Theodor Heuss Stiftung

Carl Friedrich von Weizsäcker

Der THEODOR-HEUSS-PREIS wurde an Carl Friedrich von Weizsäcker für seine über 40 Jahre geleisteten, weltweit anerkannten, vielfältigen und engagierten Beiträge zu den Menschheitsthemen FRIEDEN - GERECHTIGKEIT-BEWAHRUNG DER SCHÖPFUNG verliehen. Mit Carl Friedrich von Weizsäcker soll ein herausragender deutscher Naturwissenschaftler und Philosoph geehrt werden, der seine Mitverantwortung für die politischen Folgen wissenschaftlicher Erkenntnisse lebenslang beispielhaft wahrgenommen hat. Es ist sein Verdienst, zur Erkenntnis und politischen Bewußtmachung der nationalen und globalen Gegenwarts- und Zukunftsaufgaben entscheidend beigetragen zu haben. Seit dem Abwurf der ersten Atombomben im August 1945 warnte er unermüdlich vor den menschheitsbedrohenden Gefahren eines Atomkrieges und vor dem eskalierenden Rüstungswettlauf. Statt dessen forderte er konkrete und realisierbare Abrüstungsschritte und die Umstellung auf defensive, konventionelle Verteidigung. Darüber hinausführend lenkt Carl Friedrich von Weizsäcker in seinen engagierten Arbeiten unermüdlich auf sein eigentliches Ziel einer politischen Weltfriedensordnung hin. Früher als die meisten Politiker hat er erkannt und gefordert, daß die Überwindung des unerträglichen Gegensatzes zwischen reichen und armen Völkern und die Bewahrung der Schöpfung vor ihrer Zerstörung durch menschliche Habgier und Unvernunft Bestandteil einer solchen Weltfriedensordnung sein muß. Darin erkennt er den Auftrag aller christlichen Konfessionen und Weltreligionen, die er in einem „konziliaren Prozeß" zu mobilisieren trachtet. Mit der Zuerkennung des 25. THEODORHEUSS-PREISES soll nicht nur das herausragende Lebenswerk Carl Friedrich von Weizsäckers ausgezeichnet werden. Im Sinne der Satzung der THEODOR-HEUSS-STIFTUNG sollen Menschen und Gruppen von Menschen über nationale Grenzen hinaus ermutigt werden, sich für die Erreichung dieser Ziele zu engagieren.

Es wurden keine Medaillen vergeben.

Frieden – Gerechtigkeit – Bewahrung der Schöpfung

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Begrüßung
Ludwig Heuss
Hochverehrter Herr Bundespräsident,
verehrte Präsidentin des Bundestages,
verehrter Herr Ministerpräsident,
hochverehrter Preisträger,
meine sehr verehrten Damen und Herren.Es ist nicht ganz leicht, diese große Feierstunde zum 25jährigen Bestehen einer Stiftung, die vorbildliches demokratisches Verhalten auszeichnet, zu eröffnen, wenn man selber nur um weniges an Alter voraus ist, und wenn die spontane Zusage hierzu eher einem jugendlichen Übermut entsprang, -der ja bekanntlich nicht zu den herausragenden demokratischen Tugenden zählt. Dafür ist es aber auch mehr als die obligate Freude, Sie heute-im Namen der Stiftung zur Verleihung des 25. THEODOR-HEUSS-PREISES begrüßen zu dürfen. Es war sozusagen ein pädagogisches Ziel, das 1964 zur Gründung der THEODOR-HEUSS-STIFTUNG führte. In der Sorge um die noch junge Demokratie mit ihrem Mangel an Traditionen, im Wissen um das Beispiel des Scheiterns der 1. Republik mit seinen furchtbaren Folgen, war es ein fester Wunsch, einen kleinen Beitrag zur evolutionären Entwicklung einer offenen demokratischen Gesellschaft in Deutschland zu leisten. Eine Zielsetzung, die natürlich auch heute nach wie vor besteht. Während 25 Jahren, dem Zeitraum einer Generation, ist aber nun die alljährliche Verleihung des THEODOR-HEUSS-PREISES selbst zu einer lebendigen demokratischen Tradition geworden, die Anerkennung und Resonanz gefunden hat. Dies erfüllt uns, die wir in der Stiftung mitwirken dürfen, mit Freude und Dankbarkeit. Dank, der vor allem den Preisträgern gilt. Dies gibt mir Anlaß, als erstes unsere ehemaligen Preisträger willkommen zu heißen - und zum Glück sehe ich mich dabei auch mit dem Protokoll, in dem ich nicht sattelfest bin, in Einklang. An erster Stelle stehen natürlich Sie, hochverehrter Herr Bundespräsident. Es ist uns eine große Ehre, daß Sie zur heutigen Feierstunde kommen konnten. Während der letzten Jahre durften wir immer Ihre wohlwollende Verbundenheit spüren. Haben Sie herzlichen Dank dafür. Ich begrüße Sie, sehr verehrter Herr Alt-Bundeskanzler Schmidt, und verbinde dies mit dem Dank, daß Sie es übernommen haben, im Namen aller Preisträger aus 25 Jahren, zur heutigen Feierstunde das Schlußwort zu sprechen. Ein herzliches Willkommen auch Ihnen, Herr Alt-Bundespräsident Scheel, als Preisträger des Jahres 1971 und heutigem Ehrenvorsitzenden unserer Stiftung, und mit Ihnen auch allen weiteren... ehemaligen Preisträgern, die heute unter uns sind. Ich begrüße Sie, sehr verehrte Frau Bundestagspräsidentin Süssmuth, Sie sind heute zum ersten, aber hoffentlich nicht letzten Mal in diesem Kreis und danke Ihnen für Ihr Kommen. Nicht zuletzt gilt unser besonderer Gruß und Dank unseren großzügigen Förderern und Gastgebern hier in Stuttgart: Seien Sie, verehrter Ministerpräsident Späth, im eigenen Haus herzlich begrüßt, und wir freuen uns, daß Sie gleich anschließend auch noch einige Worte zu uns sprechen werden. Ein Gruß auch Ihnen, lieber Herr Oberbürgermeister Rommel, als ehemaligem Preisträger somit gewissermaßen ein doppelter. Ich begrüße an dieser Stelle den Bundeswirtschaftsminister und Mitglied unseres Vorstandes, Herrn Helmut Haussmann. Ich grüße die große Delegation, die aus unserer, - sagen wir Geburtsstadt München, angereist ist, und damit verbindet sich natürlich auch ein ganz besonderer Gruß an Sie, verehrter HansJochen Vogel, als treuen Freund der Stiftung seit 25 Jahren. Die Hauptperson ist natürlich der heutige Preisträger. Hochverehrter Herr Professor von Weizsäcker, seien Sie in diesem Kreis, der sich Ihnen ja immer schon verbunden wissen durfte und der Ihnen auch wesentliche Impulse zu verdanken hat, aufs herzlichste begrüßt. Mit Ihnen begrüße ich auch Ihre verehrte Gemahlin und alle Mitglieder und Freunde der Familie Weizsäcker. Lassen Sie mich aus der Vielzahl bedeutender Persönlichkeiten, die wir heute unter uns wissen und die ich, Ihr Verständnis vorausgesetzt, unmöglich alle namentlich begrüßen kann, noch zwei Gäste willkommen heißen, deren Anwesenheit uns eine ganz besondere Freude ist. Es sind dies der Oberkonsistorialrat des evangelischen Kirchenbundes der DDR, Herr Manfred Stolpe, und der Präsident der Deutschen Goethe-Gesellschaft in Weimar, Herr Prof. Karl-Heinz Hahn. Meine sehr verehrten Damen und Herren, stärker als die abgeschlossene, runde Dezimale wird die Zahl 25 mit der Tatsache assoziiert, daß sie Teil eines größeren, noch zu vervollständigenden Ganzen ist. Grund also, an der heutigen Feierstunde nicht nur zurück, sondern auch nach vorne zu blicken. Nachdem ich die ehemaligen und gegenwärtigen Preisträger begrüßt habe, werden Sie nun nicht von mir erwarten, daß ich der Vollständigkeit halber auch noch zukünftige Preisträger begrüße, das kann ich aus naheliegenden Gründen nicht tun. Aber ich könnte das Wort „zukünftig" durch „potentiell" ersetzen, und potentiell hat ja jeder Bürger, haben wir alle die Möglichkeit, Anwärter des HEUSS-PREISES zu werden. Freilich bedarf dies einer gehörigen Vorleistung, denn der Preis soll ja als Anerkennung und Ermutigung gelten für außer- und ungewöhnliches demokratisches Engagement, kräftiges Gegen-den-Strom-Schwimmen und hohe persönliche Glaubwürdigkeit. Menschen mit Mut zum Widerspruch, die ihrem Handeln die Basis einer gemeinsamen Verantwortung zugrunde legen, werden wir auch in Zukunft bitter nötig haben; nicht nur, weil wir unsere demokratische Staatsform als einen Prozeß betrachten, der ständiger Verbesserung und Regeneration bedarf. Vor allem wird es unsere Antwort auf die Herausforderung der großen existentiellen Bedrohungen sein, von der die Zukunft, von der jede Zukunft, abhängt. Bevölkerungsexplosion und Verelendung in der Dritten Welt; dauerhafte Friedenssicherung angesichts des Vernichtungspotentials der Waffenarsenale; die langfristigen Folgen der Zerstörung von Natur und Lebensraum; die unübersehbaren Entwicklungen in Technik und Wissenschaft: wir wissen um die Probleme und um die Gefahr gewalttätiger Auseinandersetzungen, die sie bergen. Wir müssen uns ihnen mit Vernunft stellen. Denn menschliches Bewußtsein und mit ihm die Vernunft, hat, wie Karl Popper sagt, darin seinen großen Überlebenswert, daß es Gewalt überwinden kann und eine friedliche kulturelle Evolution möglich macht. Es ist schließlich besser, Theorien und Argumente, statt Menschen miteinander kämpfen zu lassen, es ist sinnvoller, falsche Theorien durch gewaltlose Kritik zu beseitigen,-als uns selbst. Wie wichtig wird da gerade angesichts der Bedrohungen der Zukunft demokratisches Engagement sein, um eine Ordnung zu finden und zu erhalten, die der freien Auseinandersetzung der Argumente Raum bietet. Denn, mit Ihren Worten, hochverehrter Carl Friedrich von Weizsäcker: „Freiheit ermöglicht Vernunft. Die Vernunft findet viel zu tun in der heutigen Welt". In diesem Sinn und vor allem mit dieser Hoffnung möchte ich Sie, sehr verehrte Ehrengäste, verehrte Minister und Staatssekretäre, verehrte Abgeordnete des Bundestages, der Länderparlamente und der Städte, verehrte hohe Repräsentanten von Kirchen, Hochschulen, Verbänden und Organisationen, liebe Freunde und Förderer der Stiftung, möchte ich Sie, meine sehr verehrten Damen und Herren, zur heutigen Feierstunde sehr herzlich willkommen heißen, und hoffen, daß sich mancher von Ihnen angesprochen fühlt durch außergewöhnliches demokratisches Engagement, Widerspruch und persönliche Glaubwürdigkeit ein potentieller Anwärter des HEUSS-PREISES werden zu können. Grußworte Lothar Späth Im 25. Jahr ihres Bestehens - im 40. Jahr der Bundesrepublik Deutschland - ehrt die THEODOR-HEUSS-STIFTUNG Carl Friedrich von Weizsäcker mit dem THEODORHEUSS-PREIS für seine Beiträge als Naturwissenschaftler und Philosoph zu den großen Menschheitsthemen FRIEDE- GERECHTIGKEITBEWAHRUNG DER SCHÖPFUNG. Ich freue mich, eine solch bedeutende Zahl von Persönlichkeiten aus allen Bereichen des wissenschaftlichen, kulturellen und politischen Lebens heute zu Ehren Carl Friedrich von Weizsäckers hier im Neuen Schloß in Stuttgart zu sehen, zu dem die Familie von Weizsäcker ganz besondere „heimatliche Bindungen" hat (Sie, verehrter Herr Bundespräsident, erblickten am 15. April 1925 hier in Stuttgart im Neuen Schloß das Licht der Welt). Sie, sehr verehrter Herr Professor von Weizsäcker, stehen im Mittelpunkt dieser feierlichen Versammlung. Ihnen gebührt heute unser Glückwunsch zu dieser ehrenvollen Auszeichnung, mehr aber noch unser Dank für Ihre Lebensleistung, die sich weitgespannt zwischen den Polen Physik und Philosophie - mit der Welt als Ganzem und so auch immer mit dem Menschen in der Welt befaßt. Wie Platon, dessen Methode Sie anwenden, sind Sie als Philosoph ein Frager. Aber auch der Physiker Carl Friedrich von Weizsäcker ist auf die Methode angewiesen, zuerst die richtigen Fragen zu stellen und die Komplexität der Phänomene in unserer Welt nicht in vorweg ausgedachte Antworten zu pressen. Wer wie Sie aus dieser Verantwortung heraus lebt und arbeitet, tritt der Welt und seinen Mitmenschen ernst und anspruchsvoll gegenüber. Wer sich bewußt ist, daß die Möglichkeiten der heutigen Wissenschaft, unsere Welt entweder zu zerstören oder lebenswerter zu machen, in einer unendlichen Kette von Einzelentscheidungen immer wieder aufgerufen sind, ist unbequem und fordert hohe Kategorien des Denkens und Handelns ein. Gerade dafür sind wir Ihnen zu Dank verpflichtet. Carl Friedrich von Weizsäcker ist ein Wissenschaftler aus der Generation deutscher Physiker, die schon vor dem 2. Weltkrieg in Deutschland an den epochalen Entdeckungen der Kernspaltung beteiligt waren und ahnten, was an grauenvollen Potentialen in dieser neuen Büchse der Pandora wartete. Der 16. August 1945, der Tag des Abwurfes der ersten Atombombe auf Hiroshima - Sie erlebten diesen Tag in der englischen Internierung gemeinsam mit Otto Hahn und einer Reihe weiterer deutscher Wissenschaftler in Farm Hall - veränderte die Welt mit einem Schlag, besonders auch die Welt der Wissenschaft. Wissenschaftler, die das aufgedeckt hatten, „was die Welt in Innersten zusammenhält", fanden dann zu den ursprünglichen philosophischen Aufgabenstellungen zurück. Ihr wissenschaftlicher Mentor, Weggefährte und Freund Werner Heisenberg - Mitglied des Gründungskuratoriums der THEODOR-HEUSS-STIFTUNG - formulierte diesen selbstgewählten Auftrag der Wissenschaftler in seinem Werk „Das Naturbild der heutigen Physik" im Jahr 1955 wie folgt: „Am Anfang der abendländischen Kultur steht die enge Verbindung prinzipieller Fragestellungen und praktischem Handeln, die von den Griechen geleistet worden ist. Auf dieser Verbindung beruht die ganze Kraft unserer Kultur auch heute noch. Fast alle Fortschritte leiten sich noch heute aus ihr her". Als Universalgelehrter haben Sie, sehr verehrter Herr Professor von Weizsäcker, in der Konsequenz, zu der die Verbindung von prinzipieller Fragestellung und praktischem Handeln zwingt, auf das geistige und politische Leben Nachkriegsdeutschlands, der Bundesrepublik, entscheidenden Einfluß genommen. Gerade als Philosoph haben Sie bewußt gezögert, die von Platon in seinem Staatsideal geforderte Bedingung für den rechten Staat, „daß man zu den obersten Hütern die Philosophen bestellen muß" zu erfüllen, aber Sie haben durch Ihr Wirken in die Politik die Kategorie der Vernunft als Meßlatte wieder eingeführt und uns in platonisch-pädagogischem Sinn gelehrt, praktisches politisches Handeln an den unbedingten Voraussetzungen FRIEDEN, GERECHTIGKEIT und BEWAHRUNG DER SCHÖPFUNG auszurichten. So begreifen wir heute, daß Außenpolitik nur noch als „Weltinnenpolitik" zu leisten ist. Erfolge bei der atomaren Abrüstung auf der Ebene der Großmächte geben uns heute Hoffnung, dem ausweglos erschienenen Rüstungswettlauf der letzten Jahrzehnte zu entrinnen. Dieser Weg muß konsequent weitergegangen werden, es müssen Vertrauenspotentiale, insbesondere in der wirtschaftlichen Zusammenarbeit mit dem Ostblock, aufgebaut werden. Dies alles im Bewußtsein, zu einer „Abrüstung der Gesinnung" zu gelangen - oder wie Sie, sehr verehrter Herr Bundespräsident, am 10. Januar dieses Jahres formuliert hatten: „Militärdoktrinen müssen daraufhin überprüft werden, ob und wieweit sie noch offensive, ja sogar aggressive Elemente enthalten. Der Geist der Feindschaft und des Hasses darf in der Ausbildung von Soldaten keinen Platz finden." Die Verantwortung der Großen schließt ein, dafür zu sorgen, daß bei den Kleinen - in der Dritten Welt - nicht mit chemischen oder biologischen Waffen neue Gefährdungspotentiale geschaffen werden, die - wie im Nahen Osten geschehen - mit niedrigerer Hemmschwelle eingesetzt werden. Unsere deutsche Verantwortung ist hier in besonderer Weise gegeben. Wir sollten uns nicht erst von unseren Freunden im Westen auf den Umfang und die Gefahr tödlicher Exporte aus der Bundesrepublik in Länder der Dritten Welt aufmerksam machen lassen. Kritisches Fragen und praktisches Handeln sind hier nötig! Aber auch innenpolitisch müssen wir - und diese Frage geht an alle traditionellen demokratischen Parteien - uns kritisch fragen, ob wir bei unseren Bürgern genügend Vertrauenspotentiale geschaffen haben. * Ist es nicht so, daß der Bürger vor dem aktuellen Streit um tagespolitische Fragen die Gemeinsamkeiten demokratischer Grundüberzeugung bei den Agierenden der Politik nicht mehr bemerkt? * Warum fragen sich die Parteien nicht selbstkritisch: „Sprechen wir nicht dem politischen Konkurrenten bewußt diese gemeinsamen Grundüberzeugungen ab?" * Wie „wetterfest" ist eigentlich unsere demokratische Einstellung? Ich fürchte, Wahlergebnisse - wie jetzt in Berlin - geben zu solchen Fragestellungen sehr ernste Antworten. Vielleicht - ich möchte dies hier bewußt einmal vor diesem Kreis von Persönlichkeiten aus einem breiten Spektrum des politischen und öffentlichen Lebens vorschlagen - sollten sich die Stiftungen der demokratisch-traditionellen Parteien (die Konrad-Adenauer-Stiftung, die Friedrich-Ebert-Stiftung, die Hans-SeidelStiftung und die Friedrich-Naumann-Stiftung) bei einer gemeinsamen Tagung oder einem gemeinsamen Kongreß diesen Fragestellungen widmen. Vor siebzig Jahren wurde Friedrich Ebert zum ersten Präsidenten eines demokratischen deutschen Staates gewählt. Heute nachmittag werden Vertreter aller demokratischen Parteien auch wiederum im Beisein des Herrn Bundespräsidenten - in Heidelberg am Geburtshaus Friedrich Eberts dieses Tages und des Mannes gedenken, der seine ganze Person bis zur Selbstaufopferung dem Versuch einer demokratischen Neubesinnung Deutschlands gewidmet hatte. Der ,,Versuch Weimar" - dessen Anfänge Sie, sehr verehrter Herr Professor von Weizsäcker als Kind, aber bewußt, miterlebt haben - ist verhängnisvoll gescheitert. Und wieder haben sich vor einer Generation Frauen und Männer gefunden, unser Gemeinwesen wiederaufzurichten - die Voraussetzungen schienen noch hoffnungsloser als vor siebzig Jahren. Sie, Herr Professor von Weizsäcker, waren von Beginn an Wegweiser, Sinnstifter und Warner in dieser neuen Ordnung! Das demokratische Gemeinwesen ehrt seine Großen nicht mit pompösen Gesten, aber es zeichnet sie zurecht aus mit Preisen wie dem heute zu verleihenden. Wir danken Ihnen für Ihr Lebenswerk, wir beglückwünschen Sie zu dieser Auszeichnung, mit der wir auch das Andenken an den ersten Präsidenten unserer Bundesrepublik Deutschland, Theodor Heuss - ein Sohn des deutschen Südwestens-ehren. Manfred Rommel Hochverehrter Herr Bundespräsident, verehrte Frau Präsidentin Süssmuth, verehrter Herr Ministerpräsident, verehrter Herr Dr. Vogel, verehrte und liebe Frau Hamm-Brücher, verehrte Familie Heuss, sehr verehrter Herr Professor von Weizsäcker, meine sehr verehrten Damen und Herren, ich begrüße Sie im Namen der Stadt Stuttgart auf das herzlichste. Unser Ministerpräsident hat bereits zur Geschichte dieses Hauses richtige Bemerkungen gemacht; er hat insbesondere auch dargestellt, wie dieses Haus in Vorwegnahme seiner Bedeutung mit knapper Mehrheit gerettet wurde, aber die List der Vernunft äußert sich auch in knappen Mehrheiten. Ich freue mich sehr darüber, sehr verehrter Herr Professor von Weizsäcker, daß Sie den THEODOR-HEUSS-PREIS heute erhalten und annehmen. Auch wenn Sie in Kiel geboren wurden, so betrachten wir doch die ganze Familie von Weizsäcker als uns Schwaben zugehörig. Das stabilisiert unseren Nationalstolz. Sie sind Naturwissenschaftler und Philosoph, was in den früheren Jahrhunderten häufiger vorkam, als in der Gegenwart, vielleicht muß man sagen, bedauerlicherweise. Sie haben das Ansehen der Deutschen gemehrt, ganz im Unterschied zu jenen falschen Patrioten des Mundwerks und der Taktlosigkeit, die sich heute zu Wort melden, und wir sind Ihnen dankbar dafür. Was die Naturwissenschaften anbetrifft, können wir uns Stuttgarter darauf berufen, daß die Mutter von Albert Einstein aus dem heute mit Stuttgart vereinigten Cannstatt stammt, und das ist immerhin bedeutungsvoll, denn eine Mutter ist nicht unwichtig, was alle Parteien übereinstimmend anerkennen. Bei den Philosophen berufen wir uns vor allem auf Hegel und Schelling, beide Autoren einer titanischen Philosophie, beide mit der Tendenz, das Ganze als System zu denken, was, wie Sie, Herr Professor, ausführen, nicht zur Einigkeit des Denkens, sondern zur Vervielfachung der Systeme führt. Immerhin darf zur teilweisen Entlastung der Beteiligten festgehalten werden, daß Schelling immer wieder neue Systeme entworfen und daß er hinter allen Philosophien eine Urphilosophie vermutet hat. Hegel hingegen betrachtete die einzelnen Systeme als Schritte auf dem Weg, den der Geist zu sich selber zurücklegte; sein eigenes System sah er freilich ziemlich dicht vor dem Ziel. Sie haben, wie kaum ein anderer Wissenschaftler in der Nachkriegszeit sich um die qualitative Verbesserung der Politik bemüht, um Deutlichkeit, um Vernunft, um politische Moral, um Wahrnehmung der Neuzeit, um intellektuelle Prüfung auch der großen Fragen, um eine realistische Sicht des Intellekts und seiner Möglichkeiten. Sie haben, wie kaum ein anderer, in allen politischen Lagern stilprägend gewirkt. Wir wünschen uns freilich, daß ihre Wirkung noch verstärkt würde, denn die deutsche Gesellschaft hats nötig. Der Oberschwabe Wieland hat im 18. Jahrhundert eine Geschichte der Abderiten geschrieben. Wieland läßt in dieser Geschichte den Philosophen und Naturwissenschaftler Demokrit sagen: Was die Abderiten am nötigsten hätten, wäre, sie vernünftig zu machen. Aber die Abderiten sind freie Leute. Wenn sie nicht vernünftig sein wollen, wer kann sie nötigen? Wir wollen hoffen, daß wir das Abderitische in uns überwinden können, auch wenn es immer wieder hervorbricht. Wir Kommunalpolitiker betrachten besorgt und verwundert jenes dumpfe Nörgeln und Jammern in den intellektuellen Schichten unserer Gesellschaft, kombiniert nur selten mit Konsequenzen für den eigenen Lebensstil, die Katastrophe befürchtend, aber ohne Bewußtsein, daß die Hinwendung zu modischen Wahrsagern und Zeichendeutern, intellektuelle Trägheit, Vorurteilsabhängigkeit und Furcht die Katastrophe häufig erst auslöst, auf jeden Fall aber mit Sicherheit größer macht. Wir danken Ihnen viel. Die Klarheit des Denkens, zu der Sie uns ermutigen, in Verbindung mit dem Hinweis, daß die reine Erkenntnis nicht alles ist, daß die reine Erkenntnis Moral weder begründen noch beweisen kann, daß es aber kein Thema gibt, dem eine rationale Durchdringung nicht nützlich wäre. Hiermit führen Sie Gedanken fort sowohl von Hegel, der sich gegen die auch heute gängige These gewandt hat, wonach die Emotion die Quelle der Moral sei, mit dem etwas polemischen Wort: käme es nur auf das Gefühl an, wäre der Hund der beste Christ, als auch von Einstein, der den Intellekt als gut für Mittel und Wege, aber untauglich zum Finden von Zielen und Werten bezeichnet hat. Sogar Bernard Shaw, der vernünftigste unter den Dichtern, wendet sich in seinen Betrachtungen gegen eine Überschätzung des Rationalismus, nämlich insoweit, als die Vernunft nicht nur als Methode, sondern auch als Beweggrund angesehen wird. Er selbst sei ein zu kritischer Denker, um in einen solchen Irrtum zu verfallen. Er führt ein Beispiel aus der französischen Revolution an, das ich im Blick auf die zweihundertste Wiederkehr des Jahres der französischen Revolution erwähnen darf, nämlich Robespiere hätte, nachdem er die Gottheit der Vernunft eingesetzt hatte, bald erkennen müssen, daß Vernunft nur der Mechanismus des Denkens ist und daß man Voltaire zustimmen sollte, wenn er meint, er müsse Gott erfinden, wenn es ihn nicht gäbe. So haben Moral und Ethik in ihrem System einen wohlbegründeten Platz, von den Naturwissenschaften können wir lernen, daß es wesentlich häufiger gelingt, zu beweisen, daß eine These mit Sicherheit falsch ist, als es gelingt, zu beweisen, daß sie mit Sicherheit richtig ist. Es ist mit Sicherheit falsch, wenn wir angesichts der großen Probleme in unserer mehr und mehr zusammenwachsenden Welt immer mehr reden und immer weniger zuhören, immer nur lehren und belehren wollen und nicht lernen, immer nachhaltiger behaupten und immer schwächer denken und den nationalen Egoismus zur Tugend erklären. Was erkannt ist, ist weniger gefährlich. Ich wünsche, sehr verehrter Herr Professor, Ihnen und Ihren Schriften und auch uns, auch in den kommenden, vielleicht entscheidenden Jahren Wirkung und Einfluß auf die Menschen und damit auch auf die Sachen, die der Mensch tätig oder untätig weit mehr beeinflußt, als er selbst weiß oder eingesteht.

Hans-Jochen Vogel
Herr Bundespräsident,
hochverehrter Preisträger,
hochverehrte Versammlung,die Anredeformeln meiner Vorgänger waren so perfekt, daß ich einfach aus Zeitgründen darauf verweise. Und um auch meinerseits, Herr Oberbürgermeister, den örtlichen Bezug herzustellen: Die Großmutter meiner Frau ist in Bad Cannstatt geboren. Die jeweiligen Umstände haben es mit sich gebracht, daß ich in den vergangenen 25 Jahren an den HEUSS-PREIS-Verleihungen in sehr unterschiedlichen Rollen mitgewirkt habe. So unter anderem als Gastgeber, als Laudator und in mehreren Fällen als Schlußredner. Heute trete ich als Grußredner in Erscheinung. In dieser Eigenschaft übermittle ich der Stiftung, Ihnen Herr Professor von Weizsäcker als dem Preisträger, und allen, die sich heute hier eingefunden haben, die Grüße meiner politischen Freundinnen und Freunde. Ich tue es als einer, der an der Gründung der Stiftung mitgewirkt hat und sie seitdem begleitet. Daher ist es nicht nur eine höfliche Formel, wenn ich sage, die THEODOR-HEUSS-STIFTUNG, die heute ihren Preis zum 25. Mal verleiht, hat das Vermächtnis des Mannes, dessen Namen sie trägt, in vorbildlicher Weise erfüllt und für die politische Kultur unseres Landes ein hervorragendes Beispiel gegeben. Ich kenne kaum eine andere Institution, bei der so unterschiedliche politische und geistige Strömungen, wie sie heute allein schon von den Grußrednern verkörpert werden, im offenen und auch kontroversen Dialog zusammenwirken. Und im Sinne dieses offenen Dialogs möchte ich Ihre Anregung, Herr Ministerpräsident, die Stiftungen sollten sich mit den Gründen für den Vertrauensverlust der politischen Parteien beschäftigen, ergänzen durch die Anregung, die Stiftungen möchten sich auch beschäftigen mit den Gründen für den dumpfen Fremdenhaß, der sich auszubreiten beginnt und der Frage, wie die Parteien ehrlich mit dieser Frage umgehen können. Ich sagte, daß kaum eine andere Institution so viele Strömungen im offenen und auch kontroversen Dialog zusammenwirken läßt. Und daß sie dennoch oder gerade deswegen der Versuchung des Proporzes oder der vordergründigen Ausgewogenheit bis heute widerstanden hat. Und die immer wieder zu Nominierungen fähig war, die Anstoß gaben, der ja dann ziemlich regelmäßig auch genommen wurde. Daß dies so ist, ist vor allem Ihr Verdienst, Frau Kollegin Hamm-Brücher. Dafür würde Ihnen selbst ein HEUSS-PREIS gebühren, wenn die Satzung dem bei Vorstands- und Kuratoriumsmitglieder der Stiftung nicht entgegenstünde. Aber warum sollte man eigentlich nicht bei jeder 26. Preisverleihung von dieser Regel eine Ausnahme machen? Sie, Herr von Weizsäcker, beglückwünsche ich zur Verleihung des diesjährigen Preises. Es steht mir nicht zu, die Laudatio vorwegzunehmen, aber es steht mir zu, zu sagen, warum die, für die ich spreche, diese Entscheidung besonders begrüßen; nämlich deshalb, weil Sie früher als andere die moralische und die politische Verantwortung der Wissenschaft für Ihr Tun und für Ihre Ergebnisse nicht bestritten, sondern bejaht haben. Weil Sie aus dieser Erkenntnis Konsequenzen gezogen und sich in immer stärkerem Maße für Gerechtigkeit, für Frieden und die Bewahrung der Schöpfung engagiert haben. Und weil Sie sich Ihre Lernfähigkeit, Ihre Fähigkeit zur Korrektur von Ansichten, die Ihrem eigenen Anspruch und Ihrem eigenen Kenntnisstand nicht mehr standhalten, bis heute bewahrt haben. Daß Sie all das mitunter als kritischer Begleiter in unsere Nähe, die Nähe der deutschen Sozialdemokratie geführt hat, muß an einem Tage, wie dem heutigen nicht verschwiegen werden. Und meine Hoffnung, daß dies bei allem Respekt vor der vollständigen Unabhängigkeit Ihres Denkens und Handelns auch in Zukunft mitunter so sein könnte, auch nicht. In diesem Sinn wünsche ich der Veranstaltung und allen, die an ihr, in welcher Eigenschaft auch immer, mitwirken - etwa in der Eigenschaft der potentiellen Preisträger, wie Sie es gesagt haben, Herr Heuss - die Zustimmung und den Widerspruch, jedenfalls aber die öffentliche Aufmerksamkeit und Wirksamkeit, auf die sie ein Anrecht haben.

Winfried Zehetmeier
Herr Bundespräsident,
Frau Präsidentin des Deutschen Bundestages,
Herr Ministerpräsident,
Herr Oberbürgermeister,
Frau Dr. Hamm-Brücher,
Herr Dr. Heuss,
verehrte Festgäste,ich habe es übernommen und gerne übernommen, die Grüße der Geburts- und Jugendstadt des THEODOR-HEUSS-PREISES zur heutigen Preisverleihung zu überbringen, die Grüße der bayerischen Landeshauptstadt München. Damit wäre die Südschiene beisammen. Es ist verständlich, daß der THEODOR-HEUSS-PREIS in Stuttgart verliehen werden soll, wenn es auch ein bißchen schmerzlich ist für die Geburtsstadt dieses Preises. Nun in Stuttgart, im Stammland des unvergeßlichen und unvergessenen ersten Präsidenten der Bundesrepublik Deutschland, in der Stadt, in der er während der letzten Jahre seines Lebens wohnte. Allerdings war auch die 20 Jahre dauernde Bindung der THEODOR-HEUSS-STIFTUNG an München aus der Biographie des Namensgebers begründbar. In München hat er, angezogen gleichermaßen von Kunst und Staatswissenschaften studiert und promoviert. Über diese Zeit sagte er in seinen Jugenderinnerungen: „Eigentlich wäre ich gerne ein Bohemien gewesen, aber dazu gehörten Liebesgeschichten und Schulden; beides hatte ich nicht." In seinem Geleitwort zur 800-Jahr-Feier Münchens 1958 gestand Theodor Heuss: „Das Denken an München blieb für mich ein langes Leben hindurch von einer dankbaren Zärtlichkeit umspielt." Den Empfänger des THEODOR-HEUSS-PREISES 1989, Sie sehr verehrter Herr Professor Carl Friedrich von Weizsäcker, grüße und beglückwünsche ich sehr herzlich, auch im Namen der bayerischen Landeshauptstadt. Möge von dieser Feierstunde auch die derzeit bitter nötige Mahnung ausgehen, in der politischen Auseinandersetzung den extremen Gedanken und das extreme Wort zu meiden und im Sinne von Theodor Heuss zu handeln im Zeichen der Humanität.

Friedrich-Wilhelm Kiel
Hochverehrter Herr Bundespräsident,
sehr verehrter Herr Professor Carl Friedrich von Weizsäcker,meine sehr verehrten Damen, meine Herren, was ist noch zu sagen? Zunächst persönliches. Theodor Heuss und Carl Friedrich von Weizsäcker haben beide fast gleichzeitig vor etwas mehr als 30 Jahren großen Einfluß auf mein politisches und berufliches Denken gehabt. Deshalb freue ich mich ganz besonders, Ihnen, sehr verehrter Herr Professor von Weizsäcker, heute die Grüße und Glückwünsche der Mitglieder der Freien Demokratischen Partei überbringen zu können. Zunächst zu Theodor Heuss. Er hatte im Oktober 1958 als Bundespräsident England zu besuchen. Eine sehr schwierige diplomatische Mission, wie sich herausstellte. Theodor Heuss bewältigte sie nach meiner damaligen Auffassung und auch der heutigen in bewundernswerter Weise. Dennoch gab es jenseits des Kanals sehr unfreundliche Kritik und dann später auch diesseits, und noch dazu sehr schadenfrohe. Die Souveränität, mit der Theodor Heuss über die unfaire Kritik hinwegging, hat mich damals stark beeindruckt. Und Carl Friedrich von Weizsäcker'? Als Student der Physik begegnete mir der Name erstmals im Zusammenhang mit dem Kohlenstoff/ Stickstoff-Zyklus, der die energetischen Vorgänge in Fixsternen erklärt. Noch intensiver haben wir Studenten damals freilich über das von Ihnen, sehr geehrter Herr Professor, initiierte Göttinger Manifest vom April 1957 diskutiert. Wenn 18 Atomwissenschaftler, unter ihnen zum Beispiel auch Otto Hahn, sich gegen jegliche atomare Ausrüstung der Bundeswehr, die damals zur Debatte stand, aussprechen und jegliche Art von Beteiligung an der Herstellung, Erprobung oder dem Einsatz von Atomwaffen ablehnen, konnte dies doch nicht ohne Einfluß auf uns Physikstudenten sein. Und wer hätte noch vor wenigen Tagen gedacht, daß der damalige Appell in diesen Tagen wieder aktuell werden könnte? Stünde es uns Deutschen gerade in der jetzigen Situation realer Chancen einer weltweiten Abrüstung nicht gut an, auf eine Modernisierung insbesondere von solchen Waffensystemen zu verzichten, die dann nuklear aus- oder nachgerüstet werden könnten? Doch zurück zum Jahre 1957. Auch Ihren damaligen Wechsel vom Lehrstuhl eines Physikers zu dem eines Philosophen habe ich mit Interesse verfolgt und im übrigen in meiner Arbeit zum zweiten Staatsexamen auch ausgeführt. Im Altertum waren griechische Philosophen durch logisches Denken zu physikalischen Hypothesen über den Aufbau der Materie gekommen. Sie haben aus den Erkenntnissen der modernen Atomphysik und dem, was Wissenschaft und Technik damit angerichtet hatten, die Konsequenz gezogen und beharrlich auf die große Verantwortung des Naturwissenschaftlers in der heutigen Zeit hingewiesen. Bis gestern waren meine Frau und ich wieder einmal einige Tage in Sils-Maria im Oberengadin. Auch Theodor Heuss hat dort, wie aus der Dorfchronik zu entnehmen ist, dann und wann Erholung und Entspannung gesucht, und ich hoffe auch, gefunden. Und vor über 100 Jahren hat Friedrich Nietzsche in Sils die Idee zu seinem „Zarathustra" gehabt und ihn in den folgenden Jahren auch im wesentlichen dort geschrieben. Nach Nietzsche ist es die Aufgabe des wahren Philosophen, auf die Verbesserung der als veränderlich erkannten Seite der Welt loszugehen. Doch hat diese Aufforderung für den Politiker nicht in gleichem Maße zu gelten? So wollen wir Liberalen zum Beispiel mit der verfassungsmäßigen Verankerung des Umweltschutzes deutlich machen, daß wir die Kraft haben, die Zukunft aktiv mitzugestalten, und wir wollen, um nur noch ein weiteres Beispiel zu nennen, möglichst bald eine europäische Verfassung, die uns ein Europa der staatlich und geistig offenen Grenzen garantiert. Sie, sehr verehrter Herr Professor von Weizsäcker, haben sich um den Frieden in der Welt, die Bewahrung der Schöpfung und die Einheit Europas viele Gedanken gemacht, die zur Verbesserung der veränderbaren Seite der Welt führen können, vielleicht schon da und dort geführt, gewiß aber das Denken anderer maßgeblich beeinflußt haben. Und wenn Sie dem Liberalismus dabei eine wichtige Rolle beimessen, dann fühlen sich viele meiner Freunde gleich mir in unserem politischen Handeln bestätigt. Wir wissen, daß Sie nicht im Besitz der Wahrheit sein können und behaupten dies auch nicht. Und ohne wohlverstandene Toleranz ist, wenn ich Sie richtig verstanden habe, gute Politik überhaupt nicht möglich. Zusätzlich aber sollten wir beherzigen, was Theodor Heuss den Politikern zu bedenken gab: ,,... mit Kultur Politik machen." Vor 25 Jahren, als der THEODOR-HEUSS-PREIS zum ersten Mal verliehen wurde, erschien Ihr Buch „Über die Freiheit". Dieses Thema hat auch Theodor Heuss zeitlebens beschäftigt. Es freut uns Liberale deshalb besonders, daß Sie gerade in diesem Jubiläumsjahr für Ihre „beispielhafte demokratische Gesinnung" - wie es in der Urkunde heißt - mit dem THEODOR-HEUSS-PREIS geehrt werden. Wir wünschen Ihnen, sehr verehrter Herr Professor von Weizsäcker, auch für die Zukunft bei der Durchsetzung Ihrer Ideen, Anregungen und Appelle viel Erfolg.

Rita Süssmuth
Sehr geehrter Herr Bundespräsident,
sehr geehrter Preisträger,
Herr Professor von Weizsäcker,
verehrte Mitgliederinnen und Mitglieder der THOEDOR-HEUSS-STIFTUNG,ich möchte Ihnen heute im Namen aller Parlamentarier als Bundestagspräsidentin Dank und Anerkennung aussprechen, weil die THEODOR-HEUSS-STIFTUNG einen wichtigen Beitrag zu einem Element geleistet hat, das die Demokratie dringend braucht: Die Anerkennung und die stets erneute Ermutigung. Im Eingangswort wurde in eher kritischer Tönung vom Übermut gesprochen. Lassen Sie mich deshalb hinzufügen, daß immer auch ein Quantum Übermut dazu gehört, um jenen Mut aufzubringen, dessen es bedarf, um persönliche Überzeugungen nachdrücklich und glaubwürdig in der Öffentlichkeit zu vertreten und zu vermitteln. Deshalb wäre es zu kurz gedacht, unsere Jugend nur einseitig vor dem Übermut zu warnen, ohne sie andererseits auch auf die positiven Aspekte dieser Haltung hinzuweisen. Im vorhergehenden wurden bereits die Aufgaben und Herausforderungen genannt, vor denen unsere Demokratie steht. Hier sind die Stiftungen ebenso wie die Parteien zum Handeln aufgefordert. Als Parlamentspräsidentin rufe ich uns Parlamentarier ebenso wie alle Demokraten auf, im Sinne der Prinzipien der THEODOR-HEUSS-STIFTUNG die Demokratie zu verteidigen und zu verbessern. Im Anschluß an die Ausführungen von Herrn Dr. Vogel halte ich es für ebenso wesentlich, daß wir lernfähiger im Umgang und im Zusammenleben mit Fremden werden. Viele Probleme beruhen hier auf Ungeübtheit, Unsicherheit und wechselseitiger Verunsicherung. Ich möchte deshalb im Sinne des Preisträgers die Unverzichtbarkeit des Vertrauens zu den Menschen hervorheben. Sonst würden wir in unserer Aufklärungs- und Überzeugungsarbeit für die Demokratie sehr rasch ermüden. Verehrter Herr Professor von Weizsäcker, gerade in diesem Zusammenhang halte ich einen von Ihnen 1979 ausgesprochenen Gedanken für besonders bedenkenswert. Sie wiesen damals darauf hin, daß es nicht darum gehe, Freiheit in Anspruch zu nehmen, sondern Freiheit zu gewähren. Dies spricht sich leichter aus als es zu praktizieren, und doch hat die Freiheit nur dann eine Chance, wenn sie gewährt wird. Sie ist niemals ausschließlich eine persönliche Freiheit, sondern immer unsere gemeinsame Freiheit. Sie hat nur dort Realität, wo sie mir vom anderen ebenso gewährt wird, wie ich sie dem anderen gewähre. Ich möchte uns an dieser Stelle in Erinnerung rufen, daß diese Praktizierung demokratischer Grundüberzeugungen ein Wesensmerkmal des Bundespräsidenten Theodor Heuss war. Theodor Heuss ist - auch im Rahmen der deutschen Frage - immer für die unteilbaren Werte eingetreten. Ich weiß, daß Sie, verehrter Herr Professor von Weizsäcker, ein Botschafter dieser unteilbaren Werte gerade im anderen Teil Deutschlands sind. Dort finden Sie nicht nur über Ihre Schriften Gehör, sondern ebenso durch Ihre engen Kontakte nach Leipzig und Halle. Wenn wir alle in Ihrem Sinne an den ungeteilten Werten festhalten, hat die Demokratie überall in der Welt eine Chance - auch in unserem geteilten Deutschland. Lassen Sie mich einen dritten Aspekt hervorheben. Die Zeit drängt. Friede, Gerechtigkeit und Bewahrung der Schöpfung sind die zentralen Themen für Parlamentarier und politisch Verantwortliche in den Regierungen in aller Welt. Sie haben auf diese Probleme mit Nachdruck aufmerksam gemacht, gerade auch als Wissenschaftler. Lassen Sie mich zur bereits heute morgen angesprochenen Rolle der Wissenschaften einen Gedanken hinzufügen. Sie fragen nach dem Verhältnis von rationalem und prophetischem Denken, nach der Möglichkeit ihrer Vermittlung, nach dem Eschaton. Vielleicht bedeutet dies nach einer Epoche der Säkularisation einen neuen Aufbruch, zu dem Ziel, die christliche Kultur als Botschaft in der Auseinandersetzung und Versöhnung von Vernunft und eschatologischer Hoffnung wieder zentral bewußt zu machen. Ich wünsche Ihnen und uns allen, daß diese Auseinandersetzung mit Vernunft und Eschaton viele Menschen erreicht. Dies gilt insbesondere für unsere junge Generation, die nicht alleine nach intellektuellem Wissen fragt, sondern verstärkt die Frage nach dem Warum und Wozu stellt. Es ¡st Ihr großes Verdienst, sehr verehrter Herr Professor von Weizsäcker, deutlich gemacht zu haben, daß Gerechtigkeit niemals ohne Freiheit und Freiheit niemals ohne Gerechtigkeit vermittelt werden kann. Sie haben betont, daß es unverzichtbar ist, kritische Fragen zu stellen, ohne gleich mit apodiktischen Antworten aufzuwarten. Wir sollten uns vielmehr gemeinsam auf den Weg der Suche nach den richtigen Antworten begeben. Ich möchte Ihnen im Namen unserer Parlamentarier danken für die Anregungen, die Sie uns in dieser Hinsicht bereits gegeben .haben und hoffentlich noch weiter geben werden. Ich danke Ihnen.

Begründung und Verleihung
Hildegard Hamm-Brücher
Freiheit ermöglicht Vernunft, Vernunft ermöglicht BewußtseinswandelAlle feiern 1989 Jubiläen... Wir auch! Und wir freuen uns, daß Sie gekommen sind, um mit uns den 25. Geburtstag der THEODOR-HEUSS-STIFTUNG zu feiern, so wie es den Namenspatron unserer Stiftung gefreut hätte: entkrampft und ohne pathetische Feierlichkeit -jedoch mit jener schwäbischen Mischung aus Spaß und Ernst, die die Heussens gerne als Spernst zu bezeichnen pflegten. Spernst — im Heuss'schen Sinne, wie hätte er das anläßlich des Jubiläumsjahres 1989 wohl verstanden? Vielleicht etwa so: Nun feiert mal schön, widersteht aber der Versuchung von quasi „Sedan-Feiern" auf bundesrepublikanisch! Haltet es mit Friedrich Hölderlin mit der „heiligen Nüchternheit. Zieht nüchtern Bilanz!" So sei es: Mit meinem Jubliäumsbeitrag möchte ich Sie einladen, mit mir zuerst einen Blick zurückzuwerfen auf die Entstehung unserer Stiftung und auf die 25 Jahre ihres Wirkens. Sodann möchte ich die Auswahl unseres diesjährigen Preisträgers begründen und schließlich einen Ausblick auf die Aufgaben geben, vor denen wir stehen.I.
Der Blick zurück: „Demokratie und Freiheit, das sind nicht bloß Worte, sondern lebensgestaltende Werte." Dieses Heuss-Wort (ausgesprochen nach seiner Wahl zum ersten Bundespräsidenten unserer Republik am 12. September 1949) ist für die überparteiliche „THEODOR-HEUSS-STIFTUNG zur Förderung der politischen Bildung und Kultur" so etwas wie eine Losung geworden. Die Stiftung wurde Anfang 1964 - wenige Monate nach dem Tod unseres ersten Bundespräsidenten - von namhaften Taufpaten aus allen demokratischen Lagern (ich nenne in dankbarer Erinnerung nur Ernst Ludwig Heuss, Otto Hahn, Adolf Butenandt, Waldemar Besson, Werner Heisenberg, Carl Zuckmayer und Golo Mann) aus der Taufe gehoben, um alljährlich Beispiele für demokratisches Engagement, für Beispiele der Zivilcourage und des Einsatzes für das Allgemeinwohl auszuzeichnen.-Damals war das alles andere als eine Selbstverständlichkeit, denn wir standen noch ziemlich am Anfang unserer jungen, unerprobten, nicht selbst erkämpften Demokratie, von der Heuss so zutreffend gesagt hatte, daß sie keine „Glücksversicherung" sein würde, sondern eine „Form des Zusammenlebens, die bestimmt wird durch den Stand der politischen Bildung und der politischen Gesinnung". - Womit er den Begriff dessen, was wir heute als politische Kultur bezeichnen, trefflich definiert hatte: Politische Bildung und Gesinnung. Damit stand auch der Vor- und Nachname unserer Stiftung für das Vereinsregister fest. Desgleichen die Kriterien und Themen für die Auswahl unserer Preisträger. Seit nun 25 Jahren! Beispielsweise: „Vom rechten Gebrauch der Freiheit" / „Über den Mut, den ersten Schritt zu tun" / „Demokratie glaubwürdig machen" / „Mehr Demokratie braucht mehr Demokraten" / „Der Nachbar als Fremder - der Fremde als Nachbar" / „Verantwortung für Natur und Leben" usw. Das alles waren und sind Markierungen auf der Suche nach lebensgestaltenden Werten für unser demokratisches Gemeinwesen. Und noch etwas bestimmte unsere Stiftungsarbeit von Anbeginn: Die Aufarbeitung des schrecklichen Geschehens während der Hitlerzeit, den Mut zum Erinnern als Voraussetzung für Heilung und Aussöhnung, so wie es Heuss in vielen bewegenden Reden - zum Beispiel in der über den „Mut zur Liebe" vor 40 Jahren gefordert hat. Es ist sehr aktuell! „Ich weiß, daß das, was ich hier sagen werde, manche Leute ärgern wird. Ich werde in den kommenden Wochen darüber Briefe erhalten, anonyme Briefe und auch offene Briefe... Aber selbst wenn diese Worte die Zahl dieser Briefe vermehren würden, kann mich das nicht stören. Wir dürfen nicht einfach vergessen, dürfen auch nicht Dinge vergessen, die die Menschen gerne vergessen möchten, weil es so angenehm ist. Wir dürfen nicht vergessen die Nürnberger Gesetze, den Judenstern, die Synagogenbrände, den Abtransport von jüdischen Menschen in die Fremde, in das Unglück, in den Tod. Das sind Tatbestände, die wir nicht vergessen dürfen, weil wir es uns nicht bequem machen dürfen..." Diesen Auftrag haben viele unserer Preisträger, die auch heute wieder unter uns sind, in eindrucksvoller Weise erfüllt. Zuallererst Sie, sehr geehrter Herr Bundespräsident, der Sie mit Ihrer historischen Rede am 8. Mai 1985 - aber nicht nur in dieser - das Vermächtnis von Heuss in bewegender Weise erneuert und bekräftigt haben. Sie machen es sich wahrlich nicht bequem in Ihrem Amt und mit Ihrem Amt. Dafür danken wir Ihnen! Ich nenne aber auch unseren allerersten Preisträger, die „Aktion Sühnezeichen", die stellvertretend für uns alle in Polen, Israel und in anderen Ländern im Dienste des Friedens Aufbauarbeit geleistet hat. - Da ist unsere verehrte Emmi Bonhoeffer unter uns, die zu der Gruppe von Preisträgern gehört, die während der qualvollen KZ-Prozesse der sechziger Jahre jahrelang ausländische Zeugen betreut hat, und da sind jene Einzelne und Gruppen, die es sich als Folge des eigenen „Erschreckens" und des „Bewußtwerdens" des Geschehenen nicht bequem machten. Demokratie und Freiheit als lebensgestaltende Werte und als tägliche Erfahrung, davon zeugt die Chronik unserer Preisträger über 25 Jahre, Der THEODOR-HEUSS-PREIS hat sich immer als ein Preis für Unbequemes, vom Scheitern Bedrohtes, aber doch Richtiges und Nötiges verstanden. Nicht als Bambi für Populäres oder Popularität auf der demoskopischen Richterskala. Der von Jahr zu Jahr weiter wachsende Kreis unserer Preisträger bezeugt die Vielfalt der Möglichkeiten hierfür und den Reichtum an Ideen. Er weist Beispiele vor für Ausdauer und mühsame Kleinarbeit, für Zuwendung und Tapferkeit des Herzens im Einsatz für Minderheiten, Mühsame und Beladene. (Das gilt vor allem auch für die Frauen unter unseren Preisträgern, Frauen, die - wie beispielsweise Marion Dönhoff, Liselotte Funcke, Ruth Leuze, Barbara Just-Dahlmann - in ihrem politischen Engagement ungewöhnliche Tatkraft, Ausdauer und Zivilcourage bewiesen haben, oder Frauen, die in der Ausländer- und Gemeinwesenarbeit, in der Hilfe für Drogenabhängige, für Arbeitslose, im Strafvollzug oder im Menschenrechtsbereich hervorgetreten sind. Menschenrechte, Umwelt, Frieden - auch diese „Freiwilligkeiten" haben wir sozusagen „entdeckt", lange bevor sie ein öffentliches Thema wurden: Friedensarbeit wurde bereits 1969 Umwelt und Städteplanung 1973 + 1977 + 1987 - Dritte Welt 1975 + 1982 + 1985 ermutigt und ausgezeichnet. Unter unseren Preisträgern finden wir auch die Grenzgänger, deren Engagement zwischen den traditionell abgeschotteten, oft feindlichen Lagern Geist und Macht - politisch und unpolitisch - Wissenschaft und Politik - Kirche und Welt angesiedelt ist. Einer unserer ersten Preisträger, der Tübinger Staatsrechtslehrer Ludwig Raiser, ist hier ebenso zu nennen wie Horst-Eberhard Richter, Klaus Michael Meyer-Abich, Alois Schardt, Inge und Walter Jens, und heute Carl Friedrich von Weizsäcker. Gelegentlich haben wir auch aktive Politiker ausgezeichnet, aber immer nur dann, wenn sie sich in besonderer Weise exponiert hatten und des Rückhalts bedurften. Walter Scheel wäre hier zu nennen, Manfred Rommel, Helmut Schmidt, Egon Bahr, Burkhard Hirsch.) Ich kann sie nicht alle aufzählen!
Rückblickend haben alle bekannten und unbekannten Preisträger Demokratie und Freiheit als lebensgestaltende Werte beispielhaft vorgelebt. Manchmal sind sie dabei an Grenzen gestoßen, besonders dann, wenn sie gegen den Strom obrigkeitsstaatlicher Gewohnheiten, rücksichtsloser Egoismen, überlieferter Vorurteile oder Feindbilder ankämpfen mußten. Aber sie haben damit die Möglichkeiten unserer Demokratie lebendig gemacht. Dafür wollen wir Ihnen heute noch einmal danken!

II.
Und weil ich gerade beim Danken bin: Wir danken unseren Freunden und Förderern (stellvertretend seien nur die Robert Bosch Stiftung, der Stifterverband für die Deutsche Wissenschaft, Hermann Freudenberg, die Stadt Stuttgart und das Land Baden-Württemberg genannt). Wir danken für alle großen und kleinen Spenden, die ausschließlich der Arbeit unserer Preisträger zugute kommen. Wir sind stolz und dankbar, daß wir uns mit ihrer Hilfe auch in finanzieller Hinsicht über 25 Jahre unsere äußere und innere Unabhängigkeit bewahren konnten. Beides ist uns wichtig. Das bezeugt die Auswahl unserer Preisträger ebenso wie die politische und gesellschaftliche Bandbreite in unseren Gremien. Allen Freunden, die - teilweise seit Anbeginn - hierbei in unseren Gremien mitwirken, sei herzlich gedankt! Soweit es unsere Mittel erlauben, unterstützen wir neben unseren Preisträgern auch beispielhafte kleinere Vorhaben, die im Sinne unserer Satzung tätig sind. Fast 90 sind es mittlerweile. Auch haben wir seit unserem 20. Jubiläum begonnen, Schüler zu fördern, die sich in demokratischer Mitverantwortung gesellschaftlich oder politisch engagieren. Wir hoffen, daß wir diese notwendige Ermutigung junger Menschen gemeinsam mit der Tübinger Akademie für Bildungsreform und Unterstützung der Robert Bosch Stiftung alsbald zu einem Förderprogramm ausbauen können.

III.
Denn es gibt leider Zeichen, die darauf hindeuten, daß wir in diesem Jubliäumsjahr nicht nur selbstzufrieden feiern können! Daß unsere Demokratie in der Tat keine „Glücksversicherung" ist, das hat uns gerade erst wieder das Berliner Wahlergebnis bewußt gemacht! Und müssen wir uns nicht im 40. Jahr unserer Republik angesichts von Parteienverdrossenheit, einer zunehmenden Zahl von Nichtmehrwählern und eines wachsenden rechten Wählerpotentials die besorgte Frage stellen: Wie innerlich gefestigt ist unsere Demokratie - heute? Sicher: In ihrer Außenansicht (Wahlergebnisse, Regierungsbestand und allgemeine Funktionsfähigkeit) erscheint sie stabil, robust, normal... aber hinsichtlich ihrer Innenansicht gibt es doch - auch und gerade im Jubiläumsjahr - Anlaß zum besorgten Nachdenken: - Wie ist es um das Ansehen von Parteien und politischen Institutionen bestellt? - Wie halten diese es in eigener Sache mit ihrer demokratischen „Vorbildfunktion" und mit ihrer Glaubwürdigkeit? - Dürfen wir die Warnzeichen übersehen, die Verdrossenheit mit und Entfremdung zwischen Parteien, Parlamenten und Politikern einerseits und Bürgern andererseits - hier vor allem den jungen - (neuerdings sogar in Wahlergebnissen) signalisieren? - Wie steht es um Gebrauch und Mißbrauch der freiheitlichsten Verfassung unserer Geschichte - um den verantwortlichen Umgang mit politischer und wirtschaftlicher Macht? Um das Verantwortungsbewußtsein der Bürger? - Und nicht zuletzt: Welchen Stellenwert haben in unserer (dies auch politisch verstanden) Konsumgesellschaft die Parteigrenzen sprengenden Bedrohungen und Herausforderungen unserer Zeit: FRIEDE - GERECHTIGKEIT - BEWAHRUNG DER SCHÖPFUNG? Welche Prioritäten setzt die Politik hierfür? Wie tief geht das Erschrecken, wann endlich erreicht der Bewußtseinswandel die Verantwortlichen - und das sind wir alle! Ich meine, daß wir auch und gerade im Jubiläumsjahr unserer Republik und unserer kleinen Stiftung solchen unbequemen Fragen nicht ausweichen dürfen, daß wir die Schatten nicht ignorieren dürfen, die über der prosperierenden Außenansicht unserer Republik liegen. Hier erkenne ich für Parteien, Parlamente und Bürger die entscheidenden Aufgaben für die kommende Zeit. Hierfür darf verantwortungsbewußtes Bürgerengagement, zu dem wir im Sinne von Theodor Heuss ermutigen wollen, nicht als demokratische „Spielwiese" abgetan werden - als eine Spielwiese, auf der - fernab vom eigentlichen politischen Geschehen - demokratische Tugenden und politische Kultur geübt werden dürfen, während im eigentlichen politischen Kampf um Macht und Mehrheiten davon wenig zu spüren ist. Nein, die demokratische Mitwirkung der Bürger ist gleichgewichtig der Mitwirkung der Parteien geworden. „Geschichtliche Erfahrung rät uns, auf ein eigenes Mitspracherecht zu bestehen", (S. Lenz). Es ist unsere „Mitwisserschaft", die zum Erschrecken führt und zur Verantwortung zwingt für das, was uns anvertraut ist (H. Jonas). „Es kann der Nächste sein, der Schwächere, der Verirrte; es kann aber auch eine Erkenntnis sein oder das Wasser, von dem wir leben, oder die eigene Geschichte. Für das Anvertraute müssen wir einstehen, auf welche Probe es uns auch stellt" (S. Lenz). So verstanden werden der THEODORHEUSS-STIFTUNG die Themen, die unsere Mitsprache erfordern, auch in den nächsten Jahren nicht ausgehen!

IV.
Diese verantwortliche Mitsprache ist es, die wir mit der Zuerkennung des 25. THEODORHEUSS-PREISES an Carl Friedrich von Weizsäcker an einem herausragenden Beispiel deutlich machen wollen. Nicht der hervorragende Naturwissenschaftler und Philosoph soll ausgezeichnet werden, sondern der verantwortungsbewußte Mitwisser, der beharrlich auf Mitsprache besteht. Das ist in der langen, oft unheilvollen Geschichte der Abstinenz scheinbar unpolitischer Wissenschaftler vor politischer Verantwortung erstmalig und einmalig. Carl Friedrich von Weizsäcker fordert den durch Erschrecken, Einsicht und Vernunft bewirkten Bewußtseinswandel vom Einzelnen, vor allem aber auch von den politisch Verantwortlichen. Diese beiden Aspekte möchte ich in meiner Begründung besonders herausstellen: - Die Beharrlichkeit und das Stehvermögen unseres Preisträgers bei der Erfüllung seiner als Lebensaufgabe erkannten Mission - und die Bedeutung, die seine Mission des Bewußtseinswandels, für allfällige Strukturveränderungen und Prioritäten in politischen und gesellschaftlichen Verantwortungsbereichen erlangen muß und was wir dazu beitragen können. Zum ersten Aspekt: Das Lob der Beharrlichkeit! Wahrscheinlich ist jene sanfte, jedoch zähe Beharrlichkeit eine Weizsäcker'sche Familieneigenschaft! Jedenfalls kann man sie bei beiden Brüdern entdecken. Ich erinnere mich: Als ich das erste Mal den Namen Weizsäcker hörte, war ich - etwa 1942/43 - Doktorandin bei Heinrich Wieland, jenem weltberühmten organischen Chemiker und Nobelpreisträger, dem ich notabene mein äußerlich unversehrtes Überstehen der Nazizeit verdanke. Es war anläßlich eines der zahlreichen Besuche von Otto Hahn im großen Privatlabor meines Doktorvaters, als ich zum ersten Mal den Begriff „Weizsäcker-Formel" hörte. Als organische Chemikerin konnte ich damit zwar nichts anfangen, aber es imponierte mir, als ich erfuhr, daß besagter Namensgeber diese Formel zur Bestimmung des Energieinhalts der Atomkerne als gerade 25jähriger formuliert hatte. Alle Achtung! - Und welche Folgen hatte dieses erste Nachdenken!? Das zweite Mal hörte ich den Namen Weizsäcker, als ich Otto Hahn im Frühjahr 1946 nach seiner Rückkehr aus der englichen Internierung in Göttingen für die „Neue Zeitung" interviewte. Dieses Interview verdankte ich natürlich wiederum unserer Bekanntschaft in Wielands Labor. Hahn berichtete von den Überlegungen, die im Kreise der zehn prominenten internierten Physiker (darunter Carl Friedrich von Weizsäcker als „Wort- und Gedankenführer") unter dem Schock des Atombombenabwurfes auf Hiroshima hinsichtlich ihrer Verantwortung für die Folgen ihrer eigenen Entdeckungen angestellt worden waren. Wir wissen heute, daß dies die wohl entscheidenden Wochen für das künftige Denken und Handeln unseres Preisträgers gewesen sind. Das Erschrecken über mögliche Mitschuld in der Vergangenheit und das Bewußtsein der Verantwortung für mögliche Folgen in der Zukunft. Zwei Selbstzeugnisse aus dieser Zeit mögen das belegen: 1. Ein Ernst-Gedicht aus dem Jahr 1945: ,,Ich ließ mit sehendem Aug' in dunklen Jahren schweigend geschehn Verbrechen und Verbrechen. Furchtbare Klugheit, die mir riet die Geduld! Der Zukunft durft ich meine Kraft bewahren, allein um welchen Preis! Das Herz will brechen. O Zwang, Verstrickung, Säumnis! Schuld, o Schuld!" 2. Und ein Spernst-Gedicht zum Jahresbeginn 1946: „Es waren zehn Forscher in Farm Hall, die galten als furchbar ,uran-voll', beim Jüngsten Gericht erschienen sie nicht, denn sie saßen noch immer in Farm Hall." Nun, sehr geehrter Herr von Weizsäcker, bekanntlich sind Sie nicht in Farm Hall sitzengeblieben, sie nahmen vielmehr Ihren Weg von Göttingen über Hamburg nach München beziehungsweise Starnberg. Aber Ihre ersten „uran-vollen" Einsichten von damals haben Ihr Denken, Schreiben, Reden und Handeln bis heute nicht mehr losgelassen. Als ich Sie 1958, einige Monate nach der von Ihnen maßgeblich initiierten „Göttinger Erklärung der 18 Naturwissenschaftler" (mit der diese gegen deutsche Atomwaffen protestierten und manifestierten, an keinerlei Herstellung atomarer Waffen teilnehmen zu wollen), zum ersten Mal persönlich traf (ich glaube, es war bei den gerade nach München zugezogenen Heisenbergs), da spürte die junge Landtagsabgeordnete, wie ernst es Ihnen mit der Verantwortung des Physikers für die menschheitsgefährdenden Folgen seiner Entdeckungen und mit der Aufklärung über diese Folgen war. Schon damals fühlte ich mich durch Ihre nüchterne Beweisführung in meinem eigenen Engagement gestärkt und bestärkt. Übrigens, damit Sie, meine Damen und Herren, nicht meinen, das sei schiere Schwärmerei von mir gewesen: Auch Theodor Heuss berichtet wiederholt in seinen Tagebuchbriefen an die erst kürzlich im hohen Alter verstorbene Toni Stolper von der Weizsäcker'schen Überzeugungskraft. Da heißt es unter dem 17. Juni 1955 anläßlich eines Treffens mit der Max-Planck-Gesellschaft in Trier: „Ich habe eine lange Unterhaltung mit dem ganz ausgezeichneten und von mir ziemlich geliebten Professor von Weizsäcker gehabt..." Und zwei Jahre später, am 25. Oktober 1957: „Gestern bei der Forschungsgemeinschaft hat Weizsäcker ein Referat über Philosophie und Naturwissenschaften gehalten, das eine ganz großartige Leistung war, sehr gut komponiert, frei und in sicherer Diktion vorgetragen..." Gegen Ende der Heuss'schen Präsidentschaft wurde dann unter vielen anderen Namen auch Weizsäcker als möglicher Nachfolger „gehandelt". Dazu meinte Heuss am 17. Oktober 1958: „Eine Synthese zwischen Physik und Philosophie zu schaffen - darum geht es ihm wohl -, ist zunächst wichtiger als in eine offenkundige Verlegenheit gelotst zu werden..." Recht hatte er, der Heuss, wenn man Ihre weitere Entwicklung verfolgt. In „offenkundige Verlegenheit" haben Sie sich übrigens niemals lotsen lassen, auch 1979 nicht, als wir eigentlich hofften, daß Sie sich zu einer Kandidatur für das höchste Staatsamt bereitfinden würden. Aber zurück zum Lob Ihrer Beharrlichkeit: Sicher hat sich seit jenen ersten großen politischen Diskussionen der späten fünfziger Jahre wissenschaftspolitisch, außen- und rüstungspolitisch viel verändert, nicht aber an der potentiellen Bedrohung der Menschheit. Diese hat, wenn „Friedensbedrohung" in allen Aspekten als Ganzes (als Menschheits- und Schöpfungsbedrohung) verstanden wird, erschreckend zugenommen. Sie haben diese immer bedrohlicher werdenden Entwicklungen unermüdlich mitdenkend, -redend und -schreibend, warnend und mahnend begleitet. Die hierfür einschlägigen Veröffentlichungen bezeugen das: „Wege in der Gefahr", „Die Zeit drängt", „Das Ende der Geduld" und schließlich Ihr Plädoyer für den allfälligen „Bewußtseinswandel", als Bedingung für eine realistische „Weltfriedensordnung", die „Gerechtigkeit und die Bewahrung der Schöpfung" mit einschließt. Ich zitiere einige Schlußsätze: „Wenn heute mehr Menschen an den Folgen des Hungers als in allen Kriegen sterben - wenn die angehäuften (Atom-)Waffenarsenale zur vielfachen Vernichtung der Menschheit bereitliegen und wenn die Natur auf ihre totale Ausbeutung reagiert, indem sie stirbt, dann müssen wir uns erschrecken lassen. Ohne den Schrecken denkt man nicht über die richtigen Fragen nach, und diese sind die Voraussetzung für rettende Antworten aus Einsicht und Vernunft." Auf „Einsicht und Vernunft", darauf setzt der Wissenschaftler, Demokrat und Weltbürger Carl Friedrich von Weizsäcker also seit über 40 Jahren mit Beharrlichkeit, Stehvermögen und Gewissenhaftigkeit! Dabei vertritt er keine ausweglose Untergangsprophetie, sondern besteht auf dem unerläßlichen Bewußtseinswandel als Voraussetzung für vernünftiges Handeln - das heißt für ein Handeln, welches das Ganze im Blick hält. 1978, anläßlich der Verleihung des THEODORHEUSS-PREISES an Helmut Schmidt sagten Sie, daß wir die Freiheit vor allem auch deshalb verteidigen müßten, weil sie Vernunft ermöglicht-und Vernunft habe viel zu tun in unserer Zeit. Einsicht und Vernunft sind es, die Bewußtseinswandel und Umkehr ermöglicht. So lautet Ihr kategorischer Imperativ an Christen, an alle Religionen und Konfessionen, aber auch an alle politisch Verantwortlichen.

V.
Damit bin ich beim zweiten Aspekt meiner Begründung: Was können - was müssen - wir aus eigener Einsicht und Vernunft zu dem allfälligen Prozeß des Bewußtseinswandels beitragen? Wie können wir ihn - mit Einsicht und Vernunft unterstützen und fördern? Dazu werden Sie, sehr geehrter Herr von Weizsäcker, anschließend sprechen. Hier nur soviel:
1. Wenn wir „Bewußtseinswandel" in der Politik als unsere Form einer Perestroika begreifen, dann betrifft dies uns alle. Dann muß „Bewußtseinswandel" in allen politischen und gesellschaftlichen Lagern stattfinden. Dann muß der von Ihnen mitinitiierte „konziliare Prozeß", der 1990 zu einer Weltversammlung christlicher und anderer Religionen in Seoul führen soll, von einem „säkularen Prozeß" unterstützt, verstärkt und in die Zentren politischer Verantwortung hineingetragen werden.
2. Hierzu ist erforderlich, daß sich auch Politiker und Bürger-zumindest gedanklich-an der Vorbereitung für die geplante Weltversammlung der Religionen in Seoul 1990 beteiligen. Zumindest sollten sie sich über die Vorarbeiten besser als bisher informieren und diese Informationen in ihre eigenen Wirkungsbereiche vermitteln. So mühsam das sein mag: Die Probleme wachsen, die Zeit drängt, unsere Welt wird täglich un-heiler-unheilbarer.
3. Vorallem müssen wir uns entschließen—und ich sage das bewußt in Gegenwart vieler einflußreicher und verantwortlicher Politikerwir müssen uns entschließen, unsere politischen Prioritäten neu zu ordnen. Das herkömmliche „Ressortdenken" innerhalb der Politik und der Exekutive ist obsolet geworden, weil es die Wahrnehmung des Ganzen behindert und damit das Ausmaß der Gefährdung verkennt. Desgleichen sind es die Kurzfristigkeit von Legislaturperioden und Wahlterminen, die den nötigen Weitblick verstellen und limitieren. Auch Parteiprogramme helfen nicht weiter und Parteikalkül schon gar nicht. Wir brauchen in allen politischen Lagern Menschen und Kräfte, die die Notwendigkeit des Umdenkens nicht nur begreifen, sondern von der Ortsgemeinde bis nach Bonn konsequent und beharrlich vertreten. Ob allerdings die hierzulande ohnehin schwach entwickelte Form des Parlamentarismus hierfür die Kraft und die Kompetenz aufbringen kann, erscheint mir derzeit mehr als fraglich. Deshalb werden wir über demokratische Strukturen nachdenken müssen, die den schwierigen Aufgaben besser gewachsen sind. Denn - und das ist die Botschaft, die von der 25. Verleihung des THEODOR-HEUSS-PREISES an Carl Friedrich von Weizsäcker ausgehen soll, - Demokratie und Freiheit sind nicht nur Worte und auch keine „Glücksversicherung". Aber sie sind „lebensgestaltende Werte", die es zu nutzen gilt. Sie sind unsere Chance, denn sie ermöglichen Vernunft und Verantwortung. - Sie sind die Tugenden, von denen das Lebenswerk unseres JubiläumsPreisträgers beispielhaft zeugt. Dafür schulden wir ihm Dank und Anerkennung, aber auch unsere Unterstützung und unseren eigenen Beitrag.

Ansprache des Preisträgers Carl Friedrich von WeizsäckerFriede - Gerechtigkeit -Bewahrung der Schöpfung
Friede - Gerechtigkeit - Bewahrung der Schöpfung - das ist das Thema, über das heute zu sprechen mich die THEODOR-HEUSS-STIFTUNG gebeten hat. Meinen Glückwunsch an die THEODOR-HEUSS-STIFTUNG zum fünfundzwanzigjährigen Bestehen, damit meine Wünsche für ihren Erfolg in den kommenden fünfundzwanzig Jahren, schließlich meinen Dank für die Verleihung ihres Preises möchte ich aussprechen, indem ich knapp die Aufgaben skizziere, die sich unter diesem Thema heute für uns alle stellen. Gerechtigkeit, Friede und Bewahrung der Schöpfung lautet das Thema der christlichen Weltversammlung, zu welcher der Ökumenische Rat der Kirchen für den März 1990 nach Seoul in Korea eingeladen hat. Die Formulierung des Themas stammt also aus dem religiösen, dem christlichen Raum. Die THEODOR-HEUSS-STIFTUNG hat ihre eigene Zielsetzung anlässlich ihrer ersten Preisverleihung, 1965, formuliert: „Vom rechten Gebrauch der Freiheit". Die beiden Themen berühren sich nahe. Was wäre rechter Gebrauch der Freiheit wenn nicht Schaffung des Friedens in Gerechtigkeit und Rettung der Natur, in der wir leben? Aber Freiheit als Name eines Grundwertes menschlichen Zusammenlebens entstammt einem anderen Strang unserer abendländischen Tradition: der politischen Aufklärung, zumal des 18. Jahrhunderts. Jetzt, im Jahre 1989, erinnern wir uns an den großen Ausbruch der Hoffnung auf Freiheit vor zweihundert Jahren, in der französischen Revolution. Ich selbst bin heute mit den kirchlichen Bemühungen um Frieden, Gerechtigkeit und Bewahrung der Schöpfung eng verbunden. Eben darum nehme ich mit Freuden die Gelegenheit wahr, dieses Thema einmal im Lichte der politischen Aufklärung zu erörtern. Das Verhältnis zwischen Aufklärung und Religion war in unserer Geschichte nicht ohne Spannungen. Das große Pathos der politischen Aufklärung war, endlich das wirklich werden zu lassen, wozu sich die Christen durch zwei Jahrtausende bekannt haben, was sie aber, solange sie herrschten, nicht verwirklicht haben: Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit. Die christliche Praxis ist unvollendet, so sahen die Aufklärer. Aber führte die Revolution zur Brüderlichkeit unter gleichen, freien Menschen? Führte sie nicht zur Errichtung neuer Klassenherrschaften: der Herrschaft der Besitzenden in der bürgerlichen, der Funktionäre in der sozialistischen Gesellschaft? Die Praxis der Aufklärung ist unvollendet, so sehen wir heute. Und diese Unvollendetheit erweist sich als lebensgefährlich. Was ist heute zu denken, was ist heute zu tun? Was ist zu denken? Wohl der schönste Programmtext der politischen Aufklärung ist Kants späte Schrift „Zum ewigen Frieden". In einem rechtlich geordneten Staat leben die Menschen, in Kants Ausdrucksweise gesagt, im bürgerlichen Zustand; die Staaten gegeneinander aber befinden sich noch im Naturzustand des Kampfs aller gegen alle. Den bürgerlichen Zustand zu schaffen, ist die Forderung der Vernunft. Kant unterscheidet Legalität, als Handeln gemäß dem Gesetz von Moralität als Handeln aus Achtung vor dem Gesetz. Das Gesetz ist hier das Gebot der Vernunft: Handle so, daß die Maxime deines Handelns jederzeit zum Prinzip einer allgemeinen Gesetzgebung werden könne. Diese Unterscheidung von Legalität und Moralität ist vielleicht der größte Fortschritt der politischen Moral in der abendländischen Neuzeit. Moralität habe ich von mir selbst zu fordern und bei meinen Mitmenschen zu achten; über die Moralität meiner Mitmenschen zu richten steht mir nicht zu. Über die Legalität unseres Handelns aber hat der irdische Richter zu befinden. Krieg als Institution, also organisierte Tötung der Träger anderer Interessen als derjenigen der jeweils eigenen Gruppe - Krieg als Institution kann nicht Prinzip einer menschheitsweiten Gesetzgebung sein. Krieg als Institution muß überwunden werden. Was ist zu tun? Erlauben Sie mir, noch einmal zu erzählen, wie ich auf die Gedanken gekommen bin, von denen ich soeben rede. Meine erste Kindheitserinnerung liegt im Jahr 1915, übrigens hier in der Nähe von Stuttgart, auf der Solitude. Als Zwei- und Dreijähriger wußte ich: es ist Krieg. Die Männer sind irgendwo draussen, man sagt: an der Front. Ein fernes unheimliches Donnern. Neben dem Schloß auf der Solitude ein Lazarett. Männer mit dicken Verbänden um den Kopf, Männer auf Krücken mit nur einem Bein; meine Mutter in Rote-Kreuz-Tracht. Zum politischen Denken erwachte ich in den Zwanzigerjahren: der Konflikt der Großmächte, Arbeitslosigkeit, marschierende politische Formationen auf den Straßen Berlins. Im Januar 1929 ein Tagtraum in einer langweiligen Geschichtsstunde in der Schule: der Schnee, der draußen in schweren Flocken fällt, fällt auf Trümmer. Vierzehn Jahre später, 1943, sah Berlin so aus, wie ich es in jenem Tagtraum gesehen hatte. Aber 1943 wußte ich schon etwas von der Zukunft. Im Januar 1939, jetzt vor 50 Jahren, hatte Hahn seine Entdeckung der Uranspaltung durch Neutronen publiziert. Bald nachher entdeckte Joliot, daß bei der Spaltung Sekundärneutronen freigesetzt werden. Jeder Kernphysiker mußte schließen, daß dann Kettenreaktionen, also Atombomben und Reaktoren, möglich werden würden. An dem Tag, an dem mir das klar wurde, ging ich zum meinem Freund Georg Picht, um die Konsequenzen zu bereden. Ich freue ich, ihn heute hier zu nennen: er war 1965 der erste Heuss-Preisträger. Wir zwei jungen Männer kamen damals zu dem Schluß: also muß die Menschheit die Institution des Kriegs überwinden, oder die Menschheit wird nicht überleben. Denn wenn die Bombe möglich ist, wird sie gemacht werden. Und wenn die Bombe gemacht ist, dann wird sie eingesetzt werden. Und wenn sie eingesetzt ist, dann wird sie nicht wieder verschwinden. Leo Szilard drückte das in den Fünfzigerjahren so aus: ,,Unser Problem ist nicht, wie wir die Bombe loswerden, sondern wie wir mit ihr leben." Denn selbst wenn alle Atombomben vernichtet würden, bliebe das Wissen, wie die Bombe gemacht wird, in der Menschheit. „Mit der Bombe leben" heißt nicht: Politik wie bisher und dazu auch noch die Bombe. „Mit der Bombe leben" heißt: die politische Menschheitsstruktur so radikal verändern, daß für den Besitz und den Einsatz der Atombombe ebenso biologischer, chemischer, hochtechnischer Waffen keine Gelegenheit mehr besteht. „Mit der Bombe leben" heißt, die Institution des Kriegs überwinden. Es ist leicht zu behaupten, es sei unmöglich, den Krieg zu überwinden; man muß dann nur redlich hinzufügen, daß man damit auch sagt, die Menschheit des technischen Zeitalters habe keine Zukunft. In der Tat ist der dritte Weltkrieg heute noch möglich, durch menschliches oder technisches Versagen, durch Fehlkalkulation oder Panik. Aber es ist ein Irrtum, zu meinen, der Krieg als Institution sei eine notwendige Folge der menschlichen Natur. Bewußtseinswandel, Verhaltenswandel ist eine Realität. Noch ein Stuttgarter Rückblick sei mir erlaubt. Der von Uhland besungene Graf Eberhard der Greiner, d.h. der Zänker, zog aus Stuttgarts Toren ins Wildbad, wo ihn seine Feinde überfielen; sein Sohn Ulrich fiel im Krieg gegen Reutlingen; in Heimsheim wurden die Führer des Ritterbundes der Schlegler überfallen und gefangengenommen. Möchten wir damals gelebt haben? Heutige Wahlkämpfe sind vielleicht nicht immer moralischer als ein Krieg zwischen Stuttgart und Reutlingen, aber sie sind näher der Legalität. Als Kind lernte ich noch, zum Glück nicht von meinen Eltern, Frankreich sei unser Erbfeind. Was wird man in siebzig Jahren über unsere heutigen Feindbilder sagen? Mein heutiges Thema aber ist: was sind die konkreten Gründe unserer ungelösten Probleme, und was ist konkret zu tun? Friede - Gerechtigkeit - Natur. Friede: Von den Konflikten unserer Jahrzehnte war der Ost-West-Konflikt, genauer der Konflikt zwischen Amerika und Rußland, der menschheitsweit gefährlichste und zugleich der sachlich überflüssigste. Er ist die heutige Gestalt der uralten Figur des Hegemoniekonflikts in einem technisch, wirtschaftlich, intellektuell der Einheit fähigen Kulturbereich; wie einst Rom und Karthago im Mittelmeer, die streitenden Könige im China der Zeit des Konfuzius, England und Frankreich im westeuropäischen Machtbereich, Österreich und Preußen in Deutschland. Der Bereich umfaßt heute den ganzen Planeten. Der ideologische Konflikt ist zwar real; über seinen Sachgehalt werde ich unter dem Titel „Gerechtigkeit" ein Wort sagen. Aber der ideologische Konflikt ist kein hinreichender Kriegsgrund. Er ist die Art, wie jede Seite im Hegemoniekonflikt sich das gute Gewissen verschafft. Und ein Hegemoniekonflikt kann auch durch Koexistenz gelöst werden. Was haben England und Frankreich dadurch verloren, daß sie nicht mehr gegeneinander Krieg führen? In diesem Konflikt ist Amerika der Stärkere: wirtschaftlich völlig überlegen, technisch moderner, ideologisch bei allen Schwächen doch international überzeugender; zur militärischen Überlegenheit fähig, sofern es sich dazu entschließt. Die Sowjetunion hat nur militärisch im Wettlauf mithalten können, und zwar indem sie der Rüstung nach alter russischer Tradition die Priorität gab. Eben darum habe ich in diesem Konflikt seit sehr langer Zeit die Achtzigerjahre mit der größten Sorge erwartet, in denen die russische Rüstung den ihr möglichen Gipfel erreichen und dadurch Amerika zu neuer Rüstung anspornen würde. Die heutige Entspannungsbewegung ist einem Sieg des gesunden Menschenverstandes in der Sowjetführung zu verdanken. Man muß hoffen, daß ihm gesunder Menschenverstand im Westen entgegenkommt.' Abrüstung ist eines der aktuellen Themen. Ich gestehe, daß ich bisher nie an Abrüstung als Weg zum Frieden geglaubt habe; Friede ist der Weg zur Abrüstung. Ich habe noch nie gesehen, daß Waffen, die man für militärisch wichtig hielt, freiwillig abgerüstet worden wären. Waren also die Mittelstreckenraketen militärisch wirklich so notwendig? Aber was heute zu sehen ist, ist das brennende wirtschaftliche Interesse der Sowjetunion an verminderten Rüstungskosten. Ich traue diesem Interesse, weil es so offenkundig einem gesunden Egoismus entspricht. Und der Eintritt in eine Verhandlungsphase ist immerhin ein Schritt zu einer akzeptierten Koexistenz, die am Ende mehr als ein langer Waffenstillstand wie bisher, die ein Friede wäre. Zeitweilig noch wichtiger als Abrüstung ist, solange man einander nämlich nicht hinreichend traut, die defensive Umstrukturierung der Rüstung auf dem europäischen Kontinent. Es ist heute technisch möglich, konventionelle Rüstungssysteme zu entwickeln, die zum Angriff kaum, zur Verteidigung hervorragend geeignet sind. Hätte die HEUSS-STIFTUNG in diesem Jahr so wie früher, im Zusammenhang mit dem Preis, THEODOR-HEUSS-MEDAILLEN verliehen, so hätte ich insistiert, daß eine solche Medaille an Horst Afheldt gegeben worden wäre. Ich habe von ihm Entscheidendes gelernt und wünschte, daß auch andere es von ihm lernen. Als führender Kopf in dem Buch „Kriegsfolgen und Kriegsverhütung" (1971) hat er die Schwächen des bisherigen Abschreckungssystems analysiert, und seit seinem Buch „Verteidigung und Frieden" (1976) hat er den Begriff der „defensiven Verteidigung" konsequent entwickelt. Heute findet dieser Begriff mit Recht zunehmende Beachtung. Das dringendste Problem aber sind die Kriege im Süden. Seit 1945 ist kein Krieg geführt worden, der hätte nuklear werden können, aber über 130 nichtnukleare Kriege. Die meisten von ihnen waren nicht Stellvertreterkriege der nördlichen Mächte, sondern Folgen lokaler und regionaler Konflikte wie eh und je. Die in ihnen involvierten nördlichen Interessen sind vielfach vorwiegend die finanziellen des Waffenexports. Ich halte den Waffenexport im gesund-egoistischen Interesse des Nordens schlicht für eine Torheit. Europa und Nordamerika werden nicht auf die Dauer friedliche Inseln in einer friedlosen Welt sein. Die Forderung, die Institution des Kriegs zu überwinden, gilt auch für diese Kriege. Gerechtigkeit: Wir haben soeben den Blick zum Süden unseres Planeten gewandt. Im zweiten der großen Konflikte unserer Zeit, dem sogenannten Nord-Süd-Konflikt ist Gerechtigkeit der Ruf des Südens. Es handelt sich in diesem Sinne des Worts um Gerechtigkeit für die Armen, um soziale Gerechtigkeit. Der Konflikt zeigt sich zunächst als inneres Problem des Südens selbst, als den immensen Gegensatz von Armut und Reichtum. Ein Blick auf das Wolkenkratzermeer von São Paulo zeigt, wieviel Geld hier verdient und investiert werden konnte; ein Besuch in den Hütten der Favella, der Slums zeigt, in welcher Armut ein Großteil der Menschen dort lebt und stirbt. Das Problem wird aber insofern mit Recht als ein nord-südliches gesehen, als alle nationalen Wirtschaften, zumal die des Südens, heute von der Weltwirtschaft abhängen; und diese ist vom Norden dominiert. Dies erscheint mir als das unausweichlichste und als das am schwersten lösbare Problem der heutigen Menschheit. Es geht uns alle dringend an. Wo liegen seine Ursachen? Welche Abhilfe ist möglich? Die Antwort auf die Frage, welche Ursache jemand für die entscheidende hält, kann man oft aus seiner ökonomischen und politischen Situation heraus vorhersagen. Gesicherte Bürger des Nordens vermuten die Hauptursache des Elends meist im Bevölkerungswachstum, Anwälte der Armen im Süden eher im kapitalistischen Weltwirtschaftssystem. Angehörige herrschender Schichten auch in der kulturellen Rückständigkeit oder in der Rasse der Armen. Wie ist das wahre Verhältnis zwischen diesen Faktoren? Das Bevölkerungswachstum ist ermöglicht durch Medizin, Produktionsvermehrung, Gütertransport, also durch diejenigen Wohltaten der Zivilisation, welche erreichen, daß nicht mehr die unernährbaren Esser im Kindesalter sterben. Der Mensch kann aber nicht diese Macht über seine Lebensumstände erwerben und auf Regelung des Nachwuchses verzichten. Er verzichtet auch nicht darauf. Die Erfahrung in Industrieländern zeigt, daß wachsender Wohlstand die Kinderzahlen begrenzt. Arme, zumal bäuerliche Familien hingegen brauchen viele Kinder als die einzigen Arbeitskräfte, als Zukunftssicherung der Eltern. Also wäre die Schaffung von Wohlstand vordringlich. Aber wie, wenn das wachsende Sozialprodukt von der wachsenden Bevölkerung aufgegessen wird? Die Kapitalismuskritiker sagen, daß die nötigen Güter sehr wohl erzeugt, aber nicht gerecht verteilt werden. Hier komme ich zu der vorhin angekündigten Bemerkung zum Ideologiekonflikt. Die sogenannte bürgerliche Revolution strebte auch im ökonomischen Bereich nach Freiheit von staatlicher Bevormundung. Die Marktdoktrin im Sinne von Adam Smith ist ist der Gesinnung antiautoritär. Die Erfahrung hat in der Tat gezeigt, daß der Markt mehr und bessere Güter erzeugt als jede bürokratisch gesteuerte Planwirtschaft, aus dem einfachen Grund, daß hier die Intelligenz und Initiative von sehr viel mehr Menschen aktiviert wird als in Planwirtschaften. Aber der Markt allein verteilt die Güter nicht gleichmäßig; das Elend der frühen Industriearbeiter ist bekannt. Karl Marx erhoffte vom Sozialismus ökonomisch die Verteilungsgerechtigkeit und gesellschaftlich die Erfüllung der persönlichen Freiheit - ungefähr das Gegenteil der bürokratischen Systeme, die sich später auf ihn beriefen. In den Industriestaaten des Nordwestens ist es gelungen, das Problem der sozialen Ungleichheit zu mildern und die nackte Armut auf eine heute freilich wieder wachsende Minderheit einzuschränken (permanent Arbeitslose, ethnische Minoritäten). Dies geschah durch die Mittel des Rechtsstaats, der Meinungsfreiheit und der repräsentativen Demokratie, mit Koalitionsfreiheit, Streikrecht, sozialer Gesetzgebung. Es ist nicht zu sehen, wie im Weltmarkt Ähnliches gelingen soll, solange nicht ein weltweiter Rahmen für vergleichbaren Interessenausgleich entsteht. Dies würde bedeuten: 1. die Sicherung des Weltfriedens, 2. eine international einklagbare Rechtsordnung, 3. international vereinbarten und durchsetzbaren Umweltschutz. Bei Strafe des Untergangs ist uns nicht erlaubt, weniger anzustreben. Wenn wir uns nicht selbst täuschen wollen, dürfen wir freilich auch den Faktor unterschiedlicher kultureller Traditionen nicht unterschätzen. So scheinen die Probleme in allen jenen Marktwirtschaften handhabbar zu sein, wo Ostasiaten das Heft in der Hand halten. Die Notwendigkeit des Weltfriedens hat sich uns also von neuem gezeigt. Die politische Instanz, die hier in erster Linie gefordert ist, sind die Vereinten Nationen. In ihnen besteht freilich eine fortdauernde Spannung zwischen den Interessen der mächtigen nördlichen Minderheit und der weitgehend machtlosen Majorität des Südens. Doch ist die Verhütung lokaler und regionaler Kriege ein gemeinsames Interesse. Mir fehlt heute die Zeit, um auf weitere so dringliche Probleme wie den Schuldenerlaß einzugehen. Ebenso nenne ich jetzt nur neben der Verteilungsgerechtigkeit die ebenso wichtige andere Seite der Gerechtigkeit, die Menschenrechte. Eine Regierung, die die Menschenrechte nicht gewährt, hat Angst vor ihren Staatsbürgern, und sie weiß, warum. Bewahrung der Schöpfung: Die technische Revolution vollzieht, was schon mit dem Ackerbau und den Flußtalkulturen begann: die radikale Veränderung der belebten Natur auf der Erdoberfläche durch den Menschen. Heute erreichen die Wirkungen der Technik die Grössenordnung der natürlichen Klimaänderungen: so der Treibhauseffekt durch das sinnlose Verbrennen der in Jahrhundertmillionen entstandenen fossilen Stoffe in wenigen Jahrhunderten. Wenn Askese bedeutet, auf Güter zu verzichten, die man technisch haben könnte, so wird eine asketische Weltkultur notwendig. Sie bedeutet nicht die Rückkehr in ältere Kulturen, die von Armut, Seuchen, Gewalttat gejagt waren. Sie bedeutet im Prinzip nur gesunden Menschenverstand: Organisation unseres technischen Handelns gemäß einer Einsicht, welche seine ungewollten Folgen ebenso bedenkt wie die gewollten. Ein Einzelner, der diese Vorsicht vermissen läßt, ist ein Dummkopf oder ein leichtfertiger Verbrecher. Eine Gesellschaft muß von sich nicht weniger verlangen. Wir haben noch wenige Jahrzehnte Zeit, das Notwendige und Mögliche zu leisten. In einem Rechtsstaat sollten alle Abwehrmaßnahmen gegen Schäden möglich sein, die ihre Ursache auf dem Boden eben dieses Staats haben. In der Gesetzgebung kann das sogenannte Verursacherprinzip umweltschädigende Produktion strafbar machen. Eine ökologische Steuerreform könnte noch wirksamer werden. Die entscheidende Aufgabe ist, zu einer internationalen Übereinkunft zu kommen. Die großen Schadeffekte sind grenzüberschreitend. Und Umweltschutzmaßnahmen in einem Lande können diesem Lande in der Weltmarkt-Konkurrenz Nachteil bringen. Wir werden hier von neuem auf die Notwendigkeit weltweiter Regelungen, also weltweiter Erweckung eines öffentlichen Bewußtseins für die Probleme geführt. So viel vom Grundsätzlichen. Ich ende, indem ich einen konkreten Auftrag erfülle. Der THEODOR-HEUSS-STIFTUNG steht ein sehr begrenzter Geldbetrag zur Verfügung; sie hat mich gebeten, vorzuschlagen, wem er zugutekommen soll. Ich schlage drei Empfänger vor. In allen drei Fällen soll die Spende nur ein Beispiel setzen, um zu sagen, wo Spenden wichtig sind. Der erste Empfänger sollte der Ökumenische Rat der Kirchen in Genf sein, zur Finanzierung seiner Weltversammlung in Seoul im Jahre 1990. Diese Finanzierung ist bis heute noch nicht gesichert. Ich wünschte, daß die wenigen Tausend Mark, die heute von der Stiftung gegeben werden können, den Anstoß zu einer großen Spendenaktion gäben. Die beiden anderen Empfänger sind karitativ tätig für spezielle Aufgaben in der Dritten Welt. Man ist heute vielfach skeptisch gegen Entwicklungshilfe geworden. Kein Anlaß aber besteht zur Skepsis gegen persönlichen Einsatz für einzelne Personen oder Menschengruppen. Jeder einzelne von uns ist nur einer von fünf Milliarden Menschen, und das Gefühl der Machtlosigkeit gegenüber den Weltproblemen kann erdrückend werden. Aber wer am heutigen Tag etwas Kleines tut, was er wirklich tun kann, wird alsbald morgen wieder etwas entdecken, was er wirklich tun kann, und übermorgen etwas Drittes. Und er wird andere ermutigen, ebenso zu handeln. Fast zufällig habe ich zwei Empfänger ausgesucht, die so konkret handeln. Das eine ist die Aktion Friedensdorf in Bonn, welche drei private Organisationen in Chile unterstützt, die sich insbesondere um in Not geratene Kinder kümmern, in Not durch Armut und Arbeitslosigkeit, oder auch durch politische Schicksale ihrer Angehörigen. Der andere Empfänger ist eine Frau die seit 19 Jahren an bis zu 200 Familien in Zimbabwe regelmäßig Pakete schickt, Frau Else Sterner in Immenstaad. Sie hat dafür das Bundesverdienstkreuz am Band erhalten, mit dem aber keine Beihilfe zu ihren Paketkosten verbunden ist. Mit diesem Verweis auf konkretes menschliches Handeln möchte ich schließen.

Schlußwort
Helmut Schmidt
Verehrter Herr Bundespräsident,
verehrte Frau Süssmuth,
liebe Hilde,
meine Damen und Herren,die Stiftung hat mich gebeten, heute im Namen aller bisherigen Preisträger das Wort an Sie zu richten. Dies erscheint mir nicht einfach, weil ich damit zum Sprecher so unterschiedlicher Preisträger, wie zum Beispiel des unvergessenen Gustav Heinemann, aber auch der Stadt Castrop-Rauxel, zum Beispiel des „mündigen Bürgers" oder auch meines Freundes Georg Leber eingesetzt bin. Und es sind im Laufe von 25 Jahren ja noch viele Namen hinzugekommen, auch die Namen jener, die mit Medaillen durch die Stiftung geehrt worden sind. Deshalb scheint mir, daß jedes Wort, das über den Dank an die Stiftung hinausgeht, eigentlich eine unangemessene Einvernahme sehr unterschiedlicher Verdienste und Absichten wäre. Frau Hamm-Brücher hat vorhin auf das Vierteljahrhundert der Stiftung zurückgeblickt, und in der Tag ist es aufschlußreich, auf die Situation des Jahres 1964 zurückzuschauen und dann zu verfolgen, wie die Motive, die der Stiftung zugrundelagen, durch 25 Jahre eine veränderte Bedeutung gewonnen haben. Theodor Heuss hat einmal geschrieben, Demokratie sei niemals eine Glücksversicherung, sondern sie sei bestimmt durch den Stand der politischen Bildung und der öffentlichen Gesinnung. Ich frage mich heute, ob politische Bildung und - noch schwerer bestimmbar - öffentliche Gesinnung im Sinne von Theodor Heuss damals zur Mitte der sechziger Jahre nicht vielleicht dichter an die politischen Notwendigkeiten herangereicht haben, als sie es heute tun. Damals 1964 hatte die Welt soeben die angstvolle Erschütterung - jedenfalls bei mir eine angstvolle Erschütterung - durch die KubaRaketen-Krise überstanden. Wie weit hat die Welt die damalige Lektion begriffen und die Erkenntnis in Handlungen umgesetzt? Manches von der Unruhe der späten sechziger Jahre mag davon ausgelöst worden sein. Sicherlich war diese Unruhe nicht in jeder Beziehung fruchtbar. Vielleicht ist der Vertrag über das Abwracken bestehender atomarer Mittelstreckenraketen der Jahre 1987/88, der sogenannte INF-Vertrag, der erste und in der Weltgeschichte bisher einzige freiwillig geschlossene zweiseitige Vertrag zur beiderseitigen Verschrottung tödlicher Massenvernichtungswaffen, die beste Frucht der atomaren Konfrontation der kubanischen Raketenkrise. Es bedeutet aber keine Freude zu erkennen, daß dieser INF-Vertrag nur zustande kam als eine kluge Konsequenz zweier geostrategischer Weltmächte aus einer abermaligen nuklearen Konfrontation im Laufe der siebziger Jahre, nämlich der SS 20-Vorrüstung und der Pershing 2-Nachrüstung auf unserer Seite. Heute hoffen wir, und so hoffe ich jedenfalls, daß der INF-Vertrag zum Vorbild werden möge für weitere gleichgewichtige, das Gleichgewicht fördernde Abrüstungsverträge. Wir haben übrigens in den siebziger Jahren auf dem weltwirtschaftlichen Feld ein Ereignis erlebt, dessen mögliche katastrophale Konsequenzen die Welt bisher nicht verstanden und infolgedessen noch viel weniger bewältigt hat. Ich spreche von dem Zusammenbruch des Weltwährungssystem des großen Nationalökonomen John Mainard Keynes. Ohne das von ihm und einem tüchtigen Amerikaner, den ich nicht verschweigen will, Harry Dexter White, in Bretton Woods geschaffene monetäre Weltsystem wäre die unerhörte Entfaltung der Weltwirtschaft und des Lebensstandards seit 1945 überhaupt nicht möglich gewesen - eine Entfaltung, die in der zweiten Hälfte dieses Jahrhunderts Milliarden von Menschen zugute gekommen ist. Heute vor 15 Jahren haben wir dieses weltweite BrettonWoods-System zerstört, obgleich wir gleichzeitig alle, genauer: fast alle nationalen Kreditmärkte miteinander zu einem einzigen globalen Kreditmarkt verschmolzen haben, einschließlich des Südens. Wir haben im Oktober 1987 in einer Krise des Weltaktienmarktes gesehen, daß wir nur mit viel Glück und nicht etwa durch das Verdienst der Staatslenker in der Welt an der Auslösung einer Weltdepression von der Größenordnung der dreißiger Jahre vorbeigedriftet sind; mehr durch Glück und Zufall, als durch Vernunft. Ganz anders als im Falle des INF-Abrüstungsvertrages hat bisher die nationale Beschränktheit des Urteilsvermögens verhindert, daß die ökonomischen Weltmächte ihre globale Verantwortung erkennen. Das ist nur ein anderer Aspekt des ökonomischen Weltverantwortungsthemas, das Carl Friedrich von Weizsäcker soeben angeschnitten hat. Übrigens ist es auch nationale Beschränktheit des Urteilsvermögens, das uns daran gehindert hat, die beiden Ölpreisexplosionen der siebziger Jahre, welche die OPEC uns bereitet hat, und deren doppelte Folge zu bewältigen, nämlich zum einen die Verschuldungskrise des Südens und zum anderen die Massenarbeitslosigkeit des Nordens. Schon diese beiden Beispiele. Abrüstung und Weltwirtschaft, reichen aus, um zu sagen: wir hinken weit hinter dem her, was Carl Friedrich von Weizsäcker heute vor 26 Jahren in einer, wie mir scheint, hellsichtigen Formulierung ,,Weltinnenpolitik" genannt hat. Vielleicht darf man Theodor Heussens Wort in der Weise weiterentwickeln und schärfer fassen, daß es nicht nur und nicht so sehr auf den Stand der politischen Bildung und der öffentlichen Gesinnung ankommt, welche die Demokratie bestimmen, sondern auf die Erkenntnis des vorhandenen Defizits an politischer Bildung und öffentlicher Gesinnung gegenüber der Gesamtheit der Welt, gegenüber den tatsächlichen Entwicklungen der ganzen Welt. Denn diese Erkenntnis oder Nicht-Erkenntnis ist es, die das Schicksal der Welt bestimmt. Heute muß politische Kultur nicht zuletzt ihren Ausdruck darin finden, welche Konsequenzen wir aus der Erkenntnis der Defizite ziehen, wie wir damit umgehen und welche Konsequenzen wir ziehen, um den Defiziten abzuhelfen. Es gibt Menschen, welche Defizite erkennen; wir haben eben einem solchen zugehört. Es gibt Menschen, welche sich anstrengen, solchen Defiziten abzuhelfen. Das letztere sind sehr viel weniger. Wenn man es so ansehen will, dann hat die Stiftung mit ihrer Identifizierung und Auszeichnung von Preiswürdigem und Preiswürdigen einen durchaus beträchtlichen Beitrag zur politischen Kultur in unserem Land geleistet. Sie hat Denkende ausgezeichnet, sie hat Handelnde ausgezeichnet; solche an öffentlich hervorgehobener Stelle und solche, deren Tun ohne den Preis womöglich unbeachtet geblieben wäre. Carl Friedrich von Weizsäcker hat eben noch einmal zwei weitere Empfehlungen in der Richtung gegeben, solche auszuzeichnen, die ohne den Preis unbeachtet bleiben würden. Die Stiftung hat sowohl das individuelle Vorbild, als auch die beispielhafte Zusammenarbeit mehrerer oder gar vieler geehrt. Ich denke, die THEODOR-HEUSS-STIFTUNG hat der Demokratie hierzulande ein Stück weit dazu verholfen, zu einer Lebensform zu werden. Nun trennt uns gerade noch ein Jahrzehnt von dem Ende dieses Jahrhunderts oder, wenn Sie so wollen, vom Beginn eines neuen Jahrtausends. Einige der Rahmenbedingungen des neuen Jahrhunderts und ganz gewiß des neuen Jahrtausends sind heute schon zu ahnen oder gar abzusehen. Jedenfalls sind Rahmenbedingungen abzusehen, an denen sich die Entscheidungen des kommenden Jahrzehnts, vielleicht der nächsten beiden oder der nächsten drei Jahrzehnte werden orientieren müssen. Die drei geopolitischen oder geostrategischen Supermächte, die Vereinigten Staaten von Amerika, die Volksrepublik China und die Sowjetunion, werden mit ihrem strategischen Verhalten die Entscheidung aller anderen Staaten weitgehend beeinflussen. Auf dem geoökonomischen Feld werden drei Weltmächte, nämlich abermals die USA, und zweitens Japan und sodann drittens ein hoffentlich etwas besser geeintes Westeuropa die gleiche Rolle spielen. Die Entscheidungen dieser drei werden auf dem geoökonomischen Feld im wesentlichen die Welt beeinflussen. Wir haben eben von der Bevölkerungsexplosion gehört. Ich möchte dazu wenigstens drei Zahlen nennen. Zu Beginn dieses Jahrhunderts, also vor 89 Jahren, bestand die Menschheit aus 1,6 Milliarden Menschen. Gegenwärtig sind es deutlich über 5 Milliarden. Es steht absolut fest, daß wir am Ende dieses Jahrhundert 6 Milliarden sein werden. Eine Vervierfachung der Menschheit innerhalb eines einzigen Jahrhunderts! Und es steht heute schon ziemlich fest, wann es 8 und wann es 10 Milliarden sein werden; die Zeitpunkte sind kaum noch zu beeinflussen. Man muß dazu auch wissen, wenn es dann 8 Milliarden sein werden, dann werden davon ungefähr ein Achtel im Norden leben, das heißt, in den Teilen des Nordens, der fähig zur Hilfe ist (ich sage gar nicht, daß er hilfsbereit sei), und sieben Achtel werden im Süden leben. Und wenn es dann - sagen wir im Jahre 2030 10 Milliarden sein werden, wird ein gutes Zehntel im Norden leben und knapp neun Zehntel werden im Süden leben. Die Bevölkerungsexplosion, die es in diesem Ausmaß niemals vorher gegeben hat, die gegenwärtige Schuldenkrise - vor allem Lateinamerikas, aber auch Afrikas und einiger anderer Entwicklungsländer und übrigens auch einiger Länder in unserer unmittelbaren Nachbarschaft im Osten Europas -, die weltwirtschaftlichen Verwerfungen insgesamt einschließlich des Protektionismus-denn wovon sollen eigentlich die Entwicklungsländer leben, wenn sie ihre Güter nicht auf unsere Märkte exportieren? -, die Verwerfungen unserer Zahlungsbilanzen, der Wechselkurse, alles das zusammen wird verhindern, daß in diesem Jahrhundert die Entwicklung in riesigen Teilen der Menschheit wesentliche Fortschritte machen kann. Dies ist kein Pessimismus, dies ist Realismus; er entbindet zugleich niemanden von moralischen Pflichten. Aber selbst bei Erfüllung seiner moralischen Pflichten sollte sich niemand einbilden, daß er damit Wesentliches bessern könnte. Ganz abgesehen davon, daß es sehr schwierig ist, in Demokratien wahlberechtigte Steuerbürger dazu zu bewegen, Entwicklungshilfe von substantiellem Ausmaß zu leisten. Ganz oben auf der Liste der ökonomischen Probleme werden die Probleme und Risiken der Energieversorgung von 6 Milliarden Menschen stehen. Sie alle wollen nämlich ihr Essen kochen, auch in den Tropen. Und sie wollen Licht brennen, viele von ihnen wollen Auto fahren, und manche wollen sogar mit dem Flugzeug fliegen. Das alles kostet Energie. Natürlich müssen wir Energie sparen, aber der absolute Verbrauch an Energie wird steigen, und sosehr ich dem beipflichte, was Carl Friedrich von Weizsäcker gesagt hat über die Notwendigkeit, dafür zu sorgen, daß die erneuerbaren Energien einen größeren Anteil am täglichen Energieverbrauch übernehmen, so sehr muß ich darauf hinweisen, daß im wesentlichen heute und wahrscheinlich auch in den nächsten Jahrzehnten die Energiebereitstellung auf zwei Hauptsäulen ruhen wird - und beide sind ungeheuer riskant. Das eine ist die nukleare Energie, wobei mir im Augenblick genügt, auf das Risiko hinzuweisen, daß es bisher keine Regierung der Welt fertig gekriegt hat, eine brauchbare, endgültige Lösung zu finden für die Frage, was mit dem nuklearen Abraum geschieht. Ich sehe auch andere Risiken; ich will sie nicht alle aufzählen. Und das andere Bein, auf dem die globale Energieversorgung steht, sind die Kohlenwasserstoffe, also Öl, Erdgas und Kohle, Holz und Braunkohle, von denen heute niemand mehr bezweifeln kann, daß sie den Treibhauseffekt und andere schwerwiegende Effekte herbeiführen. Der Treibhaus-Effekt ist keine journalistische Sensationsmache. Wir können glücklich sein, in Stuttgart zu leben und nicht zum Beispiel in den Deltas von Bangladesh, weil die Ozeane ansteigen werden. Es wird klimatische Veränderungen geben, die noch schwieriger vorherzusehen sind. Und dies alles wird Folgen haben für die Ernährungssituation der 6 oder demnächst 8 Milliarden. Dies alles ist Weltinnenpolitik. Die Fortschritte zur kooperativen Bewältigung solcher Probleme sind klein und langsam. Was die geoökologischen Probleme angeht, aber auch was die geoökologischen und geostrategischen Probleme betrifft: mir kommt es immer darauf an, Entscheidungsfreiheiten offen zu halten auch für die, welche nach uns kommen. Wenn von Freiheit die Rede ist, dann, meine ich, sollte man immer auch daran denken, daß es nicht nur darauf ankommt, daß für uns, die Gegenwärtigen einschließlich unserer Nachbarn, Freiheit offengehalten wird. Sondern Freiheit auch für die Nachkommenden offenzuhalten, erscheint mir als wichtige Maxime. Die Nachkommenden könnten möglicherweise andere Maßstäbe haben als wir. Wir sollten nicht soweit irgend vermeidbar-Tatsachen schaffen, die sie dann nicht mehr ändern können. Ich breche hier ab. Mir ist an dieser Stelle eigentlich nur darum zu tun, auf die Herausforderungen hinzuweisen, welche auf die Staaten und die Völker der Welt und nicht nur auf die Demokratien zukommen. Denn die letzteren repräsentieren einstweilen nur den kleineren Teil der heutigen 5 Milliarden Menschen. Das wird noch eine ziemliche Zeit so bleiben. Und es ist realistisch, sich darauf einzustellen. Eine der Gefährdungen der ganzen Menschheit in den kommenden Jahrzehnten liegt übrigens in der Überwältigung der Menschen - ich rede jetzt nicht von den Nachdenkenden; das sind ja nicht so viele - durch die elektronischen Bildmedien. Sensation, Gewalt, Katastrophe und Oberflächlichkeit breiten sich aus oder werden ausgebreitet; eine gute Nachricht ist eigentlich schlecht geeignet, im Bild dargestellt zu werden. Eine schlechte Nachricht ist dem, der sie verbreiten und redigieren will, durchaus willkommen. Darin stecken Gefahren für die ganze Menschheit. Wenn Sie in Entwicklungsländer reisen und dort die Fernsehkanäle einschalten, dann sehen Sie, was ich meine. Der knappe INF-Vertrag, der bescheidene INFErfolg auf dem weltinnenpolitischen Felde der Abrüstung - immerhin ein erster Erfolg, eine Weltpremiere - kann Mut machen dafür, daß wir mit der Zukunft fertig werden. Wir werden dazu eine ganze Menge Mut brauchen. Aber ich wiederhole das Wort von Theodor Heuss: Demokratie allein ist noch keine Glücksversicherung, zumal wir so wenige Demokraten sind in einer so großen Welt mit so vielen Menschen. Oder, um es nochmals zu variieren: Thomas Jeffersons „pursuit of happiness" war damals im Rahmen einer nationalen Demokratie gedacht; aber in nationalem Rahmen sein eigenes Glück zu verfolgen, ist einem ganzen Volk heute schon überhaupt nicht mehr möglich - und vielen einzelnen erst recht auch nicht. Wen wird also heute in zehn Jahren, liebe Hilde Hamm-Brücher, die Stiftung auszeichnen? Vielleicht dürfen wir sogar sehr zuversichtlich sein, daß es auch in zehn Jahren solche Denkenden und solche Handelnden geben wird, die der Auszeichnung würdig sind, hoffentlich solche, die sich als Denkende wie Handelnde dessen bewußt sind, daß wir in einem niemals wieder aufhebbaren Zusammenhang der ganzen Welt eingetreten sind. Dieser Nexus ist das grundlegende Neue des dritten Jahrtausends. Er ist nicht mehr aufhebbar. Das gilt nicht nur für Wissenschaft oder für Atombomben, das gilt für alles: für das Klima, für die Ernährung, für die Energie usw. Ich hoffe auf Denkende und Handelnde, die sich dieses niemals wieder aufhebbaren globalen Zusammenhangs bewußt sind, den es so niemals zuvor gegeben hat, und die sich auch des niemals wieder aufhebbaren Zusammenhangs von Welt und Wissenschaft bewußt sind, den es so ebenfalls kaum bisher gegeben hat, und die folglich bei dem, was sie denken und tun, diesen Zusammenhang kalkulierend einbeziehen. Herr von Weizsäcker hat diesen Zusammenhang einmal dadurch gekennzeichnet, daß er einen guten Wissenschaftler definiert hat als einen guten Staatsbürger, der Erfahrung mit dem Wissen habe. Ich will mich hier nicht über die Erfahrungen des Menschen in diesem auslaufenden Jahrhundert verbreiten, die er mit der modernen Wissenschaft gemacht hat. Von der durchgängigen Verwissenschaftlichung und Technisierung unserer Lebensbedingungen ist schon oft genug die Rede gewesen. Aber eine andere, damit in engem Zusammenhang stehende Frage möchte ich doch wenigstens andeuten, umso mehr, als sie ein Leitmotiv für Carl Friedrich von Weizsäckers Denken und Lehren war und ist: ich meine das Problem der Ethik in unserer Gegenwart. Max Planck hat diese Frage in die Formulierung gefügt, die Naturwissenschaft brauche der Mensch zum Erkennen, die Religion aber brauche er zum Handeln. Das mag nicht jeder so akzeptieren, aber jeder muß sich fragen: was brauchen wir wirklich zum Handeln? Was brauchen wir dafür, daß unser Handeln verantwortbar ist, daß es verantwortbar bleibt, so daß es sowohl nach religiösem als auch nach traditionell ethischem Sprachgebrauch „gut" genannt werden kann? Wir wissen doch, daß „gut gemeint" oder „das Beste gewollt" ganz schreckliche Entschuldigungen jedenfalls für den sind, der öffentliche Verantwortung trägt. Und das schließt jeden Wissenschaftler ein. Was also braucht der Mensch wirklich zum Handeln? Wenn ich mich nicht täusche - und anders als Weizsäcker bin ich kein Philosoph so gehen die überlieferten Systeme der Ethik zum Teil stillschweigend, zum Teil explizit von zwei Voraussetzungen aus: Erstens davon, daß die Folgen des Handelns überschaubar seien für den, der handelt, oder doch, daß er Verantwortung trage nur, so weit die Folgen überschaubar seien - jedenfalls nur insoweit seien sie relevant zur Beurteilung seines Handelns; und zweitens davon, daß der Mensch frei sei zur Entscheidung. Ich habe den Eindruck, beide Bedingungen gelten in der Gegenwart immer weniger. Zum Beispiel hat die bisherige Vervierfachung der Weltbevölkerung, von der ich sprach, allein in einem einzigen, dem zwanzigsten Jahrhundert, neue Abhängigkeiten und interdependente Folge-Zusammenhänge entstehen lassen, welche weder die Griechen sehen konnten, noch die Kirchenväter, weder Thomas von Aquin noch Immanuel Kant. Kant deckt das Problem zwar ab mit dem abstrakten kategorischen Imperativ, aber konkret hat er sich die globale Interdependenz nicht vorgestellt. Die Erde ist nicht gemacht für 12 Milliarden oder für 18 Milliarden Menschen. Stellen Sie sich vor, die Weltbevölkerung würde sich im nächsten Jahrhundert noch einmal vervierfachen, dann wären wir bei 24 Milliarden Menschen. Die Welt ist dafür nicht gemacht. Und die Hoffnung, die Herr von Weizsäcker damit verbindet, daß die Hebung des Wohlstandes im Süden auch dazu führen würde, daß etwas weniger Kinder in die Welt gesetzt werden, die benötigt Jahrhunderte zu ihrer Verwirklichung. Sie hat auch bei uns Jahrhunderte benötigt. Die Medizin ist schneller da als der Wohlstand. Die Verhinderung der Geburtensterblichkeit ist schneller da als die Hebung des allgemeinen Wohlstandes. Die Bedingung also, daß man die Folgen des Handelns überschauen kann, die ist heute weniger gegeben, als das früher einmal der Fall war. Sogar weniger gegeben, als noch Max Weber sich das vorgestellt hat, als er vom Beruf des Politikers sprach. Und die Bedingung, daß der Mensch frei ist zur Entscheidung - ich bin dessen nicht so sicher. Stellen Sie sich den Piloten am Steuerknüppel eines Jets mit 134 Passagieren und 7 Besatzungsmitgliedern an Bord in einer schwierigen Situation vor, oder den Mann, der im Schaltraum eines Reaktors ein Kraftwerk fährt, Kann bei den Entscheidungen, die diese beiden Menschen in einem kritischen Einzelfall zu treffen haben, kann hier tatsächlich noch von einer ethisch begründbaren Entscheidung die Rede sein? Wie weit kann davon noch die Rede sein.? Ich weiß es nicht. Ich denke jedenfalls, daß die Konsequenzen unseres Handelns zu überblicken, ehe wir denn handeln, immer schwieriger wird in dieser zusammengeschrumpften einen Welt; und es bedrückt mich, daß wir doch auch immer die nicht vorhergesehenen Folgen dessen verantworten müssen, was wir heute tun. Was bleibt uns dann, um unser Handeln zu rechtfertigen? Ich denke, es bleibt uns das wissenschaftliche Ideal der Verpflichtung auf die Wahrheit. Es bleibt uns der ethische Realismus, die Maxime, sich nach Maßgabe aller eigenen Kräfte sachkundig zu machen und die Zusammenhänge zu begreifen, soweit wir nur irgend können. Persönlich würde ich dann hinzufügen, es bleibt uns auch das Vertrauen, das Max Planck angesprochen hat und das uns instandsetzt, auch noch in nur teilweise überschaubarem Kontext den Mut zum Handeln zu gewinnen. Das schöne Wort von Hölderlin „Wo aber Gefahr ist, wächst das Rettende auch" hat mir immer eingeleuchtet - und immer wieder habe ich es tief bezweifelt. Wer Verantwortung trägt, der darf sich nicht darauf verlassen, das Rettende werde schon wachsen. Wer Verantwortung trägt, der darf aber ebensowenig sich einfach bloß dem Ausmalen der Gefahr hingeben, sondern wer Verantwortung trägt, sei er Wissenschaftler, Unternehmer, Gewerkschafter, Beamter oder Soldat, Politiker oder Richter, der muß seine Vernunft anstrengen - zur Analyse ebenso wie zum Erkennen des möglichen Zieles und der Wege dorthin; und er muß sein Gewissen anstrengen, um sich immer wieder zu vergewissern, daß er die Folgen seines Redens und die Folgen seines Schreibens und die Folgen seines Tuns verantworten kann.

1989