Theodor Heuss Stiftung

Richard von Weizsäcker

Der THEODOR-HEUSS-PREIS 1984 wurde verliehen an den damaligen Regierenden Bürgermeister von Berlin und jetzigen Bundespräsidenten der BRD, Richard von Weizsäcker »für sein hervorragendes persönliches Beispiel in der demokratischen Auseinandersetzung und im Umgang mit politisch Andersdenkenden, für sein glaubwürdiges demokratisches Engagement, seine ansteckende Liberalität und Toleranz, seinen Mut zur Kritik gegenüber offenkundigen Mängeln und Schwächen unserer Demokratie und der politischen Parteien und nicht zuletzt für seine vielfältigen Initiativen zur Deutschland- und Entspannungspolitik.

Liselotte Funcke

Die THEODOR-HEUSS-MEDAILLE 1984 wurde verliehen an
Liselotte Funcke für ihr beispielgebendes Engagement in der Ausländerarbeit. Als Ausländerbeauftragte der Bundesregierung bemüht sie sich mit unermüdlichem persönlichem Einsatz und mit Zivilcourage gegen Ausländerfeindlichkeit und -diskriminierung anzukämpfen... Gegen mannigfache Widerstände und ohne ausreichende finanzielle und organisatorische Unterstützung übt Liselotte Funcke ihr Amt aus und leistet damit einen hervorragenden Beitrag zum inneren Frieden, zum politischen Stil im Umgang mit Minderheiten und zur Völkerverständigung.

Ruth Leuze

Die THEODOR-HEUSS-MEDAILLE 1984 wurde verliehen an
Ruth Leuze für ihren beispielhaften Einsatz als Datenschutzbeauftragte des Landes Baden-Württemberg. Ruth Leuze hat sich... für den Datenschutz des Bürgers durch strikte Kontrolle und Überwachung der Datenschutzbestimmungen eingesetzt. Beeinträchtigungen oder Verstöße hat sie rücksichtslos offen gelegt und dabei auch gelegentliche Konflikte mit staatlichen Behörden nicht gescheut, diese aber fair, standfest und mit großer Sachkenntnis ausgetragen... Auf diese Weise hat sie einen weiterwirkenden Beitrag auf einem der sensibelsten Konfliktfelder zwischen Bürger und Staat geleistet.

Bund der Jugendfarmen und Aktivspielplätze e. V.

Die THEODOR-HEUSS-MEDAILLE 1984 wurde verliehen an
Bund der Jugendfarmen und Aktivspielplätze e. V.
für sein beispielhaftes pädagogisches Engagement im Bereich der freien Jugendarbeit. In allen Tätigkeitsbereichen leben und lernen deutsche und ausländische, gesunde und behinderte Kinder und Jugendliche zusammen. Damit trägt die Arbeit des Bundes der Jugendfarmen und Aktivspielplätze... zu einem toleranten demokratischen Zusammenleben..., zur Einübung und Entwicklung von politischer Kultur in der jungen Generation bei.

Stiftung DIE MITARBEIT e. V.

Die THEODOR-HEUSS-MEDAILLE 1984 wurde verliehen an
Stiftung DIE MITARBEIT e. V.
für ihr jahrzehntelanges Engagement als Förderer von Bürgerinitiativen. Die gemeinnützige und unabhängige Stiftung fördert bundesweit Bürger und Gruppen von Bürgern, die offenkundige Mängel unseres Zusammenlebens durch eigene Initiativen ehrenamtlich und mit besonderem persönlichen Einsatz zu verbessern suchen... Damit hat sie... einen besonders hervorragenden Beitrag zur demokratischen Kultur und zur politischen Stilbildung unseres Landes geleistet, durch die Aktivierung von Bürgern zur Selbsthilfe und zur Hilfe für andere.

Politischer Stil in der demokratischen Auseinandersetzung

Festansprache
Walter Scheel
»Geistige Führung in schwieriger Zeit, Autorität ohne Arroganz, ein Glücksfall für den Staat«
Sehr geehrter Herr Bundespräsident,
sehr geehrter Herr Ministerpräsident,
sehr geehrter Herr Regierender Bürgermeister,
lieber Herr von Weizsäcker,
liebe Preisträger der THEODOR-HEUSS-MEDAILLE,
meine sehr verehrten Damen,
meine Herren,als Ehrenvorsitzender der THEODOR-HEUSS-PREIS-Stiftung ist mir heute die Aufgabe zugefallen, die Laudatio auf den Preisträger zu halten. Eine reizvolle Aufgabe, die ich gern übernommen habe. Zunächst aber möchte ich neben dem THEODOR-HEUSS-Preisträger 1984, Herrn Richard von Weizsäcker, auch jenen ganz herzlich gratulieren, denen die THEODOR-HEUSS-MEDAILLE 1984 verliehen wird: Frau Liselotte Funcke, Frau Ruth Leuze, der Stiftung DIE MITARBEIT und dem »Bund der Jugendfarmen und Aktivspielplätze«. Jeder Ausgezeichnete hat mit seinen Fähigkeiten, seinen Möglichkeiten, seinen Mitteln, ein vorbildliches demokratisches Verhalten sowie bemerkenswerte Zivilcourage gezeigt und sich beispielhaft für das Allgemeinwohl eingesetzt. Ein solches Tun zu fördern, ist Aufgabe der Stiftung, deshalb Ihre Auszeichnung. Sie ist die äußere, öffentliche Form unseres Dankes für das, was Sie für unsere freiheitliche demokratische Gesellschaft geleistet haben. Sie haben von der Freiheit, die eine demokratische Gesellschaftsnorm ihren Bürgern gibt, den rechten Gebrauch gemacht. Es wäre zu wünschen, daß Ihre Aktivitäten, Ihr Beispiel, ansteckend wirkt, gleichzeitig aber wie ein Impfstoff die Abwehrkräfte stärkt gegen alles, was die Freiheit der Bürger einzuengen versucht, den Frieden bedroht und die Würde des Menschen mißachtet. Frieden in der Welt will jede Familie, jeder einzelne.
Der mangelnde Einfluß auf das, was in der Welt geschieht, wird beklagt. Verabscheut werden die regionalen Kriege. Die Leiden der Menschen werden bedauert. In wieviel Gebete fließt der Wunsch nach Frieden ein? Doch wie sieht es mit der Friedfertigkeit des einzelnen selbst aus, wie mit seinem inneren Frieden und wie mit dem Frieden in der Familie? Wie steht es um die Kompromißfähigkeit und Kompromißbereitschaft jener Gruppen, die >>natürliche« Interessengegensätze haben: die Sozialpartner, die wirtschaftlichen Konkurrenten, die politischen Parteien? Auseinandersetzungen sind ein legitimes Mittel, Gegnerschaft erwächst automatisch aus unterschiedlichen Interessen. Jedoch Feindschaft? Das ist eben etwas anderes -schon vorn Wort her. Aber mit der Wahl des Wortes, mit der Sprache beginnt die Frage des politischen Stils. Und landauf, land ab drängen sich einern zunehmend viele Beispiele schlechten Stils auf -zu viele! Wieviel Grund mehr muß daher eine Stiftung haben, die den Namen von Theodor Heuss trägt, in einer Zeit, in der die Sorge besteht, daß guter politischer Stil allzu leichtfertig preisgegeben und allzu verantwortungslos mit der Würde des anderen, des Mitmenschen, des politischen Andersdenkenden, umgegangen wird, jene Persönlichkeit besonders auszuzeichnen, die guten politischen Stil verkörpert! Gerade in einer lebendigen und lebensstarken Demokratie ist Politik Auseinandersetzung und Ringen um Macht und Mehrheit. Niemand hat das besser gewußt als der Mann, dessen Namen die Auszeichnung trägt, die heute vergeben wird. Ein Zeugnis dafür ist seine erste Ansprache als Bundespräsident, in der sich Theodor Heuss mit jenen auseinandersetzt, die gesagt und geschrieben hatten, zur Politik fehle im wohl die Ellenbogenkraft. Darauf hat er in der ihm eigenen spitzen Manier gesagt: »Von der Ellenbogenpolitik haben wir reichlich genug gehabt. Ich betrachte es persönlich als einen Gewinn meines Lebens im öffentlichen Sein, daß ich... auf der Rechten wie auf der Linken persönliche Freundschaften und Vertrauensverhältnisse besaß und heute besitze, das wird so bleiben.« Für Theodor Heuss war Ellenbogenpolitik Rücksichtslosigkeit, Unfairness, schlechter politischer Stil. Meine Damen und Herren, Sie werden längst bemerkt haben, daß ich bereits mitten in meiner Laudatio stecke, über einen Mann, der 1982 von meiner Heimatstadt Solingen -Sie sehen die enge Verbindung -den Ehrenpreis »Die schärfste Klinge« erhielt, und jetzt zitiere ich: »... in Würdigung seines ausgeprägt humanen Stils, mit dem er bei seinem vielfältigen öffentlichen Wirken die Sprache immer als Mittel eingesetzt hat, gewonnene Einsichten argumentativ zu vertreten und dadurch menschliche Beziehungen zu stiften.« Sie, lieber Herr von Weizsäcker, sind ein VorbiI<! für guten politischen Stil. In der Presse der letzten Wochen liest sich das so: Richard von Weizsäcker zeigt die Fähigkeit, Spannungen abzubauen, hat Integrität und Integrationskraft über enge Parteigrenzen hinaus. Er trennt nicht, sondern führt zusammen und garantiert geistige Führung in einer schwierigen Zeit. Er besitzt Glaubwürdigkeit, geistige Kreativität, Ausstrahlungskraft, staatsmännisches Format sowie ein ausgewogenes und unbestechliches Urteilsvermögen. Was er an Autorität ausstrahlt, ist ohne Arroganz. Die Mittlerfunktion nach außen und innen ist seine Stärke. Soweit die Zitatauswahl. Vieles ließe sich hinzufügen. Nun, meine Damen und Herren, ich weiß, daß sich so mancher gefragt hat: Was wird er wohl sagen, der frühere Bundespräsident über den wohl künftigen Bundespräsidenten in Anwesenheit des amtierenden Bundespräsidenten. Zunächst möchte ich die Gelegenheit nutzen, Ihnen, Herr Bundespräsident, herzlich für Ihr Kommen zu danken. Wir freuen uns darüber und empfinden es als eine Auszeichnung der Arbeit der THEODOR-HEUSS-PREIS-Stiftung wie auch der diesjährigen Preisträger. Zweitens möchte ich feststellen, daß sich, was die heutige geballte »Versammlung« von Bundespräsidenten angeht, eine bisher einmalige Konstellation ergeben hat. Alle Bundespräsidenten in Verbindung mit einem Ereignis wann wird sich eine solche Konstellation wiederholen!
Nun läßt sich daraus natürlich weder folgern, daß man Theodor-Heuss-Preisträger sein muß, um Bundespräsident zu werden, noch, daß die THEODOR-HEUSS-PREIS-Stiftung die Absicht hat, das Ergebnis der Bundesversammlung immer vorwegzunehmen. Das läßt sich leicht nachweisen, indem ich etwas aus dem Nähkästchen plaudere: Der einstimmige Vorschlag des Stiftungsvorstandes, den 20. THEODOR-HEUSS-PREIS dem Regierenden Bürgermeister von Berlin, Herrn Richard von Weizsäcker, zuzuerkennen, datiert schon vom 30. März 1983. Die Wahl des Bundespräsidenten war zu jenem Zeitpunkt noch kein aktuelles Thema.
Das war erst ein Vierteljahr später der Fall. Und erst seit Ende November steht fest, daß Richard von Weizsäcker Kandidat für die Wahl zum Bundespräsidenten sein wird -einziger Kandidat, was bisher ebenfalls einmalig ist, denn die Opposition hat erklärt, auf einen Gegenkandidaten zu verzichten. Kandidatur und Verzicht kommen nicht von ungefähr, sondern sind wesentlich mitbegründet durch den lebenslauf des Mannes, um den es hier geht, der von Kindheit an mehr sah, als die eigene Heimat, der vergleichen konnte, es lernte, sich anderen Wertvorstellungen, anderen Lebensgewohnheiten und Traditionen zu öffnen. Die Daten sind schnell genannt. Nur wenige Schritte von diesem Ort entfernt am 15. April 1920 geboren, kam er als Diplomatenkind nach Kopenhagen, Bern, Berlin. Er studiert!! Wirtschaft, Recht und Geschichte an den Universitäten Oxford, Grenoble, Göttingen und promovierte 1954 zur Dr. jur. Dann berufliche Tätigkeit in der Wirtschaft bei Mannesmann, Bankhaus Waldthausen & Co. in Essen und C. H. Boehringer Sohn in Ingelheim. 1964-70 und 1979-81 Präsident des Kirchentages, seit 1969 Mitglied des Rates der Evangelischen Kirche Deutschlands (EKD), 1954 Mitglied der CDU, seit 1966 im Bundesvorstand und 1972 Leitung der CDU-Grundsatzkommission, 1969-1981 Mitglied des Deutschen Bundestages, dann Berliner Landesvorsitzender und Regierender Bürgermeister. Richard von Weizsäcker war, ob als Präsident des Kirchentages, als Vorsitzender der Grundsatzkommission oder als Regierender Bürgermeister immer dieselbe überzeugende ausgleichende Persönlichkeit. Er war immer -erlauben Sie, daß ich das dem THEODOR-HEUSS-Preisträger bescheinige, der tolerante Liberale, der weiß, daß kein Mensch alleine im Besitz der Wahrheit ist, daß auch die Argumente des anderen zu beachten, vor allem aber der Mensch zu achten ist.
Einmal, nämlich ganz am Anfang unserer Bekanntschaft, die ja in die frühen 50er Jahre zurückreicht, haben Sie mich enttäuscht. Ich erinnere mich, daß Sie als junger Wissenschaftler damals in Düsseldorf mehrfach mit meinen Freunden und mir zu höchst anregenden und manchmal auch erregenden Diskussionen zusammentrafen. Wolfgang Döring und ich haben uns damals Hoffnung gemacht, Sie würden vielleicht eines Tages Mitglied bei uns werden können. Aber dann kam es doch anders. Wir hätten Sie gerne gehabt. Und einmal habe ich Ihretwegen auch ein etwas unbehagliches Gefühl gehabt. Als Sie mein Gegenkandidat bei meiner Wahl zum Bundespräsidenten waren und ich, nach Lage der Dinge, ja die Mehrheit sicher erhalten mußte, was Sie auch wußten. Es war mir unangenehm, daß ein in meinen Augen hervorragender Kandidat durch mich scheitern mußte. Aber dann habe ich mir gesagt: Ach, er ist ja fast ein ganzes Jahr jünger als du. Da muß er halt noch eine Weile warten. Sie sehen, das war realistisch! Meine Aufgabe als Bundespräsident haben Sie mit kritischer Sympathie vertolgt und auch mit sympahtischer Kritik versehen. Unvergeßlich bleibt Ihre Begrüßungsansprache im November 1982 auf dem Parteitag der F.D.P. in Berlin. Sie übernahmen diese Pflicht als Regierender Bürgermeister, doch man hat es Ihnen angemerkt, für wie unwürdig Sie vieles empfanden, was sich damals an emotionsgeladenen Auseinandersetzungen außerhalb, aber auch in der Partei abspielte, die sich dem Liberalismus verschrieben hat. Sie waren berührt von diesen Streitigkeiten, denn -so sagten Sie: »... Die Geschichte des politischen Liberalismus ist zugleich die Geschichte unserer freiheitlichen parlamentarischen Demokratie.« Und Sie fügten hinzu: »... Wenn einer die Quellen für den Grundrechtskatalog unserer Verfassung sucht, dann findet er sie im politischen Liberalismus. Sein programmatischer Sieg ist dieses bisher großartigste Dokument der deutschen Verfassungsgeschichte...
Wer dem liberalen Gedanken verschlossen ist, der ist in Wahrheit kein Demokrat.« Der Beifall der Vielen damals galt dem wirklichen Liberalen, dem wirklichen Demokraten, der da gesprochen hatte. Und Sie haben, ohne sich in die internen Auseinandersetzungen einzumischen, gemahnt, das richtige Maß zu wahren, »das vornehmste Kennzeichen der Art, wie Theodor Heuss an Dinge heranging«, so sagt Ralf Dahrendorf im Vorwort des vor wenigen Tagen erschienenen Buches über »Theodor Heuss, Politiker und Publizist«, und Sie haben zur offenen, aber fairen Diskussion aufgefordert. Erlauben Sie, daß ich noch die Worte zitiere, mit denen Sie den schlechten politischen Stil damals in Berlin anprangerten: »Das Übel unserer politischen Auseinandersetzung -so sagten Sie -ist doch oft dies, daß die Härte des Kampfes, eines Kampfes, den wir brauchen, an der falschen Stelle gesucht wird. Der Kampf wird nämlich um die Gunst der Wähler geführt. Die Folge ist: Die wahre Lage wird den Wählern verschwiegen, der Wähler wird verschont, er wird verzogen, statt erzogen; aber verteufelt wird der Gegner.« Ihre Worte, Ihr Auftritt waren bester politischer Stil. Neutral und doch engagiert, mahnend und doch zurückhaltend, politisch und doch ohne parteipolitischen Unterton, anders hätte auch der über den Parteien stehende Bundespräsident nicht sprechen können. Ich sage das, weil es eben nicht von ungefähr kommt, daß Ihre Kandidatur für das höchste Amt dieses Staates als Glücksfall bezeichnet wird. Die Machtbefugnisse des Amtes sind durch die Verfassung begrenzt. Der Bundespräsident hat keine großen Entscheidungsmöglichkeiten. Aber das ist eher ein Vorteil für seine Möglichkeiten, Einfluß auf die Politik generell -nicht die Tagespolitik -zu nehmen. Denn das Amt des Bundespräsidenten ist ein politisches Amt. Wenn er durch seinen Stil Zugang zur Öffentlichkeit findet, hat sein Wort politisches Gewicht, vor allem deshalb, weil er nicht in die Auseinandersetzungen der Parteien verstrickt ist. So kann er vermitteln zwischen den Generationen, den gesellschaftlichen Gruppen, den politischen Parteien. Er kann das Gemeinsa"me herausstreichen, das Verständnis für den andern fördern, wecken, und er kann diesen Staat in der Welt und auch im Innern in seiner Art als freiheitlichen Rechtsstaat mit stark sozialer Bindung darstellen. Und in unserem Lande ist man nicht bange, daß Sie diese Aufgabe erfüllen. Vor einem Jahr in Solingen hat Sie der senegalesische Präsident, Leopold Sedar Senghor, als einen Mann bezeichnet, der in sich -so sagte er -»eine Einheit bildet zwischen einem großen Deutschen, einem großen Demokraten, einem großen Christen und einem großen Mann«. Lassen Sie mich ergänzen: und einem großen Liberalen.
Ihnen, lieber Herr von Weizsäcker, in dieser Feierstunde den THEODOR-HEUSS-PREIS zu verleihen, sowie Sie, liebe Frau Funcke, sehr geehrte Frau Leuze, mit der THEODOR-HEUSS-MEDAILLE auszuzeichnen und desgleichen die Stiftung »DIE MITARBEIT« und den »Bund der Jungfarmen und Aktivspielplätze«, gereicht der THEODOR-HEUSS-PREIS-Stiftung zur Ehre. Mir war es eine besondere Freude, daß ich zu Ihnen sprechen konnte. Ich danke Ihnen!

Begründung
Hildegard Hamm-Brücher
20 Jahre THEODOR-HEUSS-PREIS
oder: Über den Mut zur kleinen Utopie
»Demokratie ist niemals eine Glücksversicherung, sondern bestimmt durch den Stand der politischen Bildung und der öffentlichen Gesinnung.« Diese Feststellung von Theodor Heuss aus den Anfangsjahren der Weimarer Republik gilt heute wie damals. Politische Bildung und öffentliche Gesinnung, das steht für das Wirken des lebenslangen Demokraten, dessen 100. Geburtstag wir heute in der Hauptstadt seiner schwäbischen Heimat feiern dürfen, - und das steht gleichermaßen über dem Bemühen einer liberalen Stiftung, die seinen Namen trägt und die heute ihr 20. Jubiläum in Gegenwart des amtierenden Bundespräsidenten, seines Vorgängers und seines höchstwahrscheinlichen Nachfolgers -im Kreise vieler Freunde, Förderer und vor allem vieler ihrer ehemaligen Preisträger feiern darf. Dies alles erfüllt uns mit Freude und Dankbarkeit. Es verpflichtet uns aber auch zur Nachdenklichkeit und Besinnung. Wie kam es zur Stiftung des THEODOR-HEUSS-PREISES? Fast auf den Tag sind 20 Jahre vergangen, daß ich -nur wenige Wochen nach dem Tode von Theodor Heuss -im Januar 1964 diese Stiftung auf einer Gedenkfeier anregte. In meiner damaligen Begründung heißt es: »Wir wissen nur zu gut, daß sich die Zeit mit überstürzender Eile wandelt. Menschen und Ereignisse sind im Handumdrehen vergessen. Es gibt kaum ein Entrinnen. Deshalb wollen wir alles daransetzen, der Persönlichkeit und dem Wirken von Theodor Heuss ein lebendiges Denkmal zu setzen. Möge der THEODOR-HEUSS-PREIS, der auch dem Andenken seiner bedeutenden Frau dienen soll, dazu beitragen, daß eine neue Generation den demokratischen Staat mit Leben erfüllt, so wie es uns Theodor Heuss in unvergeßlicher Weise vorgelebt hat. Er war der erste demokratische Diener unseres Staates.« Vielen meiner damaligen Zuhörern schien die Verwirklichung dieses Vorschlages eine Utopie zu sein. Dennoch gelang es im Laufe nur weniger Wochen, die Familie Heuss und viele seiner Freunde für meinen Plan zu gewinnen. Ich nenne neben seinem einzigen, leider viel zu früh verstorbenen Sohn, Dr. Ernst-Ludwig Heuss, und seiner Frau Ursula stellvertretend und in großer Dankbarkeit unsere verstorbenen Gründungskuratoren Otto Hahn, Werner Heisenberg, Georg Hohmann, Alfred Marchionini, Carl Zuckmayer, Golo Mann und meine beiden unvergessenen Stellvertreter Waldemar Besson und Karl-Gotthard Hasemann. Von den damaligen Gründungsmitgliedern möchten wir vor allem Professor Adolf Butenandt für seine langjährige Tätigkeit im Vorstand und Carl-Friedrich von Weizsäcker im Kuratorium danken. Am 30. Januar 1965 wurde im Festsaal der Münchner Akademie der Wissenschaften der erste THEODOR-HEUSS-PREIS an Georg Picht und an die Aktion Sühnezeichen verliehen. Die Festrede hielt Ludwig Raiser, der nur wenige Jahre später für die Denkschrift der Evangelischen Kirche zur Oder-Neisse-Grenze einen THEODOR-HEUSS-PREIS erhielt. Sein Thema »Vom rechten Gebrauch der Freiheit« hat sich über 20 Jahre durch alle Verleihungen wie eine immer wiederkehrende Leitmelodie in Variationen hindurchgezogen. Der damalige Oberbürgermeister Hans-Jochen Vogel (der bis heute unserem Kuratorium angehört) hatte die Schirmherrschaft übernommen, und Carl-Friedrich von Weizsäcker (der Bruder unseres heutigen Preisträgers) sprach zum ersten Mal das seither traditionell gewordene und frei gesprochene Schlußwort. Es war -nach übereinstimmender Meinung -ein vielversprechender Anfang auf dem Weg zu unserer kleinen Utopie! Seit diesem ersten Mal fanden 18 weitere Verleihungen statt, dreimal verbunden mit Arbeitstagungen und einer sensationellen Diskussion in der Evangelischen Akademie Tutzing über »Die Zukunft unserer Demokratie«, an der der damalige Bundespräsident Walter Scheel, der damalige Bundespräsident Karl Carstens, der damalige Bundeskanzler Helmut Schmidt und der damalige Präsident des Bundesverfassungsgerichts Ernst Benda teilnahmen (Oktober 1978). Vom Geld sei so knapp die Rede, wie wir traditionell bei Kasse sind. Da wir 20 Jahre lang für unsere Tätigkeit keine öffentlichen Mittel in Anspruch nehmen wollten, haben wir sie ausschließlich aus privaten, zumeist kleineren, manchmal aber auch (dem Stifterverband sei Dank) größeren Spenden finanziert. Die Robert-Bosch-Stiftung ermöglichte uns die Durchführung unserer Tagungen und der Süddeutsche Verlag unsere Drucklegungen. Von den gespendeten Mitteln sind über 90 Prozent an unsere Preisträger -zunehmend auch an andere förderungswürdige Bürgerinitiativen -gegangen. Unsere winzige Geschäftsstelle besteht aus einem halben Schreibtisch, einer Teilzeit-Geschäftsführerin -alles andere geschieht ehrenamtlich. Sehr streng haben wir auch auf unsere Überparteilichkeit geachtet -darüber läßt die Zusammensetzung unserer Gremien und unserer Preisträger keinen Zweifel! Liberal sind wir allerdings allemal und so demokratisch, daß in diesen 20 Jahren fast jede Entscheidung hart umkämpft war. Die einstimmige Entscheidung für unseren diesjährigen Preisträger ist eine fast sensationelle Ausnahme, was wir dann wieder mit unseren bei den kämpferisch-engagierten Medaillenempfängerinnen -Liselotte Funcke und Ruth Leuze -quasi kompensiert haben. Der THEODOR-HEUSS-PREIS - und das unterscheidet ihn von allen anderen politischen Preisen -sowie die ihm ebenbürtigen HEUSS-MEDAILLEN (die vorwiegend auf gesellschaftspolitisches Engagement abzielen) werden ausdrücklich nicht für bereits abgeschlossene große Lebensleistungen verliehen. Sie dienen vielmehr der Ermutigung des einzelnen Mitbürgers oder Gruppen für ein bestimmtes Engagement, für ein bestimmtes Beispiel demokratischer Gesinnung, für eine hervorragende Initiative - und sie sollen zur Nachahmung anstiften. Getreu diesem Grundsatz ist unsere Auszeichnung also kein Bambi für politische Popularität, sondern oft eher umgekehrt ein Preis für Mut zur Unpopularität, zur Unbequemlichkeit, zur Risikobereitschaft, eben zum rechten Gebrauch der Freiheit. Ein Preis für öffentliche Gesinnung und für politische Bildung! Sie möchte sozusagen demokratisches Wachstum fördern, das unserer Überzeugung nach die gleiche öffentliche Aufmerksamkeit verdiente wie unser Wirtschaftswachstum. In diesem Grundverständnis nehmen sich Vorstand und Kuratorium bei ihrer alljährlichen Auswahl in die gleiche Pflicht, wie wir sie unseren Preisträgern abverlangen: Demokratie nicht als »Glücksversicherung« in Anspruch zu nehmen, sondern etwas für ihre Erhaltung und Stärkung zu tun und damit gleichsam zum Wachstum unseres »politischen Kulturproduktes« beizutragen, Die Bandbreite unserer Auswahl in diesen 20 Jahren ist groß gewesen. Sie reicht: vom Kampf gegen Vorurteile bis zur Unterstützung von Selbsthilfegruppen, von Friedensinitiativen (zum erstenmal bereits 1969) bis zur vertrauensbildenden Zusammenarbeit in Europa, für Europa und in Ländern der dritten Welt. Dennoch: Wenn Sie in der Ihnen zugedachten kleinen Jubiläumsschrift nachblättern dann werden Sie feststellen, daß in den zurückliegenden Jahren eine Chronik liberaler Bürgergesinnung entstanden ist: Ein Stück politischer Kultur zum Anfassen, zum Weitermachen und zum Nachmachen! Auch politische Kultur kann nicht krampfhaft herbeigeredet werden. Sie gedeiht -wie eine natürliche Kulturlandschaft -langsam durch behutsame, sorgfältige und regelmäßige Pflege und indem man sie vor Zerstörung oder Verwilderung bewahrt. Politischer Umweltschutz ist genauso wichtig wie ökologischer! Mit der Zuerkennung des 20. THEODOR-HEUSS-PREISES an Richard von Weizsäcker verbinden wir gerade in Richtung politischer Kulturpflege große Hoffnungen und Erwartungen. Er hat die Gabe und die Kraft der demokratischen und zwischenmenschlichen Glaubwürdigkeit! Und beides brauchen wir! Es ist nicht gut, wenn die Träume eines großen Teils unserer jungen Bürger nur noch Alpträume sind. Datenschutz und Ausländerfragen, Volkszählung und Waldsterben -vor allem aber unsere innere Friedensunfähigkeit -, dies alles sind Bewährungsproben für unsere nach wie vor traditions- und kulturarme Demokratie. In dem folgenden Gespräch, das anstelle einer Festrede auf dem Programm steht, soll sich der 20. Preisträger zusammen mit früheren Preisträgern an diese, für die kommenden Jahre entscheidende Problematik herantasten.Und noch eine letzte Anmerkung zum Befund aus der Bilanz unserer 20jährigen Tätigkeit: Die Bundesrepublik Deutschland und ihr Grundgesetz wurden als »Provisorium« geschaffen. Heuss mochte diese Bezeichnung ganz und gar nicht -sprach vom »Transistorium« und vom »Transistorischen« der zu schaffenden staatlichen und gesellschaftlichen Ordnung. Ganz sicher hat er auch damit Recht behalten! In den 35 Jahren seit ihrer Gründung hat diese Ordnung viele transistorische Veränderungen erfahren. Zweifellos ist das Bürgerbewußtsein stärker und das Staatsbewußtsein schwächer geworden. »Staatsverdrossenheit«, »Parteienverdrossenheit«, »Parlamentsverdrossenheit« sind die gängigen Vokalen dafür. Bürgerinitiativen, soziale und Protestbewegungen erweitern das demokratische Spektrum. Stellen sie unsere verfassungsmäßige Ordnung in Frage? Bedrohen sie diese gar? Oder tragen sie nicht vielmehr bei zu einer demokratischen Kultur und Tradition? Das sind Fragen, die sich für die Zukunft unseres Gemeinwesens stellen, und das sind Fragen, die dieser Feierstunde zum 100. Geburtstag von Theodor Heuss und dem 20. Jubiläum einer Stiftung, die seinen Namen trägt, einen weiterführenden Auftrag geben. Fragen über Fragen -Aufgaben über Aufgaben, genug für die nächsten 20 Jahre unserer Stiftungstätigkeit, genug für unsere Preisträger, unsere diesjährigen zumal -genug für uns alle! Die Zukunft unserer Demokratie geht uns alle an, das ist sicher das wichtigste und bleibende Vermächtnis von Theodor Heuss, an das wir am Vorabend seines 100. Geburtstages, aber auch darüber hinaus, dankbar erinnern wollen.

Schlußwort
Hans-Jochen Vogel
Verantwortung für die Allgemeinheit
Wenn der Schlußredner das Wort ergreift, wird das zumeist mit einer gewissen Erleichterung aufgenommen. Knüpft sich daran doch die Hoffnung, daß die Sache bald ein Ende nehmen werde. Ich bin mir durchaus bewußt, daß diese Erleichterung rasch einer weniger freundlichen Reaktion Platz machen kann, wenn man diese Hoffnung enttäuscht. Deshalb beschränke ich mich auf drei Bemerkungen. Erstens: Ich gratuliere der Stiftung zur Vollendung Ihres 20. Lebensjahres. Es ist nicht alltäglich, daß sich eine Initiative nicht nur über einen solchen Zeitraum hinweg behauptet, sondern in dieser Zeit für den Bereich der politischen Kultur in unserem Lande in so hohem Maße stilbildend wirkt wie die Stiftung das seit 1964 getan hat. Viele reden vom Vermächtnis Theodor Heuss. Hier ist es erfüllt worden. Der Dank dafür gebührt vor allem und stellvertretend für Andere Ihnen, sehr geehrte Frau Kollegin Hamm-Brücher, weil Sie die Stiftung vom ersten Tage an verkörpern, weil Sie zugleich der Kopf und das Herz dieses Unternehmens sind und weil Sie vor Hindernissen, Schwierigkeiten und Mißverständnissen - und die gab es ja auch -nicht kapituliert haben. Das alles macht Ihnen so schnell keiner nach. Zweitens: Ich beglückwünsche Sie, sehr geehrter Herr von Weizsäcker, zur heutigen Verleihung des THEODOR-HEUSS-PREISES. Das fällt mir persönlich leicht, weil ich aus meiner Wertschätzung für Sie auch in den Zeiten kein Hehl gemacht habe, in denen wir uns in Berlin als Gegner gegenüberstanden und uns bei allem Bemühen um Fairness ja nicht nur mit PlatoZitaten, sondern auch in Alltags-Prosa die Meinung sagten. Für diese meine Wertschätzung ist vieles von dem maßgebend, was zu Ihrem Lobe bereits gesagt worden ist und deshalb nicht wiederholt zu werden braucht. Wichtig erscheint mit aber auch, daß Sie in besonderem Maße eine Voraussetzung der Preisverleihung erfüllen, die Karl Gotthart Hasemann, der unvergessene und allzu früh verstorbene Mitbegründer der Stiftung, in seinen hinterlassenen Notizen so
umschrieben hat: »Es sollen Personen ausgezeichnet werden, die politische Unabhängigkeit gezeigt haben und gewillt waren, auch persönlich weitreichende Konsequenzen zu tragen.« Diese Unabhängigkeit haben Sie beispielsweise mit Ihrem Übergang nach Berlin, mit Ihrer bevorstehenden Rückkehr nach Bonn, aber auch inhaltlich in bedeutsamen Bereichen der Politik, so etwa auf dem Gebiet der Deutschland-, der Berlin- und der Friedenssicherungspolitik unter Beweis gestellt. Dabei denke ich an Ihre Interventionen während des Ringens um die Ostverträge, an Ihre Rede anläßlich des 20. Jahrestages des Mauerbaus in Berlin am 13. August 1981 an Ihre Ansprachen in Wittenberg anläßlich des Evangelischen Kirchentages am 24. und 25. September 1983 oder auch an Ihren Besuch beim Staatsratsvorsitzenden der DDR und Generalsekretär der SED in Ostberlin am 15. September 1983. Ihre Unabhängigkeit hat sich gerade in diesen Fällen ja auch darin gezeigt, daß Sie Dinge gesagt oder getan haben, bei denen nicht auszuschließen war, daß Sie eher beim politischen Gegner, als bei den eigenen Freunden Beifall oder zumindest Verständnis finden würden. Ich wage die Prophezeiung, daß Sie diese Unabhängigkeit auch in Ihrem neuen Amt unter Beweis stellen werden. Ich gratuliere nicht minder herzlich den Empfängern der THEODOR-HEUSS-MEDAILLEN. Sie alle bemühen sich -im Beruf oder ehrenamtlich -mit Erfolg darum, das Individuum, den einzelnen Menschen gegen Anonymität und Entpersönlichung zu schützen und gleichzeitig durch Einbeziehung in die Gemeinschaft zu persönlichem Einsatz und Verantwortung für die Allgemeinheit zu ermutigen. So handeln Sie, wo andere nur fordern und räsonieren. So fördern sie Toleranz und Fairness in unserer Gesellschaft. So gestalten Sie politische Kultur. Dafür gebührt Ihnen Dank und Anerkennung, die gleichzeitig Ansporn sein soll, auch künftig in Ihrem Engagement nicht nachzulassen.

1984