Theodor Heuss Stiftung

Dr. h.c. Georg Leber

Der THEODOR-HEUSS-PREIS 1985 wurde Herrn Georg Leber verliehen für sein jahrzehntelanges beispielgebendes Engagement als demokratischer Politiker und Gewerkschaftler, als Parlamentarier und als katholischer Christ. Georg Leber hat unserem freiheitlichen Gemeinwesen über Partei grenzen hinweg mit großem persönlichen Einsatz, mit Zivilcourage und Toleranz gedient. Hierfür ist sein erfolgreiches Wirken als Schlichter im wochenlangen Metallarbeiterstreik des Jahres 1984 ein besonders eindrucksvolles Beispiel. Georg Leber hat mit seinem politischen Leben ein Vorbild gegeben, das von starker Menschlichkeit, von persönlicher Glaubwürdigkeit und Integrität geprägt ist. Der THEODOR-HEUSS-PREIS ist Ausdruck des Dankes und der Anerkennung für diese Lebensleistung eines hervorragenden Demokraten.

Karlheinz Böhm

Eine THEODOR-HEUSS-MEDAILLE für 1985 wurde Karlheinz Böhm und der von ihm gegründeten Stiftung Menschen für Menschen verliehen für ihr hervorragendes persönliches Engagement Menschen in höchster Not vor dem Hungertod zu retten. Karlheinz Böhm, der seinen Beruf aufgegeben hat, um aktive Hilfe für Menschen in der Dritten Welt zu leisten, arbeitet angesichts der schrecklichen Hungerkatastrophe in Äthiopien für die Wiederansiedlung von Hungerflüchtlingen in kleinen Dörfern mit gesicherten Anbauflächen zur Selbstversorgung. Seine Hilfe dient der Selbsthilfe der Betroffenen.

Rupert Neudeck

Eine THEODOR-HEUSS-MEDAILLE für 1985 wurde dem von Rupert Neudeck gegründeten Deutschen Komitee Notärzte e. V. verliehen für seinen beispielhaften Einsatz bei der Rettung und Versorgung von Flüchtlingen in Asien und in den Katastrophengebieten Afrikas. Rupert Neudeck und das von ihm gegründete Notärzte-Komitee leisten mit ihren medizinischen und humanitären Hilfsprojekten immer von neuem einen aktiven Beitrag, um Menschenleben zu retten. So entsenden sie freiwillige Ärzte, Schwestern und Helfer während ihrer Urlaubszeit in Länder zur Hilfe für Menschen in höchster Not. Hierfür verdienen Rupert Neudeck, alle Mitarbeiter und Helfer des NotärzteKomitees Dank und Anerkennung.

Verantwortung für die Freiheit

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Ansprache Georg Kronawitter
Engagement, Zivilcourage, Allgemeinwohl
Gerne komme ich der freundlichen Bitte nach, Sie alle hier zur Verleihung des 21. THEODOR-HEUSS-PREISES und der beiden Medaillen herzlich in München zu begrüßen. Gerne nicht nur, weil »Papa Heuss« und München einander zeitlebens gewogen waren: »Das Denken an München blieb für mich, ein langes Leben hindurch, von einer dankbaren Zärtlichkeit umspielt«, bekannte er zum 800jährigen Stadt jubiläum. Kann es da verwundern, wenn die Gründerväter des THEODOR-HEUSS-PREISES zumeist Münchner Politker, Publizisten und Professoren waren? Eine Zeitspanne von über zwei Jahrzehnten erlaubt schon beim flüchtigen Blick auf die stattliche Liste der ausgezeichneten Personen und Organisationen: Wer hier angefügt sein will, muß sich das schon sauer verdienen. Daß im Wort »Verdienst« »Dienen« steckt, ist eine Erkenntnis, die unserer Alltagserfahrung nicht eben selten zu widersprechen scheint. Wer der Stiftung Theodor Heuss preiswürdig erscheinen will, muß erheblich mehr auf die Waagschale bringen: Vorbildliches staatsbürgerliches Engagement, zivilcouragierter Einsatz für das Gemeinwohl. Politiker wie er (Georg Leber) waren für mich stets auch ein persönliches Vorbild. Seine Charakterfestigkeit, seine geradlinige Haltung und sein Durchsetzungsvermögen habe ich immer bewundert. Ludwig Thoma bekannte 1918, ihm fehle zum Politiker »die Ruhe, die Gabe abzuwägen, Rücksichten auf Nutzen zu nehmen. Ich würde mich schnell verbrauchen«, schrieb er an Josef Hofmiller, »denn mich frißt der Zorn auf, wenn ich gegen die gottverdammten Schleimscheißer loslege«. Georg Leber verfügt reichlich über die Gabe, in Ruhe abzuwägen. Darum ist er als Politiker so erfolgreich gewesen. Ich bin schon als junger Landtagskandidat mit Georg Leber in Verbindung gekommen. Er half mir 1965 bei einer Wahlveranstaltung im Landsberger Raum.

Heute nun will ich ihm ein verschämtes Geständnis machen: Ich habe ihm ein Bild geklaut, für etwas, was nicht zustande kommt. Schorsch Leber sagte damals: »In diesem Punkt kommen mir die und die ich will hier keine Partei nennen -vor wie Hühner ohne Eierstöcke. Die gackern und gackern und wenn sie wirklich mal ein Ei legen sollen, dann drucken's rum und bringen nix raus!« Diesen plastischen bildlichen Vergleich habe ich später dutzende Male selbst verwendet: mit großem Erfolg.
Jetzt den Bogen zu Karlheinz Böhm und Dr. Rupert Neudeck zu schlagen, ist nicht ganz einfach. Lassen Sie's mich nochmals mit Thoma versuchen: »Ich muß Positives leisten, schaffen; mit dem Kritisieren, Redenhalten, Politisieren ist gar nichts gemacht. Das ist alles unfruchtbar«, steht in einem Brief an Maidi von Liebermann. Ähnlich mögen Sie empfunden haben angesichts des Versagens der Politiker in der Dritten Welt wie hierzulande, soweit es um die Ärmsten der Armen dieser Erde geht. Sie ließen es nicht beim bloßen Mit-Leid mit den unschuldigen Opfern bewenden. Den HungerHolocaust in Afrika und das Flüchtlingselend dort wie in Asien konnten Sie innerlich nicht abschütteln, ohne zu handeln.
Wir sind mitverantwortlich und daraus haben Sie Konsequenzen gezogen. Ihre beiden Hilfswerke haben Zeichen gesetzt, Hoffnung und Mut gemacht inmitten unbeschreiblichen Elends. »Menschen für Menschen« und das »Deutsche Komitee Not-Ärzte« sind zum Leuchtfeuer der Humanität geworden. Unter den widrigsten Verhältnissen leisten sie Beispielhaftes an den »geringsten unserer Brüder«. Die THEODOR-HEUSS-MEDAILLE stärkt den Initiatoren ideell den Rücken. An uns ist es, dem Spendenaufruf der Stiftung THEODOR-HEUSS-PREIS zu folgen und das Weitermachen auch materiell abzusichern.

Begründung
Hildegard Hamm-Brücher
Verantwortung für die Freiheit

Fast auf den Tag genau vor 20 Jahren haben wir den ersten THEODOR-HEUSS-PREIS an Georg Picht und die »Aktion Sühnezeichen« verliehen (damals im Festsaal der Akademie der Schönen Künste im Prinz-Carl-Palais, heute im Festsaal der Bayer. Akademie der Wissenschaften). Damals war die Bundesrepublik Deutschland 15 Jahre alt -die Ära Adenauer war zu Ende gegangen. Neue innenpolitische Entwicklungen und Verwicklungen bahnten sich an. Heute ist die Bundesrepublik 35 Jahre alt und das bevorstehende Datum des 8. Mai markiert das 40. Jahr des Kriegsendes, des Zusammenbruchs Deutschlands und der Hitler-Diktatur. Theodor Heuss nannte den 8. Mai 1945 den Tag, an dem wir (paradoxerweise) »vernichtet und erlöst zugleich« waren. Könnten wir heute eine präzisere Ausdeutung geben? Wir konnten uns vom Nationalsozialismus nicht aus eigener Kraft erlösen, deshalb mußten wir vernichtet werden bevor wir schrittweise neu beginnen durften. Diese Zusammenhänge haben unsere 40jährige Geschichte bis heute geprägt und begleitet. In Erinnerung an dieses Datum und daran, was Theodor Heuss dazu gesagt hat, bewegen mich drei Gedanken, die auch die Auswahl unserer diesjährigen Preisträger mitbestimmt haben:
-Ein nachdenklicher Rückblick auf die Tätigkeit unserer Stiftung
-Ein aktueller Bezug auf den Zustand unserer politischen Kultur und daraus resultierend
-Gedanken über die Bedeutung des guten Beispiels (siehe Preisträger) bei der Bekämpfung schlechter politischer SittenI.
Nachdenklicher Blick zurück:
Wenn ich an unsere erste Verleihung vor 20 Jahren erinnere, dann ist das keine StiftungsNostalgie. Ich möchte vielmehr rückblickend noch einmal nachzeichnen, aus welcher demokratischen Grundsubstanz dieser Preis geformt wurde und auch künftig geformt werden soll.
Diese Stiftung war der Versuch, aus der »Erlösung« unserer politischen Existenz im Heuss'schen Sinn tätige Konsequenzen zu ziehen das Geschenk der Freiheit zur Verantwortung zu nutzen! Von unseren treuen Freunden und Mitstreitern von damals, die heute unter uns sind, nenne ich stellvertretend: Ursula Heuss, Adolf Butenandt, Hans-Jochen Vogel. Aber es ist uns auch vieles zugewachsen: Menschen, Ideen, materielle Hilfe und immer neue Kräfte, den selbstgestellten Auftrag zu erfüllen. Stellvertretend für unsere »nachgewachsenen« Freunde nenne ich die Oberbürgermeister Georg Kronawitter und Manfred Rommel und für unsere Stiftung Hermann Freudenberg, Ludwig Heuss und ClausJürgen Roepke. Damals -bei unserer ersten Verleihung vor 20 Jahren -waren es Ludwig Raiser und Carl-Friedrich von Weizsäcker, die unsere Stiftungsidee erstmals und bis heute gültig interpretierten. Ich möchte dies noch einmal nachzeichnen: Ludwig Raiser erinnerte in seinem Festvortrag »Vom rechten Gebrauch der Freiheit« daran, daß die Väter unserer Verfassung den Grundrechtsteil mit den Freiheitsrechten des Bürgers gegenüber dem Staat bewußt an den Anfang des Grundgesetzes gestellt hätten -daß aber in der Folgezeit die Basis des Einverständnisses zwischen den großen politischen Parteien zu schmal gewesen wäre, um darauf Inhalt und Grenzen jener Freiheitsrechte sicher zu bestimmen. Darüber seien die sozialen Pflichten und Aufgaben einer modemen Industriegesellschaft und ihr Verhältnis zu den Freiheitsrechten zu kurz gekommen: Mit der Folge, daß das Freiheits- und das Sozialstaatspostulat unverbunden nebeneinander stünden. Das Sozialstaatspostulat sei zwar populär geworden, aber in erster Linie als Quelle von Ansprüchen, für staatliche Wohlfahrtsoder Versorgungsleistungen, nicht aber oder nur schwach als Aufforderung zum Dienst für das Ganze. Raiser 1964 wörtlich: »Wie kann der Bürger, der nach dem Subventions- und Versorgungsstaat ruft, verhindern, daß der Apparat eines solchen Staates seine Selbständigkeit erdrückt?... Überall ist eine Denkweise verbreitet, die den Anspruch auf bindungslose Freiheit ebenso selbstverständlich erhebt wie den gleichzeitigen Anspruch auf ein möglichst großes Maß von staatlichen Leistungen zur Sicherung und Wohlfahrt des eigenen Daseins... Dies offenbart eine bis heute nicht behobene Verlegenheit gegenüber den geistlichen und sittlichen Fundamenten unseres politischen Gemeinwesens... « Raiser beklagt diese Verlegenheit und folgert
im Sinne von Heuss: »Eine freiheitliche Demokratie zieht ihre Lebenskraft aus der tätigen Überzeugung ihrer Bürger, daß sie nicht Nutznießer eines Apparates, sondern selbst die Glieder und mitverantwortlichen Träger des Gemeinwesens sind... «II.
Heute -20 Jahre später -scheinen uns diese klaren, wegweisenden Gedanken von Ludwig Raiser an läßlich der ersten THEODOR-HEUSS-PREIS-Verleihung vorgetragen -(er erhielt dann übrigens 1967 den dritten Preis für sein Engagement bei der EKD-Denkschrift zur Anerkennung der Oder-Neisse-Grenze) beinahe von noch dringlicherer Gültigkeit als damals:
-Der für den Bestand der Demokratie gefährliche Riß zwischem dem Freiheits- und dem Verantwortungspostulat klafft nach wie vor auseinander...
- und unsere Aufgabe, unsere Kräfte darauf zu verwenden, an jenem Fundament der Werte mitzubauen..., »nicht Nutznießer eines Apparates, sondern selber mitverantwortliche Träger des Gemeinwesens zu werden«, diese Aufgabe bleibt gestellt...
Diese Orientierungspunkte waren es, die auch für unsere diesjährige - die 21. - Verleihung ausschlaggebend waren. Unsere Sorge gilt - einmal die bedrohliche Verwilderung unserer politischen Kultur, an der leider alle politischen Parteien ein gerüttelt Maß Schuld tragen - und das ist zum anderen die nicht minder bedrohlich um sich greifende Parteien-, Parlaments-, ja Staatsverdrossenheit mit ihren diffusen Extremen rechts und links des Parteienspektrums.
Bonn ist zwar nicht Weimar - Gott sein Dank -, aber ohne das Scheitern von Weimar hätte es keinen 8. Mai 1945 gegeben und kein »Bonn«. Deshalb darf »Bonn« nicht einmal Weimar ähnlich werden! Hier liegt die eigentliche Bewährungsprobe - von Vernunft und Einsicht Selbstkritik und Korrektur -der Parteien und der Bürger. Davon hängt die Zukunft unserer Demokratie ab. - Das ist allen ins Stammbuch zu schreiben: den Parteien und den Bürgern, wenn sie ihre »Verdrossenheit« geradezu kultivieren! »Der Verantwortung für die Freiheit darf sich niemand entziehen«, so hat es unser diesjähriger Preisträger Georg Leber in seinem autobiographischen Buch »Vom Frieden« engagiert formuliert. Und damit bin ich bei der Begründung unserer diesjährigen Auswahl im engeren Sinne. Es ist - auf dem Hintergrund des eben gesagten - eine bewußt politische Auswahl!III.
Wir preisen was uns fehlt! Wieder - wie im Vorjahr mit Richard von Weizsäcker - wollen wir mit Georg Leber einen Parteipolitiker als THEODOR-HEUSS-PREIS-Träger vorstellen, der politisch und menschlich aus jenem Holz geschnitzt ist, mit dem unsere freiheitliche Demokratie haltbar, belastbar und glaubwürdig wird. Was ist es, das die politische Lebensleistung von Georg Leber angesichts dieser Situation auszeichnungsfähig macht? Einmal könnte man natürlich an seinen ungewöhnlichen Werdegang denken, an seine Karriere vom Maurersohn aus einer Familie, in der die 80 Pfennige für das Lateinbuch nicht aufgebracht werden konnten - und damit der Besuch des Gymnasiums entfiel, über den nach dem zweiten Weltkrieg erlernten Maurerberuf, den jungen Gewerkschaftsführer, der schon 1963 (wie »Interpress« schrieb) -»eine steile Karriere« hinter sich hatte bis zum Verkehrs- und Verteidigungsminister -Ämter, die Georg Leber zwölf Jahre ausübte. Und schließlich noch das Amt des Bundestagsvizepräsidenten, das er, wie kaum ein anderer, mit seiner lebendigen, toleranten und humorbegabten Autorität erfüllte.... Aber für Karriere allein - und sei sie noch so ungewöhnlich -bekommt man noch keinen THEODOR-HEUSS-PREIS.
Ausschlaggebend waren zwei weitere Befunde: Einmal das politische Grundmuster, mit dem Leber an scheinbar unlösbar verhärtete Interessenskonflikte herangeht, und die Zivilcourage und Zähigkeit, mit der er sich selber in den gewagten Konflitklösungsprozeß mit einbringt und zum anderen das menschliche Format, mit dem er sich auch seinen (schweren) Niederlagen (im Sinne Max Webers) gewachsen gezeigt hat. Aus beidem - und wie es schließlich in seiner Persönlichkeit zusammenwirkt -läßt sich auch seine große Leistung für die Allgemeinheit erklären, die er mit der erfolgreichen Schlichtung des festgefahrenen Metallarbeiterstreiks im vorigen Jahr erbracht hat... Voraussetzung für seine Erfolge war immer die Zähigkeit, mit der er den Abbau von Verhärtungen und Verkrampfungen betrieb (sehr ähnlich wie Heuss) und das gleichzeitige Aufzeigen neuer Wege. Hierfür ein charakteristisches Leber-Zitat: »Wir dürfen uns nicht scheuen, auch einmal einen Weg zu gehen, von dem man nicht genau weiß, wie er sich im einzelnen in der Praxis ausführen läßt. Das wichtigste ist, daß beide Seiten sich darauf einstellen, daß Erfahrungen damit gemacht werden, damit eine vernünftige Praxis zustandekommt.« Nichts besseres können wir wünschen, als daß dieses »Leber-Rezept« Nachahmung findet! Es konnte nicht ausbleiben, daß Leber auch schwere Rückschläge und Niederlagen erleiden mußte. (Rücktritt als Verteidigungsminister, Verzicht auf eine neuerliche Kandidatur). Bei solchen Gelegenheiten lernt man das menschliche Format von Politikern erst richtig kennen. Leber ist sich in all diesen Situationen immer selber treu geblieben - nicht stur oder rechthaberisch, aber aufrecht stand er zu den eigenen Grundsätzen und Überzeugungen, die im Augenblick sicher unbequem, auf Dauer doch das menschliche Format des Politikers ausmachen: das Vorbildhafte, das Weiterwirkende, gelegentlich sogar Ansteckende. Wenn solche Beispiele über Gruppen-, Partei-, Verbandshorizonte hinaus weiterwirken, dann nützt dies dem Ansehen unserer Demokratie insgesamt, dann stabilisiert und entfaltet dies unsere politische Kultur -so wie dies auch in Georg Lebers Abschiedsrede im Deutschen Bundestag am 14. Dezember 1982 zum Ausdruck kam, als er Zustimmung und Anerkennung von allen Fraktionen erhielt. »Dennoch sagen« mit der Festigkeit des Herzens und des Verstandes auch beim Scheitern aller Hoffnungen (Max Weber), das hat Leber nicht nur immer wieder verbal zum Ausdruck gebracht, das hat er als Person mehr als einmal verkraftet (im wahren Wortsinn). Mut und Demut machen sein persönliches Format aus. Der Verantwortung, die aus der Freiheit kommt -Georg Leber hat sich ihr niemals entzogen. Dafür wurde ihm der THEODOR-HEUSS-PREIS 1985 zuerkannt. Dafür schulden wir ihm Dank und Anerkennung. Es gibt vorbildliche demokratische Politiker wir brauchen sie, und wir brauchen mehr davon. Denn nur durch gute Beispiele können schlechte politische Sitten disqualifiziert werden.

IV.
Nun zu den Empfängern von THEODOR-HEUSS-MEDAILLEN:
Immer wieder einmal möchte ich unterstreichen, daß THEODOR-HEUSS-PREISE und THEODOR-HEUSS-MEDAILLEN absolut gleichwertig sind -mit dem einzigen Unterschied -der »Preis« zielt mehr auf das politische, die »Medaillen« auf ein gesellschaftlichhumanitäres Engagement. Deshalb hat die Stiftung, beginnend mit der ersten Verleihung an die >,Aktion Sühnezeichen«, immer auch nach Beispielen freier Bürgergesinnung im grenzüberschreitenden Bereich humanitärer Hilfe Ausschau gehalten. Und dabei auch nach Beispielen, die den Gemeinsinn im eigenen Lande für den fernen Nächsten mobilisieren und die hierfür aufgebrachten Mittel in persönlich geleistete, unmittelbare, humanitäre Hilfe vor Ort umsetzen (ehrenamtlich, freiberuflich -also in persönliche Opferbereitschaft). Die Auswahl für.die beiden Empfänger von THEODOR-HEUSS-MEDAILLEN erfolgte im Sommer vorigen Jahres. Die Entscheidung fiel im Oktober als noch kaum jemand über die afrikanische Hungerkatastrophe sprach, berichtete oder um Hilfe trommelte. Wir fanden unsere beiden Initiativen auszeichnungs- und nachahmenswürdig, längst bevor die große Spendenfreudigkeit einsetzte! Es war und ist die ganz einfache, naheliegende, ja geniale Idee, »Menschen für Menschen« zu gewinnen und zu aktivieren, die ja nur der gleichnamigen Initiative von Karlheinz Böhm zugrundeliegt, sondern auch der von Rupert Neudeck, die den Ausschlag gegeben hat! Diese Idee ist nach unserer Überzeugung -noch in der Nußschale -das Modell für Hilfe, die gleichzeitig beides erzeugt und bewirkt: Menschlichkeit und Mitmenschlichkeit. So weit als möglich abzukommen von der staatlich verordneten, organisierten, finanzierten, anonymisierten Hilfstätigkeit und hinzuführen zur Initiative von Menschen für Menschen. Es ist die Idee der Nachbarschaftshilfe für den Nächsten -diesmal weltweit! Es ist die Form der Hilfe, die wirklich und dauerhaft zur Selbsthilfe ermutigt. Dies wird aus den Berichten über die Tätigkeit unserer Medaillenempfänger ganz deutlich. Die Projekte von Karlheinz Böhm und Rupert Neudeck sind kleine Oasen im Meer der anonymen Verelendung, des Hasses, der Vernichtung, der Ausbeutung, der Vorteilnahrne. Von ihnen geht eine starke Wirkung und Überzeugungskraft aus -nach innen und nach außen. Man kann nur hoffen, wünschen und dazu beitragen, daß es mehr und immer mehr werden.
Zunächst waren wir eher skeptisch: Da tritt ein Filmpublikums-Liebling in einer Fernsehsendung auf und wettet, daß Menschen sich für Menschen engagieren. Er erhält dafür viel Publizität. -Aber meint er es wirklich ernst? -Ja -wirklich und konsequent -bis zur Selbstaufgabe seines »Image«. Daraus sind im Laufe von drei Jahren inmitten eines von Katastrophen apokalyptischen Ausmaßes heimgesuchten landes Dörfer entstanden, die Namen wie »Ganda Nagaya«, zu Deutsch »Frieden«, »Ganda Abdi«, zu Deutsch »Hoffnung«, oder »Ganda Biftu«, zu Deutsch »Aufgehende Sonne«, oder auch »Ganda Iva«, zu Deutsch »Dorf Licht«, tragen, und die mittlerweile ihren mehreren tausend Bewohnern Obdach bieten, Boden und Wasser, damit sie sich aus eigener Kraft ernähren und damit sie ihr Leben und ihre Menschenwürde zurückgewinnen können. Welch eine Vision: Was Menschen für Menschen bewirken können, wenn sie dazu motiviert und bereit sind, und welch eine Kettenreaktion dauerhafter Entwicklung daraus werden könnten, wenn... sich nur die Einsicht durchsetzen würde, daß nur diese -direkt praktizierte -Hilfe zu direkter praktikabler Selbsthilfe den Teufelskreis zwischen Hunger, Armut, Unterentwicklung, politischer Instabilität, Zerstörung der letzten natürlichen Ressourcen durchbrechen kann. Karlheinz Böhm und seinen Helfern ist dies an einer Stelle durch ihren Einsatz gelungen. Dafür wollen wir ihnen heute danken, dabei wollen wir ihnen hoffentlich auch künftig helfen. Das gleiche gilt für Rupert Neudeck und seine Mitstreiter. Sie sind im beinahe biblischen Sinn Menschenfischer (ob im Projekt »Cap Anamur« im Chinesischen Meer oder in den Hilfslazaretten des Tschad, in Uganda, Somalia, Mosambik oder Äthiopien). Immer, wenn man Rupert Neudeck zuhört oder seine Aufrufe und Berichte liest, dann weiß man, daß man mit einer Spende allein nicht davonkommt. Man wird zum Mitstreiter, weil man auch hier überzeugt ist, im vorher beschriebenen Sinne etwas Richtiges und Wichtiges mitzubewirken. Das, was Rupert Neudeck und die freiwilligen Mitarbeiter des Komitees in Ländern der hungerleidenden Sahelzone oder auf dem Südchinesischen Meer leisten, ist wiederum ein Modell, und es geschieht beispielhaft für eine erfolgversprechende Form der Hilfe zum Überleben und Weiterleben der Opfer von Hunger, Krankheit, Not, Verfolgung... Diese beiden Initiativen, die heute mit THEODOR-HEUSS-MEDAILLEN ausgezeichnet werden, sollen auch alle frei verfügbaren Mittel der Stiftung erhalten. Denn sie brauchen und verdienen bei des -Anerkennung und Ermutigung, aber auch die finanziellen Mittel für ihre Tätigkeit! Denn auch die Bedingungen, unter denen sie es leisten, sind bewundernswert! Sie haben keine fest besoldeten Stäbe und Berufshelfer, die auf Abruf Katastrophenhilfe leisten, sondern Freiwillige, die ihren Beruf aufgeben, einschränken oder Freizeit und Urlaub dafür opfern. Deshalb soll die heutige Auszeichnung auch jedem einzelnen dieser Helfer persönlich gelten! Vielleicht ist ihr Einsatz auch eine Art »Sühnezeichen«? Denn Hungerkatastrophen des Ausmaßes, wie wir sie seit Monaten im Fernsehen mitansehen (miterleben wäre übertrieben), sind ja nicht nur die Folgen des nicht vom Himmel gefallenen Regens. Sie sind ein Bündel von Folgen fehlender Vorsorge, verfehlter Landwirtschaftspolitik, ungehemmter ökologischer Zerstörung inhumaner politischer Systeme, nicht rechtzeitig einsetzender internationaler Hilfe... Deshalb brauchen wir die Einsicht, Umsicht und Weitsicht, wie sie in den Initiativen von Karlheinz Böhm und Rupert Neudeck in konkretes Handeln umgesetzt werden.

V.
Erlauben Sie mir, noch ein Wort in eigener Sache:
Unsere treuen Besucher und Freunde wissen, daß die 20. Verleihung des THEODOR-HEUSS-PREISES anläßlich des 100. Geburtstages von Theodor Heuss im vorigen Jahr auf Einladung des Oberbürgermeisters in Stuttgart und -dank der Gastfreundschaft der Landesregierung -dort im Neuen Schloß stattfand. Diese erste Begegnung und die geglückte Zusammenarbeit in lebendiger Heuss'scher entkrampfter Tradition haben zu der naheliegenden Überlegung geführt, ob und wie diese Zusammenarbeit -im Interesse einer dauerhaften und auch umfassenden Pflege des politischen Erbes von Theodor Heuss -in seiner eigentlichen Heimat fortgesetzt werden könnte. Beides liegt der Stiftung sehr am Herzen. Es kommt hinzu, daß unsere Tätigkeit, die bisher ausschließlich aus Spenden und sonstigen persönlichen Zuwendungen finanziert wurde, auf Dauer nur fortgesetzt werden kann, wenn eine bescheidene Grundfinanzierung hinzukommt. Wir werden deshalb die Einladung der Stadt Stuttgart und des Landes Baden-Württemberg, die all' dies ermöglichen wollen, dankbar annehmen mit einem lachenden und einem weinenden Auge -den Sitz der Stiftung im Interesse ihrer Weiterarbeit ab 1986 nach Stuttgart verlegen. Unser tiefempfundener Dank gilt der Stadt München und ihren Oberbürgermeistern, die unsere Tätigkeit in diesen 20 Jahren im Rahmen ihrer Möglichkeiten nach Kräften gefördert haben. Wir hoffen sehr, daß sich auch künftig Möglichkeiten der Zusammenarbeit finden lassen. Der Dank gilt ihnen, meine Damen und Herren, liebe Freunde und Förderer der Stiftung, ohne die unsere Arbeit nicht möglich gewesen wäre.

VI.
Genug der Zukunftsmusik! Heute haben wir allen Anlaß, dankbar auf die 40 Jahre in Frieden und wiedergewonnener Freiheit und auf 20 Jahre Stiftungsarbeit zurückzublicken. Wer hätte das vor 40 Jahren hoffen können, daß wir beidem -Frieden und Freiheit -je wieder auf Dauer würden teilhaftig werden? Und wer hätte vor 20 Jahren vorausgesagt, daß aus einer spon
tanen Idee der Dankbarkeit für unseren ersten Bundespräsidenten einer der angesehensten politischen Preise der Bundesrepublik Deutschland werden würde? Ein Preis, der viel dazu beigetragen hat, daß es heute mehr freie und verantwortungsbewußte Bürgergesinnung gibt als wir damals zu hoffen wagten. Dies wird durch die eindrucksvolle Liste unserer bisherigen Preisträger und Medaillenempfänger dokumentiert. Jeder von ihnen - jeder von uns - trägt ein Stück Mitverantwortung für unsere Freiheit!!
Ansprache
Hartmut von Hentig
Wir preisen was uns fehlt.
Wir ehren heute eine kleine Zahl von Menschen für ihre Taten. Meine Aufgabe ist nicht, die Taten darzustellen und die Menschen zu loben, die sie vollbracht haben. Meine Aufgabe -ich habe sie selber so festgelegt -ist es, zu erklären, warum Taten dieser Art, warum die in ihnen zum Ausdruck kommenden Eigenschaften in unserer Zeit, in unserem Land, in unserer Welt so wichtig sind. Will ich, wie ich es mir vorgenommen habe, (nicht preisen, sondern) untersuchen -untersuchen, was uns die Preisträger preiswürdig macht -, muß ich mich auf wenige »Tugenden« beschränken. Die mir dadurch nahegelegte Spielregel ist hart: Ich wähle ein einziges Merkmal eines jeden der drei Preisträger aus und gehe den Ursachen seiner Wertschätzung in unser aller Leben nach. Es ist mir bewußt, daß dieses eine Merkmal die Tat allein weder beschreibt noch erklärt. Ich habe meinen Vortrag überschrieben: »Wir preisen, was uns fehlt.« Ergreifen wir diese Chance, darüber nachzudenken, was uns fehlt, und das heißt: was wir brauchen und nicht in genügendem Maß haben. Hier meine Auswahl unter den Eigenschaften der Preisträger, für die sie ausgezeichnet werden: Georg Leber -ein Mann, dem man vertraut. Die Stiftung Menschen für Menschen -(wie der Name sagt) Menschen, die von sich aus anderen helfen, sich selbst zu helfen. Deutsches Komitee Not-Ärzte -Menschen, die mit sicherem Blick erkennen, was getan werden muß und getan werden kann, und die es unbeirrt tun. Ich folgere aus diesen Auszeichnungen, es sei in der heutigen Gesellschaft besonders schwer
-Vertrauen zu schenken und auf sich zu ziehen
-Handlungszuversicht zu haben und zu geben -sich den Mut zum Hinsehen zu bewahren einem Hinsehen, das allemal Folgen für das eigene Verhalten hat.

1. Vertrauen (Georg Leber)
Vertrauen - verwandt mit »treu«, mit »Trost« = Festigung, - klingt heute entweder pathetisch oder naiv. Die revolutionären Gesellschaftskritiker, die -skeptischen wie unbefangenen - Fortschrittler, die Klassenkämpfer, Hinterfrager, Ernüchterer werden das Wort wie die Sache als »harmonistisch«, verschleiernd, unpolitisch vermeiden oder kritisieren. Wir alle spüren einen archaischen Hauch, wenn diese Tugend bezeugt oder gefordert wird. Man braucht sie und gebraucht das Wort innerhalb des engeren Lebenskreises. Objekte des Vertrauens sind der Freund, der Geschäftspartner, die Sekretärin, der Verwalter, das eigene Gefühl, das eigene Wissen, die eigene Gesundheit, Personen und Tatbestände, die man mit dem besitzanzeigenden Fürwort versehen kann. In öffentlichen Beziehungen hat»Vertrauen« keine Funktion mehr. Den Tarifparteien, dem Koalitionspartner, dem Aufsichtsrat, den Behörden, der verkabelnden Post, den Finanzämtern, dem Wehrbeauftragten, den Abgeordneten -ihnen allen kann und muß man natürlich im Einzelfall vertrauen, aber Vertrauen ist nicht die Vokabel, die einem für diese Beziehung einfällt. Daß ein Regierungschef einem Kabinettsmitglied, daß eine Partei ihren Delegierten, daß ein Verein seinem Vorsitzenden »das volle Vertrauen« versichert, geschieht in der Regel nur dann, wenn die Beziehung angeschlagen, ja, mit anderen Mitteln als der öffentlichen Beschwörung nicht mehr zu retten ist. Die ursprünglich politische Maxime »Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser« ist in die Ebene der Alltagsweisheiten für alles und jedes abgesunken. Was macht Vertrauen zu einer Tugend, was macht es zu einer Dummheit? Es hat politische Gemeinschaften gegeben, die vornehmlich durch das Vertrauen ihrer Mitglieder zusammengehalten wurden. Philia - das griechische Wort, das unzureichend mit »Freundschaft« übersetzt wird - bezeichnet das Band des Ehepartner, Freunde, Eltern und Kinder, Geschwister, aber auch Parteien, ein Bündnis von Städten und Staaten, die verschieden verfaßten politischen Gemeinschaften selbst (politisch) zusammenhält. Philia - sagt Aristoteles - beruhe auf Gleichgesinntheit oder Wohlgesinntheit (homonoia und eunoia) oder auch auf gegenseitiger Ergänzungsbedürftigkeit. Wie auch immer man philia begründet: sie ist eine durch und durch personale Beziehung. Philia war eine politische Tugend und das Fundament der polis. Was die Menschen einander schuldeten oder glaubten oder leisteten oder rieten, war Zeichen und Folge einer Beziehung unter Personen, eines in der Erfahrung aufgebauten Zutrauens, eines offenkundigen und berechenbaren Interesses. In unserem riesigen - einer polis auch nicht mehr ähnelnden - Gemeinwesen sind die meisten Beziehungen (nicht nur die öffentlichen!) der Menschen in abstrakten Verhältnissen aufgegangen. Die unendlich viel größere Dichte der Ansprüche, die unendlich viel größere Zahl und Tragweite der Abhängigkeiten sind uns nur erträglich, weil wir den einzelnen aus der Notwendigkeit entlassen haben, sie alle durch seine Person zu verbürgern. Weil wir auf Schritt und Tritt anderen »vertrauen« müssen, die wir nicht kennen, die kennenzulernen wir keine Zeit und Gelegenheit haben, die kennen zu müssen uns schier unglücklich machen würde, haben wir unsere Beziehungen institutionalisiert. Der Friede mit meinem Nachbarn läuft über die standardisierte Hausordnung, des BGB, die Polizei, das Ordnungsamt. Vertrauen zu Personen? Wenn ich mich irgendwo umsehe -i m Cafe, im Kollegium, in der Untergrundbahn -, dann finde ich unter zehn Menschen fast immer einen, den ich mir lieber nicht als meinen »Verkehrspartner« vorstelle. Ein hazard unter hundert aber würde genügen, unsere Straßen in ein mörderisches Chaos zu verwandeln. - Nein, weil persönliches Vertrauen hier nicht hergehört, haben wir es uns auch abgewöhnt. Wir haben es mediatisiert. In Wim Wenders vielgelobtem Film »Paris, Texas« lernt das deutsche Publikum eine Art Seelen-peep-show kennen, die es offenbar in Amerika schon in größerer Zahl gibt. Der »Kunde« sitzt in einer Kabine und sieht in einen Guckkasten, in dem sich die durch Spiegelglas von ihm getrennte, durch elektrische Sprechanlagen mit ihm verbundene »Dame« befindet und ihn mit Wort und Anblick bedient. Die intimsten Hilfen laufen hier über die Attrappe einer Beziehung. Vertrauen ist nicht nur überflüssig, es wäre belastend und lästig. Was die Benutzer dieser Anstalt suchen, ist eine Beziehung ohne Anspruch, ohne Dauer, ohne Folgen -bezahlbar und abstreifbar beim Verlassen des Lokals. In der Anonymität bleiben beide auf beiden Seiten der Scheibe »frei«. Klappt die Beziehung nicht, kann man in die nächste Kabine gehen. Die Mediatisierung und Institutionalisierung sind nicht nur eine bedauerliche und offenbar kaum aufzuhaltende Folge technischer Entwicklungen, sie sind in der Ratio unserer verfaßten Gesellschaft angelegt. Die Leitgedanken dieser Gesellschaft sind -Arbeitsteilung - Angebot und Nachfrage -geregelter Interessenausgleich - government by consent und darum -public contro!. Auf Vertrauen vertraut diese Gesellschaft nicht. Sie ersetzt vielmehr die Zusammengehörigkeit und Übereinstimmung der alten (meist kleinen) Gemeinwesen durch Mechanismen des organisierten Mißtrauens und Rechtsanspruchs. Der Motor unserer Gesellschaft ist der Wettbewerb -auch, ja vor allem, in der Politik. Josef A. Schumpeter definiert die Demokratie als ein Verfahren »zur Erreichung politischer Entscheidungen«, bei dem »einzelne die Entscheidungsbefugnis vermittels eines Konkurrenzkampfs um die Stimmen des Volkes erwerben«. (Kapitalismus, Sozialismus und Dell1okratie, Bern 1950, S. 427). Die Entscheidungsbefugnis ist sachlich und vor allem zeitlich begrenzt. Demokratie als Organisation des Wettbewerbs um Macht auf Zeit ist nicht Kennzeichen jeder Demokratie. Die Athenische beispielsweise ist eher »anarchisch«. Die Beamten und militärischen Führer übten ihre Funktion unter ständiger Aufsicht des Volkes aus, das sich als Souverän täglich auf dem Marktplatz einfand, seine Tagesordnung machte und jeden Gegenstand am selben Tag entschied - unwiderruflich: eine Wiederaufnahme derselben Sache am andern Tag war verboten. Die 6000 für die Abstimmung nötigen Bürger wurden unterschiedslos bezahlt und, wenn nötig, durch die Polizei auf der Agora zusammengetrieben. Das Mehrheitsprinzip galt - notgedrungen - radikal. Natürlich »rivalisierten« auch hier Personen und Parteien. Aber das war nicht das Prinzip. Das »Gemeinwohl« kam durch logoi beim Souverän selber zustande -durch eine Mischung aus Argument und Emotion. Die Rousseausche Demokratie ist ebenfalls eine unmittelbare. Es gibt keine Delegation der Verantwortung. Jeder ist verpflichtet, seine Meinung zu sagen und ausschließlich zu dem zur Entscheidung stehenden Problem abzustimmen. »Genau genommen« wird nicht gefragt, »ob der Bürger den Antrag billigt, sondern ob er dem Gemeinwillen entsprichtI). Übereinstimmendes bestärkt sich, gegensätzliche Forderungen heben sich auf. Was nicht Übereinstimmung findet, kann nicht gut Gemeinwohl sein -wenigstens nicht in der vorgetragenen Form. Darum muß also weiterverhandelt werden. Hier kommt das Gemeinwohl durch Subtraktion zustande. Ein Wettbewerb um die Macht ist nicht zu erkennen, was sicher daher rührt, daß sein Modell Theorie geblieben ist. Wettbewerb, so muß weiter gefolgert werden, setzt Offenheit, Beweglichkeit, Wandelbarkeit voraus. Gleichzeitig bedingt es diese. Vertrauen dagegen braucht und schafft Beständigkeit. Einem von der Regierung eingesetzten Schulleiter mißtrauen die Lehrer nicht zuletzt, weil ihm dies Amt auf Lebenszeit überantwortet ist. Andererseits hat ein vom Kollegium auf Zeit gewählter Schulleiter seinen Turnus hinter sich, bevor er Vertrauen hat erwerben können. Der Wettbewerb vollzieht sich durch Leistung. Leistung muß nachgewiesen werden. Das geschieht (für die Unkundigen) am besten durch Meßbares - meßbar in Produktions- und Umsatzziffern, Einschaltquoten, Nobelpreisen, Zeugnisnoten, Wählerstimmen und so fort. Die Person verschwindet hinter diesen Objektivationen. Wenn es nun einem Politiker in schwierigen, unterschiedlichen und in sich wechselvollen Ämtern -mit nicht immer nur gücklicher Bilanz -gleichwohl gelingt, vor allem als Person gesehen zu werden, die Achtung der anderen, der Freunde wie der Gegner, zu erwerben, dann ragt er nicht nur heraus, dann zeigt sich, daß man nicht aufgehört hat, Menschen zu brauchen, denen man vertraut. Dann fallen ihm die nichtalltäglichen besonders von keiner Routine erfaßbaren Aufgaben zu. Dann wird persönliche Integrität zu einem politischen Faktor von höchster Wirksamkeit, dann wird Vertrauen zur Auszeichnung. Es ist gut, daß wir uns heute aus Anlaß dieses Mannes, Georg Leber, auf diese Tugend, das Vertrauen, besinnen. Es gibt zuviele Anlässe, aus denen die Menschen nach Verläßlichkeit, Ordnung und Führung rufen, weil sie die Offenheit unserer Gesellschaft nicht aushalten, weil sie sich dem Leben in der Demokratie mit ständigem Kampf, ständigem Interessenausgleich, ständigem Wandel, ständiger Verantwortung für immer nur halb Entschiedenes nicht gewachsen fühlen. Wettbewerb, der ständig dazu verführt, das eigene Interesse als Gemeinwohl hinzustellen, bedarf darum des Widerlagers in Personen, denen man in erster Linie glaubt. Kompromisse, eine Schlichtung, ein Friedensschluß werden durch kunstvolle Techniken möglich, die man lernen kann. Wirksam werden sie durch die Bürgschaft eines, dem man vertraut, weil man ihn als vertrauenwürdig erfahren hat.

2. Handlungszuversicht (Karlheinz Böhm)
Zu allen Zeiten sind Menschen Hungers gestorben, haben sie Katastrophen erlitten und sich in mörderische Kriege verstrickt. Manche Kultur ist durch Seuche, Dürre, Erdbeben gänzlich ausgelöscht worden. Die Eltern von Hänsel und Gretel haben ihre Kinder ausgesetzt, weil sie ihnen wegen einer »Teuerung« nichts mehr zu essen geben konnten. - Nichts von allem, was wir in den relativ gesicherten Zivilisationen der nördlichen Halbkugel heute über die Not in den südlichen Teilen der Welt hören, ist unbekannt oder auch nur ungewöhnlich. Neu ist, was wir dabei empfinden: nicht nur Mitleid, sondern auch Verantwortung oder gar Schuld. Man mag diese humanitäre Empfindsamkeit für einen Luxus halten, den wir uns zu unserem anderen Überfluß leisten. Aber daß der Gedanke, der Hunger in Afrika, die Armut in Indien, das Elend in Südamerika seien entweder nicht notwendig oder abwendbar, an sich schockierend ist, kann niemand leugnen. Wer hier aufschreit und dann aufbricht, um etwas zu tun, der hat das ganze fürchterliche Gewicht der Tatsachen auf seiner Seite: Die helfende Tat, die hier getan wird, ist weder durch Wichtigtuerei, noch durch politische Romantik, noch durch Naivität zu verderben. Sie kann sachlich scheitern, moralisch nicht. Jeder von uns hat schon einmal die Beziehung gedacht, die Karlheinz Böhm mit unbefangener Härte ausspricht: Solange noch ein Kind auf dieser Welt Hungers stirbt, ist jede neue Waffe eine Gotteslästerung. Jeder hat vermutlich auch eine Antwort darauf erhalten. Um je nachdem, wie überzeugend diese Antwort war, je nachdem, was sie in uns bestärkt hat, den Zorn oder die Trägheit oder den Kleinmut, schweigen oder reden oder handeln wir -oder denken uns eine neue Beziehung zwischen unserer Fähigkeit, Leben zu erhalten, und der Fähigkeit, Leben zu zerstören, aus. Dies wenigstens sollten wir tun! Wenn es keine Beziehung zwischen den Mitteln gibt, die dort fehlen, und denen, die hier zuviel ausgegeben werden, dann müssen wir sie herstellen; wenn die Butterberge nicht versetzbar sind, dann müssen wir u!lsere Erfindungsgabe darauf richten, daß dies möglich werde; wenn uns Rücksicht auf die Ideologien der Regierung hindert, müssen wir die Rangordnung unserer Werte und Loyalitäten überprüfen. In der Wochenschrift DIE ZEIT war am 11. Januar dieses Jahres ein Quadrat abgedruckt, das in 121 gleich große Teilquadrate unterteilt war. In jedem Teilquadrat waren 50 Punkte eingezeichnet, im mittelsten des großen Quadrates ein einziger. Dieser stellte die gesamte Zerstörungskraft aller kriegführenden Mächte im Zweiten Weltkrieg dar. Die 6000 ihn umgebenden -das sind die inzwischen in unserer Welt aufgehäuften atomaren Vernichtungsmittel sechstausendfach der Zweite Weltkrieg! In der rechten oberen Ecke des Blattes war die afrikanische Madonna zu sehen, eine hagere Frau über ein vom Hungertod gezeichnetes Kind gebeugt. Erklärungen braucht man dazu nicht. Die Bedeutung springt uns an. Wir wissen, daß es kein Argument gibt, das dieses Mißverständnis rechtfertigen könnte. Die Menschen geben 700 Milliarden im Jahr für Kriegsrüstung aus und keine 700 Millionen zur Rettung der Armen. Dies ist Frevel. Wie reagieren wir -ich meine jeden von uns? Am Afrika-Tag spendeten Deutsche über 100 Millionen DM, das sind 2 DM pro Person, wenn man die Kinder abzählt, die kein eigenes Geld haben. Die Menschen wollen helfen. Aber angesichts der Komplexität des Problems und der Abstraktheit der Lösungsmöglichkeiten verzagen sie. Sie meinen, man müsse -wie bei unseren anderen Tätigkeiten -erst einmal alles verstehen und dann planvoll, in Übereinstimmung mit den übrigen Teilen unseres verwickelten Lebenssystems, handeln. Kommt einer, der vor allem die Not sieht und sich mit einem selbstsicheren »Wetten, daß es geht!« an die Arbeit macht, gelingt ihm die Tat fast immer. Aber Menschen mit solchem Handlungsmut sind selten -so selten wie die, die das Vertrauen aller auf sich zu ziehen vermögen. Die Fülle der gewußten oder auch nur wißbaren Einwände entmutigt, die Verflochtenheit aller Probleme lähmt uns. Ich gebe ein Beispiel: Es gibt Probleme, die wir »wissen« und Probleme, die wir fühlen oder erleben. Die Zunahme der Weltbevölkerung um jährlich 75 bis 80 Millionen, also um soviel wie die Zahl aller in den beiden Deutschlands lebenden Menschen zusammengenommen, -dies ist für uns ein »gewußtes« Problem. Wir wissen, die Erde wird diese allzuvielen Menschen nicht mehr ernähren können -nicht ohne drastische Veränderungen unseres way of life und der bisherigen Verteilung der Mittel, die uns einstweilen jene Erfahrung vom Leibe hält. Politiker und Sachverständige suchen seit Jahrzehnten Lösungen dafür. Diejenigen, die wirksam sein könnten, lassen sich nicht durchsetzen; diejenigen, die sich durchsetzen lassen, sind nicht wirksam genug. »Durchsetzen« heißt vor allem immer auch: Eingriff in die gewohnte Lebensordnung, Einschränkung der Verfügung des einzelnen über ein »natürliches« Recht, Sanktionen gegen die Staaten, die die ihnen gesetzten Geburtenquoten überschreiten. Auf der Weltbevölkerungskonferenz in Mexico City gab es darum eine unheilige, vielleicht sogar scheinheilige Allianz zwischen den U. S. A., deren gegenwärtige Regierung als Vorkämpfer des free-enterprise-Prinzips auftritt, dem Heiligen Stuhl, der göttliches Gebot geltend macht, und einigen »Schwellenländern«, die die Kontigentierung der Geburten ablehnen, weil sie ihre Souveränität wahren wollen oder mit dem Bevölkerungsdruck allein territoriale Ansprüche aufrechterhalten können oder mit ihren Kontroll maßnahmen gar nicht durchdringen würden: was gehen ihre Bürger die Probleme in anderen Teilen der Welt an! Der amerikanische Delegierte James L. Buckley verkündete die Einstellung aller Zahlungen an Regierungen und Organisationen, die Abtreibung und erzwungene Geburtenkontrolle fördern (das Musterbeispiel für das letztere ist immer China) und unterbreitete ein neues Lösungskonzept. Dieses stützt sich auf die Tatsache, daß die Geburtenrate von allein nachläßt, sobald ein gewisser Wohlstand erreicht ist. Also müsse man den Wohlstand fördern, eine freiwillige Familienplanung werde die Folge sein. Die Mehrheit der 3000 Delegierten hat mit Zorn auf diese policy reagiert, nicht, weil man für Zwangsmaßnahmen ist, sondern weil die U.S.A. damit die bisherige gemeinsame Überzeugung verlassen: Damit die vielen Kinder den kleinen ökonomischen Fortschritt ihres Landes nicht gleich wieder verzehren und die Menschen der völligen Resignation ausliefern, sollten die Regierungen geeignete Programme einsetzen, die die Geburtenrate zu vermindern versprechen. Stattdessen sollen sie nun auf ein abstraktes Gesetz vertrauen, auf Entwicklungen, die das voraussetzen, was man mit den Maßnahmen erreichen wollte. Vom täglichen und massenhaften Hungertod anderer, vor allem von Kindern, erfahren wir in den Nachrichtensendungen unserer Medien, die mit einer Modenschau enden und einer besonderen wetterdienstlichen Ansage über den Pollengehalt der Luft für Hörer oder Zuschauer, die an Heuschnupfen leiden. Das Problem bleibt ein »gewußtes«, auch wenn wir die elenden Kinder im Sudan und in Mosambik mit ihren Manjokbäuchen, hohlen Augen und dünnen Beinchen »gesehen« haben. Weil das alles so fern, so ungeklärt, so kompliziert ist und weil unser Leben, hier sich nicht ändert, ob es dort zehntausend oder hunderttausend Tote täglich sind, verhalten wir uns gar nicht. Im übrigen arbeiten wir emsig und gewissenhaft am anderen Ende weiter, an der Verlängerung des lebens, auch des Lebens, das nicht mehr gewollt wird. Den vom Hungertod Bedrohten in Äthiopien schulden wir reichen und mächtigen Nationen Hilfe aus Menschlichkeit und Selbstachtung, die zusammen unsere Moralität ausmachen. Aber es bleibt eine schwierige Moral:
Sie ist nur von dem zu leisten, der schon Nächstenliebe übt, so daß diese ihm nicht zum Einwand gegen die Fernstenliebe gerät. Und sie ist mit den Widerhaken unserer Vernünftigkeit durchsetzt: Man hat ja gehört und gelesen, daß Almosen die Probleme nicht lösen, sondern möglicherweise verschlimmern. Wir müssen also ertragen, daß die Menschlichkeit in der Vernunft nicht aufgeht. Heute Brot geben, morgen für Arbeit sorgen, übermorgen fortgehen, überübermorgen, ohne Unmut, wiederkommen, wenn auch die Not wiedergekommen ist -das ist das Gesetz dieses Handeins, das nicht von anderen Zwecken bestimmt ist, von'anderen als Zweck »der Menschen«, seine Wünsche, seine Unversehrtheit. Woher nimmt einer die Zuversicht, daß sein Handeln richtig ist -über den guten Willen hinaus gut? Daß es auch uns zugute kommt, ist die geringste Anfechtung. Im Gegenteil, wenn uns an den verhungernden Kindern klar wird, daß wir falsch leben, daß unser oberstes Lebensgesetz -die eigene Sicherheit -atavistisch ist, kommt dies der Wirkung der Tat und ihrer Sittlichkeit zugute. Aber Handlungszuversicht erwächst daraus nicht. Die gibt uns allein ein gelungenes Vorbild - und danach unser eigenes Handeln selbst. Wer aus freien Stücken, unabhängig von den Mitteln und Regeln unseres »Systems« hilft, wird auch die Würde dessen nicht verletzen, dem er hilft: er wird den anderen nicht in die Abhängigkeit füttern und behüten wollen, der er sich selber gerade entrungen hat. In der mediatisierten Welt, in der wir uns von dem Ziel unserer Taten durch Mittel trennen, ist die Zuversicht, daß wir zugleich recht und richtig handeln, nur noch selten zu erfahren. Wer sie hat, ist in einer Art Gnadenstand. Er ist ausgezeichnet, bevor wir dies an ihm tun. Ich komme zu der Eigenschaft, die das Komitee Deutsche Not-Ärzte veranschaulicht und mit deren Bezeichnung ich Mühe habe: Es ist neben aller Meschlichkeit, Tatkraft, Opferbereitschaft vor allem.

3. Ein furchtloser und findiger Blick (Deutsches Komitee Not-Ärzte)
Der furchtlose Blick läßt Rupert Neudeck und die Seinen -wie ich sagte -schnell und klar erkennen, was getan werden muß und was getan werden kann, gerade auch in ausweglos scheinenden Lagen. Der furchtlose Blick schärft sich selbst, er macht kompetent und darum kühn und darum kämpferisch - und selbstkritisch. Irgendwann im Sommer 1979 hörte ich zum erstenmal von der Cap Anamur, die zum Rettungsschiff umgebaut worden war und von Japan aus in das Chinesische Meer auslief, um vor allem vietnamesische Flüchtlinge aufzunehmen, die sich aufs Meer gerettet hatten. Die Cap Anamur wurde für mich zum schönsten Symbol für die Hilfe von Menschen für Menschen -neben dem Samariter, der einen unter die Räuber Gefallenen auf seinem Esel nimmt, ihn in einer Herberge absetzt und versorgen läßt, - neben Shen Te, dem guten Menschen von Sezuan, die den eben geerbten Tabakladen für die Rettung der Bedürftigen, in ihrer Armut jedoch schamlos Gewordenen einsetzt -mit Hilfe des strengen Vetters Shui Ta - und die selber Wasser vom armen Wasserträger Wang kauft: »Aber ich will dein Wasser Wang. Das weit getragene Das müde gemacht hat. Und das schwer verkauft wird, weil es heute regnet.« - neben Antigone, die darauf besteht, den toten Bruder Polyneikes, den Staatsfeind. zu begraben, weil ihm sonst niemand diesen Dienst tun wird, -neben AchilI, der sich zum bittflehenden Priamus herabbeugt, Zorn und Schmerz überwindend, weil er sein Los im Los des anderen erkennt. Ich sehe ein großes Schiff im Schutze der Flagge eines großen reichen Landes, und ich sehe die kleinen überladenen, seeuntüchtigen Boote mit verzweifelten Menschen darauf; sie haben außer der großen Hoffnung auf ein Wunder zu wenig Proviant und zu viel Dinge mitgenommen, die ihnen wertvoll waren. Sie sind darob von Piraten überfallen und ausgeraubt worden. Das Meer ist weit und tückisch. Ans Land können sie nicht zurück. Und die großen Schiffe, die sonst hier vorüberfahren, haben längst ihre Route geändert. Eine winzige Chance bleibt: die Cap Anamur. Rupert Neudeck ist selber als sechsjähriges Kind in einem Schiff aus dem eingeschlossenen Danzig geflohen. In einem seiner Rundbriefe erinnert er an die Schiffe, die jüdische Flüchtlinge aus dem Machtbereich der Nazis zu retten suchten. Die Alliierten bangten damals bei jedem Erfolg: Nun würden weitere Juden auf dem Balkan ermutigt, sich einzuschiffen. Genauso hat man der Cap Anamur vorgeworfen, das Problem erst zu schaffen, sie übe eine »Sogwirkung« auch auf die aus, die gar nicht hätten fliehen wollen. Solche Gedanken kann nur haben, wer die Seefahrt nicht kennt, wer die erbärmlichen Boote nicht gesehen hat, denen sich diese Menschen anvertraut haben, wer nicht weiß, welche Fährnisse sie bis dahin schon auf sich genommen haben. Wenn ein Mann aus Nord-Vietnam 2000 km durch den Dschungel über Kambodscha, Thailand, Malaisia zu Fuß gelaufen ist und schließlich - über die Meerenge von Joshore nach Singapur schwimmend - sein Heil sucht, dann weiß man: für den gab es keine Alternative, die eine Cap Anamur hätte beeinflussen können. Der mußte fliehen. Von diesem Schiff hatte ich gehört und meine ersten Beiträge gezahlt, als eines Tages ein Brief von Rupert Neudeck kam. Er schrieb, er habe das Buch XY von mir gelesen: »Es hat in mir aufgeblitzt, als ich auf Seite 51 das Wort >Risiko< entdeckte. Verstärken Sie den Anteil, den Risiko und Entscheidungsfähigkeit bei der >Bildung< eines Menschen spielen sollen!« Die Neigung oder gar Lust, neue Erfahrungen zu machen, werde schon bei ganz jungen Menschen erstickt, durch eine Risiko-Angst überlagert. »Mir scheint... dieser Charakterzug unserer modemen Gesellschaft der verhängnisvollste zu sein: die Gewohnheit, ja die juristische, moralische, administrative Verpflichtung, Risiken unter allen Umständen auszuschalten...« In einer Aufzeichnung über das Komitee Cap Anamur erklärt Neudeck die Ziele und Bedingungen seiner Arbeit:
-volle professionelle Erfahrung -den festen Willen, ohne große Ansprüche im Team zu arbeiten und -sich dem Land, seinen konkreten Gegebenheiten anzupassen. Es gibt keinen Anspruch auf einen Acht-Stunden-Tag, auf Ferien, auf Wochenenden, auf ein eigenes Nest, es gibt keine Berufung auf die besondere eigene Kompetenz: jeder hat zu jeder Zeit das Geforderte zu tun. Den Menschen muß dort geholfen werden, wo die Not ist, und so geholfen werden, wie man kann - und fast immer sofort! Wo ist die Not? Sie ist, wenn man genauer hinsieht, überall. Aber es gibt Stellen, an denen sie größer ist, eben weil niemand genauer hinsieht. 1981 beispielsweise engagierte sich das Komitee Cap Anamur in den von Taifun und Überschwemmungen verwüsteten Provinzen von Nord-Vietnam, also eines Landes, an dessen südlicher Küste die Cap Anamur die Flüchtlinge aufsammelte. Kein Volk bleibt seiner Not so buchstäblich hilf-los ausgeliefert wie eines, das eben einen Krieg gewonnen hat. Ihm helfen die einen nicht, weil sie doch noch gerade mit ihm im Kampf gelegen haben, und die anderen nicht, weil ein Sieger doch Hilfe nicht braucht. Das hat die Cap Anamur-Leute von jeher angezogen: ein nicht nur elendes, sondern isoliertes, vergessenes und von Hoffnungslosigkeit, inneren Wirren, Terror, Guerilla, der eigenen Regierung heimgesuchtes Land: Kambodscha, Uganda, Somalia, Libanon. In solchen Gegenden braucht man den »geschärften« Blick, braucht man das, was unsere Zivilisation der Zuständigkeiten, der Abrechnungen, der Sta tusprobleme, der Ausgewogenheit, der »Berechenbarkeit«, der eingewurzelten Ordnungsund Harmoniebedürfnisse, der gesicherten Finanzierung, der vorschriftsmäßigen Bedingungen uns gründlich abgewöhnt: Risikobereitschaft, Findigkeit, hier-und-jetzt-Entschlossenheit - und danach Ausdauer. Das Gegenbild zur Cap Anamur findet sich in einem Bericht des Komitees vor etwa einem Jahr: ein Depot von Nahrungsmitteln und Saatgut in Maputo für die verhungernden Menschen bestimmt, von Stacheldraht umgeben, nicht verteilbar, weil die, die über die Verteilungsmöglichkeiten verfügen, »Souveränitätseifersüchte« haben.
Die Cap Anamur mußte aufgegeben werden, die oberste für die Zulassung von Flüchtlingen in der Bundesrepublik zuständige Behörde teilte am 25.7. 1982 »erneut mit«: »... daß die Aufnahme weiterer Kontingentflüchtlinge nur nach Maßgabe der von den Regierungschefs des Bundes und der Länder am 5. 3. 1982 vereinbarten Verfahrensgrundsätze möglich ist. Die Voraussetzungen hierfür liegen jedoch bei den an Bord der Cap Anamur befindlichen Flüchtlingen nicht vor.« Im Hinblick auf eine Ausnahmezusage des Landes Niedersachsen werde man sich jedoch bei den anderen Ressorts noch einmal um eine Garantieerklärung bemühen, »wenn Sie zusagen können, daß das Schiff nach der gegenwärtigen Fahrt keine weiteren Flüchtlinge mehr aufnehmen wird.«
Die Cap Anamur befährt also nicht mehr das Chinesische Meer. Ein französisches Schiff hat die Aufgabe übernommen. Aber die Idee segelt weiter -in Menschen mit dem furchtlosen und findigen Blick. Denn wer sieht, kann tun. Wir, die wir wenig sehen, wir, denen die Schranken und die Folgen eher einfallen als die Not und die Not-Wendigkeit, blicken heute in dieser Feier wenigstens auf das Beispiel von Rupert Neudeck und der Cap Anamur. Es beschämt, reißt mit, verpflichtet, stimmt -jedenfalls mich dankbar. Wir wissen nun, daß es auch heute Vertrauen, Handlungsrnut, einen furchtlosen und findigen Blick für die Tat-Not gibt, und wir sehen, was sie bewirken. Mit den hier vergebenen Preisen zahlt unsere Gesellschaft eine Wohltat zurück, die sie selber empfängt: Wir vor allem brauchen zur Heilung und Rettung unseres Lebens das, wofür wir jene preisen.

Danksagungen des Bundespräsidenten

Bundespräsident Richard von Weizsäcker schrieb den Preisträgern des Jahres 1985 drei persönliche Briefe, die bei der Verleihung verlesen wurden. Wir drucken sie nachstehend ab.

Der Bundespräsident
Bonn, den 1. Februar 1985

Sehr geehrter Herr Leber,
zur Verleihung des diesjährigen THEODOR-HEUSS-PREISES spreche ich Ihnen mit Freude meine herzlichen Glückwünsche aus. Sie haben vom ersten Augenblick an unseren Staat mitaufgebaut -zunächst, 1949, als fast alles noch in Trümmern lag, im Wortsinne als Maurer.
Es würde den Rahmen eines Glückwunschbriefes sprengen, alle Ihre Leistungen und Verdienste als einer der großen verantwortungsbewußten Gewerkschaftsführer, als Verkehrsminister, als Postminister, als Verteidigungsminister, als Vizepräsident des Deutschen Bundestages aufzuzählen und im einzelnen zu würdigen, ganz zu schweigen von Ihrer Arbeit im Zentralkomitee der deutschen Katholiken, im Internationalen Bund für Sozialarbeit -Jugendsozialwerk e.V. Wo auch immer Sie gewirkt haben, überall haben Sie eine Spur hinterlassen, in der sich der hohe Respekt vor Ihrer Leistung untrennbar mit einer tiefen Zuneigung zu Ihrer Person verbindet. Noch lange werden Bauarbeiter und Soldaten von »ihrem« Schorsch Leber sprechen. Ihr klares Verhältnis zu den Menschen ist das scheinbar einfache Geheimnis Ihres Erfolges. Es befähigte Sie immer wieder, ideologische Verhärtungen, Vorurteile, festgefahrene Grundsatzpositionen aufzubrechen. Und das erforderte Mut. Für Sie waren die Arbeiter keine unterdrückte Klasse, sondern freie Bürger, die legitime Forderungen an Wirtschaft, Gesellschaft und Staat zu stellen haben. Dafür kämpften Sie als Gewerkschaftsführer. Menschenleben sind Ihnen, wie es sich gehört, wichtiger als das Recht, auf Bundesstraßen schnell oder gar alkoholisiert zu fahren. Sie setzten als Verkehrsminister »Tempo 100« auf den Bundesstraßen und die Senkung der Promillegrenze durch.
Für Sie waren unsere Soldaten kein Gegenstand des Mißtrauens, sondern Menschen, die ihre Pflicht für das freie Land, dessen Bürger sie sind, erfüllen und die deshalb Achtung, Anerkennung und Dank der Gesellschaft verdienen. Dafür traten Sie als Verteidigungsminister unbeirrt ein.
Und als es galt, aus einer nahezu ausweglosen Situation herauszufinden, als sich die Tarifpartner in einander ausschließende Prinzipien verstrickt hatten, da gab es zum Glück noch Georg Leber, der übet Idie menschliche, moralische und politische Autorität verfügte, den Knoten zu lösen.
Das sind Beispiele aus Ihrem reichen Leben, Beispiele, die zeigen, in welchem Geist Sie soziale und demokratische Politik gemacht haben.
»Sozial« hieß bei Ihnen stets mehr als Sicherung eines wirtschaftlichen Besitzstandes. Es hieß für Sie stets auch: Verbesserung der zwischenmenschlichen Beziehungen. Bittere Stunden sind Ihnen nicht erspart geblieben. Angriffe, Mißverständnisse, Fehldeutungen haben Ihren politischen Weg begleitet. Immer aber sind Sie im schönen und großen Sinne des Wortes, ein Mann des Volkes. Sie haben ein verpflichtendes wie ermutigendes, ein schönes Beispiel dafür gesetzt, was Demokratie, die Herrschaft des Volkes, sein kann und sein soll. Ich bin glücklich und beruhigt zugleich, zu wissen, daß es Sie gibt. Die Verleihung des THEODOR-HEUSS-PREISES ehrt Sie - und die Stiftung THEODOR-HEUSS-PREIS e.V.

Mit herzlichen Grüßen
Richard von Weizsäcker

Sehr geehrter Herr Böhm,
zur Verleihung der THEODOR-HEUSS-MEDAILLE an Ihre Stiftung »Menschen für Menschen« gratuliere ich Ihnen und Ihren Mitstreitern sehr herzlich. Vor kurzem, am »Tag für Afrika«, haben wir alle versucht, den Hungernden in Afrika zu helfen. Sie aber geben Ihre besten Kräfte schon seit drei Jahren für Afrika. Sie haben sich nicht mehr mit unserer Normalität abgefunden, damit, daß wir mehr oder weniger neben dieser Not herleben. Zwar ist unser aller Gewissen nicht unempfindlich, und hin und wieder sagt es uns laut genug, etwas müsse getan werden - und dann spenden wir. Das ist gut, aber nur für wenige ein wirkliches
Opfer. Sie aber waren stark genug, sich von dieser Not verwandeln zu lassen. Die von Ihnen eingerichteten Dörfer ernähren sich heute nicht nur selber, sie produzieren Überschüsse, die den Hunger anderer Menschen stillen oder lindern. Das ist das Modell, das allein imstande ist, das Hungerproblem in Afrika zu lösen. Aber Sie wissen besser als andere: Es ist angesichts des Todes, der Millionen bedroht, nicht genug. Jedes Menschenleben ist unendlich kostbar. Für Sie ist die Not in Äthiopien nicht nur ein am Konferenztisch zu lösendes »Problem der Dritten Welt«, sondern eine Frage, die der Mensch dem Menschen stellt. Sie antworten mit Ihrem Leben auf diese Frage. Ihre Antwort beunruhigt unser Gewissen. Fahren Sie damit fort - es hilft auch uns.

Mit freundlichen Grüßen
Richard von Weizsäcker

Sehr geehrter Herr Dr. Neudeck,
Ihnen und allen Mitgliedern des Deutschen Komitees Not-Ärzte e.V. spreche ich zur Verleihung der THEODOR-HEUSS-MEDAILLE meine herzlichen Glückwünsche aus. Sie alle opfern Ihre Urlaubszeit, Sie verzichten auf ein bequemes und angenehmes Leben zu Hause und nehmen in fernen Ländern Mühen und Entbehrungen auf sich, um kranken Mitmenschen zu helfen. Sie haben über 30 Millionen DM an Spenden gesammelt. Für eine kleine Gruppe von berufstätigen Menschen ist das eine gewaltige Leistung, die nur jemand beurteilen kann, der selbst einmal versucht hat, Mittel für einen guten Zweck zusammenzubringen. Diese Mittel haben Sie in Gesundheitsprojekten eingesetzt, die Sie in eigener Arbeit aufbauten und betreuten. Dabei haben Sie Ihr TätigkeitsfeId immer weiter ausgedehnt, von Asien nach Äthiopien, Mozambique, dem Tschad und nach Somalia. Wo immer man Sie um Hilfe bat, halfen Sie. Sie haben sich durch Widerstände nicht irremachen lassen und allen Einwänden Ihre Überzeugung von dem unendlichen Wert jedes einzelnen Menschenlebens entgegengehalten.
Ihre Arbeit ist ein Beispiel und eine Ermutigung nicht nur für Ihre Berufskollegen. Auch Lehrer, Handwerker, Landwirte, Techniker und andere Experten werden in den Entwicklungsländern dringend gebraucht. Sie könnten sich das Modell des Deutschen Komitees Not-Ärzte e.V. zum Vorbild nehmen. Und so hoffe ich, daß Ihr Beispiel Schule macht. Viele Menschen wünschen mit mir Ihrer Arbeit immer mehr Erfolg.

Mit freundlichen Grüßen
Richard von Weizsäcker

Dank des Preisträgers Georg Leber
Liebe Frau Hamm-Brücher
meine sehr verehrten Damen und Herrn,

es ist mir ausdrücklich aufgetragen worden, im Anschluß an die Ehrung keinen Vortrag zu halten. Daran möchte ich mich auch gerne halten. So möchte ich mich nur sehr herzlich bedanken.
Ich danke Ihnen verehrte Frau Hamm-Brücher, Ihrem Vorstand und Kuratorium der THEODOR-HEUSS-Stiftung für den mich ehrenden Entschluß, mir den Preis zu verleihen. Ich fühle mich sehr geehrt und ausgezeichnet.
Ich danke Ihnen allen, meine Damen und Herren, die Sie heute hier in diese Feststunde gekommen sind und zum Teil an einem freien auch noch die Mühsal einer weiten Reise auf sich genommen haben. Sie ehren mich mit Ihrer Anwesenheit. Erlauben Sie mir bitte, daß ich diesem Dank nur einen Gedanken anfüge. Ich bin einer aus der Generation, die der Krieg vor nunmehr fast vierzig Jahren entlassen hat. Als wir dabei waren selber Hand anzulegen, um aus den Trümmern wieder aufzubauen, was abgerissen worden war, dachten wir in einem Zirkel darüber nach, wie es wohl hatte kommen können, daß das alles über uns gekommen war. Die Antwort die wir fanden war natürlich auch, das alles habe der Hitler verschuldet, aber wir fanden doch auch, so wahr das wohl war, das war nicht die ganze Wahrheit.

Daß Hitler vorher den freiheitlich verfaßten Staat von Weimar überwältigen konnte, das ist nur möglich gewesen, weil nicht mehr genügend Bürger vor ihm standen und den Staat in ihren Schutz und in ihre Fürsoge nahmen -nur deshalb konnte er eingerissen werden, weil er von der Mehrheit zum Abriß freigegeben worden war. Die Mehrheit der Bürger hatte unter Freiheit auch das Freisein von jeder Pflicht zu Verantwortung und Fürsorge für den demokratischen Staat empfunden. Das ist nun in dem Teil Deutschlands, den wir unser Vaterland nennen, anders geworden. Wenn wir uns immer bemühen, unseren Mitbürgern bewußt zu machen, daß der freie Staat ihrer Fürsorge bedarf, und wenn wir dabei Erfolg haben, dann brauchen wir um ihn nicht in Sorge zu sein.

Danksagung Rupert Neudeck
Es tut gut, einen Preis zu bekommen, der uns nicht einfach vereinnahmt und beansprucht. Und: es tut sehr weh, von Hartrnut von Hentig noch einmal auf ein Thema gestoßen worden zu sein, das ich schon fast verdrängt hatte. Da sind heute morgen Wunden aufgerissen worden, die fast vernarbt schienen. Die unendlichen und erschöpfenden Kämpfe um dieses unser Schiff, um Plätze für ein paar neue Gerettete, die Erpressungsversuche von seiten der Behörden, unsere Schwäche und Nachgiebigkeit im letzten Moment, die dann zu der Resignation und der Entscheidung führt: die Cap Anamur zurück nach Hamburg. Wir können nicht Heinrich Böll mit Beifall folgen, wenn er sagt, daß wir über Menschen ein Todesurteil fällen, wenn wir ihnen nicht helfen, aber doch helfen könnten, und dieses Schiff einfach fahrlässig aufgeben! Man kann nicht beides haben: ein gutes Gewissen in dieser Frage und zugleich die Ausschaltung dieser Rettungsmöglichkeit mit realpolitischen Zwangsmitteln. Ich möchte Sie alle, gerade die Vertreter von staatlichen Ämtern beschwören. Es kann einem Staat nichts besseres einfallen, als »non-governmental« Aktivitäten, als Aktionen und Initiativen von Nicht-Regierungsorganisationen zu verstärken. Wir, Not-Ärzte/Cap Anamur und Karlheinz Böhms »Menschen für Menschen« verstehen dieses »non-governmental« übrigens als ausgesprochenen Ehrentitel. Wir sind stolz darauf, non-governmental also frei zu sein, für noch mehr Aktivität zugunsten von Bedrängten, Verhungernden, Ertrinkenden, Krepierenden -unbedrängt von diplomatisch-politischer Rücksichtnahme. Und sie, der Staat, die Exekutive und die Bürokratie sollten diesen Initiativen nicht nur keine Hindernisse in den Weg legen, sie sollten sie fördern. Es gibt viel Verzweiflung in dieser Arbeit. Wenn man erlebt, daß in den allerkatastrophalsten Verhältnissen dennoch Waffen übergenug da sind. Ja, sie liegen selbst in der Wüste, in der riesigen Streusand wüste des Tschad überall herum. Ich habe vor zehn Tagen noch in Abeche im Krankenhaus einer langen quälenden Operation zusehen können, zwei kleine Kinder und eine Mutter wurden am schönsten Sonntagmorgen eingeliefert, die drei hatten sich vor der Moschee ihre Feuerstelle gerichtet, wollten ihren Tee am frühen Morgen kochen. Da hatten sie an der Stelle zu kochen begonnen, wo noch M.G.-Patronen herumlagen, eine einzige ging in die Luft, zerfetzte die Kinder an den Knien, eines, das kleine Mädchen am Bauch, die beiden kleinen standen unter einem so fürchterlichen Schock, daß sie gar nicht imstande waren, mit dem aus Leibeskräften kommenden Gebrüll aufzuhören. Erst nach der zweiten Spritze versank das eine in einen tiefen Schlaf, das andere später dann auch. Gott sei Dank war kein Splitter in die Bauchhöhle gekommen. Dieser Skandal, daß Waffen, die teuersten, die kompliziertesten überall auf der Welt hinkommen, daß Nahrung so schlecht an alle Orte kommt -daß für Waffen Geld immer da ist, die Bauern auch ihre Feldfrüchte exportieren müssen, Mosambik seinen Fischreichturn nach Rußland weggeben muß, obwohl das eigene Volk hungert... Es gibt Situationen der Verzweiflung, in der die Hilfe nicht einmal stark genug ist, vor dem despair, der Verzweiflung zu bewahren. Es gibt für mich dann nur noch die Zuflucht bei dem Arzthelfer Tarrou, der dem nimmermüden Dr. Rieux in der vom Pesthauch angefallenen Stadt Oran zur Seite steht, in diesem vermeintlich aussichtslosen Kampf gegen die Pest. In Camus' Roman gleichen Namens (»Die Pest«) sagt Tarrou an einer Stelle: »11 faut choisir savoir ou ' guerir«. Man muß wählen, entweder wissen oder heilen! Eine skandalöse Formel, werden alle sagen, aber doch so wahr, nicht tröstlich, nein verletzend wahr. Wir können uns manchmal bei dieser Arbeit nur auf den Beinen halten, wenn wir uns vor allzuviel Schlaumeier-Wissen hüten, vor all denen, die uns heimlich einreden wollen, daß es doch keinen Sinn macht, daß das doch ein »Faß ohne Boden« ist usw. Nein! Die Hilfe soll nicht vergammeln und aufhören, nur weil wir die falschen Begründungskonstrukte haben. Im Zweifelsfall tun wir gut daran, zu helfen. Auch wenn wir nicht wissen, ob die Subjekte der Hilfe überleben können.
Ich will zum Schluß zugunsten all derer, denen wir helfen wollen, mit Bedacht das wiederholen, was Heinrich Böll jüngst zu der Tätigkeit des Helfens gesagt hat. Er hat es überraschend so ausgedrückt:

»Es ist schön, ein hungerndes Kind zu sättigen, ihm die Tränen zu trocknen, ihm die Nase zu putzen, es ist schön, einen Kranken zu heilen. Einen Bereich der Ästethik, den wir noch nicht entdeckt haben, ist die Schönheit des Rechts; über die Schönheit der Künste, eines Menschen, der Natur, können wir uns halbwegs einigen. Aber -Recht und Gerechtigkeit sind auch schön und sie haben ihre Poesie, wenn sie vollzogen werden.«

Und wenn die Zustände in puncto Recht und Gerechtigkeit häßlich werden, müssen sie von uns allen schnell geändert werden. So las ich heute morgen, daß irgendwo im Odenwald ein Wirt von einem Gericht unserer Republik bestärkt wurde in seinem vermeintlichen Recht, ein Schild an der Tür zu lassen, mit dem Inhalt: »Türken haben hier keinen Zutritt«. Wie gesagt: ein Rechts-Findungs-Institut hat uns weismachen wollen, daß wir damit recht und gerecht leben können sollen. Das ist fatal: da hat ein Gerichts-Entscheid die »Schönheit des Rechts und der Gerechtigkeit« so furchtbar, nämlich fundamental beschmutzt und verdreckt, daß dieser Beschluß schleunigst aufgehoben gehört. Die Türken müssen Menschen sein, die in Restaurants gehen dürfen -wie anders? Sonst würde ja der Spruch der Römer gelten, den sie den Christen als Nicht-Bürgern zuschrieben »Non licet vos esse«, »es ist Euch nicht erlaubt zu sein«.

1985