Theodor Heuss Stiftung

Václav Havel

Der THEODOR-HEUSS-PREIS 1993 wurde verliehen dem Schriftsteller, Staatsmann und Bürgerrechtler VACLAV HAVEL
Mit seinem lebenslangen, mutigen und konsequenten Engagement für Freiheit, Wahrhaftigkeit und Menschenwürde einzutreten - in Wort und Tat, im Reden und Handeln sowohl in Zeiten schwerster Unterdrückung und Verfolgung, als auch als erster Präsident der, sich in einer friedlichen Revolution vom Kommunismus befreiten Tschechoslowakei, - erfüllt Vaclav Havel, in beispielhafter Weise, Buchstaben und Geist der Satzung der THEODOR-HEUSS-STIFTUNG. In seiner Persönlichkeit und durch seine aufrechte Haltung stellt er immer von neue m unter Beweis, daß Politik und Moral keine unvereinbaren Gegensätze sein müssen.

Damit wird Vaclav Havel zu einem Symbol der Hoffnung für einen neuen Anfang im freiheitlichen Zusammenleben innerhalb und zwischen den Völkern und Staaten Europas und für die Erneuerung einer verantwortungsbewußten und glaubwürdigen politischen Kultur.

Der EUROPÄISCHEN STIFTUNG KREISAU/KRZYZOWA

Der EUROPÄISCHEN STIFTUNG KREISAU/KRZYZOWA für ihr beispielgebendes Engagement, am früheren Familienwohnsitz des Widerstandskämpfers und Begründers des KREISAUER KREISES, Helmuth James Graf Moltke, eine europäische Begegnungsstätte zu errichten.
Die Idee hierfür entstand erstmals 1989 bei Mitgliedern des Wroclaw IBreslauer »Clubs katholischer Intelligenz« und wurde seither mit Hilfe einer fruchtbaren deutsch-polnischen Zusammenarbeit, durch die Gründung von Förderkreisen und wachsender internationaler Beteiligung zu einer europäischen Stiftung mit zahlreichen Aktivitäten weiterentwickelt. In zahlreichen »Workcamps«, an denen sich Freiwillige aus acht europäischen Ländern am Aufbau der Infrastruktur für die geplante Begegnungsstätte beteiligen, in Tagungen, Veranstaltungen und zahlreichen Aktionen zur Finanzierung der Vorhaben, hat die Stiftung mit dem Sitz in Breslau/Wroclaw ihre ersten Bewährungsproben bestanden.
Dieses Projekt, das im Geiste eines aufeinanderzuwachsenden Europas an einer empfindlichen Nahtstelle deutschpolnischer Beziehungen und des vormals in Blöcke geteilten Europas verwirklicht wird, soll mit der Zuerkennung einer THEODOR-HEUSS-MEDAILLE an alle, die sich daran beteiligen, ermutigt, gefördert und zum Mitmachen empfohlen werden.

Dem Initiator des ersten EUROPÄISCHEN GESCHICHTSBUCHES FÜR SCHULEN FREDERIC DELOUCHE und den zwölf Historikern aus zwölf Ländern, die es erarbeitet haben

Dem Initiator des ersten EUROPÄISCHEN GESCHICHTSBUCHES FÜR SCHULEN FREDERIC DELOUCHE und den zwölf Historikern aus zwölf Ländern, die es erarbeitet haben.
In über achtjähriger Zusammenarbeit und in oft mühsamen Verständigungsprozessen ist es ihnen gelungen, ein Geschichtsbuch für Schulen in Europa zu erarbeiten, in dem versucht wird, gemeinsame Entwicklungen herauszuarbeiten und traditionell unterschiedliche Interpretationen von geschichtlichen Ereignissen, die geeignet sind, nationale Vorurteile zu tradieren oder nationale Leistungen überzubewerten, so darzustellen, daß daraus - bei sachkundiger Nutzbarmachung im Unterricht -ein europäisches Geschichtsverhältnis erwachsen kann.
Mit diesen Bemühungen wird ein erster avantgardistischer Beitrag geleistet, jungen Menschen die europäischen Dimensionen nationaler Geschichte und die Bedeutung der Überwindung von Einseitigkeiten, Vorurteilen und Feindseligkeiten bewußt zu machen. Weil Kenntnis und Verständnis europäischer Geschichte, die nicht vereinheitlicht, wohl aber in friedensfähiger Vielfalt interpretiert, eine Voraussetzung für einen dauerhaften und schließlich erfolgreichen europäischen Einigungsprozeß ist, soll diese bahnbrechende Leistung im Sinne der Satzung der THEODOR-HEUSS-STIFTUNG durch die Zuerkennung einer THEODOR-HEUSS-MEDAILLE ermutigt, gefördert und zur Weiterverbreitung empfohlen werden.

DER KLASSE 12B DER FREIEN WALDORFSCHULE IN MANNHEIM UND IHREM LEHRER ANTON WINTER

DER KLASSE 12B DER FREIEN WALDORFSCHULE IN MANNHEIM UND IHREM LEHRER ANTON WINTER für ihr bereits seit über zwei Jahre laufendes »RUMÄNIEN PROJEKT«, das mit seinen vielfältigen humanitären Initiativen und dem persönlichen Einsatz der Schülerinnen und Schüler zu lebendigen und vertieften Begegnungen zwischen deutschen und rumänischen Jugendlichen, aber auch mit Vertretern der ungarischen Minderheit geführt hat.
Darin liegt das Besondere und Beispielhafte am Waldorfschulprojekt: Daß von den Schülerinnen und Schülern nicht nur Transporte mit Kleidern, Lebensmitteln und anderen Hilfsgütern vor allem nach Siebenbürgen organisiert und durchgeführt wurden, sondern daß sie vielmehr während der Ferien auch tatkräftig beim Bau eines rumänisch-deutsch-ungarischen Kindergartens mitgearbeitet und zu guter Letzt - zum besseren Kennenlernen -eine gemeinsame »Kleine Sommeruniversität« und Besuchsreisen mitgestaltet und durchgeführt haben. Mit diesem Engagement, das weitergeführt werden soll, leisten alle daran Beteiligten einen freiwilligen und verantwortungsvollen Beitrag zur Überwindung von Gleichgültigkeit, Vorurteilen und Ignoranz zwischen Menschen, Völkern und Kulturen in West-und Osteuropa, das mit der Auszeichnung durch eine THEODOR-HEUSS-MEDAILLE ermutigt, gefördert und zum Weiter-und Mitmachen empfohlen werden soll.

Auf der Suche nach einem europäischen Zuhause

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Begrüßung
Ludwig T. Heuss
Exzellenz Hochverehrter Herr Bundespräsident,
Meine sehr geehrten Damen und Herren

Über Europas Herkunft ist uns wenig bekannt, wahrscheinlich stammte sie aus Kleinasien. Die Mythologie äußert sich nicht so sehr über ihre Abstammung, als über ihre Schönheit, wir wissen alle: Europa war in erster Linie eine Geliebte des Zeus, um derentwillen er sich in einen Stier verwandelte. Europa hat bis in unsere Tage nichts von ihrer Attraktivität eingebüßt, nur wird ihr Schicksal heute nicht mehr (oder nicht nur) von Göttern und Rindviechern bestimmt. Europa und insbesondere die Vision seiner gemeinsamen demokratischen Zukunft lebt, kann nur leben und gedeihen mit einer Politik, die der Ehrlichkeit und Wahrheit verpflichtet ist, mit dem Engagement und Verantwortungsbewußtsein seiner Bürger.
Meine Damen und Herren, es ist mir eine außerordentliche Ehre und Freude, Sie heute im Namen der Theodor-Heuss-Stiftung zu dieser Feierstunde anläßlich der 29. Verleihung des Theodor-Heuss-Preises hier im Schloß Ludwigsburg begrüßen zu dürfen.
An erster Stelle, und da ist unsere Freude wirklich ganz besonders groß, darf ich den heutigen Preisträger, seine Exzellenz den Präsidenten der Tschechischen Republik, Herrn Václav Havel, und mit ihm seine Gattin, Olga Havelova, begrüßen. Wir sind Ihnen sehr dankbar, daß Sie durch Ihre Anwesenheit und Mitwirkung dieser Stunde einen ganz besonderen Glanz verleihen.
Ich darf sehr herzlich auch Sie, sehr geehrter Herr Bundespräsident, zusammen mit Ihrer Gemahlin willkommen heißen. Wir schätzen uns glücklich, Sie einmal mehr, nicht nur als ehemaligen Preisträger, sondern auch als wohlwollenden Begleiter unserer Arbeit, mit uns wissen zu dürfen.
Ich begrüße den Botschafter der Tschechischen Republik, Herrn Jifi Grusa, sowie die Mitglieder der tschechischen Delegation.
Und dann darf ich an dieser Stelle die Empfänger der diesjährigen Theodor-Heuss-Medaillen willkommen heißen, nämlich die
- europäische Stiftung Krzyzowa/Kreisau, deren Vertreter heute unter uns sind,
- den Initianten des europäischen Geschichtsbuches, Mr. Frederic Delouche, sowie eine Gruppe der Autoren,
- und die Klasse 12 b der Freien Waldorfschule Mannheim mit ihrem Lehrer, Anton Winter.
Ein besonderer Gruß und Dank gilt auch unseren großzügigen Förderern und Gastgebern:
- dem Ministerpräsidenten des Landes BadenWürttemberg, Herrn Erwin Teufel
- und ich begrüße den Oberbürgermeister der Stadt Stuttgart, Herrn Manfred Rommel.
Beide, ebenfalls Mitglieder des Vorstandes der Theodor-Heuss-Stiftung, werden anschließend noch einige Worte zu uns sprechen.
Und ich begrüße - zum Glück ist der deutsche Südwesten so reich an barocken Profanbauten den Oberbürgermeister der Stadt Ludwigsburg, Herrn Hans Jochen Henke.
Wir freuen uns auch, den Landesbischof, Theo Sorg, heute unter uns zu wissen. Man darf also mit Fug annehmen, die Feier stehe auf einer soliden, verfassungsmäßigen und metaphysischen Grundlage, und dafür, daß sie zu einem vollendeten Abschluß kommt, wird sicherlich in gewohnter Weise Hans-Jochen Vogel sorgen, herzlich willkommen und herzlichen Dank!
Ich begrüße die Minister Frieder Birzele und Klaus von Trotha, sowie die Fraktionsvorsitzenden des Landtags von Baden-Württemberg.
Ein herzliches Willkommen im weiteren der großen Zahl ehemaliger Preisträger, die heute unter uns sind.

Meine Damen und Herren, bei der Vielzahl bedeutender Vertreter von staatlichen und kirchlichen Behörden, der Wirtschaft, Wissenschaft und Kunst wäre es ein Leichtes, Dutzende weiterer berechtigter Grußadressen vorzutragen! Meine Damen und Herren, erlassen Sie Ihnen und mir diese Übung, seien Sie einfach alle sehr herzlich begrüßt.
Lassen Sie uns vielmehr bei all der Festlichkeit und all dem Glanz der heutigen Feierstunde doch nicht den Grund vergessen, der uns hier zusammengeführt hat.
In Europa wurden in den vergangenen Jahren Mauern eingerissen und Grenzen überschreitbar. Innert Wochen und Monaten hat sich eine während Jahrzehnten geübte Optik verschoben und beidseits der alten Grenzen unerwartet neue Dimensionen und Räume geöffnet. Heute, nachdem eine sanfte Revolution den Eisernen Vorhang weggezogen hat, müssen wir vielfach bedrückt zur Einsicht kommen, daß sich dieser Kontinent schwer tut mit seiner neuen Freiheit und seinen neuen Dimensionen. Die Angst vor der Freiheit ließ rasch neue Mauern und Grenzen entstehen, wirkliche und imaginäre, Staatsgrenzen und Grenzen in den Köpfen der Menschen. Wir werden, so scheint es, mit Nachdruck daran erinnert, daß es die erste kulturgeschichtliche Leistung der Nachfahren der Europa war, auf Kreta ein Bauwerk aus Mauern und Irrwegen, eben ein Labyrinth, zu errichten.
Als Bürger stehen wir fassungslos vor gesellschaftlichen Entwicklungen in unserem Raum. Die furchtbare Grausamkeit des Krieges auf unserem Kontinent, die zunehmende Verrohung und Bereitschaft zur Gewalt auf der einen Seite, Apathie, Gleichgültigkeit, Konsumgier und Eigennutz auf der anderen; Skandale hier, Bestechlichkeit dort, wir sehen heute mit Schrecken ein Europa, von dem es scheint, als habe es nicht nur seine Unschuld, sondern auch seine Moral verloren.

In Ihren publizierten Schriften und Reden, sehr verehrter Václav Havel, begegnet man immer wieder zwei zentralen Apellen, die gleichermaßen politischer und moralischer Natur sind: es ist die Aufforderung an den Einzelnen, sich selbst als tragendes und mitverantwortliches Glied der Gesellschaft zu erkennen und durch den persönlichen Einsatz zum Gelingen der Demokratie beizutragen; und es ist andererseits die unabdingbare Verpflichtung auf moralische Integrität, die Verpflichtung, nicht zu unterscheiden zwischen einer menschlichen und einer politischen Verantwortung, denn:
»Wir haben nur eine Verantwortung; als erniedrigte Gefängnisinsassen und gesellschaftlich Enterbte und auch als eventuelle Sprecher des nationalen Willens müssen wir uns nach ein und demselben Gewissen richten; sich anders zu verhalten würde nicht nur bedeuten, die eigene Vergangenheit zu bespucken, sondern auch alle unsere Chancen.«

Die Medaillenempfänger der diesjährigen Preisverleihung haben es sich zu eigen gemacht, aus Eigeninitiative und Selbstverantwortung Mauern zu überschreiten und Gräben zuzuschütten, sie haben die Suche nach der Wahrheit zu ihrer Maxime genommen und »versucht, in ihr zu leben«. Die Theodor-Heuss-Stiftung hofft, daß diese stellvertretende Auszeichnung für viele andere zur Aufforderung oder Bestärkung wird, Gleiches zu tun, damit wir in Europa nicht nur eine gemeinsame Vergangenheit, sondern auch eine gemeinsame Zukunft haben.
Der große Comenius, und wie ließe sich abschließend der Bogen vom Präsidenten der Tschechischen Republik zu den Medaillenträgern wohl besser spannen, als mit einer Erinnerung an diesen bedeutenden und vorausblickenden Pädagogen und Schulbuchautor, der wichtige Jahre seines Lebens in Polen verbrachte; der große Comenius hat in seinem orbis pictus zwar natürlich nicht über Europa und seine demokratische Entwicklung geschrieben, dafür über elementare Wahrheiten und Grundlagen des menschlichen Seins. »Der Wille«, so erklärt er dcm Schüler bei der Beschreibung der menschlichen Eigenschaften, »der Wille macht Gebrauch von der Freiheit, das Gute zu wählen«.
Wenn das nicht beste europäische Tradition ist.

 

Grußwort
Ministerpräsident Erwin Teufel
Herr Präsident Havel,
verehrte Frau Havelova,
Herr Bundespräsident,
verehrte Frau von Weizsäcker,
meine Herren Botschafter,
Herr Landtagspräsident,
Herr Vizepräsident des Bundesverfassungsgerichts,
meine Damen und Herren Minister,
meine Herren Fraktionsvorsitzende,
meine Herren Oberbürgermeister,
Herr Landesbischof,
und last but not least
verehrte Frau Hamm-Brücher,
verehrte zukünftige Träger der Theodor-Heuss-Medaille,
meine Damen und Herren!

Als der Schriftsteller und Bürgerrechtler Václav Havel am 15.Oktober 1989 den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels erhielt, war sein Platz neben unserem Bundespräsidenten in der Frankfurter Paulskirche leer. Dem Preisträger wurde die Ausreise aus seiner Heimat verweigert.

Es erfüllt uns mit großer Freude, daß der Theodor-Heuss-Preisträger heute als Präsident unseres Nachbarlandes den Platz neben unserem Bundespräsidenten einnehmen kann. Ich heiße Sie, Herr Präsident Havel, und Ihre verehrte Frau in Baden-Württemberg herzlich willkommen.
Zu den bewegendsten Eindrücken des an historischen Ereignissen überquellenden Revolutionsjahres 1989 gehört für mich, daß exakt 2 1/2 Monate nach der Frankfurter Friedenspreisverleihung Václav Havel zum Präsidenten der Tschechoslowakei gewählt wurde. Ihr erster Besuch im Westen ging schon in den ersten Tagen Ihrer Amtszeit zu unserem Bundespräsidenten, den Sie verehren, wie wir. Ich heiße Sie, Herr Bundespräsident, und Ihre liebe Frau in unserem Land herzlich willkommen.
Als Ihr Volk unterdrückt wurde und Ihr Land ein Objekt der Geschichte war, da haben Sie ihm, Herr Präsident Havel, eine Stimme gegeben als Dramatiker und als Mann des Widerstands. Sie hatten nur das Wort, und Sie gaben ein Beispiel. Wir alle haben Sie kennen und bewundern gelernt als einen mutigen Vorkämpfer für die Rechte Verfolgter und Unterdrückter, als einen Mann, der niemals gezögert hat, die eigene Freiheit für die Freiheit der anderen zu riskieren und der dafür mit Verfolgung und Gefängnis bezahlt hat. So sind Sie zur Symbolfigur des Widerstands geworden.
Ihre Werke und Bücher waren in Ihrem Heimatland verboten, bei uns wurden sie gelesen und verschlungen. »Die Retter« wurden 1974 in Baden-Baden uraufgeführt.
Die Charta wurde in Prag geschrieben.
Wenn dic Menschen in Mittel- und Osteuropa zur Freiheit gefunden haben, so verdanken sic das auch den Frauen und Männern dieser Bewegung, dic Sie gegründet und geführt haben.
»Die Macht der Ohnmächtigen« überschrieben Sie Ihr berühmtes Essay 1978. Die Ohnmächtigen haben sich wenig später als mächtig erwiesen und in einer friedlichen Revolution die bis dahin Mächtigen gestürzt.
Nun dienen Sie Ihrem Volk als Präsident. Sie haben die Last ein zweites Mal auf sich genommen. Sie sind nicht zur Kür schriftstellerischer Tätigkeit zurückgekehrt, sondern haben die Pflicht der Politik gewählt, aus »Gewissen und Verantwortung«, wie Sie in Ihrer Sommermeditation 1992 formulieren:
»Wirkliche Politik, Politik, die diesen Namen verdient und übrigens die einzige Politik, der ich mich zu widmen bereit bin, ist schlicht Dienst am Nächsten. Der Dienst an der Gemeinde. Der Dienst auch an denen, die nach uns kommen. Ihr Ursprung ist sittlich, weil sie nur die verwirklichte Verantwortung gegenüber dem Ganzen und für das Ganze ist.«
Mit dieser Haltung, die Sie leben, geben Sie uns ein Beispiel.
Sie sagten neulich in einem Gespräch mit einer deutschen Zeitung, das öffentliche Leben habe Sie »verschluckt«, Sie könnten sich »aus den Armen des Kraken« nicht mehr befreien.
Wir alle können, glaube ich, die Spannung nachempfinden, die einen Mann des Geistes in einem hohen Staatsamt umtreibt. Aber gerade Männern des Geistes, die solche Spannungen aushalten, verdankt die Politik viel.
Nicht zuletzt dies verbindet den heutigen Preisträger mit dem Mann, der dem Preis den Namen gegeben hat, Theodor Heuss, dem ersten Kultusminister Württemberg-Badens nach dem Krieg, unserem ersten Bundespräsidenten.
Geist gewinnt immer, wo er souverän auf tritt auch in der Politik.
Sie sind uns, Herr Präsident Havel, in BadenWürttemberg herzlich willkommen. Willkommen sind auch alle Gäste, die Ihnen zu Ehren heute nach Ludwigsburg gekommen sind.

 

Grußwort
Oberbürgermeister Manfred Rommel
Es ist mir eine besondere Ehre, Sie im Namen der Landeshauptstadt Stuttgart begrüßen zu dürfen. Ich begrüße Sie, hochverehrter Herr Bundespräsident, Sie, verehrter Herr Ministerpräsident, und vor allem Sie, sehr verehrter Herr Präsident Havel.
Ich bin hier in Ludwigsburg als Oberbürgermeister von Stuttgart eigentlich gar nicht legitimiert, zu reden. Aber ich stehe im Programm. Eigentlich sollte diese Veranstaltung in Stuttgart durchgeführt werden. Aber dort findet gleichzeitig eine große Demonstration unseres Gewerkschaftsbundes statt. Wie alle Bürger unseres Landes empfinden auch die Demonstranten für Sie, verehrter Herr Präsident Havel, Respekt und Sympathie. Aber auch in Deutschland sind Demonstrationen in der Regel keine ruhigen Ereignisse. Wenn die Veranstaltung im Stuttgarter Schloß durchgeführt worden wäre, hätte man womöglich die Redner nicht verstanden. Das kommt zwar in einer Demokratie vor, die keine leise Staatsform ist. Aber es wäre doch in diesem Falle höchst unerfreulich gewesen.
Noch vor wenigen Jahren hielten wohl die meisten Menschen die Möglichkeit, daß Osteuropa und Westeuropa wider zusammenkommen für unrealistisch. Die Tschechoslowakei, Ostdeutschland, Polen, Ungarn galten für immer an den Kommunismus verloren. an dessen robuster Kraft niemand zu zweifeln wagte. Eher plagten die Westeuropäer Selbstzweifel. Gewiß gab es die Sehnsucht, daß Europa - wieder? - eins werden möge, nicht nur das westliche, das immer enger zusammenrückte. Aber immer stärker setzte sich die Meinung durch, daß es sich um eine unerfüllbare Sehnsucht handle. Und schließlich kam die Resignation, vor allem nach dem Prager Frühling, Trauer über die für immer geteilte Welt. Wir wollen dankbar sein dafür, daß es anders kam, daß wir den demokratischen Präsidenten der tschechischen Republik hier als Freund und Partner begrüßen können, dankbar auch gegenüber jenen, die die Hoffnung, daß wir eines Tages zusammenkommen, niemals aufgaben und für dieses Ziel, wie Sie, Herr Präsident, unter Einsatz ihrer ganzen Person gekämpft haben.
Viele Familien in diesem Land haben ihre Wurzeln in der tschechischen Republik. Stuttgart ist Partnerstadt von Brünn. Schiller hat hier gelebt und studiert, der die große Trilogie über einen berühmten böhmischcn Fürsten, den Feldherrn Wallenstein, geschrieben hat. Die Trilogie wimmelt geradezu von zitierfähigen Formulierungen, zum Beispiel: "Das deutsche reich ist geworden ein Deutsch arm" in Anlehnung an den berühmten Barockprediger Abraham a Santa Clara, der übrigens auch aus diesem Lande stammt. Solches hört man neuerdings wieder in Deutschland, was doch etwas übertrieben ist.
Das wohl berühmteste Wort aus der Wallenstein-Trilogie lautet: "Eng ist die Welt und das Gehirn ist weit, leicht beieinander wohnen die Gedanken, doch hart im Raume stoßen sich die Sachen." Möge das große Europa nicht nur in den Gedanken wohnen, sondern auch in der Welt der Sachen zueinanderfinden.
Möge die Kultur der Völker Europas als gemeinsamer Besitz begriffen werden. Der tschechische Beitrag und der Beitrag des Präsidenten ist eine Bereicherung aller. Und möge erkannt werden, daß sich der Wert einer Kultur letztlich doch danach richtet, inwieweit sie geistige und moralische Werte zu bewahren und schaffen vermag. Denn Kultur ist nicht der Kult für Massen, sondern das Wertebewußtsein und die Verantwortungsbereitschaft der Individuen, die eine freie Gesellschaft tragen müssen. Europa braucht Mut, Europa braucht Vorbilder. Sie, verehrter Herr Präsident, sind ein solches Vorbild. Ich beglückwünsche Sie zum Heuss-Preis und uns, daß wir Sie hier haben dürfen.

 

Begründung und Verleihung
Hildegard Hamm-Brücher
I.
Noch einmal herzlich willkommen zur Verleihung des 29. THEODOR-HEUSS-PREISES willkommen zu unserem alljährlichen Beisammensein, mit dem wir ja mehr bewirken möchten als uns allen zwar wohltuende, aber doch unverbindliche Erbauung. Vielmehr möchten wir Sie, meine Damen und Herren, liebe Freunde und Förderer der THEODOR-HEUSS-STIFTUNG, immer wieder auch einbeziehen in unser Bemühen, Existenzfragen und Probleme unseres demokratischen Gemeinwesens (an unseren Preisträgern) erfahrbar zu machen und Sie motivieren, diese Erfahrung hinauszutragen aus diesem Saal in den politischen Alltag unseres Landes und unserer Zeit.
Denn es hilft ja nicht weiter, wenn wir uns hinter mehr oder weniger diffuser Politik-und Parteienverdrossenheit verschanzen: Die demokratische Bürgergesellschaft, das sind wir alle, und deshalb kommt es darauf an, demokratischen Flurschäden und Fehlentwicklungen paroli zu bieten. Jeder kann nach seinen Möglichkeiten dazu beitragen, daß es besser wird! Das ist es, was die parteienübergreifende THEODOR-HEUSS-STIFTUNG mit der Auswahl der Themen und Preisträger auch heuer wieder bewirken möchte.
Diesmal geht es um Bürgerengagement in und für Europa und für das Zusammenwachsen Europas.
Damit steht es - wie wir alle wissen - im vierten Jahr nach der Überwindung der Teilung Deutschlands und Europas und seit der unvergeßlichen Selbstbefreiung Osteuropas von kommunistischen Diktaturen - leider nicht besonders gut...
Überall machen sich - angesichts politischer und wirtschaftlicher Rückschläge, neuerwachender Nationalismen, grausamer ethnischer Bürgerkriege und wachsender Bürgerängste in West und Ost - Enttäuschung, Ernüchterung, Europamüdigkeit breit. Für immer mehr Menschen wird aus dem Traum eines, ein für alle mal befriedeten und freien Europas, immer häufiger ein Alptraum. Was ist zu tun? - Wie können wir Resignation und Stagnation entgegenwirken, ohne neuerlich in Illusionen, Phrasen und Überhöhungen zu verfallen? Was kann Bürgerengagement dazu beitragen?

II.
Auf der SUCHE NACH EINEM EUROPÄISCHEN ZUHAUSE, so hat unser Preisträger Václav Havel einen Essay überschrieben, den wir für unsere diesjährige Verleihung sozusagen zur Losung gemacht haben. Havel errichtet und beschriftet für diese SUCHE drei Wegweiser

1.
Aus dem gewaltlosen Kampf für die Bürger- und Menschenrechte muß die Grenzen überschreitende Idee eines neuen Verantwortungsbewußtseins für Rechte und Pflichten des Einzelnen erwachsen.

2.
Zu den Eckpfeilern dieser Rechte und Pflichten zählen die Gleichheit der Bürgerrechte, der Rechtsstaat, die Trennung von Legislative, Executive und Judikative und die Bürgergesellschaft

3.
Die Achtung vor der Universalität der Menschen-und Bürgerrechte kann nur gelingen, wenn der einzelne Bürger begreift, daß er sich zumindest im philosophischen Sinne so verhalten muß, wie sich alle verhalten sollten, und zwar ohne Rücksicht darauf, ob sich alle auch so verhalten.

ALSO: Aufbrechen aus den Zuschauer- und Mitläufergesellschaften, - sich auf die Suche machen, - sich so verhalten wie sich alle verhalten sollten, gleich, ob sie es auch tun

Knapper, griffiger, kategorischer lassen sich die Wegweiser zu einem freiheitlichen Zusammenleben von Menschen, Völkern und Staaten - als Konsequenz aus den Erfahrungen Menschen und Menschenrechte verachtender Diktaturen - nicht beschriften: Aber: Ist dieser Anspruch nicht zu hoch angesetzt? Wie läßt er sich erfüllen, und wie könnte das im Einzelfall aussehen? Die drei Projekte, die wir in diesem Jahr mit THEODOR-HEUSS-MEDAILLEN auszeichnen, geben hierfür anschauliche und ermutigende Beispiele:

- Das RUMÄNIENPROJEKT der Mannheimer Waldorfschüler und ihres Lehrers, das ethnische Gewalt im vom Kommunismus befreiten Ost-Europa nicht nur im Klassenzimmer beklagt und anprangert, sondern in einem Zentrum solcher Spannungen, sichtbare Zeichen für ihre Überwindung setzt.
- Das ERSTE EUROPÄISCHE SCHULGESCHICHTSBUCH, mit dem die Vermittlung eines grundlegenden europäischen Geschichts-Verständnisses nicht reklamiert, sondern erprobt und eingeübt werden kann.
- Das Projekt einer europäischen Begegnungsstätte in KREISAU/KRZYZOWA mit dem Ziel, vor der Mühsal der Aussöhnung zwischen Deutschen und Polen -Polen und Deutschen nicht zu kapitulieren, -vielmehr im historischen und politischen europäischen Kontext neue, erfahrbare Ansätze dafür zu schaffen.
Jedes dieser drei Projekte beteiligt sich mit kleineren und größeren Schritten, vielleicht gelegentlich auf Umwegen, an der SUCHE NACH EINEM EUROPÄISCHEN Z UHAUSE.

III.
Nun zur Begründung unserer Auswahl im einzelnen:
Ich beginne mit dem RUMÄNIEN PROJEKT der damals 11. Klasse der Freien Waldorfschule in Mannheim. Es beginnt 1989/90 mit Aktionen, wie sie auch in vielen anderen Schulen stattfinden: Schüler sammeln Kleidung, Lebensmittel und Medikamente für Menschen, die in den vom Kommunismus befreiten Staaten Europas bittere Not leiden. Sie entscheiden sich für Rumänien, hier besonders für Siebenbürgen, die Gegend um Klausenburg... Sie erkennen aber bald, daß es auf mehr ankommt: nämlich zu versuchen, die Lebensbedingungen und Existenzprobleme der dort so große Not leidenden Menschen kennenzulernen... Daraus entwickelten sich Schülerarbeiten, Kontakte, Begegnungen und schließlich Projekte, in denen sich Schülerinnen und Schüler, Lehrer, Eltern und Gemeinden bei der »Seiten« zusammenfinden. In den Sommerferien 1992 arbeiten Mannheimer Waldorfschülerinnen und -schüler für einige Wochen am Kuppelbau eines gemeinsamen Kindergartens mit. -Eine gemeinsame »kleine Universität« zur Erkundung der Geschichte und Kultur des jeweils anderen Landes schließt sich den ersten Begegnungen an. Sie wollen mehr übereinander erfahren, einander in Wahrhaftigkeit begegnen.
Aber es ist noch mehr und etwas anderes, was dieses Projekt der Mannheimer Waldorfschule nach unserer Meinung auszeichnet und weiter empfiehlt!
Es ist das pädagogische (bildungspolitisch leider zumeist vernachlässigte) Ziel, junge Menschen am politischen, kulturellen, ökologischen Geschehen unserer Zeit (über Schul-hier sogar über Landesgrenzen hinaus) wirklich zu beteiligen, ihnen eigene Erfahrungen zu ermöglichen, sie eigene Erfolge und auch Mißerfolge erleben und verkraften zu lassen... ihnen die freie Begegnung und Auseinandersetzung mit sozialen, politischen und /oder kulturellen Zielen zu ermöglichen, ihr Bedürfnis nach Identifizierung, nach Begegnung und Verständigung anzuregen. Das alles kommt in unseren öffentlichen Schulen leider zumeist zu kurz, wäre aber - angesichts der alarmierenden Entwicklungen an unseren Schulen - nötiger denn je!
(Dieser Erziehungsauftrag wird übrigens von der HEUSS-STIFTUNG durch die Vergabe von SCHÜLERSTIPENDIEN und durch das FÖRDERPROGRAMM für Schüler und Schulen DEMOKRATISCH HANDELN und verantworten unterstützt.)
Deshalb also ist das Rumänienprojekt ein in zweifacher Hinsicht hoffnungsvoller Ansatz, für den unsere Mannheimer Schüler, ihre Lehrer und der Förderverein stellvertretend für alle Bemühungen dieser Art -mit einer THEODOR-HEUSS-MEDAILLE ausgezeichnet und ermutigt werden sollen.
Das zweite Beispiel, das wir heute vorstellen und auszeichnen wollen, ist das ebenso kühne wie schwierige Projekt, europäisches Bürgerbewußtsein bei jungen Menschen aus einem vertieften europäischen Geschichtsverständnis zu entwickeln und zu motivieren. Hierfür kann ein europäisch konzipiertes Schulgeschichtsbuch gute Voraussetzungen schaffen. Die Idee hierzu stammt von dem französischen Bankier Frederic Delouche, der als Schüler in zahlreichen europäischen Ländern erfahren hat, wie widersprüchlich, einseitig, ja kontra europäisch der jeweilige nationale Geschichtsunterricht abläuft. Also suchte er Rat zunächst bei Geschichtskapazitäten (z. B. Kar! Dietrich Erdmann) und begann vor etwa sieben Jahren mit zwölf, in Schulen Geschichte unterrichtenden Historikern aus ebenso vielen europäischen Ländern ein gemeinsames Konzept zu entwickeln. Zunächst wurde jedes Kapitel von einem Autor verfaßt. Sodann wurden in dreijähriger intensiver gemeinsamer Arbeit alle Texte bearbeitet, bis alle Historiker das Werk auch aus nationaler Sicht akzeptieren konnten. Aufgrund der Erfahrungen mit ähnlichen, gescheiterten Projekten war das ein kaum zu erhoffendes Ergebnis. Es bedurfte nicht nur des bewundernswerten geduldigen Einsatzes aller Beteiligten (vor allem des Initiators), sondern auch des Mutes, das Risiko des Scheiterns in fachlicher, aber auch materieller Hinsicht bewußt in Kauf zu nehmen.

Kein Zweifel: Das Projekt war und ist ein Wagnis!
Die Gretchen-Frage, ob und wie die heiklen Geschehnisse in der europäischen Konfliktgeschichte abgehandelt werden, - ob und wie mit nationalen Empfindlichkeiten umgegangen werden soll - (»Napoleon muß Federn lassen« lautete eine Überschrift in einer Wochenzeitung) - bis hin zur Bewertung von Schuldfragen Überreichung der THEODOR-HEUSS-MEDAILLE an den Initiator und Autoren des ersten Europäischen Geschichtsbuches - solche heiklen Fragen werden sicher weiter diskutiert und Anstöße für weitere Anstrengungen geben. Und das ist gut so und auch beabsichtigt.
Als Kronzeugen für die dem Projekt immanente Problematik zitiere ich den angesehenen deutschen Historiker Hagen Schulze:
»Wir werden wahrscheinlich nur imstande sein, eine Verbindung zwischen nationaler und europäischer Geschichte dergestalt anzubieten, daß die Einbettung unserer nationalen Identität in unsere europäische sichtbar wird. Das ist nicht nur eine praktische Notwendigkeit, um das tiefe Loch zwischen Nationalgeschichte und wachsendem europäischen Bewußtsein zu überbrücken, sondern es ist auch deswegen notwendig, weil dieses wagemutige Experiment praktisch nur sehr selten gemacht werden kann. Vor allem ist es für uns wichtig zu lernen, nationale Perspektiven sozusagen zu kontrollieren, sie im europäischen Rahmen verstehen zu lernen, auch gegeneinander zu stellen, miteinander zu vergleichen«.
Genau dies soll nun mit dem ersten von 12 europäischen Ländern gleichzeitig herausgegebenen Schulgeschichtsbuch in möglichst vielen europäischen Klassenzimmern geschehen. Wie wir hoffen: engagiert, wahrhaftig und weiterführend!
Für diese Initiative, die in Zeiten einer sich ausbreitenden europäischen Malaise in Ost und West ein vielleicht kleiner, längerfristig aber wichtiger und mutiger Schritt in die richtige Richtung bedeutet, gebührt dem Initiator, den Autoren und last but not least auch den Verlegern aus 12 europäischen Ländern Dank und Anerkennung und - nicht zu vergessen - eine THEODOR-HEUSS-MEDAILLE.
Das dritte Beispiel, das heute mit einer THEODOR-HEUSS-MEDAILLE ausgezeichnet wird, erschließt uns VacIav Havels anfangs zitierten kategorischen Imperativ in besonders bewegender Weise: Es stellt den Bezug her zwischen den geistigen Wurzeln des deutschen Widerstandes gegen die menschenverachtende Nazi-Diktatur, über den Widerstand der Menschen-und Bürgerrechtsbewegungen gegen kommunistische Diktaturen zu den unverzichtbaren Grundwerten eines demokratischen Europas. Gerade in diesen Wochen und Monaten der Erinnerung an die 60. Wiederkehr von Hitlers Machtergreifung, die 50. Wiederkehr der Hinrichtung der Studenten der WEISSEN ROSE und in dieser Woche des Aufstandes im Warschauer Getto, werden wir an diese Grundwerte gemahnt.
In KREISAU/KRZYZOWA - am einstigen Wohnsitz der Familie Moltke - der Stätte, an der Anfang der 40er Jahre die geistigen und politischen Grundlagen für den Widerstand gegen die Nazi-Diktatur und die geistig-moralische Erneuerung Deutschlands und Europas gelegt wurden, soll nach dem Willen der NEUKREISAUER (Polen, Deutsche, Niederländer vor allem) ein geistiges Zentrum europäischer Begegnung und Erneuerung entstehen. Sie berufen sich dabei auf die KREISAUER SCHRIFTEN Anfang der 40er Jahre. Ich zitiere aus der »Denkschrift« vom 24.4.41:
»… der Einzelne wird gegenüber der großen Gemeinschaft, dem Staat oder noch größeren Gemeinschaften nur (dann) das rechte Verantwortungsgefühl haben, (wenn) er in kleineren Gemeinschaften … Verantwortung mitträgt. Andernfalls entwickelt sich bei denen, die nur regieren, das Gefühl, daß sie niemandem Verantwortung schuldig sind …«
Mit diesen und anderen Gedankengängen, damals als Utopien und Schwärmereien empfunden, haben die Kreisauer bereits vorausgedacht, was unsere nationalen Demokratien auch heute wieder (aber auch den europäischen Einigungsprozeß »von oben«) bedroht: Entfremdung zwischen »Regierenden« und Bürgern und die Aufgabe, diese Entwicklung nicht tatenlos eskalieren zu lassen.

Das Kreisauer Projekt - initiiert 1989 - im Vorfrühling der Wendezeit von polnischen Bürgerrechtlern aus dem Breslauer Club der Katholischen Intelligenz zusammen mit DDR-Bürgerrechtlern -fühlt sich der großen Kreisauer Tradition verpflichtet, - das Engagement der ersten Pioniere Wim Leenman, Gero van Roondie begeisterte Unterstützung durch Freya von Moltke, zeugen davon, - die Workcamps, ihre Erfolge und Schwierigkeiten, der Einsatz der Baufachschüler beim Aufbau der verfallenen Gebäude praktizieren es ebenso wie die schier unermüdlichen Anstrengungen, zu Geld und Unterstützung zu kommen. Mit der THEODOR-HEUSS-MEDAILLE und mit Fördermitteln in Höhe von DM 10.000 möchten wir heute allen danken, die am Entstehen der Europäischen Begegnungsstätte in KREISAU/KRZYZOWA mitgewirkt haben und bis heute mitwirken und alle ermutigen, die ihre Ziele unterstützen.

IV.
Nun möchte ich mich zuguterletzt unserem diesjährigen Preisträger, Ihnen, sehr verehrter Herr Vaclav HAVEL, ganz persönlich zuwenden. Von Ihrer geistigen und politischen Botschaft, die diese Verleihung begründet, war schon oft die Rede, -die Ihrer Persönlichkeit und Ihrem Lebenswerk gewidmete LAUDATIO steht noch aus.
Erlauben Sie mir das Eingeständnis, daß mir dieser Augenblick einiges Herzklopfen bereitet: Herzklopfen der Freude, daß Sie nun leibhaftig unter uns sind, daß alle entnervenden Termin-, Protokoll-, Demo- und Ortsprobleme, dank der Hilfe vieler Amtsträger und Havel-Fans, schließlich gemeistert werden konnten, -Herzklopfen aber auch aus einer gewissen Befangenheit, weil unsere Auswahl so spektakulär gar nicht gemeint war, wie dies nun heute als Beginn Ihres ersten Staatsbesuchs abläuft. Als wir vor fast einem Jahr unsere Anfrage an Sie richteten, konnten wir nicht ahnen, daß wir mit unserem 29. Preisträger nun auch den ersten Präsidenten der Tschechischen Republik zu seinem ersten Staatsbesuch in der Bundesrepublik Deutschland begrüßen dürfen (Ich vermute, Sie auch nicht!).
Der 29. THEODOR-HEUSS-PREIS sollte und soll nämlich nicht dem Staatsoberhaupt, sondern dem in Wort und Schrift, und ob seiner konsequenten Haltung beispielgebenden Bekenner und Zeugen für Menschen- und Bürgerrechte Vaclav Havel, verliehen werden, - dem Vorkämpfer für ein, auf der moralischen Verantwortung seiner Bürger und Politiker gegründetes Europa und dem konsequenten Verfechter der gleichen Überzeugungen auch in höchster politischer Verantwortung.
Das ist es, was Sie uns, sehr geehrter Herr Vaclav Havel, seit den Zeiten schwerster politischer Bedrängnis und Verfolgung vorgelebt haben, seit jenen Tagen vor 25 Jahren, als der so hoffnungsvoll begonnene Prager Frühling scheiterte. Wenig später als Vorsitzender des Clubs unabhängiger Schriftsteller. Damals waren Sie gerade über 30 Jahre.
1977 wurden Sie zum ersten Mal verhaftet und zu 14 Monaten Gefängnis verurteilt - 1979 zum zweiten Mal zu viereinhalb Jahren. - Im Februar 1989 zum dritten Mal für 9 Monate unter verschärften Bedingungen. Damals widerstanden Sie der Versuchung, eine Einladung zur Ausreise nach den USA anzunehmen. - Im November 1989 gründeten Sie das demokratische Bürgerforum, und am 29. Dezember 1989 wurden Sie erster Präsident der vom Kommunismus in einer »sanften« Revolution befreiten CSFR. - Im Sommer vorigen Jahres traten Sie von diesem Amt zurück, weil Sie die Teilung der CSFR nicht verhindern konnten.
Welch ein langer, beschwerlicher, mehr als einmal gefährdeter Weg ist das, der hinter Ihnen, sehr geehrter Vaclav Havel, liegt. Ein Weg, auf dem Sie, auch in bedrängtester Zeit, versuchten, »in der Wahrheit zu leben«, ein Weg, der Sie zum unbequemen Mahner, schließlich zum »Dissidenten« werden ließ - von der ganzen westlichen Welt überschwänglich gefeiert, bewundert und verehrt.
Die »Wahrheit«, in der es für Sie zu Eiben gilt, das ist die Erkenntnis, dic Sic schon 1980 im 16. Kapitel Ihres gleichnamigen Bekenntnisbuches so formuliert haben - ich zitiere auszugsweise:
»Es geht schon längst nicht mehr um das Problem irgend einer politischen Linie oder eines Programms: Es geht um das Problem des Lebens. Die Verteidigung der Intensionen des Lebens, die Verteidigung des Menschen. Vielleicht müssen wir manchmal in den Abgrund des Elends stürzen, um die Wahrheit zu begreifen - so wie wir uns auf den Grund des Brunnens hinablassen müssen, um die Sterne zu sehen. Es bringt die Politik endlich wieder zu dem einzigen Punkt zurück, von dem sie ausgehen muß, falls sie die alten Fehler vermeiden will: nämlich den konkreten Menschen. In den demokratischen Gesellschaften, in denen der Mensch bei weitem nicht so offensichtlich und grausam vergewaltigt wird, wird diese grundsätzliche Umkehr offenbar erst später stattfinden... «
Welch eine Herausforderung damals - welch eine Herausforderung aber auch heute, weil Versuche, »in der Wahrheit zu leben« und zusammenzuleben, auch in der Demokratie und für die Demokratie immer neue Aktualität und Brisanz gewinnen!
Und wieder insistieren Sie, verehrter Vaclav Havel, in Wort und Schrift... werden wieder zum unbequemen Mahner, vielleicht zum Dissidenten -nun im Kreis der Mächtigen? Ihre jüngsten Essays z. B. über »Die Ökonomie der Eigenverantwortlichkeit« oder »Politik als praktizierte Sittlichkeit« zeugen von Ihrer unbeirrbaren Wahrhaftigkeit im Denken, Schreiben und Verhalten und von Ihren Besorgnissen über gegenläufige Entwicklungen. Werden Sie dafür neuerlich überschwenglich Beifall erhalten? Muß Ihr Credo nicht auch unter den Bedingungen demokratischer Machterhaltung als Ärgernis empfunden werden? -und haben Sie dies nicht schon zu spüren bekommen?
Deshalb ergänze ich meine Begründung: Auch deshalb -und vor allem deshalb -gebührt Ihnen der THEODOR-HEUSS-PREIS. Wir möchten Ihnen danken und Sie -und damit uns alle -ermutigen, Versuche in der Wahrheit zu leben und in Wahrhaftigkeit zusammenzuleben, nicht aufzugeben, sondern -wie auch unsere diesjährigen Empfänger von THEODOR-HEUSS-MEDAILLEN -immer von neuem zu wagen.
Vor Illusionen wird allerdings gewarnt!
Versuche, in der Wahrheit zu leben, können unsere unheile Welt nie und ein für alle Mal heilen. Aber sie werden, wenn sie ehrlich gemeint sind, selbst an der Grenze des Scheiterns immer weiterwirken und andere dazu anstiften, anderen Mut machen! Und darauf kommt es an!
Einer weiteren Begründung bedarf es nicht, wenn ich Sie, sehr verehrter Herr Vaclav Havel, nun bitte, den THEODOR-HEUSS-PREIS entgegenzunehmen.

 

Gespräch zwischen Richard von Weizsäcker und Vaclav Havel
Richard von Weizsäcker:
Wir haben jetzt die Aufgabe, nicht zu danken und zu loben, sondern Wege zu suchen. Europa ist das Stichwort für unsere Zusammenkunft. Europa war im westlichen Teil unseres Kontinents am Ende des Zweiten Weltkriegs die Vision und die Hoffnung der Völker. Wir haben nach dem Ende des Kalten Krieges wiederum die Hoffnung empfunden, mit dem verkleinerten, verfälschten Europa-Begriff, der sich nur auf Westeuropa bezieht, nunmehr ein Ende zu machen um uns auf den Kontinent im ganzen mit seiner gemeinsamen Geschichte und gemeinsamen Kultur konzentrieren zu können.
Nun haben wir in Westeuropa in mancher Hinsicht eine gewisse Müdigkeit. Es gibt die Tendenz im Hinblick auf ökonomische und soziale
Konflikte, sich wieder zurückzuziehen in den eigenen nationalen Bereich. Wir werden damit, wie ich zuversichtlich hoffe, fertig werden. Aber worauf wir besonders angewiesen sind, ist die Frage, inwieweit es neue Impulse und Ermutigungen aus Mitteleuropa und aus Osteuropa gibt. Und deswegen möchte ich Vaclav Havel danach fragen, wie er die Impulse aus seinem Land und aus seiner Region beurteilt, um uns in Europa im ganzen sozusagen den Schwung zurückzugeben, den wir ein bißchen verloren haben.
Vaclav Have!:
Es stimmt, daß die Länder Westeuropas eine längere Zeit zur Verfügung hatten, um zu lernen, in einem System der Einheit in der Vielfalt zu leben und die Arten der internationalen Zusammenarbeit zu lernen und ihre integrierenden Gruppierungen zu schaffen auf der Grundlage des Teilens von gleichartigen Werten. Die Länder Mittel- und Osteuropas, die lange unter dem Kommunismus leben mußten, haben Verspätung. Diese auch historische Chance, die Westeuropa durchgemacht hat, haben sie nicht gehabt. Sie haben eine völlig andere Erfahrung gemacht. Auch wenn der Kommunismus zusammengebrochen ist, auf einmal standen diese Länder vor der Aufgabe, in irgendeiner Weise diese ihre Verspätung aufzuholen. Alle möglichen beunruhigenden Erscheinungen, die sich in diesem Teil zeigen, sind Begleiterscheinungen dieses Aufholend der Geschichte.
Aber ich würde nicht sagen, daß wir, die wir in dem stärker betroffenen Teil Europas gelebt haben, daß wir nur ein Handicap haben. Wir haben eine sehr eigenartige Erfahrung durchgemacht, die im Gegensatz dazu die restlichen Länder nicht gemacht haben. Wir haben gerade in dieser Ära der Unfreiheit und der Unterdrückung die Chance gehabt, gewisse Werte schätzen zu lernen, aber auch die breiteren Zusammenhänge dieser Werte. Wir hatten die Chance, uns klarzumachen, die Notwendigkeit einer breiteren globalen Verantwortlichkeit. Wir waren gezwungen, uns klarzumachen, welche Bedeutung Solidarität und persönliches Risiko haben, auch die Bedeutung des Opfers. Wir hatten die Chance, zu lernen, einige Geschenke des Lebens zu achten.
Und nun ist es unsere große Aufgabe, diese Erfahrung artikulieren zu können, und mit ihr und durch sie das allgemeine Bewußtsein zu bereichern. Bislang gelingt es uns noch nicht besonders gut, dies zu artikulieren. Doch sehe ich darin unsere Pflicht, und vielleicht wäre das einer der Impulse, nach denen der Herr Präsident gefragt hat, durch den wir das europäische Bewußtsein bereichern könnten, das, wie Sie gesagt haben, in einigen westeuropäischen Ländern ermüdet ist.

von Weizsäcker:
Darf ich fragen, wie es mit dem Denken der jungen Leute in Ihrem Lande steht? Wir hatten gerade ja bei den Medaillen heute gehört, wie sich junge Leute engagieren, um die alte Kluft zwischen West und Osteuropa zu überwinden. Das ist eine neue große Aufgabe, die uns, wie ich zuversichtlich hoffe, auch in Westeuropa über unsere nationalen Egoismen hinweghelfen kann. Wie steht es mit dem europäischen Impuls bei den jungen Leuten in Prag und in Ihrem Land?

Have!:
Ich treffe häufig darauf, daß junge Leute, und insbesondere die jüngste Generation bei uns wirklich unerwartet europäischer ist als die älteren Generationen, wenn man das so verallgemeinern kann. Das sind die jungen Leute, auch wenn sie eine kommunistische Schule durchgemacht haben mit der typischen ideologischen Richtung, aber es sieht doch aus, als ob sie innerlich nicht mehr so belastet seien von gewissen Vorurteilen, von Mißtrauen und einer derartigen Betonung partikularer Interessen und mit großem Interesse treffen sie mit Ausländern zusammen, veranstalten internationale Treffen bei uns. Ich freue mich sehr auf die Zeit, wenn diese Generation die politische Macht ergreift. Wenn ich in Pension sein werde und mir das anschauen kann.

von Weizsäcker:
Ja, da müssen Sie aber vorher noch ein bißchen arbeiten. Denn es gehört ja gerade zu Ihren besonders ermutigenden Beiträgen in diesem Europa, wie Sie die Begriffe und die Aufgaben nicht einfach nur als Leerformeln übernehmen, sondern durchdenken. Also, ich erinnere mich zum Beispiel an einen Vortrag, den Sie vor zwei Jahren in Salzburg gehalten haben. Da haben Sie das Beispiel von dem Riesen Sisyphos genannt, der sich jeden Tag müht, den Felsblock den Berg heraufzurollen, und wenn er das bis zur Erschöpfung seiner Kräfte geschafft hat, dann rollt der Felsblock wieder runter. Und dann sagten Sic, jetzt befinden wir uns in der Tschechoslowakei in der Lage, nachdem wir immerfort diesen Felsblock nach oben geschafft haben und er immer wieder runtergerollt ist, jetzt ist er plötzlich oben liegen geblieben. Jetzt haben wir sozusagen den Sinn unserer Aufgaben verloren. Wir wissen gar nicht mehr, was wir machen sollen. Jetzt haben wir die Freiheit, wie sollen wir sie in die Tat umsetzen?
Das ist ein erfrischender Gedanke auch für uns im Westen, denn wir haben die Freiheit. Wir sind uns oft gar nicht dankbar dessen bewusst, was sie bedeutet. Wir haben eine Demokratie, wir haben eine Marktwirtschaft, die funktioniert. Aber diese Demokratie ist ein rationales Unternehmen, das die Herzen nicht erwärmt. Und der Markt ist etwas, was gut funktioniert, aber mehr Preise als Werte hervorbringt. Wie werden wir denn nun mit dieser Gabe, mit der Herausforderung der Freiheit fertig, nachdem der Felsblock oben liegen geblieben ist?

Havel:
Als ich vor zwei Jahren diese Metapher verwendet habe, war ich möglicherweise noch immer etwas naiver als ich es heute bin. Ich habe mir damals gedacht, sich daran zu gewöhnen, daß der Stein auf dcm Hügel bleibt und einen neuen Inhalt seines Lebens zu finden, der ein anderer ist, als dieses Rollen des Steines. Daß das eine Aufgabe für einige Monate ist. Und jetzt stelle ich fest, daß es eine Aufgabe für Jahre ist.
Wenn man Schock sagt, denkt man an eine kurze, einmalige Angelegenheit. Aber ich stelle fest, daß unsere Gesellschaft, obwohl das schon drei Jahre her ist, daß der Kommunismus zusammengebrochen ist, daß diese Gesellschaft immer noch im Zustand des Schocks ist. Überraschend, wie die Leute, die gegen das vorhergehende Regime unerlässlich protestiert haben oder zumindest privat protestiert haben, die es nicht ertragen haben, die bei jedem Schritt fühlten, wie es sie erstickt, wie genau diese Menschen sich unwillkürlich, ohne es sich klargemacht zu haben, sich an ganz bestimmte Denk- und Handlungsweisen gewöhnt haben, die ihnen dieses Regime aufgezwungen hat. Und unwillkürlich und unbewusst haben sie sich diese angeeignet.
Das hing damals mit einer gewissen Wertehierarchie zusammen, die dieses Regime den Menschen angeboten hat. Das Ganze ist zusammengebrochen. Und jetzt in einer neuen Situation, der Situation der Freiheit, ist es notwendig, eine neue Wertehierarchie aufzustellen, seine Verantwortung zu suchen. Und das, wie sich zeigt, ist eine Aufgabe, dic schwieriger und anspruchsvoller ist, als es in der Anfangszeit schien.
Bei uns hat diese Explosion der Freiheit in vielen Menschen das Gefühl hervorgerufen, daß Freiheit bedeutet, jeder soll und kann einfach tun, was ihm einfällt. Die Menschen unterliegen manchmal einem Gefühl, daß Marktwirtschaft bedeutet, daß jeder der Wolf des anderen sein kann. Nur das freie Spiel der Marktkräfte, wie jedes Spiel, erfordert gewisse Regeln. Und alle Regeln können nur dann funktionieren und gelten, wenn sie einen gewissen sittlichen Ursprung haben. Kurz gesagt, es ist notwendig, fair zu spielen. Die Erneuerung des Gefühls einer gewissen Verantwortung gegenüber den Bürgern, den Mitbürgern, den Nächsten, der Gesellschaft zu allem, was über uns hinaus geht, das ist eine sehr schwierige Aufgabe.
Aber gerade weil wir in einer Situation stehen, in der wir das alles aufbauen müssen, kann das möglicherweise auch einige inspirieren, weil sie den Prozeß dieser Entstehung sehen.

von Weizsäcker:
Nun werden ja weder Sie noch wir vernünftigerweise die Absicht haben, ohne Demokratie oder ohne Marktwirtschaft weiter voranzugehen. Wir brauchen diese Strukturen. Zugleich ist es aber das Ziel, dem menschlichen Bedürfnis zu entsprechen, daß man in einem tieferen Sinne versteht., was wirklich von dauerhafter Bedeutung ist. Wir haben heute eine Gesellschaft, Sie haben selber das eben ja schon angedeutet, die uns eben so erscheint: alles ist erlaubt, everything goes. Wir sind eine liberale Demokratie mit einem im allgemeinen hinreichenden Maß an Toleranz. Aber brüderlich muß man nicht sein, dazu ist man nicht verpflichtet. Wir lassen uns gegenseitig im großen und ganzen in Frieden, aber wirklich Anteil nehmen an den anderen, das ist sozusagen nicht verlangt jeden Tag.
Und dann zeigt sich, auf der einen Seite können wir die Säkularisierung der christlichen Lebens- und Gemeinschaftsinhalte nicht rückgängig machen. Wir sind froh, daß die Paradiesversprechen durch weltliche Ideologien nicht mehr vorherrschen. Und trotzdem müssen wir in der liberalen Demokratie doch nach einem ethischen Fundus für den einzelnen Menschen und für das Zusammenleben suchen. Und, wie mir scheint, ist es eben vor allem wichtig, das nicht nur allgemein zu postulieren, sondern soweit es geht es auch zu konkretisieren. Ich finde, daß Sie selber auf Ihrem Weg und auch in Ihrem jetzigen Amt dazu ja immer wieder Beispiele liefern. Also mit der Wahrheit in den Kapiteln und Beziehungen der Vergangenheit aufrichtig umgehen, ist doch nicht nur etwas was man macht, um sich selber ein gutes Gewissen zu verschaffen, sondern es soll Schutt beiseite räumen, damit man in der Gegenwart und Zukunft unter Nachbarn besser zusammenleben kann.
Oder ein ganz anderes Thema: Wir verbinden in Deutschland mit dem Namen von Hans Jonas den Begriff der Verantwortung für die Erhaltung der Natur. Jahrhuntertelang, jahrtausendelang hat der Mensch sich die Natur unterworfen, um selber weiterzukommen. Jetzt stehen wir vor der Erkenntnis, daß wir selber nicht weiterkommen, vielleicht gar nicht weiterleben werden, wenn wir nicht dem Prinzip der Verantwortung gerecht werden, das uns Hans Jonas anempfiehlt. Ein weiterer Punkt der sozusagen der...

Havel:
...der Verantwortlichkeit und den Gedanken der allgemeinen Verantwortung in der Position des Präsidenten leichter ist als in der Funktion eines Dissidenten oder unter den Bedingungen einer Diktatur oder den Bedingungen der Freiheit.
Wir haben in unserem Land, gerade weil wir immer noch im Stadium des Schocks sind, des Schocks aus der Freiheit,das Phänomen, daß bei uns viele Leute immer noch denken, Freiheit bedeute Verantwortung nur für sich selbst, sich selbst gegenüber, seinen eigenen Bedürfnissen gegenüber, seiner eigenen persönlichen Entfaltung gegenüber. Was sicher alles richtig ist, aber nur wenige sind bereit, sich zugleich unabdingbar bewußt zu machen, daß ihn auch das betrifft, was in Bosnien geschieht, daß ihn auch das betrifft, von dem er glaubt, daß es ihn nicht betreffe. In der heutigen Welt betrifft alles alle.
Sie haben von der ökologischen Bedrohung gesprochen. Alle wissen, daß die Ozonlöcher existieren, daß sie gefährlich sind für die Menschheit, für uns alle. Aber wenn jemand die Produktion der entsprechenden Stoffe einstellen soll, dann sagt er augenblicklich: Warum ich gerade, warum nicht die anderen. Meine Fabrik rettet das sowieso nicht, die hat daran nur einen ganz geringen Anteil.
Und hier tritt gerade dieser Imperativ ein, wir müßten uns so verhalten, wie alle sich verhalten sollten. Und das kann man nur schwer den Leuten sagen. Sie hören es nicht gern, sie begreifen es nicht gern. Und besonders die Politiker, die gezwungen sind, an die nahenden Wahlen zu denken, haben die Tendenz, solche Sachen nicht mehr zu sagen.

von Weizsäcker:
Also, ich habe mir auch schon gelegentlich erlaubt, hierzulande öffentlich etwas über die Mängel zum Ausdruck zu bringen, die darin liegen, daß wir in unserem politischen System gewissermaßen strukturell auf zu kurze Fristen angelegt sind. Es ist ja zunächst niemandem vorzuwerfen, daß, wenn sie etwa unsere Verfassung und ihren Sinn nachlesen, sie dort keinen Platz finden oder kein Verfassungsorgan finden, das seiner Grundaufgabe nach in erster Linie die Verpflichtung hat, die langfristigen Gesichtspunkte zu berücksichtigen gegen die kurzfristigen.
Das hat ja keinen Sinn, einem Politiker vorzuwerfen, daß er primär an den Zeitraum denkt, zu dem er ein Mandat hat, er hat ja gar kein längeres. Schön ist es natürlich, wenn er es fertig bringt, die Zeitdauer seines Mandats in einem Sinne auszufüllen, bei dem klar wird, daß es ihm eben nicht nur um die Arbeitsplätze der heutigen Generation, sondern auch um die Arbeitsplätze der Kinder geht, oder alle anderen Fragen, die in diesem Zusammenhang auftreten können.
Aber was ich gerne mit Ihnen noch erörtern würde, ist das Verhältnis von Bürgerbewegung und Staat. Sie haben ganz entscheidend zur Entstehung von aktiven Bürgerbewegungen beigetragen. Gelegentlich hat es, nicht nach Ihren Worten, aber in anderen Zusammenhängen doch auch die Vorstellung gegeben, diese Bürgerbewegungen müßten aus der Gesellschaft heraus direkt die Führung im Staat übernehmen. Oder anders gesagt, sie müßten gewissermaßen den Staat ersetzen.
Dieser gelegentlichen Euphorie oder Illusion ist nun doch inzwischen die Erkenntnis gewichen, daß wir um einen langfristig orientierten Staat zu haben, eine aktive Bürgergesellschaft brauchen. Wie bringen wir es nun fertig, diese wunderbaren Impulse, die in Ihrer Bürgerbewegung gewesen sind, die es ja auch bei uns in der ehemaligen DDR gegeben hat, nicht am Übergang zur gemeinsamen liberalen Demokratie versickern zu lassen, einschlafen, wegschmelzen zu lassen? Wie bekommen wir es fertig, die Bürgergesellschaft in einem Sinne zu aktivieren, die dem Staat mit seinen politischen Strukturen mahnend, kontrollierend, konstruktiv kritisch zu Hilfe kommt?
Wir haben ja bei den Zielen und Wünschen einer Gesellschaft es oft erlebt, daß auch sie die Bürger, die in dieser Weise aktiv werden wollen, ohne gleich ein politisches Mandat anzustreben, daß die ja auch untereinander den Raum, oder wenn man so will, die Organisation brauchen, um die Sachverhalte zu erkennen, um ihre Meinungen miteinander in der Diskussion bilden zu können. Und daran hat es gerade etwa in der ehemaligen DDR nach der Wende bei uns sehr gefehlt. Es hat nicht die nötigen Verbände, Vereine oder Clubs oder sonstigen organisatorischen Ansatzpunkte gegeben, um diese starken, zivilcouragierten, auf die Freiheit setzenden und langfristig konzeptionell orientierten Einrichtungen zum Bestandteil unseres politischen Lebens zu machen.
Wie beurteilen Sie das von der tschechischen Republik her? Und wie können Sie uns helfen, ohne Antistaataffekte eine lebendige Bürgergesellschaft zustande zu bringen? Denn bei ihr setze ich in erster Linie darauf, daß wirklich die langfristigen Gesichtspunkte auch ihre nötige Berücksichtigung finden.

Havel:
Das ist eine Frage, die mit dem politischen System zusammenhängt. Ich persönlich bin ein Freund eines solchen politischen Systems, das nicht beschränkt ist bloß auf die Macht und Allmacht der politischen Parteien. Also nicht eines Systems, das sozusagen den Staat in die Hand der politischen Parteien gibt. Die politischen Parteien sind ein wichtiger Bestandteil des politischen Systems, aber es muß eine Art Blüte auf einer Wiese sein und zwar eine Blüte des bürgerlichen Zusammenfindens und des Bürgerlebens. Es muß etwas sein, das daraus, aus dieser Wiese ständig Kraft schöpft und in ständiger Interaktion damit sich befindet. Und es darf nicht nur ein Instrument sein zum Machterwerb.
Das hängt dann mit solchen Fragen zusammen: Zum Beispiel, welches ist die Rolle der Persönlichkeit in der Politik? Ich denke immer, jeder Politiker sollte seinen Wühlern gegenüber direkt für sich selbst verantwortlich sein, sich nicht in der Anonymität der Partei verlieren. Deshalb bin ich ein Verfechter oder ein Freund des Mehrheitswahlsystems, wo jeder Kandidat von Angesicht zu Angesicht den Wählern zeigen muß, daß er es mit ihnen gut meint, daß er weiß, was er will. Und wo niemand ins Parlament kommen kann nur weil er sich einen hohen Platz auf der Kandidatenliste geschaffen hat.
Wichtig ist, die Demokratie ist als Diskussion unter den Bürgern entstanden. Und das moderne politische System sollte nicht allzu viele Zwischenwelten zwischen die Welt der Politik und die Welt der Bürger errichten. Die machtvollen Medien sind eine dieser Zwischenwelten. Und mir scheint, es sollte dieser lebendige Bürgerkontakt zwischen der Gesellschaft und den Politikern wieder erneuert werden.
Das sind so Überlegungen von mir, die das betreffen, was Sie gefragt haben, was Sie angedeutet haben. Ich muß sagen, das sind keine Dinge, die allzu populär sind, wenn ich sie in meinem Lande sage. Ich werde häufig als Idealist, Träumer, Philosoph gesehen, der in die praktische Politik gar nicht hineinpaßt. Und der sollte nur bei irgendeinem Jubiläum irgendeine schöne Rede halten.

von Weizsäcker:
Also, ich finde das, was Sie gesagt haben, ist ein weiterer Beweis, wie sehr wir in Europa zusammengehören. Alles, was Sie über Ihr eigenes Land gesagt haben, gehört natürlich auch an die Adresse meines Landes gesagt. Und ich bin natürlich sehr dankbar und es ist auch viel wirkungsvoller, wenn Sie das sagen als wenn ich das sage.
Aber es steckt natürlich auch bei diesen Fragen im Detail wieder die eine oder andere Schwierigkeit. Sie haben vom Wahlrecht gesprochen. Ich stimme ganz mit Ihnen darin überein, daß der Einfluß des Bürgers auf die Auswahl seiner Mandatsträger zu gering ist, wenn im wesentlichen die Parteiorganisationen alleine nur über die Auswahl der Kandidaten verfügen. Und es gibt ja sehr interessante und dankenswerte Initiativen in dieser Richtung in unserem Land. In unserer Kommunalpolitik ist das ja gut verwirklicht. Der Bürgermeister und der Landrat müssen sich persönlich stellen. Sie können sieh nicht auf die Kraft einer Parteistruktur berufen.
Wenn wir nur das Mehrheitswahlrecht im ganzen einführen, dann müssen wir trotzdem daran denken, daß es ja auch manche Gruppierungen in unserer Gesellschaft gibt, die ihrer Natur nach kleineren Umfanges sind, und die bei Mehrheitswahlrechten schlechter davonkommen. Ich sage das nicht, weil Theodor Heuss prominentes Mitglied der FDP gewesen ist, und wir auch sonst das eine oder andere prominente Mitglied der FDP hier in diesem Saale versammelt sehen. Aber das Grundproblem, wie man den positiven Ansatz des Mehrheitswahlrechtes verbinden kann, ohne die Repräsentanz wichtiger Minderheiten dabei auszuschalten, das Problem ist noch nicht ganz gelöst.

Havel:
Ich persönlich würde in unserem Land durchaus zufrieden sein mit einem kombinierten System, aber was die verhältnismäßige Vertretung der Minderheiten angeht, wage ich zu sagen, was ein weiterer Beweis meiner Eigenschaft, Träumer zu sein, sein wird: Ich bin der Ansicht, daß ein guter Repräsentant Unterstützung gewinnen kann auch dieser Minderheiten, und imstande sein wird, in seinem Handeln sich klarzumachen, daß auch sie ihn gewählt haben.

von Weizsäcker:
Also, Sie haben gelegentlich den Titel oder den Ruf bekommen, sie seien der unpolitische Politiker. Ich kann nur sagen, das letzte, was uns in der liberalen Demokratie schaden würde, wäre, wenn wir davon mehr hätten.

Was ich vor allem so hoch respektiere ist, daß Sie den Weg, den Sie in der Diktatur eben als Schriftsteller, als Intellektueller und damit als Dissident gegangen sind, daß Sie diesen Weg nicht in der bequemeren Weise fortgesetzt haben, sich eben weiter auf die schöne Arbeit als Schriftsteller zu konzentrieren, die letzten Endes der eigenen Auswahl überlassene kritische Begleitung der politischen Verhältnisse als Intellektueller zu betreiben, im übrigen aber das Gesamtfeld der politischen Verantwortung eben den Kritisierten allein zu überlassen. Nein, sondern Sie haben sich dieser Verantwortung im Ganzen gestellt, und damit haben Sie wirklich weit über Ihr Land hinaus geholfen und auch uns hier in Ihrem deutschen Nachbarland geholfen. Es ist doch nicht so, daß wir von seiten der Politik die Beteiligung des Geistes und der Intellektuellen fürchten.
Ganz im Gegenteil, was wir viel mehr fürchten, ist, daß sie abtauchen, daß sie sich nicht beteiligen. Oder daß sie eben nur ganz selektiv vorgehen, sich diese oder jene Frage aussuchen, die ihnen nahe liegt, zu der sie auch wirklich was zu sagen haben. Aber das Schwierige ist ja gerade die Bündelung der Fragen im Ganzen in der Politik. Und das haben Sie gemacht und wenn man das unpolitischen Politiker nennt, dann kann ich nur sagen, das ist eher ein Begriff, der in die Verfassung hineingehörte, als daß er als eine Kritik empfunden werden sollte.
Aber, darf ich vielleicht, wahrscheinlich müssen wir ja bald aufhören, darf ich noch einmal versuchen, anzuknüpfen an die für mein Gefühl so furchtbar wichtige Frage, wie wir in einer säkularisierten Welt, in einer Welt, in der nun die Utopien sich als Illusionen erwiesen haben, aber in einer Welt, in der wir dennoch nicht ohne Hoffnung auf Veränderung derjenigen Verhältnisse leben können und wollen, die wir nicht hinnehmen können. Sie haben das Stichwort Bosnien genannt. Es ist doch im Grunde unerträglich, daß wir ein Jahrhundert voller Leiden in Europa erlebt haben, daß unzählige Opfer dafür gebracht worden sind, um Konflikte und Kriege dieser Art zu vermeiden. Und nun sollen wir unserer nachfolgenden Generation eine Situation übergeben, machtlos, wortlos, weil wir nicht wissen, was wir damit machen können. Wir müssen an der Hoffnung weiterarbeiten, mit den Verhältnissen, die wir nicht hinnehmen können oder wollen, besser fertig zu werden.

Und ich meine, auch in einer säkularisierten Welt haben ja die Religionen nicht aufgehört zu bestehen. Ich denke etwa an Hans Küng, der eine Zusammenstellung der ethischen Grundregeln der verschiedenen Weltreligionen aufgestellt hat. Alle diese Religionen haben einen ethischen Kern, einen ethischen Katalog, den sie den Menschen vermitteln wollen und ohne Rücksicht auf das Gottesbild oder die Vorstellung von der Ewigkeit, sich hinsichtlich dieser ethischen Kataloge untereinander zu verständigen und sie selber zu praktizieren und sie unseren Gesellschaften zu vermitteln als etwas, was ihrem legitimen Wunsch nach etwas Bleibendem und etwas Wahrem entspricht, das ist doch eigentlich unsere wichtigste Aufgabe.
Und in dem Sinne, Frau Hamm-Brücher, Sie selber haben ja vom kategorischen Imperativ gesprochen, das ist nun mal so ein Stichwort aus der deutschen Philosophie, aber wie ich meine, doch ein gutes. So zu handeln, daß die Maxime des eigenen HandeIns jederzeit die Grundlage für ein allgemeingültiges Gesetz bilden könnte.
Das ist zwar zweihundert Jahre her oder mehr, daß Kant sich das ausgedacht hat, aber es ist im Grunde genommen heute noch viel relevanter als zu seiner eigenen Lebenszeit.

Havel:
Ich bin der Ansicht, daß eine grundsätzliche Herausforderung der heutigen Welt ist, das zu finden, was den verschiedenen Kulturen und Religionen gemeinsam ist und dem Kreis zwischen den Zivilisationen; eine Art ethisches Minimum, das für alle gemeinsam gilt und mit dem sie übereinstimmen müssen, wenn sie nicht wollen, daß es mit dieser Welt schlecht ausgeht. Und die Aufgabe der Politiker ist es, nicht irgend etwas für den Staat auszudenken, sondern dieses ethische "Minimum" in ihre tägliche Arbeit hineinzuprojizieren, in ihre politischen Entscheidungen, in ihr politisches Auftreten. Und auf diese Weise, auf eine bestimmte Art auf die Gesellschaft zu wirken.
Nicht nur sich der Gesellschaft anbiedern, sondern zugleich Beispiel zu sein einer Art neuen Typs von Kultur, einer universalen Kultur, in deren Mitte sich diese universelle Verantwortung aufzeigen kann. Ich habe den Eindruck, daß vor den führenden Politikern der Welt eine ungewöhnlich große Aufgabe steht. Und die Intellektuellen, die nicht in die Politik eintreten wollen und sagen, Politik sei schmutzig, ein schmutziges Geschäft, sie wollen damit nichts zu tun haben, und die machen aus der Politik eben dieses schmutzige Geschäft.

von Weizsäcker:
Vielen Dank. Das nächste Mal werden wir uns vielleicht mehr streiten als heute. Ich weiß bloß nicht ganz genau worüber.

 

Schlußwort
Hans-Jochen Vogel
Es entspricht der Tradition der bisherigen Preisverleihungen und wohl auch den noch immer weitverbreiteten Vorstellungen vom vermeintlichen oder -jedenfalls in Resten noch vorhandenen deutschen Ordnungsliebe, auch die heutige Veranstaltung mit einem Schlußwort zu beenden. Ich benutze dieses Schlußwort gerne, um den Ausgezeichneten, also den Empfängern der THEODOR-HEUSS-MEDAILLE, und insbesondere Ihnen, Herr Staatspräsident, zu gratulieren und Glück zu wünschen. Fast noch mehr aber beglückwünsche ich in diesem besonderen Fall uns - also die Stiftung, alle Anwesenden, aber auch alle, die mit Hilfe der Medien an dieser Veranstaltung teilnehmen konnten. Ich beglückwünsche uns dazu daß Sie Herr Staatspräsident, gekommen sind. Ich beglückwünsche uns aber auch zu dem Gespräch, dessen Zeugen wir soeben waren.
Sie, Herr Staatspräsident, haben der Stiftung für die Ihnen zuteil gewordene Auszeichnung gedankt. Ich meine, Sie und der Herr Bundespräsident haben Ihrerseits die Stiftung ausgezeichnet -durch Ihre Anwesenheit und durch das, was Sie gesagt haben. Denn, wann geschieht es schon, daß zwei Staatsoberhäupter ihre Vorstellungen und Gedanken so freimütig und ohne die üblichen diplomatischen Rücksichtnahmen austauschen, wie wir das soeben erlebt haben. Nicht in vorformulierten, womöglich von Dritten für diesen Zweck entworfenen Reden, sondern im offenen Gespräch, das viel mehr von der Persönlichkeit, als von den Funktionen derer geprägt war, die sich hier begegnet sind.
Wir befinden uns -vor allem, aber nicht nur in Mittel-und Osteuropa -in einer Phase tiefgreifender Veränderungen. Viele empfinden sie inzwischen als Phase der Unsicherheit, in der die Freude über den Zusammenbruch verkrusteter ideologischer Gewaltsysteme von dem Unbehagen über die Vielzahl neuer, tief in die eigenen Lebensverhältnisse und -gewohnheiten einschneidender Herausforderungen und die beunruhigende Zunahme blutiger Konflikte überlagert wird. Viele vermissen in dieser Situation die Orientierung, die sie von Exponenten der Gesellschaft im allgemeinen und der
Politik im besonderen erwarten und fühlen sich ratlos. Daraus erwächst Verdrossenheit, die durch die Enttäuschung über das Fehlverhalten Verantwortlicher, die im eigenen Bereich anders handeln, als sie öffentlich reden, noch gesteigert wird.
Dieser Verdrossenheit gilt es zu begegnen. Durch persönliche Beispiele. Durch Orientierung. Durch Ermutigung. Eben dies ist hier in den bei den letzten Stunden geschehen. Und die Botschaft dieser bei den Stunden gewinnt noch an Bedeutung, weil in ihr der grenzüberschreitende Gedanke der Versöhnung mitschwingt. Einer Versöhnung, die Geschehenes nicht vergessen, sondern seine Überwindung zur Grundlage eines neuen Zusammenlebens der Völker und Nationalitäten machen will. Eines Zusammenlebens und Miteinanders, das sich der in der menschlichen Natur wurzelnden Gefährdungen stets bewußt bleibt. Und zu dem gerade die mit den Medaillen ausgezeichneten Inititativen beispielhafte Beiträge geleistet haben.
Wenn ich Sie, Herr Staatspräsident, in diesem Zusammenhang noch einmal persönlich anspreche, dann deshalb, weil Ihr Lebensweg all das, was unserem Volk und den europäischen Völkern insgesamt Mut und Hoffnung geben kann, in besonderer Weise verkörpert. Sie haben in Ihrer ersten Neujahrsansprache als Präsident damals noch der Tschechoslowakischen Föderativen Republik den großen tschechischen Theologen, Philosophen und Bildungsreformer Jan Amos Comenius mit dem Satz zitiert:
"Deine Regierung, Volk, ist zu Dir zurückgekehrt«.
Ich möchte diesen Satz unter dem Eindruck der heutigen Veranstaltung dahin abwandeln, daß ich sage:
»Möge die Politik im Geiste dieser bei den Stunden zum Volke zurückkehren und ihm in diesem Geiste voranschreiten.«
In diesem Sinne schließe ich die 29. Preisverleihung der THEODOR-HEUSS-STlFTUNG mit einem herzlichen Dank an alle, die an ihrer Vorbereitung mitgewirkt haben, insbesondere an Frau Hamm-Brücher, ohne die das alles seit fast 30 Jahren so nicht möglich gewesen wäre. Ich bin sicher, die heutige Preisverleihung wird ihren besonderen Rang auf lange Zeit behaupten.

1993