Theodor Heuss Stiftung

Professor Klaus Michael Meyer-Abich (Ökologische Verantwortung), Ralf-Dieter Brunowsky und Professor Lutz Wicke (Ökologie und Ökonomie)

1. Klaus Michael Meyer-Abich
2. Ralf-Dieter Brunowsky und Lutz Wicke
THEODOR-HEUSS-PREISE 1987 wurden verliehen an:

1) Herrn Professor Klaus Michael Meyer-Abich für seine grundsätzlichen Impulse zur Begründung der theoretischen und praktischen ökologischen Verantwortung des Menschen für seine Mitwelt. In zahlreichen kultur-philosophischen Veröffentlichungen hat Klaus Michael Meyer-Abich die eindringliche Forderung nach »Frieden mit der Natur« aufgestellt und begründet sowie intensiv daran gearbeitet, Wege zu diesem Frieden aufzuzeigen. Charakteristisch für sein Engagement ist es, daß er seine philosophischen Gedanken immer von neue m in praktisches und engagiertes politisches Handeln umzusetzen versucht. Zum Beispiel mit der seinerzeit überraschenden und wegweisenden Forderung, »Energieeinsparung als EnergiequeUe« nutzbar zu machen, oder bei dem von ihm geleiteten mehrjährigen Projekt über die »Sozialverträglichkeit von Energiesystemen«. Auch damit hat er das energie- und umweltpolitische Denken in Mitteleuropa entscheidend mitgeprägt. Für dieses bahnbrechende Engagement und zur Ermutigung für die Weiterentwicklung ökologisch-verantwortungsbewußten Denkens und Handeins wurde ihm im Sinne der Satzung der THEODOR-HEUSS-STIFTUNG der THEODOR-HEUSS-PREIS für 1987 zuerkannt.

2) an die Autoren des Buches »Der Ökoplan - Durch Umweltschutz zum neuen Wirtschaftswunder«, Herrn Ralf-Dieter Brunowsky, stellvertretender Chefredakteur der »Wirtschaftswoche«, und Herrn Lutz Wicke, Direktor und Professor am Umweltbundesamt Berlin.
Die beiden Autoren haben sich mit ihrem 1984 erschienenen Buch bewußt an die Kreise in unserer Gesellschaft gewandt, die bislang aus wirtschaftlichen Gründen gegenüber umweltpolitischen Forderungen sehr zurückhaltend waren. In ihrer Arbeit weisen die Autoren nach, welche erstaunlichen wirtschaftlichen Vorteile und Entwicklungsmöglichkeiten konsequente und umfassende umweltpolitische Maßnahmen erbringen würden. So fordern sie mehr Markt, mehr Effizienz, mehr Eigenverantwortung beim Umweltschutz und zeigen auf, wo und wie diese machbar ist. Abschließend stellen sie einen kühn entworfenen »Ökoplan« vor, dessen hohe Kosten gesamtwirtschaftlich durch Milliardeneinsparungen bei Arbeitslosenunterstützungen gerechtfertigt werden. Beide Autoren haben mit ihrem Buch und ihrem beispielhaften Engagement entscheidend dazu beigetragen, daß die Forderung nach Versöhnung zwischen Ökonomie und Ökologie auf einer realistischen und erfolgversprechenden Grundlage weitergeführt werden kann. Für diesen beispielhaften Beitrag für das Allgemeinwohl wurde ihnen gemäß der Satzung der THEODOR-HEUSS-STIFTUNG der THEODOR-HEUSS-PREIS für 1987 zuerkannt.

Dieter Menninger und der Rheinisch-Bergische Naturschutzverein e.V. (regionaler Naturschutz)

THEODOR-HEUSS-MEDAILLEN 1987 wurden verliehen an:

Herrn Dieter Menninger und den Rheinisch-Bergischen Naturschutzverein für vorbildliches Engagement im Bereich des örtlichen Umwelt- und Naturschutzes. Der engagierte FernsehjournaIist Dieter Menninger gründete bereits 1975 zusammen mit Freunden den Rheinisch-Bergischen Naturschutzverein und übernahm 1978 bis 1985 dessen Vorsitz. Seit 1985 ist er Ehrenvorsitzender. Prinzip des Vereins ist die Gründung von Ortsverbänden in jeder Gemeinde, so daß Ortskenntnis, Naturkenntnis und lokales Engagement zusammenfließen. Dieter Menninger gründete 1979 die Zeitschrift DER AUSWEG und 1982 das Naturschutzinformationszentrum Bergisches Land. 1986 schließlich wurde in Zusammenarbeit mit der Landesanstalt für Ökologie die Biologische Station Bergisches Land e. V. als erste wissenschaftliche Einrichtung im Rheinland gegründet.
Ein für die Breitenwirkung wichtiger Schwerpunkt des Rheinisch-Bergischen Naturschutzvereins ist die Förderung des ökologischen Land- und Gartenbaus. Vertriebswege für ökologische Produkte, eine Ökomarktgenossenschaft, eine Lehrküche für Vollwertkost und zahlreiche Veranstaltungen und Seminare gehören dazu. Bei allen Aktivitäten wirken Aufklärung, Information und Ermutigu'ng zum Mittun sinnvoll zusammen. Mit dieser beispielhaften Pionierleistung im Bereich praktischer Ökologie hat Dieter Menninger zusammen mit seinen Mitstreitern nicht nur große Erfolge bei der Verbreitung umweltbewußten Verhaltens erzielt, sondern -gemäß der Satzung der THEODOR-HEUSS-STIFTUNG -hervorragendes demokratisches Engagement und einen wichtigen Beitrag für das Allgemeinwohl geleistet.

Max Himmelheber (Ökologisch verantwortungsbewusst handelnder Unternehmer und Mäzen für geistige, philosophische und kulturelle Initiativen)

THEODOR-HEUSS-MEDAILLEN 1987 wurden verliehen an:

Herrn Dipl.-Ing. Max Himmelheber für sein jahrzehntelanges vielfältiges Engagement als ökologisch verantwortungsbewußt handelnder Unternehmer und als beispielhafter Mäzen für grundlegende geistige, philosophische und kulturelle Initiativen. Max Himmelheber gilt als Pionier für Recycling-Verfahren in der Holzindustrie. Bereits seit 1950 hat er als Holzingenieur Verfahren und Maschinen entwickelt, mit denen früher wertlose HoIzabfälle in Spanplatten nutzbar gemacht werden konnten. Für die Weiterentwicklung dieser Recycling-Verfahren hat er wertvolle Erfindungen gemacht und zusammen mit seinen Mitarbeitern 64 Spanplattenwerk~i~' allen Erdteilen, vor allem auch in Entwicklungsländern geplant und errichtet. Darüber hinaus galt und gilt sein leidenschaftliches Interesse den geistigen und philosophischen Grundfragen unserer Zeit. So gründete er als ein offenes, liberal-konservatives Forum 1970 im Alter von 68 Jahren aus seinem persönlichen Vermögen die Zeitschrift »SCHEIDEWEGE -Vierteljahreszeitschrift für skeptisches Denken« zusammen mit Friedrich Georg Jünger, die seit 1983 in eine Jahresschrift umgewandelt wurde. Namhafte und führende Denker aller politischen und weltanschaulichen Richtungen tragen diese äußerst anspruchsvolle und weitgreifende Zeitschrift mit. In den letzten Jahren standen vor allem die die Grundlagen unserer Kultur erschütternden ökologischen Krisen im Mittelpunkt des »skeptischen Denkens« der Autoren. Das Lebenswerk von Max Himmelheber, das im Sinne der THEODOR-HEUSS-STIFTUNG ein beispielhaftes Wirken für das Allgemeinwohl umfaßt, soll mit einer THEODOR-HEUSS-MEDAILLE ausgezeichnet werden.

Stadt Rottweil (Entwicklung und Erprobung umweltfreundlicher kommunaler Energie- und Müllentsorgungspolitik)

THEODOR-HEUSS-MEDAILLEN 1987 wurden verliehen an:

die Stadt Rottweil für ihre Pionierleistung bei der Erprobung und Entwicklung einer umweltfreundlichen kommunalen Energie- und Müllentsorgungspolitik.
Auf Initiative der Stadtwerke Rottweil unter ihrem Direktor Siegfried Rettich wurden mehrere wichtige Schritte zur Verminderung des Energieverbrauchs und der Erschließung dezentraler Energiequellen ohne Einbuße an Energiedienstleistungen getan. So wurden unter anderem die für die Stromversorgung nötige Kraftwerkskapazität durch eine elektronische Optimierung um ein Viertel gesenkt. Blockheizkraftwerke mit Fernwärmeversorgung helfen, den Heizölverbrauch drastisch zu senken, und Gas-Wärmepumpen erhöhen die Energieausnutzung im zweiten Kraftwerk auf über 97 %, ein früher für utopisch gehaltener Wert. Neuerdings wird versucht, ein kombiniertes Müllentsorgungs- und Energieversorgungsmodell für die Region Schwarzwald-Baar-Heuberg mit etwa 440000 Einwohnern zu organisieren, durch welches die Rohstoff-Rückführung drastisch gesteigert, die Deponien entscheidend entlastet, Energie gewonnen und ein guter, unbedenklicher Kompost erzeugt werden soll. Alle Bemühungen kommen gleichermaßen der Stadt, den Bürgern und der Umwelt zugute. Damit führt die Stadt Rottweil beispielhaft vor, daß erfolgreicher Umweltschutz auf kommunaler Ebene zugleich auch dem wirtschaftlichen Nutzen aller dienen kann. Im Sinne der Satzung der THEODOR-HEUSS-STIFTUNG soll dieser Beitrag für das Allgemeinwohl zur Ermutigung und Fortführung mit einer Medaille ausgezeichnet werden.

Verantwortung für Natur und Leben

Begrüßung
Hildegard Hamm-Brücher
Seien Sie alle sehr herzlich begrüßt liebe Preisträger und Ehrengäste,
lieber Herr Altbundespräsident,
Herren Minister, Staatssekretäre,
lieber Herr Oberbürgermeister,
liebe Freunde und Förderer der Stiftung,
liebe Familie Heuss und liebe ehemalige Preisträger,
liebe Bonner, Stuttgarter und Münchner Abgeordnete und Stadträte, liebe hohe Repräsentanten von Kirchen und Hochschulen, Verbänden und Organisationen,
seien Sie, meine Damen und Herren, alle sehr begrüßt zur Verleihung des 23. THEODOR-HEUSS-PREISES unter der Thematik »Versöhnung zwischen Ökonomie und Ökologie Wege zum Frieden mit der Natur« und seien Sie (statt mit Musik) eingestimmt mit einem Gedicht Josef von Eichendorff'so Täler weit, 0 Höhen,
o schöner, grüner Wald,
Du meiner Lust und Wehen
Andächtger Aufenthalt!
Da draußen, stets betrogen,
Saust die geschäftge Welt,
Schlag noch einmal die Bogen
Um mich, du grünes Zelt!
Wenn es beginnt zu tagen,
Die Erde dampft und blinkt,
Die Vögel lustig schlagen,
Daß dir dein Herz erklingt:
Da mag vergehn, verwehen
Das trübe Erdenleid,
Da sollst du auferstehen
In junger Herrlichkeit!

Da steht im Wald geschrieben,
Ein stilles, ernstes Wort
Vom rechten Tun und Leben,

Und was des Menschen Hort.
Ich habe treu gelesen
Die Worte, schlicht und wahr,
Und durch mein ganzes Wesen
Ward's unaussprechlich klar.

Bald werd ich dich verlassen,
Fremd in die Fremde gehn,
Auf buntbewegten Gassen
Des Lebens Schauspiel sehn;
Und mitten in dem Leben
Wird deines Ernsts Gewalt
Mich Einsamen erheben,
So wird mein Herz nicht alt.

I.
Diese und viele andere deutsche Gedichte erinnern besser als alle gedrechselten Worte daran, wie gefühlsstark die Bindung zwischen Mensch und Natur zu allen Zeiten war und wie intensiv die Spannung zwischen dem Tun in der »geschäftigen Welt« und dem »stillen, ernsten Wort«, das aus Gottes Schöpfung spricht, empfunden wurde.
Der Wunsch des Menschen nach Verbundenheit und Eintracht - nach Frieden mit der Natur - und nach Verantwortung für diese hat sich seit der Zeit der Minnesänger immer wieder neu Ausdruck verschafft. Noch vor Beginn des Atomzeitalters war es Albert Schweitzer, der Christen und Nichtchristen zur »Ehrfurcht vor dem Leben« mahnte. Anläßlich der Verleihung des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels 1951, bei der Theodor Heuss die Festrede auf ihn hielt, antwortete er:
"Der Geist der Humanität ist nicht tot... Er ist zur Erkenntnis fortgeschritten, daß menschliches Mitempfinden erst seine wahre Weite und Tiefe hat und damit erst die wahre Lebenskraft, wenn es sich nicht nur auf den Mitmenschen, sondern auf alles Lebendige, das in unseren Bereich tritt, bezieht. Es braucht keine andere Lebens- und Welterkenntnis mehr als die, daß alles, was ist, Leben ist, und daß wir allem, was ist... als einem höchsten unersetzlichen Wert - Ehrfurcht entgegenbringen müssen."

An diese traditionelle Grundstimmung zu erinnern, soll gewiß nicht von der Brisanz der Thematik dieser HEUSS-PREIS-Verleihung ablenken oder sie gar mit einem poetischen Zuckerguß versüßen. Im Gegenteil! Sie soll das Ausmaß des Widerstreites offenlegen, daß sich zwischen dem verantwortlichen »Rechten tun und leben« und den scheinbar unaufhaltsamen Entwicklungen bis hin zur ökologischen Apokalypse auftut. Ein Dichter unserer Zeit - Peter Huchel - hat diese Apokalypse in Worte gefaßt:

Daß aus dem Samen des Menschen
Kein Mensch
Und aus dem Samen des Ölbaums
Kein Ölbaum
Werde,
Es ist zu messen
Mit der Elle des Todes.

Die da wohnen
Unter der Erde
In einer Kugel aus Zement,
Ihre Stärke gleicht
Dem Halm
Im peitschenden Schnee.

Die Öde wird Geschichte.
Termiten schreiben sie
Mit ihren Zangen
In den Sand.

Und nicht erforscht wird werden
Ein Geschlecht,
Eifrig bemüht,
Sich zu vernichten.

Wie oft packen uns Zweifel, packt uns Verzweiflung (zumindest Ratlosigkeit) ob des existentiellen Zwiespaltes, in den uns die Folgen des technisch-wissenschaftlichen Fortschritts einerseits und die Verantwortung für eben diese Folgen andererseits fast ausweglos stürzen. Auch ist es nur ein matter Trost, daß der Mensch bisher noch aus jedem Dilemma einen Ausweg gefunden hat. Diesmal signalisieren die Alarmzeichen an allen Ecken und Enden wirklich den GAU der Schöpfung samt allem, was darinnen ist. Was kann angesichts dieser Dramatik eine kleine Stiftung wie die unsere bewirken? Sollte sie sich nicht lieber weniger brisanten Themen zuwenden? - Ich denke, daß uns dies nicht erlaubt ist und daß wir zumindest versuchen müssen, einen bescheidenen Beitrag zum menschheitspolitischen Thema Nr. 1 zu leisten: Die Verantwortung nicht nur für unsere Umwelt, sondern für unsere Mitwelt (wie Klaus Michael Meyer-Abich es formuliert) geht uns alle an!
Deshalb hatten wir uns bereits vor den Umweltkatastrophen des vorigen Jahres entschlossen der Tradition und Verpflichtung unserer Stiftung entsprechend - diese Thematik aufzugreifen, zu versuchen, sie aus dem tagespolitischen Streit herauszulösen und nach Beispielen und Ansätzen für verantwortungsbewußtes Denken und Handeln zu suchen.
Wir haben deshalb die Preisverleihung mit einer zweitägigen Tagung - zusammen mit der Evangelischen Akademie Bad Boll - verbunden (für deren Finanzierung wir der Robert Bosch Stiftung zu tiefem Dank verpflichtet sind). Dabei sind wir uns wohl bewußt, daß beides (Tagung und Verleihung) zusammengenommen nur ein Anfang sein kann, wenn aus ersten Ansätzen und einer ersten Zusammenschau wirklich konkrete Schritte in die richtige Richtung werden sollen.
Vielleicht gelingt es uns sogar, mit unseren Preisträgern eine Botschaft zu vermitteln: keine Verkündung wunderwirkender Rezepte, wohl aber eine Botschaft konkreter Hoffnungen. Dies gilt für den naturphilosophischen Ansatz Klaus Michael Meyer-Abichs ebenso wie für die beiden Autoren des »Ökoplans« Lutz Wicke und Ralf-Dieter Brunowsky. Das gilt für die theoretischen und praktischen Pionierleistungen Max Himmelhebers ebenso wie für die zielgerichtete kommunale Energiepolitik der Stadt Rottweil, und was der »Rheinisch-Bergische Naturschutzverein« im Siegkreis praktiziert, könnte und sollte überall in der Bundesrepublik Schule machen, denn auch das gehört zu der Botschaft: Frieden mit der Natur muß - wie jeder Frieden - immer und überall gewaltfrei erkämpft werden.

II.
Die Vorsitzende darf sich heute also mit der Begrüßung und Einstimmung begnügen, und ich tue das um so lieber, als ich einigen treuen Freunden und Förderern noch ein persönliches Willkommen zurufen möchte: unserem Altbundespräsidenten Walter Scheel zuerst, nicht nur weil er Ehrenvorsitzender der THEODOR-HEUSS-STIFTUNG ist, sondern auch, weil er es war, der vor genau zehn Jahren bei der Verleihung des 13. THEODOR-HEUSS-PREISES an den Vorsitzenden der Georg-Michael-Pfaff-Gedächtnis-Stiftung, Karl Werner Kieffer,
und an den liberalen Unternehmer Dieter Fertsch-Röver zum ersten Mal mit großer Voraussicht und Nachdenklichkeit über das Thema unserer diesjährigen Verleihung gesprochen hat. Mit ihm sind die beiden genannten Preisträger des Jahres 1977 unter uns, und es macht uns natürlich auch ein wenig stolz, daß wir uns auch mit dieser Thematik, bevor es noch »Grüne« und »Alternative« gab, sehr gewissenhaft auseinandergesetzt haben. Ein besonderes Willkommen auch unserem vorjährigen Preisträger Werner Nachmann, stellvertretend für die vielen anderen ehemaligen Preisträger, die unter uns sind. Namentlich möchte ich nur noch Graf Baudissin erwähnen, der vor genau 20 Jahren den THEODOR-HEUSS-PREIS erhalten hat, leider aber in letzter Minute aus gesundheitlichen Gründen absagen mußte. Wir wünschen ihm gute Genesung.
Zwei Generationen der Familie Heuss sind wie immer unter uns, und die Verbundenheit zwisehen der HEUSS-STIFTUNG und der Stiftung, die den Namen seines Mentors und Freundes trägt, wird durch deren Vorsitzenden Ralf Dahrendorf personalisiert. Nicht zuletzt gilt unser herzlicher Dank unseren Stuttgarter Gastgebern, repräsentiert durch Herrn Minister Professor Engler und Herrn Oberbürgermeister Manfred Rommel, und er gilt Hans-Jochen Vogel, der über 23 Jahre noch fast jede HEUSS-PREIS-Verleihung mit Rat und Tat begleitet hat.
Der Zufall hat es wohl gefügt, daß unter einigen verspätet eingegangenen Vorschlägen auch der Zeitungsbericht über einen besonders umweltbewußten und umweltengagierten Schwaben war. Sein Name lautet: Theodor Heuss! Wir haben ihn -außer Konkurrenz natürlich - zur heutigen Feierstunde eingeladen und freuen uns, daß er hier ist!
Die Hauptpersonen sind natürlich unsere Preisträger selber, denen wir uns nun zuwenden wollen. Seien Sie herzlich willkommen in der von Jahr zu Jahr wachsenden Runde der HEUSS-PREIS-Träger, die ja in einer für deutsche Preise und Auszeichnungen sehr unüblichen Tradition stehen. Der HEUSS-PREIS ist weder ein »Bambi« für politische Popularität noch eine »Trophäe« nach Art einer demokratischen Bundesliga. Er war, er ist und er soll bleiben ein Preis der Ermutigung für außer- und ungewöhnliches demokratisches Engagement, für kräftiges Gegen-den-Strom-Schwimmen und für persönliche Glaubwürdigkeit.
Gerade diese Tugenden sind gefordert, wenn es darum geht, einen Ausweg aus der existentiellen Bedrohung der Menschheit zu suchen und hoffentlich zu guter Letzt zu finden. Viele ungezählte Beiträge werden noch hierzu geleistet werden müssen. Versuch und Irrtum werden sie begleiten. Deshalb tut Ermutigung not!
Grußwort
Helmut Engler
Verehrte Frau Hamm-Brücher,
meine sehr verehrten Damen und Herren!Ich bringe Ihnen die Grüße der Landesregierung und besonders die Grüße von Herrn Ministerpräsidenten Dr. Lothar Späth. Ich bin sehr beeindruckt von dem großen Zuspruch, den diese Veranstaltung gefunden hat. Ein so hervorragend besetztes Auditorium muß auch für THEODOR-HEUSS-STIFTUNG Bestätigung und Ermutigung sein. Die überparteiliche THEODOR-HEUSS-STIFTUNG wurde gegründet im Bestreben, das Wirken von Theodor Heuss, der durch sein Leben und Werk allen Mitbürgern ein Beispiel demokratischer und liberaler Gesinnung gegeben hat, dieses vorbildliche Wirken weiteren Kreisen unseres Volkes zum Maßstab und als Ansporn ihres politischen und sozialen Denkens, Handeins und Verhaltens zu setzen. So steht es in § 1 der Satzung der THEODOR-HEUSS-STIFTUNG. Verantwortung des Menschen für seine Umwelt, für die Welt, in der er lebt und in der auch die kommenden Generationen sollen leben können, das war der Leitgedanke, an dem sich der Vorstand und das Kuratorium bei der Auswahl der Preisträger und Medaillenempfänger für das Jahr 1987 ausgerichtet haben. Dieses Thema war schon vorgesehen vor den spektakulären Ereignissen in Tschernobyl und bei Basel, die im vergangenen Jahr die Menschen aufgewühlt und ihnen die Gefahren, die mancher bis dahin noch nicht genügend ernst genommen hatte, sehr eindringlich bewußt gemacht haben.
»Versöhnung zwischen Ökonomie und Ökologie« -diese Bezeichnung des Themas, das gestern und vorgestern auf der Tagung in Bad Boll behandelt wurde, gibt Anlaß zum Nachdenken, zu der Erkenntnis, daß auch das große Umweltthema sachlich behandelt werden muß, daß es gilt, den Dingen rational auf den Grund zu gehen und -das gilt für die meisten Umweltfragen -das Zusammenwirken sehr unterschiedlicher Ursachen von Schäden und Gefahren richtig zu erkennen. Wie schwer das ist, sehen wir an der großen Zahl von Theorien und Thesen, über die Medien berichten und die manchmal innerhalb verhältnismäßig kurzer Zeiträume widerlegt oder gar widerrufen werden.
Versöhnung von Ökologie und Ökonomie - das kann sicher nicht im Sinne einer formalen Gleichrangigkeit verstanden werden, bei der es nur auf einen ausgeglichenen Saldo der Interessen ankäme; es kann nicht bedeuten, daß man bleibende Schäden der Natur in Kauf nehmen darf oder gar muß, wenn nur der mit einem Eingriff augenblicklich erzielbare Nutzen groß genug ist. Vielmehr muß es unser aller Bestreben sein, die Nutzung der natürlichen Ressourcen unserer Erde, auf die die immer noch rasch wachsende Menschheit zum Überleben angewiesen ist, so bald wie möglich auf ein Maß zurückzuführen, das die Grenzen zum Raubbau
nicht überschreitet. Und das ist in einer Welt, zumindest gerade in den Teilen der Welt, zu deren elementaren Ordnungsprinzipien die Freiheit auch der wirtschaftlichen Betätigung gehört, besonders schwer. Wenn wir dieses Prinzip der Freiheit nicht aufgeben und die Reglementierung weiterhin -ich sage ausdrücklich: im Grundsatz - auf das unbedingt notwendige Maß beschränkt sehen wollen, dann muß es unser nachdrückliches Bestreben sein, das Bewußtsein der Menschen von der Notwendigkeit der Schonung der natürlichen Umwelt zu fördern, die Einsicht zu vertreten, daß verantwortliches Handeln in vielen Bereichen auch den Verzicht auf Annehmlichkeiten oder einen höheren Preis für ihre Beibehaltung einschließen muß.
Eine solche Bildung oder Veränderung des Bewußtseins der Öffentlichkeit wird vor allem durch Einsichten und Verhaltensweisen erreicht, wie sie im Handeln und im Einsatz der Personen und Gruppen zutage treten, die heute durch die THEODOR-HEUSS-PREISE und die THEODOR-HEUSS-MEDAILLEN ausgezeichnet werden. Dies wird deutlich werden, wenn wir nachher die Gründe für die Auswahl der Preisträger und der Medaillenempfänger und die Berichte der Preisträger hören werden.
Die Aufgabe der Bewußtseinsbildung in dem skizzierten Sinn obliegt aber auch dem Staat und den öffentlichen Einrichtungen in meinem Geschäftsbereich. Die Hochschulen sind zweifach mit Fragen der Verantwortung für die Umwelt befaßt, zum einen bei der umweltbezogenen Forschung und zum anderen bei der Ausbildung der Studenten vieler Fachrichtungen einschließlich der Weiterbildung. Das gilt nicht nur für die naturwissenschaftlichen Fächer und eine große Zahl technischer Disziplinen, sondern auch für Wirtschaftswissenschaften, Soziologie, Rechtswissenschaft, Medizin und zahlreiche Spezialfächer, etwa Agrar- und Forstwissenschaft. Und umweltbezogene Forschung ist alle Forschung, die sich unmittelbar oder mittelbar auf das Ziel richtet, die Umwelt zu schonen oder, wo sie Schäden erlitten hat, wiederherzustellen und das Maß der unerläßlichen Eingriffe zu verringern. Hervorragende Beispiele für solche wirtschaftlich fundierte Überlegungen sind die Veröffentlichungen der diesjährigen THEODOR-HEUSS-PREISTRÄGER.
Für alle, die wir heute ehren, aber auch für die vielen anderen Vorgeschlagenen, mit denen sich das Kuratorium und der Vorstand der THEODOR-HEUSS-STIFTUNG bei der Auswahlberatung befaßt haben und denen meine dankbare Anerkennung gleichfalls gilt, sollte es eine Bestätigung, daß sie auf einem guten Weg sind, und ein Ansporn für weitere Anstrengungen und Arbeiten sein, daß sie durch ihr Wirken wichtige Beiträge zur Bildung eines besseren Umweltbewußtseins geleistet haben und weiterhin leisten. Wenn wir uns dies vor Augen führen, erkennen wir auch die große Bedeutung, die die THEODOR-HEUSS-STIFTUNG für unser öffentliches Leben erlangt hat, und wir erleben zugleich das nachhaltige Fortwirken des Vorbildes, das Theodor Heuss uns allen durch sein Leben und durch sein Werk gegeben hat.

Grußwort
Manfred Rommel
Ich überbringe Ihnen freundlichste Grüße des Gemeinderats der Stadt Stuttgart, und ich entbiete Ihnen auch meinen eigenen Gruß. Die HEUSS-PREISE und HEUSS-MEDAILLEN 1987 werden Persönlichkeiten und einer Stadt verliehen, die sich um den Umweltschutz verdient gemacht haben.
Der Umweltschutz gehört zu den wichtigsten Aufgaben in unserer Zeit. Wenn aber eine Aufgabe wichtig ist und dies der Öffentlichkeit bewußt wird, ist eine Emotionalisierung der Diskussion kaum zu vermeiden, insbesondere in Deutschland nicht, wo trotz aller entgegenstehenden wissenschaftlichen Erkenntnisse noch immer die Meinung herrscht, daß Emotionen einen moralproduzierenden Charakter hätten.
Wenn aber der Inhaber einer Meinung zu einer Sachfrage auch noch glaubt, diese Meinung sei die moralisch einzig richtige, wozu er um so eher neigt, je weniger er zu sagen vermag, woher und warum er diese Meinung hat, dann ist eine Diskussion nur noch schwer möglich. Wo jeder vom anderen glaubt, dieser irre sich
nicht nur, sondern sei auch noch unmoralisch, dort ist mit einer Annäherung der Meinungen an die objektive Wahrheit mit Hilfe der Diskussion kaum zu rechnen und damit auch nicht mit einem Fortschritt. In der praktischen Arbeit ist Umweltschutz vorwiegend eine Aufgabe der Kommunen und ihrer Versorgungsbetriebe, und ich kann deshalb als Bürgermeister einer größeren Stadt ein Lied davon singen, wie schwierig die Diskussion der Umweltprobleme ist. Theodor Heuss hat bemerkt, die äußere Freiheit der vielen leitet sich ab von der inneren Freiheit des einzelnen. Der Mensch kann aber nicht nur durch äußere Umstände in seiner inneren Freiheit eingeschränkt werden, er vermag sich auch selber dieser Freiheit zu berauben, dadurch etwa, daß er zum Gefangenen eines Vorurteils wird und seine ganze intellektuelle Potenz aufwendet, um dieses Vorurteil gegen jene, die es angreifen, zu verteidigen. Solche Selbstentmündigungen kommen insbesondere bei akademisch Gebildeten vor, denn sie können es gar nicht glauben, daß sie im Besitze von Vorurteilen sind, und sie fallen diesen um so eher zum Opfer.
Überdies ist die Verteidigung eines Vorurteils eine intellektuelle Herausforderung, die mit der Größe des Vorurteils wächst.
So braucht man sich nicht zu wundem, daß über die Frage, Kernenergie ja oder nein, mit erbitterter Feindseligkeit gegen Andersdenkende gestritten wird. Diese Frage wird gerne als eine moralische Frage angesehen. Das ist sie meines Erachtens aber nicht, denn es lassen sich Gründe für beide Meinungen anführen. Es bleibt bei der Entscheidung dafür und dagegen ein Rest Unsicherheit, weil ja die Entscheidung aufgrund einer Abwägung des Für und Wider getroffen werden muß, die wiederum auf Vorausbeurteilungen künftiger Entwicklungen beruht.
Eine sichere Voraussage künftiger Entwicklungen ist aber, soweit menschliches Verhalten in Rede steht, nicht möglich.
Es wäre ein großes Glück, wenn Befürworter und Gegner der Kernkraft voreinander den Hut ziehen und sich gegenseitig zugestehen würden, daß es auch für die andere Position Argumente gibt und daß sich keine Entscheidung ohne Inkaufnahme von Risiken treffen läßt.
Die Verwirrung, die nach dem Unglück in Tschernobyl in der deutschen Verwaltung entstanden ist, hat ihre Hauptursache darin, daß es nie eine öffentliche und sachliche Diskussion über die Wirkungen von Kernkraftunfällen im Ausland gegeben hatte.
Der wichtigste Grund dafür, daß es nicht zu dieser Diskussion kam, war wohl die Sorge vor Polemik und Verunglimpfung.
Die durch HEUSS-PREISE und HEUSS-MEDAILLEN Geehrten haben wichtige Beiträge zur Versachlichung der Umweltdiskussion geleistet, sie haben dort, wo die öffentliche Diskussion so gerne oberflächlich vorbeistreift, tief gepflügt. Möge ihr Beispiel Schule machen, möge ihr Beispiel auch gesunden Selbstzweifel bei so manchem wecken, der sich seiner Meinung zu sicher ist. Das Leiden in der Bundesrepublik besteht auch darin, daß in so großen Fragen zu wenige die Wahrheit suchen, weil zu viele glauben, sie bereits gefunden zu haben. Theodor Heuss wies darauf hin, daß jedes Volk die naive Auffassung hat, Gottes bester Einfall zu sein. Dieser Auffassung sind insbesondere wir Deutsche. Noch heute kranken wir an der irrigen Meinung, Deutschland sei größer und wichtiger, als es tatsächlich ist, mindestens aber würden binnen kurz oder lang alle anderen tun, was wir in Deutschland tun. Die großen Umweltprobleme können jedoch wirksam und tiefgreifend nur durch Kontinental-. oder Weltpolitik gelöst werden. Je selbstkritischer wir Deutsche unsere Beiträge sehen, desto eher werden wir auch andere überzeugen können.
Die deutsche Fähigkeit zur Ideologiebildung ist noch heute den Völkern der Welt unheimlich. Die kritische deutsche Philosophie wird dagegen fast durchweg anerkannt, auch wenn sie herzlich wenig Spuren in der politischen Praxis von uns Deutschen hinterlassen hat. Es ist bezeichnend, daß bei uns als kritischer Denker irrtümlich oft jener angesehen wird, der an anderen Kritik übt, während eigentlich dieser Begriff einen Mensch bezeichnet, der sich selber nicht alles ungeprüft glaubt, was aus seinem Unterbewußtsein emporsteigt oder was ihm durch die Mode zufliegt. Eine selbstkritischere Politik, eine Politik, die nicht nur spricht, sondern auch zuhört, eine Politik, die wohl diskutiert, aber nicht polemisiert, die nicht den Feind sucht, sondern den Gesprächspartner, sie wäre wohl im Sinne der Persönlichkeit, deren Namen die Preise und die Medaillen tragen, die heute verliehen werden. Ich darf den Herren, die heute geehrt werden, und der Stadt Rottweil meine herzlichen Glückwünsche aussprechen.

Begründung
Ernst Ulrich von Weizsäcker
Die THEODOR-HEUSS-STIFTUNG zur Förderung der politischen Bildung und Kultur hatte sich schon vor zwei Jahren vorgenommen, Persönlichkeiten auszuzeichnen, die sich durch hervorragendes demokratisches Engagement -im Sinne der Satzung der Stiftung -für Beiträge zur Versöhnung von Ökonomie und Ökologie verdient gemacht haben. Im vergangenen Jahr hat man dann den richtigen Entschluß gefaßt, Preise und Medaillen zu dieser gewichtigen Thematik nicht als eine Art von Anhängsel zu der beschlossenen Verleihung des Preises an Werner Nachmann zu planen, sondern lieber ein Jahr später vorzunehmen. So war für das Jahr 1987 das alleinige Thema für die Auswahl von Preisträgern und Medaillen der Beitrag zu einer Aussöhnung von Wirtschafts- und Umweltgesichtspunkten. Heute klingt das fast ein bißchen alltäglich. Noch vor zehn Jahren meinte dagegen jeder denkende Bürger, daß es einen fundamentalen Konflikt zwischen Umwelt- und Wirtschaftsgesichtspunkten in unserer Gesellschaft gibt. Umweltzerstörung galt als Preis des Wirtschaftsund Wohlstandswachstums. Man konnte darüber streiten, in welchem Umfang man der Zerstörung Einhalt gebieten oder die Wirtschaft zwingen sollte, sich etwas umweltfreundlicher zu verhalten. Aber die Tatsache des fundamentalen Konfliktes berührte solcher Umweltschutz nicht. Daß das Kurieren an Symptomen nicht ausreichen würde, war den großen Vordenkern der Umweltbewegung wie Ernst Friedrich Schumacher, Barbara Ward oder Leopold Kohr schon viel früher bekannt. Schumacher sagte, wir täten so, als sei Ressourcenausbeutung wirtschaftlicher Gewinn. Wehe dem Geschäftsmann, der die Aufzehrung seines Kapitalstocks nicht vom erwirtschafteten Gewinn unterscheiden kann, mahnte er.
Nehmen wir zum Beispiel die biologische Vielfalt als unser Kapital, und erinnern wir uns, was der Bericht "Global 2000" über das Artensterben sagt. Danach werden während unserer heutigen Feierstunde etwa vier Tier-oder Pflanzenarten endgültig aussterben, täglich etwa 50, und im letzten Viertel dieses Jahrhunderts etwa eine halbe Million. Irgendwie fällt es mir da schwer, beim Lesen von günstigen Wirtschaftsnachrichten die richtige Hochstimmung zu entwickeln. Lange Zeit hat man -wie gesagt -den Konflikt zwischen Ökonomie und Ökologie für unlösbar gehalten. Aber die jüngste Geschichte macht uns wieder Mut. Wesentlich verschärfte Umweltauflagen und eine Verschärfung der Haftung bei Umweltschäden haben in Japan schon in den frühen siebziger Jahren dazu geführt, daß es für die Industrie profitabler wurde, die Umwelt gar nicht erst zu verschmutzen. Gewiß wurde die japanische Produktion dadurch teurer, und einzelne Betriebe mußten schließen oder emigrieren. Insgesamt hat aber die neue Situation als Innovationspeitsche gewirkt, und Japan leitete eine Trendwende in der Technologie ein. Bedeutete in den siebziger Jahren der technische Fortschritt noch hauptsächlich Zentralisierung, Vermehrung der Massenproduktion, Vermehrung des Transports und vor allem Vermehrung von Ressourcen- und Energieverbrauch, so ist der neue technologische Trend seit reichlich fünf Jahren charakterisiert durch die Einführung der Informatik in die Produktion, verbunden mit einer Ersetzung von Rohstoff- und Energieflüssen durch Informationsflüsse. Ferner setzte sich die Verstärkung des Dienstleistungssektors gegenüber den reinen Produktionssektoren fort, was wiederum eine Verschiebung der ökonomischen Wertsetzung in Richtung auf einen geringeren Umwelt-Verbrauch bedeutete.
Schließlich wurde allen gesellschaftlichen Kräften, voran den Gewerkschaften, klar, daß vermehrter Umweltschutz bei richtiger politischer Rahmensetzung nicht etwa einen Verlust von Arbeitsplätzen, sondern vielmehr eine Arbeitsplatzerzeugung mit sich brachte. Dies konnte und kann allerdings nicht im nationalen Rahmen allein bewirkt werden wegen der außenwirtschaftlichen Konkurrenz. Vorstand und Kuratorium der THEODOR-HEUSS-STIFTUNG hatten eine große Zahl von Vorschlägen für die Verleihung des THEODOR-HEUSS-PREISES oder einer THEODOR-HEUSS-MEDAILLE vorliegen. Zahlreiche lokale Initiativen haben sich um ihre lokale Umwelt verdient gemacht. Kommunalpolitiker haben manches in die Praxis umgesetzt. Rechtsanwälte haben für die Umwelt gestritten. Volkswirtschaftler haben sich um die ökonomischen Voraussetzungen einer Versöhnung von Ökonomie und Ökologie bemüht. Theologen und Geisteswissenschaftler haben nachgewiesen, daß eine kulturelle Wende unerläßlich ist. Den Reichtum und die Vielfalt der Leistungen von einzelnen und Gruppen vor Augen zu haben, ist eine große Ermutigung. Für die THEODOR-HEUSS-STIFTUNG ist es ein gutes Zeichen, daß so viele Nominierungen auf ihrem Schreibtisch gelandet sind. Vorstand und Kuratorium waren damit aber zugleich vor eine schwierige Aufgabe gestellt. Auch wenn ich hier nicht die Namen all der Vorgeschlagenen nennen kann, möchte ich doch, daß wir an diesen Reichtum ihrer Leistungen denken, wenn wir uns jetzt den Preisträgern zuwenden. Der THEODOR-HEUSS-PREIS wird zu gleichen Teilen verliehen an Professor Dr. Klaus Michael Meyer-Abich, den Hamburger Wissenschafssenator, sowie an die Autoren Professor Lutz Wicke und Ralf-Dieter Brunowsky. Klaus Michael Meyer-Abich hat in einzigartiger Weise Theorie und Praxis zusammengebracht. Als Forscher und Hochschullehrer hat er die Grundlagen für »einen Frieden mit der Natur« formuliert. Sein gleichnamiges Buch ist in Akademikerkreisen ebenso gut aufgenommen und verstanden worden wie in Kreisen der Kirche und der Umweltbewegung. Auch wirtschaftliche und politische Praktiker können sich dem Gedankengut, das hier vorgeführt wird, nicht entziehen. Wie es aber in der Urkunde für Klaus Michael Meyer-Abich heißt, ist es für ihn charakteristisch, daß er nicht beim Bücherschreiben stehen bleibt, sondern seine philosophischen Gedanken immer von neuem in praktisches und engagiertes politisches Handeln umsetzt. Die deutsche Energiedebatte wäre.ohne Meyer-Abichs einschlägige Formel der »Energieeinsparung als Energiequelle« ganz anders und sehr viel weniger aufgeklärt verlaufen. Der politischen Forderung nach einer »Sozialverträglichkeit von Energiesystemen« hat Meyer-Abich in einem großangelegten Projekt, weiches neben Hunderten von Schriften acht Bücher als Abschlußbericht hervorbrachte, konkrete Gestalt gegeben. Am meisten öffentliche Resonanz hatte der Band 8 der Buchveröffentlichungen aus dem Projekt »Die Grenzen der Atomwirtschaft -Die Zukunft von Energie, Wirtschaft und Gesellschaft« von Klaus Michael Meyer-Abich und Bertram Schefold, erschienen kurz vor dem Reaktorunglück von Tschernobyl. Wenn die THEODOR-HEUSS-STIFTUNG Klaus Michael Meyer-Abich für sein Gesamtwerk auszeichnet, so ist damit nicht etwa eine unstrittige Aussage gegen Atomkraft impliziert und schon gar nicht, daß man auf Kohle oder Gas zurücksteigen solle, was sich ja schon aus Umweltgründen verbietet; schließlich ist die Verbrennung fossiler Brennstoffe mit bedrohlichen Umweltschäden verbunden. Vielmehr geht es der Stiftung um den gedanklich klaren und grundlegenden Ansatz.
Die Gefahr der politischen Kurzschlüsse und Übertreibungen stets vor Augen und doch in der gedanklichen und politischen Analyse kompromißlos, das ist Professor Klaus Michael Meyer-Abich, der als Vorbild für persönlichen Einsatz in unserer demokratischen Gesellschaft den THEODOR-HEUSS-PREIS verdient.
Versöhnung von Ökonomie und Ökologie ist eine Herausforderung auch für unsere gewerbliche Wirtschaft. Diese hat ihre eigenen Gesetze und ihre eigenen Denkweisen. Der THEODOR-HEUSS-STIFTUNG ist es darauf angekommen, diesem auch symbolisch dadurch Rechnung zu tragen, daß der THEODOR-HEUSS-PREIS zur anderen Hälfte an zwei Personen verliehen wird, welche sich insbesondere mit der ökonomischen Seite der Umweltkrise auseinandergesetzt haben. Professor Lutz Wicke, Direktor am Umweltbundesamt, und Ralf-Dieter Brunowsky, stellvertretender Chefredakteur der »Wirtschaftswoche«, haben mit ihrem populären Buch »Der Ökoplan« einen mutigen gedanklichen und publizistischen Schritt nach vorne getan. Besonderes Gewicht kommt der Feststellung bei, daß die Wirtschaft durch Detailregulierungen gelähmt werden kann, während sie umgekehrt ihre ganze Dynamik in den Dienst einer neuen umweltverträglichen Kosten-Nutzen-Optimierung setzen kann, wenn nur der Rahmen richtig gesetzt ist. Der Ökoplan selbst ist eine Art von großangelegtem ökologischem Sanierungsprogramm, welches ähnlich wie der Aufbau nach dem Kriege zu einem neuen Wirtschaftswunder führen kann. Kriegszerstörungen und Umweltzerstörungen liegen durchaus in der gleichen Größenordnung, wie Lutz Wicke in seinem neueren Buch »Die ökologischen Milliarden« vorführt. Das damalige Bundesministerium des Innern hatte unter tätiger Mitwirkung von Lutz Wicke im September 1985 ein Symposium »Kosten der Umweltverschmutzung« durchgeführt; die Resultate dieses Symposiums haben Wicke zu seinen Schätzungen von etwa 100 Milliarden DM Umweltschäden jährlich alleine für das Gebiet der Bundesrepublik geführt.Den Skandal beim Namen zu nennen und zugleich ohne jedes ideologische Vorurteil an diejenigen Kräfte zu appellieren, die die Sanierung anpacken können, das ist ein beispielhafter Beitrag für das Allgemeinwohl, für welchen die Stiftung die beiden Autoren für den THEODOR-HEUSS-PREIS ausgewählt hat.
Ich wende mich nun den Medaillengewinnern zu. Was Professor Meyer-Abich rechnerisch vorgeführt hat, daß sich Energiesparinvestitionen unter den gegenwärtigen ökonomischen Bedingungen wirtschaftlich mehr lohnen als der Zubau von Kraftwerkskapazität, mußte auch politisch und organisatorisch in der Praxis realisiert werden. Ohne Mut und Eigeninitiative bewegt sich nichts. Siegfried Rettich wurde vor etwa 10 Jahren zum Direktor der Stadtwerke Rottweil bestellt. Nach kürzester Zeit legte er Pläne zur Energieeinsparung vor, zunächst einfach durch elektronische Optimierung. Später kamen Blockheizkraftwerke mit Fernwärmeversorgung hinzu. Durch die Kraft-Wärme-Kopplung, die Nutzung der Kraftwerkswärme, konnte der Heizölbedarf in Rottweil entscheidend gesenkt werden. In einem zweiten Kraftwerk wird mit Hilfe von Gas-Wärmepumpen auch noch ein Teil des Energieinhalts der Umgebungswärme ausgenützt, wodurch eine Energienutzung von über 97% erreicht wird, ein sensationeller Wert. Auf dem Erreichten ruht sich Rottweil nicht aus. Der nächste Plan ist ein kombiniertes Müllentsorgungs- und Energieversorgungsmodell für die Region Schwarzwald-Baar-Heuberg, mit welchem die Rohstoffrückführung drastisch gesteigert, die Deponien entscheidend entlastet, Energie gewonnen und ein unbedenklicher Kompost erzeugt werden soll. Auch andere Städte wie zum Beispiel Hildesheim, Flensburg lund Saarbrücken gehen übrigens energiepolitisch ähnliche Wege wie Rottweil, und es ist zu hoffen, daß das Beispiel noch weiter Schule macht. Praktisch alle,entscheidenden Schritte wurden in Rottweil im Gemeinderat einstimmig gefaßt. Viele haben zu dieser Entwicklung beigetragen, die man namentlich nicht einzeln nennen kann. So hat sich die THEODOR-HEUSS-STIFTUNG entschlossen, eine THEODOR-HEUSS-MEDAILLE der Stadt Rottweil zu verleihen. Wir freuen uns aber besonders, daß der Direktor der Stadtwerke, Herr Rettich, gekommen ist, um die Medaille in Empfang zu nehmen. Natur- und umweltschutz verlangen lokales Engagement von Tausenden. Viele hundert lokale Gruppen von Vogelfreunden, Wandergruppen, Bürgerinitiativen und Naturschutzgruppen sind das Rückgrat einer immer umweltbewußter werdenden Kultur in unserem Land. Besonders erfolgreich und in die breite Bevölkerung ausstrahlend ist in den letzten zehn Jahren der Rheinisch-Bergische Naturschutzverein gewesen, den der engagierte Journalist Dieter Menninger 1975 mit Freunden gründete. Dieter Menninger sorgte als Vorsitzender des Vereins dafür, daß möglichst in jeder Gemeinde Ortsverbände gegründet wurden, durch welche die für den Naturschutz unerläßliche Ortskenntnis wesentliches Merkmal der Vereinsarbeit werden konnte. Bei zahlreichen Verkehrs- und Raumordnungsplanungen spielte dies eine entscheidende Rolle. Mit der Vereinszeitschrift »Der Ausweg« und dem 1982 gegründeten Naturschutzinformationszentrum Bergisches Land und schließlich 1986 der biologischen Station Bergisches Land ist eine Naturschutzinfrastruktur entstanden, die über den Tag hinaus den Naturschutzgedanken trägt und lebendig hält.
Für die eindrucksvolle Aufbauleistung und das vorbildliche Bürgerengagement hat die THEODOR-HEUSS-STIFTUNG Herrn Dieter Menninger als Empfänger einer THEODOR-HEUSS-MEDAILLE ausgewählt. Herr Max Himmelheber ist der Älteste in dieser Runde. Ein sehr früher Warner vor den Folgen der Umweltzerstörung und zugleich ein begnadeter Ingenieur, hat Max Himmelheber durch die Entwicklung von Faserplatten wesentlich dazu beigetragen, daß der erneuerbare Rohstoff Holz einerseits entscheidend sparsamer eingesetzt werden konnte und andererseits sich gegen die wachsende Konkurrenz der Kunststoffe halten konnte. 64 Spanplattenwerke in aller Welt, insbesondere auch in Entwicklungsländern, sind von Max Himmelheber und seinen Mitarbeitern geplant worden.
Heute ist Max Himmelheber bekannt als der Begründer der Zeitschrift »SCHEIDEWEGE«, in welche ihr Begründer sein persönliches Vermögen investiert hat. Hier werden die geistigen Grundfragen unserer Zeit, insbesondere des ökonomisch-ökologischen Konflikts und die Ansätze zur Versöhnung von führenden Autoren seit nunmehr über 15 Jahren diskutiert. Max Himmelheber hat durch diese Zeitschrift einen für unsere Kultur bedeutenden Kristallisationskern für das »skeptische Denken« geschaffen. Als liberal-ökologisch-konservativ könnte man die Linie der »SCHEIDEWEGE« bezeichnen, aber für Liberale, ökologisch Engagierte und Konservative ist die Zeitschrift, die jetzt als Jahreszeitschrift herauskommt, immer von neuem unbequem und herausfordernd.
Max Himmelheber wurde von der THEODOR-HEUSS-STIFTUNG als überzeugende, weitsichtige Persönlichkeit, als engagierter Ingenieur und Mäzen mit einer THEODOR-HEUSS-MEDAILLE ausgezeichnet.
Im Auftrage des Kuratoriums der THEODOR-HEUSS-STIFTUNG möchte ich allen Preisträgern und Medaillengewinnern sehr herzlich gratulieren und allen Zuhörenden wünschen, daß sie in ihrem weiteren Schaffen die Gelegenheit haben, sich an den hier Ausgezeichneten ein Beispiel zu nehmen.
Dank und Berichte der PreisträgerKlaus Michael Meyer-Abich
Öffentliche Verantwortung für die WissenschaftIch bin Wissenschaftler. Ich habe mich bemüht, Verantwortung für die Wissenschaft, für das wissenschaftliche Erkenntnishandeln wahrzunehmen. Ich spreche heute über unser aller
Verantwortung, die öffentliche Verantwortung für die Wissenschaft.
Kein Außen-oder Verteidigungsminister hat die internationalen Verhältnisse je so nachhaltig geprägt wie die Chemiker Hahn und Straßmann durch die Entdeckung der Atomenergie kurz vor dem Beginn des 11. Weltkriegs. Und in neuerer Zeit hat die Halbleiterphysik in ihrer wirtschaftspolitischen Tragweite durch die Mikroelektronik jeder Wirtschafts- und Beschäftigungspolitik durch politische Akteure bei weitem den Rang abgelaufen. Denn noch kein Arbeits- oder Wirtschaftsminister hat je so gewirkt, daß seine Tätigkeit jedem zweiten Arbeitsplatz anzusehen gewesen wäre. Walter Scheel sagte deshalb vor einigen Jahren zu Recht: Die Politiker laufen hinter der Wissenschaft her und versuchen, die Folgen aufzufangen.
Dabei suchen die Wissenschaftler im wesentlichen nach Erkenntnis, und in der Regel wollen sie damit weder die Welt verändern noch sind sie es, die diese Veränderung ins Werk setzen. Durch das Erkennen aber entstehen immer auch neue Handlungsmöglichkeiten, und letztlich sind diese sogar das eigentlich Gesuchte. Denn ein Phänomen gilt heute gerade dann als erkannt, wenn der Wissenschaftler es selbst hervorbringen kann. Neue Handlungsmöglichkeiten in die Welt zu setzen wiederum, verändert in jeder einmal gegebenen historischen Situation die Möglichkeiten des Austrags der jeweiligen Konflikte. Es ist so, als würden während eines Spiels die Spielregeln verändert - dies ist immer mit relativen Vorteilen einiger zu Lasten anderer verbunden. Die Politiker müssen insoweit reagieren auf das, was die Wissenschaft in die Welt setzt, und das alte Spiel mit neuen Handlungsmöglichkeiten oder nach veränderten Regeln weiterspielen. Oder hätte man zum Beispiel die Mikroelektronik verbieten sollen? Sind dann aber nicht die Wissenschaftler mindestens mitverantwortlich für die Probleme der wissenschaftlich-technischen Welt? Dies ist die Frage, die mich bewegt. Als ich während meines Physikstudiums aus dem Hörsaal in den Hof des nebenan gelegenen Untersuchungsgefängnisses hinuntersehen konnte und dort die gestreiften Herren ihren geregelten Bahnen folgen sah, war mir sehr bewußt, daß kaum zehn Jahre zuvor die Wissenschaft, die ich gerade studierte, durch die Atombombe den größten Schrecken über die Menschheit gebracht hat, den je ein Wissen zu verantworten hatte. Ich habe mich damals gefragt, wie lange die Menschheit sich den Fortgang dieser Wissenschaft noch gefallen lassen und wann man uns Physiker unsere Kreise dort unten im Hof ziehen lassen würde. Die Frage hat mich seither begleitet. Wir Wissenschaftler sind ganz gewiß mitverantwortlich für die Krisen und Probleme der heutigen Welt. Forscher etwa vom Range Otto Hahns haben sich auch nie hinter der billigen Ausrede versteckt, man habe ja nur Grundlagenforschung getrieben und für die Bombe oder andere Folgen seien andere verantwortlich. Was sollte denn der amerikanische Präsident tun, als er 1941 erfuhr, daß die Deutschen nun wüßten, wie die furchtbarsten Waffen aller Zeiten möglich sind? Daß man lediglich »Grundlagenforschung« betreibe, ist aber bis heute eine beliebte Abschirmung gegen die Einsicht in die gesellschaftliche Tragweite nicht erst der Anwendungen, sondern bereits des wissenschaftlichen Erkennens selbst. »Die Weisen, wie sich Motive in Ansichten spiegeln, nennt man Ideologien«, sagt mein Lehrer Carl-Friedrich von Weizsäcker in seiner Altersweisheit, und davon ist auch die Berufsgruppe der Wissenschaftler nicht frei. Es gibt keine Grundlagenforschung im Sinn eines verantwortungsfreien Raums, es gibt sie nur im Sinn eines von Fremdbestimmung freien Raums.
Andere schirmen sich durch das Argument ab: Gesellschaftliche Folgen seien im wissenschaftlichen Erkennen nicht zu berücksichtigen, weil sie ganz unabsehbar seien. Soweit dies zutrifft aber ist es ja eigentlich nicht ganz selbstverständlich, in einer Tätigkeit, die immer wieder ganz unabsehbare Folgen hat, dennoch unbekümmert fortzufahren. Eine dritte Abschirmungsform ist die Berufung auf die grundgesetzlich gewährte Wissenschaftsfreiheit. Frei zu handeln aber bedeutet ja gerade nicht, dabei von Verantwortung entlastet zu sein. Im Gegenteil: Wer frei handelt und nicht auf Weisung, teilt die Verantwortung nicht mit denen, die ihm Weisung gegeben haben, sondern trägt sie allein. Freiheit bedeutet Selbstverantwortung, auch in der Wissenschaft. Und ihre Freiheit wert ist die Wissenschaft überdies nur, soweit diese Freiheit nicht mißbraucht wird, also im verantwortlichen und sogar selbstverantwortlichen Erkennen. Daß wir Wissenschaftler mitverantwortlich sind für die Probleme der modernen Welt, sollte deshalb nicht bestritten werden. Die Verantwortung aber, so meine ich nun doch auch, ist nicht nur die unsere. Denn Wissenschaft ist ein gesellschaftlicher Akt, ist die gesellschaftliche Verfassung eines Wissens. Die Verantwortung für die Wissenschaft ist deshalb nicht nur die Verantwortung der Wissenschaftler. Unsere Wissenschaft ist öffentlich, nicht nur einer Kaste von Eingeweihten vorbehalten, zu der es keinen allgemeinen Zutritt gibt. Sie wird außerdem zum großen Teil mit öffentlichen Mitteln ermöglicht, so daß durch den demokratischen Prozeß weitreichende Vorentscheidungen fallen, was zu erkennen sei und was nicht. Auf diese Weise ist zum Beispiel beschlossen worden, aus technischem Interesse einen Demonstrationsbrüter in Kalkar zu bauen. Natürlich hat es auch vernünftigere Entscheidungen gegeben. Ich sehe aber nicht, daß der Umgang mit dem Erkennen in unserer liberalen Demokratie bereits so erfolgt, wie es dem öffentlichen Interesse an der Wissenschaft und der öffentlichen Verantwortung für die Wissenschaft entspricht. Dies ist der Grund für mein Engagement in der Politik.
Demokratie und Wissenschaft passen nur so weit zusammen, wie Wissenschaft und Technik auch in die politische Verantwortung eingebunden sind. Sie sind es bisher nicht hinreichend, und ich gehöre zu denen, die daran etwas ändern möchten. Ich habe auch die öffentliche Diskussion über die Grenzen des Wachstums, die Zerstörung der Lebensgrundlagen und die Risiken der Atomenergienutzung so verstanden, daß hier in einem umfassenden Sinn nach Möglichkeiten der Erneuerung der Industriegesellschaft gefragt worden ist und nicht nur nach technischen Eigenschaften bestimmter Kraftwerke. Dann aber ist es nicht selbstverständlich, mit Wissenschaft und Technik Probleme lösen zu wollen, die wir ohne Wissenschaft und Technik gar nicht hätten. Also gilt es auch zu überlegen, welche anderen oder alternativen Wege hier zu gehen wären. Dementsprechend beschäftigten sich die alternativ-wissenschaftlichen Ansätze im wesentlichen mit Fragen, die in der herrschenden Wissenschaft bisher vernachlässigt worden sind.
Dies alles aber geschieht so, daß seit dem Anfang der siebziger Jahre eine um sich greifende öffentliche Diskussion darüber geführt wird, wie - und wie nicht - wir in Zukunft leben möchten, und was dazu wissenschaftlich wissenswert sei. Ich empfinde diese Diskussion als vorbildlich dafür, wie die Allgemeinheit ihrer Verantwortung für die Wissenschaft, die nicht nur eine Verantwortung der Wissenschaftler ist, gerecht werden kann.
Ich glaube auch nicht, daß diese Anfänge einer im besten Sinn demokratischen Wissenschafts- und Technologiepolitik leicht wieder verlorengehen werden. Im vergangenen Jahr waren es vor allem die Unfälle von Tschernobyl und Basel, die vielen Menschen deutlich gemacht haben, wie zerstörerisch die Kräfte sein können, die wir industriewirtschaftlich zu nutzen suchen. Ich befürchte, daß es weitere Erfahrungen dieser Art geben wird. Wenn aber die öffentliche Anteilnahme an den wissenschaftlich-technischen Grundlinien der industriegesellschaftlichen Entwicklung in den nächsten fünfzehn Jahren so anhält wie in den vergangenen fünfzehn Jahren und wenn dies weiter auf einem so relativ hohen Niveau erfolgt, wie es bereits erreicht ist, dann liegt darin wirklich eine reelle Chance, daß wir die bisherige Industriegesellschaft doch noch überleben. Menschen können aus Fehlern lernen, und wir haben begonnen, aus Fehlern zu lernen.
Ich hoffe auf die Menschen, die unsere Verantwortung für die Schöpfung wahrnehmen; auf Menschen, die eine tausendjährige technische Innovation schon deshalb nicht akzeptieren, weil tausend Jahre nicht abzusehen sind; auf Menschen, die sich von einem Ingenieur gern sagen lassen, wie ein Apparat funktioniert, sich aber selbst ein Urteil bilden, ob sie ihn brauchen. Ich hoffe auch auf die Menschen, die nach den Erfahrungen mit der Atomenergie nicht einfach gegen alle Technik sind und doch dafür sorgen wollen, daß zum Beispiel mit der Biotechnologie nicht erneut dieselben Fehler gemacht werden wie mit der Atomenergie.
Ein wenig hoffe ich inzwischen auch wieder auf politische Parteien, besonders auf zwei von ihnen, denen die Probleme der Industriegesellschaft bewußt sind. Es wäre vielleicht gut gewesen, hier schon Anfang der siebziger Jahre Unterstützung zu finden. Damals aber war es eher so, daß die Parteien sich mit so mancherlei und nicht zuletzt miteinander beschäftigten, nicht aber mit den Lebensfragen der Industriegesellschaft. Dies hat letztlich jedoch auch sein Gutes gehabt, denn nun haben sich zunächst einmal kritische Bürger diesen Fragen zugewandt und dadurch unsere Verfassung mit Leben erfüllt, nach der die Parteien an der politischen Willensbildung zwar mitwirken, dafür aber doch nicht allein zuständig sind.
Ich denke, die politischen Parteien können die ihnen grundgesetzlich zufallende Aufgabe sogar nur dann erfüllen, wenn andere sie auch erfüllen. Letztlich ist es die Öffentlichkeit insgesamt, die der politischen Urteilsbildung Raum geben muß. Je besser dies gelingt, um so eher werden, wie mir scheint, auch die Parteien sich in diesen Raum hinein öffnen und zum Beispiel geeignetere Kandidaten zur Wahl stellen können, als es heute manchmal der Fall ist. Es geht mir hier nicht um Kritik an den Parteien, sondern nur um die so überaus positive Erfahrung, daß ihr politisches Umfeld in den vergangenen fünfzehn Jahren so viel lebendiger geworden ist, als es vorher war. Obwohl ich mich diesem Umfeld am unmittelbarsten politisch verbunden fühle, habe ich das Glück gehabt, daß mir verschiedentlich auch Hände aus einer Partei gereicht wurden, vor allem von Reinhard Ueberhorst, Hans-Jochen Vogel und Klaus von Dohnanyi, und dafür bin ich dankbar. Daß seit dem Beginn der siebziger Jahre gerade die Umwelt- und Energiepolitik so etwas wie eine Schule der Nation gewesen ist, war eine ganz besondere Bewährungsprobe. Denn ein wie enormer Anspruch die liberale Demokratie ist, wird wohl auf keinem Politikfeld deutlicher als in der Wissenschafts- und Technologiepolitik. Hier bleibt aber doch noch viel zu tun. Was den Deutschen Bundestag angeht, so bedaure ich zum Beispiel, daß er wieder einmal keine adäquate Beratungskapazität in Technologiefragen erhalten wird, weil die jeweiligen Regierungsparteien den jeweiligen Oppositionsparteien diese Stärkung des Parlaments nicht gönnen. Und was die Öffentlichkeit angeht, so glaube ich, daß es nun an der Zeit ist, der politischen Urteilsbildung auch verfahrensmäßig noch weitergehend Raum zu geben, als es in unserer Verfassung bisher vorgesehen ist. Mir ist aufgefallen, daß den Fragen, die mich seit der ersten Debatte über die Grenzen des Wachstums politisch bewegen, in der Schweiz von Anfang an eine besondere Aufmerksamkeit zuteil geworden ist. Schweizer Gesprächspartner wiederum sagen mir, daß sie sich in unserer Bundesrepublik politisch entmündigt fühlen würden, und ich habe dafür Verständnis. Wie zum Beispiel soll es mit unserer Friedensbewegung jetzt weitergehen? - im Umfeld der Parteien, meine ich. Man kann doch nicht immer nur abwechselnd demonstrieren und Kongresse veranstalten. Demgegenüber hat in der Schweiz soeben ein ganz normaler Bürger, ohne Hilfe durch irgendeine Organisation, eine Volksabstimmung über die Abschaffung der Armee auf den Weg gebracht. Der Antrag wird vermutlich abgelehnt, aber ist es nicht gut, wenn ein Volk in einer Welt voller Waffen, mit denen zu drohen uns angeblich schützt, einmal öffentlich darüber nachdenkt, ob es sich vielleicht doch zutrauen würde, ohne Waffen angstfrei zu leben oder jedenfalls angstfreier als mit den vielen Waffen?
Mich also ermutigt die positive Erfahrung mit dem außerparteilichen politischen Leben in den vergangenen fünfzehn Jahren, nun auch bei uns die Bedenken zurückzustellen, deretwegen die Schöpfer unserer Verfassung von Volksbegehren und Volksentscheiden nichts hielten. Ist nicht die öffentliche Diskussion in vielen Lebensfragen der Industriegesellschaft der Politik bereits weit voraus? Hätte es die blamable Unentscheidung über die Katalysatoren gegeben, wenn ein Volksentscheid stattgefunden hätte? Oder die Nachrüstung - wie stünde es damit? Und wer vertritt das globale Interesse an der Erhaltung der Ozonschicht, wenn es die vielen kleinen Regierungen nicht tun? Es waren die kritischen Bürger, derer wir heute festlich gedenken, indem einige von ihnen ausgezeichnet werden, die sich vor allem des Allgemeininteresses angenommen haben.
Ich glaube sogar, daß es beim nunmehr erreichten Stand der demokratischen Entwicklung in unserem Land ein Fehler wäre, dieser Entwicklung jetzt nicht die weitere Chance zu geben, die das Schweizer System - oder eine geeignete Übergangsform zu diesem System - birgt. Ich glaube, daß sonst eine Chance verpaßt würde, und will überdies eine Erfahrung nicht verschweigen, deretwegen ich diese Chance sogar für lebenswichtig halte: die Erfahrung, daß mir, seitdem ich ein politisches Amt habe und soweit ich damit identifiziert werde, in der Öffentlichkeit nur noch ein Bruchteil des Vertrauens entgegengebracht wird, das ich zuvor gekannt habe. Auch aus der Glaubwürdigkeitskrise in der Politik wäre es ein Ausweg, wenn wir nach dem Schweizer Vorbild neue Wege der politischen Urteilsbildung im öffentlichen Raum suchten. Dazu hätten nun freilich auch die Wissenschaftler noch einen weitergehenden Beitrag als bisher zu leisten. Ich komme deshalb abschließend zurück auf das verantwortliche Erkennen und die Mitverantwortung der Wissenschaftler im rechten Gebrauch der Wissenschaftsfreiheit. Was zunächst die Natur- und Ingenieurwissenschaftler angeht, so denke ich, daß die Max Webersche, jeder wissenschaftlichen Tätigkeit vorausliegende Frage grundsätzlich neu gestellt und besser als bisher bedacht werden muß, die Frage: Was ist wissenswert? Welches Erkennen bringt nur ein weiteres Zerstörungswissen, und was sollten wir wissen, um die natürlichen und die kulturellen Lebensgrundlagen besser erhalten zu können? Um also mit Wissenschaft und Technik Probleme lösen zu können, die wir ohne Wissenschaft und Technik nicht hätten. Auf dem von meinem Vater, der den naturphilosophischen Holismus begründet hat, gewiesenen Weg, sehe ich dazu zum Beispiel sowohl in der Molekularbiologie als auch in einer holistischen Ökologie und in der Informationswissenschaft durchaus Chancen, aber ich sehe auch die Risiken und die dazwischenliegenden politischen Weichenstellungen. Mit der Frage, was wissenswert ist, dürften die Natur- und Ingenieurwissenschaftler freilich nicht mehr allein gelassen werden, sondern die Geistes- und Sozialwissenschaftler sollten der Erforschung der gesellschaftlichen, im weitesten Sinn kulturellen Wirklichkeit technischer Innovationen in Zukunft keine geringere Mühe mehr widmen als ihre Kollegen in den anderen Fakultäten sie auf die naturwissenschaftlich-technische Entwicklung wenden. Ob wir mit einer industriewirtschaftlichen Innovation besser leben würden als ohne sie, ist eben keine Frage, die in naturwissenschaftlichen Kategorien zu beantworten ist. Die Natur- und Ingenieurwissenschaftler sollten sich deshalb in Zukunft auch nicht mehr verleiten lassen, auf diese Frage so zu antworten, als hätten sie dafür eine besondere Kompetenz, sondern dies den Geistes- und Sozialwissenschaftlern überlassen. Dazu aber müßten diese ihrerseits in einer begleitenden Weise Anteil nehmen an der natur- und ingenieurwissenschaftlichen Entwicklung. Die Sozialwissenschaftler zum Beispiel hätten sich nicht mehr nur mit den jeweiligen Konflikten, sondern auch mit den Gegenständen der Konflikte zu beschäftigen. Es versteht sich, daß eine kompetente Übersetzung zum Beispiel naturwissenschaftlicher Aussagen in Bilder von Lebensverhältnissen wiederum voraussetzt, daß dabei auch die traditionellen Inhalte insbesondere der Geisteswissenschaften lebendig gemacht werden.
Da die Probleme heute in der Regel anders eingeteilt sind als die Wissenschaften, bedarf es also interdisziplinärer Organisationsformen in der Wissenschaft. Ein wichtiger Schritt in dieser Richtung war das Starnberger Institut Carl-Friedrich von Weizsäckers, das die Max-Planck-Gesellschaft inzwischen leider wieder geschlossen hat. Ähnliches muß aber auch an den Hochschulen geschehen. Ich hatte an der Universität Essen die Chance, ein interdisziplinäres, projektförmig arbeitendes Institut nach dem Starnberger Vorbild zu gründen und zu leiten. Meine Erfahrungen über die Möglichkeit der fachübergreifenden Zusammenarbeit sind äußerst positiv. Insbesondere sind die Verständigungsprobleme zwischen den Fächern sofort verschwunden, wenn alle Beteiligten ihre Fachaussagen stets auf die gemeinsame, fachübergreifende Sachfrage beziehen.
Auch die interdisziplinär vermittelte Expertise aber bleibt Wissenschaft und kann der Öffentlichkeit die politische Bewertung nicht abnehmen. Wissenschaftler können zum Beispiel, wie Bertram Schefold und ich es gemeinsam mit vielen Mitarbeitern getan haben, der Öffentlichkeit sagen, welche Eigenschaften verschiedene Energiesysteme hinsichtlich ihrer Sozialverträglichkeit haben. Wie aber diese Gesellschaft in Zukunft leben möchte, muß sie selbst entscheiden, so schwer ist die Demokratie in der wissenschaftlich-technischen Welt.
Letztlich kommt deshalb alles darauf an, daß die Öffentlichkeit insgesamt ihrer Verantwortung für Wissenschaft und Technik gerecht wird. Die Anerkennung, die Sie mir durch den THEODOR-HEUSS-PREIS 1987 zuteil werden lassen, ermutigt mich dazu, in Wissenschaft und Politik auch weiterhin zu tun, was ich kann. Und was einer kann, wird ja dadurch vermehrt, daß andere ihn bestärken. Ich danke Ihnen dafür, daß dies durch den THEODOR-HEUSS-PREIS geschieht.

Ralf-Dieter Brunowsky
Sehr verehrte Frau Dr. Hamm-Brücher,
meine Damen und Herren!Sie haben uns einen Preis verliehen für den Versuch, ein realistisches Konzept für die Versöhnung von Ökologie und Ökonomie zu entwerfen. Diese Auszeichnung gerade aus Ihren Händen, sehr verehrte Frau Dr. Hamm-Brücher, zu erhalten, ist für mich eine besondere Ehre, die den Wert dieses Preises mit dem Namen eines großen Deutschen, eines großen Liberalen, besonders unterstreicht. Denn Sie sind für viele, die sich gesellschaftlichen und politischen Grundsatzfragen zuwenden, ein Vorbild an persönlichem Engagement. Ich betrachte unser Buch gleichwohl nur als einen von vielen Beiträgen zum Umweltschutz, wie sie aus allen Bereichen der Gesellschaft täglich berichtet werden, ob es sich nun um den Käufer eines Katalysator-Autos handelt, den Bürger, der seinen Haushalt umweltfreundlicher gestaltet, den Rock-Musiker, der die Zerstörung der Umwelt musikalisch anklagt, oder den Lehrer, der mit seinen Schülern ein neues Biotop anlegt. Sie alle sind sicher preisverdächtig, denn sie haben überwunden, was nach einer Wirtschaftswoche-Umfrage das größte Hindernis für Fortschritte im Umweltschutz ist: Die eigene Gleichgültigkeit, die zwei Drittel unserer Bürger selbstkritisch auf Platz eins der Hindernis-Liste setzten. Für mich war und ist eine der wichtigsten Fragen des Umweltschutzes, wie wir diese Gleichgültigkeit überwinden können, die ja vornehmlich in den Verhaltensweisen, weniger im Umweltbewußtsein selbst zum Ausdruck kommt. In allen Umfragen rangiert der Umweltschutz als politische Aufgabe ganz oben. Aber in den Verhaltensweisen sind die Menschen weit in der Minderheit, die durch ihr Verhalten selbst einen aktiven Beitrag zum Umweltschutz leisten.
Und hier setzt ja auch unser Öko-Plan an. Es genügt nicht, an das Umweltbewußtsein zu appellieren, so wichtig auch dies ist. Es kommt im Umweltschutz darauf an, Verhaltensweisen zu verändern. Und dabei kann die Ökonomie der Ökologie Hilfestellung leisten. In vielen Fällen, so hat sich etwa herausgestellt, lassen sich durch Umweltschutzmaßnahmen Kosten sparen. Diese Erkenntnis führt bei Unternehmen postwendend zu Verhaltensänderungen. Die ökonomischen Überlegungen, daß Umweltschutz gesamtwirtschaftlich keine Arbeitsplätze kostet, kann zu Verhaltensänderungen bei Politikern und Gewerkschaften führen. Ökonomische Modelle, die Umweltverschmutzung verteuern und damit zugleich Umweltschutz lohnend machen, können mit Hilfe der mobilisierten Marktkräfte eine ganze Welle von Verhaltensänderungen bewirken.
Das Funktionieren ökonomisch rationaler Denkweisen setzt nun seinerseits auch ein marktwirtschaftliches organisiertes System voraus, in dem individuelle Freiheiten erhalten bleiben, zugleich aber gesellschaftliche Wertentwicklungen berücksichtigt werden, beispielsweise über schärfere Umweltgesetze.
Unternehmen haften mit ihren Einkommen an den Wertentwicklungen der Zukunft, hat Schumpeter einmal geschrieben. Das gilt nicht nur für die Unternehmen, die mehr Umweltschutz berücksichtigen müssen, um künftig weiter produzieren zu können. Das gilt letztlich für uns alle.
Wirtschaftsjournalisten kommt in diesem Zusammenhang eine sehr wichtige Funktion zu. Sie müssen den Unternehmen tagtäglich zeigen, daß Umweltschutz in die Vorstandsetagen gehört. Sie sind gegenüber den Unternehmen glaubwürdig, auch dann, wenn sie mehr Umweltschutz verlangen. Ich wünsche mir, daß jeder Wirtschaftsjournalist auch den Umweltschutz zu seinem Aufgabengebiet zählt. Und noch besser wäre es, wenn alle Wirtschaftsjournalisten konsequent mehr Umweltschutz verlangen würden.
Die Versöhnung von Ökonomie und Ökologie wird es wahrscheinlich nie in dem Sinne geben, daß Unternehmer und Umweltschützer Arm in Arm Bonner Lobby-Politik betreiben. Aber es gibt schon viele Beispiele dafür, daß Umweltschützer ökonomische Argumente in den Dienst ihrer Sache stellen und Unternehmer den Umweltschutz zu ihrer Sache machen. Diese Entwicklung wird hoffentlich weitergehen und den Weg für eine durchaus spannungsgeladene, aber auch Perspektiven zeigende Sachauseinandersetzung ebnen. Eine Auseinandersetzung mit dem Ziel, mit den vorhandenen und neuen Mitteln so viel Umweltschutz wie nur irgend möglich zu erreichen. Wir Wirtschaftsjournalisten sollten den Politikern Mut zu ehrgeizigen Zielen im Umweltschutz machen. Die "Wirtschaftswoche" hat diesen Weg schon seit einiger Zeit eingeschlagen, und sie wird ihn im Interesse der Unternehmen fortsetzen. Der THEODOR-HEUSS-PREIS 1987 ist dafür eine großartige Unterstützung. Vielen Dank.

Lutz Wicke
Die Soziale Marktwirtschaft in der umweltpolitischen BewährungsprobeMeinen Vortrag - gleichzeitig der Dank für die Verleihung des THEODOR-HEUSS-PREISES 1987 für meine »... Bemühungen um die Versöhnung von Ökologie und Ökonomie« - habe ich unter das Thema gestellt »Die Soziale Marktwirtschaft in der umweltpolitischen Bewährungsprobe«.
Meine Kernthese lautet: Die drei wichtigsten Gründerväter der Bundesrepublik Deutschland, nämlich Konrad Adenauer, Theodor Heuss und Ludwig Erhard, haben mit der Entscheidung für das System der Sozialen Marktwirtschaft und der Durchsetzung dieses Systems in praktische Politik unserer Generation ein wirtschaftspolitisches Vermächtnis hinterlassen, mit dem wir heute, knapp 40 Jahre nach Gründung der Bundesrepublik Deutschland, die Umweltkrise genauso meistern können, wie der Wiederaufbau eines zerstörten Landes in einer relativ kurzen Zeit gelungen ist. Allerdings müssen wir dieses Vermächtnis wesentlich besser nutzen als bisher!
I.
Die zwei Grundgedanken der Sozialen Marktwirtschaft, die uns auch bei der Realisierung einer wirkungsvolleren Umweltpolitik helfen können, sind außerordentlich einfach:

1.
Das Eigeninteresse aller an einem höheren Wohlstand soll und darf sich so weit entfalten, wie dadurch die marktwirtschaftliche Ordnung nicht selbst gefährdet oder gestört wird. Das marktwirtschaftliche Eigeninteresse führt bei ausreichendem Wettbewerb zu erhöhter und bedarfsgerechter Güterproduktion bei möglichst geringen Kosten und Preisen. Aber: Es besteht auch die Gefahr des ungehemmten Umgangs mit der Natur und der Zerstörung der Umwelt. Bei einer zerstörten Umwelt werden allerdings eine marktwirtschaftliche Produktion und materielle Bedarfsdeckung sinnlos! Deshalb bedarf es zur Erhaltung einer Marktwirtschaft eines wirksamen rechtlichen Rahmens, das heißt sowohl zum Beispiel einer Kartell- und Monopolgesetzgebung zur Erhaltung des Wettbewerbs als auch effektiver Umweltschutzgesetze zur Erhaltung der Umwelt.

2.
Trotz solcher gesetzlicher Vorkehrungen führt eine weitgehend freie Marktwirtschaft zu starken sozialen Ungerechtigkeiten, weshalb für eine Soziale Marktwirtschaft zusätzlich marktorientierte Korrekturmechanismen, wie unter anderem eine progressive Einkommensteuer, Wohngeldzahlungen und Vermögensbildungsmaßnahmen, erforderlich sind. Außerdem helfen die schönsten Umweltgesetze nichts, wenn das Eigeninteresse (fast) aller darauf gerichtet ist, zur Vermeidung von Kosten oder Unbequemlichkeiten nach umweltrechtlichen Schlupflöchern zu suchen und sie auszunutzen. Beispiel: Obwohl wir vom Prinzip gute Luftreinhaltegesetze hatten, wurden viel zu viel Schadstoffe ausgestoßen, und der deutsche Wald stirbt. Deshalb müssen marktorientierte Korrekturmechanismen in das System der Sozialen Marktwirtschaft eingebaut werden, damit das Eigeninteresse aller auf den Umweltschutz gerichtet wird und der Egoismus nicht -wie bisher -eher in Richtung Umweltzerstörung wirkt. Keiner von uns soll dabei nur auf die Wirtschaft schauen. Jeder Kraftfahrer trug schon ungefähr seinen 25millionstel Teil zur Luftbelastung aus Kraftfahrzeugen bei! Ende der vierziger/Anfang der fünfziger Jahre wurden die Fesseln der nationalsozialistischen Zwangswirtschaft zerschnitten. Mit dem System der Sozialen Marktwirtschaft konnte das Eigeninteresse fast aller Menschen für den Wiederaufbau des zerstörten Landes mobilisiert werden. Wer viel und gut arbeitete - und das war praktisch die gesamte Nachkriegsgeneration konnte mehr Einkommen erzielen und damit seine eigene Lebenslage zum Beispiel durch besseres Essen und Wohnen angenehmer gestalten. Durch das Setzen auf diese marktwirtschaftlichen Triebkräfte ist es gelungen, innerhalb eines Jahrzehnts ein zerstörtes Land wieder aufzubauen und als Industrienation von Weltrang wieder zu installieren. Die Soziale Marktwirtschaft hat die Nachkriegsherausforderung »Materieller Wiederaufbau und Schaffung von Arbeitsplätzen für ein Millionenheer von Arbeitslosen« durch das viel bestaunte Deutsche Wirtschaftswunder und damit ihre ökonomische Bewährungsprobe glänzend bestanden!

II.
Allerdings: Zunächst wurde angesichts von elementaren Nöten, wie Hunger und Wohnraumnot, aber auch nach Beseitigung dieser unmittelbaren Notlagen bis weit in die siebziger Jahre hinein das Umweltproblem nicht oder nicht in der nötigen Schärfe wahrgenommen und angegangen. Mit dem materiellen Wiederaufbau war leider auch in vielen Bereichen eine immer stärkere Umweltverschmutzung und -zerstörung durch Luft-, Wasser-, Boden- und Lärmbelästigung sowie die Zerstörung naturnaher Räume und die Verminderung und Bedrohung von Tier- und Pflanzenarten verbunden. Deshalb können Systemkritiker mit einigem Recht darauf verweisen, daß die Soziale Marktwirtschaft die ökologische Herausforderung unserer Tage und auch schon die der sechziger und siebziger Jahre, nämlich den »ökologischen Wiederaufbau und die Erhaltung der noch intakten Teile unserer Umwelt«, bisher nicht bestanden hat.
Wer würde den Satz bestreiten »Wir haben unsere Umwelt nicht von unseren Vätern geerbt, sondern nur von unseren Enkeln geliehen?« Niemand, denn niemand bestreitet die soziale Verpflichtung, unseren Nachkommen eine lebenswerte Umwelt zu hinterlassen! Und dennoch beschädigen wir in der Sozialen Marktwirtschaft Tag für Tag die geliehene Umwelt unserer Enkel!
Der zweifellos wichtigste Grund dafür, daß sich viele jugendliche und sonstige Wähler den Grünen und Alternativen zugewendet haben, ist die vermeintlich offenkundige Unfähigkeit des marktwirtschaftlichen Systems, mit seinen Umweltproblemen -siehe Waldsterben, siehe Rhein-Katastrophe und -affären - fertig zu werden. Von vielen werden Gewinnstreben, marktwirtschaftliches System und Umweltzerstörung gleichgesetzt. Und tatsächlich: Viele Verantwortliche in der Wirtschaft sind mit ihrer Ablehnung von schärferen, aber sinnvollen und notwendigen Umweltschutzmaßnahmen und bei dem Ausmaß der Sorglosigkeit beim Umgang mit der Umwelt aus Gründen der Gewinnmaximierung zu den besten Wahlhelfern der Grünen geworden!
Dennoch: Es ist nicht die Soziale Marktwirtschaft, die die Umwelt zerstört. Denn dann wäre sie per definitionem eine unsoziale, weil ungerechte Marktwirtschaft, die sich am Lebensrecht anderer vergreift. Es ist die Fehllenkung des Eigeninteresses -weniger Kosten und höhere Bequemlichkeit und Komfort bei höherer Umweltbelastung -, die uns alle in der Sozialen Marktwirtschaft in ihrer derzeitigen Prägung zu Umweltsündern macht! Eine wirklich Soziale Marktwirtschaft, in der selbstverständlich im Adjektiv »sozial« das Wort »ökologisch« mit enthalten ist, muß statt dessen so gestaltet sein, daß es gewinnbringend und attraktiv ist, mehr statt weniger für den Umweltschutz zu tun! Dann wird diese Wirtschaftsform ihre umweltschützende Herausforderung genauso gut wie ihre ökonomische Herausforderung bestehen.

III.
Dabei - und dies ist bisher noch den allerwenigsten bewußt - ist die ökologische Herausforderung der Sozialen Marktwirtschaft zugleich auch eine ökonomische! Ich konnte in den »Ökologischen Milliarden« nachweisen, daß wir beim gegenwärtigen Stand der Umweltverschmutzung und -zerstörung jährliche Umweltschäden - ausgedrückt in Geld - von mindestens (!) 100 Milliarden Mark pro Jahr haben. Das ist doppelt so viel wie der Bundesverteidigungsminister 1985 ausgegeben hat, und 100 Milliarden Mark nahmen BadenWürttemberg, Bayern, Hessen und NordrheinWestfalen 1984 zusammen insgesamt an Steuern ein. Das entspricht auch grob dem, was die Arbeitnehmer hierzulande jährlich an Lohnsteuer abführen müssen. Welch deprimierende »Ökologische Schadensbilanz« dieser großen Industrienation, welch gigantische Verschwendung materiellen Volksvermögens, das heißt des Vermögens von uns, unseren Kindern und Kindeskindern ! Nun könnte man einwenden: Die Vermeidung dieser Umweltschäden ist viel zu teuer, deshalb müssen wir sie notgedrungenermaßen hinnehmen! Aber nein: Beim gegenwärtigen Stand der Umweltverschmutzung bringt jede sinnvoll in den Umweltschutz investierte Million durchschnittlich einen Nutzen von mindestens 3 Millionen Mark an ersparten Umweltschäden. Wenn Wirtschaft und Staat, wenn wir alle nicht pfleglicher und sparsamer mit der Umwelt umgehen und wenn wir nicht wesentlich mehr und sinnvoll Geld für den Umweltschutz ausgeben, versündigen wir uns nicht nur an der Natur und der Umwelt als einer Gabe Gottes, sondern begehen zugleich die größte wirtschaftliche Torheit! Jeder Vorstandsvorsitzende einer Aktiengesellschaft würde die nächste Aktionärs- und Aufsichtsratsitzung nicht überstehen, wenn er die Chance ausließe, mit einer Million Mark zusätzlicher Kosten einen Ertrag von drei Millionen zu haben. Kein Manager kann es sich ungestraft leisten, auf einen Gewinn von zwei Millionen zu verzichten. Und genau dies haben wir jahrelang auf dem Umweltsektor getan und tun es zum Teil noch heute. (Auch) dieses in den »Ökologischen Milliarden« ermittelte »Traum«-Nutzen-Kosten-Verhältnis sinnvoller Umweltschutzmaßnahmen ist also eine unmittelbare Aufforderung zum verstärkten umweltpolitischem Handeln!

IV.
Allerdings brauchen wir uns nicht, wie uns das Weltuntergangspropheten und Bestsellerautoren empfehlen, zu fragen, wie wir auch im Hinblick auf die angeblich unabweisbare Umweltkatastrophe »mit der Gewißheit des drohenden Untergangs ohne Verzweiflung und Erbitterung fertig werden« und ob wir noch ein Apfelbäumchen pflanzen sollen (v. Ditfurth, 1985, S. 16). Nein: Wir müssen -wie das der bayerische Umweltstaatssekretär Alois Glück fordert -anpacken und nicht aussteigen! Untergangsstimmung angesichts von Kriegs- und Kriegsfolgeschäden, die das Mehrfache des Bruttosozialprodukts der Nachkriegsjahre betragen haben, hätten unsere Mütter und Väter haben können, und sie haben sie zum Teil auch gehabt. Dennoch: Sie haben angepackt und ein zerstörtes Land wieder aufgebaut. Wir haben zwar auch eine große Umweltzerstörung mit Umweltschäden von jährlich mindestens 100 Milliarden oder mindestens 6% der Wirtschaftsleistung eines Jahres. Wir haben aber auch einen achtmal (!) so hohen materiellen Lebensstandard wie unsere Mütter und Väter nach dem Krieg! Und da sollen wir uns - Sie und ich -auf das Ende vorbereiten? Welch defätistischer Unsinn! Nein: Wenn wir unsere Soziale Marktwirtschaft umweltfreundlicher »umkonstruieren«, dann werden wir in genauso kurzer Zeit den »Ökologischen Wiederaufbau« schaffen, wie dies durch das Wirtschaftswunder mit dem »Ökonomischen Wiederaufbau« gelungen ist. Wir müssen »nur« die stärkste Kraft dieser und jeder Wirtschaftsordnung, das Eigeninteresse beziehungsweise den Egoismus aller umleiten: Diese Kraft darf nicht länger auf die Mühle der Umweltgefährdung und -zerstörung einwirken, sondern muß sich auf die Mühle der Umweltschonung und Umweltrettung ergießen. Und: Dies ist machbar!

V.
Dazu habe ich für das gesamte Spektrum der Umweltpolitik ein ganz konkretes, handfestes marktorientiertes Programm entwickelt. In den 7 Programmteilen: »- Geballte Verbrauchermacht >Sparen und Gewinnen durch Umweltschutz< - Verbesserte Umweltkontrolle und verstärkte Umwelthaftung - Das Eigeninteresse vor den Karren der Luftreinhaltung - Den marktorientierten Gewässerschutz stärken - So wird der Boden marktwirtschaftlich geschützt - 33 Milliarden Mark Lärmschutzkosten senken, und - Mehr Arbeit durch mehr Umweltschutz« werden 56 ganz konkrete Vorschläge gemacht, wie wir alle - und die Umwelt-Politiker - Umweltschutz (auch) durch Eigennutz tatsächlich und vor allem in ausreichendem Umfang verwirklichen können. Aus diesem Programm »Umwelt, Markt und Arbeit« (vgl. Wicke, L.: Die ökologischen Milliarden, München 1986, S. 235 ff. Siehe dazu auch Brunowsky, R. D./Wicke, L.: Der Öko-Plan, München 1984, S. 159 ff.) hier nur drei Beispiele:

1. Zunächst sind wir alle, Sie und ich und auch Müller, Maier, Schulze, als umweltbewußte Nachfrager in den Haushalten, Unternehmen und öffentlichen Körperschaften gefordert. Wenn wir uns zum Beispiel durch die Lektüre des »Öko-Sparbuchs« (Gege, M., Winter, G. u. a.: Das Öko-Sparbuch für Haushalt und Familie. München 1986) besser informieren, werden wir feststellen, daß es viele, sehr viele Möglichkeiten gibt, durch umweltbewußten Einkauf Geld zu sparen, die eigene Gesundheit unmittelbar zu schützen und Gewinne zu machen. Dann werden wir zum Beispiel begreifen, daß eine vierköpfige Familie durch Einbau eines Dosierventils für 20 Mark bei der Toilettenspülung (für das »kleine Geschäft«) nicht nur die Grundwasservorräte schützen, sondern auch gleichzeitig bis zu 200 DM pro Jahr sparen kann. Nach diesem Prinzip können Eigennutz und Umweltschutz eine Ehe eingehen! Das gleiche gilt auch für den Kauf lösemittelarmer und deshalb gesundheitsunschädlicher Lacke und vieler anderer Produkte mit dem blauen Umweltengel. Wenn alle Nachfragegruppen Haushalte, Unternehmen und öffentliche Stellen - auch aus Eigennutz umweltbewußt einkaufen, dann müssen die Anbieter nur noch umweltfreundliche Produkte auf den Markt bringen, ob sie wollen oder nicht. Geballte marktwirtschaftliche Nachfragemacht für den Umweltschutz!

2. Beispiel aus dem Programm »Umwelt, Markt und Arbeit«: Es geht kein Weg daran vorbei, wir brauchen eine wesentlich verbesserte Umweltkontrolle unter Anwendung des ganzen Fortschritts der Meß-, Kommunikations- und Computertechnik und eine verschärfte Umwelthaftung! Auch bei der Diskussion dieser Forderung spukt ein lange gehätscheltes Gespenst durch die deutsche Umweltpolitik: Die deutsche Wirtschaft könnte umweltpolitisch überfordert werden! Eine verbesserte Umweltkontrolle führe zu »Meßorgien« und unvertretbar hohen Kontrollkosten und eine verstärkte Umwelthaftung zu unkontrollierbaren Haftungsrisiken oder unbezahlbaren Versicherungspolicen!
Dieses Gespenst läßt sich durch zwei Blicke in den marktwirtschaftlich-kapitalistischen Westen und Osten schnell vertreiben: In Japan wird selbstverständlich der Schadstoffausstoß der wichtigsten Produzenten ständig gemessen und überwacht. Umweltsünder werden nicht per Zufall, weil Tiere - zum Beispiel Aale - sterben, entdeckt, sondern in den Präfekturen schrillen die Alarmglocken, wenn der zugelassene Schadstoffausstoß überschritten wird. Außerdem haften die japanischen Firmen genauso wie die in den USA für Umweltschäden selbst dann, wenn sie nicht schuldhaft gehandelt haben! Und mir ist dennoch nicht zu Ohren gekommen, daß die internationale Wettbewerbsfähigkeit Japans oder der USA unter diesen Umweltanforderungen merklich gelitten hat.
Auch wir müssen uns endlich von einer drückenden umweltpolitischen Erbsünde aus dem Jahr 1973 befreien: Das immer wieder beschworene Verursacherprinzip der Umweltpolitik muß, anders als ursprünglich definiert (vgl. Bundesministerium des Innern: Das Verursacherprinzip. Umweltbrief Nr. 1 Bonn 1973, S.5), ausdrücklich auch zu privat- und öffentlich-rechtlichen Haftungsansprüchen, insbesondere zu Schadensersatzansprüchen führen. Wer gut, kostengünstig und viel produziert und verkauft, soll in der Sozialen Marktwirtschaft gut und viel verdienen. Allerdings muß er auch wirklich alle Kosten tragen, zu denen natürlich auch Schadensersatzansprüche aus Gründen der Umweltgefährdung gehören! Wenn Maier, Krause, Schulze auch bei nicht schuldhaftem Handeln für Schäden aus Autounfällen gegebenenfalls bis zum Lebensende haften müssen, dann muß dieses Prinzip genauso bei Umweltunfällen und -schäden für die Wirtschaft gelten. Ich sage dies und das Folgende bewußt als wirtschaftsfreundlicher, engagierter Umweltschützer und Vorsitzender des Forums »Umweltschutz« der Berliner CDU: Die deutsche Wirtschaft hat mit weit über 100 Milliarden Mark Umweltschutzausgaben wirklich eine ganze Menge für den Umweltschutz getan und braucht sich gegenüber ihren ausländischen Wettbewerbern wahrhaftig nicht zu verstecken! Aber: Es ist eine völlig falsch verstandene Solidarität mit den wenigen wirklich schwarzen Schafen in den Reihen der Wirtschaft, wenn man eine sinnvolle, entbürokratisierte und automatisierte Kontrolle und eine verschärfte Haftung für Umweltsünden zu vermeiden trachtet. Es ist einfach unverantwortlich gegenüber der Umwelt und gegenüber den über 99% aller Firmen, die sich weitgehend umweltfreundlich verhalten, daß die schwarzen Schafe nicht oder nur durch Zufall erkannt werden können. Außerdem reduzieren diese relativ wenigen Umweltsünder -wie wir alle wissen -die Glaubwürdigkeit und die hohen Umweltschutzanstrengungen der Wirtschaft als Ganzes in den Augen der Öffentlichkeit bis auf Null. In der deutschen Umweltpolitik sollte allen Beteiligten klar werden: Die Umwelt braucht Glacehandschuhe. Die relativ wenigen deutschen, potentiell oder tatsächlich die Umwelt gefährdenden Firmen und Branchen, wie zum Beispiel manche Chemiefirmen, sind so robust, daß sie durchaus energische Politikerhände vertragen können!
Eine wesentlich verbesserte, automatisierte Umweltkontrolle sorgt nicht nur für einen besseren Schutz der Umwelt, sondern ist auch zur zwingend notwendigen Beweissicherung nötig. Erst dadurch - und dies wird in der gegenwärtigen Diskussion oft schlicht übersehen -kann die verschärfte Umwelthaftung tatsächlich wirksam werden. Wenn wirklich alle Umweltschadenskosten getragen werden müssen, also auch die zur vollständigen Wiederherstellung des ökologischen Zustandes vor einem Umweltunfall, dann werden größere Umweltsünden bis zum Bankrott und Umweltkriminalität tatsächlich bis zu zehn Jahren Haft führen. Wenn alle sich selber schädigen, wenn sie dies mit der Umwelt tun, wird die Umwelt gerettet. Daran besteht kein Zweifel! Wird dieses Prinzip in die Tat umgesetzt, lohnt sich Umweltvorsorge plötzlich: Denn entweder man vermeidet existentielle Unternehmensrisiken oder man trägt extrem hohe Versicherungskosten. Dieses vollständige Verursacher- und Umweltvorsorgeprinzip hat in der Sozialen Marktwirtschaft eine genauso große Bedeutung wie die Prinzipien des Wettbewerbs und des Privateigentums! Letztere sind Prinzipien, die unter anderem durch die Bestimmungen des Kartellgesetzes und das Bürgerliche Gesetzbuch und die Strafgesetze durchgesetzt werden.

3. und letztes Beispiel aus meinem Programm: Umweltschutz durch Eigennutz mit staatlicher »Nachhilfe« betrifft aber nicht nur die Wirtschaft, sondern auch uns selber, zum Beispiel uns als Autofahrer. Noch immer haben wir 23 Millionen nicht entgiftete Altfahrzeuge, und alle Dieselfahrzeuge -mein eigenes eingeschlossen -haben keine Rußfilter. Diese Fahrzeuge müssen aber schnell sehr viel sauberer werden. Das läßt sich leicht bewerkstelligen. Wir brauchen nur die existierende Berliner Smog-Verordnung -verbessert -ins Bundesgebiet zu übertragen und deren Grundgedanken zu erweitern!
Alle Benziner sollten eine große Umweltplakette erhalten, wenn sie einen geregelten oder ungeregelten Katalysator haben oder auf andere technische Weise ihren Schadstoffausstoß deutlich senken. Auch DieselPkw mit Rußfilter erhalten diese Umweltplakette. Sie würde zu einem Markenzeichen für alle (relativ) umweltfreundlichen Kraftfahrer. Nur diese Fahrzeuge mit Plakette dürfen bei Smog-Alarm noch benutzt werden. In Berlin hat diese Regelung dazu geführt, daß im Winter 1985/86 siebenmal so viele Katalysatorautos gekauft wurden wie im übrigen Bundesgebiet. Nur die Autos mit der Umweltplakette dürfen wie bisher ohne Tempolimit fahren. Für alle anderen Autos würde Tempo 100 beziehungsweise 80 auf Autobahnen und Landstraßen gelten!
Ich bin sicher: Weil die deutschen Autofahrer auch weiter schnell fahren wollen, hätten auch ohne Steuervergünstigung innerhalb kurzer Zeit mindestens 80% aller Autos die Umweltplakette, und plötzlich gäbe es auch die Diesel-Rußfilter in der Bundesrepublik, mit denen zum Beispiel Daimler-Benz in den USA so effektvoll wirbt!

VI. Ich hoffe, daß ich mit diesen drei Beispielen aus meinem Programm »Umwelt, Markt und Arbeit« klarmachen konnte, daß mit einer einfallsreichen, innovativen Umweltpolitik in der Sozialen Marktwirtschaft die 100 Milliarden jährlichen Umweltschäden wirklich schnell auf ein verantwortbares Maß gesenkt werden könnten. Die Soziale Marktwirtschaft wird und muß nicht an ihren Umweltproblemen zugrundegehen. Im Gegenteil: Wenn wir das ordnungs- und wirtschaftspolitische Vermächtnis von Theodor Heuss, Konrad Adenauer und Ludwig Erhard richtig nutzen und den Eigennutz aller vor den Karren des Umweltschutzes spannen, ist das System der Sozialen Marktwirtschaft sogar der Schlüssel zur Lösung der Umweltkrise. Dann wird - und ich wiederhole mich bewußt in diesem Schlußsatz - die Soziale Marktwirtschaft ihre umweltpolitische Herausforderung, nämlich den ökologischen Wiederaufbau der Bundesrepublik Deutschland, genauso mit Bravour bestehen, wie sie die ökonomische Herausforderung nach dem Krieg mit Auszeichnung bestanden hat!
Dank und Berichte der MedaillenempfängerDieter Menninger
Rheinisch-Bergischer Naturschutzverein e. V.
Sehr verehrte Frau Dr. Hamm-Brücher!
Meine sehr verehrten Damen und Herren!1969 drehte ich den Filmbericht »Ausverkauf der Natur« gemeinsam mit Gottfried Gülicher für das erste Abendprogramm der ARD. 260qkm Natur und Landschaft wurden damals jährlich für die Anforderungen unserer Industrie- und Zivilisationsgesellschaft für immer verbraucht. Die Trabantenstädte schossen auf der grünen Wiese in die Höhe. Die Naturschützer wurden als Naturapostel und Piepmatzideologen abgewertet. Die Begegnung mit diesem Thema hat mich persönlich nicht mehr losgelassen. Vor meiner Haustür im Bergischen Land, einer Bilderbuchlandschaft am Rande des Ballungsraumes Bonn-Köln-Leverkusen-Düsseldorf, beschloß ich, etwas gegen die Ausräumung unwiederbringlicher Natur und Landschaft zu tun. Zunächst versuchte ich mit Filmvorträgen, die bedrohlichen Probleme bewußt zu machen. Nach den Veranstaltungen schüttelten mir die Bürgermeister und Gemeindedirektoren dankbar die Hände und sahen mir treu in die Augen, aber es geschah und änderte sich nichts, und als der Druck auf unser Bergisches Land immer bedrohlicher wurde, gründeten wir mit Freunden den Rheinisch-Bergischen Naturschutzverein. Er war eine Notgemeinschaft. Es saßen die CDU-Abgeordneten neben dem SPD-Mitglied und neben ihm engagierte Liberale, und allen gemeinsam ging es um die tiefe Sorge: wie verhindern wir den Ausverkauf der Natur im Bergischen Land? Wir starteten mit Klinkenputzen und sammelten 24000 Unterschriften gegen die Autobahn 31, die von Norden nach Süden das Bergische Land durchschneiden sollte. Wir erarbeiteten qualifizierte Argumente gegen diese Fehlplanung und trugen entscheidend dazu bei, ihren Bau zu verhindern. Gleichzeitig nahmen wir die wichtige Aufgabe in Angriff, die Naturschützer von ihrem Botanisiertrommelimage zu befreien. Wir führten die Vogelschützer, die Botaniker, die Ökologen, Schmetterlingskundler, die Ameisenbetreuer, Käferspezialisten und Gewässerschützer, die Wissenschaftler und die Praktiker in Gummistiefeln, die in den siebziger Jahren noch linear denkend jeder für sich arbeiteten, im Bergischen Land zusammen und gründeten schon 1975 im Blick auf einen langfristig wirksamen Naturschutz den Arbeitskreis Biologischer Garten- und Landbau. Wir bemühten uns, überall im Bergischen Land Freunde und Mitstreiter für den Naturschutz zu gewinnen. Mit Informationsständen und einem grün-weiß gespritzten Informationsbus, der von einer oberbergischen Firma ausrangiert und gespendet wurde, waren wir in Fußgängerzonen und vor Supermärkten präsent. In einer Kleinschule, die aufgegeben wurde, richteten wir ein Naturschutz-Informationszentrum Bergisches Land ein, in dem neben Weiterbildungsseminaren und Ausstellungen dem Bürger Rat und Hilfe für seine Probleme in Garten und Flur angeboten werden. Heute, 1987, zählt der Rheinisch-Bergische Naturschutzverein etwa 3000 Einzelmitglieder.
Als weiteres wichtiges Ziel erkannten wir, damit Schluß zu machen, daß die Naturschützer ständig mit Blaulicht hinter den Planungen der Behörden herrasen mußten und stets mit vollendeten Tatsachen konfrontiert wurden. In mühseliger Kleinarbeit gründeten wir in jeder Gemeinde des Bergischen Landes einen wirksamen Ortsverband, der heute schon im Vorfeld der 31 Planungen beteiligt ist. Der Rheinisch-Bergische Naturschutzverein wurde beachteter und geachteter Partner der Regierungspräsidenten, der Kreise und Gemeinden. 30 Ortsverbände bilden heute ein Sicherheitsnetz des Naturschutzes. Wir sind oft in die Versuchung geraten, auf Bitten anderer uns landesweit als Verein auszubreiten. Wir haben ihr widerstanden. Wir meinen, es ist sinnvoller in einem überschaubaren Raum Überschaubares zu leisten und unsere Erfahrungen weiterzugeben! Sie werden jetzt vielleicht die Empfindung haben: Hier haben wir eine Bürgerinitiative bestätigt, die im Naturschutz wirklich erfolgreich gearbeitet hat. Diese Umweltschützer haben nicht tote Fische auf die Treppen von Chemiewerken geschüttet und nicht nur lautstark demonstriert, sondern praktisch Entscheidendes für die Natur und Mitwelt erreicht. Meine sehr verehrten Damen und Herren! Ich muß Sie leider enttäuschen. Wir haben nur Millimeter an Boden gewonnen. In allen wesentlichen Forderungen haben wir so gut wie nichts erreicht. Das große Sterben der Pflanzen- und Tierarten geht unvermindert weiter. Der Landschaftsverbrauch wurde trotz verzweifelter Mahnungen nicht gebremst. Heute, 1987, sind die Bagger, Räumer, Teermaschinen in Aktion wie 1969. Allein in unserem Bergischen Land werden jede Sekunde vier qm, täglich 120 ha, für immer mehr Straßen, Siedlungen in bevorzugten Lagen, Gewerbegebiete, Talsperren, Müllplätze, Erholungsrummeleinrichtungen für immer verbraucht. Unsere Bemühungen, mit einem modernen, ökologischen Landbau die Natur zu pflegen, die Artenvielfalt bei Pflanzen und Tieren zu erhalten, die Rückstände in unserer Nahrung, die Nitratbelastung des Grundwassers zu mindern und durch neue Vertriebswege für biologisch erzeugte Produkte den Verbrauchern und landwirtschaftlichen Klein- und Mittelbetrieben zu helfen, sind kaum vorangekommen. Unsere konkreten Vorschläge, landwirtschaftliche Betriebe in den Wasserschutzzonen am Rande der zahlreichen Talsperren durch Umstellung auf einen ökologischen Landbau zu erhalten, sind gescheitert. Wir haben uns wundgestoßen an den Abwehrmauern der chemischen Agrikultur. Unsere Bemühungen, einen neuen anerkannten Ausbildungsberuf, den Naturpfleger neben dem Gärtner und Forstwirt, einzurichten, sind durch die Widerstände der etablierten Berufsverbände aufgeweicht worden und dabei zu zerbrechen. Unsere Appelle, die Landschaft nicht weiter durch einen unnötigen Straßenbau zu belasten - wir haben das dichteste und perfekteste Verkehrsnetz der Welt - verhallen kaum gehört.
Das Bergische Land wird zwar nicht mehr so intensiv durch spektakuläre Großprojekte wie die A 31 bedroht, aber durch Straßenausbaupläne und eine wahre Kurvenbegradigungsmanie weiter erbarmungslos in die Monotonie und Gesichtslosigkeit geführt.
Wir haben erfahren, daß trotz aller gesicherten wissenschaftlichen Erkenntnisse die Verfechter überholter Strukturen, die gegen die Natur gerichtet sind, daß die Weitermacher das Sagen haben und daß wir an dem heute vorherrschenden Grundsatz: »denn sie tun nicht, was sie wissen!« scheitern. Resignation? Nein! Wer darum weiß, was der große Rückzug des Knabenkrautes, der Schmetterlinge, der Braunkehlchen -unserer Lebensgefährten - für den Menschen bedeutet wer fühlt, daß wir mit dem Ausräumen der Natur und Landschaft selbst immer ausgeräumter und leerer werden wer erkennt, daß wir - und vor allem unsere Kinder - die Vielfalt in der Natur, weil sie Aufforderungscharakter an unsere Phantasie hat und uns entscheidend Mensch werden läßt, lebensnotwendig brauchen wer sich der sozial- und kulturpolitischen Folgen des Sterbens der Arten, des Marsches in die Monotonie, wie wachsende innere Kälte, steigende Aggressionen, Flucht in die Süchte, bewußt ist, kann nicht aufgeben.
In diesen Tagen erhielt ich den Brief eines sehr jungen engagierten Mitglieds des Rheinisch-Bergischen Naturschutzvereins. Nachdem er mir - wie ich jetzt Ihnen - seine tiefen Besorgnisse mitteilte, schrieb er weiter, und ich zitiere wörtlich: »Schluß mit der Resignation. Der Naturschutz im Bergischen Land läuft nach wie vor auf vollen Touren. Jedes Wochenende fahre ich aus Köln nach Oberauel, um Biotoppflegemaßnahmen im Steinbruch, zusammen mit Freunden, durchzuführen. Immerhin konnte durch Maßnahmen wie Tümpelbau und Entbuschung (jedes Jahr aufs neue) der Gelbbauchunkenbestand bei ca. 150 Exemplaren gehalten werden, der Bestand an Fröschen und Molchen konnte verzehnfacht werden. Im Gefolge tauchte 1986 auch wieder die lange Zeit vermißte Ringelnatter auf. Ein schöner Arbeitslohn.« Der Rheinisch-Bergische Naturschutzverein bleibt eine Insel der Hoffnung auf eine erträgliche Zukunft im Bergischen Land. Die THEODOR-HEUSS-STIFTUNG hat Bürger bestätigt, die nicht resignieren. Vielen Dank.

Max Himmelheber
Sehr verehrte Vorstands-Mitglieder der THEODOR-HEUSS-STIFTUNG,
sehr verehrte Damen und Herren,es ist dreißig Jahre her, daß ich in einem Vortrag darauf hingewiesen habe, daß sich unsere Weltindustriewirtschaft unausweichlich auf eine Katastrophe zubewegte und nur der Zeitpunkt des Eintritts ungewiß sei. Als Grund gab ich an, daß wir unsere Erde als ein unerschöpfliches Rohstoff- und Energiereservoir und als Müllgrube unendlichen Fassungsvermögens behandelten, so daß also unsere Wirtschaft linear vom Rohstoff über die Fertigprodukte zur Müllhalde verläuft. Im Gegensatz dazu sehen wir in der uns umgebenden Natur über geologische Zeiträume stabile Kreisläufe in Atmosphäre, Hydrosphäre, Lithosphäre und Biosphäre. Die an sich platte Selbstverständlichkeit, daß wir also an Grenzen stoßen, weil in einem begrenzten, mit Materie verknüpften System kein Vorgang in unbegrenzter Steigerung verlaufen kann, wurde vom Auditorium damals zunächst mit Erstaunen aufgenommen. Allerdings ist auch noch fünfzehn Jahre später bei ihrem Erscheinen die Studie des Clubs von Rom »Grenzen des Wachstums« als Sensation empfunden worden.
Ich habe dann in dem 1974 im Umschau-Verlag erschienenen Sammelband »Folgen der Zivilisation« das Kapitel »Die Abfall- und Abwassersituation - lineare Technik contracyclisches Naturgeschehen« bearbeitet. Meine Gedanken waren keineswegs neu: Längst wird Metallschrott, werden Altpapier und verbrauchte Textilien erneuter Produktion zugeführt, wofür von jeher die Ausdrücke Wiederverarbeitung oder Wiederaufbereitung gebräuchlich sind. Ich selbst sprach damals von Kreislaufwirtschaft, heute ist der Ausdruck Recycling jedem Kind geläufig.
Sobald man auf diesem Gebiet ins Detail geht, insbesondere beim Versuch, die Idee des Recycling in die Praxis umzusetzen, stößt man auf zwei, die Möglichkeiten grundsätzlich limitierende Probleme: Ich nenne sie das Energieproblem und das Informationsproblem (für Physiker kann ich auch sagen: das Entropieproblem). Mit der Produktion erhöhen wir den Ordnungsgrad gegenüber den Rohstoffen durch Zufuhr von Energie und Information, also einem geistigen Programm; mit Verbrauch und Zerfall der Produkte verschwindet die Ordnung wieder.
Viele Recyclingvorhaben scheitern daran, daß ein unvertretbar hoher Energieaufwand erforderlich ist oder dadurch Verschleiß die ursprünglichen Rohstoffe unwiederbringlich in die Umwelt verstreut sind, zum Beispiel Abrieb von Reifen, Bremsbelägen, Eisenbahnschienen, Oberflächenvergütungen usw.
Wenn mir schon vor dreißig Jahren die Forderung nach einer Kreislaufwirtschaft selbstverständlich erschienen ist, so deshalb, weil ich schon seit meiner Studentenzeit an der Entwicklung einer Abfallverwertungstechnik gearbeitet und sie bis zur Industriereife entwickelt habe. Es handelt sich um folgendes: Mein Vater, der eine kleine Möbelfabrik betrieb, sagte mir bei einem Waldspaziergang, daß von den Bäumen, die zur Verarbeitung gefällt werden, weniger als 40% der Holzsubstanz im fertigen Möbelstück erscheinen. Das übrige sei Abfall, der teils im Wald verbleibt, teils bei der Verarbeitung anfällt. Es sollte doch möglich sein, eine Technik zu entwickeln, um aus diesen Abfällen wiederum einen verwertbaren Werkstoff zu machen und somit dem Wald etwas Gutes zu tun.
Nach Abschluß meines Studiums griff ich den Gedanken auf und erhielt 1932 mein erstes Patent auf einen plattenförmigen Werkstoff aus Holzabfällen, den ich »Homogenholz« nannte, ein Holzhalbzeug mit weitgehend steuerbaren Eigenschaften. Ich stellte zunächst in an sich bekannter Weise aus den Säumlingen der Sägewerksindustrie Holzfaserstoff her und konnte diesen, nach Zusatz eines Kunstharzbindemittels, unter Druck und Hitze zu Platten und Formteilen von weitgehend holzartigem Charakter verpressen. Ich hatte das Verfahren industriereif entwickelt und den Plan einer ersten Fabrik fertiggestellt, als der Ausbruch des Krieges 1939 die Arbeiten unterbrach. Ich konnte noch, bevor ich 1940 in englische Kriegsgefangenschaft geriet, meinem Patentanwalt die Verwertung übertragen, ohne große Erfolgshoffnungen. Um so mehr war ich überrascht, als ich 1943 über Schweden ausgetauscht wurde, daß inzwischen drei Homogenholzfabriken entstanden waren. Zwei davon wurden nach dem Krieg von den Russen, die dritte, im Schwarzwald, von der französischen Besatzungsmacht demontiert. Mir verblieb ein Team für die »Kunstholzidee« begeisterter junger Mitarbeiter und das dortige Werkslabor, in dem ich eine in der Kriegsgefangenschaft konzipierte Idee realisieren konnte, nämlich anstelle des sehr energieaufwendigen Holzfaserstoffs Holzspäne zu verwenden, aber nicht die brüchigen, zufallsbestimmten Abfallspäne der Hobel- und Sägewerke, sondern aus stückigen Holzabfällen gezielt. erzeugte Späne ganz bestimmter geometrischer und struktureller Eigenschaften. Es kam zunächst darauf an, eine Hobelmaschine zu entwickeln, die nicht ein Werkstück erzeugen sollte, wobei Späne abfielen, sondern Späne vorbestimmter Eigenschaften: Alle sollten gleich lang, gleich breit und gleich dünn sein und ausschließlich in Faserlängsrichtung geschnitten. Damals entstanden die Ausdrücke Kunstspan, Spangeometrie und Spanzüchtung.
Läßt man solche zugfesten Flachspäne nach Aufbringung eines Bindemittels im freien Fall auf eine Unterlage fallen, so legen sie sich alle flach aufeinander und bilden beim Verpressen ein in allen Richtungen der Plattenebene sich gitterartig überkreuzendes Gefüge. Sie bilden den wahrscheinlich den meisten von Ihnen unter dem Namen Spanplatte bekanntgewordenen Werkstoff. Schon die ersten Proben zeigten überraschend gute Eigenschaften, so daß das Regierungspräsidium Süd-Württemberg/Hohenzollern, damals unsere oberste Landesbehörde in der französischen Zone, einen namhaften Entwicklungszuschuß gab, womit die zahlreichen weiter für das Verfahren erforderlichen Maschinen durchkonstruiert werden,konnten und der Plan einer Prototypfabrik entstand. Das Arbeitsgebiet konnte damals und in der Folgezeit durch 52 deutsche Patente und korrespondierende Auslandspatente abgesichert werden. 1951 wurden Aufträge auf Planung und Lizenzierung von drei ersten Fabriken erteilt, und zwar eine in Oberbayern, zwei in Japan. Inzwischen sind weitere 64 Fabriken der verschiedensten Auftraggeber in allen Erdteilen gefolgt, in die meine Mitarbeiter und ich stetig zunehmende Fortschritte einbauen konnten. Zur Zeit befinden sich zwei Großanlagen durch meine Mitarbeiter in USA im Bau. Nach Ablauf der 18jährigen Schutzfrist der Patente wurde das Verfahren weltweit aufgegriffen. Heute dürfte es schätzungsweise 600 bis 700 Spanplattenwerke in aller Welt geben mit einer Tagesproduktion von ca. 140000 m3 Platten. Würde man diese Werkstoffmenge durch Rundholz aus dem Wald ersetzen, so brauchte man dazu 70 000 Bäume. Diese bleiben somit, weil ihre nutzbare Holzmenge durch Spanplatten, also durch Abfallmaterial, ersetzt wird, Tag für Tag weltweit den Wäldern erhalten. Die Spanplattentechnik ist somit ein frühes Beispiel für Abfall-Recycling, eine frühe ökologische Technologie. Wenn Kulturhistoriker einer späteren Zeit einmal nach einer Bezeichnung für das letzte Drittel des 20. Jahrhunderts suchen sollten, dann werden sie wahrscheinlich von der ökologischen Bewußtseinswende sprechen. Unsere fünfziger und sechziger Jahre sind gekennzeichnet durch das weltweite Erwachen eines neuartigen Bewußtseins, für das sich die Bezeichnungen Umweltbewußtsein oder ökologisches Bewußtsein herausgebildet haben. In zahlreichen voneinander unabhängigen Personen, Zellen und Zirkeln entstand die Erkenntnis von einer Gefährdung der Lebenswelt durch menschliche Tätigkeit und deren Bestimmtheit aus einseitig wissenschaftlichem Denken und seinen wirtschaftlichen und militärischen Anwendungen. Ich selbst hatte das Glück, drei solchen, voneinander unabhängigen Kreisen anzugehören, durch die mir klar wurde, daß es notwendig sei, alle Gedanken zur ökologischen Problematik und zu den durch sie ausgelösten Krisenerscheinungen auf ein umfassendes geistiges Fundament zu stellen, um nicht bei rein technischen und ökonomischen Überlegungen und Motivierungen stehenzubleiben.
Wenn ich mich heute beim Vorstand der THEODOR-HEUSS-STIFTUNG für die mir erwiesene hohe Ehrung bedanke, dann möchte ich aus diesem Anlaß auch dankbar dreier Männer gedenken, die nicht mehr unter uns weilen, die aber meinen Lebensweg und meine Arbeit in den letzten 25 Jahren maßgebend beeinflußt haben. Jeder der drei Männer war die führende geistige Kraft in einem der drei vorhin von mir erwähnten Zusammenschlüsse. Es sind dies: Der Dichter und Philosoph Friedrich Georg Jünger, der Historiker Friedrich Wagner und der Physiker Walter Heitler. (Der letztere übrigens mein Schulbanknachbar von unserem 6. bis 10. Lebensjahr auf einer Karlsruher Volksschule, 1910 bis 1914).
Die für mich wichtigsten Buchveröffentlichungen der drei genannten Autoren sind: Friedrich Georg Jünger »Die Perfektion der Technik« (geschrieben 1939, gedruckt 1953), Friedrich Wagner »Die Wissenschaft und die gefährdete Welt« (1964), Walter Heitler »Die Natur und das Göttliche« (1974).
Mit dem Tod von Friedrich Georg Jünger, Friedrich Wagner und Walter Heitler lösten sich ihre Kreise auf, doch war schon zu ihren Lebzeiten der Gedanke entstanden, das erarbeitete Geistesgut zu erhalten und weiterzutragen. Der Plan einer Zeitschrift entstand und führte 1971 zur Gründung der SCHEIDEWEGE, Vierteljahreszeitschrift für skeptisches Denken, durch Friedrich Georg Jünger und mich. Seit 1983 erscheinen die SCHEIDEWEGE als einmaliger Jahresband.
In den SCHEIDEWEGEN wurden von ihrer Gründung an Dinge besprochen, die erst ein Jahrzehnt später ins allgemeine Bewußtsein getreten sind. Gegenwärtig bereiten die SCHEIDEWEGE ihren 17. Jahrgang vor. Das danke ich auch dem Kreis von Autoren, der sich um die Schrift gebildet hat, zum Teil in langjähriger, freundschaftlicher Verbundenheit. Ich schätze mich glücklich, auch die Herren Klaus Michael Meyer-Abich, Günter Altner und Ernst Ulrich von Weizsäcker zu diesem Freundeskreis rechnen zu dürfen. Ebenso habe ich meinen Mitarbeitern, Jürgen Dahl und Reinhard Löw, dafür zu danken, daß sie nicht nur als unermüdliche Mitredakteure, sondern auch als Autoren das Gesicht der SCHEIDEWEGE maßgebend mitprägen. Die SCHEIDEWEGE sind kein kommerzielles Unternehmen, sondern werden zum Teil von einer gemeinnützigen Stiftung getragen. Ich hoffe, meinen Dank an die THEODOR-HEUSS-STIFTUNG am besten dadurch abstatten zu können, daß ich mich auch in Zukunft nach Kräften dafür einsetze, dem vom Kreis der Autoren vertretenen Geistesgut weiterhin und weithin Geltung zu verschaffen.
Michael Amold
Stadt Rottweil
Sehr verehrte Frau Dr. Hamm-Brücher,
meine sehr geehrten Damen und Herren!Für die Auszeichnung mit der THEODOR-HEUSS-MEDAILLE möchte ich mich namens der Bürgerinnen und Bürger der Stadt Rottweil ganz herzlich bedanken. Wir freuen uns darüber und betrachten die hohe Auszeichnung als Ansporn, den eingeschlagenen Weg weiterzuverfolgen.
Ich möchte diesen festlichen Rahmen zum Anlaß nehmen, Ihnen in vier Punkten die Grundüberlegungen für das darzustellen, was andere gelegentlich als das »Rottweiler Modell« bezeichnet haben.
1.
Die Bemühungen der Stadt und der Stadtwerke Rottweil auf dem Gebiet der Energieversorgung lassen sich auf eine schlichte Formel bringen. Zum einen erzeugen wir in eigenen Anlagen Strom, so in unserem Blockheizkraftwerk, in unserer Kläranlage, durch Wasserkraft und - vielleicht in einer nicht allzu fernen Zukunft - auch in einer Müllverwertungsanlage. Zum anderen sind wir seit Jahren dabei, die angebotene Energie durch sinnvolle Maßnahmen wie Blockheizkraftwerke, Nahwärme-Konzepte oder Lastspitzenoptimierung besser zu nutzen. Alle diese Einrichtungen haben den einfachen Zweck, den Bezug von Strom und Gas von unseren Vorlieferanten, der Energieversorgung Schwaben und der Gasversorgung Süddeutschland, zu verringern. Diese Bemühungen sind keineswegs von der Absicht getragen, die Geschäftsinteressen unserer Vorlieferanten zu beeinträchtigen, vielmehr wollen wir damit unseren Beitrag dazu leisten, daß ein wahrscheinlich auch weiterhin wachsender Energiebedarf nicht zwangsläufig zur Vergrößerung oder Neuplanung von Großkraftwerken jeglicher Art führen muß. Unsere Bemühungen bleiben allerdings sinnlos, wenn andere leistungsfähige kommunale Versorgungsbetriebe nicht mitmachen. Ich verstehe deshalb die heutige Auszeichnung mit der THEODOR-HEUSS-MEDAILLE auch als Ansporn und als einen Anreiz für alle diejenigen kommunalen Versorgungsbetriebe, die sich nicht nur als reine Verteilerwerke von geliefertem Strom oder Gas betrachten, sondern mit eigenen Ideen zur Verringerung dieser Bezugsmengen beitragen wollen.

2.
Die Weiterführung der energiepolitischen Anstrengungen der Stadt Rottweil ist nur in einem partnerschaftlichen Verhältnis mit unseren Vorlieferanten möglich. Ohne die sichere zentrale Versorgung wären unsere Bemühungen umsonst. Dezentrale Energietechniken wie in Rottweil können unsere zentralen Versorger nicht ersetzen. Was wir aber wollen, ist eine differenzierte Energielandschaft, in der die kommunalen Versorgungsbetriebe mit einem hohen Eigenerzeugungsanteil ihren festen und selbstverständlichen Platz haben. Monopole haben in der sozialen Marktwirtschaft nach unserem Verständnis keinen Platz, sei es im Bereich der Wirtschaft, im Bereich der Medien oder auch bei der Energieversorgung.

3.
Die Rottweiler Bemühungen um dezentrale Eigenerzeugung von Strom und eine verbesserte Energieausnutzung haben in erster Linie einen umweltpolitischen Sinn. Geringerer Energieverbrauch bedeutet nämlich immer auch eine Schonung von Umweltressourcen. Dieser umweltpolitische Effekt wird bei uns aber nicht durch Auflagen oder staatlichen Dirigismus erreicht, sondern unsere Anstrengungen sind auch wirtschaftlich sinnvoll. »Die Dinge rechnen sich«, wie unser engagierter Stadtwerke-Direktor Rettich immer zu sagen pflegt. Und so haben wir die glückliche Erfahrung machen können, daß ein verbesserter Umweltschutz nicht nur mit staatlichen Eingriffen und Auflagen, sondern mit den ureigensten Mitteln der sozialen Marktwirtschaft erreicht werden kann. Die Versöhnung von Ökonomie und Ökologie, das Motto Ihrer diesjährigen Preisverleihung, findet hier einen sehr sinnfälligen Ausdruck.

4.
Die Rottweiler Initiativen zur verbesserten Eigenerzeugung und Einsparung von Energie werden von allen politischen Gruppierungen unserer Stadt getragen. Angefangen bei der CDU-Mehrheitsfraktion über die SPD, die 'Freien Wähler, die Grün-Alternative Liste und die FDP sind wir uns einig in dem Ziel, die Energieversorgung durch eigene Anstrengungen ein Stück mehr zu dezentralisieren. Wir sehen diese Bemühungen vor dem gesamtpolitischen Hintergrund, daß etwa gerade die Stromerzeugung in Großkraftwerken an umweltpolitische Grenzen stoßen wird, sei es die Stromerzeugung in Kohle-oder in Kernkraftwerken. Diese Überlegung ist eigentlich nicht neu. Sie wurde bei uns vor allem nicht durch die Stichworte »Buschhaus« oder »Tschernobyl« ausgelöst, sondern dadurch allenfalls bestätigt. Die Anwesenheit aller unserer Fraktionssprecher zeigt Ihnen, daß wir auf der überschaubaren Ebene unserer Stadt in diesem Punkt über die Parteigrenzen hinweg politische Einigkeit erzielt haben. Wir möchten Sie mit dieser Einigkeit »infizieren« und wollen, daß unsere Gedanken »ansteckend« wirken. Wir hoffen, daß sich diese Gedanken auch epidemisch ausbreiten, denn eine solche »Krankheit« kann nur reinigend wirken auf die gesamte energiepolitische Diskussion in unserem Land, die aus unserer Sicht leider noch von zu vielen »intellektuellen Störfällen« begleitet wird.
Schlußwort
Hans-Jochen Vogel
Sehr geehrte Damen und Herren!Wenn ein Redner als Sprecher des Schlußwortes angekündigt wird, knüpft sich daran die Hoffnung, daß die Sache bald ein Ende haben werde. Ich will diese Hoffnung, deren Erfüllung Sie sich redlich verdient haben, nicht enttäuschen. Deshalb beschränke ich mich auf zwei Bemerkungen: Erstens: Ich gratuliere der Stiftung und danke allen, die an und in ihr mitarbeiten. Viele reden vom Vermächtnis Theodor Heuss. Hier wird es erfüllt, und zwar in einer Art und Weise, die für die politische Kultur unseres Landes stilbildend wirkt und hohe Maßstäbe setzt, Maßstäbe, die man sich andernorts gelegentlich in Erinnerung rufen sollte. Und wenn ich »man« sage, dann meine ich auch uns alle hier, wenn wir uns bei weniger feierlichen Gelegenheiten begegnen. Stellvertretend für viele gilt der Dank vor allem Ihnen, sehr geehrte Frau Kollegin Hamm-Brücher, weil Sie die Stiftung vom ersten Tage an verkörpern, weil Sie zugleich der Kopf und das Herz dieses Unternehmens sind und weil Sie vor Hindernissen, Schwierigkeiten und Mißverständnissen - und die gab es ja auch - nicht kapituliert haben. Das alles macht Ihnen so schnell keiner nach. Es macht Ihnen auch keiner nach, aus einer 21jährigen, dort geborenen Münchnerin - denn das war die Stiftung zur Zeit ihrer Übersiedlung - eine Stuttgarterin werden zu lassen - und das ganz ohne öffentliche Mißtöne. Aber ich muß einräumen, die neuen Adoptiveltern lassen es ja an Zuwendung - ich meine die ideelle, deshalb die Einzahl, und auch an Zuwendungen - jetzt meine ich die materiellen - nicht fehlen. Und dafür entbiete ich der Stadt Stuttgart und dem Lande Baden-Württemberg ein gut Münchnerisches »Vergelt's Gott«. Zweitens: Ich beglückwünsche Sie, Herr Meyer-Abich, und Sie, Herr Brunowsky und Herr Wicke, zur heutigen Verleihung des THEODOR-HEUSS-PREISES. Es ist wahr - Sie haben die Verantwortung des Menschen für seine Mitwelt früher erkannt als andere, und Sie haben daraus Konsequenzen gezogen. Sie, Herr Meyer-Abich, indem Sie dargetan haben, daß auch moderne Industriegesellschaften zum Frieden und zur Versöhnung mit der Natur fähig sein können. Und Sie, Herr Brunowsky und Herr Wicke, indem Sie mit Ihrem Buch »Der Öko-Plan« dem Vorurteil entgegengetreten sind, Arbeit und Umwelt seien Gegensätze oder Wachstum sei nur auf Kosten der Umwelt möglich. Von Ihnen, meine Herren Preisträger, sind Bewußtseinsveränderungen gefördert worden, deren Substanz der Bundespräsident, Herr von Weizsäcker, HEUSS-PREIS-Träger des Jahres 1984, vor kurzem in einer Rede, die nicht weniger Aufmerksamkeit verdient, wie die zum 8. Mai 1985, so umschrieben hat:
»Ist die Erhaltung der Umwelt nur ein Kriterium neben anderen für unseren Standard an Lebensqualität? Über solche Relativierung geht die Entwicklung mit Macht hinweg. Die Frage lautet nicht mehr, ob wir uns aus Qualitätsbewußtsein eine mehr oder weniger schöne und saubere Umwelt schaffen oder auch zugunsten anderer Ziele darauf verzichten wollen. Die Umweltfrage ist selbst zur Überlebensfrage der Menschheit geworden. Das grundlegende Ziel ist es, die Schöpfung zu bewahren. Nur wenn wir die Natur um ihrer selbst willen schützen, wird sie uns Menschen erlauben zu leben.«
Ich gratuliere nicht minder herzlich den Empfängern der THEODOR-HEUSS-MEDAILLEN. Sie alle haben sich im Sinne der soeben von mir zitierten Sätze mit Erfolg engagiert. Sie haben nicht nur von anderen etwas verlangt; sie haben selber etwas getan. Und Sie haben Beispiele gegeben, die von anderen aufgegriffen und übernommen werden können. Besonders freut mich, daß nach Castrop-Rauxel (1979) und der Gemeinde Meeder (1982) wieder eine Stadt ausgezeichnet worden ist. Die Auszeichnung Rottweils unterstreicht, welche Bedeutung gerade den Kommunen beim Schutz und der Wiederherstellung der Umwelt zukommt.
Weil ich so kurz geblieben bin, wie ich das versprochen habe, darf ich noch eine Bemerkung anfügen. Ich möchte nämlich als einer, der die Stiftung von ihrer Geburtsstunde an begleitet hat, auch diesmal an diejenigen erinnern, die an der Gründung der Stiftung beteiligt waren und seitdem von uns gegangen sind, nämlich an Waldemar Besson, Karl-Hermann Flach, Werner Friedmann, Otto Hahn, Karl-Gotthard Hasemann, Werner Heisenberg, Ernst Ludwig Heuss, Georg Hohmann, Hans Lenz, Alfred Marchionini, Christoph von Tucher und Carl Zuckmayer.
Sie wären mit der heutigen Veranstaltung wohl zufrieden. Und Theodor Heuss auch. Und das ist sicher das Beste, was sich über die Sache sagen läßt.

1987