Theodor Heuss Stiftung

Kammer für öffentliche Verantwortung in der evangelischen Kirche Deutschland

(für ihre Denkschrift "Frieden wahren, fördern, erneuern", mit der sie eine ungewöhnlich kontroverse Diskussion aufgeriffen, vertieft und weitergeführt hat)

Der THEODOR-HEUSS-PREIS für 1982 wurde der Denkschrift der Kammer für öffentliche Verantwortung in der EKD "Frieden wahren, fördern und erneuern" verliehen für ihr beispielhaftes Bemühen, eine ungewöhnlich kontroverse Diskussion aufzugreifen, zu vertiefen und weiterzuführen und damit einen wichtigen Beitrag zur Stärkung der politischen Kultur zu leisten. Angesichts der sich zunehmend polarisierenden Friedensdiskussion in unserem Lande legten die 24 Mitglieder der Kammer unter Vorsitz des Münchner Theologen Trutz Rendtorff erstmals einen umfassenden und fundierten Beitrag zur Friedensdiskussion vor, der nicht nur Orientierung und Hilfen zur Meinungsbildung bietet, sondern sich darum bemüht, von fruchtloser Konfrontation wegzuführen und auf Konsensfähigkeit hinzudenken. Damit haben die Mitglieder der Kammer ein persönliches Beispiel dafür abgegeben, daß geduldige Gesprächsbereitschaft trotz unterschiedlicher politischer Einstellungen zu gemeinsamen Grundpositionen führen kann, ohne die unser politisches Gemeinwesen auf die Dauer nicht lebensfähig ist. Vorstand und Kuratorium möchten mit der Verleihung des THEODOR-HEUSS-PREISES 1982 an die Kammer für öffentliche Verantwortung in der EKD das vorbildlich demokratische Verhalten, die bemerkenswerte Zivilcourage und den besonderen Einsatz für das allgemeine Wohl im Sinne der Satzung der Stiftung würdigen.

Verein für Friedenspädagogik (Tübingen)

Eine THEODOR-HEUSS-MEDAILLE für 1982 wurde dem Verein für Friedenspädagogik (Tübingen) verliehen für seinen bemerkenswerten Einsatz in der theoretischen und praktischen Friedensarbeit, die unter das Motto "Zur Friedensfähigkeit erziehen" gestellt ist. Der Einsatz des Vereins - der 1974 gegründet wurde - in der Familie, Schule, Arbeitswelt und im politischen Bereich überzeugt vor allem dadurch, daß viele verschiedene Menschen sich zum Friedenseinsatz zusammengefunden haben. Das Engagement im persönlichen Bereich von Schülern und Lehrern, Dozenten und Studenten, von Pfarrern, Sozialpädagogen und Kindergärtnerinnen hat nie nachgelassen und war fruchtbar bis zum heutigen Tag. Mit dieser Auszeichnung soll das vorbildlich demokratische Verhalten, die bemerkenswerte Zivilcourage und der besondere Einsatz für das Allgemeinwohl im Sinne der Satzung der Stiftung THEODOR-HEUSS-PREIS ausgezeichnet und ermutigt werden.

Gemeinde Meeder

Eine THEODOR-HEUSS-MEDAILLE für 1982 wurde an die Gemeinde Meeder für ihre traditionellen Bemühungen um den Frieden verliehen. Diese Gemeinde hat - erstmals 1650 bis in die heutige Zeit -, auf der Tradition eines Friedensdankfestes aufbauend, eine intensive Friedensarbeit in Gang gesetzt, die von sehr vielen unterschiedlichen Gruppen in der politischen - und Kirchengemeinde gemeinsam getragen wird. Besonders vorbildlich ist dabei nicht nur das gegenseitige Aufeinanderzugehen der vielen Beteiligten, sondern auch das in der Tradition verhaftete Bewußtsein in der Gemeinde, daß "Frieden stiften" eine sich ständig neu stellende Aufgabe ist, die die Kraft und das Engagement aller Bürger erfordert. Dabei wird die Zusammenarbeit nicht auf die eigene Gemeinde beschränkt, sondern man bemüht sich vor allem, auch über Grenzen und Ideologien hinweg Frieden zu stiften. Im Rahmen des kleinen Grenzverkehrs pflegen die Kirchengemeinden gutnachbarschaftliche Beziehungen zur DDR. "Frieden ist eine tägliche Aufgabe für jeden Bürger." Dieses Motto der Gemeinde Meeder zeigt das große Engagement der Bürger und ihren besonderen Einsatz für das Allgemeinwohl, das im Sinne der Satzung der Stiftung THEODOR-HEUSS-PREIS ausgezeichnet und ermutigt werden soll.

Klaus Peter Brück und Karl Hofmann

Eine THEODOR-HEUSS-MEDAILLE für 1982 wurde Herrn Klaus Peter Brück und Herrn Karl Hofmann verliehen für ihr Engagement im Lehrerfortbildungsprojekt in Soweto (Südafrika), mit dem erstmalig eine Zusammenarbeit zwischen deutschen und schwarzen südafrikanischen Lehrern geleistet wird. Anfang der siebziger Jahre begann der an die Deutsche Schule in Johannesburg entsandte Realschullehrer Klaus Peter Brück an Nachmittagen und Abenden mit freiwilligen Kursangeboten für die unzureichend ausgebildeten naturwissenschaftlichen Lehrer in Soweto. Aus diesen ersten Anfängen ist eine vielfältige, nicht immer erwünschte, gelegentlich gefährliche Zusammenarbeit zwischen deutschen und südafrikanischen schwarzen Lehrern entstanden, die vorbildlich dafür ist, wie auf friedlichem Weg Chancenungleichheit zwischen Rassen abgebaut werden kann. Klaus Peter Brück ist es durch seinen aufopferungsvollen und unermüdlichen Einsatz gelungen, ein hohes Maß an Vertrauen zu den schwarzen Schulleitern und Lehrern zu erwerben. Das gleiche gilt für Herrn Karl Hofmann, der Ende der siebziger Jahre für die wachsenden Aufgaben hinzugewonnen wurde. Heute beteiligen sich schwarze Lehrer aus 40 der 54 weiterführenden Schulen in Soweto an dem Projekt. Der beharrliche Kampf im kleinen gegen die Apartheidpolitik, der mutige Einsatz gegen Rassendiskriminierung und ·die Zivilcourage von Herrn Brück und Herrn Hofmann verdienen gemäß der Satzung der Stiftung der Auszeichnung und Ermutigung.

Frieden wahren, fördern und erneuern

Ansprache zur Begründung der Verleihung
Hildegard Hamm-Brücher
Frieden wahren, fördern und erneuern in unseren friedlosen Zeiten - wer würde da nicht freudigen Herzens zustimmen?
- wer würde darin nicht eine große Aufgabe erkennen, für die es sich zu engagieren lohnt?
- wer wäre nicht bereit anzuerkennen, daß der Friede (und nicht der Krieg) der "Ernstfall" ist (wie unser Preisträger Gustav Heinemann das einst so treffend formuliert hat)?
Frieden wahren, Frieden fördern, Frieden erneuern - das ist für uns alle so etwas wie ein "Kategorischer Imperativ" für die achtziger Jahre! - Ein friedliches Thema also für den THEODOR-HEUSS-PREIS? Ich denke: NEIN. Denn es ist eine reichlich paradoxe Tatsache, daß die Friedensthematik in unserem Lande ein vehementes Streitthema ist! Umstritten wie kaum eine andere Frage, ein Thema, das Gräben aufreißt und das Trennende schärfer artikuliert als das Verbindende: Die Kontroverse um den richtigen Weg zur Bewahrung des äußeren Friedens fördert den inneren Frieden in unserem Lande nicht, ja sie gefährdet ihn! Die Stiftung THEODOR-HEUSS-PREIS hat es sich deshalb nicht leicht gemacht mit der Thematisierung und mit der Auswahl unserer 18. Preisträgerrunde, und ich denke, daß wir den schmerzhaften Spannungsbogen zwischen Konsens und Dissens in der Friedensfrage sicher auch heute in der Diskussion zu spüren bekommen werden. Wir wollen ihn auch gar nicht vertuschen oder verharmlosen - wohl aber wollen wir uns bemühen, aufeinanderzuzudenken und -zuzureden und versuchen - dem Herkules vergleichbar - den Spannungsbogen mitzuertragen und auszuhalten. - Das ist auch ein Stück Friedensarbeit!

I.
Der THEODOR-HEUSS-PRElS 1982 also für Friedensinitiativen mitten im Streit um den Frieden - wie wollen wir das begründen? Zwar sind wir - wie unsere Freunde und Förderer wissen - bewußt kein Heuss'scher Traditionsverein, für den die Zeit seit seiner Gründung vor 18 Jahren (samt dem Verstand) stillgestanden ist. Dennoch wollen wir bewußt und immer wieder versuchen, die zeitgeschichtlichen, politischen und auch grundsätzlichen Bezüge lebendig zu machen, die zwischen den mühseligen Anfängen unserer Demokratiewerdung nach verlorenem Krieg und verlorener Ehre und dem heutigen Geschehen liegen. Für jeden, der beides miterlebt (und miterlitten) hat, sind diese Bezüge ja immer noch und immer wieder sehr deutlich. Und wenn es in unserem Lande gelänge, diese Bezüge zwischen den Anfängen und dem Jetzt deutlich zu machen, dann gelänge es uns vielleicht auch besser, eine Verbindung zu schaffen zwischen den politischen Erfahrungen der älteren Generation und dem politischen Engagement der Jungen. Einer unserer diesjährigen Kandidaten für den THEODOR-HEUSS-PREIS schrieb uns, nachdem wir ihm Material über Theodor Heuss geschickt hatten: "Ich bin 1946 geboren. Von Theodor Heuss wußte ich bisher nicht viel... Bei der Lektüre seiner Reden (1949) in Ihrem Büchlein 'Mut zum Erinnern' hat sich dieser Abstand schnell verloren. Mir wurde klar, daß der Friede, um den es uns geht... und die Friedensauffassung von Theodor Heuss viel gemeinsam haben. Ich möchte im folgenden von unseren Aktivitäten berichten und denke, daß der Zusammenhang sich Ihnen von selbst herstellt..." Diese Zeilen haben uns natürlich gefreut und ermutigt. Denn es wäre schön (und wichtig!), wenn es gelänge, der nachwachsenden Generation etwas von dem Beginn unserer Republik nach ihrer Gründung 1949 zu vermitteln: Von unserer damaligen politischen, geistigen und moralischen Verfassung, von der Versuchung des Vergessens und des Wegsehens, von den wenigen Männern (und den noch weniger Frauen), die bereit waren, Verantwortung zu übernehmen. Ich bin ganz sicher, daß, wenn es uns gelänge, diese schier hoffnungslose Ausgangssituation unseres demokratischen Aufbaus in den Köpfen und Herzen unserer Jugend bewußt zu machen, dann könnte es auch gelingen, daß sie mit dem immerhin Erreichten behutsamer umgingen und es positiver und realistischer beurteilten, daß sie ihr Engagement nicht gegen unseren Staat, sondern auf ihn hin richten würden und daß sie vor allem in eine demokratische Kontinuität hineinwachsen würden, die für jedes Gemeinwesen unerläßlich ist. Eine solche demokratische Kontinuität am Beispiel unseres ersten Bundespräsidenten (und Namenspatrons unserer Stiftung) möglichst krampflos herzustellen, das ist das eigentliche Ziel unserer Stiftungsarbeit. Und deshalb auch die THEODOR-HEUSS-PREISE für Friedensinitiativen - mitten im Streit um den Frieden! Theodor Heuss war zeit seines politischen Lebens und erst recht als Bundespräsident ein Friedenspolitiker ohne Furcht und Tadel (was sein doppeltes Bekenntnis zur allgemeinen Wehrpflicht als einem legitimen Kind der Demokratie und zum Recht auf Kriegsdienstverweigerung mit einschloß.). Er war ein überzeugter, ein idealistischer Demokrat, geprägt aus der realistischen Einsicht und Erfahrung unserer leidvollen deutschen Geschichte. Ganz sicher hätte er auf den typisch deutschen Etikettenstreit um Gesinnungs- und Verantwortungspolitik in der Friedensfrage oder auch zur Verwendbarkeit der Bergpredigt im hochkomplizierten Friedensstreit einige unverwechselbare Heuss'sche Farbtupfer gesetzt - darin war er ja Meister -; mit dem kategorischen Dreiklang der EKD-Denkschrift aber: Frieden wahren, fördern und erneuern hätte er sich voll identifiziert (allerdings nicht, ohne dazu einige kritische Vor- und Nachfragen zu stellen). Er hätte ihn vor allem deshalb akzeptiert, weil dieser Dreiklang wegführt von jener Einseitigkeit, Selbstgerechtigkeit und Intoleranz - worunter der politische Streit um den Frieden besonders leidet - und weil er hinführt auf den mühseligen Weg der Mitverantwortung, der Suche nach der eigenen Friedensfähigkeit und des geduldigen Aufeinanderzugehens. Auch wäre Theodor Heuss nicht müde geworden, auf die Unteilbarkeit von äußerem und innerem Frieden hinzuweisen.

II.
Eine Stiftung, die den Namen dieses Mannes trägt, kann und darf es sich also nicht leicht machen, wenn es um einen friedenstiftenden Ausweg beim Streit um den Frieden geht. Dabei ist es uns nicht erlaubt, Heuss zum Kronzeugen für die eine oder die andere Friedensideologie zu machen. Statt dessen müssen wir uns mit unserer Auswahl daran messen lassen, ob wir das Prinzipielle des Heuss'schen Demokratieverständnisses (freie Bürgergesinnung und Verantwortung, demokratisches Verhalten, Zivilcourage, Toleranz als "Element aktiver Tapferkeit") herausfinden und ob wir dieses Prinzipielle in und an unseren Preisträgern sozusagen "Fleisch und Blut" werden lassen. Nicht zum ersten Mal übrigens hat die Stiftung dies 1982 am Thema "FRIEDEN" versucht. Ich erinnere daran, daß

- unser erster THEODOR-HEUSS-PREIS 1965 an die Aktion Sühnezeichen ging,
- der dritte THEODOR-HEUSS-PREIS 1967 an den damaligen Vorsitzenden der Kammer für öffentliche Verantwortung, den unvergessenen Professor Ludwig Raiser, für seine Ostdenkschrift, die zur Friedensfähigkeit, Aussöhnung und zum Verzicht aufforderte,
- daß zwei Jahre später, 1969, Frau Christel Küpper eine THEODOR-HEUSS-MEDAILLE für ihre unermüdliche Pionierleistung auf dem unbekannten und unbeachteten Felde der Friedensforschung erhielt und daß es
- 1975 gleich zwei Medaillen, einmal für die Arbeitsgemeinschaft Friedensdienste Laubach und zum anderen für die Dritte-Welt-Aktion "Gerechtigkeit - Friede" Lüdenscheid bei Münster/Westfalen gab.

In aller Bescheidenheit können wir also feststellen, daß uns das Thema Friedensfähigkeit, Friedensförderung, Friedenswahrung und - erneuerung nicht erst seit diesem Jahr "bewegt", sondern schon immer beschäftigt hat. Getreu dieser Tradition wollen wir (ohne dabei die politisch verschärfte Problematik zu verharmlosen!) das Thema heuer zum fünften Mal aufgreifen. Wir haben hierfür aus über 80 Vorschlägen vier Beispiele ausgewählt, um an ihnen deutlich zu machen, daß Friedenswille und Friedensbereitschaft allein noch nicht ausreichen, um Frieden zu schaffen, zu bewahren und zu erneuern, sondern daß dazu außerdem umfassendes Sachwissen, Lern- und Umlernbereitschaft und vor allem kongruentes Verhalten und Handeln gehört. In diesem Sinne des Heuss'schen Demokratieverständnisses wurde der 18. THEODOR-HEUSS-PREIS der "Kammer für öffentliche Verantwortung in der EKD" für ihre Friedensdenkschrift zuerkannt. Es ist ihren 24 Mitgliedern unter dem Vorsitz von Professor Trutz Rendtorff - trotz höchst unterschiedlicher politischer Positionen dennoch gelungen, eine Denkschrift vorzulegen, die neben Sachverstand und redlicher Abwägung der Argumente auch weiterführende Überlegungen anstellt. Das für sich allein hat aber nicht den Ausschlag gegeben. Die Preiswürdigkeit fanden wir darin, daß sich die Mitglieder der Kammer an dieses (im kirchlichen wie im politischen Raum) schier hoffnungslos umstrittene und polarisierte Thema überhaupt herangewagt haben, daß man trotz aller Mühsal und Konflikte bis zur Fertigstellung durchgehalten und damit den Konflikt versachlicht hat. Das alles zusammengenommen grenzt nicht nur im theologischen Sinn an ein "kleines Wunder" (Bischof Hanselmann), damit wurde auch und vor allem im politischen Sinn ein wertvolles Stück demokratischer Kultur geschaffen, die wir so bitter nötig haben und die wir gar nicht pfleglich genug behandeln können. Ich möchte der späteren Diskussion der Preisträger untereinander nicht vorgreifen. Deshalb nur so viel: Gewiß schafft eine kirchliche Denkschrift allein unter den politisch widerstreitenden Gruppen und Meinungen noch keinen inneren Frieden, und gewiß schafft sie auch noch keine Trendwende in der Politik der äußeren Friedenssicherung, aber schon heute wohnt diesem Vorgang eine innere Dynamik inne, die in die Öffentlichkeit und in die Politik weiterzutransportieren und weiter wirken zu lassen viele weitere Anstrengungen wert ist. Darauf kommt es an! Der THEODOR-HEUSS-PREIS und der heutige Tag können hierfür nicht mehr als ein Auftakt sein, von dem Beispiel und weiterführendes Bemühen und vor allem eine Versachlichung der politischen Diskussion ausgehen können. Für den ersten mutigen Schritt auf diesem mühsamen Wege wollen wir heute jedem einzelnen Mitglied der Kammer (anwesende und nicht anwesende) und ihrem Vorsitzenden mit der Zuerkennung des THEODOR-HEUSS-PREISES 1982 danken.

III.
"Frieden wahren, fördern und erneuern"das allerdings kann und darf nicht nur der Titel einer noch so hervorragenden Denkschrift sein. - Das muß Eingang finden in unser täglich-alltägliches Denken, Handeln und Verhalten, in Schule und Familie, in Beruf und Gemeinwesen, in unsere innerstaatlichen und in unsere zwischenstaatlichen Beziehungen. Die drei ausgewählten Empfänger von THEODOR-HEUSS-MEDAILLEN sind Beispiele dafür, wie das geschehen kann. Ich möchte sie Ihnen vorstellen.

1.
Der Verein für Friedenspädagogik Tübingen besteht seit fünf Jahren. Die Arbeit jedoch wird bereits seit gut zehn Jahren geleistet. - Die Frauen und Männer, die wir auszeichnen wollen, sind alles andere als sogenannte "Resolutionspazifisten" (Theodor Heuss). Im Gegenteil - aus ihren ausführlichen Berichten über Tätigkeit, Themenstellungen, Erfolgen und Rückschlägen spricht persönliches Engagement, Glaubwürdigkeit, Grundsatztreue und Selbstkritikfähigkeit.
Die Themen- und Projektauswahl der Tübinger ist weit gesteckt:

Widerstand im Dritten Reich - Judenverfolgung - Friedenserziehung in der Schule Wehrkunde in der DDR - israelische Lehrer zu Besuch - Diskussion über Wehrpaß-Verbrennungen - Zivildienst - Treffpunkt der Polen-Fahrer - Besuch in Auschwitz - Neofaschismus - Nachrüstungsbeschluß.
Was uns bei diesen an sich geläufigen Themen gefallen hat, ist die Art ihrer Bearbeitung, ist das Bemühen, die eigenen überzeugungen nicht als die allein seligmachenden zu verabsolutieren, sondern bei jedem Problem doch noch ein ganzes Stück tiefer zu schürfen. Die Tübinger Gruppe bemüht sich immer wieder zu erkennen, daß es nicht damit getan ist, den Frieden zu wollen, dafür zu demonstrieren, den Dienst mit der Waffe zu verweigern, sondern immer von neuem mit der Befragung nach der eigenen Friedensfähigkeit zu beginnen. So haben sie zum Beispiel erkannt, daß Kriegsdienstverweigerer, die in ihrem Innersten mit der Gewalt terroristischer Gruppen sympathisieren, diesem Maßstab ebensowenig standhalten können, wie ein Israel oder Polenfahrer, der die Diskriminierung ausländischer Mitbürger oder Vorurteile gegen Andersartige übersieht. Daraus resultiert die richtige Erkenntnis, daß der Weg zum inneren und äußeren Frieden weit beschwerlicher ist als Demonstrationen oder Protesthaltungen. Ferner, daß dieser Weg an der Veränderung des eigenen Denkens und Verhaltens nicht vorbeiführt und dieses nicht ausgespart werden darf. Die dem Tübinger Verein für Friedenspädagogik zuerkannte THEODOR-HEUSS-MEDAILLE will gerade dieses Bemühen um die eigene Friedensfähigkeit auszeichnen, dazu ermutigen und zur Nachahmung empfehlen.

2.
Als zweites Beispiel, dem wir eine THEODOR-HEUSS-MEDAILLE zuerkannt haben, haben wir die kleine Gemeinde Meeder bei Coburg ausgewählt, die in ihrem überschaubaren Raum den Grundgedanken der Friedensdenkschrift "Frieden wahren, fördern und erneuern" nicht erst seit dem Jahr 1981, sondern seit 1650 praktiziert. Insgesamt 330 mal hat die kirchliche Gemeinde ihr Friedensdankfest gefeiert, und seit einigen Jahren feiern die politische und die kirchliche Gemeinde dieses Fest zusammen. Was ursprünglich als Religionsfriedensfest begonnen hat, ist heute zu brennender politischer Aktualität geworden. Ich zitiere auszugsweise aus dem Bericht der Gemeinde: "Die Konfrontation mit 'heißen' Friedensfragen hat im konservativ-bäuerlichen Meederer Milieu Staub aufgewirbelt. Doch erfreulich war, daß darunter die Bereitschaft aller nicht gelitten hat, sich mit der Sache des Friedensdankfestes weiter zu identifizieren. Viele Gruppen der Friedensbewegung waren auf dem Markt des Friedensdankfestes gern gesehene Gäste - von Amnestie International bis zu einer Gruppe der Deutschen Friedensgesellschaft. Sie waren in die 20000 Festbesucher voll integriert. Ein weiterer Schwerpunkt liegt auf den Beziehungen zur DDR. Im Rahmen des kleinen Grenzverkehrs bemühen sich Kirchengemeinden und Pfarrer aus dem Dekanat Coburg seit Jahren, Brücken nach drüben zu bauen. So war es kirchlicherseits eine Selbstverständlichkeit, zum Friedensdankfest Gäste aus der DDR einzuladen. Solche Offenheit konnten andere nur mühsam nachvollziehen. Was im Referat von Prof. Bassarak über,Feindbilder' beschrieben worden war, bestätigte sich hier. Es ist ungeheuer schwer, die reale Person eines eingebildeten Feindes unvoreingenommen zur Kenntnis zu nehmen... Die Grenze in der Nachbarschaft hat die Menschen seelisch beschädigt. Sie wird verdrängt oder überhöht... Wer aus der DDR herüber dürfe, so das Vorurteil vor dem Friedensfest, der könne doch niemals die 'Wahrheit' sagen. Es war das Ermutigendste am Friedensfest, daß solche Vorurteile kräftig erschüttert wurden. Die Grußadresse von Frau Pfarrer Günther aus Themar bei Hildburghausen ließ an Offenheit nichts zu wünschen übrig. Gleichzeitig wurde von der Partnergemeinde Sachsenbrunn bei Eisfeld eindrucksvoll dokumentiert, wie sehr gerade die Tradition des Friedensdankfestes auch drüben lebendig sein kann."
So feiert man im kleinen Meeder Friedensfeste, überschreitet mutig scheinbar unüberschreitbare geistige und politische Stacheldrahtzäune gegenüber Andersdenkenden im eigenen Land und im benachbarten, aber fremden Land.
So erfährt und erwirbt man Friedensbereitschaft und Friedensfähigkeit. Für dieses Bemühen wurde der Gemeinde Meeder eine THEODOR-HEUSS-MEDAILLE zuerkannt. Sie soll allen Beteiligten danken, sie ermutigen und zur Nachahmung anstecken.

3.
Mit unserer dritten THEODOR-HEUSS-MEDAILLE wollen wir diesen Bezug der grenzüberschreitenden Friedensfähigkeit noch einmal aufgreifen. Auf den ersten Blick könnte man fragen, was an dem Einsatz von zwei deutschen Realschullehrern bei der Fortbildung schwarzer Lehrer für mathematisch- naturwissenschaftliche Fächer besonders Mutiges und Friedensförderndes sein soll. Denn natürlich sind wir alle gegen die Apartheidspolitik in Südafrika und protestieren gegen die dort praktizierte Rassendiskriminierung. Wer von uns aber würde seine gesicherte Schulexistenz aufgeben, nach Soweto gehen und über 10 Jahre die täglichen Schwierigkeiten, Widerstände, Animositäten und Rückschläge in Kauf nehmen, wie es Klaus Peter Brück getan hat, nur um einen persönlichen Beitrag zum Abbau von Rassendiskriminierung und des horrenden Bildungsgefälles zwischen Weiß und Schwarz in Südafrika zu leisten? Bereits als junger Lehrer an der deutschen, damals noch streng apart geführten Deutschen Schule in Johannesburg hatte Klaus Peter Brück Kontakte zu schwarzen Lehrern gesucht, hat Freizeit und eigene Mittel dazu verwandt, deren Ausbildung zu ergänzen, sich ihr Vertrauen zu erwerben - was in Südafrika eine unabdingbare Voraussetzung ist, wenn Weiße mit Nichtweißen überhaupt erst einmal Kontakt finden wollen. Aus der Denkschrift, die er 1975 der Botschaft mit der Bitte um Förderung seiner Privatinitiative vorlegte, ist zwischenzeitlich ein Aktenberg geworden, aus dem seine Beharrlichkeit und Unbeirrbarkeit ebenso abzulesen sind wie sein schrittweiser Erfolg. Er schreibt: "In Südafrika besteht derzeit für die Schwarzen nicht einmal eine Schulpflicht. Die Klassen sind hoffnungslos überfüllt, und es fehlt an Lehrern. Andererseits wissen Eltern und Schüler genau, daß ohne einen Schulabschluß die Eingliederung selbst in die 'Randgesellschaft' nicht gelingen kann... Die Arbeit des Soweto- Projekts war und ist deshalb ganz und ausschließlich auf die Belange der schwarzen Bevölkerung ausgerichtet..." Nach Jahren einer äußerst mühseligen Pionierarbeit, in denen Herr Brück zunächst selber in überfüllten Soweto- Klassen unterrichtete, bevor er ein Fortbildungscurriculum für schwarze Lehrer in naturwissenschaftlichen Fächern entwickelte und dieses in Nachmittagskursen mit den Lehrern erprobte, steht heute das "Soweto Education Center" in der Trägerschaft schwarzer Lehrerschaft, örtlicher Schulbehörden und deutscher Unterstützung. 40 von insgesamt 54 Sekundarschulen nehmen heute daran teil. Dennoch bleiben viele ungelöste Probleme. Dies alles ist gewiß nicht spektakulär, aber es ist beispielhaft. Herr Brück aber - verstärkt seit etwa zwei Jahren durch Herrn Karl Hofmann - sagt sich zu Recht, daß jeder Weiße, der jetzt hilft, schwarzen Lehrern die Kenntnisse zu vermitteln, die sie befähigen, wiederum Hunderttausenden von schwarzen Mädchen und Jungen zu einem besseren Schulabschluß zu verhelfen, der hilft diesen Jugendlichen auch zu besseren Berufs- und Lebenschancen. Klaus Peter Brück und Karl Hofmann wollen ihr Scherflein dazu beitragen. Sie begründen es ohne Pathos und sehr vernünftig: Mehr Bildung und bessere Ausbildung kommt auf jeden Fall der leidgeprüften schwarzen Bevölkerung zugute, damit sie einen besseren Start hat, wenn sie - hoffentlich eines baldigen Tages - endlich ihr eigenes Geschick in eigene Hände nehmen kann. Trotz aller scheinbaren Hoffnungslosigkeit wollen sie - gerade im Interesse der schwarzen Bevölkerung - die Hoffnung auf friedlichen Wandel nicht aufgeben. Nicht zuletzt leisten sie diesen Beitrag stellvertretend für jeden Deutschen, der aus leidvoller Erfahrung weiß, wohin Rassenhaß und Rassendünkel führen. Mit der Zuerkennung einer THEODOR-HEUSS-MEDAILLE wollen wir Herrn Klaus Peter Brück und Herrn Karl Hofmann für diesen beispielhaften Einsatz danken und ähnliches Engagement ermutigen.

IV.
Damit schließt sich der Kreis der Begründung für die Auswahl unserer diesjährigen Preisträger. Sie begann mit einer kirchlichen Friedensdenkschrift und endete mit einem Beispiel für menschliche Friedensvernunft. Frieden wahren, fördern und erneuern - das ist wahrlich der kategorische Imperativ der achtziger Jahre. Christen wissen sehr wohl, daß der Friede Gottes höher ist als alle menschliche Vernunft! Menschliche Vernunft und Einsicht aber können sehr viel dazu beitragen, daß der irdische Friede bewahrt, erneuert und gefördert wird - und auf beides sind wir mehr denn je angewiesen!
Ich möchte deshalb unsere aktuellen überlegungen noch einmal einmünden lassen in die Heuss'sche Tradition. Als er nach seinem Ausscheiden aus dem Amt des Bundespräsidenten im Oktober 1959 vor über 30 Jahren den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels erhielt, dankte er mit einer für ihn charakteristischen Rede, die er eine "Fingerübung zu einer Geschichtssymphonie" nannte. Am Ende erwähnte er Gotthold Ephraim Lessing, empfiehlt die Lektüre seines "Laokoons" und schließt: "... Und dann mögen Sie dessen innewerden, daß von ihm ein Licht ausströmt, das die mancherlei Dinge, über die ich vor Ihnen meditierte, durchdringt, erhellt, auch erwärmt, daß das Miteinander von Menschen und von Völkern nicht zu einem Gegeneinander führt - daß der Friede mehr ist als ein völkerrechtlich umschriebener Staatenzustand -, wie Toleranz auch mehr ist als ein passives, ein 'duldendes' Hinnehmen der Gegebenheiten und Sonderlichkeiten, sondern daß sie im Geistigen wie im moralischen Raum - das lehrt Lessing ein Element aktiver Tapferkeit ist. Ihm zu genügen, und damit dem inneren, dem äußeren Frieden" zu dienen, ist die Frage, die auf den einzelnen - auch auf den einzelnen von Ihnen - zukommt und in deren millionenfacher Beantwortung ein Volks-, unser Völkerschicksal beschlossen ist."

Dank der Preisträger und Überleitung zur Podiumsdiskussion

Professor Dr. Trutz Rendtorff, Vorsitzender der Kammer für öffentliche Verantwortung in der EKD:

Eine Kammer, darunter stellt man sich wohl kaum einen öffentlichen Platz des Kommens und Gehens vor, sondern eher einen Ort des Zu- sich- Kommens und des In- sich- Gehens. Eine Kammer für Öffentlichkeit, für öffentliche Verantwortung - das klingt insofern ein wenig widersprüchlich, so etwas wie ein "öffentliches Geheimnis". Natürlich geht es dabei keineswegs geheimnisvoll vor, aber oft und unverhohlen widersprüchlich. Die Kammer für öffentliche Verantwortung ist als eine Einrichtung der Evangelischen Kirche bewußt darauf angelegt, Innerlichkeit - das traditionelle Vorrecht der Religion - und Öffentlichkeit - das aktuelle Vorrecht des Politischen - miteinander ins Gemenge zu bringen. Wenn sich die Kammer darum heute, jedenfalls in Gestalt einiger der Personen, die sich sonst in ihr versammeln, plötzlich auf einem Podest wiederfindet, im Scheinwerferlicht der Öffentlichkeit, dann sind das zwar nicht gerade die idealen Arbeitsbedingungen für ein vertrauliches Beratergremium. Aber es ist auch nicht so, daß die Kammer das Licht der Öffentlichkeit scheuen müßte. Nur, das Podest, das Licht, die Öffentlichkeit gelten doch in erster Linie einern Ergebnis. Der Dank dafür, daß die Stiftung THEODOR-HEUSS-PREIS der Denkschrift "Frieden wahren, fördern und erneuern" ihre und damit eben öffentliche Würdigung zuerkannt hat, gilt darum, und hier spreche ich im Namen der Kammer wie des Rates der EKD, der Tatsache, daß ein Wort zum Frieden diese Resonanz und diese Würdigung findet. Die Kammer und die Evangelische Kirche in Deutschland finden sich in dieser Anerkennung richtig, gut und förderlich verstanden. Dieser Dank findet sich auch dadurch bestätigt, daß die Stiftung gleichzeitig Bemühungen der Friedenserziehung in unserem Land und in Südafrika würdigt - eines der Themen der Denkschrift lautet "Lerngelegenheiten für den Frieden nutzen", sowie das Friedensdankfest der Gemeinde Meeder bekannt macht - ein Fazit der Kammer heißt "Gemeinschaft praktizieren in und zwischen den Bündnissystemen". Eine andere Losung für die Friedensaufgabe klingt so: "Gemeinschaft praktizieren in unserem eigenen Land". Wer könnte sich heute so ohne weiteres des beklemmenden Gefühls erwehren, das einen beschleicht angesichts der Erfahrung, daß wir gerade über den Frieden so heillos zerstritten sein können? Wem teilte sich nicht die erregende Absurdität mit, die darin liegt, daß Friedenswille und Friedensbereitschaft, die doch immer nur dem Ganzen und dem Gemeinsamen dienen können, wie Parteiabzeichen zu- oder aberkannt werden, bis dahin, daß im Streit um den Frieden der Freiheit die Lebensluft auszugehen droht? Der Kirchenvater Augustin hat in dem ersten großen politisch- theologischen Traktat des Christentums formuliert: "Alle wollen den Frieden; aber jeder will ihn nur auf seine Weise". Die eigene Weise mit der anderer zu verbinden, das ist darum der einzige Weg, um einer sonst unvermeidlichen Friedensskepsis zu entgehen. Niemandem kann es leichtfallen, angesichts eines äußeren Friedens, dessen empirische Realität allein in einem "Gleichgewicht des Schreckens" Bestand haben soll, einen klaren Kopf zu behalten. Die Sorge vor den Folgen, die es hätte, wenn die Abschreckungswirkung gegenseitiger tödlicher Bedrohung versagte, kann dahin umschlagen, ihr den möglichen und notwendigen inneren Frieden zu opfern. So haben wir den Streit um den Frieden in unserem Lande und anderswo. Aber: wenn der Friede so in den Streit gerät, dann muß der Friede, seine Wahrung, seine Begründung und seine Realisierung in diesem Streit gesucht werden. Friede ist die eine und wichtigste öffentliche Angelegenheit. Sein Wesen, seine öffentliche, politische Bedeutung ist nicht, den Streit auszuschließen und ihn gar abzuschaffen, sondern ihn zu regeln. Friede vollendet sich weder in Unterwerfung noch in Unterdrückung. Darum formuliert die Denkschrift: "Frieden zu wahren, zu fördern und zu erneuern ist das Gebot, dem jede politische Verantwortung zu folgen hat. Diesem Friedensgebot sind alle politischen Aufgaben zugeordnet. Das Friedensgebot ruft auf zu einer Bejahung des gemeinsamen Lebens auch und gerade in Situationen des Konflikts". Der Kirche ist manches Mal entgegengehalten worden, sie solle sich aus strittigen Fragen, zumal in öffentlichen Angelegenheiten, heraushalten. In der ersten deutschen Republik hat sich dafür auch eine Formel eingestellt, die dies zum Programm erhoben hat: "über den Parteien!" - das heißt: ihrem Streit enthoben, an ihm möglichst unbeteiligt, auf ihn entweder verachtungsvoll herabsehend oder von ihm erschrocken wegblickend. Aber die Probleme der politischen Existenz der Bürger und auch der Kirche wird man nicht dadurch los, daß man ihre Lösung jenseits des Politischen sucht; sie könnten dann auf eine gefährliche Weise unlösbar werden. Mit dieser Hypothek unserer Vergangenheit haben wir uns auseinanderzusetzen. Das gilt nun gerade für die Friedensdiskussion. Wenn wir nicht mehr glauben könnten, daß die militärischen Veranstaltungen der großen Bündnissysteme politischer Verantwortung zugänglich sind, hätte auch die Kirche keine Gründe mehr, sich auf diesen Streit um den Frieden im Innern einzulassen. Die Denkschrift der EKD plädiert und argumentiert deswegen mit einer gewissen Hartnäckigkeit für eine Wiedergewinnung der politischen Dimension in einem heute vorwiegend nur noch militärisch definierten Konfliktfeld, zumal im Ost- West- Gegensatz. Die Fragen an die politisch Verantwortlichen, welche politischen Perspektiven sie über Rüstung und Nachrüstung hinaus für die vor uns liegenden Jahrzehnte eigentlich haben, und wie sie uns zu erkennen geben, wohin der Weg eigentlich weitergehen soll, diese Fragen bleiben darum auch in ihrer Hartnäckigkeit bestehen, trotz der Erleichterung vieler darüber, daß sich die Evangelische Kirche als konsensfähig erwiesen hat. Sie harren noch der Resonanz. Die Kirche, die solche Fragen stellt, will nicht eine Kirche "über den Parteien" sein, sondern, lassen Sie es mich so sägen, "Kirche in der Demokratie". Darum muß sie auch sich und ihren Gliedern zumuten, als mündige Christen und mündige Bürger dem Streit nicht auszuweichen und ihn nicht als Anlaß zu nehmen, ihre Gemeinschaft mit einer "Kirche in der Demokratie" aufzukündigen. Wenn Friede die wichtigste öffentliche Angelegenheit ist, dann kann man um des Friedens willen nicht die Abschaffung des Politischen herbeisehnen. Die Denkschrift hat darum formuliert: "Die politische Verantwortung für den Frieden gerät immer dann in Gefahr, wenn sie sich allein von militärischen Vorstellungen und Mitteln der Friedenssicherung bestimmen läßt und an sie die Initiative in der Friedensaufgabe abgibt." Diese Erinnerung gilt nicht nur für die Beziehungen der Völker untereinander. Wie können wir hoffen, Frieden in der Welt der Völker zu erlangen, wenn wir ihn nicht unter uns und d. h. eben auch auf politische Weise gelten lassen und Raum geben? Und wie soll das anders geschehen, als daß die Wege, den politischen Streit auszutragen, gangbar gehalten werden, begehbar bleiben und nicht durch Gewaltanwendung unpassierbar werden oder durch Aufkündigung der Regeln des politischen Verkehrs veröden? Für die evangelische Kirche ist die Auseinandersetzung um die Friedensaufgabe auch und nicht zuletzt ein Testfall für ihr Verhältnis zum demokratischen Staat. Die Lektion, die sie aufgrund ihrer Haltung zur ersten deutschen Republik lernen mußte, muß sie heute unter veränderten Bedingungen und mit einer neuen Generation junger Menschen bewähren. Das kann nicht ohne ehrliche Selbstkritik geschehen, jedenfalls nicht in moralischer Überheblichkeit und Selbstsicherheit.
Wenn uns heute vom Kuratorium der Stiftung THEODOR-HEUSS-PREIS das Thema "Frieden schaffen in unserer Gesellschaft" präsentiert wird, dann klingt in meinen Ohren bzw. im Kammerton auch schon das nächste Thema an, das der Rat der EKD uns übertragen hat und das, etwas griffig formuliert, lautet: "Staatsautorität und Bürgerwille". Wo die Autorität des Staates aufhört und der Bürgerwille anfängt, das ist in einer Demokratie nicht so ohne weiteres auszumachen. Demokratie ist ja so etwas wie die Autorität der Freiheit. Denn auch die Freiheit steht unter dem Gebot und der Regel des Friedens. Der Preis der Freiheit ist immer die gegenseitige Anerkennung und verlangt darum etwas anderes als die unbedingte Durchsetzung nur einer Position auf Kosten anderer. Das fängt immer wieder damit an, daß man miteinander redet, so trivial das auch klingt. Der Verhandlungstisch ist in der Politik ein Symbol des Friedens. Das gleiche gilt, mutatis mutandis, vom Beratungstisch. Sicher, es wird viel sinnlos geredet und nutzlos verhandelt. Und es muß auch entschieden werden. Doch auch für Entscheidungen gilt: sie dürfen nicht den Weg dazu verstellen, daß wieder miteinander geredet wird. Die Kammern, die die Öffentlichkeit nicht scheuen, in denen aber vor allem beraten wird, sind darum nicht überflüssig; sie sind ein - zugegeben - kleines, schwaches und sicher auch machtloses, aber gleichwohl doch höchst nützliches Gehäuse, um dem Frieden in der Welt, in der wir leben, zu dienen. Darum danke ich der THEODOR-HEUSS-STIFTUNG, darauf die Aufmerksamkeit gelenkt zu haben, und Ihnen, meine Damen und Herren, daß Sie einen Blick in die Kammer nicht für müßig halten.

Unter der Diskussionsleitung von Professor Dr. Paul Noack, dem stellvertretenden Vorsitzenden des THEODOR-HEUSS-PREISES, diskutierten über Aussagen der EKD-Denkschrift:

Dr. Jürgen Schmude (SPD)
Professor Dr. Wolfgang Huber
Friedrich Vogel (CDU)
Liselotte Funcke (F.D.P.)
Dr. D. Hermann Kunst
Professor Dr. Trutz Rendtorff
Einführung in die Diskussion Professor Dr. Paul Noack:

Daß der THEODOR-HEUSS-PREIS 1982 der Kammer für öffentliche Verantwortung in der Evangelischen Kirche Deutschland (EKD) für ihre Denkschrift "Frieden wahren, fördern und erneuern" am Samstag, dem 6. Februar 1982, verliehen wurde, hatte auch Konsequenzen für den Verlauf der Feier an läßlich der 18. Verleihung des Preises im Herkulessaal der Münchner Residenz. Denn mit dieser Denkschrift, die am 5. November 1981 der Öffentlichkeit vorgestellt worden war, waren zwar auch ihre Inhalte als preiswürdig erachtet worden. Wichtiger aber erschien es Vorstand und Kuratorium des THEODOR-HEUSS-PREISES, daß mit der Denkschrift der erfolgreiche Versuch gemacht worden war,. sich in mühsamen Beratungen auf ein gemeinsames Papier über ein Thema zu einigen, das der Einigung nicht mehr zugänglich erschien. Angesichts der drohenden Polarisierung in der Bundesrepublik, in der es in Fragen der Rüstung und Nachrüstung jeweils nur noch eine allein seligmachende, damit aber jede andere Meinung ausschließende Position zu geben schien, war es der Kammer für öffentliche Verantwortung in der Evangelischen Kirche Deutschland (EKD) gelungen, die unterschiedlichsten Auffassungen. nicht nur zum Miteinander- Reden zu bringen, sondern sogar zu einem gemeinsam getragenen Ergebnis zu gelangen. Der Kompromißcharakter der Denkschrift "Frieden wahren, fördern und erneuern", die sicher vieles offen lassen mußte, wurde daher nicht als ein Manko, sondern als eine Tatsache empfunden, die der ambivalenten Natur der Sache gemäß war. Die Verfasser der Denkschrift selbst hatten darauf hingewiesen, daß sie mit einer nur "formalen Harmonisierung" ihrer unterschiedlichen Standpunkte ihre Aufgabe nicht erfüllt gesehen hätten. In ihrer letzten, der 11., These hatten sie geschrieben:

"Wir wünschen klar zu sagen, daß wir eine bloß äußerliche Einheitlichkeit der Entscheidung für noch schlechter hielten als divergierende Entscheidungen, in denen jeder weiß, was er tut. Faktisch stützt heute jede der beiden Haltungen, die wir angedeutet haben, die andere. Die atomare Bewaffnung hält auf eine äußerst fragwürdige Weise immerhin den Raum offen, innerhalb dessen solche Leute wie die Verweigerer der Rüstung die staatsbürgerliche Freiheit genießen, ungestraft ihrer überzeugung nach zu leben. Diese aber halten, so glauben wir, in einer verborgenen Weise mit den geistlichen Raum offen, in dem neue Entscheidungen vielleicht möglich werden: wer weiß, wie schnell ohne sie die durch die Lüge stets gefährdete Verteidigung der Freiheit in nackten Zynismus umschlüge."

Dieser Mehrdeutigkeit des Ergebnisses der Denkschrift konnte ein einziger Redner nicht gerecht werden. Es bot sich daher eine Diskussionsrunde an. In ihrem Verlauf sprachen die Vertreter der unterschiedlichen Positionen der Kammer für öffentliche Verantwortung in der Evangelischen Kirche Deutschland (EKD) nicht nur über ihre fortbestehenden Meinungsunterschiede, sondern auch darüber, wie es möglich war, daß sich die differierenden Meinungssätze, die den Charakter von Glaubenssätzen anzunehmen begonnen hatten, in einen einheitlichen Rahmen fügen ließen, ohne daß der einzelne das Gefühl eines intellektuellen Opfers hatte.

Schlußwort
Dr. Hans-Jochen Vogel
Ich bin gebeten worden, das Schlußwort zu sprechen. Warum man ein Schlußwort braucht, ist einsichtig. Einmal entspricht es traditioneller deutscher Ordnungsliebe. Zum anderen wüßten die Leute sonst nicht so ganz genau, ob die Sache nun wirklich zu Ende ist. Und schließlich gibt es eine zusätzliche Möglichkeit, Pluralität - andere sagen Ausgewogenheit - herzustellen. Und der politische Zusammenhang, die politische Verbindung, in dem Sie, sehr geehrte Frau HammBrücher, als Eröffnungsrednerin und ich als Schlußredner stehen, kann ja Bekundungen festigender Ausgewogenheit oder ausgewogener Festigkeit durchaus vertragen. Wahrscheinlich gibt es aber noch eine andere Erwägung, gerade mir das Schlußwort anzuvertrauen. Denn mit denkbar geringem Personalaufwand stellt sich so ganz zwanglos zum Ende der Feierlichkeit noch einmal eine Verbindung zwischen dem THEODOR-HEUSS-PREIS einerseits, der Landeshauptstadt München, der Bundesrepublik und der Stadt Berlin andererseits her. Natürlich habe ich dazu von keiner Seite eine förmliche Legitimation. Aber gewisse Beziehungen zwischen den genannten Körperschaften und den von mir nacheinander ausgeübten Funktionen sind nicht zu übersehen. Wie dem auch sei. Mir gibt die Einladung jedenfalls die willkommene Gelegenheit, meine Verbundenheit mit der Stiftung, die ich von ihrer Geburtsstunde an begleitet habe, zum Ausdruck zu bringen und voll Dankbarkeit an die Männer zu erinnern, die damals ihrer Idee und ihrer Aufforderung folgend in das Gründungskuratorium und den Gründungsvorstand eingetreten sind und heute nicht mehr unter uns weilen, nämlich an Waldemar Besson, Karl-Hermann Flach, Werner Friedmann, Otto Hahn, Karl Gotthart Hasemann, Ernst Ludwig Heuss, Georg Hohmann, Hans Lenz, Alfred Marchionini und Christoph von Tucher. Sie alle haben zu ihrer Zeit mitgeholfen, ein Stück politischer Kultur zu verwirklichen. Eben dies tun aber auch diejenigen, die den Preis seither durch kluge Auswahl im Gespräch hielten und davor bewahrten und noch bewahren, in der zunehmenden Zahl vergleichbarer Unternehmen seine Konturen und damit seine Wirkung einzubüßen. Ein interessanter Preis ist insoweit einer interessanten Zeitung vergleichbar. Bei ihr weiß man eben nicht schon im voraus ganz genau, was sie zu einem bestimmten Ereignis, einer bestimmten Person, einem bestimmten Thema sagen wird. Und deshalb ist man auf ihre Ansicht neugierig. Beim THEODOR-HEUSS-PREIS ist das genauso. Man ist gespannt darauf, wem er diesmal zuerkannt werden wird. Und Voraussagen haben sich häufig genug als unzutreffend erwiesen. Ich möchte die dafür Zuständigen ermutigen, unberechenbar zu bleiben und eher noch stärkere überraschungs- oder auch Aha- Effekte zu riskieren. Der Reputation des Preises kann das nur gut tun. Und dem mit seiner Stiftung verbundenen Zweck auch. In diesem Jahr besteht die Überraschung darin, daß erstmals eine Schrift ausgezeichnet worden ist. Man hielt offenbar für preiswürdig, was in dieser Schrift gesagt wird, aber wohl auch, wie es gesagt wird. Und man wollte - so haben wir gehört - gleichzeitig die Institution auszeichnen, in deren Namen und auf deren Veranlassung die Schrift zustande kam - also die Evangelische Kirche in Deutschland und ihre Kammer für öffentliche Verantwortung. Alle diese Erwägungen verdienen Zustimmung. Es verdient Zustimmung, daß einer christlichen Kirche für die beispielhafte Wahrnehmung ihres Auftrages gegenüber der politischen Gemeinschaft öffentliche Anerkennung gezollt wird. Zu der in letzter Zeit lebhafter gewordenen Diskussion über Legitimation und Grenzen kirchlicher Äußerungen zu politischen Fragen wird damit ein orientierender Beitrag geleistet; ein Beitrag, an dem niemand achtlos vorbeigehen kann. Es verdient Zustimmung, daß diese Schrift ausgezeichnet wird. Ich bin nicht ganz sicher, ob alle, die sie loben oder sich auf sie berufen, sie wirklich zur Gänze gelesen haben. Aber ich bin ziemlich sicher, daß drei Aspekte der Denkschrift über den Tag hinaus Bestand haben werden. Zwei davon betreffen mehr die geistige Grundhaltung, aus der der Text entstanden ist. Der dritte Aspekt betrifft den Inhalt, die Sache selbst. Zur geistigen Grundhaltung gehört, daß die Verfasser von ganz unterschiedlichen Positionen her aufeinander zugegangen sind, daß sie sich zugehört haben, daß sie voneinander lernen wollten. In einer Zeit, in der Argumente immer häufiger durch Schlagworte im eigentlichen Sinn, nämlich durch Worte ersetzt werden, mit denen man den Gegner schlagen, ihn verwunden und verletzen kann, in der die Denunziation des gegnerischen Standpunktes immer öfter an die Stelle seiner Widerlegung tritt, in der Nachdenklichkeit, ja das bloße Anhören abweichender Meinungen nicht wenigen schon als Schwäche gilt, ist ein solches Gegenmodell von besonderer Bedeutung. Zur geistigen Grundhaltung gehört weiter, daß die Verfasser auch im Widerspruch und im Gegensatz miteinander verbunden bleiben; daß sie sich in ihrem Glauben, in ihrem Christsein gegenseitig annehmen, obwohl sie erkennbar über die nächsten Schritte zur
Bewahrung und Sicherung des Friedens ganz unterschiedlicher Meinung sind. Und daß sie diese Gemeinsamkeit nicht leugnen oder doch verschweigen, sondern daß sie sie bekennen und aus ihr wohl nicht zuletzt die Achtung auch im sprachlichen Umgang miteinander ableiten, die unsere politische Diskussion sonst oft in so erschreckender Weise vermissen läßt. Auch hier wird der Text zum Gegenmodell. In der Sache macht die Schrift deutlich, daß Friede mehr ist als Abwesenheit von militärischer Gewalt und daß Friede nicht allein durch die noch so machtvolle Forderung nach seiner Bewahr~ng, sondern' nur durch die kontinuierliche Veränderung der politischen Realität auf einer Vielzahl von Gebieten, das heißt aber durch eine unablässige politische Anstrengung gesichert werden kann. Zu einer solchen Anstrengung gehört das Wissen um die Qualität und die Größe der drohenden Gefahr, die in der Tat in der bisherigen Menschheitsgeschichte ohne Beispiel ist, dazu gehört aber auch Hoffnung. So beglückwünsche ich diejenigen, denen wir diese Schrift verdanken. Ich beglückwünsche ebenso die Empfänger der Medaillen und die Bürgerinitiativen, denen Förderungsbeträge zuerkannt worden sind. Was ich über die Friedensdenkschrift sagte, gilt im Grunde auch für sie. Sie alle haben uns Hoffnung gemacht. Sie alle stemmen sich dagegen, daß wir scheitern, daß wir in einer Katastrophe versinken. Und Hoffnung - so hat Ernst Bloch einmal gesagt - ist ins Gelingen verliebt und nicht ins Scheitern. Lassen Sie uns in diesem Sinne an unsere Arbeit zurückkehren, um einiges hoffnungsvoller, um einiges zuversichtlicher und - so Gott will - dem Gelingen ein kleines, ein winziges Stück näher. So wäre es wohl auch im Sinne von Theodor Heuss.

1982