Theodor Heuss Stiftung

Es wurde kein Preis verliehen.

Renate Weckwerth (und die Regionale Arbeitsstelle zur Förderung ausländischer Kinder und Jugendlicher für ihr unermüdliches Engagement bei der Betreuung und Förderung junger Ausländer)

Eine THEODOR-HEUSS-MEDAILLE erhält Frau Renate Weckwerth und die »Regionale Arbeitsstelle zur Förderung ausländischer Kinder und Jugendlicher« in Oberhausen für ihr unermüdliches und beispielhaftes Engagement in diesem schwierigen Bereich der Betreuung und Förderung junger bei uns aufwachsender Ausländer.

Gesellschaft für christlich-jüdische Zusammenarbeit Siegerland e.V.

Diese Gesellschaft bekommt eine THEODOR-HEUSS-MEDAILLE 1983 für ihr langjähriges Engagement im Bereich der christlich-jüdischen Zusammenarbeit bei der Bekämpfung von Antisemitismus und neonazistischer Tendenzen.

Hilde Rittelmeyer

Hilde Rittelmeyer bekommt für ihr Engagement als Präsidentin des Verbandes der Deutsch- Amerikanischen Clubs eine THEODOR-HEUSS-MEDAILLE. Ihr jahrzehntelanges selbstloses und ehrenamtliches Engagement zur Verbesserung und Vertiefung der deutschamerikanischen Beziehungen und des Zusammenlebens zwischen Deutschen und Amerikanern in unserem Land ist gerade in einer Zeit spürbar werdender antiamerikanischer Tendenzen von beispielhafter Bedeutung. Als Präsidentin des Verbandes hat sie sich vor allem auch um die Förderung des privaten Studentenaustausches und der Schaffung von Begegnungsmöglichkeiten und der besseren Betreuung junger bei uns lebender Amerikaner verdient gemacht.

Izzetin Karanlik

Izzetin Karanlik bekommt eine THEODOR-HEUSS-MEDAILLE für sein Engagement zur Integration türkischer Jugendlicher in Berlin verliehen. Izzettin Karanlik, der seit 15 Jahren in Deutschland lebt und hier seine Meisterprüfung als Tischler ablegte, hat sich zu jeder Zeit um die Probleme des Zusammenlebens Zwischen Deutschen und Türken bemüht. Nach mehreren vergeblichen Anläufen gelang es ihm, 1980 eine Kinderbegegnungsstätte zu eröffnen und 1983 eine Modell-Lehrwerkstätte für junge Türken ins Leben zu rufen.

Fremde als Nachbarn – Nachbarn als Fremde

Tobias Brocher
Fremde als Nachbarn - Nachbarn als Fremde
Anläßlich dieses Festaktes der Verleihung des THEODOR-HEUSS-PREISES kamen mir zwei Begebenheiten aus dem Leben von Theodor Heuss in den Sinn, die jene Güte und den versöhnlichen Humor kennzeichnen, mit dem so schwierige Probleme wie Nachbarschaft und Gemeinsamkeit mit Menschen anderer Völker auch bewältigt werden können: Als Theodor Heuss nach dem großartigen Empfang in England im Oktober 1958, nach seiner Fahrt mit der Königin in der Staatskarosse durch die Straßen Londons, nach seiner Rückkehr gefragt wurde, wie denn dieser Empfang durch die den Straßenrand säumende Bevölkerung gewesen sei, antwortete er: »Engländer sind schließlich keine Italiener. 80% ihrer Ovationen galten der Königin, 10% den schönen Gäulen, die restlichen vielleicht mir - und diese 10 Prozent waren wohl hauptsächlich Deutsche!«
Als Heuss in Akko, der alten Hafenstadt Palästinas bei einem Besuch in einer engen Gasse den Blick auf die Moschee zeichnen wollte, fand er sich alsbald umringt von einer Schar neugieriger, einander schubsender Araberkinder, die ihm zusehen wollten und Lärm machten. Sein Begleiter versuchte vergeblich, die Kinder zum Weggehen zu überreden, bis Heuss schließlich mit donnerndem Baß in schwäbischer Mundart brüllte: »Zum Donnerwetter, jetzt machet endlich, daß ihr zum Teufel kommet.« Die Wirkung war schlagartig erfolgreich. Darauf Heuss zu seinem Begleiter »I hab garnet gewißt, daß Schwäbisch und Arabisch soviel Ähnlichkeit hent.« Wir würden uns heute manchmal wünschen, daß nur ein Bruchteil dieser Versöhnlichkeit und humorvollen Weitsicht ein größerer Bestandteil unseres Umgangs mit Fremden als Nachbarn in unserem Land zu einem besseren Verständnis mit allen Nachbarn beitragen würde, so daß Fremdheit sich in Vertrautheit des täglichen Miteinanderlebens wandelt. Das Wort fremd, im mittelhochdeutschen »vremede«, im althochdeutschen »fremidi« bedeutet ursprünglich: entfernt, später dann: unvertraut, unbekannt. In einer Welt der Vergangenheit, als Entfernungen nur zu Fuß, mit Pferd und Wagen oder per Schiff zu überbrücken waren, war dem Eingeborenen nur vertraut, was direkt in seiner Umgebung zugänglich war. Wir können uns heute kaum noch die Denk- und Erlebnisweise der Menschen in einer Welt vorstellen, in der schon die Einwohner eines wenige Kilometer entfernten Dorfes als Fremde für diejenigen galten, die in einem anderen Dorf wohnten. Und doch gibt es deutliche Hinweise für Erlebnisformen, die n~ch wie vor auf eine gewisse Abgeschlossenheit und jeweils lokale Eigenheiten hinweisen. So etwa die schon im Umkreis von mehr als 50 km wechselnden Dialekte bestimmter Landschaften, in denen ganz verschiedene Worte gebraucht oder anders ausgesprochen werden. Es gibt also Fremdheit genauso innerhalb des eigenen Sprachbereichs, wie etwa die Schwierigkeit sich in oberbayerischem oder schwäbischem Dialekt mit Ostpreußen oder Ostfriesen zu verständigen, die ihre Art von Plattdeutsch sprechen. Diese lokalen Eigenheiten und wechselnden Formen der Sprache gibt es in vielen Ländern. Neuerdings zeigt sich auch eine deutliche Abhebung des Jugendsprachjargons mit Wortneuschöpfungen und Bedeutungswandel von Worten, die vom durchschnittlichen Erwachsenen nicht verstanden werden. Sprache ist unser Hauptkommunikationsmittel, wobei meist übersehen wird, daß die begleitenden Gesten, die Art des Gesichtsausdrucks, Gefühle der Zuneigung oder Abneigung, vor allem aber auch Vorurteile weitgehend mitbestimmen, wieviel von einer sprachlichen Mitteilung wirklich und aufweiche Weise verstanden wird. Wenn Fremd gleich Unbekannt ist, bedeutet dies aber auch, daß Fremdheit nur durch Kennenlernen, also durch Neugier und die Bereitschaft Unbekanntes zu erforschen, überwunden werden kann. Bevor wir dieses Erlernen des Unbekannten im größeren Weltzusammenhang der unendlich vielen Kulturen und verschiedenen Sprachen genauer betrachten können, gibt es zu bedenken, wie wir denn ursprünglich als durchaus sprachunfähige Wesen die uns direkt umgebende, kleine Welt der eigenen Kindheit in all ihren Bedeutungen verstehen lernen. Ohne auf die vielen Einzelheiten der menschlichen Entwicklungspsychologie hier einzugehen, sollten wir festhalten, daß jedem Kleinkind vom Augenblick seiner Geburt an, seine Umgebung fremd und unbekannt ist. Weltzusammenhang und Bedeutung der Umgebung muß vielmehr noch vor der sprachlichen Entwicklung erlernt werden. Auch dies geschieht nur durch die gleichmäßige Wiederkehr derselben Personen und Gesichter, die allmählich vertraut werden. Vertrautheit im Sinne des an-etwas-gewöhntseins, das bekannt ist, bestimmt unsere Sicherheit. Unsicherheit dagegen entsteht immer dann, wenn zuvor Unbekanntes in unserer Erlebniswelt auftaucht, das nicht in diese vertraute Gewohnheit paßt. Der schwäbische Dialekt hat z.B. bis heute das Wort »fremdeln« für das ängstliche Verhalten von kleineren Kindern beibehalten, die sich hinter der Mutter verkriechen, sobald ein Unbekannter auftaucht. Dies sollten wir als Grundlage des Verständnisses zunächst im Auge behalten, denn viele Erwachsene verhalten sich meist nicht viel anders, wenn sie in eine Situation geraten, die ihnen fremd ist und sie nicht genau wissen, wie sie sich verhalten sollen. Fremdenfurcht ist also eine kindliche Entwicklungsstufe, die meist durch die Entdeckungsneugier im Laufe des inneren und äußeren Wachstums überwunden wird. Man könnte sagen, daß sich der Blickwinkel des Menschen von der Perspektive des Kinderbetts oder Ställchens zunächst rund um den Rock der Mutter, dann über die Möbel und Räume der Wohnung, schließlich über den Garten oder die Straße bis zum nächsten Häuserblock oder Dorfausgang immer weiter ausdehnt zur nächsten Stadt, einem fremden Land und vielleicht einem anderen Kontinent. Erst die direkte Begegnung mit Menschen anderer Kultur und Sprache führt dann zum Vergleich mit den eigenen Kulturbedeutungen. Im Gegensatz zu der durch die tradierte Kleingesellschaft früherer Jahrhunderte bestehenden Enge ermöglichen die technischen Erfindungen der letzten fünfzig Jahre die Begegnung mit vielerlei fremden Kulturen in der ganzen Welt. Düsenflugzeuge, Radio und Fernsehen verstärken das subjektive Gefühl der Bekanntheit des weit Entfernten. Die ursprüngliche Bedeutung des Wortes »fremd« gleich »entfernt« wird dabei durch eine Täuschung unterlaufen. Es entsteht der Eindruck, Gesehenes oder Gehörtes sei vertraut, während in Wirklichkeit keinerlei realistische Vorbereitung auf den Umgang mit der Fremdheit eingeleitet wird, die Arbeit und Mühe kosten würde. Auch der flüchtige Urlaubsbesuch in einem fremden Land, in dem vereinzelte Begegnungen im Rahmen der Touristik erfolgen, erweckt den Eindruck, man verstehe etwas von der fremden Kultur, ihrer Sprache und ihren Gewohnheiten. Um die tatsächliche Lage eines Fremden im Bereich des deutschen Sprachraums wirklich verstehen zu können, bedürfte es der umgekehrten Situation. Ein nur deutschsprachiger Bundesbürger müßte zuerst am eigenen Leibe erfahren, wie er mit mangelnden Sprachkenntnissen in der Arbeitswelt eines ihm zuvor völlig fremden Landes zurecht kommen würde. Für die Mehrheit der deutschen Bürger tritt dieser Fall nicht ein. Darüber hinaus aber haben sich vielerlei Vorurteile gebildet, die schlicht auf Unkenntnis beruhen. Hinzu kommt, daß die Bundesrepublik Deutschland von ihren Bürgern nicht als Einwanderungsland gesehen wird, ein Gegensatz zu vielen anderen Staaten, in denen die Hilfsbereitschaft gegenüber Einwanderern deshalb viel größer ist, weil ein Teil der Bevölkerung in der gleichen Generation oder davor sich durchaus in die Schwierigkeiten solcher Neuanpassung einfühlen kann. Charakteristisch ist etwa die Äußerung Thomas Jefferson's, der einst den amerikanischen Kongress nicht mit »My Fellow Citizens« (Meine Mitbürger) sondern mit »My Fellow Immigrants« (Meine Einwanderungsgenossen) anredete. Der Gegensatz fremd/vertraut erhält deshalb eine ganz andere Richtung, je nachdem ob die ins Land kommenden Fremden als gleichberechtigte Helfer oder als gefährlich konkurrierende Eindringlinge betrachtet werden. Auch im deutsch- deutschen Verhältnis gab es ähnliche Vorurteile und Feindlichkeiten gegenüber deutschen Flüchtlingen der Ostgebiete nach dem Kriege, die den Gegensatz der Einstellungen von verschonten Eingeborenen und heimatlos gewordenen Besitzlosen innerhalb des gleichen Landes, derselben Sprache und Kultur enthüllten. Daran wurde deutlich, daß Fremdenfurcht und Feindlichkeit entscheidend davon abhängen, ob territoriale Ansprüche, Besitzstände oder gewohnte Gebräuche gefährdet erscheinen.
Hierzu ein kurzes Beispiel: In USA liegt die Einwohnerzahl der meisten Staaten mit Ausnahme der Ost- und Westküste relativ niedrig. Bundesstaaten mit einer Ausdehnung, die etwa der Größe der Bundesrepublik entspricht, weisen Bevölkerungszahlen von 2,4 bis 3,4 Millionen Einwohnern auf, im Gegensatz zur Bundesrepublik, die auf gleichem Raum über 60 Millionen Einwohner hat. Besonders in industriellen Ballungsräumen und Großstädten kommt es dadurch zu einer sehr hohen Bevölkerungsdichte mit den entsprechenden Sozialsymptomen wie etwa Wohnungsmangel, in wirtschaftlichen Krisenzeiten Bedrohung der Arbeitsplätze und viel engerem Direktkontakt in öffentlichen Verkehrsmitteln, Einkaufsmärkten und Geschäften. Diese Symptome der modernen Massengesellschaft sind auch anderen Ländern nicht fremd, wie etwa das New Yorker Schlagwort vom morgendlichen »rat-race« = »Rattenrennen« zeigt. Allerdings mischen sich dort auch die Hautfarben viel mehr als in der Bundesrepublik: Schwarz, weiß, gelb und rot nebeneinander im selben Bus oder U-Bahn mit dem entscheidenden Unterschied der absoluten Unbedingtheit ein und derselben Sprache. Wie jedes Einwanderungsland trägt man in USA Sorge, daß der Einwanderer schnelle Hilfe im Erlernen der Landessprache bekommt. Ähnlich in anderen Einwanderungsländern, um den Anpassungsprozeßes zu erleichtern. Die Bundesrepublik hat eine andere Vorgeschichte. In Zeiten des nunmehr in Frage stehenden Wohlstandes benötigte man Gastarbeiter für diejenigen Arbeiten, die von den Eingeborenen nicht mehr übernommen wurden. Gleichzeitig aber bestanden keinerlei Klarheiten über den möglichen Einwanderungsstatus dieser Gastarbeiter. Im Gegenteil, von der heutigen Situation aus wird deutlich, daß die Bundesrepublik in eine Situation geraten ist, die man kritisch nur als ein Hineinschlittern in ein sogenanntes Ausländerproblem bezeichnen kann. Das Land wurde zum indirekten Einwanderungsland, ohne daß entsprechende Regelungen getroffen wurden, die sowohl den Bürgern wie den Eingewanderten gerecht geworden wären. Im augenblicklichen Zustand lassen sich eine Reihe von Faktoren ablesen, die zur zum Teil bewußt gesteuerten Ideologie der Ausländerfeindlichkeit beitragen:
1. Die Veränderung der wirtschaftlichen Lage ohne definitive Aussicht auf Besserung.
2. Die andersartigen Kulturgewohnheiten der in der BRD lebenden Angehörigen anderer Staaten.
3. Das falsche, rassistisch-ideologische Erbe der einstigen »Herrennation«, die Ausländer als Arbeitssklaven im Nazireich mißbrauchte und auch nicht davor zurückschreckte, sie zu töten.
4. Die noch weitgehende mangelnde Bereitschaft, sich über die Kulturgewohnheiten, Familieneinstellungen, religiösen Glaubensinhalte und -gebräuche, sowie über die Sprachen der in der Bundesrepublik arbeitenden Menschen zu informieren, um deren Andersartigkeit zu verstehen und zu achten.

Die Vorstellung unbegrenzten Wirtschaftswachstums mit steigendem Wohlstand hat in der Vergangenheit zu einer Rangordnung im Arbeitsbereich geführt. Die Einstufung von Arbeitsleistungen in höhere und niedere Arbeiten, wiewohl beide Bereiche für jede Zivilisation durchaus unabdingbare Notwendigkeiten darstellen, fördert den Hochmut, jeweils etwas mehr und etwas Besseres zu sein als der andere. Ein einziger Streik der Müllabfuhr oder Straßenreinigung über mehrere Wochen belehrt sehr schnell über die Bedeutsamkeit sogenannter niedriger Arbeiten, auf die der Hochmut übertriebenen Selbstwertgefühls herabzuschauen sich beeilt. Ähnlich geht es mit jenem gängigen Vorurteil gegen Ausländer: »Die können ja noch nicht einmal richtig Deutsch reden!« Es erhebt das Selbstgefühl eines in der Rechtschreibung nicht ganz sicheren Grundschülers der Bundesrepublik, wenn er die grammatischen Fehler oder Ausspracheschwierigkeiten des fremdländischen Nachbarn kritisieren kann. Der gleiche Mitbürger verschwendet jedoch keine Minute des Nachdenkens darüber, wie es ihm ergehen würde, wäre er gezwungen, sich in italienisch, jugoslawisch, serbo-kroatisch oder türkisch und griechisch mit seinem auf diese Weise kritisierten Nachbarn zu verständigen. Hinzu kommt, daß die Kontrolle über andere verloren geht, die sich untereinander in einer Sprache verständigen können, die man selbst nicht kennt. Wenn der Fremde die gleiche Arbeitsleistung vielleicht sogar mit größerer Ausdauer vollbringen kann, so entstehen Eifersucht und Neid aus Angst vor Konkurrenz. Psychologisch bedeutsamer ist jedoch die im kindlichen Erleben wurzelnde, dem Ursprung nach jedoch »vergessene« Furcht vor allem Fremden. Diese Furcht paart sich mit einer zwiespältigen, kindlichen Neugier, die auch beim Erwachsenen anhält. Einerseits besteht ein Bedürfnis zu erkunden, auf welche Weise sich Fremde anders verhalten, als es den eigenen Lebensgewohnheiten entspricht, während gleichzeitig das Unbekannte und Unverständliche im fremden Aussehen und Verhalten Vorurteile und Ängste auslöst. Je kleiner der überschaubare Aktionsradius, und je enger die Denk- und Erlebnisformen an örtlichen Gewohnheiten gebunden sind, desto mehr überwiegt die Ablehnung des Fremden. Man müßte nun annehmen, daß die Angebote der verschiedenen Medien, wie Radio, Fernsehen, illustrierte Magazine genügend anschauliche Aufklärungen anbieten, die einen Lernprozeß ermöglichen könnten. Jenes geflügelte Goethewort »Weit drunt in der Türkei« scheint dennoch zu überwiegen, obgleich unsere Welt so eng zusammengerückt ist, daß man praktisch im Laufe von wenigen Stunden und innerhalb von Tagen selbst weit entfernte Länder und Städte mit,dem Flugzeug erreichen kann. Trotz dieser vielfachen Lernangebote, die freilich stets eigenes Bemühen um Verständnis erfordern, bleibt es bei primitiven und hartnäckigen Vorurteilen wie etwa: Ausländer waschen sich nicht, sie stinken, sie tragen absonderliche Kleidung, sie treten immer in Gruppen auf, ihre Familiensitten und Rachebedürfnisse sind unverständlich, ihre Religion ist fremd, man kann ihnen nur mit Mißtrauen begegnen usw. Die Reihe von Vorurteilen ließe sich beliebig verlängern. Dabei kommt zum Vorschein, daß ein Teil der Herrenmenschen- Ideologie, in der andere Völker und Rassen als niedriger, primitiv und schließlich als »Untermenschen« abgestempelt werden, keineswegs überwunden ist. Was immer auch heute als vermeintliche Rechtfertigung für die Vorurteile, Verfolgung und Ausrottung der Juden im Nazideutschland konstruiert werden mag, die allgemeine Einstellung gegenüber andersartigen, in der Bundesrepublik lebenden Minderheiten unterscheidet sich, besonders in den aggressiven Parolen gegen Ausländer kaum von jener rassistischen Ideologie des unbegründeten Judenhaßes. Man kann soweit gehen, daß z.B. die in Deutschland lebenden Türken an die Stelle der Juden getreten sind, die nun mit ähnlichem irrationalen Haß verfolgt und geächtet werden, wie zuvor die Juden. Der entscheidende Faktor in der Wandlung der Fremdenfurcht zum Fremdenhaß ist die Überheblichkeit in der Selbstbewertung. Man darf dabei nicht übersehen, daß in der Bundesrepublik und in der DDR die Jahre nach dem Ende des verlorenen Zweiten Weltkrieges als eine Herabsetzung erlebt wurden, - Jahre in denen der Einzelne nicht nur mit der eigenen, politischen Vergangenheit konfrontiert wurde, sondern praktisch unter der Herrschaft verschiedener Besatzungsmächte stand, deren Bestimmungen er sich fügen mußte. Was dann als sogenanntes Wirtschaftswunder zu einer allmählichen Stärkung des allgemeinen Selbstwertgefühls beitrug, wird als das Ergebnis eigener Tüchtigkeit ausgegeben, auf die sich subjektiver Stolz begründet. Auch dies trifft jedoch nur zum Teil zu, denn ohne den Marshall Plan und die nach dem Kriege ausgehandelte Unterstützung durch die Siegermächte, insbesondere die Hilfe aus den Vereinigten Staaten von Amerika wäre der rapide Aufstieg und Wiederaufbau kaum in diesem Maße gelungen. Auch hier ergibt sich, speziell in der Bundesrepublik ein durchaus zwiespältiges Gefühl, denn man erinnert sich nicht gern an diese Hilfestellung der Fremden, weil sie den heutigen Stolz auf die eigene Tüchtigkeit schmälern würde. Blickt man für einen Augenblick zurück auf das Ende der zwanziger Jahre, so findet sich das gleiche Vorurteil und der Fremdenhaß auf die aus dem Osten eingewanderten Polen und Juden in der Weimarer Republik. Die rassistischen Parolen des »Volk ohne Raum« und die daraus entstehende Expansionspolitik des dritten Reiches, die zum Zweiten Weltkrieg führte, haben eine fatale Ähnlichkeit mit jenen Schmierparolen an vielen Wänden, bei denen heute das Wort »Juden raus« nur durch die Formel »Ausländer raus« ersetzt wurde. Dabei wäre es vom Arbeitsmarkt her gesehen völlig unrealistisch, auf jene Arbeitskräfte verzichten zu wollen, die bestimmte Arbeitsformen übernommen haben, die viele, inzwischen in den unteren Mittelstand aufgerückte Bundesbürger deshalb ablehnen, weil sie als Rückstufung angesehen werden, die unzumutbar erscheint. Hinzu kommt der Mangel an Vorsorge und nüchterner Überlegung, welche Freizeiträume einer so großen, über das Land verteilten Zahl von Ausländern jeweils zur Verfügung gestellt werden. Ein Gastland, das sich nicht um diese Frage bemüht, oder glaubt, dies den jeweiligen Behörden überlassen zu können, verleugnet die Gastfreundschaft. Als Folge tritt beim Fremden das Gefühl auf, nur ein Arbeitssklave zu sein, um dessen menschliche Bedürfnisse sich niemand kümmert. Nun ist dies eine Erscheinung, die sich in der Bundesrepublik nicht nur auf die Fremden beschränkt. Vielmehr besteht ein allgemeiner Mangel an Kommunikationsbereitschaft, der auch das Verhältnis deutscher Nachbarn zueinander bestimmt. Wie sehr auch diese Kommunikationsbereitschaft von überwiegend provinziellem Denken abhängt, erweist sich z. B. auch in dem Mangel an Verständigungsmöglichkeiten zwischen verschiedenen deutschen Dialekten. Gerade daran wird zugleich erkennbar, in welchem Maße Fremdenfurcht oder sogar Feindlichkeit von traditionellem Heimatdenken abhängt. Während Großstädter oft durch den Charakter der Metropolen eher dazu neigen, kosmopolitische Perspektiven zu entwickeln, verengt sich der Blick auf die weite Welt aus der heimischen Kirchtumsperspektive nur allzu leicht. Es bedarf aber auch einer nüchternen Gegenüberstellung von Zahlen. Im Augenblick gibt es in der Bundesrepublik etwa 6,5 Millionen Ausländer. Umgerechnet auf die Bevölkerungszahl der BRD sind das etwa 10,5 % der Gesamtbevölkerung. Mit dem Jahr 1986 endet der sogenannte »Babyboom«, d.h. der Geburtenüberschuß der Nachkriegsjahre. Praktisch bedeutet dies, daß bereits in vier bis fünf Jahren eher ein Engpaß in bestimmten Arbeitsbereichen eintreten kann, für die einheimische Arbeitskräfte überqualifiziert sein könnten. Die Ausländerfeindlichkeit erweist sich dadurch noch mehr als Propaganda einer bestimmten Ideologie der Vergangenheit. Weit stärker sind aber die ebenfalls aus der Vergangenheit stammenden Vorurteile gegen Eheschließungen mit Fremden. Auch dafür gibt es wissenschaftliche Forschungsergebnisse, die bis in die Dorfgemeinschaft der traditionellen Kleingesellschaft hineinreichen. Noch heute gibt es innerhalb der Bundesrepublik Bereiche, in denen es zu Schlägereien junger Burschen kommt, wenn »Fremde« aus den Nachbardörfern zum Tanz erscheinen, um den Ortsansäßigen die Mädchen abspenstig zu machen. So groß und weit unsere Welt durch die Technik für uns geworden ist, die Denkformen, vor allem aber die Gefühlsreaktionen orientieren sich immer noch an den Maßstäben der tradionellen Kleingesellschaft. Die Wirklichkeit unserer gegenwärtigen Weltverhältnisse erlaubt jedoch keinerlei Rückkehr zu den Formen der Kleingesellschaft. Vielmehr wird die weltweite Marktgesellschaft gerade dadurch bestimmt, daß niemand mehr gültige Zukunftsvoraussagen auf irgendeinem Gebiet abgeben könnte. Es wird außerdem anscheinend völlig vergessen, welche tatsächliche Völkermühle mit unendlichen Rassenvermischungen Europa im Laufe seiner über zweitausendjährigen Geschichte darstellt. Angefangen von den Hunnen, den Römern, den Franzosen, Schweden, Türken und den Fußkranken der vielen Völkerwanderungen hat es stetS neue Vermischungen gegeben, wobei sich die arrogante Idee der Rassenreinheit als geschichtliche Ignoranz erweist.
Zieht man dieses ganze Bündel von Faktoren in Betracht, von dem die Ausländerfeindlichkeit und Fremdenfurcht bewußt und unbewußt psychologisch beeinflußt wird, so ergeben sich daraus Ansätze zu einem Umdenken. Der merkwürdige Einfluß eines irrationalen Gegensatzes von bewußter Geburtenkontrolle und einem Rückgang der Geburtenziffer in der BRD und der gleichzeitigen Angst vor Überfremdung oder gar Untergang der sogenannten Stammbevölkerung enthält wiederum biologische Wertvorstellungen der Fortpflanzung. Die ohnehin bestehende, latente Kinderfeindlichkeit, wie sie etwa in der Dunkelziffer der Kindesmisshandlungen in der BRD, oder in der Unfallziffer von Kindern ebenso wie in der höchsten Selbsttötungsrate der Jugendlichen zum Ausdruck kommt, wird besonders auf die Kinder der Fremden projiziert, da sie wehrloser sind als die Erwachsenen.

Nur ein Beispiel, das ich vor wenigen Wochen in einer Kleinstadt in Bayrisch-Schwaben beobachten konnte. Ein weinender Negerjunge im Alter von etwa 12 Jahren verbirgt sich hinter einem Torpfeiler. Eine angesehene Bürgerin nimmt sich seiner an und fragt nach seinem Kummer. In fließendem Deutsch klagt er, daß ein Mann auf der gegenüberliegenden Seite, begleitet von einer gleichaltrigen, eher schlampig aussehenden Frau, einen wütenden Schäferhund auf ihn gehetzt hat. Der Junge traut sich nicht nach Hause. Als die Bürgersfrau ihn mutig begleitet und an dem Hund vorbeiführt, bedenkt sie der Hundebesitzer mit dem Schimpfwort: »Dreckige Negerschlampe!« Da sie es überhört und ruhig mit dem Jungen weitergeht, wagt der Hundeterrorist keinen neuen Angriff.
So geschehen in Lauingen an der Donau im November 1982, eine Stadt, die neben dem Denkmal des Albertus Magnus auch im Stadtwappen den Kopf eines Mohren führt. Es ließen sich noch viele, ähnliche, z.T. noch grausamere Beispiele anführen. Sind Sadisten dieser Art die Ausnahme? Hat jeder den Mut in einer ähnlichen Situation für den Fremden oder seine Kinder einzutreten? Aber sind dies nicht die wirklich akuten Fragen, mit denen wir umgehen müßten? Die Arbeitsämter verweigern seit neuestem die Bezahlung der Sprachkurse für Ausländer in den Volkshochschulen. Welche Hilfen hat also der Fremde, wenn er durchaus lernbereit ist und sich außer seiner Arbeitsleistung auch sozial anpassen möchte an die Gegebenheiten des Gastlandes? Jeder Leser (und Zuhörer) sollte sich im Stillen fragen, wieweit er bereit wäre, noch heute oder morgen eine Gruppe von Fremden, gleich welcher Nationalität, zu besuchen, um etwas über ihr Land, ihre Kultur, ihre Gewohnheiten, ihre Nöte und Freuden zu lernen. Sind wir schon wieder soweit t daß besonders Mut dazu gehört Fremden menschlich zu begegnen und ihnen zu helfen, soweit wir es können, oder verhalten wir uns ähnlich wie einst, wenn uns die Juden mit dem gelben Stern auf der Kleidung begegneten und peinlich jeder menschliche Kontakt aus Angst vermieden wurde? Es gibt ein historisches Beispiel aus den Stahlhütten Pennsylvanias in USA vor dem Ersten Weltkrieg: Um die Fremdarbeiter aus Deutschland, Polen, der Tschechei oder Rumänien am Ort behalten zu können, brachte man sie nicht nur in eigens für diesen Zweck gebauten Häusern und Siedlungen unter, die zum Teil heute noch in Pittsburgh existieren, sondern man hinderte sie auch daran, Englisch zu lernen und druckte ihnen sogar Zeitungen in ihrer Landessprache, nur damit sie nicht wegziehen oder in den Westen gehen konnten, denn man brauchte sie in den Hüttenwerken dringend, weil sie Einwanderer waren. Das ist mehr als Siebzig Jahre her. Heute würde es niemanden einfallen, dem Einwanderer in USA nicht sofort Sprachkurse und einen systematischen Unterricht in den Landesgewohnheiten, einschließlich Gesetzeskunde, zuteil werden zu lassen, ob er nun aus Korea, Vietnam, Polen, Deutschland oder irgendeinem anderen Land stammt. Letztlich konzentriert sich die Überwindung der Fremdenfeindlichkeit in der BRD wie in anderen Ländern auf die einfache Frage, ob wir Ausländer für viele Arbeitsbereiche brauchen und bereit sind, sie zu integrieren, oder ob wir die BRD als Einwanderungsland für Fremde hermetisch abriegeln wollen. Der fehlende Lernprozeß der Politiker besteht darin, daß sie sich nicht klar entscheiden können. Wenn die Industrie und der Markt die fremden Arbeitskräfte braucht, lädt man sie ein. Sobald aber eine Krise eintritt, auch wenn sie nur vorübergehend ist, möchte man dieselben Menschen wieder los werden und zurückschicken, wo sie hergekommen sind. Würde das Letztere als Grundbedingung von Anfang an klar gestellt, also jede endgültige Einwanderungsmöglichkeit ausgeschlossen, so könnten sich plötzlich Engpässe auf dem Arbeitsmarkt ergeben, weil weniger Ausländer bereit wären, unter solchen Bedingungen ihre Heimat zu verlassen, noch dazu getrennt von ihren Familien auf ungewisse Zeit. Öffnet man aber die Grenzen mit dem Ziel eines längeren Verbleibs, so wird man nicht umhin können, alle Mittel für eine ausreichende Anpassung und menschliche Bedingungen bereitzustellen, praktisch also die Vorsorge zu übernehmen, die jedes andere Einwanderungsland garantiert, damit der Fremde sich anpassen und zum Mitbürger werden kann. Ohne diese Vorsorge bereitet man eher eine Art Ghettoleben für die Fremden vor, um sie als Fremde zweiter oder dritter Klasse abzustempeln. Das biblische Gebot »Liebe Deinen Nächsten wie Dich selbst« wird zum papiernen Lippenbekenntnis ohne ehrliche Bemühung um diesen Nächsten, der uns als Fremder begegnet. Der Mangel an Nächstenliebe in der einfachsten Form beweist aber auch, wie wenig wir uns selbst lieben können, denn beides geht auseinander hervor. So erweist sich der Fremdenhaß oft genug als unbewußter Selbsthaß, der alle eigenen unterdrückten unangenehmen Eigenschaften und Merkmale in primitiver Weise auf die Fremden projiziert, um sich selbst für besser halten zu können. »Wer sich frei weiß von Schuld, der werfe den ersten Stein!«

1983