Theodor Heuss Stiftung

Hans Koschnik, Helmuth Rilling

Hans Koschnik Der 31. THEODOR-HEUSS-PREIS wurde unter dem Jahresthema für 1995 "TATEN DER VERSÖHNUNG" HANS KOSCHNICK zuerkannt für sein jahrzehntelanges politisches Engagement im Dienste der Versöhnung vor allem mit Polen und Israel. In zahlreichen Ämtern und Aufgaben hat HANS KOSCHNICK herausragende Beitrage zu einer neuen Verständigung und schrittweisen Vertrauensbildung und Aussöhnung geleistet. Ohne ihn wäre die INTERNATIONALE JUGENDBEGEGNUNGSSTÄTTE in Auschwitz kaum zustande gekommen, desgleichen die Städtepartnerschaft Bremen-Haifa. Seitdem HANS KOSCHNICK im Sommer 1994 zum EU-Administrator zum Wiederaufbau der im Bürgerkrieg zerstörten Stadt Mostar bestellt wurde, hat er - unter ständiger persönlicher Gefährdung - sein vielseitiges Können und seine Kräfte zum Wiederaufbau der zerstörten Stadt und zur Aussöhnung zwischen verfeindeten ethnischen Gruppen neuerlich unter Beweis gestellt. Mit Mut, geduldiger Vermittlung und persönlicher Integrität leistet er - stellvertretend für uns alle - Taten der Versöhnung und trägt damit entscheidend zur Glaubwürdigkeit seiner europäischen Mission bei.
Helmuth Rilling

Der 31.THEODOR-HEUSS-PREIS wurde unter dem Jahresthema für 1995 "TATEN DER VERSÖHNUNG" HELMUTH RILLING zuerkannt für sein jahrzehntelanges musikalisches Wirken im Dienste der Versöhnung vor allem in Ländern Osteuropas und in Israel. Schon 1976 hat die von ihm geleitete Gächinger Kantorei als erstes deutsches Ensemble zusammen mit dem ISRAEL PHILHARMONIC ORCHESTRA Konzerte in Israel gegeben und seither zahlreiche gemeinsame Tourneen veranstaltet. Bereits in den 80er Jahren bemühte sich HELMUTH RILLING, mit Konzerten und Akademien erste musikalische Brücken in viele Länder Osteuropas zu schlagen. Hunderte von jungen Musikern aus diesen Ländern konnten anschließend an Lehr- und Ausbildungsveranstaltungen vor allem an der INTERNATIONALEN BACHAKADEMIE in Stuttgart teilnehmen. Diese und andere, von HELMUTH RILLlNG. durch das Medium Musik und durch Zusammenarbeit und Unterstützung geleisteten Taten der Versöhnung, werden im Sommer 1995 mit der Uraufführung eines von Komponisten aus zwölf Ländern komponierten REQUIEM DER VERSöHNUNG einen neuen Höhepunkt finden. Mit der Zuerkennung des THEODOR-HEUSS-PREISES für 1995 soll die Lebensleistung des Musikers HELMUTH RILLING im Dienste des Friedens und der Aussöhnung öffentliche Anerkennung und Unterstützung finden.

Schüler Helfen Leben

Eine THEODOR-HEUSS-MEDAILLE 1995 wurde - unter dem Jahresthema der Stiftung "TATEN DER VERSÖHNUNG" der bundesweiten Aktion SCHÜLER HELFEN LEBEN zuerkannt für ihren außergewöhnlichen humanitären Einsatz in den Bürgerkriegsregionen im ehemaligen Jugoslawien. Ursprünglich 1992 von Schülervertretungen an Schulen in Bad Kreuznach und Mainz initiiert, später in Landes- und bundesweite Aktionen ausgeweitet, leisten ungezählte Schülerinnen und Schüler seit zwei Jahren neben Sammlungen (eine D-Mark pro Schüler) und Verschickungen von Hilfsgütern, konkrete Aufbauleistungen vor Ort in Flüchtlingslagern in Kroatien, in Schulen und Kindergärten in Bosnien. In Sarajewo ist der Aufbau einer Schule für taubstumme Kinder geplant. Diese Schüleraktion ist ein vorbildliches Beispiel junger Menschen für verantwortungsbewußte Hilfsbereitschaft, Einsatzfreude und Solidarität - also für TATEN DER VERSÖHNUNG - die die Anerkennung, Unterstützung und Ermutigung durch eine THEODOR-HEUSS-MEDAILLE verdienen.

Freiwillige Soziale Dienste Europa

Eine THEODOR-HEUSS-MEDAILLE 1995 wurde - unter dem Jahresthema der Stiftung "TATEN DER VERSÖHNUNG" dem Projekt FREIWILLIGE SOZIALE DIENSTE EUROPA in der INITIATIVE CHRISTEN FÜR EUROPA E. V. mit Sitz in Dresden, Aachen, Berlin und Warschau zuerkannt. Initiiert und geleitet von PATER THEOBALD RIETH SJ leisten junge Erwachsene aller Konfessionen ein freiwilliges soziales Jahr an Brennpunkten sozialer Nöte in Europa. Derzeit arbeiten jährlich etwa 50 Freiwillige für ein Jahr an etwa 40 Einsatzorten in acht europäischen Ländern, z.B. in Krankenhäusern, Altersheimen, in Waisen- und Obdachlosenheimen oder bei der Betreuung ehemaliger KZ-Häftlinge... Besonders bemerkenswert ist ein Projekt in Nordirland, in dem protestantische und katholische junge Iren zusammengeführt, betreut und zu Berufsausbildungskursen nach Deutschland eingeladen werden. Mit diesem Einsatz leistet jeder Freiwillige, der sich zu diesem sozialen Dienst verpflichtet, TATEN DER VERSÖHNUNG, die durch die Zuerkennung einer THEODOR-HEUSS-MEDAILLE anerkannt, unterstützt und ermutigt werden sollen.

Taten der Versöhnung

Theodor Heuss Stiftung Theodor Heuss Stiftung Theodor Heuss Stiftung Theodor Heuss Stiftung Theodor Heuss Stiftung Theodor Heuss Stiftung Theodor Heuss Stiftung Theodor Heuss Stiftung Theodor Heuss Stiftung Theodor Heuss Stiftung Theodor Heuss Stiftung Theodor Heuss Stiftung Theodor Heuss Stiftung Theodor Heuss Stiftung Theodor Heuss Stiftung Theodor Heuss Stiftung Theodor Heuss Stiftung Theodor Heuss Stiftung Theodor Heuss Stiftung Theodor Heuss Stiftung Theodor Heuss Stiftung Theodor Heuss Stiftung Theodor Heuss Stiftung Theodor Heuss Stiftung Theodor Heuss Stiftung Theodor Heuss Stiftung

Begrüßung Ludwig T. Heuss Hochverehrter Herr Bundespräsident, verehrter Herr Ministerpräsident, sehr verehrte Preisträger, sehr geehrte Ehrengäste, meine sehr geehrten Damen und Herren, es ist mir eine große Freude, Sie heute zur 31. Verleihung des THEODOR-HEUSS-PREISES hier in Stuttgart begrüßen zu dürfen. An erster Stelle darf ich Sie, sehr geehrter Herr Bundespräsident, herzlich willkommen heißen. Wir sind sehr froh, und auch ein wenig stolz, daß Sie die Tradition fortführen und heute persönlich an unserer Feierstunde teilnehmen. Ich bin überzeugt, Sie werden sich in dieser Umgebung wohlfühlen. Ich begrüße sehr herzlich die beiden Preisträger des THEODOR-HEUSS-PREISES 1995: - Herrn Hans Koschnick und - Herrn Helmuth Rilling. Im weiteren darf ich die Empfänger der diesjährigen THEODOR-HEUSS-MEDA ILLEN willkommen heißen, nämlich die - Vertreter der Schülerinitiative »Schüler helfen leben« und die Vertreter der Initiative »Christen für Europa« mit ihrem Projekt »Freiwillige Soziale Dienste Europa«. Ich darf sehr herzlich Sie, Herr Altbundespräsident Richard von Weizsäcker, als Vorsitzenden des Kuratoriums willkommen heißen, und - gestatten Sie mir diesen Kunstgriff - mit Ihnen auch alle weiteren zahlreichen früheren Preisträger, die heute unter uns sind. Meine sehr geehrten Damen und Herren, bei der Vielzahl an Ehrengästen und Freunden die heute unter uns sind, gäbe es noch manche berechtigte Grußadresse. Erlassen Sie mir in der gebotenen Kürze der Zeit, Sie alle namentlich zu erwähnen. Seien Sie uns vielmehr alle sehr herzlich willkommen. Wir sind froh und dankbar; es ermutigt unsere Preisträger, es tut uns gut, Sie heute unter uns zu wissen. Der schöne, feierliche Rahmen dieser Stunde soll uns nicht über den Ernst ihres Inhaltes hinwegtäuschen. »Taten der Versöhnung«. Ein Imperativ in einer Welt, die an der Realität von Vergangenheit und Gegenwart fassungslos verzweifeln könnte. Auschwitz, Majdanek, Jasenovac, Warschau, Coventry, Dresden, Hiroshima, Vukovar, Sarajevo, Kabul, Grosny. Wie soll aus solchen Wunden jemals Versöhnung möglich sein? Ivo Andric, der Literatur-Nobelpreisträger des Jahres 1961, hat zu dem schrecklichen und seltsamen Kampf, der seit Jahrhunderten, meist unter dem Deckmantel der Religionen, seine bosnische Heimat heimsuchte, mit dem diehterischen Denkmal einer steinernen Brücke über den Grenzfluß eine künstlerische Antithese geschaffen. Es ist derselbe Fluß, an dem heute, wenige Kilometer stromaufwärts, die Stadt Gorazde liegt. Ein Bild, das letztes Jahr um die Welt ging - das Bild eines unsicheren Stegs über den zerschossenen Ruinen der alten Neretva-Brücke von Mostar - symbolisiert beides; den Irrsinn brutaler Gewalt und Zerstörung, aber auch die Hoffnung, trotz allem Leid, trotz allen Irrungen der Politik und der Ideologien, einmal wieder aufeinander zugehen zu können. Zu Taten der Versöhnung, mutigen Schritten gegen den Strom der Gleichgültigkeit, gibt es keine Alternative! Als Kontrapunkt gilt in der Welt der Musik die Gegeneinanderführung von zwei oder mehreren melodischen Linien, um ein dieht verwobenes, komplexes Klangbild zu erreichen. Der Kontrapunkt entsteht nicht zufällig, er verlangt nach der Tat, nach dem gezielten, richtigen Dagegensetzen zur Erlangung der Harmonie, sei sie nun konsonant oder dissonant. Auch, und gerade in einer freien Gesellschaft mit einer funktionierenden Demokratie, bedarf es der sorgsam gesetzten Kontrapunkte eines tätigen Engagements. Solche zu ehren und zu ermutigen, sind wir heute zusammengekommen. » merken Begrüßung Oberbürgermeister Manfred Rommel Im Namen der Stadt Stuttgart begrüße ich Sie herzlich. Besonders darf ich die Preisträger und die Empfänger der Medaillen begrüßen und ihnen, die Verleihung vorwegnehmend, gratulieren. Zwar sollte man eigentlich Glückwünsche erst dann aussprechen, wenn das Ereignis, das sie auslöst, entweder gerade stattfindet oder bereits stattgefunden hat. Aber da die Zeitspanne zwischen meinem Grußwort und dem Ereignis kurz ist und die Verleihung deshalb so gut wie sicher ist, und da ich nach dieser nicht mehr das Wort bekomme, und da es zeitökonomisch ist, spreche ich schon jetzt meine Glückwünsche aus. Ich nütze die Gelegenheit, um zwei Schwaben und zeitweilige Stuttgarter zu erwähnen: 1. Hegel. Das Jahresthema lautet: »Taten der Versöhnung.« Für unseren Landsmann Hegel war »Versöhnung« ein zentraler Begriff. »Philosophie als Versöhnung des Gegensatzes von Leben und Bewusstsein des modernen Verstandes.« Versöhnung als tiefere Einsicht, als bessere Vernunft. Versöhnung nicht nur als Änderung der Gefühle, sondern auch Änderung des Denkens, vor allem aber Änderung der Praxis. 2. Schiller. Schiller schreibt in seinen »Sprüchen des Konfuzius«: Dreifach ist der Schritt der Zeit: Zögernd kommt die Zukunft hergezogen. Pfeilschnell ist das Jetzt entflogen. Ewig still steht die Vergangenheit. Ich knüpfe an die letzte Zeile an: Die Vergangenheit können wir zwar bedauern, aber nicht ändern. Wir können aber aus ihr lernen. Je unheilvoller sie war, desto mehr wird das Können zum Müssen. Die Gegenwart, das heißt das Jetzt, entfliegt noch immer pfeilschnell, aber wir nehmen gegenwärtige Freuden und Schmerzen ernster als künftige Chancen und Risiken. Das ist menschlich, aber gefährlich. Denn die Zukunft kommt nicht mehr zögernd daher wie zu Schillers Zeiten, sondern machtvoll und schnell. Angesichts einer solchen Zukunft muß vor allem das Fundament fest sein. Das Fundament ist die Demokratie. Die Demokratie muß handlungsfähig und kräftig bleiben. Es geht nicht um eine imaginäre Demokratie, die sich dieser links und jener rechts von der Realität erträumt. Sondern es geht, wenn ich es so sagen darf, um die real existierende Demokratie, die Demokratie, die wir tatsächlich haben, natürlich einschließlich der Option, sie im Rahmen des Möglichen zu verbessern, aber auch mit der Verpflichtung, sie nicht zu verschlechtern. Wer das aus unserer Vergangenheit nicht gelernt hat, dem ist nicht zu helfen. Hier hilft kein Klagen, kein Mahnen, kein Aufrütteln, kein Kerzen-Anzünden, sondern nur praktisches Engagement für die bestehende Demokratie, die uns im Westen vor knapp 50 Jahren wiedergeschenkt wurde. Es gilt nicht nur, den Feinden dieser Demokratie zu widerstehen, sondern auch der Gleichgültigkeit. Daß diese Demokratie auch in schwierigen Zeiten Bestand hat, nämlich dann, wenn sie nicht mehr in der Lage ist, sich durch ständig verbesserte Leistungen Wohlwollen zu erwerben, das ist auch die Voraussetzung dafür, daß es bei der Versöhnung bleibt und daß die Versöhnung weiter fortschreitet, zu der uns viele Opfer und frühere Gegner die Hand gereicht haben und noch reichen. Ich freue mich, daß heute Persönlichkeiten ausgezeichnet werden, die das demokratische Deutschland und das friedfertige Deutschland glaubhaft verkörpern, und Initiativen, die vorbildlich sind. » merken Begrüßung Ministerpräsident Erwin Teufel Baden-Württemberg, für dessen Einheit sich THEODOR HEUSS schon in der Weimarer Republik einsetzte, grüßt alle Gäste zur diesjährigen Verleihung des THEODOR-HEUSS-PREISES. Das Heimatland des ersten Bundespräsidenten grüßt ganz besonders unseren heutigen Bundespräsidenten Professor Roman Herzog und seinen Vorgänger Richard von Weizsäcker, ebenfalls einen Sohn dieses Landes. Seit je zeichnet sich die THEODOR-HEUSS-STIFTUNG bei der Verleihung des THEODOR-HEUSS-PREISES durch kluge Umsicht und hohe Treffsicherheit aus. Das ist vor allem das Werk der Vorsitzenden, Frau Hildegard Hamm-Brücher. »Der Friede ist kein Naturzustand«, sagt Immanuel Kant. Also bedarf es der Friedensstifter. Friedensstifter sind Menschen der Tat und des Handeins, nicht des Zögerns und Zauderns. Klugheit zeichnet sie ebenso aus wie Mut. Hans Koschnick war schon als bremischer Regierungschef und Bonner Parlamentarier ein Brückenbauer. Heute ist die Wiederherstellung der zerstörten Brücke in Mostar symbolisch wie praktisch seine Aufgabe, für die er ausgewählt wurde und die er sich ausgewählt hat. In der Ausweglosigkeit sucht er Wege der Versöhnung und des Aufbaus. Helmuth Rilling, ein begnadeter Dirigent und schöpferischer Interpret Bach'scher Musik, hat vor 40 Jahren in dem kleinen Albdorf Gächingen seine Gächinger Kantorei gegründet und sie und die Bachakademie zu höchstem internationalem Ansehen geführt. Als die Politik noch keinen Zugang hatte, war er der Botschafter Deutschlands in Rußland, in Osteuropa, in Israel. Ein Mann der Versöhnung durch Gesinnung und Tat. Zeichenhaft hat er Friedlosigkeit überwunden. Helmuth Rilling und Hans Koschnick haben auf ganz unterschiedliche Weise in Freiheit das Böse durch das Gute besiegt und uns allen ein Beispiel praktischer Versöhnung gegeben. Es ist gut, gegen den Krieg zu sein. Es ist besser, etwas für den Frieden zu tun. »Entscheidend für politisches Handeln ist die moralische Leidenschaft«, sagt THEODOR HEUSS. Mit der THEODOR-HEUSS-MEDAILLE wird eine Schüleraktion ausgezeichnet, die mit großem Einsatz Hilfe für Kinder in den Kriegsgebieten des ehemaligen Jugoslawien leistet. Ihr an die Seite gestellt ist eine Gruppe junger Christen aller Konfessionen, die ihr Freiwilliges Soziales Jahr an ganz unterschiedlichen Brennpunkten menschlicher Not, ableisten. Sie alle geben ein Beispiel selbstlosen Helfens. Nicht im Großen liegt das Gute, sondern Im Guten liegt das Große (Aristoteles). » merken Gedanken zum Jahresthema Jens Reich Verehrte Festversammlung! Liebe Ausgezeichnete! »Taten der Versöhnung« - so heißt das Motto in diesem Jahre 1995, und ich bin aufgefordert, eine kurze Rede zu halten. Da zeigt sich sofort der Widerspruch. »Taten der Versöhnung« sind gefragt, nicht »Reden der Versöhnung«. »Wenn gute Reden sie begleiten, dann fließt die Arbeit munter fort!« Die Älteren unter uns haben noch Schiller gelernt. Stimmt der Spruch noch? Schreitet die Versöhnung munter fort, wenn gutgemeinte Reden darüber sie begleiten? Oder wenn nicht muntere Reden, dann wenigstens ernste Reden? Kann man Versöhnung durch Worte erreichen, durch eine Predigt? Das Wort »Versöhnung« setzt heftigen Streit voraus. Es setzt weiterhin voraus, daß der Streit beigelegt ist. Vor einer Versöhnung steht die Einsicht, daß es notwendig ist, den Streit zu beenden. Heftigen Streit haben wir Überall. Wir haben Krieg, wohin wir uns wenden. Nach 50 Jahren kalten Waffenstillstandes zeigt sich, daß alles, was erreicht wurde, die Verhinderung des Ausbruchs eines offenen Weltkrieges war. Seit der Auflösung der Großkonfrontation sind überall die mittelgroßen Feuer aufgelodert. Balkan, Kaukasus, Afghanistan, Ruanda, Somalia, Kambodscha, Peru/Ecuador, Timor, Palästina: überall Krieg. Überall Eskalation. Überall Auge um Auge, Zahn um Zahn. Und wo nicht offen gekämpft wird, da schwelen die Konflikte, können jederzeit ausbrechen. Auf dem indischen Subkontinent zum Beispiel. Wer weiß, was mit China wird. Aber nicht nur außerhalb unserer Grenzen herrscht Streit. Auch hier in Deutschland, das seit 50 Jahren in keinen Krieg verwickelt war, werden Menschen gejagt, geschlagen, abgeschoben. Politische und soziale, ja sogar wirtschaftliche Konflikte werden ausgetragen, als ginge es um die Existenz. Die Abwicklung des Realsozialismus gerät zu einer heftigen Kontroverse zwischen Opfern und Tätern, gegenseitigen Schuldvorwürfen, verlangt stets die Unterwerfung des anderen, bevor von Versöhnung die Rede sein könne. Erst dieser Tage hat sich in Berlin ein Universitätsangehöriger von der Brücke in den Tod gestürzt, weil er das Verdikt einer Ehrenkommission und die damit verbundene Verachtung der Öffentlichkeit nicht ertragen konnte, wobei die Öffentlichkeit nicht einmal erfährt, ob hier ein Pharisäergericht arrogant geurteilt hat oder ob ein Judas sich erhängt hat. Vermutlich sind beide Worte zu stark gewählt; aber es bleibt dabei: Hier hat sich einer das Leben genommen, weil er mit der Vergangenheit nicht zurecht kam, die wir anderen alle miterlebt haben. So herrscht also überall kalter oder heißer Bürgerkrieg, Weltbürgerkrieg, lokaler Bürgerkrieg, Krieg mit scharfen Waffen und Krieg mit Worten: Was soll da das Wort Versöhnung, was soll Versöhnung als Wort, sollen Opfer und Täter ein Friedensfest feiern, sollen sich Mörder und Ermordete verbrüdern, sollen Schläger und Geschlagene ein Friedensfest feiern, sollen Ausbeuter und Ausgebeutete einen Ausgleich finden? Nimm dir einen beliebigen von all den Konflikten heraus und versuche eine Analyse. Du wirst stets finden, daß der Streitwert weit geringer ist als die Verluste, die leichten Herzens in Kauf genommen werden. Kein Sieg wird lohnen, jedenfalls nicht für die erdrückende Mehrheit aller davon Betroffenen. Es gibt keinen gerechten Krieg mehr, es gibt keinen einsehbaren Streit. Alles ist ein Minussummenspiel. Und genau diese Einsicht wirst du mit Worten nicht durchbringen. Das kollektive Gehirn ist vernagelt gegen die Einsichten, die jedem einzelnen Gehirn logisch zur Verfügung stehen. Das kollektive Hirn schaltet die Vernunft aus und wählt als Handlungsmaxime den Poker: Nur nicht nachgeben! Der andere muß nachgeben! Dann kann Versöhnung sein. Genau das aber führt stets zur neuen Eskalation. Da gibt es, nach aller Erfahrung, nur eine einzige Schlußfolgerung: Worte der Versöhnung sind sinnlos, sie dreschen leeres Stroh. Es müssen Handlungen geschehen, die Versöhnung voraussetzen, also setzen, bevor die logischen Bedingungen dafür, nämlich die Einstellung der Feindseligkeiten gegeben sind. Die Handlung muß gegen die Logik, muß in einem streng sachlichen Verstand sinnlos sein. Solche Handlungen wurden heute zur Preisverleihung ausgewählt. Wir werden sie in wenigen Augenblicken beschrieben bekommen. Wortloses Handeln ist die einzige Strategie mit Chancen. Hört auf mit dem endlosen Redefluß! Alle Erfahrung spricht dagegen. Und so will ich mich jetzt daran halten und für die den Platz räumen, die mit Taten der Versöhnung begonnen haben, anstatt zu palavern! Ich ziehe den Hut vor ihnen und trete ab. » merken Begründungen und Verleihung Hildegard Hamm-Brücher Herr Bundespräsident, liebe Preisträgerinnen und Preisträger, liebe Freunde und Förderer unserer kleinen THEODOR-HEUSS-STIFTUNG! Ich freue mich einfach unendlich, Sie hier alle wiederzusehen oder zum ersten Mal zu sehen, und ich bin sehr bewegt, ich muß es zugeben. Ich muß versuchen meine Damen und Herren, Ihnen zu begründen, weshalb die THEODOR-HEUSS-STIFTUNG in diesem Jahr diese Auswahl und dieses Motto getroffen hat. Wir gedenken ja in diesem Jahr überall in Deutschland und Europa der historischen Ereignisse vor 50 Jahren, des Kriegsendes und der Befreiung von der Nazi-Diktatur mit einem großen Aufgebot hochrangiger Veranstaltungen, Veröffentlichungen und Fernsehproduktionen. Angesichts dieses Angebotes haben wir uns in der Stiftung natürlich fragen müssen, welch einen eigenständigen Beitrag eine kleine, überwiegend frei finanzierte Stiftung da überhaupt leisten kann. Eine, von Parteien und Regierungen unabhängige, demokratische Stiftung, die den Namen unseres ersten Bundespräsidenten THEODOR HEUSS trägt, und seit nunmehr 31 Jahren in dankbarer Erinnerung an sein Wirken und mit großer Hilfe der Landesregierung und der Stadt Stuttgart - dafür sind wir immer wieder dankbar - zu Bürgerengagement und Verantwortung ermutigt, und damit zur Prosperität unserer demokratischen Kultur beitragen möchte. Aus der Sicht dieses Stiftungs-Selbstverständnisses befürchteten wir, und auch meine Vorredner und Freunde haben das gesagt, daß noch so eindringliche Worte des offiziellen Gedenkens, so nötig sie in unserer schnellvergeßlichen Zeit auch sind, bei Überdosierung dann zu Worthülsen werden können, wenn bei den Zuhörern nicht auch spontane Empfindungen des persönlichen Gemeintseins aufkommen, und darauf kommt es uns heute an. Außerdem wurde uns klar, daß sich die Lehren aus den nationalen und europäischen Katastrophen dieses Jahrhunderts - je länger sie nun zurückliegen - vor allem bei jungen Menschen nicht allein an Erinnerungsdaten festmachen lassen. Also haben wir uns bemüht, für unsere diesjährige THEODOR-HEUSS-PREISVERLEIHUNG einen anderen Ansatz, nämlich den des tätigen Erinnerns zu finden und unsere Auswahl unter das Motto TATEN DER VERSÖHNUNG gestellt. Dann haben wir nach Beispielen von Einzelnen und von Gruppen Ausschau gehalten, die durch persönlichen Einsatz zu friedlichem Zusammenleben und damit zu dauerhafter Versöhnung bei uns und in Europa beitragen und - zu unserer Freude - dafür viele ausgezeichnete, meist wenig bekannte Beispiele gefunden. Die Auswahl fiel uns schwer! Traditionsgemäß obliegt die Vorstellung und Begründung dafür der Vorsitzenden, die sich diese Aufgabe heuer zum ersten Mal mit zwei männlichen Mitgliedern von Vorstand und Kuratorium teilt. Damit wollen wir nicht nur eine kleine optische Abwechslung in die Verleihungszeremonie bringen, sondern auch einmal männliche Akzente setzen. Und noch etwas: Die THEODOR-HEUSS-STIFTUNG meidet, Bambis an ohnehin Prominente zu vergeben, sondern möchte Einzelne und Gruppen auszeichnen, die zumeist nicht im Rampenlicht stehen, wohl aber - oft unter großen Schwierigkeiten und Belastungen - beispielhaft wirken und deshalb - wie unsere beiden Gruppen, wie Hans Koschnick und - auf ganz anderem, aber nicht minder wirksamen Felde - auch Helmuth Rilling, der Anerkennung und Ermutigung bedürfen. Ich mache den Anfang mit den bei den Gruppen, die im Dienste der Versöhnung beispielhaften persönlichen Einsatz leisten. I. SCHÜLER HELFEN LEBEN - welch ein anrührendes Motto für ein Engagement, das sich - aufgerüttelt vom Mitleid via Fernsehbilder - nicht in einer einmaligen spontanen Hilfsaktion erschöpft hat, sondern zu einem dauerhaften Beitrag humanitärer Hilfe - vor allem für Kinder und Jugendliche - in den Bürgerkriegsgebieten im ehemaligen Jugoslawien entwickelt hat. Begonnen hat die Aktion »Schüler helfen leben« Weihnachten 1992 im Landkreis Bad Kreuznach und in Mainz an 20 Schulen, in denen 20 Tonnen Lebensmittel und Hilfsgüter gesammelt, in Lastwagen nach Zagreb transportiert und in drei Flüchtlingslagern verteilt wurden. Angesichts der erschütternden Eindrücke, die die Schüler von diesem ersten Transport mitbrachten, wird die Fortsetzung und Ausdehnung des Projektes beschlossen. Der Aufruf zum Mitmachen wird im Frühjahr 1993 über die Landesschülervertretung an alle rheinlandpfälzischen Schulen und alsbald auch in alle anderen Bundesländer verschickt. Schon nach zwei Monaten beteiligen sich über 300 Schulen, fahren 16 Transporte mit über 300 Tonnen Hilfsgütern von Schülern begleitet in Flüchtlingslager nach Zagreb, Karlovac, West-Slawonien und Süd-Dalmatien. Gleichzeitig wird bundesweit die Aktion »jeder Schüler gibt eine Mark« gestartet, die über 3 Millionen Mark erbringt und von Landesregierungen (vor allem Rheinland-Pfalz), später auch vom Bund (Bundestagsunterausschuß Humanitäre Hilfe und Auswärtiges Amt) unterstützt wird. Seit September 1993 arbeiten jeweils zwei Schüler (Abiturienten) in Zagreb, später auch in Sarajewo und Mostar mit inzwischen neun Mitarbeitern vor Ort, um konkrete Hilfsprojekte - vor allem im Bereich Schul- und Jugendarbeit - zu planen, zu finanzieren und umzusetzen. Hier sind die wichtigsten: 13 Schulprojekte: Wiederinstandsetzung unter Mitarbeit von Schülern - von Kindergärten, Grundschulen, Schulküchen etc., Beschaffung und Verteilung von Schulmöbeln, Büchern, Arbeitsmaterialien, Sportgeräten... 17 weitere Projekte in Flüchtlingslagern, Krankenhäusern etc.: z. B. Einrichtung von »Kinderzimmern«, Jugendclubs, Spielzeug, Kinderbücher, Lebensmittel, Medikamente... Die Liste der Projekte liest sich wie das Programm einer professionellen Hilfsorganisation mit hauptamtlichen Mitarbeitern und Experten und ist doch ausschließlich das Werk junger Menschen! Ich denke, es bedarf keiner weiteren Begründung, weshalb wir die Aktion: »SCHÜLER HELFEN LEBEN« heute mit einer THEODOR-HEUSS-MEDAILLE auszeichnen und mit Stiftungsmitteln unterstützen wollen! Sie arbeitet ohne nennenswerten Verwaltungsapparat mit einer Hingabe, die uns Hochachtung abnötigt, die zur Nachahmung anspornt und das Klischee widerlegt, daß junge Menschen nicht mehr bereit seien zum Einsatz und zur Hilfe für Andere. 2. Das Projekt FREIWILLIGE SOZIALE DIENSTE EUROPA ist Teil der INITIATIVE CHRISTEN FÜR EUROPA unter der Leitung von Pater Theobald Rieth SJ, mit Hauptsitz in Dresden, der leider sehr schwer erkrankt ist, und ich denke, wir sollten in unser aller Namen ihm eine recht gute und baldige Genesung wünschen. Es ist eine erstaunliche Leistung die hier vollbracht wird! Rund 150 Freiwillige aller Konfessionen leisten in 40-50 Einsatzorten in Ost- und Westeuropa (u. a. in Polen, Nordirland, Tschechien, Ungarn, Frankreich) für ein Jahr entweder ihren Ersatzdienst oder ein freiwilliges soziales Jahr in Europa für Europa. Die Berichte von »FRIEDIs« - so nennen sie sich - veranschaulichen am unmittelbarsten, was es mit diesen Diensten auf sich hat. Hier nur zwei Beispiele (mehr darüber im anschließenden Gespräch): o Workshops mit arbeitslosen katholischen und protestantischen Jugendlichen in Derry, Nordirland, - nach Terroranschlägen (in der Vergangenheit) oft unter besonders erschwerten Bedingungen: Eine freiwillige Helferin berichtet: »...meine schlichte Präsenz als Deutsche und Protestantin in einem katholischen Workshop in Nordirland ist so wichtig, daß es das geringe Risiko, das besteht, hundertfach aufwiegt und meinen Friedensdienst immer wieder rechtfertigt ... Und dann die Freude und Genugtuung, wenn sich lang und mühsam Geplantes verwirklichen Iäßt: z. B. unser »Wider-Horizon-Programm« für »unsere« Jugendlichen in deutschen Werkstätten des Kolping-Werks ... und umgekehrt deutscher Jugendlicher in nordirischen Workshops…«. o Bericht aus Polen. Etwa 20 Freiwillige in zahlreichen Einsatzorten von Danzig bis Krakau. Eine Freiwillige betreut in einem Heim ehemalige KZ-Häftlinge, zwei arbeiten im Deutsch-Polnischen Jugendwerk (Schulpartnerschaften), zwei weitere in der Stiftung »Glückliche Kindheit« mit Kindern aus zerrütteten Familienverhältnissen. Andere arbeiten in Altersheimen, in Gefängnissen, mit Behinderten, beim Aufbau außerschulischer Bildungsstrukturen, bei der Stiftung Kreisau/Krzyzowa. Ein Freiwilliger schreibt: »Ich glaube, hier liegt ein Ansatz europäischen Denkens, denn die deutsche Geschichte und deren Aufarbeitung ist nicht allein eine deutsche Angelegenheit, sondern betrifft Menschen auch in anderen Ländern ... denn wie kann ein Europa entstehen, das von nationaler Ablehnung und Ressentiments belastet wird?«... Wir meinen, daß der Ansatz und die Beiträge der »Freiwilligen Sozialen Dienste...« zukunftsweisend und sehr beeindruckend sind. Hier werden dauerhaft Taten der Versöhnung geleistet. Hierfür möchten wir jedem einzelnen »Friedi« herzlich danken - vor allem aber dem »spiritus rector« der Friedensdienste, Pater Theobald Rieth. Ohne seine religiöse und geistige Motivation, ohne sein organisatorisches Talent und seine unermüdliche Schaffenskraft würden die »Dienste« ihrem sich selbst verpflichtenden Auftrag nicht gerecht werden können. Wir haben die große Freude, als Vertreter Ungarns Pater Imre Kozma begrüßen zu dürfen. Es ist der gleiche Mann, der im Herbst 1989 den Flüchtlingen in unserer Botschaft in Budapest geholfen hat, und von dem gesagt wird, er sei derjenige gewesen, der den ersten Stein aus der Mauer gebrochen hat. Wir freuen uns ganz besonders, daß er heute unter uns ist. Jetzt und in Zukunft kommt es bei uns und in Europa nicht nur auf Worte, vielmehr auf TATEN DER VERSÖHNUNG an! Das ist die Botschaft, die die THEODOR-HEUSS-STIFTUNG im 50. Jahr nach Kriegsende und der Befreiung von der NS-Diktatur zusammen mit ihren Preisträgern, mit allen hier Versammelten, in die deutsche und europäische Öffentlichkeit hinaustragen möchte. » merken Marcus Bierich Helmuth Rilling hat - über das Medium der Musik - zur Versöhnung der Völker beigetragen. Er hat junge Menschen aus allen Teilen der Welt gefördert und hat ihnen ihre musikalische Bildung vermittelt. Seine internationalen Akademien und Konzerte in Israel, Amerika und Osteuropa haben Bindungen entstehen lassen, und eine Gemeinschaft über die nationalen Grenzen hinaus geschaffen. Mit Helmuth Rilling wird erstmalig ein Künstler und Musiker als Träger der Völkerverständigung mit dem THEODOR-HEUSS-PREIS geehrt. Die Stiftung anerkennt damit die bewegende Kraft der Kunst - hier der Musik - für die Versöhnung der Menschen. Diese versöhnende Kraft fließt aus mehreren Quellen: Aus der gemeinsamen Arbeit an den großen Werken der Kunst und der Freude, die die Vervollkommnung der eigenen künstlerischen Fähigkeiten verleiht. Aber auch aus den Kunstwerken selbst, die Rilling den jungen Sängern und Spielern erschließt. Er dringt damit in eine inhaltliche Tiefendimension der Musik vor, die den verborgenen Sinn hörbar macht. Rilling bemüht sich zugleich um die ihm anvertrauten Menschen der verschiedenen Kulturen und Herkünfte. Sie sollen auf möglichst persönliche und lebendige Weise lernen, ihr Können in den Dienst der Musik zu stellen. Wir werden noch eine Probe davon hören. Ein solcher Dienst verlangt Mut und Charakterstärke. Lassen Sie mich dafür einige Beispiele nennen: o Die russischen Veranstalter der ersten Moskau-Reise verlangten von Helmuth Rilling, daß er auf die Bach'sche h-Moll-Messe als zentrales Aufführungswerk verzichte. Aber vergeblich. Er hätte die ganze Reise daran scheitern lassen. Ferner: o Das erste deutsche Chorwerk, das nach dem Kriege in Israel vom Israel Philharmonic Orchestra und der Gächinger Kantorei aufgeführt wurde, war das Brahms-Requiem unter Leitung von Helmuth Rilling. Und schließlich: o Das diesjährige Europäische Musikfest der Bachakademie in Stuttgart steht unter dem Thema »Krieg - Versöhnung - Frieden«. Helmuth Rilling hat aus den Nationen, die sich im letzten Krieg als Feinde gegenüberstanden, 14 hervorragende Komponisten dafür gewonnen, gemeinsam ein »Requiem der Versöhnung« zu schreiben. Es wird am 15. August 1995 durch die Gächinger Kantorei und das Israel Philharmonic Orchestra unter seiner Leitung aufgeführt werden: Dies sind, meine ich, zugleich Beispiele für Taten der Versöhnung im Sinne unserer heutigen Veranstaltung. » merken Burkhard Hirsch Meine sehr verehrten Damen und Herren, lieber Bürgermeister Hans Koschnick! Wer den Lebenslauf von Hans Koschnick kennenlernen will, mag ihn im Munzinger nachlesen oder besser im Buch: »Hans Koschnick. Der Bürgermeister.« Hier genügt es zu sagen, daß Hans Koschnick der schnellstsprechende Politiker ist, den wir kennen, Jahrgang 1929. Seine Eltern, in der Arbeiterbewegung tätig, wurden vom NS-Regime verfolgt. Er übersteht den Krieg mit allen Verletzungen unserer Generation. Seine politische Laufbahn beginnt er mit 22 Jahren in einer Gewerkschaft. Er wird mit 26 Mitglied der Bremer Bürgerschaft, mit 34 Innensenator der Freien und Hansestadt Bremen - ein wunderbarer Titel -, mit 36 Bürgermeister - und bleibt das 20 Jahre lang -, mit 38 Präsident des Senates. Ab dann kann man nur noch die wichtigsten Präsidentschaften nennen: zweimal Bundesratspräsident, Präsident des Deutschen Städtetages, Präsident des Internationalen Gemeindeverbandes, Präsident der Deutsch-Israelischen Gesellschaft, ein Amt das er zu unserem großen Bedauern wegen seiner Berufung nach Mostar aufgeben mußte. Der diesjährige HEUSS-PREIS wird für »Taten der Versöhnung« vergeben: wie kommt also dieser hochgeschätzte Bundestagsabgeordnete und Alt-Bürgermeister dazu, nach Mostar zu gehen? Klaus Wedemeier hat Hans Koschnick bei der Verleihung einer hohen Bremer Auszeichnung als einen Mann des Ausgleichs, der Vermittlung, als Brückenbauer gefeiert und sich eben dafür auf die berühmte und zerstörte Brücke von Mostar bezogen, von der wir hoffen, daß Hans Koschnick sie in den Herzen der Moslems und Kroaten und ebenso in der Wirklichkeit wieder aufbauen wird. Das Brückenbauen ist das eine - Möglichkeiten der Versöhnung zu schaffen. Tat der Versöhnung ist noch etwas mehr - nämlich über die Brücke zu gehen, sich selbst einzusetzen, auch ein Risiko auf sich zu nehmen, um die Versöhnung zustande zu bringen. Und das hat Hans Koschnick getan. Er hat einmal als sein Motto genannt: »nur nicht verzagen«. Das klingt nach Herbert Wehner: »helfen, arbeiten, nur nicht verzweifeln,

1995