Theodor Heuss Stiftung

Professor Walter Jens und Dr. Inge Jens

Der THEODOR-HEUSS-PREIS 1988 wurde verliehen an:
Professor Dr. Walter Jens und Dr. Inge Jens
Walter Jens wird für sein hervorragendes Lebenswerk als radikal-demokratisch engagierter Schriftsteller und entschiedener, immer wieder unbequemer Mahner für aufgeklärtes politisches Denken und humanes politisches Handeln ausgezeichnet. Dabei hat er sich der verbreiteten Behauptung eines unüberbrückbaren Gegensatzes zwischen Geist und Macht in unserer Gesellschaft nie gebeugt. Vielmehr versucht er, durch öffentliche Reden und sein persönliches Engagement zu politischem Handeln anzustiften, das zum Frieden, zur aufgeklärten Toleranz und Gerechtigkeit beitragen soll. Inge Jens hat in gleichfalls hervorragender Weise persönliche Risiken nicht gescheut, um Anstöße zur gemeinsamen politischen Verantwortung von Frauen und Männern zu geben. Durch ihre Veröffentlichungen hat sie maßgeblich dazu beigetragen, daß das Erbe des Widerstands gegen die NS-Diktatur wieder lebendig wurde. Mit ihrem politischen Engagement für Frieden und Abrüstung hat sie vor allem junge Bürger zur demokratischen Verantwortungsbereitschaft ermutigt. In Staat, Universität und Kirche hat sie sich für die Rechte des einzelnen und für seine aktiven Mitwirkungsmöglichkeiten eingesetzt. Gemeinsam geben Inge und Walter Jens - gemäß der Satzung der THEODOR-HEUSS-STIFTUNG - sowohl durch ihr schriftstellerisches Wirken wie durch ihr persönliches Engagement immer wieder ermutigende Beispiele für Zivilcourage und persönliche Verantwortungsbereitschaft.

Klaus von Dohnanyi

Die THEODOR-HEUSS-MEDAILLE 1988 wurde verliehen an:
Dr. Klaus von Dohnanyi
In einer Zeit zunehmender innenpolitischer Polarisierung und  Konfrontation hat Klaus von Dohnanyi mit seinem persönlichen Einsatz zugunsten einer gewaltfreien Lösung des kurz vor einer unabsehbar gewalttätigen Auseinandersetzung stehenden Konfliktes in der Hamburger Hafenstraße, unter verantwortungsbewußter Beachtung der Verhältnismäßigkeit der Mittel, ein außergewöhnliches Beispiel des persönlichen Mutes gegeben. Mit seiner Bereitschaft,Gewalt und Blutvergießen verhindern zu wollen und mit seiner Entschlossenheit, dies auch den Hausbesetzern abzufordern, hat Klaus von Dohnanyi nicht vor der Gewalt kapituliert. Vielmehr ist er mit großer persönlicher Autorität den risikoreichen Ausweg aus dem Teufelskreis einer unabsehbaren Eskalation des Konfliktes bis zu bürgerkriegsähnlichen Gewalttätigkeiten vorausgegangen. Darüber hinaus hat Klaus von Dohnanyi ein Beispiel für persönliche Lern- und Verantwortungsbereitschaft des Politikers gegeben, wie es in unserer Zeit sehr selten geworden ist, als er eingestand, bei der Entwicklung des Konfliktes Fehler begangen zu haben und bei einem Scheitern seines Angebotes oder bei Nichteinhaltung seiner Bedingungen seitens der Hausbesetzer von seinem Amt zurücktreten würde. Damit hat Klaus von Dohnanyi im Sinne der Satzung der THEODORHEUSS-STIFTUNG außergewöhnliche Zivilcourage bewiesen und unter schwersten Bedingungen ein bemerkenswertes Beispiel für demokratische Verantwortungsbereitschaft gegeben. Angesichts der schweren Beschädigungen unserer politischen Kultur kann und soll dieses Beispiel zum Abbau von Gewaltpotential und zur friedlichen Konfliktbewältigung in unserer Gesellschaft beitragen und ermutigen.

Grenzgänger zwischen Macht und Geist – zwischen Macht und Verantwortung

Grußwort
Manfred Rommel
Hier stehe ich als gesetzlicher Vertreter der Landeshauptstadt Stuttgart und als beauftragter Vertreter des Landes BadenWürttemberg und überbringe Ihnen herzliche Grüße, die Grüße des Ministerpräsidenten Lothar Späth und der Landesregierung, die Grüße des Gemeinderats und natürlich auch meine eigenen Grüße. Es erfüllt mein Herz mit tiefer Genugtuung, daß ich heute während dieser Feierstunde kommunale Zuständigkeit und Landeszuständigkeit in mir gebündelt vorfinde, eine Situation, in der sich Sie, Herr Bürgermeister von Dohnanyi, dauernd befinden, denn hinter Ihrer bescheiden anmutenden Amtsbezeichnung "Bürgermeister" verbirgt sich die Tatsache, daß Sie gleichzeitig Regierungschef eines Staates sind. Bescheidenheit muß man sich leisten können, wer wüßte dies besser als die Hamburger. Es freut mich ganz besonders, daß heute HEUSS-PREIS und die HEUSS-MEDAILLE an zwei Hamburger verliehen werden; Ihren Geburtsort, Frau Dr. Jens, habe ich mit meinen begrenzten kommunalen Mitteln nicht herausfinden können. Wir Schwaben haben immer einen großen Respekt vor Hamburgern gehabt, weil sie des Hochdeutschen mächtig sind und weil ihnen schon deshalb Gewandtheit und Weltläufigkeit anhaften. Herr Professor Jens ist schon seit langem zum Schwaben geworden, wenngleich er sich den schwäbischen Dialekt noch nicht angeeignet hat, was freilich ihm als rhetorischem Vorbild für die Jugend und auch für die ältere Generation nicht zugemutet werden kann.Als Inhaber der HEUSS-MEDAILLE empfinde ich es als eine zusätzliche Ehre, daß Sie, Herr von Dohnanyi, ab heute vormittag auch zu uns Heuss-Medaillierten gehören werden. Ich empfinde für Sie eine besondere Wertschätzung, auch Lothar Späth respektiert und schätzt Sie. Wir gratulieren Ihnen herzlich zu der Auszeichnung.
Zu dem, was Hamburg und Stuttgart gemeinsam haben, gehört nicht nur der Hafen, sondern auch, daß wir zwar keine Hafenstraße, aber doch eine Hafenbahnstraße haben, die aber ein verhältnismäßig unschuldiger Ort ist. Die Art, wie Sie die großen Probleme an Ihrer Hafenstraße gelöst haben - über Ihnen das Schwert des Damokles, neben Ihnen der Sirenengesang, doch vor Ihnen das Ei des Kolumbus - verdient Respekt, auch von denen, die in der Sache anderer Meinung sind. Im übrigen hätte ich angesichts der Sachlage, wie sie sich entwickelt hatte, wohl den gleichen Weg zu beschreiten versucht. Aber man soll eben nach dem Wort eines polnischen Aphoristikers große Probleme möglichst schon dann lösen, wenn sie noch ganz klein sind.
Ich bin auch der Meinung, daß die_ Demokratie nicht in Gefahr gerät, wenn die Verwaltung im Rahmen zulässigen Ermessens in besonderen Situationen sich dafür entscheidet, das Recht nicht bis auf Punkt und Komma anzuwenden. Ich glaube vielmehr, die Demokratie wäre größeren Gefahren ausgesetzt, wenn sie sich in die Furcht hineinsteigert, sie könnte ohne die Krücken des Rechts nicht mehr laufen.
Freilich, darin sind wir uns sicher einig, darf der wünschenswerte Pragmatismus nicht zu einem Rückzug aus der Rechtsordnung führen. Auch Pragmatismus wird, wenn übertrieben, gefährlich. Der Klügere gibt nach, ist gelegentlich ein guter Grundsatz. Aber wenn immer nach diesem Grundsatz gehandelt würde, kann schon aus Gründen der Logik kein besonders kluges Ergebnis herauskommen.
Verehrter Herr Professor Jens, verehrte Frau Dr. Jens, wie in der Familie Jens die Produktion, Sammlung, Ordnung, Zusammenfügung und Zerlegung der Gedanken sich abspielt, weiß ich nicht, weil es mir am Einblick fehlt. Trotzdem darüber zu reden, dazu wäre ich zwar als geschulter Kommunalpolitiker durchaus in der Lage. Ich unterlasse es aber. Denn es gibt fast zu viele Themen für ein Grußwort.
Ich kenne Sie, verehrter Herr Jens, nun schon seit 38 Jahren. Ob Sie mich so lange kennen, weiß ich nicht, auf jeden Fall kenne ich Sie, was zeigt, daß Sie damals schon ein bekannter und in Tübingen berühmter Mann waren, häufig zu finden in der Buchhandlung Gastl, in Bücher vertieft. Politisch stimmen wir in wesentlichen Punkten überhaupt nicht überein. Ich halte Ihre Aktionen in Mutlangen für verfehlt, ich bin der festen Überzeugung, daß die von Helmut Schmidt erdachte und von Helmut Kohl ermöglichte Nachrüstung ein wichtiger Beitrag war, um zur beiderseitigen Entfernung der Mittelstreckenraketen zu kommen, und ich habe fast den Eindruck, daß die Entwicklung Helmut Schmidt, Helmut Kohl und mir recht gegeben und Ihnen unrecht gegeben hat.

Aber es kommt nicht nur darauf an, recht zu haben, sondern das, was man meint, in einer Form vorzutragen, die zur Diskussion herausfordert, die Intelligenz freisetzt, die Argumenten eine Chance gibt, bedacht und nicht nur abgelehnt zu werden. In einem politisch-wissenschaftlichen Umfeld, in dem mehr Menschen nach einem Stuhl schielen als ihren Stil schulen, um es mit einem Kalauer zu sagen, der allerdings auch dem Landessohn Abraham à Santa Clara zuzutrauen gewesen wäre, in einem solchen, durch widerstreitende Monologe mißtönenden Umfeld haben Sie zur politischen Kultur beigetragen dadurch, daß Sie die literarische Rede auch in politischen Dingen gepflegt und vielen nahegebracht haben, daß Sie Fragen, die im dunklen Unterholz des deutschen Unterbewußtseins schlummerten, aufgescheucht haben, und dadurch, daß Sie vielen die Erkenntnis vermittelt haben, es lohne sich mehr, abweichende Meinungen anzuhören als die Meinungen, die man ohnehin schon hat. Unser Problem liegt weniger in der Sprachlosigkeit, die wäre wenigstens leiser, als in der Unfähigkeit zuzuhören, verbunden mit dem Bedürfnis, selber zu reden. In den Fröhlichen Wissenschaften hat Nietzsche ausgeführt: "Solange die Könige die Trommelwirbel in der Gewalt haben, sind sie immer noch die besten Redner und Volksaufwiegler".

Bekanntlich wurde im 18., 19. und 20. Jahrhundert so manche Stimme der Vernunft durch Trommelwirbel unhörbar gemacht. Die republikanische, wenngleich nicht demokratische Variante des Trommelwirbels ist das Pfeifkonzert und der Eierwurf, dessen unschuldiges Opfer auch ich schon einmal geworden bin; freilich war ich dem Himmel dankbar für die ökonomisch günstige Gestaltung unserer Situation, die es ermöglicht, als Wurfgeschosse Eier anstatt eine im Zweifel wesentlich schlechtere Variante zu verwenden.

Sie, verehrter, lieber Herr Jens, haben wichtige Beiträge geleistet, damit die Rede wieder zum Kunstwerk aufsteigen konnte. Hegel hat daran gezweifelt, ob Reden Kunst ist, aber er hat die Rhetorik für nützlich gehalten, besonders für die Demokratie, wo sie die Individuen zur Wärme der Allgemeinheit anfeuern müsse, denn die Einsicht, zu der sich alle bekehren sollen, solle durch Erwärmung der Individuen vermittels der Rede hervorgebracht werden.

Auch insoweit ist freilich darauf zu achten, daß die Erwärmung und Erhitzung nicht zu gut gelingt. Wenn wir in der Bundesrepublik Themen wie Frieden, Umweltschutz, Sozialpolitik, Energieversorgung, insbesondere Kernenergie, und Wirtschaftspolitik betrachten und die Art und Form, in der sie diskutiert werden, dann fällt es schwer, sich dem Eindruck zu verschließen: Je schwieriger die Probleme sind, desto größer ist die Hitze und die Erregung, in denen sie diskutiert werden. Je größer die Erregung, desto lauter das Geschrei und desto geringer die Chance der Vernunft. Je geringer die Chance der Vernunft, desto stärker die Neigung, sich an eine vorübertreibende Modemeinung oder an ein aus dem Unterbewußtsein aufsteigendes Vorurteil zu klammern und diesen gefährlichen Besitz mit Klauen und Zähnen zu verteidigen.

Wir haben es mit Ihrer Hilfe, Herr Professor Jens und Frau Dr. Jens, in Fragen der politischen Kultur und des politischen Stils schon weiter gebracht, aber weiterer Fortschritt ist möglich und nötig.

Ich gratuliere Ihnen zu dem HEUSS-PREIS. Möge von der heutigen Feier eine Ermutigung für alle jene ausgehen, die den Fortschritt noch suchen und nicht die Suche nach ihm in der irrigen Meinung bereits eingestellt haben, daß sie ihn bereits besitzen.
Begründung und Verleihung
Hildegard Hamm-Brücher
Grenzgänger zwischen Macht und Geist - zwischen Macht und VerantwortungI.
Zur Einstimmung in meine Begründung für die Auswahl unserer diesjährigen Preisträger habe ich bei Georg Christoph Lichtenberg ein treffliches Motto gefunden: "Eine Republik zu bauen aus den Materialien einer niedergerissenen Monarchie ist freilich ein schweres Problem. Es geht nicht, ohne bis das erst jeder Stein neu behauen ist - und dazu gehört Zeit."
Anders als bei Lichtenberg - ist der Ort der Handlung heute natürlich nicht mehr das Frankreich der Französischen Revolution, sondern das geteilte Deutschland der Nach-Hitler-Zeit. Aber das Bild bleibt zutreffend... Wenn wir an die Stelle der "niedergerissenen Monarchie" die Trümmer des (nicht aus eigener Kraft) niedergerissenen nationalsozialistischen Unrechtsstaates setzen, dann beschreibt die Lichtenberg'sche Metapher die fundamentale Herausforderung unserer politischen Existenz seit 1945 - eine Herausforderung, die uns alle angeht: Was muß geschehen, um aus den Trümmern einer menschen- und werteverachtenden Diktatur eine in sich gefestigte Republik zu bauen und auszubauen? Die Antwort: Jeden Stein neu behauen, von außen, vor allem von innen - kraftvoll, geduldig, aber auch intelligent und schöpferisch. Viele Deutsche haben sich darum seit 1945 redlich bemüht, die Mühsal aber scheint - wie wir immer wieder erfahren -, kein Ende nehmen zu wollen. Immer wieder stoßen wir auf dem Felde unserer nur mühsam gedeihenden, streckenweise verwilderten demokratischen Kultur auf Steine, die aus den Trümmern der Vergangenheit liegengeblieben sind - unbehauen, störend, als Stolpersteine... Versäumnisse werden offenbar, Verdrängtes kehrt zurück und das Alarmierendste: So manche Einstellung und Mentalität, die Hitler erst möglich machten, sind keineswegs vergangen.

Es erweist sich, daß Lichtenberg nur zu recht hat. Das Steineneu-behauen ist nicht nur mühsam - es braucht auch viel Zeit. Beides hatte Theodor Heuss übrigens schon sehr frühzeitig erkannt. Gleich nach dem Zusammenbruch des Deutschen Reiches bis zu seinem Tode hat er immer wieder gemahnt, daß wir uns diese Mühsal "um unserer Seele und unserer Volkszukunft" willen nicht ersparen dürften. In dieser Tradition steht unsere Stiftung seit 24 Jahren - nicht rückwärts gewandt, sondern immer neu gefordert, im Strome aktueller Probleme und Entwicklungen, in Spannungen und Kontroversen. Dafür zeugen unsere Preisträger. Heuer sind es Inge und Walter Jens und Klaus von Dohnanyi, die wir dafür auszeichnen wollen, daß sie dieses Steine-neu-behauen beispielhaft leisten, mutig und geduldig, oft unbequem und kontrovers.

An dieser Stelle ist einzufügen, daß der THEODOR-HEUSS-PREIS nicht als "Bambi" für politische Popularität vergeben wird, noch ist er eine Auszeichnung für demokratische Helden oder Wundertäter, die es - gottlob - nicht gibt. Wir wollen und können politische und gesellschaftliche Kontroversen und Spannungen nicht einfach wegfeiern, indem wir sie mit einer preisgerechten Konkordienformel überzuckern. Stattdessen versuchen wir alle Jahre wieder - und nun schon das 24. Mal -, uns diesen Kontroversen mit demokratischer Vernunft zu stellen und mit Hilfe unserer Preisträger herauszufinden, ob und wo Ansätze zu demokratischen Lösungen zu finden sind.

Um noch einmal die Lichtenberg'sche Metapher zu strapazieren: Die THEODOR-HEUSS-STIFTUNG will zur Sisyphusarbeit des Steineneu-behauens ermutigen und anstiften, und zwar nicht allein durch die alljährliche Verleihung von Preisen, sondern auch durch die Unterstützung von demokratischem Bürgerengagement, das für das Allgemeinwohl geleistet wird. Seit einem Jahr haben wir auch mit der Vergabe von Theodor-Heuss-Stipendien für junge Menschen begonnen, die beispielhaft Verantwortung im schulischen und außerschulischen Zusammenleben tragen. Diese Stipendien wollen wir vermehren, sobald wir das finanziell schaffen. Der Radius der Tätigkeit der THEODOR-HEUSS-STIFTUNG wird also größer, und die Gemeinschaft und Vielfalt unserer Preisträger (Medaillen immer eingeschlossen) wächst von Jahr zu Jahr.

II.
Heute treten Sie, liebe Inge, und Sie, lieber Walter Jens, und Sie, lieber ehemaliger Staatssekretär-Kollege, Klaus von Dohnanyi, in diesen Kreis - und wie Sie sich sicher vorstellen können, löste Ihre Wahl ein lebhaftes Echo Pro, aber auch Contra aus. In meiner Begründung möchte ich mich beidem stellen. Ihre Beiträge zum Steine-neu-behauen, liebe Inge und lieber Walter Jens, haben sich im Laufe der Jahre und Jahrzehnte zu einem Lebenswerk zusammengefügt, das - abgesehen von der intellektuellen Leistung und Brillanz - von einem radikal-aufklärerischen Demokratieverständnis zeugt, wie es hierzulande ohnehin nur selten anzutreffen ist. Hinzu kommt, daß Sieanders als in der traditionellen Abschottung zwischen den Reservaten "Geist" und "Macht" - im Steine-neu-behauen nicht nur eine intellektuell-theoretische Aufgabe erkennen, sondern auch die Pflicht zu sehr handfestem politischen Engagement. Sie geben nicht nur Anstöße, sie erregen auch Anstoß. Sie manifestieren nicht nur - Sie demonstrieren auch, im Ernstfall auch inklusive Regelverletzungen... Sie wandern - quasi als Grenzgänger - entschlossen zwischen Katheder und "Agora" hin und her, womit Sie sich und anderen das Aushalten von Spannungen und Kontroversen zumuten. Der Ort Ihres Denkens und Handelns ist das geistige und das politische Deutschland. Ich denke, daß Sie mit dieser Art Grenzgängerschaft eine demokratische Pionierleistung erbringen, die in ihrer ganzen Bedeutung für das Gedeihen unserer demokratischen Kultur möglicherweise erst post festum erkannt und gewürdigt werden wird.
Heute ist nicht die Gelegenheit, Ihr Werk - Ihre Werke - in ihrer umfassenden geistigen und intellektuellen Bedeutung zu würdigen, ich muß mich auf folgende zwei, konkret politische Aspekte beschränken.

Einmal sind es Ihre zahlreichen, tiefbewegenden Beiträge zur Überwindung der Erinnerungsfeindlichkeit unserer Zeit und zum anderen ist es die aufklärende Nutzanwendung, die Sie aus dem Versagen und Verschulden in unserer politischen Vergangenheit für die Bewährung in den großen, aber auch kleineren Problemen unserer politischen Gegenwart ziehen. Es ist Ihr Beitrag zum Steine-neu-behauen! Sie tun das beharrlich und unerbittlich, sprachlich und rhetorisch meisterhaft, ohne Humanitätsduselei, aber als bekennende Humanisten. Im Kampf gegen die Erinnerungsfeindlichkeit unserer Zeit hat sich vor allem Inge Jens als Wissenschaftlerin und Editorin meisterhaft ausgewiesen. Ich erinnere an die von ihr mit ebenso viel wissenschaftlicher Akribie wie einfühlsamer Kommentierung herausgegebene (kurze) Geschichte der Sektion für Dichtkunst der Preußischen Akademie der Künste zwischen 1926 und 1933. Unter dem Titel "Dichter zwischen rechts und links" liegt hier eine aufregende Dokumentation, die von Kapitulation vor Hitlers intellektuellen Vasallen, aber auch vom tapferen Widerstehen einiger Weniger zeugt. Ich erinnere an die Herausgabe (zusammen mit Inge Scholl) der Briefe und Aufzeichnungen von Hans und Sophie Scholl, deren Hinrichtungstag sich übermorgen zum 45. Mal jährt. Und ich erwähne die bevorstehende Herausgabe (zusammen mit Anneliese Knoop-Graf und mit einem Einführungs-Essay von Walter Jens) der Briefe und Aufzeichnungen von Willi Graf, jenem glaubensstarken jungen Märtyrer der Weißen-Rose-Studenten, die ja weitgehend in Vergessenheit zu geraten drohen.

Das meines Erachtens einmalig Wichtige und Verdienstvolle an beiden letztgenannten Editionen ist es, daß wir (unter der einfühlsamen Mithilfe der überlebenden Schwestern) durch sie den Werde- und Opfergang der Angehörigen der studentischen Widerstandsbewegung nicht in Worten und Filmen verfremdet interpretiert erhalten, sondern daß wir sie ganz unmittelbar aus ihren Briefen und Aufzeichnungen in ihrem Denken, Fühlen und Handeln kennen, verstehen, bewundern und lieben lernen. Anneliese Knoop beschreibt ihre dreijährige Zusammenarbeit mit Inge Jens wie folgt:
"Ihr hohes Maß an Verantwortungsbewußtsein gegenüber den historischen Fakten und ihre bis in einzelne Formulierungen zu spürende differenzierte Sensibilität hinsichtlich der persönlichen Dimensionen verband sie mit ihrer großen editorischen Erfahrung und Begabung. Die sorgfältige Auswahl der Texte, das Bemühen, die Herkunftslinien und psychologischen Voraussetzungen Willi Grafs und seiner Freunde herauszustellen, war bewundernswert. Zu all dem brachte Inge Jens ihre Fähigkeit ein, die umfangreichen, auch Emotionen auslösenden Zeugnisse in den Duktus eines sachlich-knappen Kommentars einzupassen."

Schon allein die Herausgabe dieser Editionen wäre eines THEODOR-HEUSS-PREISES würdig gewesen. Sie, liebe Inge Jens, haben aber weit über Ihr wissenschaftliches Wirken hinaus durch Ihr demokratisches Engagement in der Friedens- und Umweltbewegung für sich persönlich die Konsequenzen aus ihren historischen Kenntnissen und Erkenntnissen für Ihr politisches Handeln gezogen. Damit haben Sie Brücken zwischen dem Demokratieverständnis der Generationen gebaut. Ich möchte einige Passagen aus Ihrer Verteidigungsrede anläßlich der Gerichtsverhandlung wegen Ihrer Teilnahme am Mutlanger Sitzstreik zitieren, weil sie besser als meine Worte Ihre Konsequenz im Denken und Handeln deutlich machen: "Ich bin Jahrgang 1927. Meine nachhaltigsten Erlebnisse waren Kriegserlebnisse... Für mich aber reichten sie aus, um zu erkennen: Dieser Krieg muß der letzte sein. Es darf keinen weiteren geben. Nie wieder darf Menschen eingeredet werden, es sei ihre patriotische Pflicht, andere Menschen zu töten, zu verstümmeln, heimatlos zu machen... Aufgrund dieser Erkenntnis entschied ich mich für einen konsequenten Pazifismus.

Pazifismus - das Wort bezeichnete für mich zunächst die Fähigkeit, sich in andere hineinzudenken und den Versuch, sie in ihrem Anderssein zu verstehen, anstatt ihnen Gewalt anzutun. Pazifismus fordert den Abbau des Freund-Feind-Denkens und immerwährendes Sichmühen, den anderen zu achten; nie in ihm den Feind, sondern allenfalls den politischen Gegner zu sehen, der vielleicht ein Freund von morgen ist. Pazifismus heißt für mich darum auch, in der gegenwärtigen Situation immer wieder öffentlich daran zu erinnern, daß wir in Mutlangen nicht hätten demonstrieren können und daß wir beide, Herr Richter, uns nicht in einer - wie immer gearteten, aber doch gewiß nicht inhumanen - Atmosphäre gegenübersitzen durften... daß das nicht möglich gewesen wäre, wenn nicht neben Millionen von Johns und Henrys auch Millionen von Pjotrs und Alexejs im Kampf gegen die deutschen Usurpatoren ihr Leben gelassen hätten. Ohne sie säße mir heute statt des Richters O, der mich anhört, ein Mann in rotem Talar unter dem Hakenkreuz gegenüber, der mich zur Ordnung riefe und wahrscheinlich dem Henker überlieferte...

Um diese Situation konkret sichtbar zu machen, habe ich in Mutlangen demonstriert und halte hier mein Plädoyer - mit dem Ziel, im Rahmen meiner bescheidenen Möglichkeiten durch zeichensetzende Aktionen dem Freund-FeindDenken Einhalt zu gebieten...
Ist es Nötigung zu versuchen, durch symbolische Aktionen Menschen zu differenziertem Nachdenken zu veranlassen über Gefahren, denen, wenn überhaupt, nur durch radikales Umdenken zu begegnen ist? Ist es Nötigung, wenn ich in Mutlangen, strikt gewaltlos, nicht etwa gegen Feinde, sondern für die Ausweitung einer Diskussion mit Menschen agiere, von denen ich annehme, daß sie so gut wie wir primär und unter allen Umständen Frieden wünschen?... Also nicht: Beugung eines freien Willens mit rechtswidrigen Mitteln, sondern ein dem Auch-Adressaten verstehbarer Appell, die eigene Position zu überdenken..."

An dieser Stelle möchte ich einem Mißverständnis vorbeugen: Walter und Inge Jens erhalten den THEODOR-HEUSS-PREIS nicht wegen ihrer Teilnahme am Sitzstreik in Mutlangen. Darüber gingen die Meinungen im Vorstand und Kuratorium und wohl auch hier im Auditorium ziemlich auseinander. Einmütig stimmten wir überein, daß dies auch kein Ausschließungsgrund sein könne. Ob eine emanzipatorische Bewegung - getragen von lauterer Überzeugung und rückhaltlosem Bekennermut - sich ohne bewußte Regelverletzungen überhaupt durchzusetzen vermag, ist umstritten. Fest steht, daß es in der Geschichte der Menschheit ungezählte Beispiele dafür gibt, daß sich gewaltfreie Regelverletzungen als Symbol der Ohnmacht gegen die Macht noch immer dann gerechtfertigt haben, wenn sich ihre Idee und ihre Ziele am Ende stärker erwiesen haben als die Positionen der Mächtigen. Das gilt für die Anfänge der emanzipatorischen Arbeiter- und der Frauenbewegung in gleicher Weise wie für Ghandi und Martin Luther King - nicht zuletzt und mit letzter Konsequenz gilt es auch für den Widerstand im Dritten Reich und seine Märtyrer. Ob die gewaltfreien Regelverletzungen der Friedens- und Umweltbewegung unserer Tage einmal ähnlich beurteilt werden? Ich denke ja, zumindest haben sie bereits jetzt einen überfälligen gesellschaftlichen Bewußtseinswandel ausgelöst. Wir müssen uns fragen, wo wirkliche Gefährdungen für unsere Demokratie liegen - natürlich in jeder Form der Gewalt als Mittel zur Durchsetzung politischer Ziele.

Aber ist es nicht auffällig, welche unterschiedlichen Maßstäbe an politische Anstößigkeiten einerseits und Skandale andererseits offiziell angelegt werden? Wenn ein paar Dutzend Protestierer vor einem Kasernentor sitzen und bereit sind, dafür ihre Strafe in Kauf zu nehmen, dann ist das "verwerfliche Nötigung" und soll sogar mit noch härteren Strafen bedroht werden, wenn aber Bauern mit Traktoren Brücken und Plätze blockieren, dann schweigen die Regierenden. - Liegen die wirklichen Gefährdungen unserer demokratischen Rechtsordnung nicht ganz woanders? Liegen sie nicht vielmehr in Rechtsbeugungen und Machtmißbrauch à la Barschel, in der Wirtschaftskriminalität à la Atommüll-Transporte, in der Duldung des Verkaufs von U-BootBlaupausen nach Südafrika, von den illegalen ParteispendenAffären ganz zu schweigen? Hierbei hält sich die offizielle Entrüstung dann in Grenzen. Das alles "überkommt" uns immer nur, davon werden wir "heimgesucht", davon ist man allenfalls ein paar Tage "betroffen", um alsbald wieder zur Tagesordnung überzugehen... bis zum nächsten Skandal. Muß da nicht die bange Frage laut werden, wie vielerlei Skandale dieser Art unsere Demokratie verkraften kann, ohne dauerhaft Schaden zu nehmen?

Deshalb, meine ich, brauchen wir Grenzgänger vom Schlage unserer Preisträger, und wir brauchen sie um so dringlicher, als der Vertrauensverlust zwischen Bürgern und Parteien, Bürgern und Politikern, Wählern und Gewählten immer offenkundiger wird. Dem müssen wir entgegenwirken. Die von Walter Jens immer wieder beschworene Notwendigkeit zu aufgeklärtem und humanem politischen Denken und Handeln und seine Sorge hinsichtlich eines möglichen Widerrufs müssen wir ernstnehmen, weil daran - zumindest partiell - auch ein Widerruf des moralischen und sittlichen Fundaments unserer Demokratie nach 1945 gekoppelt wäre. Ich persönlich teile diese Sorge.

Für den Schriftsteller, Philosoph, Rhetor und "homo politicus" Walter Jens gilt das Wort Thomas Mann's, daß der Geist des Schriftstellers "Richter und Befeuerer des Lebens" sein müsseauch des politischen. Und genau das gelingt ihm in seinen Reden, wie sie u.a. im Sammelband "Ort der Handlung ist Deutschland" nachzulesen sind.

Ob Parteitag oder christlich-jüdischer Dialog, ob christliches Krankenhaus oder Friedensbewegung, ob Lessing oder Hans Küngallen gemeinsam ist das Erbe der Aufklärung und des Humanismus in ihrer Nutzanwendung für unsere Nach-Hitler-, NachAuschwitz-, Nach-Kriegs-Zeit. - Was das WORT - trotz aller Inflationierung - immer noch und immer wieder auch politisch bewirken kann, das beweist die Wirkung seiner Worte, vor allem auf junge Menschen.

Erlauben Sie mir hierzu Walter Hinck zu zitieren, der die Kraft des Wortes von Walter Jens zutreffend so beschreibt: "Republikanisch sind die Reden von Jens, weil sie wirklich die res publica, die Sache der Öffentlichkeit, des Volkes, unserer Nation betreffen. Republikanisch sind sie aber auch in dem Sinne, daß sie die demokratisch-republikanische Staatsform zu ihrer Sache machen. Es ist eine radikaldemokratische Tradition, für die sie wieder Partei ergreifen...

Unnötig, noch einmal an Walter Jens' Insistieren nicht auf einer Religion oder Philosophie der Nächstenliebe, sondern auf ihrer Fleischwerdung in der Liebestat zu erinnern. Allen seinen Reden ist der Gestus der Aufforderung eigen, Gebote, Erkenntnisse, historische Erfahrungen in Tun, in Wirksamkeit, in soziales Handeln umzusetzen. Das sind keine Anweisungen bloß für eine Gemeinde oder gar für einen elitären Kreis. Die 'Gemeinde', das Auditorium der republikanischen Reden, geht quer durch die Schichten unserer Bevölkerung. Diese - und das Wort ist nun mit allem Nachdruck zu gebrauchen - demokratische Auffassung von Literatur versteht sich ja nicht von selbst. Weder jovial auf die Schulter klopfen noch Reden wie Krethi und Plethi machen demokratisch-republikanische Literatur; auch sie - nein, gerade sie - bedarf der besonderen Sprachkraft des Schriftstellers."

All dem ist nun seitens der Stiftung nichts mehr hinzuzufügen als unser aller Dank dafür, daß es Sie, lieber Walter, und Sie, liebe Inge Jens, gibt, daß wir Ihr beispielhaftes Engagement mit dem THEODOR-HEUSS-PREIS auszeichnen wollen und daß wir uns von Herzen freuen, Sie nun von Jahr zu Jahr im wachsenden Kreis unserer Preisträger willkommen zu heißen.

III.
Der THEODOR-HEUSS-PREIS 1988 gilt den demokratischen Lebensleistungen von Inge und Walter Jens, die THEODOR-HEUSS-MEDAILLE haben wir heuer punktuell für einen uns beispielhaft erscheinenden Beitrag zur inneren Befriedung und Konfliktbewältigung zuerkannt, wobei Ihr Beitrag, lieber Klaus von Dohnanyi, natürlich auch auf dem Hintergrund Ihrer politischen Biographie zu würdigen ist. Denn auch Sie sind ein Demokrat, der sich über Jahrzehnte dem Steine-neu-behauen mutig und geduldig verschrieben hat. Auch Sie sind von einem anderen Ausgangspunkt ein Grenzgänger!

Zugegeben: Der Vorschlag, Klaus von Dohnanyi eine THEODORHEUSS-MEDAILLE zuzuerkennen für seinen Versuch, den Konflikt mit den illegalen Hausbesetzern der Hamburger Hafenstraße in letzter Minute ohne Polizeieinsatz zu beenden, hat auch bei uns ein lebhaftes Pro und Contra ausgelöst. Wir sind dabei fast in eine Zerreißprobe unseres eigenen Selbstverständnisses als Stiftung geraten. Ausschlaggebend war, daß wir unsere Auswahlkriterien bewußt auch an uns selber angelegt haben: Wollen wir uns doch in der Heuss'schen Tradition als eine kleine Gemeinschaft von Demokraten aus allen politischen Lagern verstehen, die alljährlich von neuem versucht, aus parteipolitischen Schablonen, aus der Lagermentalität unserer Tage und vor allem aus der Freund-Feind-Verhärtung herauszufinden, Polarisierungstendenzen zu widerstehen! Solche Polarisierungsmentalität wurde und wird ja in ihrem demokratiegefährdenden Ausmaß keineswegs nur in Kiel offenbar oder beinahe allwöchentlich im "BayernKurier", sie wächst auch im politischen Alltag und im eigenen Kopf.

War es nicht so - als ein CDU-Bürgermeister in Berlin illegale Hausbesetzungen friedlich, ohne Polizeigewalt löste, gab es keinen Aufruhr, als aber ein SPD-Bürgermeister in Hamburg unter noch schwereren Bedingungen das gleiche versuchte, dann zerreißt das die öffentliche Meinung.

Deshalb wollte die THEODOR-HEUSS-STIFTUNG im Sinne von Theodor Heuss, wie schon oft zuvor, mit ihrer Auswahl einen Beitrag zur "Entkrampfung", zum Abbau von Polarisierungen leisten. Für unsere Entscheidungen waren dabei folgende Gesichtspunkte ausschlaggebend:

1. Gerade weil in unserer demokratischen Entwicklung ein spürbarer Entfremdungsprozeß zwischen - vor allem jungen - Bürgern und Parteien, zwischen Bürgern und demokratischen Institutionen, Bürgern und Staat im Gange ist, wird das persönliche Beispiel des Politikers im Grundsätzlichen und im Einzelfall entscheidend wichtig. Wahrscheinlich ist dies die einzige Chance, der wechselseitig zunehmenden Kontaktsperre zwischen den Generationen entgegenzuwirken.

2. Klaus von Dohnanyi hat dieses Beispiel in zweifacher Weise gegeben: Er hat zugegeben, Fehler gemacht zu haben, und er hat seine Entschlossenheit bekundet, bei einem Scheitern seines letzten Versuchs einer gewaltfreien Konfliktbewältigung persönliche Konsequenzen zu ziehen und von seinem Amt zurückzutreten. Beides ist eine ebenso seltene wie hoffentlich aber beispielgebende Politiker-Haltung: Für politische Fehler einzustehen und auch persönliche Konsequenzen nicht zu scheuen!

3. Der "Fall" Hafenstraße ist (bei allen rechtlichen Bedenken) letztlich doch ein Lehrstück dafür, daß Konflikte dieser Art eben nicht nur durch das staatliche Gewaltmonopol lösbar sind (kaum auszudenken, was bei einer polizeilichen Räumung passiert wäre!), sondern auch durch Augenmaß, Lernfähigkeit und Friedensfähigkeit auf beiden Seiten. Dieser Prozeß kann auf Seiten des Staates durch Abwägen zwischen Macht und Verantwortung - hier repräsentiert in Gestalt des Regierenden Bürgermeisters - ausgelöst werden.

4. Zugegeben, diese Art der Lernfähigkeit ist ein schwieriger, langwieriger, risikoreicher Prozeß, wie wir ihn ja derzeit auch auf dem Feld internationaler Konfliktbewältigung wagen wollen. Aber dieser Prozeß ist unerläßlich, und er wird uns als Bewährungsprobe nicht nur für die äußere, sondern auch für unsere innere Friedensfähigkeit abverlangt. Nicht nur die eigene Bedrohung erkennen, sondern auch die, die der Gegner empfindet. Auch das ist ein mühsames Steineneu-behauen im Sinne Lichtenbergs. Keinesfalls die Rechtsstaatlichkeit preisgeben, wohl aber so "verhältnismäßig" wie möglich, also wirklich verantwortungsethisch handeln (das Risiko des Scheiterns inbegriffen) bis zur Preisgabe der eigenen politischen Existenz. Soweit unsere Begründung.

Die THEODOR-HEUSS-MEDAILLE ist - laut Beschluß des Vorstandes - mit einer finanziellen Zuwendung von DM 10.000,-- verbunden, die Opfern gewalttätiger Demonstrationen auf beiden Seiten oder deren Angehörigen zugute kommen soll... Und nun möchte ich Preis und Medaille überreichen, mit denen Ihnen, liebe Empfänger, Dank, Anerkennung und Ermutigung zuteil werden soll.

Uns allen wünsche ich bis zum Wiedersehen und Wiederhören bei der 25. Verleihung im nächsten Jahr, daß es gelingt, Vertrauen und Glaubwürdigkeit in unsere Demokratie zu stärken, wo nötig wiederzugewinnen. Dazu kann jeder von uns durch sein eigenes Denken und Handeln beitragen. Das Alte-Steine-Neubehauen ist unser aller Aufgabe!
Ansprachen der PresiträgerWalter Jens
Über demokratische BeredsamkeitBlood, toil, tears and sweat - Blut, Mühsal, Tränen und Schweiß: mehr habe er der Regierung, dem Parlament und dem Volk nicht zu bieten, erklärte Winston Churchill am Pfingstmontag, dem 13. Mai 1940, unmittelbar nach seiner Ernennung zum Premierminister im Unterhaus und stellte damit, formelprägend, jene beiden Hauptcharakteristika eines demokratischen Politikers unter Beweis, deren Namen Wahrheitsliebe und Prägnanz, Ehrlichkeit und sentenziöse Bannkraft sind. Während der Diktator in Berlin seinem Volk in hochtrabender, klischeebestimmter Rede ein goldenes Zeitalter versprach und noch in den finstersten Stunden die aufgehende Sonne beschwor, sprach Churchill von Elend, Bitternis und Not ... und dies in einer Sentenz, deren Struktur verrät, wie lange der Redner an ihr gearbeitet hatte: vier einsilbige Wörter, die beiden Binnenbegriffe durch den Stabreim verbunden, "toil and tears", die Außenglieder in einer scheinbar simplen, in Wahrheit von Raffinement und Kalkül bestimmten Technik aufeinander bezogen. "Blood and sweat", derart zusammengefügt, daß hinter den Nomina das Verbum "to sweat blood" hindurchschien: Blut und Wasser schwitzen, sich abrackern bis zur Erschöpfung. Pathos verbindet sich mit Prägnanz; die Formel bringt die Wahrheit durch das Stakkato jener blitzartig erhellenden Zuordnungen auf den Begriff, die Eleganz und Überzeugungskraft klassischer Parlamentsberedsamkeit definiert.
Wahrheitsliebe, gepaart mit Spiritualität: So nimmt sich das Ideal jener demokratischen Beredsamkeit aus, wie sie, mit der ihm eigenen pathetischen Kargheit, Winston Churchill und, in ganz anderer Weise, Franklin Delano Roosevelt praktiziertenRoosevelt, der am Tag der Invasion, statt der Diktatoren eigenen martialischen Rhetorik, ein Gebet sprach, in dessen Zentrum die Überlegung stand, mit welchen Opfern der bevorstehende Kampf gegen das Deutschland Hitlers verknüpft sei. Viele, so Roosevelt, würden nicht mehr nach Hause zurückkehren, am Ende des Krieges - Gott möge ihnen gnädig sein.
Mochte der eine, Churchill, das Parlament zu (übrigens genau und kühl vorausberechneten) Ovationen hinreißen und der andere, Roosevelt, im You-and-I-Plauderstil der Kaminansprachen den Mann auf der Straße zu überzeugen suchen: beide, so fremd sie einander am Ende gegenüberstanden, hatten eines gemeinsamdie Überzeugung, daß die drei Worte Demokratie, Wahrheit und Redekunst zusammengehörten.

Während Diktatoren die Wahrheit schminken und Beredsamkeit durch eine Agitation ersetzen, die, statt Argumente vorzutragen, auf die Macht, die Pistole, die Garrotte verweist, zeigt demokratische Beredsamkeit die Ambivalenz der Probleme, verdeutlicht das Dunkel, das neben dem Licht ist und verweist auf die Kosten der Siege: viele werden sterben, und in unzähligen Familien wird geweint werden, am Tag, wenn die Kirchenglocken zum Siegesfest läuten.

Demokratische Beredsamkeit verliert den einzelnen nie aus dem Blick, redet nicht numerisch daher, rückt durch die Benennung des Allgemeinen und Ganzen das Konkrete und Kleine nie aus dem Blick, sondern fragt mit Dostojewski: Wiegt der Triumph der scheinbar gerechten Sache die Tränen eines einzigen Kindes auf? Ein pathetisches Argument, gefährlich dazu in seiner idealistischen Verabsolutierung von blütenweißer Integrität und Moral? Vielleicht. Ein Anlaß auf jeden Fall, von den Höhen klassischer Parlamentsrhetorik in jene Niederungen zu steigen, wo in Bonn am Rhein ein Wasserwerk liegt und Helmut Kohl mit den Seinen sich einer Redeweise bedient, die den Eindruck erweckt, als gelte all das nicht, was das Wesen republikanischer Beredsamkeit ausmacht: Bezeichnung der Wahrheit, mag sie auch noch so finster sein; phantasievolles Benennen, erfindungsreich und ungeschönt, der Zukunftsprobleme; inspiriertes Gedenken vergangener Größe und unvergänglicher Schuld; leidenschaftliches Debattieren über die Grundfragen einer Gesellschaft, deren Überleben hier bedroht, dort, in der dritten Welt, möglicherweise, schon heute verspielt ist; Rücksichtnahme, im Sinne einer konkreten und humanen Imagination, auf das Wohl und Wehe von Menschen, deren Ängste, Träume, Hoffnungen, Verzagtheiten nicht gespeichert, wohl aber benannt werden können. Können und müssen!

Ein seltsames Schauspiel: Wie da über dem Heute das Morgen, über der Macht die Moral, über der Summe das Leben verspielt wird. Da geht das verlorene Selbstwertgefühl von beschäftigungslosen Jugendlichen oder alten Leuten, die, weil sie sich schämen, keine Sozialhilfe beantragen, in der Formel von der Arbeitslosigkeit als der "großen Herausforderung" unter - wodurch jene Grundvoraussetzung aller demokratischen Beredsamkeit entfällt, die da lautet: Denk an die einzelnen, wenn du die Millionen erwähnst. Ihnen, den Individuen, und nicht einem imaginären Kollektiv, bist du verpflichtet. ("Der Wähler hat entschieden": Verräterischer als durch solche Verdinglichung können Herrschende ihre Verachtung der Beherrschten nicht artikulieren.)

Demokratische Beredsamkeit, die solchen Namen verdient, beruht auf einem ständigen Wechselgespräch zwischen den Beauftragten und jenen Bürgern, die es sich endlich verbieten sollten, als "die Menschen draußen im Land" angesprochen zu werden: so als sei das Parlament ein Schloß, in dem Zeremonienmeister das hochheilige Drinnen vom profanen Außen abtrennen. Es ist aber kein Schloß und auch kein Wasserwerk, natürlich, keine Schwatzbude, kein Parlatorium, wo Abgeordnete Schau- und Scheingefechte über Tatbestände führen, die, im Vorfeld, von den Lobbies und der Ministerialbürokratie schon längst entschieden sind - es ist ein Bürgerhaus, von dessen Rednern zu erwarten ist, daß sie sich endlich dazu bequemen, im Hinblick auf das von uns mitzuverantwortende Sterben in der Dritten Welt von "blood and tears" zu sprechen, vom großen Hunger und vom kleinen Glück, mit dem wir es erkaufen, von moralischer Verpflichtung und Geboten der Humanität, die von uns verlangen, jene Dialektik von solidaire und solitaire zu realisieren, auf der, gleich weit entfernt von unmenschlichem Kollektivismus und nicht minder verabscheuungswertem Sozialdarwinismus, die Demokratie beruht. Eine Demokratie, in der, in allgemeinem, widersprüchlichem und eher durch präzise Fragen als durch rasche Antworten bestimmtem Diskurs über jene Verpflichtung diskutiert wird, die, in solcher Schärfe, noch keiner Generation vorher zugemutet worden ist: eine Politik zu betreiben, die, in ständigem Rekurs des Zukünftigen aufs Gegenwärtige, eine Magna Charta für die nach uns Kommenden entwirft. Eine Magna Charta, deren Ratifizierung von konsequentem Verzicht auf Expansion und Wachstum und entschiedener Verteidigung der Lebensqualität von Menschen abhängt, über deren Wohl und Wehe jetzt befunden wird. Jetzt geht es darum, zum ersten Mal in der Menschheitsgeschichte, weit über die eigene Zeit hinaus nicht nur der Toten und nicht nur der Lebenden, sondern der nackten Existenz von Menschen innezuwerden, deren Rechte, in unabdingbarem Vorausblick, zu bewahren sind.

Wer aber spricht davon, in unserem Parlament? Wer denkt übers Jahrtausend hinaus? Wer nennt die Dialektik von Fern- und Nahziel beim Namen? Wer wagt es auszusprechen, daß die gewaltigen Veränderungen des dritten Jahrtausends, die so oder so kommen werden, hier und jetzt vorausgeplant werden müssen: mehr Qualität statt Quantität, weniger Dynamik, mehr Weisheit - und, gewiß nicht unbillig in einem sich christlich nennenden Land, ein handlungsleitendes Bedenken des Satzes: "Was hülfe es dem Menschen, so er die ganze Welt gewönne und nähme doch Schaden an seiner Seele?"

Die Wahrheit also - und zwar ungeschminkt - zu benennen, ist erste Pflicht der parlamentarischen Redner. Die zweite Aufgabe aber heißt: Für die Wahrheit Worte zu finden, klare Benennungen, präzise, aber gleichwohl phantasiebestimmte Formeln, individuelle Antworten, eigenständige Sentenzen, witzige Allegorien, geistreiche Aphorismen, Maximen, Lyrismen, Sentenzen ... was immer: wenn nur endlich Schluß mit jenem "basic German" ist, dem lumpigen Verschnitt, der heute dazu herhalten muß, die Provokationen von seiten der Außenwelt zu nivellieren.

Ein makabres Schauspiel, noch einmal. Die Welt ist komplexer denn je; Umschwünge, Öffnungen, faszinierende Metamorphosenwohin immer man blickt: Glasnost regiert die Stunde -, und was tut, um nur sie zu nennen, die Regierung bei uns? Sie betoniert die Sprache, läßt das Vokabular schrumpfen, findet für die verschiedenartigsten Tatbestände immer die gleichen Vokabeln, von der "Herausforderung" bis zur "Gemeinsamkeit aller Demokraten". Wo Begrifflichkeit gefragt wäre, wird abgestandene, längst zum Klischee erstarrte Metaphorik geboten. Wo Konkretes benannt werden will, dient vage Umschreibung dazu, die Wahrheit aus den Blicken zu rücken: Kein alter Nazi, kein Bankrotteur, kein skrupelloser Machiavellist, der sich am Ende nicht auf "tragische Verstrickung" hinausreden könnte.

Nur nicht ins Detail gehen, heißt die Devise, nur munter drauflosschwadronieren (ganz unbekümmert: Journalisten haben, so lange die Kameras laufen, nicht nachzufragen, sondern zu nicken); nur immer hübsch allgemein bleiben, "für Deutschland" am liebsten, für "unsere Landsleute" und die "Menschen draußen im Land".
Da wird es allerhöchste Zeit, denke ich, daran zu erinnern, daß die Wahrheit konkret ist, und weil sie das ist, hat auch die demokratische Beredsamkeit konkret zu sein - und dazu biegsam, variabel, vielgestaltig, den wechselnden Gegenständen angemessen: einmal kunstreich und einmal schlicht; hier eher biblisch, dort lehrhaft, hier hochpathetisch, aber präzise (wer wagt es, auch einmal Goethe in extenso zu zitieren, in Bonn - oder Schiller, der seinen Fiesco durchdachte, in Oggersheim, wie man weiß?); hier enthusiastisch, dort sarkasmengesättigt, hier epigrammatisch und dort, im Faltenwurf Carlo Schmidscher Perioden, bestimmt von himmelwärts gewandtem Ernst. Poesie als Patin der Politik. Wie sagte Churchill? "We are still captains of our souls."

"Captains", wirklich? Ich fürchte, die radebrechenden Schiffsjungen im Lande Lessings und Heines, Politiker unterschiedlicher Couleur, werden eine harte Schule durchmachen müssen, ehe sie, nicht dank ihrer Amtsgewalt, sondern wegen ihrer von Sachverstand und Sensibilität zeugenden Sprach-Kompetenz das ihnen anvertraute Schiff vernünftig, behutsam, überzeugungsmächtig für die Zeitgenossen und hoffnungsbringend für die Kommenden werden lenken und damit, uns Demokraten der Bundesrepublik Deutschland betreffend, aller Welt demonstrieren können: "We are still captains of our souls".
Inge Jens
Schuldbekenntnis und aufrechter Gang "Ist dies nun also ein Tag feierlicher Art?", notierte Thomas Mann in der Stunde der deutschen Kapitulation, "Es ist nicht gerade Hochstimmung, was ich empfinde... (Es) wird dies und das mit Deutschland, aber nichts in Deutschland geschehen, und bis jetzt fehlt es an jeder Verleugnung des Nazitums, jedem Wort, daß die Machtergreifung ein fürchterliches Unglück, ihre Zulassung, Begünstigung ein Verbrechen ersten Ranges war. Die Verleugnung und Verdammung der Taten des Nationalsozialismus innen und außen, die Erklärung, zur Wahrheit, zum Recht, zur Menschheit zurückkehren zu wollen - wo sind sie?"So erregt und skeptisch zugleich wurde im Mai 1945 nicht nur in Kalifornien, sondern auch in New York und Mexiko, Shanghai, Tel Aviv und London, überall dort, wo deutsche Emigranten lebten, die eine Frage gestellt: Was werden sie tun, die Deutschen, jetzt, da mit dem Sieg der alliierten Truppen die Hoffnung für immer dahin war, das Land werde sich aus eigener Kraft von der nationalsozialistischen Herrschaft befreien. Wie würden sie reagieren, die Deutschen, die alliierte Generäle zwangen (so geschehen in Weimar), in die Konzentrationslager zu gehen und mit eigenen Augen anzusehen, was - wenn nicht unmittelbar von ihnen selbst, so doch mittelbar, in ihrem Namen - angerichtet worden war?
Mit welcher Erleichterung, an ein exemplarisches Bekenntnis glaubend, trug Thomas Mann wenig später den Satz des in amerikanische Gefangenschaft geratenen Generals von Falkenhorst in sein Tagebuch ein: "Sie haben uns von einem Gangstersystem erlöst. Eine nationale Schande, daß wir uns nicht selbst befreien konnten." Das war die Sprache, auf die man gehofft hatte, in den Kreisen der Exiliierten; das die Formel, in deren Zeichen ein Neubeginn möglich schien: öffentlich artikulierte Einsicht, Formulierung von Schuld als Fundament für die Wiedergewinnung von Moralität und einer vielleicht trotz allem nicht ganz verspielten Humanität.

In der Tat war die Bereitschaft zur Umkehr, der Wille, die Faktoren zu benennen, die den brutalen Fakten zugrunde lagen, im Mai 1945 größer, als Skeptiker vermutet hatten. Man denke an die Stuttgarter Erklärung des Rats der Evangelischen Kirche: das Bekenntnis von Christen, die öffentlich bezeugten, daß sie mit der Duldung nationalsozialistischer Gewaltherrschaft die Voraussetzungen ihres Glaubens, die Parteinahme für die Mühseligen und Beladenen, zerstört hatten: "Wir klagen uns an, daß wir nicht mutiger bekannt, nicht treuer gebetet, nicht fröhlicher geglaubt und nicht brennender geliebt haben." Das war kein vorformuliertes kollektives Schuldbekenntnis, sondern die Klage von einzelnen, die erkannt hatten, wohin es führt, wenn ein Christ sich tatenlos auf einen "Glauben für sich" zurückzieht, statt den "Glauben für andere" zu praktizieren.

Oh ja, es gab sehr wohl Zeugnisse der Einsicht damals, unmittelbar nach dem Krieg: Konfessionen, die - jenseits allen Opportunismus - weit hinausgingen über ein bequemes kollektives Dämonisieren der jüngsten Vergangenheit und statt dessen zu der gesellschaftsverändernden Einsicht führten, daß der Nationalsozialismus realiter nur zu überwinden sei, wenn die soziale Ordnung, in der er sich entfaltete, der Kapitalismus spezifisch deutscher Prägung, definitiv vernichtet war. "Der Kapitalismus ist zusammengebrochen. Wir sind die Letzten, die ihm eine Träne nachweinen. Eine neue Zeit bricht an, sie trägt sozialistisches Gepräge." So lautete, ein Jahr nach Kriegsende, ein Wahlaufruf der CDU.
Nein, es waren nicht nur einzelne, sondern Millionen aller politischen Richtungen, die nach der Befreiung ihres Landes zu realisieren versuchten, was von Emigrantenkreisen und im deutschen Widerstand vorformuliert worden war.

Wie war es möglich - habe ich mich-bei meiner Arbeit mit Dokumenten der Emigration und der innerdeutschen Résistance gefragt -, wie konnte es geschehen, daß diese durchaus nicht singuläre Bereitschaft, Schuld zu erkennen und einzugestehen, so schnell erlahmte? Wer die Zeugnisse von damals studiert und Biographien, Briefe, Berichte liest, findet, so meine ich, zwei Gründe dafür. Zum ersten die Spruchkammerpraxis der Alliierten - jene Fragebogenaktionen, die, statt Einsicht zu fördern, zum Fintieren, Verharmlosen und Abwälzen einluden, weil, wer ehrlich bekannte, "Ja, ich habe gefehlt", zunächst als "outcast" und später als moralisierender Dummkopf galt - ein Idealist, der sich weigerte, das Urteil "Mitläufer" als Freispruch zu werten und darauf beharrte, daß mit einem ex cathedra gefallenen schematischen Urteil persönliches Versagen nicht aus der Welt geschafft werden könnte.

Und dann der zweite, wichtigere Grund: In dem Augenblick, da die von Deutschland Überfallene und verwüstete Sowjetunion mit ihren 2-Prozent-Jahrgängen (98 Prozent einer Altersgruppe von den Invasoren getötet!) in ein Reich des Bösen umgedeutet wurde, gegen das es galt, alle Kräfte des christlichen Abendlandes zu sammeln ... in einem Augenblick, da das reale Opfer als potentieller Aggressor dastand, den man bekämpfen mußte, konnten Einsicht und Schuldfähigkeit nur noch als hinderlich empfunden werden. Im Zeichen des Kalten Krieges und der Wiederbewaffnung wurde jene nachträgliche Rechtfertigung nationalsozialistischer Untaten besiegelt, die es dem Rußlandkämpfer von gestern erlaubte, sich als Antikommunist von heute erneut auf der richtigen Seite zu wähnen und so seine - makabre!Identität zu bewahren.

War es ein Wunder, daß allzu schnell von "Nachfolge" (des Deutschen Reiches), von "Traditionspflege" (der deutschen Wehrmacht) und von einer Pflicht zur Kontinuitätsbewahrung die Rede war? Moral wurde zu einer Funktion von Macht degradiert; das Augenblicks-Denken, vergangenheitsblind und zukunftsverdrängend, zerstörte beharrliche Trauerarbeit. Erfolg machte Eingedenken zunichte. "Die Hoffnung Hitlers, Himmlers und Goebbels am Ende des Krieges", schrieb 1966 ein so besonnener, behutsam argumentierender Mann wie Erich Fromm in seinem Essay "Is Germany on the march again?" ... die Hoffnung, "Deutschland könne seine alte Vormachtstellung wiedergewinnen, wenn der Westen es als seinen Verbündeten im Kampf gegen Rußland akzeptierte, hat sich wenige Jahre nach Kriegsende erfüllt".

In der Tat, das Wirtschaftswunder regierte die Stunde - wer fragte schon, womit es erkauft war? Wir waren wieder etwasaber um welchen Preis! Die Verlierer hatten sich in Sieger verwandelt - und spürten nicht, was sie preisgegeben hatten auf dem Weg zum Erfolg. Schuld wurde vergessen - so, als sei es (mit Simon Wiesenthal zu reden) möglich, Teile der eigenen Biographie wegzuschneiden, ohne zugleich ein ganzes Leben fragwürdig zu machen.

"Thou cometh in such a questionable shape": Äußerlich erfolgreich traten die Bundesbürger - wie wenige haben's gemerkt! - als zwielichtige Gestalten wieder auf: eingeschworen auf eine Geschichte, für die exemplarisch ein Mann stand, der gestern die Nürnberger Gesetze kommentierte (Israel und Sarah zum Verderben) und heute der zweitmächtigste Politiker der Republik war. In Nürnberg, nicht in Auschwitz, knüpften wir an. Kasernen trugen die Namen von des Teufels Generälen; über das Martyrium von Stadelheim hingegen war wenig zu lesen. Ist das eine Bußpredigt, die ich hier halte? Nein - sie stünde mir gewiß nicht an. Wohl aber geht es darum, mit Nachdruck darauf zu verweisen, daß ein Prüfstein unserer Demokratie, der wichtigste vielleicht, sein sollte, ob wir bereit sind, Rechenschaft über unsere ganze Geschichte zu geben, statt ausgerechnet das Allernächste, nur weil es düster ist, zu vertuschen, zu verdrängen, zu leugnen. Nicht weniger Behandlung unserer jüngsten Geschichte, sondern die von Schuld und Einsicht bestimmte Deutung dieser Geschichte aus der Perspektive der Opfer, der Sarah und des Israel, des Pfarrers X und des Genossen Y, rückt - ex negativo - jene Vision der Poeten, Philosophen und Vorträumer in den Blick, die preisgegeben wurde, als die Nationalsozialisten in praxi die Postulate der Aufklärung widerriefen. Wir müssen endlich begreifen: der Weg zum Frauenplan und zum Hirschgraben führt über Buchenwald und Sachsenhausen. Wer es auf vermeintlich direkterer Straße versucht, wird das Haus, in dem Goethe gewohnt hat, verfehlen. Den Opfern die Ehre zu geben, die ihnen gebührt, ist für uns die einzige Möglichkeit, eine humane, geschichtlich zu rechtfertigende Existenz zu führen. Schuld zu bekennen heißt, Lessing und Heine neu zu gewinnen. Auch wir brauchen, so betrachtet, ein Glasnost. Glasnost in der Bundesrepublik Deutschland - das könnte heißen: Wiederaufnahme des großen, von der Résistance in Kreisau und München, in Moskau und New York begonnenen, nach der Befreiung von weiten Kreisen aufgenommenen und über ideologische Grenzen hinaus weitergeführten und dann, in der Folge von Kaltem Krieg und Wiederbewaffnung, viel zu rasch abgebrochenen Diskurses über das andere, immer wieder beschworene und doch niemals realisierte Deutschland - Wiederaufnahme eines kontrovers geführten Gesprächs, das zeigen würde, was demokratische Streitkultur bewirken kann.
Glasnost bei uns - das könnte heißen: sichtbar zu machen, daß die Wahrheit, um überzeugend und persönlich annehmbar zu werden, der moralischen, auf Irrtum und Sühne, Schuld und Gnade verweisenden Argumentation bedarf.

Noch ist es nicht zu spät. Wer dies behauptet, sollte bedenken, wie lange Bucharin schon tot ist - ein halbes Jahrhundert... und trotzdem kommt es heute zur Revision des Verdikts in der Sowjetunion. Warum nicht auch bei uns? Einem Land zu Ehren, von dem Thomas Mann unmittelbar nach der Kapitulation, im Mai 1945, gesagt hat: "Deutsche Würde war nie eine Sache der bloßen Macht. Deutsch war es einmal und mag es wieder werden, der Macht Achtung und Bewunderung abzugewinnen durch den menschlichen Beitrag, den freien Geist."
Klaus von Dohnanyi
Für die Verleihung der THEODOR-HEUSS-MEDAILLE danke ich der Stiftung, dem Vorstand und dem Kuratorium. Die Entscheidung hat mich sehr gefreut.In der Begründung vom 7. Dezember 1987 hatten Sie unter anderem gesagt, mein Verhalten und meine Entscheidung gegenüber den Bewohnern der Hafenstraße hätte zum Abbau von Gewaltpotentialen und zur friedlichen Konfliktbewältigung in unserer Gesellschaft beigetragen. Wenn es so war, dann war es ein kleiner Beitrag zu einem eher lokalen Ereignis. Und es war für den, der - im Gegensatz zu seinen Kritikern - am Ende allein die Verantwortung trug, auch selbstverständlicher, ja zwangsläufiger, so zu handeln, wie ich es tat, als dies im dramatischen Ablauf der Ereignisse dem Außenstehenden vielleicht erscheinen mag.
Denn wer soll schließlich die durchgehenden Pferde aufhalten, wenn nicht der Kutscher auf dem Bock? Ich möchte Ihnen hier nicht über die Geschichte der Hafenstraße berichten, obwohl dies lehrreich und interessant sein könnte. Denn es sind im Verlaufe der Jahre bei vergleichbaren Vorgängen in vielen Städten viele Fehler gemacht worden. Auch in Hamburg, auch im Senat, auch von mir selbst.

Warum es aber im November in Hamburg zu jener scheinbar ausweglosen Lage kam, in der 5.000 Polizisten 400 Kinder und Jugendliche einschließen und aus den umstrittenen Häusern räumen sollten, darüber will ich hier ein paar Worte sagen. Denn der Senat war ja unstreitig und mit Zustimmung der Fraktionen von SPD und FDP bereit, eben diese Gebäude an die Bewohner langfristig zu verpachten. Und die Bewohner waren ihrerseits ebenso unzweideutig entschlossen, die Vorbedingungen für diesen Pachtvertrag durch den Abbau von Befestigungen zu erfüllen. Warum also wurde die Lage trotz dieser beiderseitigen Vertragsbereitschaft fast auswegslos? Meine Überlegungen hierzu möchte ich mit den Worten "Die Ehre, der Stolz und der Frieden" überschreiben.

Ich spreche dabei von einem offenbar tief verwurzelten Gegensatz zwischen einem verbreiteten Verständnis von Ehre und Stolz einerseits und der Fähigkeit andererseits, mit diesem Ehr-Verständnis Verständigung und Frieden zu bewirken. Die Hafenstraße war über Jahre wegen inkompetenter Behandlung auf der Senatsseite als alternatives Wohnmodell angefault, war zu einem Stachel im Fleisch geworden. Rechtsbrecher aus den Häusern verängstigten die Nachbarschaft. Hafenstraße wurde zum Schimpfwort. Und niemand auf der Senats- oder Verwaltungsseite war je auf den Gedanken gekommen, mit den Bewohnern oder ihren Vertretern einmal persönlich zu reden.

Als ich dann im Frühjahr 1987 die Sache - und dies kaum im Einklang mit der Hamburger Verfassung - an mich zog, um sie endlich zu lösen, forderte ich als erstes ein Gespräch mit bevollmächtigten Vertretern der Bewohner. Und zwar im Rathaus. Ich konnte natürlich nicht erwarten, dann einer wohlbekleideten Gruppe von Doktoren und Handwerks-Meistern zu begegnen. Aussteiger, Staatsgegner, Autonome, auch Ladendiebe und Autoknacker, meist arbeitslose Jugendliche ohne Perspektive, sie sehen eben nicht aus wie der Vorstand der Deutschen Bank. Und sie teilen auch nicht dessen Überzeugung. Sie sind dennoch ein Teil unserer Gesellschaft, und wenn diese christlich sein soll, so sind sie sogar unsere Brüder und Schwestern.

Hafenstraßenbewohner, Rechtsbrecher (oder mindestens solche, die diesen Schutz und Solidarität geben) - im Rathaus? An einem Tisch mit dem Bürgermeister? Das war der erste Aufschrei der Schlagzeilen in den Zeitungen. So was tut man doch nicht. So was tut ein Hanseat nicht! Da beschmutzt sich doch der Hamburger Bürgermeister! Solchen Leuten gibt man nicht einmal die Hand! Für so etwas ist offenbar nur die Staatsgewalt da: Das sind Leute für die Polizei, aber nicht für Gespräche.

Wir sind geneigt, derartige Schlagzeilen oder Schlagbriefe, wenn sie uns auf die öffentlichen Schreibtische flattern, hinzunehmen; so denkt das Volk, heißt es dann. Aber da habe ich dann doch meine Zweifel.

Das Volk nämlich interessiert nur das Ergebnis. Und das ist der Frieden in der Stadt, nicht die protokollarische Etikette der Staatsdiener. Es sind meist die selbsternannten Ehrenwächter, Journalisten oder Politiker in erster Linie, die wir hier hören. Doch ihr abweisender Ehrbegriff ist nicht friedenstiftend, sondern friedenstörend.

Frieden ist nämlich keine statische oder spannungslose Lage. Konflikte sind auch das Material, aus dem eine friedliche Welt gemacht sein müßte. Nur himmlicher Frieden ist reine Harmonie. Irdischer Frieden ist nichts als die Austragung von Konflikten ohne Gewalt.

Und diese Konflikte nehmen zu. Nach einem eher gedankenlosen Wiederaufbau vermehren sich heute wieder die gesellschaftlichen Widersprüche. Arbeitslosigkeit; Bedrohung der Umwelt; neue wissenschaftliche Erkenntnisse, die Natur und Kreatur als Schöpfung in Frage stellen: Die Welt verändert sich schneller als wir. Und diese Veränderungen von Wissenschaft, Technik und Wirtschaft prallen dann auf ziemlich statische gesellschaftliche Strukturen. Diese folgen den neuen Rahmenbedingungen nur sehr zögerlich, wenn überhaupt.

Würde aber die Spannung zwischen den veränderten Lebensbedingungen und diesen gesellschaftlichen Strukturen zu groß, dann könnten Konflikte nicht mehr friedlich, d.h. gewaltlos gelöst werden. Dann fällt der Frieden, und er weicht der Gewalt. Die Anpassung der gesellschaftlichen Strukturen, ihrer Rechtsordnung und des contrat social sind damit unverzichtbare Voraussetzungen für die Bewahrung des Friedens. Des inneren und des äußeren übrigens gleichermaßen.

Und das heißt: Wir brauchen Veränderungen, damit wir die Fähigkeit zur gewaltlosen Bewältigung der Konflikte bewahren. Wer aber treibt diese Anpassung der Gesellschaft voran? Es sind nicht Recht und Rechtsordnung: Denn diese sind eher statisch oder gar starr. Sie tendieren zur Festigung des status quo, nicht zu seiner Veränderung. Historisch ist das Recht deswegen den gesellschaftlichen Veränderungen auch meist gefolgt und nur selten vorangegangen. Wer aber treibt diese notwendige Anpassung der Gesellschaft an die veränderten Rahmenbedingungen voran? Wer schafft das neue Fundament, auf dem eine gewaltlose Bewältigung von Konflikten möglich bleibt? Doch immer nur die, die wir als Außenseiter verstehen, die Nonkonformisten, die widersprechenden Minderheiten. Diejenigen also, die widerstehen.

Das aber heißt: Zur Sicherung des zukünftigen Friedens, also der bleibenden Fähigkeit, Konflikte gewaltlos zu lösen, sind uns gerade diejenigen unentbehrlich, die das geltende Recht in Frage stellen. Und da in der historischen Erfahrung das Recht zumeist nur dann geändert wurde, wenn seine Grenzen zunächst auch überschritten wurden, braucht gerade das Recht zur Erhaltung seiner friedenstiftenden Funktion diejenigen, die es herausfordern.

Wir wissen es ja längst: Der Reformer und nicht der Verteidiger des status quo, ist der wirkliche Bewahrer. Aber wir müssen eben auch begreifen, daß Reformen nicht ohne Druck zustandekommen. Daß unsere guten Absichten nicht ausreichen, daß dieser Druck nur von außen und nicht von innen kommen kann, d.h. nur von denjenigen, die sich an den Rand oder gar außerhalb des Systems gestellt haben. Also damit eher von denen, die das System herausfordern, als von uns, die wir in ihm arbeiten. Es klingt paradox, ist es aber nicht: Die Provokateure, die Herausforderer, die Grenzüberschreiter sind unentbehrliche Partner jeder Ordnungsmacht, die wirklich dauerhaft den Frieden bewahren will.

Ob Greenpeace oder Robin Wood, ob die Demonstranten auf den Brücken in Rheinhausen oder in Wackersdorf: Sie alle wirken auch mit an einer neuen Ordnung, an einem neuen Recht, das unsere Gesellschaft instandsetzen soll, auch morgen den Frieden der Menschen und den Frieden mit der Natur zu wahren. Dies ist sicherlich keine neue Erkenntnis, wie ich wohl weiß. Und doch ist diese Erkenntnis für den Politiker nicht einfach zu leben. Denn seine schwierige, widerspruchsvolle Aufgabe ist es, das heute geltende Recht zu verwirklichen und zugleich den notwendigen Veränderungsspielraum und den Veränderern genug Platz zu lassen.

Die Lösung des Problems Hafenstraße war und ist dafür ein überzeugendes Beispiel. Denn dort wäre die unentbehrliche Partnerschaft zwischen den erneuernden Kräften in unserer Stadt, die nicht in der Hafenstraße wohnen, aber sich mit dem Projekt Hafenstraße identifizierten, und dem Senat um Haaresbreite zerbrochen. Und schuld daran wäre nicht die Zielsetzung, der Pachtvertrag, gewesen, sondern jener beengende Ehrbegriff, jener Stolz des Staates, der schon so oft ein Hindernis auf dem Wege der Verständigung und des Friedens war. Ich möchte erinnern: Die Bewohner wollten vor Abbau der Befestigung einen unterschriebenen Vertrag, wenn auch aufschiebend bedingt - wie man rechtstechnisch sagt - durch den vom Senat überprüften Abbau der Befestigung. Im materiellen Ergebnis hätten Senat und Politik mit einem so bedingten Vertrag durchaus leben können.

Aber der Staat konnte dieses vernünftige Instrument nicht schaffen. Denn: Solange die Bewohner offenkundige Rechtsbrecher waren, durfte doch der ehrenwerte Staat mit solchen Leuten kaum reden, geschweige denn einen Vertrag schließen, auch keinen bedingten. Schon die Unterschrift eines Senators an einem Tisch mit den Rechtsbrechern wäre in diesem Sinne unannehmbar gewesen. Und hier, im Protokollarischen sozusagen, gab es im Senat kein Überwinden. Die Lösung gelang schließlich nur, weil ich die nicht erreichbare Unterschrift vor Abbau der Befestigungen ersetzte durch mein Wort, den Vertrag nach Abbau der Befestigungen zu unterschreiben, es sei denn, man ließe mich dann gehen. So schlug ich eine Brücke über jenen unversöhnlichen Ehrbegriff, der uns immer wieder trennt.

Was ist das für eine Ehre, die uns die Friedensfähigkeit nimmt? Mir scheint, zu stark ist noch immer jene alte germanische Vorstellung von Ehre in uns, die im Hildebrand-Lied sogar den Vater zwingt, seinen Sohn zu töten, damit man ihn nicht für einen Feigling hält.

Das Christentum hatte diese überbrachte Auffassung überwunden: Ehre wurde im Mittelalter zur Menschenliebe, denn in dieser verwirklicht sich auch die Ehrung Gottes. Aber dann fiel wohl gerade unser Land, gerade Deutschland, zurück in einen archaischen, formalisierten Ehrbegriff, der uns offenbar menschlich und politisch noch immer im Wege steht. Es war diese "Ehre", die den liebenden Innstetten seine Effi Briest verstoßen und zum alten Wüllersdorf sagen ließ: "Also noch einmal, nichts von Haß und dergleichen... aber jenes, wenn Sie so wollen, uns tyrannisierende Gesellschafts-Etwas, das fragt nicht nach Scham und nicht nach Liebe und nicht nach Verjährung. Ich habe keine Wahl. Ich muß" - nämlich den zwischen alten Briefen entdeckten Nebenbuhler töten. Ein starrer Ehrenkodex im privaten Leben macht unmenschlich. In der Politik, in der Arbeit des Politikers kann er tödlich sein - natürlich auch für andere. "Wer für die politische Welt plädiert, kann das nur aus Kaprice tun", schreibt Gottfried Benn im Ptolemäer und fährt fort: "Wenn Sie sich vergegenwärtigen, wieviel Einzelschicksale davon betroffen waren und darüber zugrundegingen, daß eine Uniform für einen Großkönig nicht rechtzeitig zur Stelle war und ein Besuch unterblieb - oder daß eine Barkasse einen Defekt erlitt, eine Stunde zu spät eintraf und dadurch die Stimmung des Imperators schon bei Beginn der Unterhaltung unter dem Nullpunkt stand, würden Sie diese Kaprice überprüfen?"

Der Staat muß seine Arbeit mit Anstand tun. Aber zum politischen Anstand gehört auch das Bemühen, die notwendigen Schritte in der Sache nicht durch entbehrliche Hindernisse in der Form aufzuhalten. Metternich hätte sicherlich Georg Büchner nicht empfangen. Aber wir halten das heute doch nicht für weitsichtig oder weise.

Hamburger Bürgermeister vor 100 Jahren waren in ihrer Arbeit ohne Senatsrobe und Halskrause kaum vorstellbar; die Grünen im Parlament ohne Krawatten sind heute wieder ein öffentliches Ärgernis. Das sind natürlich Lappalien. Aber wenn ein Senat sich aus Gründen der Etikette nicht imstande sieht, einen aufschiebend bedingten Vertrag zu unterzeichnen, obwohl derselbe Senat die vertragliche Lösung will und sucht, dann müssen wir in der Tat diese "Kaprice" überprüfen. Die Ehre und der Stolz der Politik sollen der gerechte Frieden auf dieser Welt sein; sollen die Freiheit der Menschen sein, damit sie als freie Menschen leben können. Und diese Ehre und dieser Stolz sind eben nicht verletzbar dadurch, daß man mit Rechtsbrechern Verträge zur Wiederherstellung des Rechts macht. Hier mögen sich praktische Fragen stellen, z.B. ob das Ergebnis halten kann, oder politische Fragen, z.B. ob man unter Druck verhandeln darf, ohne zukünftig weiteren Druck einzuladen. All das aber hatten wir ja gemeinsam im Senat erwogen und entschieden. Es war eine Hürde der Etikette, über die wir dann nicht mehr gemeinsam kommen konnten. Und derartige Hürden, diese "Kapricen", wenn Sie so wollen, standen und stehen uns nicht nur in Hamburg im Wege.

Wer Reformen will, muß Außenseiter wollen. Und wer Außenseiter will, muß mit ihnen zu reden bereit sein. Und wer mit Außenseitern um des heutigen und zukünftigen Friedens willen reden und arbeiten will, der muß einen Ehrbegriff und einen Stolz haben, der in der Sache gründet und im Ziel und nicht in der Form. Das wollte ich hier sagen. Ich danke noch einmal für die THEODOR-HEUSS-MEDAILLE 1988. Ich verstehe die Verleihung so: Die THEODOR-HEUSS-STIFTUNG hält Minderheiten für eine rechtsstaatliche und menschliche Herausforderung und Verträge für besser als gewaltsamen Streit. Das ist für mich Liberalität. Und da fühle ich mich gut aufgehoben.
Schlusswort
Kurt Biedenkopf
Von meinen Vorgängern bei den letzten Preisverleihungen habe ich gelernt, daß das Schlußwort kurz sein soll. Deshalb zum ersten: Herzlichen Dank der Stiftung und Glückwunsch zu dieser 24. Preisverleihung. Unter den vielen Preisen, die in unserem Land ausgelobt werden, um Leistungen unserer Mitbürger anzuerkennen, nimmt der THEODOR-HEUSS-PREIS eine besondere Stellung ein. Dies verdankt er neben vielem anderen vor allem zweierlei:Einmal der Auswahl der Preisträger; mit ihr hält die Stiftung auf ebenso eindrucksvolle wie überzeugende Weise das Andenken an den großen Mann Theodor Heuss lebendig und erfüllt stets aufs Neue sein Vermächtnis. Und sodann Ihnen, liebe Frau Hamm-Brücher, Ihrer unermüdlichen Tatkraft, Ihrem Einsatz und Ihren Ideen. Ich glaube, daß ich als Schlußredner im Namen aller spreche, wenn ich feststelle, daß Sie uns wieder einen besonderen Beweis für Ihren Ideenreichtum und Ihre Fürsorge für all' das im Land geliefert haben, das ohne solche öffentliche Unterstützung kaum in der gleichen Weise gedeihen könnte. Sie haben mit dem nun fast 25 Jahre alten Preis stets aufs Neue die Erhaltung und Einlösung wichtiger freiheitlicher, rechtsstaatlicher und demokratischer Tugenden eingefordert. Das hat auch zur Bedeutung des Preises beigetragen.
Zum zweiten: Herzlichen Glückwunsch den Preisträgern, Frau Inge und Herr Walter Jens und Klaus von Dohnanyi. Ihnen, Frau Jens, möchte ich auch ganz persönlich Dank sagen für die Mahnung, die nicht nur Ihr Werk durchzieht, sondern die Sie auch heute wieder vorgetragen haben: Daß unsere deutsche und europäische Zukunft von uns als freie Menschen nur dann verantwortlich mitgestaltet werden kann, wenn wir unsere ganze Vergangenheit annehmen, das heißt auch, sie gegenwärtig halten.
Die Vergangenheit gegenwärtig zu halten, nicht nur gegenwärtige Wahrheiten und zukünftige Notwendigkeiten offenzulegen, verlangt stets radikale Aufklärung. Frau Hamm-Brücher hat zu Recht vom Kampf gegen die Erinnerungsfeindlichkeit gesprochen, von der Bereitschaft zu verdrängen, was lästig ist, weil es uns mahnt, zur Einsicht auffordert und zur Veränderung unserer Lebensweisen zwingt. Diese radikale Aufklärung muß ständig neu geleistet werden. Sie ist, auch bei aller Bedeutung großer Reden, nicht durch große Reden alleine zu bewirken oder gar zu ersetzen. Sie setzt ein ständig neues Anstrengen, ein ständig neu gelebtes Bewußtsein voraus. Sie ist die Last einer jeden Generation; insbesondere auch die Last der sogenannten Nachgeborenen. Unsere Vergangenheit hat nur als Ganzes identitätsbildende Kraft. Als Steinbruch zur beliebigen Bedienung, als Ersatz der Geschichte durch Geschichten mißbraucht, zerstört sie nicht nur unsere Identität, sie macht uns auch zukunftsunfähig. Das gilt aber nicht nur für die Schrecken eines einmaligen Unrechtsregimes. Das gilt - und ich bin Ihnen besonders dankbar für die Erinnerung daran - auch für die unmittelbare Nachkriegszeit. Sie haben, sicherlich zum Erstaunen vieler, einen CDU-Wahlaufruf zitiert. Ich habe vor einigen Jahren versucht nachzuzeichnen, wie gerade in den Anfängen der CDU die Auseinandersetzung mit dem verfehlten und überlebten kapitalistischen Wirtschaftssystem gesucht und bewirkt wurde und zu welch bewegenden Zeugnissen neuer Menschlichkeit die christlichem Glauben und christlich begründeter Menschenwürde verpflichteten Politiker in der unmittelbaren Nachkriegszeit fähig waren. Ob es die Kölner Leitsätze von 1945, im Schatten der zerstörten Domstadt niedergeschrieben, das Neheim-Hüstener Grundsatzprogramm aus der Feder Konrad Adenauers - überraschend die Bedeutung, die man damals, 1946, der kulturellen Dimension der Politik beigemessen hat - oder das Ahlener Programm von 1947 waren: Immer ging es um etwas, was auch heute wieder verlorenzugehen droht: die wirklich offene und ehrliche Auseinandersetzung, um die Erhaltung der Menschenwürde gegenüber vermeintlichen wirtschaftlichen Sachzwängen.

Und es war nicht nur der Schwabe Theodor Heuss, sondern auch der Franke Ludwig Erhard und der Südbadener Franz Böhm, die entscheidend zur Idee einer neuen Ordnung beigetragen haben; einer Ordnung, die in unserem Land nie ganz politische Heimat gefunden hat und noch heute um wirkliche Anerkennung ringt: die Idee des ORDO, der Herrschaft des Rechts - aber nicht des Rechts, das Sie, Klaus von Dohnanyi, vorhin ansprachen, als Sie die Notwendigkeit betonten, geltendes Recht auch zu verletzen, um neues zu finden. Es war und ist die Idee der rechtlich begründeten Ordnung, die so gestaltet ist, daß sie die Möglichkeit der Veränderung als rechtmäßigen Vorgang in sich einschließt. Auf die Regelverletzung sind wir im allgemeinen dann nicht dort angewiesen, um Reformen zu erzwingen, wo eine offene, auf Grundwerten aufbauende, aber durch Toleranz und Offenheit für zukünftige Entwicklung geprägte Rechtsordnung wirkt. Zur Regelverletzung nehmen wir eher dort Zuflucht, wo sich ein Netz von Paragraphen über die Gesellschaft gelegt hat, nach denen gerecht zu entscheiden selbst jenen nicht mehr möglich ist, die diese Gesetze und ihre Paragraphen anzuwenden und zu unterscheiden haben, was von dauerhafter Gültigkeit und was nur vorübergehend notwendig ist.

Die Herrschaft des Rechts für den freien, verantwortungsfähigen Menschen zu erhalten, bedeutet zugleich, den Staat und die Wirtschaft in dienende Funktionen zu verweisen. Daß sich diese Idee der Herrschaft des Rechts gerade auch während des NaziRegimes hat entwickeln können, im Verborgenen und unter großen Gefahren für die Beteiligten, ist eine Botschaft aus unserer Vergangenheit, die mich immer wieder mit großer Hoffnung und Zuversicht erfüllt und die auch zu dem Ganzen gehört, von dem hier die Rede war.

Ihnen, lieber Walter Jens, verdanke ich aus unserem Gespräch, auf das Sie Rekurs genommen haben, die auf den Punkt gebrachte Definition unserer Verantwortung für die Zukunft. Hans Jonas hat sie uns kürzlich wieder ins Gedächtnis gerufen. Sie haben diese allgemeine Verantwortung mit dem Satz umrissen: Wir müssen unseren Kindern und Enkeln die Zukunft so hinterlassen, daß auch sie das vom Grundgesetz eingeforderte menschenwürdige Leben führen können, wie wir es für uns beanspruchen. Der Generationenvertrag gewinnt angesichts einer so formulierten Verantwortung eine gänzlich neue und zusätzliche Bedeutung. Die Lebenschancen, die wir heute zerstören, können morgen nicht mehr Grundlage unserer eigenen Alterssicherheit und schon gar nicht Grundlage eines menschenwürdigen Lebens unserer Nachkommen sein. Die Bedingungen zukünftiger Menschenwürde einzufordern, ist aber auch eine Aufgabe der praktischen Politik. Davon war heute zu Recht die Rede. Deshalb hierzu nur eine Anmerkung: Der politische Vorgang, der Sie, Walter Jens, zur Demonstration und damit zur aktiven Willens- und Meinungsäußerung veranlaßt hat, wird von mir ebenso bewertet wie vom verehrten Oberbürgermeister Rommel. Gleichwohl ist Ihnen, gewissermaßen post factum, eine ungewöhnliche Entlastung zuteil geworden. Sie rührt aus den Vorgängen in und um Rheinhausen. Dort wurden durch Demonstrationen in weit größerem Umfang Straßen, Straßenknotenpunkte, ja ganze Stadtteile hermetisch abgeriegelt, um einem Anliegen der Menschen Ausdruck zu verleihen und öffentliche Aufmerksamkeit zu sichern. Diese Vorgänge haben zu einer noch keineswegs bewältigten Diskussion in der Bundesrepublik Deutschland um die Rechtmäßigkeit oder Rechtswidrigkeit solcher Vorgänge geführt. Die Frage lautet, was denn die Bauern, die Straßen blockieren, die Fernkraftfahrer, die den Brenner versperren, und die Stahlarbeiter in Rheinhausen von den Demonstranten in Mutlangen unterscheidet? Eine Unterscheidung fällt auf: Erstere treten ein für im weitesten Sinne des Wortes wirtschaftliche und soziale Rechte. An den Kampf für wirtschaftliche und soziale Rechte durch Streiks im weitesten Sinne haben wir uns aus Gründen der historischen Entwicklung nicht nur gewöhnt, wir halten sie für rechtmäßig. Das Streikrecht ist jedoch eine Störung der jeweiligen öffentlichen Ordnung zur Erzwingung und Erzielung bestimmter wirtschaftlicher Ergebnisse. Aus diesem Grunde wurde der Streik bis zu seiner rechtlichen Anerkennung und verfassungsrechtlichen Verbriefung durch die Weimarer Reichsverfassung auch als rechtswidrig empfunden. Der Streik war rechtswidriger Aufstand gegen die herrschenden Verhältnisse, solange diese Verhältnisse nicht geändert waren.

Ich frage mich, lieber Walter Jens, ob Sie nicht einer derjenigen sind, die man, wäre es im 19. Jahrhundert um wirtschaftliche Fragen gegangen, ebenso behandelt hätte, wie man den "Streikenden" heute behandelt, wenn er nicht für wirtschaftliche, sondern für fundamentale Anliegen eintritt, die die Gemeinschaft als Ganzes betreffen und nicht als Sonderinteressen organisierbar sind? Zumindest ist diese Frage seit den Demonstrationen in Rheinhausen nicht mehr nur theoretischer Natur. Klaus von Dohnanyi hat uns erläutert, worauf seine Entscheidungen im Komplex Hafenstraße beruhten und an welchen Wertvorstellungen er sich orientiert hat. Ich glaube, diese Begründung ist wichtig. Sie zeigt uns, daß das "Grenzverhalten" der Verwaltung nicht opportunistischer Haltung entsprang, sondern, zumindest vom Handelnden her gesehen, in Prinzipien verankert war. So möchte ich Ihren Ausführungen eigentlich nur eine, mehr scherzhaft gemeinte Bemerkung hinzufügen: Die Tatsache, daß das Eingestehen von Fehlern zu Preisverleihungen führen kann, sollte nicht als Ermutigung angesehen werden, aus diesem Grunde Fehler zu machen. Aber im Ernst: Die Grenzsituation, in der Sie sich befunden haben, kann die Inanspruchnahme eines besonderen Ermessens rechtfertigen - und hat sie im konkreten Falle wohl auch gerechtfertigt. Aber die Aufgabe besteht eben darin zu erkennen, wann und wo ein Problem in diesem Sinne zu einem großen Problem, zu einer Grenzsituation werden kann. An der Fähigkeit, dies zu erkennen, müssen wir uns immer wieder messen lassen.

Und schließlich zum dritten: Den elementaren Geboten der Menschlichkeit und der Achtung vor zukünftigen Menschenrechten, auf die Walter Jens immer wieder hingewiesen hat, können wir nur durch wirkliche Veränderungen, durch Veränderungen vor allem unserer Sicht der Dinge entsprechen. Wie diese Veränderungen zustandekommen können, dazu hat Klaus von Dohnanyi einige, aber keineswegs erschöpfende Anmerkungen gemacht. Als allgemeine Feststellung ist die Notwendigkeit tiefgreifender Veränderung inzwischen nachgerade Allgemeingut geworden und verfällt der von Walter Jens so bezeichneten semantischen Gefährdung. Über die allgemeine politische Rhetorik wird jedoch verdrängt, was derartige Veränderungen wirklich bedeuten. Die Ordnung von morgen erscheint der Ordnung von heute in der Regel als Unordnung. Diese kreative Unordnung von der destruktiven Unordnung zu unterscheiden, ist eine ungewöhnlich schwierige Aufgabe. Sie stellt sich uns nicht nur im Zusammenhang mit der begrenzten Regelverletzung. Sie ist uns überall gestellt. Zu ihrer Bewältigung braucht man Wegweiser und Wegbereiter. Wegweiser können die Grundwerte sein, die Würde des Menschen, seine verantwortete Freiheit, seine Kraft zur Begrenzung, ohne die weder Freiheit noch Würde gedeihen können, und seine Verantwortung für die Zukunft. Wegbereiter sind Menschen, die diese Grundsätze besonders eindringlich, konseguent, kompromißlos, entschieden und damit, gemessen am allgemein als politikverträglich angesehenen Handeln, radikal darstellen und einfordern.

Alle sprechen heute von der Notwendigkeit, erstarrte, überholte Strukturen zu überwinden, um das Neue zu gewinnen. Was jedoch erstarrt, erhärtet, unbeweglich, zum Denk- und Machtbesitzstand geworden ist, hat seine Geschmeidigkeit und Beweglichkeit verloren. Wer solche erstarrten Strukturen, die unserer Zukunft im Wege stehen, nicht revolutionär sprengen, sondern nur evolutionär verändern will, muß sich deshalb gleichwohl radikaler Mittel bedienen. Genau diese Notwendigkeit aber macht die Unterscheidung zwischen destruktiver und schöpferischer Veränderung so schwierig.
Dabei darf uns nicht stören, daß die erstarrten Strukturen und Besitzstände infolge ihrer Unfähigkeit zur Veränderung jeden neuen Weg, jeden neuen Gedanken selbst als radikal empfinden müssen. Sie können ihn nicht denken, weil er Veränderungen einschließt, zu denen sie unfähig geworden sind.

Wer wirkliche Veränderung will, gerade um den dauerhaft gültigen Prinzipien in einer veränderten Wirklichkeit Geltung zu verschaffen, kann deshalb nicht vermeiden, von jenen als radikal angesehen zu werden, die die überholten Strukturen und ihre Besitzstände besetzt halten. Wirkliche demokratische Veränderung wird von den jeweils bestehenden Strukturen deshalb stets als radikale Veränderung bekämpft werden. In diesem Kampf, in der Diffamierung des Konfliktes, der der Veränderung vorausgeht und deshalb mit ihr verbunden ist und stets aufs neue verbunden sein wird, manifestiert sich in Wirklichkeit die Abwehrhaltung des Kartells der bestehenden, überholten Besitzstände. Sie verteidigen ihre alten Interessen gegen die Forderungen der Zukunft. Die Macht, die sie gemeinsam mobilisieren können, ist groß. Der Wille, trotzdem für Reformen einzutreten, braucht deshalb Ermutigung. Die THEODOR-HEUSS-STIFTUNG gibt sie durch ihre Auszeichnung. Wir danken dafür.

1988