial schwachen Schichten oder aus den Rändern der Gesellschaft. Sie kommt aus der Mitte der Gesellschaft. Ich will hier eine eigene kurze Statistik, die zwar schon, zwei Jahre alt ist vorstellen. Ich glaube, daß sich daran nichts geändert hat. Unter den Gewalttätigen 1992/93 waren gerade mal 9% Arbeitslose - das war der Schnitt der Bevölkerung -, 1% einfache Arbeiter, aber 34% Angestellte, die alle im Beruf waren und 43% Schüler und Studenten. Da kann man nicht davon reden, daß das die Ränder der Gesellschaft sind, daß das die arbeitslosen Jugendlichen sind. Ein zweites will ich nur noch kurz erwähnen, woraus auch falsche Schlüsse gezogen werden: Es ist eine bedauerliche Tatsache, daß unter den Gewalttätern die überwältigende Mehrheit Jugendliche sind. Aber die Gesamtzahl steht in keinem Verhältnis zur Jugend. Wir sind die Gesellschaft und sind schnell dabei zu sagen, die ganzen Jugendlichen... Ich kann das aus meiner Erfahrung in den letzten Jahren aus den Diskussionen mit mehr als 300.000 Jugendlichen bestätigen, das trifft nicht zu. von Weizsäcker: Herr Bubis, Sie haben wirklich in großartiger Weise eine Aufgabe, die zunächst beschränkter zu sein schien, in dieser Weise zum Wohle unserer Gesellschaft im ganzen aufgegriffen und uns auch jetzt wieder Wichtiges vermittelt. Darf ich zum Schluß nur noch sagen: Wir haben es ja in der kommenden Zeit mit Schwierigkeiten zu tun, mit einer Migration zu uns hinein, aber auch von uns hinaus. Mobile Teile der Wirtschaft gehen hinaus, das Volk bleibt zurück. Die Leute, die in Not sind, kommen zu uns und wollen bei uns ein menschenwürdiges Leben suchen und finden; es wird zu Einschränkungen kommen müssen, aber nicht nur unter dem Begriff der Sparsamkeit, sondern ich meine es geht um eine Askese, die sowohl im materiellen Sinn wichtig sein wird, als auch in Bezug auf die Frage, inwieweit man sich mit einer Selbstbehauptung und Selbstrechtfertigung immer weiter zurücksetzen kann. Deswegen finde ich das Thema, das Frau Hamm-Brücher diesem Tag hier gegeben hat und die Preisträgerinnen und Preisträger, die sie dafür ausgesucht hat, wirklich an einem ganz zentralen Punkt unserer Zukunftsaufgaben angesetzt. Die verschiedenen Sektoren, die sich hier repräsentiert fühlen, fügen sich zu einem Ganzen zusammen. Wir müssen lernen, die eigenen festen Überzeugungen dazu zu benutzen, um die Standpunkte der anderen achten zu lernen. Das müssen wir in einem geistigen Sinne tun, dann können wir uns auch materiell in Bezug auf die Bescheidenheit erziehen, die wir brauchen werden in einer härter werdenden Zukunft. Deshalb gilt mein Hauptdank heute neben den Preisträgerinnen und Preisträgern Frau Hamm-Brücher, die uns beute hier zusammengebracht bat. » merken Schlußwort Hans-Jochen Vogel Meine sehr verehrten Damen und Herren, als regelmäßiger Gastgeber der Theodor-Heuss-Stiftung in ihren Jugendjahren und in den Folgejahren, als Laudator, Überbringer von Grüßen, aber auch als Schlußredner gehöre ich seit über 30 Jahren zu den festen Inventarstücken, mit deren Hilfe Sie, liebe Frau Hildegard, das Ihnen jeweils geboten erscheinende Maß an Überparteilichkeit und Ausgewogenheit der Verleihungsfeier herstellen. Denn zu Ihren bewundernswerten Fähigkeiten gehört auch die, die Redner bei einer solchen Gelegenheit mit leichter . aber doch strenger Hand so zu arrangieren, daß alles möglichst liberal aber doch im Gleichgewicht und zudem im zeitlichen Rahmen bleibt. Der sieht diesmal für das Schlußwort - mit Rücksicht auf die Fernsehübertragung - ganze 5 Minuten vor, von denen ich die erste jetzt schon fast verbraucht habe. Deshalb versuche ich das, was ich sagen will, in vier je einminütigen Bemerkungen unterzubringen. Erstens: Ich gratuliere Ignatz Bubis, Cem Özdemir, Maria von Welser und den Initiatoren und Gestaltern des Friedensdorfes Storkow. Jeder von Ihnen hat einen Aspekt dessen, was Theodor Heuss für wichtig hielt, in besonderer Weise Rechnung getragen. Daß Sie, Herr Bubis, zu den Preisträgern gehören, ehrt aber auch die Stiftung selbst. Denn über die furchtbaren Verbrechen während der Zeit der NS-Gewaltherrschaft hinweg knüpfen Sie mit Ihrer Person auch an die großen geistigen, politischen und gesellschaftlichen Traditionen des deutschen Judentums an. Zweitens: Ich danke Herrn von Weizsäcker für die Moderation des Gesprächs der Preisträger und Herrn Bischof Huber für die Gedanken, die er zum Jahresthema vorgetragen hat. Die Bereitschaft und die Fähigkeit zum Dialog haben beide Herren auch ihrerseits in der Vergangenheit häufig unter Beweis gestellt, insbesondere auch dann, wenn es unbequem war und Mut erforderte. Richard von Weizsäcker zumal in den Jahren seiner Präsidentschaft, aber wie wir gerade erlebt haben, auch als Moderator. Drittens: Herr Teufel und Herr Rommel haben einmal mehr deutlich gemacht, daß die in München geborene Stiftung inzwischen zu einer Schwäbin geworden ist. Vielen Dank für Ihre Grußworte. Übrigens muß ich als Münchner zugeben: Daß Oberbürgermeister und Ministerpräsident bei einer Veranstaltung der Heuss-Stiftung hintereinander gesprochen haben, das ist in München nie passiert. Wobei ich sagen muß, es war eigentlich nicht der Oberbürgermeister, der das Problem war. Viertens: Mein Dank gilt einmal mehr Hildegard Hamm-Brücher und allen, die die Preisverleihung vorbereitet haben. Einmal mehr konstatiere ich: Der Theodor-Heuss-Preis ist im Laufe der Jahre auch zu einem Hildegard-Hamm-Brücher-Preis geworden. Und wenn die Statuten nicht entgegenstünden, dann hätten Sie selber den Preis schon lange verdient. Das war's. Theodor-Heuss hätte auch an der heutigen Veranstaltung seine Freude gehabt. Nur als Pedant füge ich noch hinzu: Nach dem Mozart-Divertimento, für das wir dem Lotus-Quartett danken, ist die Preisverleihung beendet.

1996