Theodor Heuss Stiftung

Werner Nachmann

Der THEODOR-HEUSS-PREIS für 1986 wurde dem Präsidenten des Zentralrates der Juden in Deutschland Herrn Werner Nachmann zuerkannt für seine jahrzehntelangen tapferen und geduldigen Bemühungen um den jüdischdeutschen Aussöhnungsprozeß und den Versuch eines neuerlichen Zusammenlebens von Juden und Deutschen in der Bundesrepublik. Dabei waren und sind auf beiden Seiten immer von neuem Ängste, Vorbehalte und Schwierigkeiten zu überwinden. Werner Nachmann hat durch seine versöhnungsbereite Grundhaltung - trotz mancher Rückschläge - hierzu entscheidend beigetragen. Diese Grundhaltung ist es auch, die ihn immer wieder zum offenen Dialog befähigt, um auf diesem Wege das gegenseitige Verständnis zu verbessern. So versteht sich Werner Nachmann auch als versöhnungsbereiter Mittler gegenüber dem Staate Israel. Bei zahlreichen Anlässen hat er zwischen den Regierungen beider Länder auf die diskreteste und selbstloseste Weise eingewirkt und dazu beigetragen, daß mögliche Mißverständnisse überwunden werden konnten. Damit hat er zum Gelingen vieler offizieller deutscher Besuche in Israel und zur Verbesserung der deutsch-israelischen Beziehungen beigetragen.

Arbeitsgemeinschaft Juden und Christen beim Deutschen Evangelischen Kirchentag (Abbau gegenseitiger Vorurteile im deutsch-jüdischen Verhältnis)

THEODOR-HEUSS-MEDAILLEN 1986 wurden verliehen an:

Die Arbeitsgemeinschaft Juden und Christen beim Deutschen Evangelischen Kirchentag - Frau Edna Brocke - Prof. Dietrich Goldschmidt - Pfarrer Otto Schenk - Pfarrer D. Martin Stöhr Schon im Jahr 1949 hatte sich der Evangelische Kichentag in einer Grundsatzerklärung entschlossen, "in der Wahrheit und in der Liebe die Begegnung mit Juden zu suchen". Aus diesem Bekenntnis heraus wurde 1961 die Arbeitsgemeinschaft Juden und Christen gegründet, die sich seither im brüderlichen Geist der Begegnung und Wiedergutmachung, der Achtung und Hilfe um die deutsch- jüdische Aussöhnung verdient gemacht hat. Ihre Arbeit ist geprägt vom Gedanken des Miteinanders durch gemeinsames Lernen und Handeln. Während der Kirchentage bemüht sich die Arbeitsgemeinschaft in unzähligen Veranstaltungen, Diskussionen und Vortragsreihen, sich dem Friedensauftrag der Kirchen zu stellen und zum Abbau gegenseitiger Vorurteile im deutsch- jüdischen Verhältnis beizutragen.

Tadeusz Szymanski (Einsatz als Betreuer und Gesprächspartner für Besuchergruppen im ehemaligen Konzentrationslager Auschwitz)

THEODOR-HEUSS-MEDAILLEN 1986 wurden verliehen an:

Tadeusz Szymanski für seinen unermüdlichen Einsatz als Betreuer und Gesprächspartner für Besuchergruppenn im ehemaligen Konzentrationslager Auschwitz. Tadeusz Szymanski war Häftling in Auschwitz, Groß- Rosen und Buchenwald. Nach der Befreiung wirkte er aktiv am Aufbau des Staatlichen Museums in Auschwitz mit. Über Jahrzehnte hat Tadeusz Szymanski unzählige Gruppen, die das Konzentrationslager besucht haben, geführt, betreut, informiert, sie mit den Ursachen und Folgen des Faschismus konfrontiert. Er war dabei immer ein hilfreicher Gesprächspartner, der aufgeschlossen und verständnisvoll, ohne Vorbehalte und Vorwürfe den Kontakt und das Gespräch gesucht hat. Für viele Menschen erbrachte die Begegnung mit Tadeusz Szymanski die Erfahrung, daß Versöhnung Erinnern voraussetzt. Es ist seine Lebensleistung, den Mut zum Erinnern immer von neuem zu wecken und die Kraft zur Versöhnung zwischen Deutschen und Polen zu stärken.

Förderverein Internationale Jugendbegegnungsstätte Dachau (Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus)

THEODOR-HEUSS-MEDAILLEN 1986 wurden verliehen an:

Der Förderverein sieht seine Aufgabe und Chance darin, gerade zwischen jungen Menschen durch Mut zum Erinnern Kraft zur Versöhnung zu entwickeln. Die Mitglieder haben sich deshalb zum Ziel gesetzt, eine internationale Jugendbegegnungsstätte in Dachau zu schaffen. Der Grundgedanke ist, die vielen tausend jungen Menschen, die alljährlich das ehemalige Konzentrationslager Dachau besuchen, pädagogisch zu betreuen, um ihnen zu helfen, die erschütternden Eindrücke besser verarbeiten zu können. Zu diesem Ziele hat eine Gruppe pädagogisch engagierter Bürger den jetzt 240 Mitglieder zählenden Verein gegründet. Mut, Engagement und Zivilcourage sind die Voraussetzung für die öffentlichkeitswirksame Arbeit des Vereins, der auch gegen örtliche Widerstände anzukämpfen hat. Es wurden bisher schon Zeltlager und Camps für internationale Begegnungen organisiert, die sich thematisch mit den Ursachen und Folgen des Faschismus auseinandergesetzt haben. Dabei wird die Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus - also das Erinnern - als wesentliches Element politischer Bildungsarbeit angesehen, um daraus die Kraft zur Versöhnung zu schöpfen.

Hartmut Peters und das Schüler-Lehrer-Projekt Juden besuchen Jever (deutsch-jüdische Aussöhnung am Beispiel der Heimatstadt)

THEODOR-HEUSS-MEDAILLEN 1986 wurden verliehen an:

Hartmut Peters und das Schüler-Lehrer-Projekt Juden besuchen Jever für ihr jahrelanges Engagement um deutsch-jüdische Aussöhnung am Beispiel der eigenen Heimatstadt.
Die Schüler- Lehrer- Gruppe geht auf eine Schülerbegegnung zurück, die seit 1978 immer wieder auch Lehrer motiviert hat, bei der Erkundung der örtlichen Vergangenheit, bei der Präsentation der Ergebnisse und bei politischen Projekten zu helfen. Lehrer und Schüler wollen in ihrer aktiven Arbeit vor allen Formen eines Neofaschismus warnen, gegen Ausländerfeindlichkeit kämpfen, sich mit schweigenden Eltern und Großeltern auseinandersetzen und Defizite des Schulunterrichts ausgleichen. Außerdem wurden Dokumentationen zur Geschichte der Juden in Jever erstellt und der Öffentlichkeit vorgestellt. Die Gruppe organisierte auch Begegnungen zwischen Juden und Bürgern aus Jever. Damit haben Lehrer und Schüler durch sehr viel persönliches Engagement, Mut und Zivilcourage einen großen Beitrag zum Erinnern geleistet und damit zur Aussöhnung von Deutschen und Juden in einer Kleinstadt beigetragen, in der unsere deutsche Geschichte auch ihre negativen Spuren hinterlassen hat.

Erwin Essl (deutsch-sowjetische Zusammenarbeit)

THEODOR-HEUSS-MEDAILLEN 1986 wurden verliehen an:

Erwin Essl dem Vorsitzenden der Bayerischen Gesellschaft zur Förderung der Beziehungen zwischen der Bundesrepublik Deutschland und der Sowjetunion. Erwin Essl hat es sich seit 1967 zur Aufgabe gemacht, zur Verbesserung des deutsch-sowjetischen Verhältnisses beizutragen, neue Wege zur Verständigung zu suchen und damit Schritte zur Vertrauensbildung zwischen den historisch belasteten Völkern und Staaten zu wagen. Als aufrechter Demokrat hat Erwin Essl durch sein Engagement in zwei Jahrzehnten wachsendes Vertrauen aufbauen können, das die Voraussetzung für viele folgende deutsch-sowjetische Kontakte war und ist. Erwin Essl organisierte in den siebziger Jahren die erste große Ausstellung eines Bundeslandes in Moskau. Es folgten wissenschaftliche Kongresse, Begegnungen zwischen Gewerkschaften und Industriellen beider Seiten sowie internationale Friedens- und Abrüstungsgespräche. Institutionen, Parteien, Firmen, Akademien haben Erwin Essl immer wieder als hervorragenden Kenner des deutsch-sowjetischen Dialogs um Rat gefragt bei der Knüpfung neuer Geschäftsbeziehungen, bei Vermittlung von Buch- und Filmproduktionen und der Intensivierung kirchlicher Kontakte. Erwin Essl hat damit durch konkretes Handeln ein Zeichen für Versöhnung gesetzt.

Mut zum Erinnern – Kraft zur Versöhnung

Grußwort
Manfred Rommel
Mit dem THEODOR-HEUSS-PREIS und mit den THEODOR-HEUSS-MEDAILLEN sollen in diesem Jahre, 41 Jahre nach dem Ende des Krieges und nach dem Zusammenbruch der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft, Menschen ausgezeichnet werden, die sich durch praktische Beiträge verdient gemacht haben um die Vision einer besseren Zukunft vor dem dunklen Hintergrund der Vergangenheit. Die Greueltaten des 20. Jahrhunderts, besonders die Verbrechen im Dritten Reich, haben das Urvertrauen der modernen Menschheit in Menschlichkeit und Fortschrittsfähigkeit fast zerstört. Der schrecklichen Wahrheit ins Auge zu sehen, sich des ganzen Ausmaßes des Unrechts bewußt zu sein und dennoch Schritte zu unternehmen, um zu neuem Vertrauen und zur Versöhnung zu gelangen, dazu gehört große moralische Kraft und viel Liebe zu den Menschen. Das betrifft besonders auf die zu, die selbst Opfer des Dritten Reiches gewesen sind. Elias Canetti, der tiefsinnige jüdische Aphoristiker deutscher Sprache, hat geschrieben: »Wir kommen von zuviel her und bewegen uns auf zuwenig weiter.« Es ist die Gefahr, daß die Vergangenheit ein so großes Gewicht erhält, daß die Kraft nicht ausreicht, um den Weg in eine bessere Zukunft zurücklegen zu können. Bewältigung und Vergangenheit heißt ja letztlich, die Zukunft besser machen. Hierzu bedarf es der Ermutigung. Ermutigung geht aber weniger vom Wort als vom Beispiel aus. Die Vision einer Welt, in der die Menschen und die Nationen sich vertrauen, trotz unterschiedlicher Gesellschaftssysteme und trotz unterschiedlicher religiöser Überzeugungen, mag auf mancherlei Skepsis stoßen: Diese Vision führt aber auf den einzigen realistischen Weg, wenn eines Tages Friede ohne Furcht herrschen soll. In der bisherigen Geschichte war der Krieg unvermeidlich, so unvermeidlich wie der Tod.
Aber die Welt hat sich grundsätzlich verändert. Die alten Erfahrungen gelten nicht mehr. Der Schritt vom Pulver zum Atom hat nicht nur andere Quantitäten geschaffen, sondern auch andere Qualitäten entstehen lassen, neue Qualitäten der Gefährdung, aber - so absurd dies klingt - neue Qualitäten der Sicherheit. Denn keine Seite kann sich mehr etwas vom großen Krieg versprechen. Es sollte klar gesehen werden, daß wir es wohl vorwiegend diesem Wissen aller Beteiligten verdanken, wenn in Europa seit 41 Jahren Friede ist und wenn erwartet werden kann, daß auch weiterhin Friede sein wird. Der mehr auf Vertrauen als auf Furcht gründende Friede wäre ein noch besserer Friede. Aber dies festzustellen, heißt schon fast eine Banalität sagen. Der große deutsche Philosoph Lichtenberg hat schon im 18. Jahrhundert geschrieben: »Wenn mir einer - seine Prosa sei noch so festlich - die Vorzüge des Friedens vor dem Krieg beweist, so sage ich ohne Gefahr: Hätte der Narr nicht etwas Besseres schreiben können«. Friede ist nicht nur ein Ergebnis reiner Gesinnung, sondern auch praktischer Arbeit. Wer weiß dies besser als die, die heute ausgezeichnet werden sollen. Wir Deutsche neigen dazu, Moral als etwas so Edles anzusehen, daß sie durch Berührung mit der Praxis der Gefahr der Verunreinigung ausgesetzt ist. Ja, manchmal könnte man sogar glauben, daß praktische Überlegungen im Verdacht stehen, Trübungen moralischer Gedanken zu sein. Eine Gesinnung, die sich vor der Berührung mit der Praxis scheut, wird aber die Praxis nicht verändern. Das Bemühen um Frieden sollte sich auch nicht erschöpfen im vordergründigen Kampf gegen Symptome und Mittel. Sowenig der Zweck das Mittel heiligt, sowenig heiligt das Mittel das Ergebnis oder die Gesinnung die Folgen.
Manes Sperber äußerte sich im Jahr 1983, als ihm der Friedenspreis des Deutschen Buchhandels verliehen wurde, dahin, daß derjenige, der seinen leidenschaftlichen Protest auf die Waffen, und wären es die mörderischsten, reduziert, der vermeide bewußt oder unbewußt die Suche nach dem Feuerherd und erliege der heute weitverbreiteten Neigung, die Mittel mit den Zielen zu verwechseln. Die Sehnsucht nach dauerhaftem Frieden ist allen Menschen gemeinsam. Aber es bedarf großer Geduld und vieler Anstrengungen, um Lösungen zu finden auf politischem, militärischem, wirtschaftlichem, kulturellem Gebiet, um Sorgen zu beschwichtigen und Aggressivität zurückzudrängen und um das Mißtrauen zu überwinden. Und ich hoffe darüber hinaus, daß es gelingen wird, die tiefen Gräben zwischen Deutschen und Juden und zwischen jüdischen und christlichen Deutschen einzuebnen und die tiefen Wunden zu schließen, damit die, die nach uns kommen, zusammenfinden auf dem Weg in eine bessere Zukunft. Es gibt nichts, was viele aus meiner Generation mehr wünschen. Ich darf jetzt die Vizepräsidentin des Deutschen Bundestags, Frau Annemarie Renger, bitten, Ihr Grußwort zu sprechen.

Grußwort
Annemarie Renger
»Das Schlimmste, was uns Hitler angetan hat er hat uns viel angetan - ist doch dies gewesen, daß er uns in die Scham gezwungen hat, mit ihm und seinen Gesellen gemeinsam den Namen Deutsche zu tragen.« Dies sagte Theodor Heuss in einer Feierstunde der Gesellschaft für christlich- jüdische Zusammenarbeit im Dezember 1949.
Wenn heute der THEODOR-HEUSS-PREIS und die THEODOR-HEUSS-MEDAILLEN an Personen und Institutionen verliehen werden, die sich um Verständnis und Aussöhnung zwischen Deutschen und Juden bemühen, ist dies ein Anlaß, erneut über die Bedeutung des eben zitierten Satzes nachzudenken. Kein Deutscher kann die Verantwortung für das abschütteln, was unseren jüdischen Mitbürgern und den jüdischen Bürgern unserer Nachbarländer im Namen des deutschen Volkes angetan worden ist. Der einzelne mag ohne persönliche Schuld sein, er mag sogar zu den Berliner Arbeitern und Möbelspediteuren gehören, denen Leo Baeck ein Denkmal setzen wollte, weil sie den mit dem Judenstern Stigmatisierten in der Straßenbahn heimlich ihre Frühstücksbrote zusteckten oder auswandernden Juden dabei halfen, Wertgegenstände vor dem Zoll zu verstecken - wir alle werden dennoch nicht aus der Verantwortung vor der Geschichte entlassen. Und mit dieser Geschichte müssen wir leben, mit ihr müssen auch die nachwachsenden Generationen, für die die Nazizeit keine persönliche Erfahrungen darstellt, leben.
Die Vergangenheit nicht verdrängen, mit ihr leben und aus ihr heraus die Zukunft gestalten.als bewußt gelebte Demokratie, in der Menschenrechte und Toleranz den ihnen zukommenden hohen Rang einnehmen, kann aber nur, wer diese Vergangenheit kennt. Hier liegt eine große Verantwortung für die ältere Generation.
Sie, Herr Nachmann, haben einmal gesagt: »Wir belasten die junge Generation nicht mit der Schuld der Väter.« Ich füge hinzu: auch der Mütter. Doch wir lasten es den Vätern an, wenn sie ihre erlebte Geschichte der jungen Generation nicht mitteilen. Nürnberger Gesetze, Judenstern, Synagogenbrände, der Abtransport jüdischer Menschen in den Tod: Das sind Tatbestände, die um der Zukunft willen nicht dem Vergessen anheimfallen dürfen. Es muß mehr als bisher getan werden, um das Geschehen in der Nazizeit den nachwachsenden Generationen eindringlich zu vermitteln. Begreifen kann das niemand. Denn wenn auch die Schuld nur den Tätern zugewiesen werden kann, so bürdet doch das, was durch Deutsche geschehen ist, uns allen, auch den Nachfahren, eine große Verantwortung auf. Geschehenes läßt sich nicht wiedergutmachen. Aber es verlangt von uns, die Verantwortung für die Folgen mitzutragen und dafür zu sorgen, daß sich die Verbrechen nie wiederholen dürfen. Eine Entlassung aus der Verantwortung kann es nicht geben. Meine Damen und Herren, der Vorsitzende der jüdischen Gemeinde zu Berlin, Heinz Galinski, hat vor wenigen Tagen auf einen antisemitischen Trend aufmerksam gemacht. Aktueller Anlaß waren u. a. und im besonderen antisemitische Äußerungen politischer Mandatsträger. Es wäre falsch, solche Vorkommnisse mit dem Mantel des Schweigens zudecken zu wollen. Man muß sich allerdings fragen, welches geistige und politische Klima solche Sumpfblüten gedeihen läßt, und das, nach dem jeder die Verbrechen der Vergangenheit nicht mehr verdrängen kann, sondern bis ins grausame Detail kennt. Unsere politische ' und geistige Freiheit wäre absolut mißverstanden, wenn dies ein Freibrief dafür sein sollte, von Faßbinders Stück »Der Müll, die Stadt und der Tod« bis zu den völkerverhetzenden Äußerungen des Herrn Spee, der endlich Konsequenzen gezogen hat, - spät genug war es! - ein Tabu aufzubrechen. Etwa in dem Sinne: Man müsse doch endlich einmal sagen, wie es wirklich ist! Über das Verhältnis zu unseren jüdischen Mitbürgern zu sprechen, heißt auch, über Israel zu sprechen. Ein scharfer Kritiker, der Literaturhistoriker Hans Maier, hat die Entwicklung des Verhältnisses der Deutschen zu Israel einmal so charakterisiert: »Erst war es das schlechte Gewissen, dann die ungeheure künstliche Judenfreundschaft, der Jubel über den siegreichen Sechstagekrieg der Israelis. Jede,progressive' bürgerliche Familie in Deutschland wollte irgendwann einmal nach Israel reisen und sich mit Israelis treffen. Diese Begeisterung flaute sehr bald wieder ab und mündete in der Auffassung: Die Israelis übertreiben, sie lernen auch nichts dazu, man muß den Arabern ebenfalls in vielen Dingen Recht geben. Die Folge davon ist, daß der Judenhaß anders firmiert wird: Natürlich sind wir nicht gegen Juden, sondern gegen Israel und die Zionisten. Und im Endergebnis läuft es jedoch auf dasselbe heraus.« So Hans Maier. Das ist die eigentliche Gefahr, wenn nicht jetzt und heute die politisch und geistig Verantwortung Tragenden durch ihr Verhalten solchen Tendenzen den Boden entziehen.
Die Unverbesserlichen aber sind auch strafrechtlich zur Verantwortung zu ziehen. Sonst wäre auch die Gesetzgebung zur sog. Auschwitzlüge eine Farce.
Die heute mit Preisen und Medaillen Geehrten tragen durch ihre Arbeit dazu bei, daß das, was zwischen 1933 und 1945 geschehen ist, nicht in Vergessenheit gerät und auch von künftigen Generationen in seiner grausamen Einzigartigkeit gesehen wird. Besonders ist den jüdischen Mitbürgern zu danken, die das Inferno überlebt haben und heute in der Bundesrepublik leben. Sie haben trotz Holocaust ihre Überzeugung nicht aufgegeben, daß es ein anderes Deutschland gibt. Das dürfen wir nicht enttäuschen. Ich beglückwünsche den Vorstand und das Kuratorium der THEODOR-HEUSS-STIFTUNG zu ihrer Wahl des diesjährigen Preisträgers und der Empfänger der Medaillen. Ihnen, Herr Nachmann, möchte ich viel Kraft und Gesundheit wünschen, damit Sie weiterhin für ein gutes und zunehmend entspanntes Zusammenleben zwischen Juden und Nichtjuden in Deutschland wirken können und daß Sie auch weiterhin - wie bisher - dazu beitragen können, daß zwischen Deutschland und Israel ein enges und dauerhaftes Vertrauensverhältnis besteht. Mein Dank für die geleistete Arbeit zur Begegnung und zum Gespräcn ZWischen Juden und Christen, jüdischen und nicht jüdischen Menschen in unserem Lande sowie meine besten Wünsche für eine erfolgreiche Fortsetzung dieser Arbeit gelten ebenso den Vertretern der Arbeitsgemeinschaft "Christen und Juden auf dem Evangelischen Kirchentag" - Frau Edna Brocke, Herrn Professor Dietrich Goldschmidt, Herrn Pfarrer Otto Schenk und Herrn Pfarrer D. Martin Stöhr - sowie Herrn Tadeusz Szymanski, dem Förderverein Internationale Jugendbegegnungsstätte Dachau e. V., Herrn Hartmut Peters und dem Schüler-Lehrer-Projekt »Juden besuchen Jever« sowie Herrn Erwin Essl.
Ich freue mich, daß Ihre Arbeit für das Verständnis des Judentums und für die Verständigung und Versöhnung heute eine öffentliche Auszeichnung erfährt, und hoffe, daß dies auch vielen anderen Menschen ein Ansporn sein wird.
Sie wissen, wie sehr ich persönlich dieser Aufgabe zugetan bin. Mein Dank und meine Glückwünsche kommen von Herzen. Shalom!Begründung
Hildegard Hamm-Brücher
22 Jahre THEODOR-HEUSS-PREIS
Der Vorsitzenden der Stiftung obliegt es, in die Thematik der 22. Verleihung des THEODOR-HEUSS-PREISES einzuführen und die Auswahl der Preisträger zu begründen. Wie noch in jedem Jahr hat die THEODOR-HEUSS-STIFTUNG Thematik und Auswahl ihrer Preisträger unter einer Fragestellung ausgeschrieben, die über das politische Tagesgeschehen hinausführt und für die Förderung unserer demokratischen Kultur bedeutsam ist. Für die Ausschreibung zur diesjährigen Verleihung haben wir bereits im vorigen Sommer den Leitgedanken unseres Bundespräsidenten Richard von Weizsäcker - unseres 20. Preisträgers - aus seiner historischen Rede zum 8. Mai 1945 ausgewählt, weil er uns für unser demokratisches Grundverständnis so wichtig schien, daß wir ihn durch Beispiele konkretisieren wollten. Ich zitiere:
»Erinnern heißt, eines Geschehens so ehrlich und rein zu gedenken, daß es zu einem Teil des eigenen Innern wird... Gerade deshalb müssen wir verstehen, daß es Versöhnung ohne Erinnerung gar nicht geben kann... Wir alle, ob schuldig oder nicht, ob alt oder jung, müssen die Vergangenheit annehmen. Wir alle sind von ihren Folgen betroffen und für sie in Haftung genommen... Wer vor der Vergangenheit die Augen verschließt, wird blind für die Gegenwart. Wer sich der Unmenschlichkeit nicht erinnern will, der wird wieder anfällig für neue Ansteckungsgefahren… Die Jungen sind nicht verantwortlich für das, was damals geschah. Aber sie sind mitverantwortlich für das, was in der Geschichte daraus wird. Wir Älteren schulden der Jugend nicht die Erfüllung von Träumen, sondern Aufrichtigkeit. Wir müssen ihnen helfen zu verstehen, warum es lebenswichtig ist, die Erinnerung wachzuhalten...« Diese klassische Botschaft unseres Staatsoberhauptes, die ja - nach den quälenden monatelangen Diskussionen über die Bedeutung des sperrigen Gedenktages des 8. Mai - auf uns alle klärend und befreiend gewirkt hat und die in der ganzen Welt große Beachtung und Zustimmung gefunden hat, sollte nach unserer Überzeugung nicht nur einen festen Platz in unseren Schulbüchern erhalten, sondern sie müßte auch Maßstäbe setzen für unser politisches Denken, Handeln und Verhalten - für unsere demokratische Kultur. Deshalb haben wir beschlossen, für den 22. THEODOR-HEUSS-PREIS nach Beispielen zu suchen, auf welchen (schmalen) Wegen durch Mut zum Erinnern die Kraft zur Versöhnung entsteht -  und wie dies im Alltag aussehen kann. Wir wollten Menschen finden, die sich auf den beschwerlichen Weg gemacht haben, das scheinbar längst Vergessene und Verdrängte zu begreifen, um damit einen neuen Anfang zu dauerhafter Versöhnung 'zu finden. Unsere Ausschreibung erbrachte eine unvorhersehbar erfreulich große Zahl von Vorschlägen, was zwar die Auswahl erschwerte, uns aber auch ermutigte und optimistisch stimmte: Bei allem Ernst der Thematik: Die 22. Verleihung des THEODOR-HEUSS-PREISES würde eine harmonische Veranschaulichung der Rede unseres Bundespräsidenten ergeben. So jedenfalls hofften wir! Niemand konnte voraussehen, daß der hohe Anspruch der Botschaft Richard von Weizsäckers schon wenige Monate später im politischen Alltag auf dem Prüfstand der Bewährung stehen würde und daß das scheinbare Einverständnis durch - zumindest sehr mißverständliche und antisemitische - Äußerungen empfindlich gestört werden würde. Wir können und dürfen diese Aktualität, die unsere diesjährige Preisverleihung unerwartet erhalten hat, um einer ungetrübten Festtagsstimmung willen nicht einfach übergehen. Wir müssen uns ihr stellen, so wie es Theodor Heuss zeit seines Lebens gehalten hat. Er war es und auch seine Frau Elly HeussKnapp, deren 105. Geburtstag wir am 25. Januar gedacht haben, die, wie kaum andere Deutsche, selbst in den bittersten Stunden nach dem Zusammenbruch Deutschlands wieder und immer wieder an die Ursachen für die Katastrophe erinnerten und die Aufarbeitung des Geschehenen gefordert haben. Elly Heuss in ihrem genau vor 40 Jahren hier in Stuttgart erschienenen Büchlein »Schmale Wege«, das sie ihrer emigrierten Freundin, Toni Stolper, gewidmet hat und in dessen Vorwort es heißt:
»Die kleinen hier gesammelten Erzählungen sollen für unsere Kinder und Enkel festgehalten werden, damit sie nicht zu schnell vergessen, was es heißt, unter dem Terror zu leben. Wir selber ringen darum zu verstehen, was bei uns geschah, und wir werden noch lange an den Folgen leiden... Fertig werden wir nie damit!«
Und im Vorwort zur dritten Auflage, im März 1950, fügt Elly Heuss-Knapp hinzu: »Es ist seit 1946 gewiß viel Neues in Deutschland geschehen - aber es bleibt genug bestehen, was wir nicht vergessen dürfen.«
Und Theodor Heuss hat in fast jeder seiner politischen Reden von 1945, über das Jahrzehnt seiner Bundespräsidentschaft bis zu seinem Tod im Dezember 1963 uns Deutschen diese Zusammenhänge immer wieder ins Gedächtnis gerufen. Hierfür nur zwei Zitate aus den ersten Nachkriegsjahren, die sinngemäß für viele andere stehen. Am 25. November 1945 begann er seine Gedenkansprache hier im Stuttgarter Landestheater:
»Wir Lebenden, wir Überlebenden stehen noch im unmittelbaren Eindruck. Wir kannten den und den, der nicht mehr ist. Wir wissen von den Qualen, in denen er unterging. Es sind viele auch heute in diesem Hause, die Verfolgung, Demütigung, Gefängnis, Zuchthaus, KZ erlitten, sie sind in ihrem Sein, in ihrem Erzählen, in ihrem Wirken die anklagenden Zeugen der schlimmen Jahre.
Aber auch sie, wie wir, werden eines Tages nicht mehr sein. Namen und Erinnerungen verblassen... Aber gerade das darf nicht eintreten. Das deutsche Volk hat es sich leicht gemacht in seiner Masse, sich in die Fesseln des Nationalsozialismus zu geben. Es darf es sich nicht leicht machen, diese Fesseln, an denen es schlimm trug, von denen es sich nicht selber hatte lösen können, es darf es sich nicht leicht machen, die bösen Dinge wie einen wüsten Traum hinter sich zu werfen... um unserer moralischen Volkszukunft willen... «Und in seiner Ansprache zur Woche der Brüderlichkeit 1952: »Mir hat neulich einer einmal geschrieben, ich solle doch nicht mehr gegen den Nationalsozialismus etwas sagen - der sei ein Stück geschichtlichen Schicksals gewesen, wie es eben über die Völker komme. Ich konnte ihm nur antworten: so bequem dürfen wir es uns nicht machen.... Wer möchte die Unverfrorenheit besitzen, jüdischen Menschen zu sagen: >Vergeßt das doch!< So billig, das Wort im moralischen wie im materiellen Sinn, wird Hitlers Hinterlassenschaft nicht beglichen - es ist eine unerhört schwere Aufgabe, sich durch das Erbe dieser Geschichte hindurchzuarbeiten. Denn aus viel Leid ist auch viel Haß gezeugt worden - wer wollte sich darüber wundern?«
Diese und viele andere Bekenntnisse von Theodor Heuss haben bis heute nichts von ihrer fortwirkenden Gültigkeit verloren -  und sie gelten gewiß nicht nur für das deutsch- jüdische Verhältnis, sondern für alle unsere Beziehungen zu Opfern der schrecklichen Nazi- Diktatur. Deshalb erlauben die beschämenden antisemitischen Äußerungen der letzten Wochen und Monate - man mag sie als »Ausnahmen« bezeichnen (das laut - oder heimlich zustimmende Echo ist es bestimmt nicht mehr) - keine Bagatellisierung. Mit verbaler Distanzierung allein ist es nicht getan! Wir dürfen es uns nicht abermals zu leicht machen! Hier ist unsere Sensibilität für die sich zunächst unterschwellig freisetzenden Tendenzen gefordert! Und wir dürfen die Wachsamkeit und den Protest nicht den unmittelbar Betroffenen allein überlassen. Vom wieder aufbrechenden Rassismus, in welchem Gewande auch immer -  und seien es auch nur Stammtisch- Parolen - , müssen wir uns alle betroffen fühlen! Mit dem lapidaren Satz aus regierungsamtlichem Munde, »das deutsche Volk hat aus seiner Geschichte gelernt«, ist es dabei nicht getan! Es war, es ist und es bleibt eine »unerhört schwere Aufgabe, uns all der Unmenschlichkeiten zu erinnern« und unsere »Geschichte anzunehmen«, wie Richard von Weizsäcker es zu Recht gefordert hat. Und diese Aufgabe gilt keineswegs nur für das Verhältnis zwischen Deutschen und Juden, obgleich dieses ganz sicher am schwierigsten und schmerzempfindlichsten ist, wie wir immer wieder erfahren. Dies gilt ebenso für unsere Einstellung und Verhaltensweisen gegenüber allen Gegnern und Opfern nationalsozialistischer Verfolgung - seien es politische Widerstandskämpfer oder Emigranten, Polen oder Russen, ja auch Amerikaner oder Niederländer oder auch jene fast total vergessenen Gruppen der aus Rassendünkel, sozial Verfolgten und Vernichteten, der Sinti und Roma, der Zwangssterilisierten und Homosexuellen. Die menschlich - allzu menschliche Mentalität, »es muß endlich einmal Schluß sein!«, die sich, wie wir hörten, bereits Ende 1945 bemerkbar machte, hat eben leider zur Verdrängung und nicht zur Heilung geführt. Zur Heilung bedarf es auch weiterhin jener tapferen und geduldigen Aufarbeitung sowie der verständnis-  und lernbereiten Auseinandersetzung, wie sie beispielhaft von unseren Preisträgern in den unterschiedlichsten Bereichen geleistet wird. Tendenzen zu einer endgültigen politischen und moralischen "Entsorgung" der Bundesrepublik (Habermas) von ihrer jüngsten Geschichte dürfen wir nicht zulassen! Stattdessen müssen wir geduldig und gewissenhaft die teils versäumte, teils verdrängte Aufarbeitung jenes »wüsten Geschehens« weiter leisten, bevor wir wirklich zu einer neuen »Normalität« finden können (Arbeitsgemeinschaft Juden und Christen). Hierfür lassen sich die Erfahrungen aus der Psychoanalyse durchaus vom einzelnen Menschen auf Gruppen und Völker übertragen: Daß
nämlich Verdrängen und Vergessen von Schuld und Angst, von Konflikten und Erfahrungen, nur scheinbar wirklich davon befreit, daß das Verdrängte vielmehr unausweichlich und oft verstärkt mit verheerenden Folgen wieder zurücckehrt. Kommt das auf uns zu? mit den Denckategorien der Fellners und Spees und ihren Sympathisanten? mit den ausländerfeindlichen Skinheads und ihren Sympathisanten? mit verbalen Kraftmeiereien und unüberhörbar revanchistischen Tönen auf Vertriebenentreffen (von denen die Mehrheit längst keine Vertriebenen mehr sind) und ihrer Sympathisanten?Und noch einmal:
Das dürfen wir nicht zulassen! Statt stillzuschweigen müssen wir die Kräfte in unserem Lande unterstützen, die im Sinne unseres ersten und unseres sechsten Bundespräsidenten den Weg des Erinnerns zur Aussöhnung gehen! Damit bin ich bei unseren diesjährigen Preisträgern und meiner Begründung für ihre Auswahl.

1.
Mut zum Erinnern - Kraft zur Versöhnung, das ist es, was Sie, lieber Herr Tadeusz Szymanski, seit 40 Jahren eindringlich vorleben und durch Ihr Wirken bestätigen. Sie waren Häftling in Auschwitz, Groß- Rosen und Buchenwald und stellten nach Ihrer Befreiung und Wiedergenesung Ihr Leben in den Dienst der Aussöhnung. Sie haben sich hierfür einen besonders schmalen und steinigen Weg gewählt. Nur sehr behutsam und sehr bescheiden berichten Sie darüber:
»Als vor Jahren die erste Gruppe der Aktion Sühnezeichen nach Auschwitz kam, hatte ich meine Vorurteile gegen die Deutschen schon einigermaßen abgebaut. Ich konnte mich nun mit Deutschen unterhalten, offene Gespräche und Diskussionen führen, und ich antwortete auf viele Fragen - darunter manchmal auch solche, die ich als Provokation oder als naiv verstehen mußte. Ich erfuhr, daß diese jungen Deutschen nach Auschwitz kamen, weil sie mehr wissen möchten und weil zu Hause viel verschwiegen wird. Hier in Auschwitz, angesichts der Dokumente und der erhaltenen Spuren der Verbrechen, wollten sie lernen. - Dies war für mich eine Erfahrung, bei der ich auch lernte und in der ich eine Aufgabe sah.«
Junge Deutsche beschreiben dieses Lernen und diese Erfahrung ihrerseits so: »Tadeusz Szymanski führt uns am ersten Tag unseres Aufenthalts durch Birkenau. Er begegnet uns aufgeschlossen und verständnisvoll, ohne Vorbehalte oder Vorwürfe. Mit seiner Freundlichkeit gewinnt er uns für sich. Trotz oder gerade wegen all seiner schlimmen Erfahrungen mit Deutschen ist er - für uns spürbar - versöhnungsbereit. Er ist glaubwürdig, ernst und nachsichtig, und er ist geduldig. Er führt uns durch Birkenau und erzählt uns eindringlich vom Schicksal der Menschen an diesem Ort... Wenn ein Teilnehmer sagt: >Das ist eine wahre Erinnerung...<, dann bringt er damit zum Ausdruck, wie Tadeusz Szymanski mit seiner ganzen Persönlichkeit für die Glaubwürdigkeit all seiner Erinnerungen und Schilderungen bürgt. «
So wurde Tadeusz Szymanski für ungezählte junge Deutsche, die sich zunächst unter Aussöhnung zwischen Deutschen und Polen wenig vorstellen konnten - wie sie bekunden - , zu
einem »Vorbild und zu einem lebendigen Symbol der Hoffnung«.
Wir meinen: Kein noch so eindringlicher Bericht vermag diese persönliche Begegnung und Erfahrung zu ersetzen und zu persönlicher Einsicht zu verhelfen. Ich zitiere auszugsweise aus einem Leserbrief aus der ZEIT: »Auschwitz wirkt auf mich noch heute so furchtbar, weil es so,intakt' erscheint, als wenn es erst kürzlich befreit worden wäre. Die an diesem Ort sichtbaren Spuren deutscher (Vernichtungs- )Ordnung und - Gemütlichkeit haben für mich als Angehörigen der Nachkriegsgeneration bei meinem Besuch in Auschwitz bewirkt, daß nicht nur im Wissen, sondern seither auch im Denken und Fühlen der Holocaust Auschwitz ein tief verankerter Teil deutscher Geschichte ist. Ein Besuch in Auschwitz sollte für jeden jungen Deutschen mindestens so unverzichtbar sein wie die vielfach obligatorische Schulfahrt in das geteilte Berlin.« In diesem Sinne unterstützen wir die nach jahrelangen Bemühungen der »Aktion Sühnezeichen« zustandegekommene Vereinbarung zur Errichtung einer Jugendbegegnungsstätte in Auschwitz und empfehlen dieses Projekt der offiziellen und privaten Förderung.
Ihnen, sehr geehrter Herr Szymanski, möchten wir mit der Zuerkennung einer THEODOR-HEUSS- MEDAI LLE für Ihren Beitrag zu diesem Versöhnungswerk danken. (Zum zweiten Mal in unserer Stiftungsgeschichte wird sie einem Ausländer zuerkannt.)

2.
Ich möchte Ihnen nun die Lehrer und Schüler des Mariengymnasiums im ostfriesischen Jever vorstellen. Ihr Engagement hat 1978 damit begonnen, daß sie die Geschichte der Juden ihrer Stadt über fast drei Jahrhunderte erforschten und die Ergebnisse mit Unterstützung des »Vereins ehemaliger Schüler« veröffentlichten. Außerdem gab es eine Ausstellung von Dokumenten und den gelungenen Versuch einer Einladung an ehemalige jüdische Mitbürger der Stadt. »Die Geschichte der Juden Jevers« - so stellen die Autoren des Berichtes fest - »kann als Modell des schrecklichen Schicksals von Juden in einer ländlichen Kleinstadt Deutschlands gelten.« In einem Bericht in der ZEIT vom 12. 7. 1985 wird dies so beschrieben:
»Das Buch will stadthistorische Zusammenhänge darstellen, >damit sie nicht verlorengehen<. Verlorengegangen ist schließlich schon genug: die meisten jüdischen Gemeinden in Deutschland und damit ihr Beitrag zur Geschichte vieler Gemeinwesen. Zeugnisse jüdischer Existenz sind rar geworden... In der deutschen Provinz ist der Untergang beinahe total. >Reichskristallnacht< und >Holocaust< haben ruiniert und ausgelöscht. Das gilt auch für Jever. Nirgendwo sonst im Oldenburgischen gab es mehr Juden als gerade hier. Die Synagoge der Stadt galt als die schönste und größte des Landes Oldenburg. Vor 1933 lebten hier mehr Juden als Katholiken. Als die Nazi- Herrschaft begann, waren es 180. Jever hatte damals 6000 Einwohner... Die Auskreisung, die Diskriminierung, die Vertreibung und die Liquidierung läßt in den späten Krisenjahren und den ersten Jahren nationalsozialistischer Herrschaft auch in Jever nicht lange auf sich warten... Was das Buch hierzu an Dokumenten vereint, macht betroffen und traurig zugleich. Die Phantasie der Spießer geht in totalitären Staaten manchmal noch über das hinaus, was Bürokraten anordnen. NS- Alltägliches aus der deutschen Provinz: Bessere Bürgerkreise schicken ihre Kinder nicht mehr zum Musiklehrer, Juden werden in den Geschäften immer als letzte bedient, fast niemand vermietet an Juden eine Wohnung, das Krankenhaus verwehrt einer schwerverletzten Jüdin die Aufnahme, >kein Arzt war hier bereit, auch nur einen Verband anzulegen... < Doch all dies war auch für die Juden Jevers nur der Vorhof zur Hölle. Spätestens nach dem Progrom vom November 1938 wurde die Gefahr, als Jude in Deutschland zu leben, tödlich. Nur wenigen war in den Jahren nach 1933 eine Auswanderung möglich. Auschwitz, Lodz, Theresienstadt und Ber:: gen- Belsen sind nur einige Schlußpunkte in diesem Kapitel einer jüdischen Gemeinde, deren Aufstieg und Niedergang so typisch ist wie das Schicksal anderer Gemeinden im ländlichen und kleinstädtischen Deutschland auch.«

»Jever ist überall«, könnte man also mit den Autoren sagen, wenn man zahlreiche ähnliche Arbeiten aus vielen Gemeinden und Städten der Bundesrepublik Deutschland (stellvertretend seien nur Heidelberg und Hildesheim, Kassel, Landsberg und Mühldorf genannt) miteinander vergleicht. Es sind traurige, beschämende, anklagende Dokumente... aber sie helfen auch zu verstehen und zu heilen. Ich möchte dem Bericht der Lehrer- SchülerGruppe über diese Aufarbeitung und ihre Folgen nicht vorgreifen. Hier nur so viel: Es wird dabei eine ganze Menge zutage kommen, was jeden von uns angeht: Sensibilisierung für mögliche Wiederholungen, in welchem Gewand auch immer (Ausländerfeindlichkeit, Neonazismus, Vorurteile und Intoleranz), notwendige Gespräche mit (ver - )schweigenden Eltern und Großeltern. Unsere Preisträger haben beides bewiesen: Mut zum Erinnern und Kraft zur Versöhnung! Für beide Schritte wollen wir Ihnen, sehr geehrter Herr Hartmut Peters und Herr Werner Beyer, sowie Ihrer Gruppe heute danken und andere hierzu ermutigen.

3.
Von ganz anderer Art, aber nicht minder mühsam, sind die »schmalen Wege«, die zur besseren Verständigungs-  und Aussöhnungsbereitschaft zwischen Deutschen und Russen führen sollen. Sie, sehr geehrter Herr Erwin Essl, sind vielen von uns (Bayern) seit vielen Jahren als vorbildlicher Demokrat und Gewerkschafter bekannt. Die Leistung, für die Sie heute ausgezeichnet werden sollen, muß gerade auf diesem Hintergrund gewürdigt werden. Denn Sie haben es sich zur Lebensaufgabe gemacht, kleine und kleinste Zeichen der Verständigungsbereitschaft zwischen der Sowjetunion und der Bundesrepublik aufzurichten und damit am Ende einen Beitrag zur Versöhnung zwischen den beiden Völkern und Staaten zu leisten, ohne dabei die fundamentalen politischen und gesellschaftlichen Gegensätze auch nur ansatzweise zu verdrängen oder zu übertünchen. Wie mühsam das ist, weiß jeder, der es einmal damit versucht hat. Sie waren 1973 maßgeblich an der Gründung der »Bayerischen Gesellschaft zur Förderung der Beziehungen zwischen der Bundesrepublik und der Sowjetunion« beteiligt, in deren Vorstand die drei großen Parteien ebenso vertreten sind wie die Bayerische Staatsregierung und die Evangelische Kirche. Sie haben Mitte der siebziger Jahre in Moskau die erste große Ausstellung eines Bundeslandes organisiert, die vom Bayerischen Ministerpräsidenten und dem sowjetischen Außenhandelsminister eröffnet wurde. Es folgten die Vorbereitungen und Durchführungen von wissenschaftlichen Kongressen, von Begegnungen zwischen Gewerkschaftern und Industriellen beider Länder sowie von internationalen Friedens-  und Abrüstungstagungen. Zuletzt haben Sie die einzigartige Skythen- Schau aus der Eremitage in Leningrad nach München vermittelt. Als aufrechter Demokrat und lautere Persönlichkeit geachtet, finden Sie in allen Ministerien bei uns und in der UdSSR und im Verband der Freundschaftsgesellschaften (SSOD) Gehör. Auch andere Institutionen - Parteien, Firmen, Akademien - stützen sich immer wieder auf die Vertrauensbasis, die Sie, lieber Erwin Essl, in zwei Jahrzehnten aufgebaut haben - bei der Knüpfung neuer Geschäftsbeziehungen, bei der Vermittlung von Film-  und Buchproduktionen und der Intensivierung kirchlicher Kontakte. Immer, wenn ich als Staatsministerin im Auswärtigen Amt in offiziellen Funktionen mit Repräsentanten der UdSSR zu tun hatte, stieß ich auf die Spuren, die Sie auf schmalen Wegen in das oft unwegsame Dickicht dieser Beziehungen bereits gelegt hatten.
All dies geschieht geduldig, beharrlich, ohne große Illusionen und fast ausschließlich im verborgenen. Dafür gebührt Ihnen heute unser Dank und unsere Anerkennung. Die Ihnen zugedachte THEOROR-HEUSS-MEDAILLE soll Ihnen und Ihren Mitstreitern darüber hinaus der Ermutigung dienen.

4.
Wir wissen heute aus der neueren theologischen Literatur (katholisch und evangelisch) um die systematische und erschreckende Verbindung und Kontinuität zwischen christlichen Kirchen und Antisemitismus. Hier liegen auch heute noch seine tiefsten Wurzeln. Deshalb ist die Initiative - zunächst einiger weniger evangelischer Christen - , »in der Wahrheit und in der Liebe die Begegnung mit Juden zu suchen«, die 1961 zur Gründung der »Arbeitsgemeinschaft Juden und Christen auf dem Evangelischen Kirchentag« führte, von gar nicht zu unterschätzender, zunächst theologischer, zunehmend aber auch (gesellschafts- )politischer und moralischer Bedeutung.
Was diese Gemeinschaft - oft auch durch Krisen, Widerstände und Zweifel - über 25 Jahre zusammengehalten hat, ist bewundernswert und vorbildlich: Die Suche nach Wahrheit und Liebe in der Begegnung, im theologischen Gespräch, in der politischen Auseinandersetzung.
In einem Bericht zum 20. Jahrestag der Gründung der Arbeitsgemeinschaft beschreibt Prof. D. Goldschmidt die »Stationen« dieses Prozesses: »Unsere Beteiligung an den Kirchentagen fand unterschiedliche Beachtung in der Öffentlichkeit. Anfangs gab es teilweise scharfe Polemik in der Presse; erst die Nürnberger Veranstaltungen 1979 fanden ein breites positives Echo: Nur sehr zögernd sind die Ergebnisse unserer Arbeit von etablierten Kirchen und theologischen Fakultäten zur Kenntnis genommen worden. 1975 folgte allerdings die genannte Studie >Christen und Juden< der EKD-Kommission. Doch im Januar 1980 hat die Landessynode der Evangelischen Kirche im Rheinland einen >Synodalbeschluß zur Erneuerung des Verhältnisses von Christen und Juden< gefaßt, der wirkliches Umdenken anzeigt... Die Beteiligung jüdischer Partner hat uns sehr früh die Erkenntnis der gemeinsamen Zugehörigkeit zu einem einzigen, wenn auch gespaltenen Gottesvolk gebracht, das um sein Miteinander ringt. Dieses Miteinander wird von der Einsicht in die Bedeutung der beiderseitigen Traditionen und Verhaltensweisen, der beiderseitigen Glaubensaussagen und - erfahrungen, Glaubenszweifel und -hoffnungen getragen. Das Miteinander bewährt sich im gemeinsamen Lernen und Handeln, ja: im gemeinsamen Gottesdienst. Unsere ökomenisehe Gemeinschaft würde zerstört, sollte jemand versuchen, sie zu einem Missionsunternehmen umzufunktionieren. Wir >missionieren< einander nicht...«
Ich möchte die politische Bedeutung der Arbeitsgemeinschaft hier aussparen, aber auch sie darf nicht unterschätzt werden. Ich erinnere nur an die letzte Resolution auf dem Düsseldorfer Kirchentag, in der es heißt: »Unter den besorgniserregenden widersprüchlichen Tendenzen in der Bundesrepublik leiden nicht zuletzt alle Bestrebungen, zum Staat Israel und seinen Bürgern ein offenes und verständnisvolles Verhältnis zu finden zu einem Zeitpunkt, da dieses Land sich in einer besonders schweren Krise befindet. Die Regierung von Bund, Ländern und Gemeinden, die Kirchen und ihre Gemeinden, die Massenmedien, die Gewerkschaften wie die Verbände von Handel und Industrie, mögen alles in ihrer Macht Stehende tun, daß über die Ereignisse in Israel wie über die Ereignisse in den Israel umgebenden Ländern möglichst vollständige und allseitige Information verbreitet wird. Es gilt, Israel- Feindschaft, Antizionismus, neuerlich bezeichnet als >Judenfeindschaft<, mit aller Schärfe zu begegnen.«

Ganz sicher hat die Arbeitsgemeinschaft während ihrer 25jährigen unermüdlichen Tätigkeit eine der wichtigsten und beständigsten Leistungen erbracht, die nach Auschwitz von Juden und Christen für Christen und Juden geleistet wurden. Sie werden das sicher auch in Zukunft weiter tun. Theodor Heuss war es, der nach 1945 wiederholt an die Weissagungen des 126. Psalms erinnert hat, und ich empfinde die Tätigkeit und die Erfahrung der Arbeitsgemeinschaft daran anklingend: »Die mit Tränen säen, werden mit Freuden ernten.« Möge es so sein! Stellvertretend für manche andere verdienstvolle Vor-  und Mitstreiter dieser Idee wollen wir heute Edna Brocke, Dietrich Goldschmidt, Otto Schenk und Martin Stöhr dafür mit einer THEODOR-HEUSS-MEDAILLE danken.

5.
»Wir Älteren schulden der Jugend nicht die Erfüllung von Träumen, sondern Aufrichtigkeit! Wir wollen ihr helfen, sich auf die geschichtliche Wahrheit nüchtern einzulassen... «
Mit diesen Worten Richard von Weizsäckers ist die Begründung für die Auszeichnung des Fördervereins für eine internationale Jugendbegegnungsstätte in Dachau mit einer THEODOR-HEUSS- MEDAILLE eigentlich bereits gegeben. Hier wirken Vertreter aller Generationen, Parteien und Religionen zusammen, um es den ungezählten jugendlichen Besuchern im ehemaligen Konzentrationslager zu ermöglichen, "sich auf die geschichtliche Wahrheit nüchtern einzulassen". Und wir wollen ihnen nach Kräften dabei helfen, daß sie die Möglichkeit dazu (Begegnung, Aufarbeiten und Verstehen und damit einen lebendigen Beitrag zur politischen Bildungsarbeit) auch wirklich erhalten. Dieses erweist sich als schwieriger, als zu erwarten war: Denn es kostet sie große Mühen, um gegen den Strom der Vorbehalte, des Vergessens und Verdrängens erfolgreich anzukämpfen. Nur wer diese Mühen der in ihrem Kern kleinen, aktiven Gruppe des Fördervereins kennt, vermag das Ausmaß ihres selbstlosen Engagements zu ermessen. Hier der Tatbestand: Unter den Besuchern des ehemaligen KZDachau nehmen die Zahlen der Schüler-  und Jugendgruppen von Jahr zu Jahr zu. Allein 1983 waren es 5000 deutsche und 300 ausländische Schulklassen und 600 Jugendgruppen, die das Lager besuchten und dabei - ausgenommen 50 Lehrerstunden pro Woche - grundsätzlich ohne besondere Betreuung blieben. Angesichts dieser Situation wurde seit 1983 auf Initiative von Privatpersonen, kirchlichen und politischen Gruppen eine Reihe von Zeltlagern, »Workcamps« und anderen Begegnungen zwischen deutschen und ausländischen Jugendlichen organisiert: Schwerpunkte der Programme aller Gruppen waren unter anderem Führungen durch die KZ- Gedenkstätte, Gespräche mit ehemaligen Häftlingen, Begegnungen mit Jugendlichen aus Dachau und mit anderen Gruppen. In der Begründung für die Begegnungen heißt es:
»Im Konzentrationslager haben Häftlinge unterschiedlicher Nationalität, Weltanschauung und Religion nicht nur Unmenschliches erlitten, sondern sie haben sich auch gegenseitig geholfen und im gemeinsamen Widerstand zusammengefunden. Dabei kam es - oft zum ersten Mal - zum Austausch und zur Kooperation zwischen unterschiedlichsten Traditionen (demokratischer Liberalismus, Sozialismus, Christentum, Judentum usw.). Diese Erfahrung soll auch im Projekt einer Jugendbegegnungsstätte an diesem Ort weiterwirken. Das Konzentrationslager Dachau war ein Ort des Schreckens, aber auch ein Ort gelungener Solitarität.«
Wie die Internationale Jugendbegegnungsstätte gestaltet und wie ihre Tätigkeit gedacht ist, darüber werden unsere Preisträger sicher berichten. Daß sie notwendig ist, daraus wollen wir keinen Hehl machen. Wir hoffen, daß mit dieser Auszeichnung auch mögliche örtliche Vorbehalte und Widerstände überwunden werden können. Wir meinen, daß die Unterstützung der Jugendbegegnungsstätte ihrer Stadt zur Ehre gereichen wird. - Übrigens: Immerhin war Theodor Heuss zur Anfertigung seiner Doktorarbeit 1905 monatelange Dachauer Bürger - eingemietet im Schloß - , und ich bin sicher, daß er das Vorhaben des Fördervereins und seine Zielsetzung nachdrücklich unterstützt hätte.

6.
Nach der Begründung für die Auswahl unserer diesjährigen Empfänger von THEODOR-HEUSS-MEDAILLEN möchte ich mich nun Ihnen, sehr geehrter Herr Werner Nachmann, unserem 22. THEODOR-HEUSS-PREISTRÄGER, zuwenden. Mit Ihrer Auszeichnung möchten wir nicht nur unseren dankbaren Respekt vor Ihrer Person und Ihrem Amt als Vorsitzendem des Zentralrates der Juden in Deutschland -  und damit für alle in Deutschland lebenden Juden - zum Ausdruck bringen. Vor allem anderen möchten wir Ihnen dafür danken, wie Sie dieses Amt ausüben, in dem Geist geduldiger Versöhnungsbereitschaft nämlich, den Theodor Heuss in seiner unvergessenen Rede zu Beginn der »Woche der Brüderlichkeit« 1949 als »Mut zur Liebe« charakterisiert hat. In diesem Geist, mit diesem Mut haben Sie es in all den Jahren seit Ihrer Rücckehr nach Deutschland verstanden, als Mittler zwischen Juden und Deutschen zu wirken. Dadurch haben Sie mit dazu beigetragen, daß es heute wieder zahlreiche jüdische Gemeinden bei uns gibt, daß Begegnungen und Beziehungen wieder möglich geworden sind und daß das zarte, immer noch und immer wieder anfällige Pflänzchen »Vertrauen« und »Versöhnung« zu keimen begonnen hat. Nun allerdings wird es entscheidend darauf ankommen, daß darauf kein neuer Frost böser Vorurteile und verdrängter Erinnerungen fällt. Auch dazu bedarf es des »Mutes zur Liebe« auf beiden Seiten, aber auch der Entschlossenheit, neuen Anfängen zu wehren! Ich möchte deshalb das, was ich anfangs sagte, noch einmal unterstreichen: Bei allem Ärger und Abscheu über manche mehr oder weniger antisemitischen Äußerungen, die durch Entschuldigungen allein gewiß nicht aus der Welt zu schaffen sind, bei allem Erschrecken über laute und leise Beifallsbekundungen zu solchen Äußerungen: Entscheidend ist, wie wir dem begegnen und was wir dem entgegenzusetzen haben. Stellvertretend stehen hierfür die ermutigenden Beispiele, die heute mit Ihnen ausgezeichnet werden. Aber es gibt noch ungezählte andere Gruppen und einzelne (vor allem auch junge) Deutsche, die im Sinne von Theodor Heuss und Richard von Weizsäcker denken und handeln. Ihnen allen wollen wir heute danken und sie zu ihrem Engagement ermutigen. Mögen sie sich als stärker erweisen als die Ewig- Gestrigen in getarnten Gewändern. Auch diese kleine Stiftung fühlt sich seit ihrer Gründung diesem Ziel verpflichtet. Nicht von ungefähr wurde die »Aktion Sühnezeichen« 1965 zu unserem ersten Preisträger ausgewählt, nicht von ungefähr erhielt der Verfasser der Ostdenkschrift der EKD, Ludwig Raiser, 1967 einen THEODOR- HESS- PREIS und die Gesellschaft für Christlich- Jüdische Zusammenarbeit Siegerland 1983 eine THEODOR-HEUSS-MEDAILLE… Worum geht es eigentlich, wenn wir darauf hoffen und uns dafür einsetzen, daß sich das deutsch- jüdische Verhältnis »normalisieren« möge? Keiner hat es einfühlsamer beschrieben als Leo Baeck anläßlich seiner Begegnungen mit
Theodor Heuss:
»Einander begreifen«, schreibt Leo Baeck, »darin formt sich die innere Gemeinschaft mit ihrem Frieden, den sie gibt. Ein ICH hat zu einem ICH gesprochen, seelisches Geschick ist vernommen worden, das Wissen von einer seelischen Verbundenheit ist erwacht... Manch einer hat es so erfahren, wenn er zu Theodor Heuss -  und einst zu seiner Frau kam. Auch Menschen jüdischen Schicksals wissen voller Dankbarkeit darum. Sie, denen mehr als anderen das Leben seine schwersten Fragen gestellt hat. Mehr noch als andere sehnen sie sich danach, begriffen zu werden, denn sie sind, wie das Prophetenwort sie nennt, >die an die Hoffnung Gebundenen<. Wenn Theodor Heuss zu ihnen sprach, konnten sie dessen bewußt werden, weil ein seelisches Begreifen zu ihnen sprach.«

»Seelisches Begreifen«, das ist, so glaube ich, das Schlüsselwort, wenn es um den langen Prozeß der Normalisierung unseres Verhältnisses nicht nur zu unseren jüdischen Mitbürgern, sondern zu allen Opf~rn und Nachkommen von Opfern nationalsozialistischer Schreckenstaten geht! »Seelisches Begreifen« schafft dauerhaftes Verständnis, Vertrauen und führt zu guter Letzt zur Versöhnung. Wirklich·»normalisieren« wird sich dieses Verhältnis erst dann und nur dann, wenn wir und nachwachsende Generationen uns immer wieder bemühen, das in unserem Namen Geschehene »seelisch zu begreifen« und dieses »Begreifen« glaubwürdig zu vermitteln und zu gestalten. Das ist es, wozu wir mit der Verleihung des 22. THEODOR-HEUSS-PREISES an Sie, sehr geehrter Herr Nachmann, - stellvertretend für alle unsere jüdischen Mitbürger - beitragen möchten.

Danksagungen des BundespräsidentenBundespräsident Richard von Weizsäcker schrieb den Preisträgern des Jahres 1986 drei persönliche Briefe, die bei der Verleihung verlesen wurden. Wir drucken sie nachstehend ab.
Der Bundespräsident
Bonn, den 3. Februar 1986Sehr geehrter Herr Nachmann,
Sie werden mir glauben, daß ich mich aufrichtig gefreut habe, als ich von der Verleihung des THEODOR-HEUSS-PREISES an Sie hörte. Ich möchte Ihnen von ganzem Herzen zu dieser Auszeichnung gratulieren, die herausragende Bürgertugenden ehren will. Aber ich möchte Ihnen auch dafür danken, daß Sie diese Ehrung angenommen haben. Viele der Verfolgten haben nach dem Kriege jede deutsche Auszeichnung konsequent abgelehnt. Der Graben war zu tief und zu breit. Wer konnte es zu jener Zeit einem Juden verdenken, wenn er nie wieder mit irgendetwas in Verbindung gebracht werden wollte, was den deutschen Namen trug? Welcher Deutsche, dessen Gefühl für Recht und Menschenwürde noch lebendig war, mußte einen solchen Willen nicht schweigend hinnehmen?
Doch Sie kamen schon 1945 in Ihre Heimatstadt zurück. Als Zwanzigjähriger wagten Sie es, trotz allem, was geschehen war, wieder ein deutscher Jude zu sein. Davon gab es nicht mehr viele. Die allermeisten waren mit ihren Glaubensbrüdern aus fast ganz Europa getötet worden. Die Überlebenden waren ins Exil geflohen. Viele dieser Schicksalsgenossen verstanden nicht, daß Sie nach Deutschland zurücckehren konnten. Der Holocaust trennte sie von den Deutschen, Ihre Heimkehr machte Sie unter manchen Ihrer Glaubensbrüder einsam. Nur wenn man sich das vor Augen hält, kann man Ihre damalige Entscheidung und Ihr jahrzehntelanges Wirken für das deutsch- jüdische Gespräch gerecht und angemessen beurteilen.
Sie taten zunächst etwas scheinbar Einfaches: Sie halfen mit, Ihre kriegszerstörte Vaterstadt wieder aufzubauen, ohne große Worte. Für die Deutschen war es damals leichter, über die vielen Probleme der Gegenwart als über die unsägliche Vergangenheit zu sprechen. Sie sprachen mit ihnen, als ob dieses Gespräch nichts Besonderes, als ob es etwas Selbstverständliches wäre. Und Ihre Mitbürger begannen zu begreifen: hier war einer, der sich weigerte, einen Deutschen deswegen zu verurteilen, weil er Deutscher war, der bereit war, auch im Gesicht eines Deutschen das Ebenbild Gottes wiederzuerkennen. Damals war es für viele von uns ein tiefes Bedürfnis, einem, den es anging, frei sagen zu können, wie sehr wir uns des Entsetzlichen schämten, das geschehen war. Sie hörten zu. Und so wuchsen Ihnen Achtung, Zuneigung, Dankbarkeit entgegen, die frei von Anbiederung waren. Diese konnte um Sie nicht aufkommen, da Sie sich nie scheuten, das Unrecht Unrecht und die Unmenschlichkeit Unmenschlichkeit zu nennen. Ein schielender, unaufrichtiger Philosemitismus war Ihnen stets fast so verdächtig wie der nackte Antisemitismus. Ihr Ziel war es, darauf hinzuwirken, daß Deutsche und Juden sich von den Schatten der Vergangenheit befreien, indem sie, sich des Geschehenen erinnernd, gemeinsam und in wechselseitiger Achtung für die Zukunft wirken.
Daß und wie dies möglich ist, haben Sie als Unternehmer und Verbandspräsident beispielhaft vorgelebt. So gewannen Sie das Vertrauen unserer christlichen und jüdischen Mitbürger, deren berufener Sprecher Sie seit 25 Jahren in Deutschland und in der Welt sind.
In dieser herausgehobenen Stellung haben Sie geduldig immer wieder vermittelt und ausgeglichen: zwischen jüdischen und christlichen Mitbürgern, zwischen deutschen Juden und ihren Glaubensbrüdern in aller Welt, zwischen Deutschland und Israel. Sie haben zur Besonnenheit, Mäßigung und Gerechtigkeit gemahnt.
Sie haben Mißverständnisse ausgeräumt und Verständigung bewirkt. Die segensreichen Wirkungen Ihres Beispiels und Ihrer Arbeit für alle Deutschen sind kaum zu berechnen. Wir freuen uns, Sie unseren Mitbürger nennen zu dürfen.Mit freundlichen Grüßen
Ihr Richard Weizsäcker

Sehr geehrte Frau Brocke,
sehr geehrter Herr Goldschmidt,
sehr geehrter Herr Schenk,
sehr geehrter Herr Stöhr,
sehr geehrter Herr Hanusch,
sehr geehrter Herr Peters und liebe Schüler aus Jever,
sehr geehrter Herr Essl,

Ihnen allen gratuliere ich herzlich zur Verleihung der THEODOR-HEUSS-MEDAILLE, eine Ehrung, die in diesem Jahr unter dem Leitthema steht: »Mut zum Erinnern - Kraft zur Versöhnung«. Diesen Mut und diese Kraft haben Sie an dem Platz, an dem Sie stehen, alle bewiesen. Tatsächlich verlangt es Mut, vor einer bedrängenden Vergangenheit nicht davonzulaufen, sondern ihr standzuhalten und ins Auge zu schauen. Aus Standfestigkeit vor der eigenen Geschichte wächst die Kraft, die Folgen dieser Geschichte zu tragen und den Weg in eine friedliche und menschenwürdige Zukunft zu öffnen. I Spürt man den Wurzeln des Antisemitismus nach, dann stoßen wir auf tief in die Geschichte reichende »christliche« Wurzeln. Die Kirchen sind dieser unser Gewissen beunruhigenden Tatsache sehr lange ausgewichen. Die Arbeitsgemeinschaft »Christen lind Juden auf dem Deutschen Evangelischen Kirchentag« hatte den Mut, sich der kirchlichen Vergangenheit zu stellen, sie hatte den Mut, Schuld Schuld zu nennen und den Judenhaß als das zu erkennen, was er ist: als zutiefst unchristlich. Ihre theologische Arbeit hat die Kirche freier gemacht. Christen haben bei dieser Arbeit von Juden viel über den christlichen Glauben gelernt; das weiß ich aus eigener betroffener Erfahrung. Zugleich haben Sie uns Christen die Würde und Größe des jüdischen Glaubens wieder bewußt werden lassen. Sie haben uns gelehrt, daß die richtige Haltung des Christen gegenüber diesem Glauben, der eine Grundlage unseres eigenen Glaubens ist, nicht Haß, nicht Ablehnung sein kann, sondern Zuwendung. Von Herzen hoffe ich, daß die Ergebnisse Ihrer Arbeit in vielen Gemeinden und Religionsstunden Eingang finden. Der Förderverein Internationale Jugendbegegnungsstätte Dachau versucht, die Bedingungen dafür zu schaffen, daß in Dachau auf eine würdige und angemessene Weise von den Leiden, die mit dem Namen des dortigen Konzentrationslagers verbunden sind, gesprochen werden kann. Das ist ein gutes Ziel. Es erfordert Mut und Beharrlichkeit, dieses Ziel zu verfolgen. Sie werden es um so eher erreichen, als Sie selbst imstande sind, seinen Gegnern menschlich, geduldig und ohne Vorurteile zu begegnen. Wenn wir aus jenen unheilvollen zwölf Jahren etwas gelernt haben sollten, so dies: daß nichts das
Leben der Menschen so vergiftet, wie eine Haltung, die nur die eigene Überzeugung gelten läßt und dem Andersdenkenden das Lebensrecht abspricht.
Die Lehrer und Schüler, die in Jever die jahrhundertelange leidvolle Geschichte ihrer jüdischen Mitbürger erforscht haben, waren wohl selbst erschrocken, als die bösen Züge der Vergangenheit immer deutlicher aus ihrer eigenen Arbeit hervortraten. Auch ein solches Erschrecken ist lehrreich, erzieht es doch dazu, die eigenen Positionen zu überprüfen. Denn nicht darauf kommt es an, die eigenen Väter und Vorväter zu verurteilen und sich besser zu dünken als sie, sondern darauf zu erkennen, daß selbst rechtschaffene und ehrbare Menschen, also auch wir selbst, furchtbaren Irrtümern verfallen können, wenn wir nicht den Mut zum Erinnern und die Kraft zur Versöhnung aufbringen. Wenn man sie aber aufbringt, dann wird Friede möglich. Die Besuche ehemaliger jüdischer Mitbürger Jevers sind sicher der schönste Lohn Ihrer Arbeit.
Herr Essl hat diesen Mut und diese Kraft im Hinblick auf Rußland aufgebracht. Über die Leiden unseres Volkes durch Krieg und Vertreibung vergessen wir allzu leicht die Leiden des russischen Volkes. Sie, Herr Essl, haben sie nicht vergessen. Das ist wohl auch der Grund dafür, daß viele Menschen in der Sowjetunion Ihnen vertrauen, daß Sie manches dort und hier vermitteln und anstoßen können, wozu die Politik noch nicht in der Lage ist. Die deutschrussischen Beziehungen sind mehr als die Beziehungen zwischen den Regierungen, die vielfältigen Einflüssen ausgesetzt sind. Beständig aber und dauerhaft sind die Beziehungen zwischen den Menschen der Völker. Wer solche Beziehungen aufbaut, der macht auch Politik - gute Politik, die nicht den eigenen Vorteil und den Nachteil des anderen sucht, sondern die ihren Sinn und Lohn darin sieht, daß man sich in einer Begegnung wieder ein Stück näher gekommen ist. Ihnen allen danke ich für Ihr Bemühen und für Ihre Arbeit, die wesentlich zur Menschlichkeit unseres Landes beiträgt.

Mit den besten Wünschen
Ihr Richard Weizsäcker

Sehr geehrter Herr Szymanski,

für Sie ist das heutige Auschwitz mehr als ein Museum. Wenn Sie Besucher durch diese Todesstätte führen, dann sprechen Sie auch von Ihrem eigenen Schicksal, von Menschen, die Ihnen nahestanden, die Sie leiden und sterben sahen, Sie sprechen auch von Menschen, die andere quälten und mordeten. Diese Menschen waren Deutsche. Heute kommen in zunehmender Zahl Deutsche nach Auschwitz, meist junge Menschen, die wissen wollen, wie es wirklich war. Und sie lernen, daß alles noch viel schlimmer, furchtbarer, grausamer war, als sie es sich vorstellen konnten. Sie führen diese Deutschen. Sie sagen ihnen die Wahrheit, ohne Haß, mit Geduld, eindringlich, damit sie lernen und nie mehr vergessen - um des Friedens und der Menschlichkeit willen.
Ein Deutscher, der unter Ihrer Führung Auschwitz besuchte, wird künftig anders davon sprechen, als er es zuvor getan hat. Er wird fortan bewußter denken und auch leben. Besseres und Wertvolleres kann ein einzelner einem anderen Volk nicht geben. Die jungen Deutschen begegnen in Ihnen aber nicht nur dem ehemaligen KZ-Häftling, sondern auch dem Polen Tadeusz Szymanski, dessen Volk und Land furchtbar unter dem Krieg gelitten haben. Mein Eindruck ist, daß die Urteile junger Deutscher über unser großes östliches Nachbarvolk nach der Begegnung mit Ihnen nachdenklicher sein werden als davor. Auch das ist ein wahrhaft guter und schöner Dienst am Frieden, ein Geschenk für Ihre Besucher. Denn die Menschen in Europa werden erst dann wirklich Frieden haben, wenn die Achtung der Nachbarvölker voreinander tief in den Herzen verwurzelt ist. Das überzeugende Beispiel eines einzelnen vermag oft mehr als viele Jahre Unterricht der Zeitgeschichte. Sie haben ein Beispiel gesetzt. Wir haben allen Anlaß, Ihnen dafür von Herzen dankbar zu sein. Die THEODOR-HEUSS-MEDAILLE, die Sie so freundlich sind, aus deutschen Händen entgegenzunehmen und zu der ich Sie herzlich beglückwünsche, ist nichts weiter als ein kleines Zeichen unseres Dankes.

Mit freundlichen Grüßen
Richard Weizsäcker

Dank des Preisträgers Werner Nachmann
Es ist mir zunächst ein Bedürfnis, Ihnen für die Auszeichnung zu danken, mit der Sie mich heute ehren. Ich nehme sie für meinen Vater und jene Männer und Frauen entgegen, die den Mut und die Zuversicht aufbrachten, sofort nach der Nazi- Tyrannei nach Deutschland zurückzukehren. Diese Auszeichnung trägt den Namen eines großen Deutschen, der den Geist der Liberalität und Toleranz repräsentierte und der den Weg aufzeigte, auf dem die Bundesrepublik zum Humanismus zurückfand. Theodor Heuss hat nach 1945 Maßstäbe gesetzt, die uns Juden den Versuch wagen ließen, nach den Jahren der Entrechtung und Entwürdigung an die Erneuerung eines Landes zu glauben, das wir und unsere Väter und Vorfahren geliebt hatten. Ich selbst habe als junger Mann Theodor Heuss im kleinen Kreis gehört und war tief beeindruckt. Die zurückgekehrten Juden haben dokumentiert, daß sie bereit waren, helfend beizustehen, und daß sie die Hoffnung auf das andere Deutschland nicht ganz verloren hatten. Wir haben diesen Schritt damals auch im Vertrauen auf die junge Generation gewagt und waren früh der Überzeugung, daß ein anderes Deutschland ein nützliches Mitglied in der Gemeinschaft der demokratischen Völker werden könne. Durch unsere Rücckehr haben wir mitgeholfen - was leider sehr oft vergessen wird - , daß die Welt wieder Vertrauen in diese Demokratie bekam und so in den Verbund freier Völker aufgenommen wurde, obwohl Deutschland während des Krieges und noch nach dem Kriege als der schlimmste Feind der Zivilisation angesehen wurde. Wir kehrten als Juden zurück und sind doch andere geworden, so wie jene andere geworden sind, die der Tyrannei dienten oder sie ertrugen oder sie auf eine bitter ohnmächtige Weise bekämpften. Hätte sich nach den Erfahrungen der ersten Hälfte dieses Jahrhunderts kein Wandel vollzogen, nachdem wir alle Zeugen geworden waren, wie abgrundtief sich der Mensch entmenschlichen kann, wäre uns Juden nicht nur die Rücckehr verschlossen geblieben, sondern wir alle wären der Verzweiflung ausgeliefert gewesen; wir hätten uns um unsere Zukunft gebracht. Erst diese Erfahrung, die sowohl eine gemeinsame wie auch eine je eigene ist, eröffnet uns den Zugang zur Begegnung. Dabei ist es völlig unerheblich, welcher Generation der einzelne angehört. Wäre es nur die Schuld, die das Bewußtsein prägt, müßten wir alle zwangsläufig Gefahr laufen, in jenen Zustand zurückzufallen, von dem aus das Unheil begann, als man anfing, zwischen wertem und unwertem Leben zu unterscheiden.
Wir dürfen die Erfahrung des Abgrundes nicht preisgeben. Darum ist es für uns so bitter enttäuschend, daß wir in jüngster Zeit Äußerungen vernehmen, die uns aufhorchen lassen, aber ich hoffe doch nicht nur uns, die Juden. Es ist traurig, was wir da und dort zu lesen und zu hören bekommen. Die Erfahrung des menschlichen Abgrundes scheint manche völlig unberührt zu lassen. Sie reden mit einer provozierenden Gedankenlosigkeit daher, die uns erschrecken muß, und wir registrieren eine enttäuschende Teilnahmslosigkeit der politischen Parteien und der demokratischen Organisationen. Wir wissen nach den Beteuerungen des vergangenen Jahres keine Erklärung, warum Kirchen und Gewerkschaften, Parteien und die Wirtschaft sich mit allgemeinen Wendungen begnügen.
Das Entsetzen über diese Fälle müßte doch alle berühren und nicht nur uns Juden. Man hat hierzulande übersehen, daß die Rücckehr von Juden in der Welt zunächst mehr Skepsis als Zustimmung erfuhr. Wir halten unseren damaligen Schritt unverändert für richtig. Denn ich glaube auch, sagen zu können, daß unsere Erwartungen trotz mancher Rückschläge im großen und ganzen erfüllt wurden. Die Bundesrepublik Deutschland ist heute ein demokratischer Rechtsstaat mit der freiheitlichsten Verfassung, die es in diesem Lande je gab. Sie kämpft mit ihren Verbündeten gegen jeglichen Terrorismus und Radikalismus. Trotzdem ist es unsere Pflicht, das politische Klima sehr genau zu beobachten. Wir betrachten es als unsere Aufgabe, nicht allein in unserem, sondern im Interesse der gesamten Bevölkerung, auf die kleinsten Vorkommnisse mit antidemokratischen Zügen hinzuweisen und die politisch Verantwortlichen zur Reaktion aufzufordern. Denn durch die bitteren Erfahrungen sind wir sensibel geworden, was leider von manchem unserer Kritiker nicht immer so gesehen wird. Klein hat es begonnen und hat beinahe ganz Europa in Schutt und Asche gelegt. Deshalb muß es unsere gemeinsame Aufgabe sein -  und so habe ich bisher meine Tätigkeit verstanden - , uns allen antidemokratischen Strömungen zu widersetzen. In unserem Interesse und im Interesse der Kinder und Enkel von uns allen müssen wir gemeinsam weiterarbeiten, damit diese Selbstverständlichkeit eines Tages Wirklichkeit wird. Denn nur mit dem Frieden und der Freiheit nach innen kann auch der Friede in Freiheit nach außen erreicht werden. Ich sagte es bereits, die Geschichte hat uns Juden empfindlich gemacht. Unsere Grenzen sind zwangsweise enger, denn unsere Duldsamkeit war zu lange strapaziert. Es ist weniger die Bitte um Verständnis, als der Versuch, Ihnen zu verdeutlichen, daß unser jüdischer Alltag hier zulande noch lange nicht den Grad der Selbstverständlichkeit erreicht hat, den wir alle anstreben.

Dank und Berichte der MedaillenempfängerArbeitgemeinschaft »Juden und Christen beim Deutschen Evangelischen Kirchentag«
D. Martin Stöhr
Als die Arbeitsgemeinschaft »Juden und Christen« 1960 anfing, waren wir der vorschnellen Meinung: Ein Versagen der Christen, der Kirchen und der Gesellschaft in Deutschland »nur« auf dem Felde der politischen Ethik hat Auschwitz verschuldet. Das war vorschnell, denn wir machten die beglückende Erfahrung großer Gemeinsamkeit von Juden und Christen. Wir Christen erlebten dankbar die Bereitschaft von Eva Reichmann und Schalom Ben- Chorin, Rabbiner Geis und Elenore Sterling, Rabbiner Holzer und ErnstLudwig Ehrlich trotz allem, was geschehen war, mit Deutschen und Christen in Deutschland zusammenzuarbeiten und mit Adolf I. Freudenberg, Helmut Gollwitzer und anderen zu den Initiatoren unserer Arbeitsgemeinschaft zu werden. Eine Neuentdeckung der biblischen Botschaft findet statt. Eine Gesellschaft, die die Botschaft der Hebräischen Bibel, die Verwirklichung von Gerechtigkeit und Freiheit, Frieden und Liebe nicht wahrnimmt, gefährdet sich und andere. Wir machen bis heute die Erfahrung tiefsitzender Vorurteile und Unkenntnis gegenüber den Juden. Die Skepsis gegen große Worte der Versöhnung wuchs, weil wir erst langsam entdeckten, daß ein Neuanfang nicht zu haben ist, ohne die tiefe Vergiftung durch Antijudaismus in Kirche und Theologie und durch Menschenverachtung und Antisemitismus in allen Bereichen der Gesellschaft beim Namen zu nennen und kritisch zu bearbeiten. Konsequent versuchen wir, die Geschichte der Judenfeindschaft, ihre christlichen Wurzeln, ihre spezifisch deutsche Ausprägung und Gefährlichkeit zu bearbeiten. Tausende versuchen es auf jedem Kirchentag mit uns.
Eine Zeitung schrieb am Anfang unserer Arbeit: »Ausverkauf der Kirchengeschichte«. Die Reaktion war typisch. Bis heute ist die Angst geblieben, mit der eigenen Geschichte, mit der eigenen Wissenschaft, mit der eigenen Institution ehrlich und kritisch umzugehen. Kritik wird als Bedrohung der christlichen oder irgendeiner anderen Gruppenidentität verstanden und abgewehrt. Können wir nicht endlich harmloser oder feierlicher mit der Zeit vor Auschwitz und der Zeit nach Auschwitz umgehen? Auf den Kirchentagen lesen Juden und Christen gemeinsam die Bibel, die »Memoiren Gottes«, in der »Sprache der Befreiung« geschrieben, wie Heinrich Heine fasziniert notierte. In einem Land, in dem der Respekt vor dem Staat leichter angemahnt wird als die Solidarität mit Minderheiten, ist Befreiung von Vorurteilen, von Ungerechtigkeit und Selbstgefälligkeit bis heute nötig.
Eine Kultur und eine Pädagogik, eine Politk und eine Kirche mit Sensibilität für menschliches Leiden ist nicht zu haben ohne wache Aufmerksamkeit für das Leben des Jüdischen Volkes in Israel und in der Diaspora. Erhebt Unmenschlichkeit irgendwo ihr Haupt, sind die Juden die ersten Opfer. Abbau von Vorurteilen, Information über Kultur und Geschichte der Juden, Information über den Nahost- Konflikt, die Opfer von Judenfeindschaft und Obrigkeitsgläubigkeit nicht zu vergessen, damit das Zusammenleben in Zukunft besser gelingt als in der Vergangenheit - das alles gehört zum Spektrum unserer Arbeit auf allen Kirchentagen. Die gern beschworene »Gnade der späten Geburt« wird zur Gnadenlosigkeit denen gegenüber, die Auschwitz selbst oder in ihren Kindern überlebten, und zugleich zur Selbstbegnadigung derer, die heute laut schreien müßten, wenn nicht sie selbst, sondern die Überlebenden übersehen, herabgewürdigt oder bedroht werden. Fellner war schlimm, die verharmlosenden oder zustimmenden Reaktionen auf ihn und seinesgleichen sind schlimmer. Eine Entschuldigung für dergleichen Entgleisungen ist gut. Besser, weil notwendig, ist es, die Sache zu bearbeiten, die sich aus der Tiefe deutscher Seelen meldet: Sublime oder schiere Judenfeindschaft und ihre vorurteilsreiche Verwandtschaft. Haben die aus Verstecken, Konzentrationslager und Emigration in unsere Städte und Dörfer zurücckehrenden überlebenden Juden und Sinti so viel Blumensträuße bekommen wie der Bürgermeister von Korschenbroich? Auschwitz ernstzunehmen heißt, vom millionenfachen, tödlichen Ende von Menschen, also vom Holocaust aus nach den Wurzeln zu fragen. Wie fing an, was geschah? Was waren die kleinen Anfänge, denen nicht gewehrt wurde? Kaduk und Höss exekutierten brutal, was lange vorher vornehm gedacht, wissenschaftlich legitimiert, militärisch abgeschirmt, christlich verbrämt, juristisch gefaßt, gedankenlos hingenommen, literarisch formuliert und politisch vorangetrieben war. So entsteht ein Giftgemisch aus Unkenntnis, aus Vorurteilen und aus der Gewalt hinabzudefinieren, wer anders denkt, anders glaubt, anders lebt. Die Klischees gegen Juden verdanken sich einer Selektionslust, die sich selbst nicht der Wirklichkeit stellt, sondern denunziatorische Klischees vorführt: Der reiche Jude, das Volk der Christusmörder, der rassistische Zionismus. Den Juden in unserem Land wird die Luft zum Atmen stickig. Wer merkt es? Warum verschlägt es den Nicht juden nicht den Atem, wenn den Juden die Luft zum Atmen weggenommen wird? Warum schweigen viele Bischöfe, Wissenschaftler und Parteivorsitzende? Deshalb wird die Arbeitsgemeinschaft »luden und Christen« beim Deutschen Evangelischen Kirchentag nicht aufhören, die Frage zu stellen, welchen Anfängen heute zu wehren ist. Diese Fragestellung stammt aus der gemeinsamen Bibel von Juden und Christen, in der eine befreiende und heilsam- kritische Erinnerung an das. Leben, Zusammenleben und Überleben der Menschen aufgehoben ist, wie es sein könnte. Wir sind noch nicht da, wo wir hin wollen. Die Auszeichnung nehmen wir dankbar an als große Ermutigung für unsere kleinen Schritte.

Edna Brocke
Mut zum Erinnern - was bedeutet das, im Jahr 1986, in einer Zeit relativen sozialen Friedens? In einer Republik, die nach fast 40 Jahren eine erste Zwischenbilanz zieht? Mut zum Erinnern - das meint wohl weniger »sich erinnern«, also das, was uns Juden seit der Bibel zu einem Lebens- , ja gar Überlebensprinzip geworden ist; denn: Nur wer Herkunft hat, kann Zukunft haben. Damit kann eher ein »Erinnern an etwas« gemeint sein, oder aber auch »jemand anderes erinnern<<: die jüngeren erinnern die älteren; die >Dulder< erinnern die aktiven Täter; die, die widerstanden, erinnern die >Dulder<... Tun sie es wirklich?
Mut zum Erinnern - könnten wir - als Arbeitsgemeinschaft »Juden und Christen« beim DEKT - von uns sagen, daß wir ihn hätten? Nein, aber wir streben danach: vor allem dadurch, daß wir nicht nur an Weitzurückliegendes erinnern, also an all das, was über Jahrhunderte an Anti- Judaismen zusammenkam und sich im Holocaust verdichtete. Nein, wir sehen unsere Aufgabe nicht nur in einem Erinnern daran, sondern gerade im Lichte dessen versuchen wir, das ganz Nahe zu sehen und daran zu erinnern. Um dieses Erinnern zu wagen, bedarf es schon eher etwas Mut.
Muß bereits erinnert werden - an manche Peinlichkeiten während des Israelbesuches des Bundeskanzlers Kohl, weil sie sonst vergessen (und verdrängt) werden? Muß bereits erinnert werden - an das viele Unverständnis, auf das das differenzierte Bitten stieß, den Präsidenten der USA vor einem Besuch in Bitburg zu verschonen, weil sonst verdrängt wird?
Muß bereits erinnert werden - an den 8. Mai 1985, einem Datum, an dem Bischöfe gern die ihnen zugeschobene Rolle von Politikern übernahmen? Glücklicherweise schuf der Bundespräsident - als guter Prediger - den Ausgleich. Muß bereits erinnert werden - an eine Diskussion um ein Theaterstück? Anders als in den dreißiger Jahren standen dieses Mal sehr viele Bürger dieser Republik zusammen mit Juden vor dem Theater, solidarisierten sich Christen mit Juden, um eine Peinlichkeit mehr zu verhin dern, an die es sonst in wenigen Jahren zu  erinnern gegolten hätte...  Muß bereits erinnert werden - an einen Man datsträger im Bundestag, der »nur« das tat, was  viele vor ihm taten: Er perpetuierte ein Kli schee, er trug ein tötendes Vorurteil weiter. Er  hat sich entschuldigt. Auch dafür - oder nicht  primär für die Wortwahl?  Muß bereits erinnert werden - an einen Bür germeister einer rheinischen Stadt? Er scheint  vergessen zu haben, daß Juden - ob reiche oder  arme - keineswegs sprichwörtlich, sondern tat sächlich, erschlagen worden sind. Auch er griff  zu Papier und schrieb ein Entschuldigungs schreiben. Wieso aber eigentlich? Wofür hat er  sich denn entschuldigt, wenn er doch sein politi sches Mandat - aus Überzeugung - beibehält?  Ich denke - es gilt, diese immer enger werden de Schlinge vor dem Zugriff aufzuhalten. Ge wiß, um potentielle Opfer zu schützen. Ja. Aber  auch -  und in gleicher Weise - , um potentielle  Täter gewissermaßen vor sich selbst zu  schützen.  Ich denke - es geht darum, wie man mit dem  recht plötzlichen Aufheben des Tabus gegen über Juden in der deutschen Öffentlichkeit um zugehen lernt.Dabei denke ich - an eine Begebenheit in Israel, als der extremistische Meir Kahana in eine Stadt kommen wollte, um dort - im Freien - politische Werbereden zu halten. Als alle Aufrufe in den Zeitungen ihn von seinem Vorhaben nicht abhalten konnten, lautete eine Nachricht im Rundfunk lapidar: »Ab heute sind im Rathaus kostenlos Trillerpfeifen zu haben«.
Kahana kam nicht in diese Stadt.
Lassen wir uns aber nicht vorschnell zu kurz schlüssigen Vergleichen oder voreiligen Inter pretationen hinreißen. Nur ein Zusammenspiel  von wirklich wachen Bürgern, sensiblen Politi kern und verantwortungsbewußten Medien  kann begründete Hoffnung auf tragfähige De mokratie verleihen.  In diesem Sinne wünsche ich uns allen >ganz ganz viele Trillerpfeifen<.

Tadeusz Szymanski
Sehr geehrte Frau Vorsitzende Dr. Hamm-Brücher!
Sehr geehrte Damen und Herren!Die mir für das Jahr 1986 zuerkannte THEODOR-HEUSS-MEDAILLE habe ich als Pole  mit besonderer Freude und Stolz angenommen. Alles, was ich im Leben zu machen und durch zusetzen versuchte, ist nur ein bescheidener  Beitrag zur Menschenannäherung und Verständigung.
Schon in meiner glücklichen Vorkriegszeit als  polnischer Pfadfinder suchte ich Freunde und  hatte Freunde - nicht nur Polen. Später - im  besetzten Lande - habe ich meine patriotische  Aufgabe eindeutig darin verstanden: nicht ru hen, bevor Polen frei wird.  Aber wenn ich sogar nichts getan hätte, als Leiter der Pfadfinder wäre ich verhaftet worden wie viele andere sogenannte polnische »Führungskräfte«. Verhaftet wurde ich im Mai 1941. Als politischer Häftling der Konzentrationslager Auschwitz, Groß-Rosen und Buchenwald, der Orte, wo es mehr Tod als Brot gegeben hat, sah ich viele, die das Vertrauen an Gott und Menschen verloren hatten. Um mich dagegen zu wehren, habe ich mich mit meinen Kameraden durch das Lagerleben durchgekämpft.
Wie Strahlen in dunkler Nacht war jeder Kamerad, egal welcher Nation, der behilflich und solidarisch sein wollte. In dieser Lage wurden Freundschaften geknüpft, die bis heute wirken. »Vergeßt uns nicht, sagt den Menschen...« schrie uns ein Krakauer Kamerad auf dem Wege zur Erschießung zu. Vielleicht hat mir dieser Schrei unbewußt geholfen bei der Entscheidung im Jahre 1946, die Stelle des Kustos an der damals organisierten Gedenkstätte Auschwitz in Oswiecim anzunehmen. Meine Tätigkeit im Museum Oswiecim war nicht und beruht nicht auf dem Aufreißen der - noch nicht geheil
ten - Wunden. Ohne das Schmerzende zu ver gessen, versuchte ich mit anderen Freunden,  den Weg in die Zukunft zu finden.  Im Jahre 1977 wurde ich Rentner, aber das hat  wenig in meinem Leben geändert. Viele früher  »dienstliche« Kontakte sind erhalten geblieben als "private«. Und so traf ich und treffe ich noch  immer viele Deutsche auf meinem Lebensweg,  meistens im Zusammenhang mit Auschwitz,  was mich zum politischen Handeln ermutigt und  humane Gedanken geweckt hat.  Gutsein reicht nicht, denn auch durch Tatenlo sigkeit der Guten kann Böses zugelassen  werden.
Die Aktion Sühnezeichen-Friedensdienste ist  THEODOR-HEUSS-PREISTRÄGER des  Jahres 1965, und immer hat und gibt sie Mut  zum Erinnern, hat sie die Kraft, zur Versöh nung aufzurufen, hat sie den Willen und die  Kraft, richtige Wegweiser auf dem Wege in die Zukunft zu bauen. In diesem Jahr will die Aktion Sühnezeichen Friedensdienste in der Nähe von der Gedenk stätte in Oswiecim eine Internationale Jugend begegnungsstätte bauen uno noch in diesem  Jahr eröffnen..., wenn das Geld für den Bau  ausreicht. Jemand sagte: »Geld ist genug da, es  liegt aber zur Zeit in anderen Taschen«. Be stimmt werden Menschen guten Willens helfen,  daß es in die »richtige Tasche« kommt. Und zum Schluß... Am Tage, an dem ich die  THEODOR-HEUSS-MEDAILLE bekommen  habe, möchte ich meine Freude mit Menschen  in Polen teilen, mit Freunden, die mich ermutigt  und mir geholfen haben. Grund zur Freude  müßten vor allem alle meine Freunde haben,  die meine Bemühungen auf dem Wege zur An näherung der Menschen verschiedener Natio nen angenommen und unterstützt haben. Die  Liste der einzelnen wäre lang. Gestatten Sie  mir, nur einige von vielen zu nennen:  Die Aktion Sühnezeichen- Friedensdienste, mit  der ich seit 20 Jahren im engen Kontakt, in  ständiger Zusammenarbeit verbleibe.  Den Internationalen Suchdienst A.rolsen und  ähnliche Stellen in der BRD, aber auch in Po len, die die Vergangenheit dokumentieren, um  sie richtig zu verstehen und davon zu lernen.
Das Deutsche Rote Kreuz und das vieler ande rer Länder, die unter anderen mir geholfen  haben, als ich für ehemalige Häftlings- Kinder  die Eltern suchte.  Die Deutsche Ärztegemeinschaft, die uns Ver folgten und den Opfern des Krieges umsonst so
viele und wertvolle Medikamente lieferte. Die vielen evangelischen Kirchengemeinden, die so wichtige Treffen organisierten, um der Jugend Informationen zu vermitteln, die sie zu Hause oder sogar in den Schulbüchern nicht finden. Studenten und Wissenschaftler vieler Nationen, die das unbeliebte Thema Auschwitz neu, dokumentarisch und wissenschaftlich behellen. Die Organisation »Zeichen der Hoffnung«, die in enger Zusammenarbeit mit der »Lagergemeinschaft - Freundeskreis der Auschwitzer« so erfolgreich Ausstellungen, Vorträge und andere Aktionen durchgeführt hat. Alle meine Freunde, die ich nannte und nicht genannt habe, bitte ich, die Freude über die Zuerkennung der THEODOR-HEUSS-MEDAILLE mit mir zu teilen. Ohne Eure Hilfe und wertvolle Arbeit wäre die Hoffnung auf eine bessere Zukunft nicht so deutlich und stark.

Förderverein Internationale Jugendbegegnungsstätte Dachau e. V. Dr. Ralf Hanusch
I.
Die Idee, in Dachau nicht nur eine Gedenkstätte auf dem Gelände des ehemaligen Konzentrationslagers zu errichten, sondern in ihrer Nähe auch eine »Denkstätte« zu gestalten, einen Ort der Begegnung zum gemeinsamen Lernen aus der Geschichte für Gegenwart und Zukunft, diese Idee ist inzwischen über zwanzig Jahre alt. Ja, ehemalige Häftlinge erzählen, daß es für sie schon bald nach der Befreiung wichtig war, daß gemeinsam mit dem Gedenken an die menschenverachtende Unterdrückung an diesem Ort auch die kostbaren - oft unter Lebensge. fahr gemachten - Erfahrungen von Solidarität unter Menschen aus 27 Nationen und aus gegensätzlichen Traditionen und Schichten lebendig
erhalten werden.
Die Verwirklichung dieser Idee wurde dring
lich, als Ende der siebziger Jahre die Zahl der Besucher, insbesondere auch von deutschen Jugendlichen, in der Gedenkstätte anstieg, so daß inzwischen jährlich rund eine Million Menschen in das ehemalige Lager kommen. Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Gedenkstätte, der evangelischen Versöhnungskirche und des katholischen Karme1- Klosters berichteten von vielen Unzulänglichkeiten. In einer Initiativgruppe zunächst und ab November 1984 als Förderverein begannen junge und alte Menschen, sich für die Idee einer Jugendbegegnungsstätte zu engagieren. Es sind zwei Wirckräfte, die die Arbeit über viele Widerstände hinweg bisher vorangebracht haben. Einmal ist dies das Erbe der ehemaligen Häftlinge des Lagers, das sie erzählend immer wieder einbringen, und dies ist zum anderen das Engagement von Jugendlichen aus Dachau...II.
Wie geht die Arbeit des Vereins gegenwärtig weiter? Es spricht vieles dafür, daß die Phase der entschiedenen Ablehnung, ja der Diffamierung des Projekts langsam zu Ende geht. Sie tritt uns unmittelbar nur noch in wichtigen Teilen der Dachauer CSU entgegen. Wir werden hier weiter beharrlich gesprächsbereit sein und immer wieder betonen, daß es uns nicht um eine Stigmatisierung von Dachau geht, sondern gerade darum, daß Dachau unter den Jugendlichen aus aller Welt zu einem hoffnungsvollen Ortsnamen wird. Für jede kundige Unterstützung dieses Bemühens von außen sind wir dankbar. Wir verstehen die Verleihung der THEODOR-HEUSS- MEDAILLE als eine Ermutigung, die Verständigungsmöglichkeiten auch in Dachau selbst zu erweitern. Inzwischen hat eine Phase der konstruktiven Realisierung des Projektes auf zwei Ebenen begonnen. Einmal ist es nach zäher Vorarbeit gelungen, daß der Bayerische Jugendring sich für dieses Projekt ausspricht und mit den entsprechenden Verhandlungen zusammen mit dem Förderverein auf Landesebene beginnt, die zu einer breiten Trägerschaft für eine Jugendbegegnungsstätte führen sollen. Gleichzeitig engagiert sich der Verein für einen weiteren Ausbau der Jugendbegegnungszeltlager. Wir hoffen, noch für diesen Sommer ein Grundstück zu finden, auf dem zunächst der Zeltplatz ausgebaut werden kann und dann in einzelnen Abschnitten ein festes Haus für rund 50 Jugendliche mit entsprechenden Räumen errichtet werden kann. Hier soll unter Mithilfe von Experten jenes Lernen aus der Geschichte möglich werden, das wir schon jetzt mit intensiven Erfahrungen belegen können. Lernen nach Auschwitz und Dachau ist nur möglich »als Erschließung des Humanen aus seiner Verleugnung und Abwesenheit«, um UIrich Sonnemann, ein Mitglied unseres Kuratoriums, zu zitieren. Gerade angesichts der umfassenden Bedrohung des Humanen in der Gegenwart sind solche Lernorte unverzichtbar. Gerade in Deutschland geht es darum, in der internationalen Begegnung sich daran erinnernd zu vergegenwärtigen, daß mitten im Terror Grenzen überschreitende Versöhnung erfahrbar war und daß Orte, wie z. B. das KZ Dachau, auch Geburtsorte für eine demokratische und umfassende ökumenische Gesellschaft gewesen sind, die weiterwirken können. Eine alte Erfahrung des jüdischen Volkes vergegenwärtigt diesen Weg über Orte der Erinnerung in eine freiere Zukunft: »Vergessen verlängert das Exil, der Weg der Erlösung heißt Erinnern«.

Martina Radlmayr
Sehr verehrte Damen und Herren,
liebe Freunde,ich möchte beginnen mit einem Zitat einer hol ländischen Teilnehmerin am internationalen Ju gendbegegnungszelt1ager vom letzten Sommer  in Dachau.  »Im Anfang meines Aufenthaltes fühlte ich  mich machtlos; in der Gedenkstätte sah ich viel  Schreckliches. Aber während dieser Woche ha be ich bemerkt, daß es einen Weg gibt, von der  Vergangenheit zu lernen. Wir müssen zusam menhalten, die Welt froh zu machen für alle  Menschen, und keinen ausschließen. Die Be gegnung mit Euch und mit den anderen Leuten  hat mir Mut gemacht, besonders die Gespräche  mit den ehemaligen Häftlingen und mit einer  türkischen Gruppe.«Seit drei Jahren organisieren die evangelische Jugend und die katholische Jugend zusammen dieses Zeltlager. Es zeigt modellhaft die Möglichkeiten, die die geplante internationale Jugendbegegnungsstätte in Dachau bieten könnte. Wir organisieren Führungen durch die KZ- Gedenkstätte, Gespräche mit ehemaligen Häftlingen. Zusammen mit unseren Gästen betreiben wir Nachforschungen im Archiv und in der Bibliothek der Gedenkstätte, führen praktische Arbeiten zur Erhaltung, z. B. des SS- Schießplatzes, durch und suchen nach der Bedeutung der Geschichte des Konzentrationslagers und des SS- Ausbildungslagers in Dachau für uns heute.
Wir möchten neben den Informationen über die Geschichte auch eine Auseinandersetzung mit aktuellen Fragen, die uns heute betreffen, wie z. B. Ausländerfeindlichkeit, Antisemitismus, Zivilcourage und Neonazismus, anregen. Wichtiges Fundament dieser Zeltlager ist für uns die Begegnung mit Menschen, gleich welchem Kulturkreis sie entstammen und welche Sprache sie sprechen. Die jugendlichen Besucher aus dem In-  und Ausland haben unsere Auffassung bestätigt, daß es für junge Menschen von großem Interesse ist, sich über das, was in der Nazi- Zeit in unserem Land geschehen ist, intensiv und qualifiziert zu informieren und damit auseinanderzusetzen. Wir wollen diese Zeit verstehen lernen und nicht vergessen. Wir wollen offen und ohne Vorbehalte über die Geschichte unseres Landes gerade mit Besuchern aus dem Ausland sprechen.
Nur so können wir die weltpolitische Entwicklung nach 1945 verstehen und Einsichten in politische und soziale Zusammenhänge, die zu dem geführt haben, wo wir heute sind, gewinnen. Wir jugendlichen Mitglieder des Fördervereins freuen uns über die Preisverleihung~ da wir uns dadurch in unserer Arbeit bestätigt fühlen. Wir hoffen, in den nächsten Jahren noch mehr junge Menschen nach Dachau einzuladen, und bitten sie darum, unsere Sache weiter zu unterstützen und in der Öffentlichkeit für die Realisierung der Internationalen Jugendbegegnungsstätte in Dachau einzutreten. Vielen Dank.

Schüler- Lehrer- Projekt »Juden besuchen Jever«
I.
Ende 1978 schlossen sich Schüler des Mariengymnasiums Jever zusammen, um die nationalsozialistische Vergangenheit ihrer Heimatstadt zu erkunden, und bis heute ist diese erste Gruppe immer wieder durch nachfolgende Schülergenerationen erneuert worden. Die Jugendlichen waren aufgeschreckt durch neofaschistische Umtriebe in ihrer eigenen Schule, betroffen durch die keimende Ausländerfeindlichkeit, enttäuscht über die lückenhafte und abstrakte Behandlung der NS- Zeit im Unterricht und willens, sich mit den schweigenden oder beschönigenden Eltern und Großeltern auseinanderzusetzen. Niemand in Jever - nicht der renommierte Geschichtsverein, nicht das Museum, nicht die Tageszeitung - hatte sich bis dahin mit der tiefbraunen und antisemitischen Vergangenheit des Jeverlandes und seiner kleinstädtischen Metropole aufklärend auseinandergesetzt. Im Gegenteil: Es herrschten geschichtsklitternde Artikel und Bücher. Wer sich in der »Stadt von Sage, Kunst und Geschichte« (städtische Eigenwerbung) kritisch zu Wort meldete, konnte leicht zum »Nestbeschmutzer« werden, wenn ihn nicht die Tageszeitung totschwieg. Unter diesen Bedingungen trieb auch ein Zorn die Schüler an. Die anfangs 15 bis 20 Jugendlichen der Altersstufen 16 bis 19 Jahre interviewten Zeitzeugen, arbeiteten Akten in verschiedenen Archiven durch, exzerpierten aus alten Zeitungsbänden, sammelten historische Fotos, besuchten einen Kriegsverbrecherprozeß und unternahmen anderes mehr. Diese Arbeit fand fast ausschließlich außerhalb des Unterrichts in einer Art autonomer Gegenschule statt, für die sich die Räume des Gymnasiums als nützlich erwiesen. Der Lehrer Hartmut Peters, den die Schüler zunächst als Berater und Türöffner hinzugezogen hatten, begriff sich bald als Mitglied der Gruppe, wurde selbst forschend tätig und betreut seitdem das immer umfangreicher werdende Archiv. Durch eine Reihe von Ausstellungen über Weimar und die Anfänge der nationalsozialistischen Zeit in Jever, durch Vorträge sowie Rundfunksendungen erreichten die Schüler eine Veröffentlichung ihrer Ergebnisse und eine gewisse Diskussion in der Stadt. Es wurden auch Unterrichtsmaterialien für die Schule erarbeitet. Der Frankfurter Journalist Wolf Lindner produzierte für das ZDF einen Film (Sendung Juni 1981) über die Arbeitsweisen der Gruppe, um Gleichaltrigen ein Modell an die Hand zu geben. Was den erwachsenen Jeveranern damals weitgehend unwichtig erschien, war anderen wertvoll. Die Zusammenarbeit mit Lindner gab weiteren Mut. Ein treibendes Motiv der Weiterarbeit war der Kontakt zu einem in Israel lebenden Emigranten. Herr Biberfeld schrieb u. a.: »Was ich am Mariengymnasium als Jude auszustehen hatte, hat mir einen Schock fürs Leben versetzt, andererseits mir das Leben gerettet, weil ich nach 1933 bald auswanderte, da ich wußte, was ich zu erwarten hatte.« Der aus der Emigration zurückgekehrte Fritz Levy - seine ganze Familie war umgebracht worden - lebte als einziger Jude in Jever. Er war nicht nur als leibhaftiges schlechtes Gewissen Stein des Anstoßes, sondern auch als Bürgerschreck und produktiver Querdenker. Levy betonte in seiner provokativen Art immer wieder, daß die Demokratie in Jever für ihn schlimmer gewesen sei als die Nazi- Zeit. Die kritische Jugend kam mit diesem schwierigen und verfemten Menschen aus, und Levy half dem Projekt bei der Rekonstruktion der Geschichte der Juden Jevers. Als Levy sich 1982 - zwei Wochen vor der Eröffnung der Ausstellung »Zur Geschichte der Juden Jevers« - das Leben nahm, spürten wir große Trauer. Die Nationalsozialisten hatten ihr Ziel erreicht: Jever war »judenfrei«. Gleichzeitig entstand der Mut, Kontakte zu den in aller Welt vermuteten ehemaligen jüdischen Mitbürgern Jevers aufzunehmen. Die Stadt Emden hatte gerade jüdische Emigranten bei sich zu Gast gehabt, und wir forderten die Stadt Jever bei der Ausstellungsvernissage am 9. 11. 1982 auf, ein Gleiches zu tun. Niemand von den maßgeblichen Kommunalpolitikern reagierte, und so nahmen wir nach einigem Zögern die Sache selbst in die Hand. Über 30 Adressen konnten wir über die auch später sehr hilfreiche Gesellschaft für christlich- jüdische Zusammenarbeit in Oldenburg beziehen, doch als viel schwieriger erwies es sich, die fehlenden 50000 DM aufzutreiben. Auf das Spenden konto überwiesen zunächst fast nur wir selbst, der erste Hoffnungsschimmer war eine spontane 3000- DM- Spende der Grünen und eine größere Summe von den Jusos. Das Projekt galt als "unseriös" und möglicherweise »politisch«. Die Schüler organisierten Benefizkonzerte in Stadt und Schule, sammelten an allen Haustüren, organisierten Vorträge und Stände, entwarfen Plakate, führten eine Gedenkdemonstration zum 45. Jahrestag der Niederbrennung der Jeverschen Synagoge durch - kurz "schufen Öffentlichkeit", um immer wieder auch die Kontonummer in die Zeitung zu bringen. Die Ausstellung »Zur Geschichte der Juden Jevers« half sehr, indem wir sie in den umliegenden Gemeinden zeigten und so immer wieder auf das Vorhaben aufmerksam machten. Die Zeitungen begannen jetzt zu unterstützen, nachdem schon Radio Bremen immer Mut gemacht hatte. Als nach einem dreiviertel Jahr die Stadt Jever einen 10000- DM- Zuschuß zusagte, schrieben wir an die Adressen und luden die Emigranten für das Frühjahr 1984 ein. Manchem, der meistens ohnehin gegen den Besuch war, erschien diese Finanzpolitik abenteuerlich, aber wir hatten inzwischen eine große innere Zuversicht erreicht und die Auffassung gewonnen, daß ein gewisser Druck nötig sei. Notfalls hätten wir eben Jahre weitergesammelt. Pünktlich im April hatten wir dann das Geld. Ein beachtlich hoher Anteil kam von Privatleuten, das meiste von öffentlichen oder halb- öffentlichen Einrichtungen. Die reichste Partei spendete spät einen Kleckerbetrag. Die Resonanz auf unsere Briefe war unerwartet warm und offen. Die meisten der während der nationalsozialistischen Ära Vertriebenen sagten zu, einige begründeten deutlich ihre Ablehnung: »Nach Deutschland kann ich nicht kommen, weil ich dort in einer furchtbaren seelischen Verfassung sein würde; ich würde dort immer an das qualvolle Ende meiner Eltern und vieler Verwandter denken müssen.« Möglicherweise war unser Bürgerinitiativcharakter gerade ein Vorteil: »Wenn die Stadt uns eingeladen hätte, dann wäre es für uns noch eine große Frage gewesen, ob wir gekommen wären. Aber der Grund, daß wir diese Einladung schließlich doch angenommen haben, sind die jungen Menschen, die das organisiert haben. Und da haben wir gesagt: Wir müssen ihnen die Hand reichen.« Wir mußten aber auch feststellen, daß unsere Initiative um Jahre zu spät kam: etliche Briefe kamen zurück, und mancher Ex- Jeveraner war nicht mehr reisefähig. Es lagen schließlich 15 Zusagen ehemaliger Mitbürger vor, denen wir für eine Woche zusammen mit einer Begleitperson Reise, Unterkunft, Verpflegung und Geschenke bieten konnten. Nur noch sieben Schüler - die Arbeitsbelastung forderte Tribute -  und zwei Lehrer - Werner Beyer hatte sich im November 1982 aus innerer Überzeugung dem Einladungsvorhaben angeschlossen - gestalteten mit Hochdruck die inhaltliche Vorbereitung der Woche. Im Zusammenhang mit der Evangelischen Kirchengemeinde, der Stadt und dem Heimatverein stellten wir ein Programm auf. Gleichzeitig schrieb Hartrnut Peters eine Dokumentation, die unter dem Titel »Verbannte Bürger - Dokumente und Darstellungen zur Geschichte der Juden Jevers 1698 bis 1984« den Besuchern als ein Gastgeschenk überreicht wurde. Der Besuch war ein erschütterndes und gleichzeitig auch beglückendes Erlebnis. Eine 1939 aus Jever Vertriebene schrieb stellvertretend
kurz danach: »Es war wie ein schöner Traum, von dem man nicht erwachen möchte, und es ist schwer, unsere Gefühle in Worten auszudrücken.« Höhepunkt der Woche war eine Sabbatfeier mit Landesrabbiner Brandt, der schwierigste Programmpunkt war der Abend der Begegnung mit Jeveraner Bürgern der älteren und mittleren Generation. Die Mitglieder des Projektes begriffen, welchen unersetzlichen Verlust die nationalsozialistische Politik der Vertrei- . bung und Ermordung der Juden bewirkt hat und freundeten sich in vielen intensiven Gesprächen mit den Besuchern an. Aber auch Kontakte zwischen der Bevölkerung und den ehemaligen Jeveranern entstanden oder wurden wiederbelebt. Die Besucher nahmen kein Blatt vor den Mund, obwohl manches nicht ausgesprochen wurde. Ihre Offenheit ermutigte uns, weiterhin auf die Wahrheit zu setzen. »Niemand und nichts vergessen« - nur das begründet die Chance für einen erneuten und dauerhaften Kontakt. Die Besucher lehrten uns, daß Entschuldigungen nur von der eigenen Verantwortung ablenken, weil passiv Vergebung erhofft wird, und daß Philosemitismus die Rückseite des Antisemitismus bedeuten kann. Gegenwärtig befindet sich das Vorhaben »Juden besuchen Jever« in einer Zeit der Bewährung. Es gilt, die angewachsenen Kontakte sich entwickeln zu lassen. Es wechseln viele Briefe zwischen den Projektmitgliedern und Israel, Australien, beiden Amerikas, England, Holland und Hamburg. Es finden weitere Besuche und auch Gegenbesuche statt. Das Geld der Heuss- Medaille werden die inzwischen jungen Erwachsenen des Projektes als Zuschuß für eine Reise nach Israel nutzen, woher besonders viele Einladungen von Emigranten vorliegen, die nicht nach Jever kommen wollen. Auch zwischen einzelnen aus der Bevölkerung Jevers und ehemaligen Mitbürgern haben sich dauerhafte Kontakte ergeben.II.
Das Projekt »luden besuchen Jever« nimmt sich nach außen wie eine typische Erfolgsstory aus. Aber inwiefern haben wir wirklich im Sinne der »Fortentwicklung der demokratischen Kultur« (eines der Kriterien für die Medaillenvergabe) etwas bei uns, »vor Ort«, bewegen können? Wir sind da wegen unübersehbarer Hinweise eher nachdenklich gestimmt. Die mittelständischen Bürgerkreise, vor allem die mit der »Gnade der späten Geburt«, haben wir nie wirklich erreicht, viel eher schon die älteren Menschen. Wir fühlten uns gelegentlich benutzt als recht preiswertes Alibi einer »ausreichenden« und ohnehin nicht mehr zu verhindernden »Bewältigung«. Den latenten Antisemitismus bei manchen, den wir aus unbewußten Formulierungen herauszuhören meinten, haben wir wohl kaum abschaffen können. Daß es keine Probleme gibt, liegt möglicherweise daran, daß es schlicht keinen Juden mehr auf Dauer gibt. Die Medien haben, wenn sie sich einmal eines wichtigen Themas erbarmen, eine positive Kraft - aber vielleicht decken sie doch nur zu. Wir verweisen hier auf die Fellner- Affäre, ihre angemessene Bewertung in der publizierten Öffentlichkeit und den Satz »Du, dieser Bayer hat endlich einmal die Wahrheit gesagt!«, den ein Projektmitglied im Januar in Jever aufschnappte. Wir wollen notieren, daß auch wir angefeindet wurden. 1981 warfen Neofaschisten bei drei dem Projekt verbundenen Lehrern die Fensterscheiben ein. Wir spürten häufig die »Gummiwand« aus Schweigen und Auspendeln oder die schlichte Ignoranz. Eine ganze Reihe von Bürgern aller Altersstufen hat jedoch begonnen nachzudenken und hat sich mit der Geschichte ihrer Region auseinandergesetzt. Es ist ein guter Anfang getan. Es gibt, was keiner zu hoffen wagte, einen Markt für kritische regionalgeschichtliche Publikationen, wie der rapide Ausverkauf von »Verbannte Bürger« belegt. Es ist ein positives Zeichen, wenn ein Jeveraner Arzt unser deutliches Buch im Sprechzimmer auslegt. Und zum 40jährigen Jahrestag der Befreiung vom Faschismus gelang es, zusammen mit der Friedensinitiative Jever eine vielbeachtete Ausstellung über Krieg und Kriegsfolgen in Jever zu erarbeiten. Die Gesellschaft für christlich- jüdische Zusammenarbeit ließ sich durch uns zur Einladung der ehemaligen jüdischen Mitbürger Oldenburgs nach 01denburg ermutigen. Wir hoffen sehr, daß diese Ausprägungen eines demokratischen Heimatbewußtseins nicht den historischen Einebnungsversuchen der gegenwärtigen Bundesregierung im Bitburger Stil zum Opfer fallen. Es ist auch schade, wie unsere demokratischen Einrichtungen in Jever mit der ihnen eigentlich zuvörderst obliegenden Verantwortung umgehen. Die Stadt Jever lehnte voriges Jahr eine von Projektmitgliedern vorgeschlagene Veranstaltung zum 40. Jahrestag des Kriegsendes mit der Begründung ab, »... daß dieses Ereignis eine umfassende Würdigung in der Presse sowie im Rundfunk finden« werde. 1983 hatte man zur 50. Wiederkehr der Machtübertragung an die Nationalsozialisten mit fast denselben Formulierungen und der Konstruktion, daß im Freistaat Oldenburg die Nazis ja bereits 1932 an die Macht gekommen seien, abgelehnt. Zu ihrer 450- Jahr- Feier läßt die Stadt dann trotz einiger Einwände leider ausgerechnet das Stück aufführen, das bereits 1936 - zur letzten Stadtfeier - äußerste Erfolge erzielte. Das angeblich harmlose Festspiel über Marias Regentin im 16. Jahrhundert, Fräulein Maria, verfälscht in Wahrheit Geschichte zu Geschichtchen, lobhudelt den Herrschern und verschweigt die soziale Unterdrückung. Der Bundeswehr- Flugplatz Upjever lehnt es gegenwärtig ab, die 50jährige Platzgeschichte als Chance kritischer Selbstbesinnung zu nutzen. Unter dem Motto »25 Jahre Bundeswehr in Upjever - 50 Jahre Flugplatz« werden sich im Juni ehemalige Wehrmachtsangehörige und Soldaten von heute begegnen können. Motto und Treffen erzeugen unserer Auffassung nach ohne gleichzeitig aufklärende Maßnahmen über die Funktion des Platzes 1936 bis 1945 ein falsches Bild in der Öffentlichkeit und widersprechen dem Leitbild vom "Staatsbürger in Uniform", das sich unsere Demokratie ja nicht zufällig ausgesucht hat. Um den üblichen Mißverständnissen vorzubeugen: Wir haben nichts gegen die vom Nationalsozialismus mißbrauchten »Ehemaligen«, und wir halten auch nicht die Bundeswehr für präfaschistisch ! Wir wünschen uns, daß sich noch mehr Menschen und auch unsere Institutionen mit den dreißiger, vierziger und fünfziger Jahren auseinandersetzen. Warum sollen das immer Amateure tun? Ein großes Anliegen von uns ist es, daß die Stadt den ermordeten Hermann Gröschler der als letzter Vorsteher der Synagogengemein~ de und langjähriger Stadtrat für Jever Hervorragendes geleistet hat, mit einem Gedenkstein oder einem Straßennamen ehrt. Seit bald einem Jahr versuchen wir, in dieser Sache zu überzeugen. Es bedrückt uns, daß gleichzeitig eigentlich dringendere Aufgaben auf Engagement warten: Atomwaffen - auch im Jeverland - , Hungertote in der Dritten Welt. Es beschäftigt uns auch, daß eine äußerst engagierte Lehrerin, die zeitweilig im Projekt mitgearbeitet hat, wegen ihrer Kandidatur für eine nicht verbotene Partei vor ihrem beruflichen Ende steht. Das Projekt »Juden besuchen Jever« kam unserer Einschätzung nach in einem eher glückhaften Augenblick zum Erfolg. Die Fortentwicklung unserer demokratischen Regionalkultur und der öffentliche »Mut zum Erinnern« sind so umstritten wie immer. Wir danken der THEODOR-HEUSS-STIFTUNG vor allem für ihre ideelle Anerkennung, die unser Bemühen unterstützt.

Erwin Essl
Für die mir von Vorstand und Kuratorium der THEODOR-HEUSS-STIFTUNG zuerkannte THEODOR-HEUSS-MEDAILLE für 1986 danke ich Ihnen sehr herzlich. Sie ist für mich eine große Ehre, aber auch Verpflichtung für weitere Festigung der Beziehungen zwischen der Bundesrepublik Deutschland und der Sowjetunion... Die vom Nazideutschland in die Welt getragenen schrecklichen Verbrechen, die insbesondere Juden und Russen angetan wurden, zu sühnen, aus der Geschichte zu lernen und den Weg für eine hoffnungsvolle Zukunft zu gehen, war immer unser Leitgedanke. Nach Beendigung des Zweiten Weltkrieges bestimmte die »Politik der Stärke« und des »Kalten Krieges« lange Zeit das politische Handeln der westlichen Staaten. In der unmittelbaren Nachkriegszeit durchzog ein "Eiserner Vorhang" Europa, und nicht nur das Verhältnis zwischen den beiden Teilen Deutschlands, sondern auch zwischen »Ost und West« war von gegenseitigem tiefen Mißtrauen geprägt. Die außenpolitische Haltung der damaligen Bundesregierung unter Adenauer wurde von der »Hallstein-Doktrin« bestimmt, nach der die Bundesrepublik Deutschland keine politischen Beziehungen mit Staaten unterhalten durfte, die ihrerseits diplomatische Beziehungen mit der Deutschen Demokratischen Republik unterhalten. Auf eine aktive Ostpolitik wurde seinerzeit von der Regierung bewußt verzichtet.
Eine behutsame Neuorientierung setzte 1966 mit der Regierung der Großen Koalition ein,  die sich bereit erklärte, Gewaltverzichtserklä rungen mit allen osteuropäischen Staaten und  mit der DDR auszutauschen. Aber erst Anfang  der siebziger Jahre, nach der Bildung der sozial liberalen Koalition, nahm dann die neue Ostpo litik ihren Anfang. Der Weg für den Prozeß der  Normalisierung und Entspannung war damit ge ebnet. Der am 12. August 1970 zwischen der  Bundesrepublik Deutschland und der Union  der Sozialistischen Sowjetrepubliken unter zeichnete Vertrag, der Moskauer Vertrag,  durch Willy Brandt und Walter Scheel auf der  einen Seite und Alexey Kossygin und Andrej  Gromyko auf der anderen Seite, hat das Tor  geöffnet für die Verständigung zwischen den  östlichen und westlichen Ländern.
Obwohl im Laufe der Zeit die Zusammenarbeit  zwischen der Sowjetunion und der Bundesrepu blik Deutschland auf wissenschaftlichen, wirt schaftlichen, kulturellen und touristischen Ge bieten sich entwickelt hat, ist trotzdem bisher  nur ein kleiner Teil dessen, was die Ostverträge  an Chancen bieten, ausgeschöpft worden. Noch  wissen wir zu wenig von den Sowjets, noch  wissen die Sowjets zu wenig von uns Deutschen.  Den bestehenden Verträgen aber Leben zu ge ben, können wir nur erreichen, wenn es gelingt,  uns hüben und drüben kennen und verstehen zu  lernen, und sich darauf eine breite Basis des  Vertrauens zueinander entwickelt. Unter die- .  sem Aspekt habe ich mit vielen guten Freunden  vor über 13 Jahren die Bayerische Gesellschaft  zur Förderung der Beziehungen zwischen der  Bundesrepublik Deutschland und der Sowjet union gegründet, die durch ihre Aktivitäten  hilft, einen Beitrag zur Festigung der Beziehun gen zu unseren Ländern zu leisten und damit auch den Frieden zu festigen.

1986