Theodor Heuss Stiftung

terre des hommes Deutschland (Hilfe für Kinder in aller Welt), Professor Horst Eberhard Richter (Engagement in der Psychiatrie)

Die vier Nachbarschaftshilfen (Soziale Hilfe) Unterschleißheim-Oberschleißheim / Garching / Hochbrück / Sozialdienst Unterpfaffenhofen-Germering

Deutsch-Türkischer Kindertreff (Ausländerarbeit)

Gerhard Mauz (Demokratie und Justiz)

Verantwortung für den Nächsten

Vorwort
Paul Noack
Meine Damen und Herren, liebe Freunde! In einem Handbuch der "Modernen deutschen Idiomatik" habe ich gefunden, daß Sie, die Mehrheit meines Publikums und ich Grußfuß stehen. Auf dem Grußfuß stehen, so wurde ich belehrt, daß heißt: jemanden kennen und grüßen, aber nicht mit ihm sprechen. Wir können leider nicht miteinander sprechen, aber ich begrüße Sie. Und natürlich kennen wir uns nicht in einem engeren Sinne, aber in einem weiteren Sinne doch. Denn Sie alle, die mit uns - dem Vorstand, dem Kuratorium und den Mitgliedern der Theodor-Heuss-Preisstiftung e. V. - jährlich die Verleihung dieses Preises begehen, eint doch die Oberzeugung - und daran erkennen wir uns - , daß es der verantwortliche Einzelne ist, der diese Demokratie, jede Demokratie zusammenhält. Wir alle sind der Meinung, daß dieser Einzelne und seine Funktionen von keiner Institution und von keinem Apparat ersetzt werden kann - und daß es eben deshalb der Ermutigung dieses Einzelnen bedarf, wenn die Demokratie wetterfest gemacht werden, wenn sie florieren soll. Nun macht das Protokoll, in dem ich nicht wetterfest bin, mir Schwierigkeiten. Ich löse es mit dem Alphabet: B geht vor S.
Mein herzlicher Gruß an Sie, sehr verehrter Herr Bundesinnenminister Baum als Vertreter der Bundesregierung. Es ist gut, daß sie nicht passiv bleiben, sondern nachher das Schlußwort sprechen werden. Als nächsten möchte ich Altbundespräsident Walter Scheel, unseren Ehrenvorsitzenden, wirklich einen alten Freund des Preises, ansprechen. Das letzte Jahr waren sie noch Bundespräsident ohne den Zusatz "Alt". So darf ich Ihnen sagen: Für uns sind Sie weiter jung. Aus gegebenem Anlaß, man wird später sehen warum, möchte ich Sie zitieren. Auf die Frage, ob Sie Kritik ertragen können, haben Sie einmal geantwortet:
"Warum sollte ich mich durch Kritik beleidigt fühlen? Wenn ich das Recht, andere zu kritisieren in Anspruch nehme, muß ich es umgekehrt auch den anderen zubilligen. Das ist doch ganz einfach.“ Soweit - wie man heute zu sagen pflegt Originalton Walter Scheel.
Als Vertreter der Stadt darf ich Herrn Bürgermeister Gittel begrüßen. Wir freuen uns immer wieder, die Gastfreundschaft Ihrer und unserer Stadt genießen zu dürfen. Wir legen.besonderen Wert darauf, daß der Preis auch im Geist von Theodor Heuss vergeben wird. Deshalb ist uns die Unterstützung der Familie Heuss so wichtig. Ursula Heuss, Heuss-Enkel Ludwig Heuss möchte ich daher herzlich begrüßen. Im Mittelpunkt der heutigen Feier stehen natürlich die diesjährigen Träger der Preise und Medaillen. Damit auch diese aber wissen, daß sie keine Einjahresfliegen sind, möchte ich den Neuankömmlingen mitteilen, daß nicht weniger als vierzehn Preis- und Medaillenempfänger früherer Jahre im Saale sind. Das spricht für die Bindekraft des Preises. Lassen Sie mich summarisch vorgehen und alle weiteren Gäste herzlich begrüßen. Sie werden bemerkt haben, daß ich in diesem Jahre - wie sonst stets in den letzten Jahren - keinen Vertreter der bayerischen Staatsregierung begrüßen konnte. Das hat folgenden Grund: Die Staatskanzlei betrachtet schon die Einladung zu einer Preisverleihung, auf der Professor Horst Eberhard Richter ausgezeichnet werden sollte, als eine Provokation. Wo ist doch die alte Liberalitas Bavariae geblieben? Doch - damit wir uns recht verstehen - es ist das gute Recht der Staatsregierung der Einladung eines eingetragenen Vereins - und sei er im Namen des ersten Präsidenten dieser Republik tätig! - fernzubleiben. Nur verstört uns die Begründung. Provokation! Als ob wir Preise verliehen, um andere zu ärgern, zu provozieren! Wir verleihen Preise und Medaillen, um anderen und uns eine Freude zu machen. Wir verleihen diese Preise in Bayern und in München. Daher haben wir allen Anlaß, mit Stadt und Land in einem normalen Verhältnis zu leben. Normalität aber in einer Demokratie, so habe ich schon im letzten Jahre gesagt, "heißt nicht Tadelsfreiheit, sondern Anstiftung, um gemeinsam Mißstände zu beheben".
Man mag daher zu der sozialpsychologischen Studie von Professor Richter über die Massenwirkung des Kanzlerkandidaten und Ministerpräsidenten Franz Josef Strauß stehen wie man will - auch ich hätte einige Einwände gegen die Ergebnisse - , aber man muß doch in der Bundesrepublik und auch in Bayern noch sagen können, was man über einen wichtigen Mann denkt, ohne gleich der Majestätsbeleidigung geziehen und mit Nichtbeachtung bestraft zu werden. Etwa unter dem Motto: Jetzt wißt Ihr, was Euch blüht, wenn Ihr der Staatsregierung nicht genehme Preisträger kürt. Die Staatsregierung, das wollen wir aber doch einmal festhalten, ist die Regierung des bayerischen Staates und nicht enler bayerischen Staatspartei. Was, über das Spezielle hinausgehend, immer befremdet, ist dies: Die Kübel von Beleidigungen, die Politiker übereinander ausgießen, werden von denen anscheinend als notwendige Handwerkszeuge zur Stimmengewinnung betrachtet. Gestattet sich aber ein Staatsbürger nur, nicht alles gutzufinden, was ihm an Personen und Taten aufgetischt wird, so tut die politische Klasse so, als sei etwas ungeheuerlich Unziemliches passiert.
Meine Damen und Herren, schon Ludwig Thomas "Münchner im Himmel" wurde grantig, als er dort nur frohlocken sollte. Er war insoweit ein echter Demokrat. Mit Ludwig Thoma möchte ich, dem Geist des Ortes gemäß, schließen. Und jetzt wissen Sie auch, warum ich Walter Scheel - so einfach ist das! - zitierte. In seinen Erinnerungen schreibt Thoma - ersetzen Sie gleich das Wort Spott durch das Wort Kritik: "Spott untergräbt keine echte Autorität, weil er sie nicht treffen kann, aber dem auf Äußerlichkeiten ruhenden,... dem übertriebenen und angemaßten Ansehen tut er Abbruch, und das ist nicht schädlich, denn treffender Spott heilt unklare Verstimmungen, indem er mit orte, mit einer Geste die Ursachen des Unbehagens aufdeckt."

Horst Eberhard Richter
Verantwortung für den Nächsten
Der Frage nachzugehen, wie wir mehr aneinander Anteil nehmen und mehr füreinander tun können, dazu werden wir durch die augenblickliche weltpolitische Lage nicht gerade ermutigt. Angst und Mißtrauen gehen um. Umfragen besagen, daß nahezu die Hälfte unseres Volkes die Möglichkeit eines Krieges ins Auge faßt. Wir starren auf eine grauenhafte Gefahr, die uns von außen zu bedrohen scheint. Pessimismus folgt aus der resignativen Einschätzung: Wie friedlich und kooperativ ich mir selbst auch immer das Zusammenleben mit anderen Menschen und Völkern auf dieser Erde wünsche ich fühle mich wehrlos gegenüber einer destruktiven weltpolitischen Entwicklung, so sehr ich diese auch verabscheuen mag.
So oder ähnlich dürften die Menschen in allen in die derzeitige Konfliktlage verwickelten Länder ihre Situation empfinden. Abgesehen von wenigen Gruppen aufgeputschter Fanatiker wird man nirgends die Verbreitung einer kriegsbejahenden Stimmung finden. Die Menschen sehen sich in der Art, wie sie leben wollen, durch etwas gefährdet, was sie wie ein völlig unberechenbares Naturereignis überfallen könnte.
Dabei wird vielfach verkannt, daß wir unablässig von einer expansionistischen Machtpolitik umgeben sind, in der beträchtliche Risiken stecken. Beide Weltmächte sind darin verwickelt. Sie rivalisieren um die Behauptung oder Eroberung wirtschaftlich oder militärisch wichtiger Grauzonen, die noch nicht von der einen oder anderen Seite definitiv dem eigenen Einfluß unterworfen werden konnten. Da wird, wie immer getarnt, mit aufwendigen Einsätzen der Geheimdienste und allen möglichen Formen politischen und wirtschaftlichen Drucks gerungen. Regionale militärische Aktionen sind nur die sichtbare Eskalationsstufe eines unablässigen erbitterten Kampfes, der sich sonst im Dunkeln abspielt. Kurz gesagt: Es bedeutet eine Verleugnung der Realität, wenn wir uns einreden, die von Zeit zu Zeit über uns hereinbrechenden weltpolitischen Krisenlagen seien für uns kaum faßbar. Da seien irgendwelche fremden Mächte am Werke, von denen wir nichts wüßten und mit denen wir auch nichts zu tun hätten. Aber wir verleugnen eben nicht allein die Gefahrenpotentiale einer uns umgebenden Machtpolitik, die sich nicht nur gelegentlich, viel mehr ständig am Rande von brisanten Konfliktfällen bewegt. Wir geben uns obendrein alle Mühe, jeglichen Zusammenhang zwischen unseren persönlichen Motiven und diesen bedrohlichen politischen Prozessen zu übersehen. Oder wir akzeptieren diesen Zusammenhang allenfalls einseitig in der Rolle von passiv Betroffenen. Wir glauben, daß da nur von oben her etwas mit uns oder gegen uns gemacht werde. Indessen gehen wir gemeinhin auf den Wegen dieses Machens willig mit und reagieren regelmäßig erst dann erschreckt als vermeintlich Vergewaltigte, wenn der Kurs, was von vornherein feststand, immer wieder nahe an fürchterliche Abgründe heranführt. Es ist bezeichnend, daß uns dieses Erschrecken dann eher veranlaßt, uns ängstlich zu ducken und wie gelähmt abzuwarten, was nun weiter passiert. Vermutlich wird dieser resignative Fatalismus von der zumindest unbewußten Ahnung mitbestimmt, daß jeder von uns doch persönlich in die Prinzipien verwickelt ist, die diesen unheilvollen Lauf der Dinge möglich gemacht haben. Imperialistische Expansionspolitik ist schließlich nichts anderes als die indirekte Manifestation einer Lebenshaltung, die seit der Renaissance unsere gesamte Zivilisation entscheidend bestimmt. Es ist die einseitige Ausrichtung auf Größe und Macht als Ziele der menschlichen Selbstverwirklichung. Je mehr nun in der modernen bürokratisierten Massengesellschaft die Möglichkeit geschwunden ist, dieses expansionistische Ideal als einzelner direkt zu verwirklichen, um so eher hängen sich solche Hoffnungen ersatzweise an kollektive Gebilde. Für die Unerfüllbarkeit individueller egoistischer Wünsche soll dann ein erfolgreicher Kollektivegoismus entschädigen, an welchem man durch Identifizierung teilnimmt. Und die jeweiligen Träger der Führungsämter werden danach gewählt und in ihrer Beliebtheit laufend daran gemessen, inwieweit sie für das Kollektiv stellvertretend erreichen, was die einzelnen nicht mehr vermögen. So spiegelt sich schließlich selbst im Bild der großen Politik manches davon wider, wie wir selber sind und welche Ziele wir verfolgen. Trotz aller Komplizierung der politischen Materien und der Automatik mancher sozioökonomischer Abläufe enthüllt sich gerade in Krisenzeiten eine wichtige dynamische Beziehung zwischen dem Befinden und den Erwartungen der Massen einerseits und den ihre Geschicke lenkenden politischen Führern andererseits. Seit geraumer Zeit erleben wir etwa mit Bangen und Hoffnung mit, was sich in Amerika, von dessen Politik wir hier abhängig sind, an aufschlußreichen sozialpsychologischen Prozessen zwischen dem Volk und seinem Präsidenten abzuspielen scheint. Vieles davon können wir durchaus als repräsentativ auch für unsere eigene Situation ansehen. Lassen Sie mich bitte diese Betrachtung noch etwas weiter verfolgen, um dadurch einen bestimmten Gedanken verdeutlichen zu können.
Vor der letzten Präsidentschaftswahl steckte man in den Vereinigten Staaten noch tief in der Scham über die Debakel von Vietnam und Watergate. So hielt man Ausschau nach einem Kandidaten, der in erster Linie moralische Integrität repräsentieren sollte. Von dem frommen Carter, der im Gegensatz Zu Ford nicht mehr durch den Nixon-Skandal belastet war, erwartete man vor allem, daß er der Nation die Rolle der moralischen Führungsinstanz in der Welt zurückgewinnen sollte. Man wollte durch ihn das Selbstbild des guten Amerikaners wie des anständigen, sauberen Amerikas restaurieren. Die Flucht von Nixon zum Gegentyp Carter wies auf die angstbetonte Phantasie hin, daß nur ein radikaler Moralismus imstande sein würde, vor dem neuerlichen Durchbruch rücksichtsloser Machtansprüche zu schützen. Aber als Carter dann, ohne die Erwartungen an seine moralische Festigkeit zu enttäuschen, nach außen hin wie nach innen beträchtliche Durchsetzungsschwierigkeiten erkennen ließ, verlor er bekanntlich rasch an Beliebtheit. Man verübelte ihm, was man im frischen Schock nach Vietnam und Watergate noch anders bewertet hatte, daß er nämlich offensichtlich mit der Macht schlechter als mit der Moral umzugehen wußte. Unversehens verschoben sich in der öffentlichen Meinung wieder die Prioritäten. Man wünschte sich zwar ein gutes, aber zuvor doch ein starkes Amerika, also eben auch einen starken und machtpolitisch erfolgreichen Präsidenten. Jetzt genügte anscheinend der hochempfindliche Moralist nicht mehr, den man vor kurzem noch vorrangig gesucht hatte. Und man vermißte mehr und mehr die soeben noch weniger beachteten Qualitäten des robusten, dominanten Siegertyps. Aber da kam es nun zu der unerwarteten großen Herausforderung durch den sowjetischen Afghanistan-Überfall. Dieser bot Carter die einzigartige Chance zum Einsatz der spezifischen Variante von Stärke, die seiner Struktur eigen ist. Das ist die unbeirrbare, bis zur Rigidität steigerungsfähige Härte in der Abwehr des eindeutig moralisch Bösen. Das ist derjenige Feind, an welchem er zum unbeugsamen Gegner wachsen kann. Und was danken ihm nun die Amerikaner, die sich damit endlich wieder seit Vietnam zugleich als gut wie als stark und kämpferisch darstellen dürfen. Nämlich in der Pose der großen wehrhaften Beschützer, die das Böse machtvoll in Schach halten und bestrafen. Als der unerbittliche moralische Ankläger ist Carter wieder ihr Mann. Und durch ihren Applaus bestärken sie ihn in dem Kurs, der ihm die schon verloren geglaubte Chance zur Wiederwahl zurückzubringen scheint. Aber mit der Psychologie des moralischen Rigorismus ist stets die Gefahr unkritischer Selbstgerechtigkeit und einer irrationalen Polarisierung verbunden. Moralischer Rigorismus kann eine Unversöhnlichkeit hervorbringen, die gerade dasjenige Böse fixiert oder gar verstärkt, dessen Überwindung ihr erklärtes Anhegen ist. Sie kann zur Eskalation treiben, was eigentlich entschärft werden sollte. Der unbeirrbare Drang, Unrecht zu bestrafen, kann sich selbst in Unmoral verwandeln, wenn damit auf der Gegenseite die Chance, sich zurückzunehmen, verbaut wird. So wie noch unlängst die Amerikaner wegen Vietnam haben nunmehr die Sowjets wegen Afghanistan erfahren, daß solche imperialistischen Akte ohne eine verhängnisvolle Selbstisolierung in der Welt und ohne Destabilisierung sogar innerhalb des eigenen Bündnissystems nicht mehr möglich sind. Was die einen schon gelernt haben, müssen die anderen jetzt wohl oder übel nachvollziehen. Solche Lernprozesse von außen mit einer besonnenen Reaktionsweise zu fördern, bietet in einer Krisenlage wie der jetzigen die einzige Chance zur Abwendung des Schlimmsten. Nur wenn man zu unterstellen hätte, daß regelrechte megalomane Verblendung jegliche entsprechende Lernfähigkeit ausschlösse, wäre der Vergleich mit der Nazi-Geschichte korrekt. Aber zum Glück sprechen die Anzeichen dafür, daß diese Voraussetzungen zur Zeit nicht gegeben sind. Überall, wo unversöhnliches Strafverhalten auftritt, wird der Psychoanalytiker zu der Frage gedrängt, ob dieses nicht eine überkompensatorische Reaktion auf mangelhaft verarbeitete eigene Schuld darstelle. Denn es ist ja eine weit verbreitete Neigung, unerträgliche Selbstvorwürfe nach außen zu kehren und unnachsichtig denjenigen zu verfolgen, der sich als geeignetes Projektionsobjekt anbietet.
Manches spricht in der Tat dafür, daß die Amerikaner mit der Verarbeitung von Vietnam immer noch ihre Mühe haben. Uns sollte dieser Mechanismus nur zu gut bekannt sein. Denn unsere im Vergleich zu unseren westlichen Nachbarn deutlich mindere Toleranz gegenüber Außenseitern, Andersdenkenden oder gar Systemkritikern trägt deutlich genug die Spuren mangelhafter Bewältigung der eigenen politischen Vergangenheit. Wo ist nun der Zusammenhang zwischen diesem Exkurs und dem mir aufgegebenen Thema? Mir ging es darum darzutun, daß wir uns durch die bedrückenden Prozesse der Weltpolitik gerade nicht davon abhalten lassen sollten, unser gemeinsames Selbstverständnis zu klären. Die psychische Grundhaltung der Menschen wirkt sich weit in den politischen Bereich hinein aus. Also sollten wir eben nicht nur passiv daraufstarren, was von oben auf uns zukommt. Nur wenn wir uns selbst ändern, können wir glaubwürdig eine verläßlichere Friedenspolitik verlangen. Diese folgt natürlich nicht automatisch aus einer gewandelten Motivation der Bürger. Aber dieser Motivationswandel ist eine vielfach unterschätzte Bedingung. Rückschläge der Entspannungspolitik, was sie auch immer sonst für Gründe haben mögen, sind zugleich ein Zeugnis für unser aller soziale Unreife. Das allgemeine Selbstbild des braven Bürgers, der ausschließlich zu einem friedvollen Zusammenleben mit den Nächsten und Ferneren in aller Welt motiviert ist, trügt. Zwar wünschen wir uns durchweg bewußt im Kleinen wie im Großen ein entspanntes Zusammenleben in schöner Eintracht, gewiß. Aber wir alle sind in dieser Einstellung noch keineswegs verläßlich. Das Pendeln zwischen Haltungen, die ungefähr durch das Bild Nixons und ungefähr durch das Bild Carters repräsentiert werden, ist in gewisser Weise für unser aller Mentalität symptomatisch. Zwar regt sich in letzter Zeit mehr Widerwillen gegen alle Erscheinungen rücksichtslosen Machtwillens. Aber in der Sehnsucht nach einem Miteinander in Menschlichkeit und Solidarität schwingt allenthalben noch die große Angst mit, diesem Ideal nicht gewachsen zu sein. Zugleich fehlt überwiegend noch der Mut, sich eben dieses Selbst-Mißtrauen einzugestehen. Deshalb wendet sich der Argwohn allzu leicht nach außen und heftet sich ausschließlich an äußere Feindbilder. Daß man einander durch immer gefährlichere Aufrüstung in Furcht hält, rechtfertigt man wie eh und je mit dem erstrebten Schutz vor der einseitigen Unverläßlichkeit der anderen. Angst und verdrängte Selbstvorwürfe sind auch die Quelle jeglichen moralischen Rigorismus, dem stets die Funktion zufällt, einen unverarbeiteten Teil von Selbstzweifeln zu kompensieren. So kann es dann leicht passieren, daß trotz beharrlicher Beschwörung der Menschlichkeit und der Menschenrechte das Unheil gefördert wird, das gerade abgewendet werden soll. In Kleinformat ereignet sich dies täglich millionenfach in den Familien, wo Eltern die Selbstkontrolle ihrer Kinder unbewußt gerade dadurch schwächen, daß sie diese fortwährend mit übertriebenen Drohungen davor warnen, was sie selbst als unterdrückte eigene Triebgefahr in sich fürchten. Einer ähnlichen Selbsttäuschung unterliegt die kollektive Reaktion, unter dem Vorwand der Erhaltung der Staatssicherheit unerbittlich überall registrieren, 6bservieren und disziplinieren zu wollen, wo immer sich radikale Kritik an unseren gesellschaftlichen Verhältnissen artikuliert. Dabei liegt eine große Schwierigkeit allemal darin, daß diejenigen, die hier oder dort solche einschüchternden Überreaktionen praktizieren, sich kaum je durch Hinweis auf den Schaden umstimmen lassen, den sie anrichten. Die Aufhebung der Sündenbockprojektion erscheint als unerträgliche Bedrohung der Selbstachtung. In der Psychotherapie eines einzelnen oder einer Familie kann es unter mancherlei Mühe mit der Zeit gelingen, einen moralischen Fanatiker allmählich dazu zu ermutigen, die Projektion seines verdrängten Selbstmißtrauens und Selbsthasses zurückzunehmen und sich daraufhin mehr Versöhnlichkeit in seinen sozialen Beziehungen zu gestatten. Aber der Psychoanalytiker weiß wohl, daß sich daraus kein praktisches Rezept ableiten läßt, diesem Phänomen im gesellschaftlichen Maßstab beizukommen. Immerhin erscheint es zumindest sinnvoll, daß wir unablässig denjenigen unserer üblichen Selbsttäuschungen nachspüren, die uns im Kleinen wie im Großen daran hindern, uns wechselseitig in der Fähigkeit zu einem kooperativen Zusammenleben zu stärken. Die Kette dieser Illusionen beginnt bereits bei denjenigen Elementen unseres Selbstverständnisses, die den allermeisten als absolut unstrittig erscheinen. Etwa mit dem Begriff der Selbstverwirklichung oder dem Begriff der freien Selbstentfaltung der Persönlichkeit.
So eindeutig man diese Zielvorstellungen bejahen kann, ja muß, so unerläßlich ist es, ihren Sinn kritisch zu überprüfen.
Jeder einzelne von uns ist noch zutiefst beeinflußt von einer seit der Renaissance etablierten Grundhaltung, die Größe, Stärke und absolute Unabhängigkeit als Ziele der individuellen Entfaltung verherrlicht. In jeweils unterschiedlicher Weise spiegelt sich diese Grundhaltung in NIETZSCHES Vision des Übermenschen und HERBERT MARCUSES Utopie von dem befreiten Wesen, das sich schmerzlos alle Bedürfnisse befriedigt und sich in einem grandiosen narzißtischen Selbstgefühl ergehen kann. Jedenfalls ist nicht zu verkennen, daß sich seit dem Mittelalter in den westlichen Gesellschaften ein Selbstkonzept verbreitet hat, das für den einzelnen durch egozentrische Größenideen, für unsere Zivilisation im ganzen durch entsprechende kollektive Größenvorstellungen im Sinne eines unendlich machbaren Fortschritts gekennzeichnet ist. Angst, Schwäche, Krankheit und Leiden erscheinen in diesem Selbstbild weithin als vermeidbar oder gar als aufhebbar. Das hat praktisch dazu geführt, daß jeweils die Mächtigeren durch Unterdrückung die Schwäche und das Leiden bei anderen gewissermaßen deponieren wollen, um sich selbst davon freizuhalten. Das ist der psychologische Hintergrund einer prinzipiell imperialistischen Grundhaltung, die sich auf allen Ebenen vom Mann-Frau-Verhältnis bis zu sämtlichen Varianten von ausbeuterischem Kollektivegoismus wiederholt. Der ausgeprägt egozentrische Zug der Zielvorstellungen begründet automatisch soziales Mißtrauen. Man benötigt Schutzvorkehrungen, daß nicht die Selbstentfaltung des einen die des anderen blockiert. In dem tradierten Leitbild von der persönlichen Selbstverwirklichung steckt also ein potentiell antisoziales Element, das offensichtlich durch moralische und gesetzliche Normen streng kontrolliert werden muß. In diesem Sinne heißt es denn auch in Artikel 2 unseres Grundgesetzes: "Jeder hat das Recht auf die freie Entfaltung seiner Persönlichkeit, soweit er nicht die Rechte anderer verletzt, usw..." Die voll entfaltete freie Persönlichkeit wäre also unter Umständen ein sozialer Schädling. Selbstverwirklichung und Solidarität stehen demnach in einem grundsätzlichen Spannungsverhältnis zueinander. Dieses tradierte Konzept führt auch ganz zwangsläufig zu einer bestimmten Interpretation des sozialen Helfens. Dieses bekommt automatisch einen Akzent von Selbstüberwindung, von Verzicht und Opfersinn. Denn wer seine Persönlichkeitsentfaltung nicht erst dort begrenzt, wo er andere nicht verletzt, sondern schon viel früher, indem er gewissermaßen das Wachstum anderer auf Kosten des eigenen fördert, der scheint eine besonders hohe moralische Achtung zu verdienen. Denn offenbar hat er sich einen Verzicht auf natürliche Selbstverwirklichung zugunsten einer altruistischen Haltung abgerungen, die zu jener in Widerspruch steht. In letzter Zeit hat man freilich unter Wiederaufnahme von Ideen NIETZSCHES, SCHELERS und FREUDS aufs Neue entdeckt, daß sich soziales Helfen sogar durchaus auch, und zwar in verschiedenartiger Weise, in das klassische egozentrische Lebenskonzept einfügen kann. Mit Hilfe einer Mitleidsmoral können die Schwächeren die Stärkeren in der Gesellschaft entwerten und damit über diese triumphieren. Und im sozialen Helfen läßt sich auch insgeheim Macht und Größe gegenüber den ohnmächtigen und schwachen Hilfsbedürftigen genießen. So kann sich scheinbarer Altruismus als eine besonders raffinierte Strategie egoistischer Selbstverwirklichung entlarven. Kritische und selbstkritische Analysen dieser Art sind überaus nützlich, weil sie mit der falschen Verklärung eines Phänomens ein Ende machen, das immer wieder als Zeugnis dazu mißbraucht wurde, das Bild einer radikal egoistischen und imperialistischen Gesellschaftstradition schönfärbend zu verfälschen. Die verlogene Idealisierung von vermeintlichen Repräsentanten eines reinen altruistischen Edelsinns entstammt der Scham einer Gesellschaft, welche mit der Häßlichkeit des ewigen brutalen Miteinander-Rivalisierens nicht fertig wurde und diesen Defekt durch eine Kontrastillusion kompensieren mußte. KANT durchschaute diese Verlogenheit übrigens früh, indem er unter zeitgemäßer Voraussetzung einer im Prinzip egoistischen Bedürfnisstruktur des Menschen lediglich Achtung als die sittliche Pflicht und nicht etwa altruistische Neigungen als Bedingung moralischen Verhaltens akzeptierte.
Nun scheinen wir freilich in eine Phase einzutreten, in der sich Zweifel an der traditionellen Wertorientierung mehren. Der ewige Zwang zum Rivalisieren widerspricht so offensichtlich unserer gemeinsamen Lage, daß sich die Wünsche nach einer anderen, nach einer kooperativen Form des Zusammenlebens verstärken. Indessen herrscht da offensichtlich noch große Zwiespältigkeit. Dieser charakteristischen Ambivalenz begegnet der Psychotherapeut in steigendem Maße bei jungen, aber auch bei älteren Menschen, die hin und her schwanken, ob sie sich nach wie vor den vorgefundenen Strukturen und Normen der Rivalitätsgesellschaft beugen sollen oder ob sie nicht einen tieferen Sinn in einer kommunikativeren, am Prinzip der Solidarität ausgerichteten Lebensweise finden können. Andere bekunden, daß sie sich bereits ganz sicher darin fühlen, eine neue Form von Selbstverwirklichung zu suchen. In der sogenannten alternativen Bewegung artikuliert sich ja bereits sehr deutlich eine von der bisherigen abweichende Lebenshaltung. Sich selbst zu verwirklichen und sich miteinander gemeinsam zu verwirklichen, das erscheint hier nicht mehr als zweierlei, sondern als ein und dasselbe Bedürfnis. Ein charakteristisches Lebensmodell, das diesem Ansatz folgt, ist die Selbsthilfegruppe, auch die Selbsthilfeorganisation: Ich kann mit mir selbst nur weiterkommen, wenn ich Hilfe annehme und zugleich anderen helfe. Der Antagonismus von Egoismus und Altruismus verliert dadurch seine Bedeutung. In dieser neuen Perspektive kann man sich optimale Selbstentfaltung gar nicht anders als in kommunikativer Verbundenheit, als in einem permanenten Austausch von Geben und Nehmen vorstellen. Das bedeutet keineswegs, sich resignativ einem nivellierenden Kollektivismus auszuliefern, dem Individualität zum Opfer gebracht werden müßte. Vielmehr ist man spontan davon überzeugt, daß der einzelne dem Druck der modernen Massengesellschaft mit ihren ökonomisch-technischen Zwängen überhaupt nur noch innerhalb einer Solidargemeinschaft standhalten und auf diese Weise ein Höchstmaß an Freiheit bewahren könne. Indem man sich in der Eigenentfaltung unmittelbar aufeinander angewiesen fühlt, stellt sich diese Art von Selbstverwirklichung jedenfalls nicht mehr als etwas dar, was jeder neben dem anderen oder gar gegen die anderen für sich macht. Beziehungsweise was jener nur bis zu einer gewissen Grenze machen darf, um mit den Wachstumsbedürfnissen der anderen nicht zu kollidieren.
Der Soziologe NORBERT ELlAS, dessen Werk erst neuerdings allmählich zu gebührender Beachtung gelangt, unterstützt die Revision des herkömmlichen egozentrischen Selbstverständnisses, indem er sagt: "Die Vorstellung von den absolut unabhängig voneinander entscheidenden, agierenden und ,existierenden' Einzelmenschen ist ein Kunstprodukt der Menschen, das für eine bestimmte Stufe in der Entwicklung ihrer Selbsterfahrung charakteristisch ist." Das zu entwickelnde neue Menschenbild skizziert er so: "An die Stelle des Bildes vom Menschen als einer ,geschlossenen Persönlichkeit' tritt dann das Bild des Menschen als einer offenen Persönlichkeit," ... "die in der Tat von Grund auf Zeit ihres Lebens auf andere Menschen ausgerichtet und angewiesen, von anderen Menschen abhängig ist." - ELIAS verweist darauf, daß der Mensch ja in der Tat überall nur in Pluralität und Figurationen lebe. Er komme nur in einem Miteinander vor, nicht als abgekapselter "homo clausus" als ein "Selbst im Gehäuse".
Wenn Selbstverwirklichung in diesem Sinne begriffen würde als eine gemeinsame Verwirklichung aufeinander ausgerichteter und sich primär aufeinander angewiesen fühlender Menschen, dann verlöre der angeführte Passus im Artikel 2 des Grundgesetzes seinen Sinn. Dann erschiene nicht mehr die vollkommen frei entfaltete Persönlichkeit, sondern umgekehrt nur die unfreie Persönlichkeit als eine Gefahr für die Gemeinschaf1. Denn freie Entfaltung und destruktives Rivalisieren wären ein Gegensatz in sich. Bemerkenswert erscheint, daß die in letzter Zeit verstärkt bemerkbaren Vorstellungen von einer kommunikativen Selbstverwirklichung in einem Bewußtsein von Zusammengehörigkeit eben nicht von bestimmten Ideologen herrühren oder an einer bestimmten theoretischen Schule hängen. Im Gegensatz zur Phase der Studentenbewegung, in der man nichts so sehr wie Pragmatismus fürchtete und alles, was man machte, wenn man überhaupt etwas praktisch machte - , zuvor lang und breit theoretisch ausdiskutiert haben wollte, probiert man jetzt eher, unmittelbar in einer praktischen Lebensform auszudrücken, wie man selbst und miteinander sinnvoller als in der etablierten Rivalitätsgesellschaft existieren zu können hofft. Man tut sich mit anderen zusammen, nicht nur zum Wohnen, sondern, wo es geht, auch zum gemeinsamem Tun. In der sich leise, aber beharrlich ausbreitenden alternativen Bewegung ist ja inzwischen mancherorts schon eine regelrechte spezielle Kultur entstanden mit Gruppen, die handwerklich Gegenstände herstellen, mit Reparaturwerkstätten aller Art, mit Märkten, Druckereien, Kontaktzentren, Beratungsstellen usw. All diesen netzartig verbundenen Gruppen liegt ein zwar in sich nicht völlig einheitliches, dennoch ähnliches Lebenskonzept zugrunde. Darin spielen emotionale Werte eine hervorragende Rolle. Man will miteinander spontan, kommunikativ, sensibel, echt und offen umgehen. Was man macht, soll ökologisch, gesund und einfach sein. Partnerschaftlich und emanzipativ wünscht man sich die Beziehungen zwischen den Geschlechtern und den Generationen, ebenfalls die Verhältnisse zwischen Betreuern und Betreuten in spontanen sozialen Projekten. Dort, wo man Initiativen zur Unterstützung von sozial Schwachen, von Alten, von Ausländern, mißhandelten Frauen und Kindern oder von psychisch Kranken entfaltet, verändert man die Strukturen, in denen soziales Helfen üblicherweise erfolgt. Man geht davon aus, daß nicht die einen nur an den anderen etwas tun, sondern daß man etwas gemeinsam macht und daß dabei das Wohlbefinden aller wichtig ist. Voraussetzung ist eine gewandelte Einstellung zu Krankheit, Schwäche und Verhaltensschwierigkeiten. Man kann sich von seiten der Helfer deshalb auf besondere Nähe mit den Betroffenen einlassen, weil man es nicht mehr zur Selbststabilisierung nötig hat, sich von deren Problemen abzuschirmen. Man muß bei Identifizierung mit Schwäche nicht mehr um die eigene Stärke besorgt sein, wenn man die Vergötterung von Größe und Stärke überwunden hat. Letztlich fügen sich alle diese Projekte in das Konzept gemeinsamer Selbsthilfe ein. Der, der heute me1u Hilfe gibt, weiß, daß er morgen seinerseits Unterstützung braucht. Von Gebrechlichen kann man lernen, die eigene irgendwann bevorstehende Gebrechlichkeit tragen zu können. Es ist also weder Altruismus noch die Achtung vor dem Moralprinzip KANTS, wodurch sich dieses Beziehungsmuster charakterisieren läßt. Die Mitglieder solcher sozialen Projekte machen gern, was sie als einen sinnvollen Austausch von Geben und Nehmen erleben. Bis zu einer gewissen Grenze sind solche alternativen Ansätze auch in institutionell organisierte Arbeitsbereiche eingedrungen. In manchen Kliniken, Gemeinschaftspraxen, Bildungseinrichtungen und Jugendzentren experimentiert man mit entsprechenden neuartigen Kooperationsmodellen. Schwierig wird es für diese Versuche freilich immer dann, wo sie mit bürokratischen Vorschriften kollidieren und wo man ihnen zutraut, sie legten es in dem jeweiligen Bereich darauf an, das gesamte hierarchische Personalgefüge. ins Wanken zu bringen. Deshalb halten sich erfahrungsgemäß solche Modelle am ehesten, die gegebene Spielräume an der Basis maximal nutzen und sich zunächst in horizontaler Ebene weiter auszubreiten versuchen. Nach diesem Prinzip entwickeln sich zur Zeit vielerorts sogenannte Psychosoziale Arbeitsgemeinschaften. In einer begrenzten Region tun sich die Mitglieder möglichst aller hier arbeitenden Einrichtungen zusammen, die mit der Prävention, Therapie und Rehabilitation von Verhaltensgestörten, psychisch Kranken, Süchtigen, Behinderten oder Menschen in sozialen Krisensituationen zu tun haben. Sie treffen sich regelmäßig, bilden Untergruppen, treiben gemeinsam Fortbildung, entwickeln institutionsübergreifende Projekte. Auf jegliche erdenkliche Weise versuchen sie, ihre Isolation voneinander abzubauen und ihre Arbeit besser miteinander zu koordinieren. In unserem Lahn-Dill-Gebiet sind zur Zeit Vertreter aus 80 Institutionen an einem solchen Kooperationsmodell beteiligt, das sich vor sechs Jahren von der Basis aus als eine Art Selbsthilfeorganisation von Helfern entwickelt hat. An zahlreichen Orten sind ähnliche Unternehmungen entstanden, die zum Teil eine bemerkenswerte Durchhaltefähigkeit demonstrieren. Dennoch ist nicht zu verkennen, daß alle diese als alternativ zu bezeichnenden Versuche neuer Lebens- und Arbeitsgemeinschaften, die von einem starken Bedürfnis nach Kommunikation und solidarischer Selbstverwirklichung getragen werden, sich vorerst nur in einer gesellschaftlichen Randzoneabspielen. Punktuelle Durchbrüche erfolgen, wo etwa konkrete ökologische Probleme eine Politisierung und Vereinfachung zahlreicher Spontaninitiativen auslösen, was etwa zur Massenbewegung der Grünen geführt hat. Im ganzen gesehen fristen die alternativen Initiativen indessen nach wie vor eher ein Schattendasein an der Peripherie eines im wesentlichen unerschütterten gesellschaftlichen Betriebs, der eisern von ökonomisch-technischen Zweckmäßigkeiten bestimmt wird. Denn wie sich etwa von Jahr zu Jahr die Arbeitswelt in unseren Industriegesellschaften verändert, richtet sich bekanntlich im allgemeinen nur selten danach, wie sich die Arbeitenden selbst eine Humanisierung ihrer Arbeitssituation vorstellen, vielmehr vorrangig danach, was wirtschaftlich vorteilhaft ist. Aus der elektronischen Revolution liest man ab, daß arbeitende Menschen vielerorts überhaupt unwirtschaftlich geworden sind. Eben wegen ihrer Bedürfnisse sind sie zum Beispiel den bedürfnislosen elektronisch gesteuerten Robotern unterlegen und werden diesen in den nächsten Jahren vielleicht Hunderttausende von Plätzen zu räumen haben. Man kann diese Entwicklung durch Hochrechnung prognostizieren. Sie geschieht, so scheint es, automatisch aus der Eigendynamik des technischen Wandels heraus. Man redet sich nun ein, wirtschaftliche Zwänge und technische Erfindungen bestimmten den gesellschaftlichen Prozeß von sich aus, und man beschwichtigt sich mit der Unterstellung, daß Nutzung neuer technischer Möglichkeiten schon Fortschritt schlechthin sei, also auch, wie indirekt auch immer, ein Fortschritt für uns Menschen. Dabei sind es ja doch wir, die der Technik ihre Aufgaben zuzuweisen haben. Wenn wir uns, um es in den Worten von HANS JONAS zu sagen, von expansionistischen auf "homeostatische" Ziele im Mensch-Umwelt-Verhältnis umstellen könnten, würde dies ja doch keineswegs heißen, die technische Entwicklung als solche zu hemmen. Aber die Art der neu zu entwickelnden Technologien wäre eine andere. Bisher ist es ja doch unsere expansionistische Grundhaltung zur Welt, die ich in meinem Buch "Der Gotteskomplex" als inneren Zwang zur Allmacht aus unbewußten Ohnmachtsängsten zu beschreiben und zu erklären versucht habe, die uns ausschließlich auf eine entsprechende expansionistische Entwicklung von Wirtschaft und Technik festlegt. Es ist dies die gleiche kollektivpsychische Disposition, die uns einerseits in einen immer gefährlicheren ökonomisch-technischen Gigantismus treibt und uns andererseits periodisch jenen machtpolitischen Konfrontationen ausliefert, von denen eingangs die Rede war. Grundsätzlich wäre es nun möglich, diese Disposition zu ändern. Wir könnten noch umdenken. Eine unbeeinflußbare Eigengesetzlichkeit der ökonomisch-technischen Entwicklung anzunehmen, heißt, daß man sich den Mut oder die Kraft zum Widerstand nur nicht mehr zutraut. Hält man diesen Widerstand gar für undenkbar, so bedeutet dies, daß das Denken selbst sich durch einen Verinnerlichungsprozeß so mechanisiert hat, daß sich in ihm gar nicht mehr die Spannung schmerzlicher Selbstentfremdung spiegeln kann. Die lebensfähigen, d. h. ökonomisch tragfähigen Modelle der alternativen Kultur sind ein entscheidendes Gegenargument gegen die Theorien von der absoluten Unentrinnbarkeit der ökonomisch-technischen Zwänge des Expansionismus. So unscheinbar und kleinformatig sich diese Initiativen auch ausnehmen - sie beweisen, daß man nicht nur anders denken, sondern sich auch in einer anderen Praxis des Lebens und Arbeitens halten kann. Bemerkenswert ist, daß diese Gruppen im Gegensatz zu den flüchtenden Sektierern und Suchtgefährdeten in der Gesellschaft verweilen können. Sie bilden allmählich unverdrossen in aller Stille ein netzförmig zusammenhängendes gesellschaftliches Subsystem, das für viele, die des etablierten Rivalitätsbetriebs überdrüssig sind, zunehmend attraktiv wird. Dabei ist von untergeordneter Bedeutung, welche unterschiedlichen Mängel den einzelnen alternativen Modellen anhaften. Sie stellen ja nicht als solche gesellschaftliche Heilsrezepte dar. Sie sind ernst zu nehmen als ermutigendes Zeugnis dafür, daß die Idee einer kommunikativen solidarischen Selbstverwirklichung überhaupt lebendig ist und daß in ihr Energien stecken, die solchen Modellen ein Standhalten, wenn auch am Rande, so doch immerhin unter uns, möglich machen. Beachtenswert ist dabei auch das positive Sinngefühl, das viele dieser Gruppen zu der Unaufdringlichkeit und Offenheit befähigt, mit der sie untereinander und mit der Umgebung umzugehen pflegen. Die meisten von ihnen scheinen ohne jeden Fanatismus und Rigorismus auskommen zu könne, wie er sich sonst von Zweifeln an der Tragfähigkeit des positiven Gruppenvertrauens herzuleiten pflegt. Aber eines ist klar. Alle noch so positiven Befunde bei der Betrachtung solcher Modelle können nicht als Beweis objektiv darüber entscheiden, ob es ein ursprüngliches Bedürfnis nach einer kommunikativen Selbstverwirklichung in Gemeinschaft gibt oder ob es sich hier nur um schöne Träume von naiven Solidaritätsenthusiasten handelt. Hier geht es grundsätzlich um eine Frage, die sinnvollerweise gar nicht aus der Position eines neutralen Beobachters theoretisch zu beantworten ist. Wer wie einen vorfindbaren Gegenstand untersuchen will, was ihn selbst zur Entscheidung auffordert, verfehlt bereits das eigentliche Problem. Die Frage ist doch, ob und in welchem Maße du und ich entscheiden, nach den vorgegebenen Prinzipien des egozentrischen Expansionismus oder anders zu leben. Ob du und ich mit positivem Sinngefühl anfangen, im Zusammenleben von Mann und Frau, von Eltern, Großeltern und Kindern, von Bürger zu Mitbürger etwas zu ändern. Ob wir uns etwa von einem wechselseitigen Helfen und Hilfeannehmen mehr Genugtuung verschaffen als von der weiteren Befolgung des Ideals von Größe, Stärke und Macht. Ob wir in sozialer Offenheit dasjenige Klima von Wärme und Entspannung verwirklichen, das wir doch gemeinhin meinen, wenn wir davon reden, unsere Welt vermenschlichen zu wollen. Die Frage also, ob so etwas möglich ist, lautet eigentlich: Will ich dies hier und jetzt, und verbünde ich mich mit anderen, um es zu tun? Im praktischen Handeln habe ich, haben wir auf die Probe zu stellen, was neu ausgearbeitete Leitvorstellungen taugen, oder, besser, inwieweit wir selbst für sie reif sind. Nur in einer Wechselbeziehung von Denken und Machen wird Solidarität ein verbindlicher Wert. Auch wenn man persönlich das Glück hat, in einem Kreis von Gleichgesinnten einige Zuversicht in die Möglichkeiten eines alternativen Denkens und Handelns entwickeln zu können, sollte man sich indessen nicht darüber täuschen, daß vielen ein Zugang zu dieser Orientierung vorläufig verschlossen ist. Wer z. B. noch unbeirrt in der Perspektive der traditionell eingeimpften Größenträume rackert und rivalisiert und endlich ein bißchen mehr nach oben will, um sich gegen untere zu stabilisieren, der wird sich eher scheuen, sich von jenen Gegenmodellen irritieren zu lassen. Erst recht werden viele, die sich in diesem mörderischen Wettlauf endlich ein wenig Größe und Macht erstritten haben, die traditionellen 'Normen verteidigen wollen, denen sie es verdanken, diese Triumphe eben als Triumphe zur Abstützung ihrer Selbstachtung werten zu können. Aber auch diejenigen, die umgekehrt als die Opfer der Rivalitätsgesellschaft nach unten gedrückt worden sind und sich dort, um nicht vollends herauszufallen, widerwillig. arrangiert haben, mögen oft davor zurückschrecken, ihre Situation durch ein Gegenbild in Frage stellen zu lassen, das ihre niedergehaltene Verzweilflung hervorbrechen lassen könnte. Es ist leichter, eine schlimme Lage zu ertragen, wenn man etwas, was man im Grunde möchte, aber nicht verwirklichen zu können glaubt, als unrealistische Traumtänzerei entwerten kann. Und da ist schließlich die große Zahl derer, die sich allmählich selbst schon in perfekte Abbilder unserer technokratisch durchorganisierten Gesellschaft verwandelt haben. Der Anblick von Beispielen einer anderen Lebenshaltung fordert sie zu gar keiner, weder zu einer erstaunten, noch zu einer ärgerlichen oder ressentimenthaften Reaktion heraus. Sie interessiert, wie sie persönlich in dem technokratisch geregelten Betrieb dort, wo sie gerade eingespannt sind, mechanisch glatt mitfunktionieren können. Was sich außerhalb an unangepaßten Lebensweisen regt, macht sie nicht persönlich betroffen. Aber ohne Wimperzucken billigen sie alle Strategien, die solcherlei lästige Auffälligkeiten entweder als exotische Extravaganzen abzukapseln oder mit Hilfe der Psychiatrie, der Sozialadministration oder der Justiz zu disziplinieren versuchen. Wer in der Psychiatrie oder in der Sozialtherapie tätig ist, wird mir recht geben, daß diese gleichgültige technokratische Haltung, unempfindlich für die eigene Inhumanität, in der Bevölkerung, erst recht in den Bürokratien, weithin wirksam ist. In Wechselwirkung zwischen Apparat und den Menschen werden Abstumpfung und psychische Verarmung als Massenphänomene reproduziert. Derartige allmähliche Entdifferenzierungsvorgänge zählen zu den beklemmendsten Erfahrungen in einer jahrzehntelangen Therapeutenpraxis. Damit bin ich bereits auf dem Wege, Ihnen am Ende eine zentrale Wurzel des Interesses eines analytischen Psychotherapeuten an der Klärung des Ziels und der Möglichkeiten von Selbstverwirklichung zu verraten. In unserem Beruf sieht man täglich mit an, was das übliche rivalitätsbestimmte Drücken und Gedrücktwerden, das ewige Hetzen, Taktieren und Manipuliertwerden oder auch nur das bloße monotone technokratische Mitfunktionieren an psychischen Zerstörungen anrichtet. Viele unserer Patienten sind dabei psychisch mit Ängsten oder Depressionen dekompensiert, andere werden bei imposanter fassadärer Stärke und Fitness von unsichtbaren Verschleißerkrankungen wie Bluthochdruck, Koronarschäden oder Magenkrankheiten zermürbt. Wieder andere erkaufen sich soeben noch den äußeren Anschein von Stabilität durch ruinöse Abhängigkeit von Psychopharmaka oder Rauschmitteln. In Partnerschaften muß oft der eine zusammenbrechen, weil der andere ihm obendrein zu tragen aufbürdet, was dieser bei sich selbst ·an Schwäche verdrängt. Alle diese Varianten von unbewältigten Konflikten und psychosozialem Scheitern gefährden das Gleichgewicht des mitfühlenden Psychotherapeuten, dem fälschlicherweise oft zugetraut wird, daß er über den Problemen stehe, die er tagtäglich analysiert. Der Psychotherapeut erlebt, daß er seinen Patienten in deren vielfältigen Ängsten, Verbitterungen und Verzweiflungen nur Halt bieten kann, wenn auch er selbst einen solchen Halt erfährt. Diesen kann er sich vielleicht schaffen, indem er sich allmählich in eine Art von technokratischem Psychoingenieur verwandelt, der den Druck der Probleme durch filternde Theoretisierung und nüchterne handwerkliche Verarbeitung auffangt. Aber genau damit würde er diejenigen Prinzipien unseres gesellschaftlichen Betriebs in sich reproduzieren, welche eben die psychische Abstumpfung und Mechanisierung erzeugen, von denen zuvor die Rede war. Will er sich indessen trotz der ihm zugetragenen Fülle von Konflikten und Leiden Offenheit und soziale Sensibilität bewahren, wird er sich als Betroffener wiederfinden, der andere braucht, die mittragen, was von unbewältigten fremden zusätzlich zu den eigenen Schwierigkeiten ihn überlastet. So ist es zu dem Brauch gekommen, daß manche Therapeuten sich jahrzehntelang wechselseitig therapieren, um ihre Stabilität zu bewahren. Aber, wer immer nur Therapeut oder Patient ist, der isoliert sich in einer artifiziellen skotomisierten Lebensperspektive. Im bloßen stetigen Wechsel zwischen Therapeutensessel und Analysencouch und zurück verschwimmen für den Betreffenden die konkreten sozialen Probleme, die seine Klienten drücken und krank machen, zu einer Nebensache, eben weil er selbst sich in diese Welt kaum noch begibt und sich deshalb darin auch nicht mehr auskennt. So führt dieser Weg schließlich ebenfalls in eine Art Krankheit, nämlich in eine weltflüchtige narzißtische Eindimensionalität. Freilich ist eine stetig wachsende Zahl unzufriedener Menschen bereit, mit Therapeuten das Leben in diesem heimlichen Exil zu teilen. Von der amerikanischen Westküste her breitet sich allmählich so etwas wie eine psychotherapeutische Sektenkultur aus, die das Arrangement der Psychotherapie als einzige Lebensform erklärt, die in einer unerträglich gewordenen Welt noch Wohlbefinden ermögliche. Sich im Schutzraum therapeutischer Beziehungen auszudrücken und auszuleben, gilt als das Höchste, was man sich noch wünscht. Viele entsprechende Patienten bringen es zuwege, sich in einer Dauertherapie heimisch einzurichten oder allenfalls jeweils nach einigen Jahren von einem Therapeuten zum nächsten zu wechseln. Und es gibt wahrlich genügend Therapeuten, die ihren eigenen sozialen Rückzug allzu gern von solchen Patienten rechtfertigen lassen, die Therapie als die eigentliche Lebenserfüllung idealisieren und den Vermittlern dieser Therapie entsprechend als Heilbringern huldigen. In genau umgekehrter Richtung verlaufen Versuche, die Selbstisolierung bestimmter Therapie- oder Betreuungssysteme aufzubrechen. Da erkennen Psychotherapeuten ebenso wie Lehrer, Sozialarbeiter, Berater, Pfarrer, Jugendrichter, Gemeindehelfer usw., daß sie viel enger zusammenarbeiten sollten, um die in vielen Fällen komplexen Bedingungen für Prävention, Therapie und Rehabilitation positiv beeinflussen zu können. Im Anteilnehmen aller an den Problemen der anderen, die aus vielen unterschiedlichen Feldern psychosozialer Tätigkeit kommen, kann man sowohl zu einem ganzheitlichen Verständnis der Zusammenhänge von Krankwerden und Gesundwerden wie auch zu der Genugtuung gelangen, daß die sich wechselseitig ergänzende Arbeit aller den Ertrag der Bemühungen des einzelnen um ein Vielfaches vermehren kann. Diese Erfahrungen setzen indessen voraus, daß man miteinander - auch im Betreuer-Klient-Verhältnis - die künstlich übertriebenen Asymmetrien von Lehren und Belehrtwerden, von Helfen und Hilfe-Annehmen verändert. Und daß man sich auf eine Nähe zueinander einläßt, die von sich aus dazu auffordert, die Unterschiede in der Macht, im Status, im Wissen, im Alter zu relativieren. Erreicht man diese Nähe und das damit verbundene ungemein entlastende Zusammengehörigkeitsbewußtsein, empfindet man im Kontrast geradezu leibhaftig die Unsinnigkeit vieler Normen und Regelungen, die uns einen distanzierten Umgang in Oben-unten-Verhältnissen selbst dort auferlegen, wo dadurch die dringliche Wechselseitigkeit der Unterstützung verhindert wird.
Es ist nebensächlich, wo der erste Durchbruch durch die konventionellen Beziehungsmuster erfolgt, ob in der Zweierbeziehung, im Eltern-Kind-Verhältnis, in einer Wohngemeinschaft, in einem Arbeitsteam oder in einer regulären Selbsthilfegruppe. Die Grunderfahrung des wechselseitig Auf-einander-Angewiesenseins, verbunden mit dem Drang zu gemeinsamer Selbstentfaltung, strahlt automatisch auf alle Lebensbereiche des Betreffenden aus. Sie wandelt sein Verhältnis als Mann zur Frau, als Mutter oder Vater zum Kind, als Kollege zum Kollegen und auf jeden Fall auch als Betreuer zum Betreuten. Die Mutter wird mit mehr Sensibilität und zum eigenen Nutzen registrieren, daß ihr Kind sie nicht selten besser durchschaut als sie sich selbst. Und sie wird sich zugestehen, daß sie nicht allein von sich aus, sondern erst mit Unterstützung des Kindes herauszufinden vermag, wie sie sich als Mutter gut fühlen kann. Und dem Psychiater wird die Erfahrung helfen, daß kaum einer ihm Wesentlicheres und Hilfreicheres über ihn und seine Probleme sagen kann als manche seiner Patienten. Indem in solchen Beziehungen jeder für den anderen gleichermaßen wichtig wird, kehren sich weder das Eltern-Kind-Verhältnis noch das Arzt-Patient-Verhältnis um. Aber diesen wie allen vergleichbaren Rollenbeziehungen wird der Zwang genommen, daß immer nur der eine für den anderen einzustehen und dessen Wohl zu hüten hat, was den Aktiven überlastet und den Passiven schwach erhält und beide unweigerlich voneinander entfremdet. Am Ende schält sich klar als Lernziel heraus: Das Grundmuster unserer menschlichen Verhältnisse ist die Einheit von Selbstverantwortung der einzelnen und gemeinsamer Verantwortung in einer letztlich unteilbaren menschlichen Gemeinschaft.
Lassen Sie mich mit einem Blick auf ein aktuelles politisches Beispiel unserer Tage schließen. Eine Probe für uns, ob wir wenigstens einen Schritt zur Überwindung einer für uns alle schädlichen gesellschaftlichen Spaltung in Richtung eines Zuwachses an Solidarität tun wollen oder können, ist unsere Haltung gegenüber der in unserem Lande überfälligen Reform der Psychiatrie. Es geht hier dar~ um, ob wir die Chance wahrzunehmen fähig sind, mit Hilfe erheblicher vom Bundesfinanzminister zur Verfügung gestellter Gelder unser Zusammenleben mit psychisch Gefährdeten, Kranken und Behinderten zu verbessern. Vor neun Jahren hat der Deutsche Bundestag die Psychiatrie-Enquete in Aufrag gegeben. Vor vier Jahren sind alle notwendigen Vorschläge für die Durchführung der Reform von den Sachverständigen abgeliefert worden. Vor wenigen Monaten endlich hat der Bundestag den Sachverständigen-Bericht diskutiert und sich in seltener Einmütigkeit der Parteien für die Reform ausgesprochen. Allerdings waren dabei unter den Parlamentariern die einschlägigen Spezialisten nahezu unter sich. Die Bank der Länderverteter war leer.
Und ob die Länder die vom Bundesfinanzminister für eine großzügige Modellförderung angebotenen 500 Millionen auch tatsächlich im Sinne der Reform zu verwenden bereit sind, ist bis zur Stunde höchst zweifelhaft. Vielmehr möchten zahlreiche Länder nur wieder die Gettos der großen Landeskrankenhäuser ausbauen, anstatt umgekehrt diese schrumpfen zu lassen und mehr Hilfe dorthin zu tragen, wo krisengefährdete oder kranke Menschen diese brauchen, um nicht erst aus ihren sozialen Bindungen herausgerissen und fernab in Anstalten isoliert werden zu müssen.
Wir brauchen KontaktsteIlen, Clubs, Übergangsheime, beschützende Wohngemeinschaften und Werkstätten in den Gemeinden. Wir benötigen in Stadt und Land überhaupt nicht mehr Psychiatrie, dafür mehr örtliche Koordination und Kooperation zwischen den zahlreichen zersplitterten Diensten der psychosozialen Versorgung; zwischen Ärzten, Psychologen, Beratern, Sozialarbeitern, Bewährungshelfern, Pfarrern, Lehrern, Gemeindehelfern usw. Und wir brauchen moderne Fortbildungsprogramme, damit diese vielen, die heute noch allzu schmalspurig und isoliert nebeneinander herarbeiten, eine solche Kooperation lernen.
Dazu müssen freilich auch die sogenannten Träger umdenken, die ihre Einrichtungen einschließlich der darin tätigen Mitarbeiter oft wie exklusive Besitztümer hermetisch nach außen abschirmen. Sämtliche notwendigen Reformmaßnahmen können aber nur voll wirksam werden, wenn wir uns alle dazu bereit finden, Menschen mit psychischen Krankheiten und Behinderungen bei uns in den Familien und in den Gemeinden zu halten und durch die bewahrte Gemeinschaft ihnen wie uns selbst zu helfen. Das Zögern der politischen und administrativen Gremien, die gesellschaftliche Reintegration der psychisch Kranken und Behinderten durch eine entsprechende Reform zu unterstützen, hängt ja doch mit dem Verdacht zusammen, daß wir, die Bürger, diese Menschen gar nicht so nahe bei uns haben wollten und ganz zufrieden damit wären, das Problem nach wie vor den großen Anstaltsghettos zuteilen zu können, wenn man diese zu unserer Gewissensentlastung nur ein wenig gefälliger und moderner ausstatten würde. Eigentlich sind also wir alle gefragt. Es fällt in unser aller Mitverantwortung, welche Grundsatzentscheidung in den Bundesländern getroffen werden wird. Und zwar sind wir gefragt, ob wir mehrheitlich schon fähig sind, unseren Sinn für Solidarität nicht nur in Verbindung mit Hoffnungen auf die Fernsehlotterie der "Aktion Sorgenkind" zu bekunden, sondern auch und vor allem durch den Willen zu praktischer nachbarlicher Gemeinschaft mit solchen Menschen, die uns die Verleugnung unserer eigenen Anfälligkeit und Brüchigkeit verwehren.

Hildegard Hamm-Brücher
Mut zum Engagement
Eine freiheitliche Gesellschaft lebt von der Vielfalt, von der Bereitschaft zum Engagement, dem Verantwortungsgefühl und der Toleranz seiner Bürger. Sie ist gefährdet durch Rücksichtslosigkeit gegenüber dem Schwächeren, Egoismus, Vereinsamung, Ziel- und Zügellosigkeit. - Ihre Chance besteht darin, die Möglichkeiten der Freiheit zu nutzen, um ihren Gefährdungen entgegenzuwirken. Das ist das Leitmotiv der diesjährigen Verleihung des THEODOR-HEUSS-PREISES: Die Verantwortung für den Nächsten in einer freiheitlichen Gesellschaft und die Ermutigung hierzu. Horst Eberhard Richter, die deutsche Sektion von Terre des Hommes, vier Nachbarschaftshilfen rund um München, Gerhard Mauz und der Deutsch-Türkische Kindertreff in Berlin, das sind die Beispiele für ein solches demokratisches Engagement, Beispiele, die wir unter anderen ausgewählt haben, bei denen es nicht um Macht und Mehrheiten, nicht um Attraktionen und Schlagzeilen geht, sondern ganz einfach um unseren Nächsten - und die Verantwortung für ihn. Die Bedingungen, unter denen diese Art des Engagements stattfindet, sind - wie ich gleich berichten werde - alles andere als glanzvoll. Mühe und Enttäuschung, Schwierigkeiten und Unzulänglichkeiten überwiegen, Anerkennung und Ermutigung gibt es selten. - Aber das ist das Entscheidende:- Unsere Preisträger haben Verantwortung übernommen, wo andere wegsehen.
- Sie setzen sich dort ein, wo die Möglichkeiten der Freiheit keine persönlichen Vorteile bringen, sondern offenkundig zwischenmenschliche Defizite verursachen.
- Sie halten dort stand, wo andere flüchten oder gar nicht erst hinstehen.

Mit dieser Auswahl wollen Vorstand und Kuratorium bewußt nicht nur an unser' (soziales oder christliches) Gewissen und an unsere Mitmenschlichkeit appellieren. Wir wollen auch und vor allem daran erinnern, daß es sich bei unserer Verantwortung für den Nächsten auch um ein politisches Problem handelt, das sehr viel mit unserem demokratischen Selbstverständnis zu tun hat. Denn persönliche Verantwortung für den Nächsten, verstanden als eine politische Aufgabe, das ist in unserem Lande - zumindest in den letzten fünfzig Jahren - keine Selbstverständlichkeit gewesen. Von den Nazis wurde sie im Rassenwahn, in blindem (Partei-)gehorsam und Feindeshaß erstickt und ins krasse Gegenteil pervertiert. Sie konnte auch nicht gut gedeihen in einer von materieller Wiederaufbaumentalität geprägten Nachkriegsgesellschaft, in der jeder sich selbst der Nächste war, und sie scheint vielen nicht mehr erforderlich zu sein in einer florierenden Wohlstandsgesellschaft, in der ein fest und eng geknüpftes Netz staatlich garantierter sozialer Sicherheiten jeden aufzufangen scheint, der der Hilfe bedarf.
So haben wir uns daran gewöhnt, immer nach dem Staat, nach Gesetzgebung und öffentlicher Hilfe zu rufen, wenn ein Notstand oder Mißstand offenbar wird. Das hat zur Folge, daß in unserer Gesellschaft zwar tatsächlich den allermeisten Menschen in den Wechselfällen des Lebens materiell geholfen werden kann, daß sich aber immer mehr Menschen in ihren Nöten im Stich gelassen fühlen und daß sich statt Sicherheit und Geborgenheit das Gefühl der Kälte, des Verlorenseins und der Gleichgültigkeit einstellt.
Kommt das daher, daß sich viele Nicht oder noch nicht Betroffene sagen, wieso sie sich für den Nächsten verantwortlich fühlen sollen, wenn Gesetzgebung und Staat für alles vorgesorgt haben? Schließlich zahlt man ja genügend Steuern und gibt zudem regelmäßig bei caritativen Sammlungen?
Erst in jüngster Zeit wächst die politische Einsicht, und unser Preisträger Horst Eberhard Richter hat hieran entscheidenden Verdienst, daß eine freiheitliche Gesellschaft, die die Verantwortung für den Nächsten "von der Wiege bis zur Bahre" an den Staat abtritt, nicht nur hart und rücksichtslos wird, sondern auch in der Vitalität zwischenmenschlicher Beziehungen bis hinein in persönliche Bindungen verarmt. Aber diese Einsicht ist noch sehr zaghaft, und sie scheut die Konsequenzen, denn natürlich will niemand die errungenen sozialen Sicherheiten in Frage stellen. - Was aber dann? Sich mit ihren negativen Begleiterscheinungen abfinden? - Haben wir uns nicht bereits damit abgefunden, inklusive die Liberalen, die doch der staatlichen AII- und Übermacht an sich mißtrauen?
Das mindeste, was wir tun können - und als eine freie Stiftung, die sich ihrem liberalen Namensträger verpflichtet fühlt, bemühen wir uns seit 16 Jahren darum - ist, soviel Gegengewichte wie möglich zu schaffen, in dem wir freies politisches, soziales und humanitäres Engagement unterstützen und dazu ermutigen. So auch mit der Auswahl unserer diesjährigen Preisträger, denen gemeinsam ist, daß sie sich mit dem Abtreten von Verantwortung an den anonymen Staat nicht abfinden, daß sie der Versuchung des Verdrängens und Wegsehens widerstehen und daß sie, jeder in einem anderen Bereich offenkundiger und unmittelbarer Nöte, persönliche Verantwortung für den Nächsten übernommen haben.

Horst Eberhard Richter
·.. indem er uns durch seine Bücher die eben beschriebenen Gefährdungen nicht nur beschrieben und bewußtgemacht hat, sondern weil er durch sein persönliches Handeln immer wieder bewiesen hat; daß er bereit ist, die geforderte persönliche Verantwortung auch für sich selbst zu übernehmen;

die deutsche Sektion von Terre des Hommes (eine ursprünglich Schweizer Initiative)
·.. indem sie sich in rund 150 Arbeitsgruppen und mit rund 3000-4000 Mitgliedern in ganz persönlichem Einsatz seit über 12 Jahren der unbeschreiblichen Not der Kinder in aller Welt annimmt; die Nachbarschaftshilfen
·.. indem sie da persönliche Hilfe anbieten, wo Anonymität und Isolierung beginnt - in der Nachbarschaft;

der Deutsch-Türkische Kindertreff in Berlin
·.. indem er sich unter den allerschwersten, schier hoffnungslosen Bedingungen seit 1977 um die außerschulische Betreuung von deutschen und türkischen Kindern bemüht;

und schließlich Gerhard Mauz,
·.. der durch seine engagierte Prozeßberichterstattung eine im Journalismus seltene persönliche Verantwortung für den nach seiner Überzeugung in einer Umwelt voller Vor-Urteile schwächeren Nächsten praktiziert.

Bei der Auswahl unserer Preisträger war und ist uns allerdings auch diesmal besonders deutlich bewußt geworden, daß wir nicht mehr als Beispiele - stellvertretend für gleiche oder ähnliche Bemühungen - auswählen und auszeichnen können, daß wir also mit unserer Auswahl nicht mehr als ein Zeichen setzen können - ein Zeichen, für das, was wir meinen, wenn wir über die Verantwortung für den Nächsten in einer freiheitlichen Gesellschaft nachdenken und ein Zeichen unserer Anerkennung und Ermutigung für alle, die zu dieser Verantwortung bereit sind.
Wir wollen deshalb - und das zum ersten Mal - Ihre Spenden in Höhe von rund 7000 Mark (für die wir von Herzen danken) zur Unterstützung folgender ähnlicher Aktivitäten mit je 500 Mark verwenden:

-die Dritte-Welt-Gruppe Opladen-Leverkusen
- das Seniorenhilfswerk Köln
- den Jugendhofverein Kollektive. V. in Odenthal-Schallemich
- den Club 68, einen Verein für Behinderte und ihre Freunde in Hamburg
- die Jugendgruppe JVHS-Fuhlsbüttel in Hamburg
- das Antikriegshaus Sievershausen
- das Projekt Ausländerarbeit in Haidhausen an der Stiftungsfachhochschule München
- die Katholische Studierende Jugend in München
- die Schülerinitiative Lemgo
- die Waldjugendspiele in Donaustauf

Diese ideelle Anerkennung und diese bescheidene materielle Ermutigung soll dazu beitragen, daß wir alle uns mehr als bisher auch der persönlichen Verantwortung für unseren schwächeren Nächsten bewußt werden. Auch die politisch Verantwortlichen sollten beispielhaft dazu beitragen.
Ich möchte nun etwas ausführlicher über die Tätigkeit unserer Preisträger berichten und beginne mit der scheinbar selbstverständlichsten Möglichkeit von Verantwortung für den Nächsten mit den Nachbarschaftshilfen.
Ich tue es mit ihren eigenen Worten: "Die Anfange unseres Vereins waren wenig spektakulär: Im Frühjahr 1971 saßen einige junge Ehepaare am Stammtisch beisammen, die zwar zueinander Kontakt gefunden hatten, sonst aber als Neubürger in der rasch wachsenden Gemeinde keinerlei Verbindungen hatten aufnehmen können. Aus der gemeinsamen Sorge, etwa kurzfristig nicht einmal ein Kleinkind in Obhut geben zu können, um Arztbesuche, Behördengänge oder Einkäufe in der Stadt zu erledigen, erwuchs der spontane Entschluß, die Sache selbst in die Hand zu nehmen und einander auszuhelfen. Man gründete einen ,Arbeitskreis Nachbarschaftshilfe', der umgehend die Unterstützung der Gemeinde fand und im Freizeitheim einen Kinderpark eröffnete. Die Gründungsversammlung fand am 28. Oktober 1971 statt. Heute haben wir fast 300 Mitglieder. Wenn Sie uns fragen, wie wir unsere Arbeit selbst beurteilen, so möchten wir folgende vier Gesichtspunkte hervorheben: Als erstes stellt unsere Tätigkeit eine rasche und ohne umständliche Formalitäten von Bürger zu Bürger gewährte Hilfe in Notlagen verschiedenster Art dar. Dieses von Anfang an verfolgte Ziel hat sich nicht geändert. Wir leisten Integrationsarbeit für zahlreiche Neubürger in der weiterhin stark wachsenden Gemeinde, aber auch für Alteingesessene, die aufgrund Alters oder Krankheit ihre Kontakte zur Umwelt verloren haben. Unsere Organisation ist ein Bindeglied, über das oft Bekanntschaften und manchmal Freundschaften geschlossen werden. Mehr noch als für die Betreuten gilt das für die Helfer, die, sofern sie Neubürger sind, hier ein erstes Betätigungsfeld finden mit der Möglichkeit, zahlreiche neue Kontakte anzubahnen. Es ist für uns keine Frage der Ideologie, sondern unsere während jahrelanger Arbeit gesammelten Erfahrungen, daß sich der immer weiter um sich greifende Professionalismus im Sozialbereich totzulaufen beginnt. Isolation und die Folgen von Vereinsamung lassen sich nicht überwinden, wenn in jeder Not- und Ausnahmesituation Hilfe und Trost nur noch durch einen immer spezieller und für einen stets enger werdenden Sektor ausgebildete Experten möglich sind. Menschen in Not und Einsamkeit verlangen aber gerade nach Begegnungen, bei denen sie dem Partner von gleich zu gleich gegenübertreten können und sich nicht der Zweifel regt, vom anderen am Ende nur als beruflicher Problemfall betrachtet zu werden...
Eine ebenfalls nur nebenbei gewonnene, für uns jedoch sehr erfreuliche Erkenntnis besteht darin, daß in unserem Kreis viele Bürgerinnen und Bürger, insbesondere Hausfrauen, Fähigkeiten offenbaren, die ihnen selbst gar nicht bewußt gewesen waren. Aus dem Berufsleben ausgeschieden, vom öffentlichen Leben abgeschirmt, entdecken sie plötzlich, daß sie auf ihnen zunächst fremden Gebieten wertvolle Dienste zu leisten und mit der Zeit immer verantwortungs- und anspruchsvollere Aufgaben zu übernehmen vermögen. Hand in Hand damit geht ein Anwachsen des Interesses an sozialen und kommunalpolitischen Fragen, das in überraschend vielen Fällen sogar zu einem öffentlichen Engagement bei Wahlen auf Kreis- und Gemeindeebene geführt hat." Im Tätigkeitsbericht einer anderen Nachbarschaftshilfe heißt es: "Mit den nächstliegenden Aufgaben, wie Kinderbetreuung und Familienhilfe, fingen wir an, und ständig wurde das Angebot der Hilfsmöglichkeiten erweitert. Im Jahr 1975 war es dann endlich soweit, daß wir einen umgebauten Hausflur als Wohnung anmieten konnten und damit eine Begegnungsstätte für jung und alt anbieten konnten, was bisher in dieser Form der Kontaktaufnahmemöglichkeiten fehlte.
Dank der Zuschüsse der Gemeinde und des Staatsministeriums für Arbeit und Sozialordnung ist es uns heute möglich, die vielfältigen Aufgaben zu meistern. Wir haben einen Haushalt von ca. DM 30000,-, wovon maximal DM 14000,durch Zuschüsse erbracht werden. Unsere Nachbarschaftshilfe leistet im Jahresdurchschnitt ca. 6200 Stunden. Was man nicht in Stunden aufwiegen kann, ist das Bewußtsein in der Bevölkerung, daß jemand da ist, der bereit ist, unbürokratisch schnell und oft auch rund um die Uhr zu helfen..."
Es gibt also eigentlich nichts, was es an Problemen in einem Gemeinwesen gibt, was die Mitarbeiter(innen) und Helfer(innen) in den Nachbarschaftshilfen nicht tun, wenn Not am Mann oder Not an der Frau ist. Deshalb ist es gut zu. wissen, daß es sie gibt und daß sie dazu beitragen, Wärme und Bindungen, Hilfe und Gemeinsinn in ihren Gemeinden zu verbreiten und zu stärken. Dafür wurde ihnen eine THEODOR-HEUSS-MEDAILLE zuerkannt.
Vieles, was die Nachbarschaftshilfen in ihrem Engagement beobachten und erfahren, beschreibt Gerhard Mauz im Zusammenhang mit den Hintergründen und Vorgeschichten von Strafprozessen. Er bemüht sich nun schon seit über einem Jahrzehnt, beinahe Woche für Woche, mit Wachsamkeit, Scharfsinn und Menschlichkeit besonders diesen Teil des Prozeßhintergrundes aufzuhellen und in diesem Lichte die Aufgaben und Schwierigkeiten der Justiz bewußtzumachen. Er versucht, über den Zustand unserer Gesellschaft und die Folgen der Entscheidungen der Justiz zum Nachdenken und Umdenken anzustiften. Unabhängig von politischen Fronten und traditionellen Voreingenommenheiten nimmt er sich derer an, denen die Gerechtigkeit nicht widerfährt oder die Opfer der Gerechtigkeit werden. Er weiß und will uns wissen lassen, daß selbst die "gerechteste". Strafgerichtsbarkeit ein menschlich-fehlbares Mittel bleibt, die Verfehlungen der einen an den anderen aufzuhalten. Er weiß und will uns erkennen lassen, daß die Justiz weder ganz gerecht sein noch einfach Gnade üben kann - und daß sie doch daran gemessen werden muß, wie nahe sie dem einen kommt und wie deutlich sie die Notwendigkeit des anderen werden läßt. Gerhard Mauz hat darüber hinaus aus der genauen Beobachtung des Prozeßverlaufs, aus der kompetenten Analyse der Urteile, aus der Einfühlung in die Personen - die Angeklagten, Staatsanwälte, Zeugen, Gutachter, Richter, Zuschauer - immer wieder allgemeine Folgerungen für unser Gemeinwesen gezogen. Er hat die Prinzipien der Rechtspflege konsequent und mutig hochgehalten in Lagen, in denen es opportun und bequem gewesen wäre, sie zu mißachten - zum Beispiel als es um Terroristen und mißliebige Demonstranten, um Agenten und "kapitalistische" Bankrotteure ging. Im Gegensatz zu anderen Gerichtsreportern hat er nie die Skandale in der Justiz gesucht, sondern - auch wo es skandalös zuging - die tieferliegenden Schäden und Schwächen des Strafrechtssystems analysiert. Dies hat ihn zu einem im besten Sinn politischen Journalisten gemacht, der uns sowohl aus Anlaß eines Prozesses über Nazi-Verbrechen oder Gattenmord, eines gewaltsamen Grenzübertritts als auch an sich häufenden Verkehrsdelikten die moralische Unentschiedenheit und das gemeinsame gesellschaftliche Versagen aufzeigt, das hier eigentlich vor Gericht steht.. Seine moralische Erregbarkeit hat sich Gerhard Mauz über alle Jahre ohne Abstumpfung bewahren können, weil er verantwortungsbewußt und unbestechlich den Zweck im Auge behielt, dem die Justiz in unserem Staat und unserer Gesellschaft zu dienen hat. So mühsam und unbequem dies manchmal für die Betroffenen - für uns alle - sein mag: Wir brauchen unbequeme Deuter und Mahner wie Gerhard Mauz, die sich und uns vor Selbstgerechtigkeit bewahren wollen. Ich möchte Antoine de Saint-Exupery zitieren und damit überleiten zu der Kinderhilfsorganisation Terre des Hommes, die eher eine humanitäre Bewegung als eine Organisation zu nennen ist und deren Name "Erde der Menschen" ja der französische Titel jenes Buches von Antoine de Saint-Exupery ist, das bei uns unter dem Titel "Wind, Sand und Sterne" ungezählte Leser ergriffen hat. Ich zitiere also einen Satz daraus, der zugleich das Bemühen aller Preisträger umreißt: "Mensch sein, das heißt Verantwortung fühlen - sich schämen angesichts einer Not, auch wenn man offenbar keine Mitschuld an ihr hat; stolz sein auf den Erfolg der anderen; fühlen, daß man mit seinem eigenen Stein mitwirkt am Bau der Welt." "Terre des Hommes", dieser Name soll ein Omen sein. Es signalisiert Aufforderung zum Engagement, zur Verantwortung, zum Mitleiden und zur praktischen Hilfsbereitschaft ohne Bürokratie, ohne Spesen und Funktionäre, ohne Anonymität. Politisch, religiös und von staatlichen Stellen unabhängig, versteht sich Terre des Hommes und jedes seiner Mitglieder als "Anwalt des Kindes und als Lobby zur Durchsetzung von Kindesrechten", vor allem in den Ländern der Dritten Welt, zunehmend aber auch im eigenen Land. Mit dieser Auswahl wollte die Stiftung auch deutlich machen, daß das im ganzen mißglückte Jahr des Kindes nicht zu Ende sein kann. Dabei praktiziert Terre des Hommes neue Formen des persönlichen Engagements und der Selbstverantwortung, und gerade das ist es, was den Mitgliedern Freude macht, in einer weitgehend unabhängigen Gruppe tätig zu sein, selbst organisieren und improvisieren zu können, in direktem menschlichen Kontakt zu den Schützlingen zu stehen. Viele arbeiten mit "weil", wie die "Neue Züricher Zeitung" einmal schrieb, "die absolute Bescheidenheit der Bewegung ihnen zusagt, weil den von humanitären Idealen geleiteten Menschen an der Spitze persönlicher Ehrgeiz fehlt, weil grundsätzlich mit geringsten Spesen ein Maximum an Leistung erbracht wird".
Welches sind die wichtigsten Tätigkeitsfelder der 150 Arbeitsgruppen der deutschen Sektion von Terre des Hommes? In der Dritten Welt konzentrieren sie sich auf drei Schwerpunkte:

- Auf Hilfe für Waisenhäuser zur Verbesserung der Ernährungsgrundlage, Betreuung, Bekleidung und Ausbildung (hier sucht die Organisation Patenschaften) der Kinder,
- auf Hilfe für ländliche Gebiete zur Verbesserung der Sozialstruktur. Sie fördert z. B. Kindergärten und Kinderkrankenhäuser und unterstützt vorbeugende Maßnahmen gegen Abwanderung in großstädtische Slums,
- auf Einrichtungen für behinderte Kinder, zum Beispiel auch zur Förderung ihrer handwerklichen Ausbildung in Lehrwerkstätten.

Für diese Schwerpunkte sucht Terre des Hommes immer wieder nach neuen Wegen für eine wirksame Hilfe. In den Entwicklungsländern selbst ist dies oft mit kaum überwindbaren Schwierigkeiten verbunden, weil es an allem fehlt: Trotzdem wächst die Zahl der Projekte vor allem in Asien, Lateinamerika und in den meisten Ländern Afrikas, und aus der eigenen Erfahrung meines Amtes möchte ich hinzufügen: Terre des Hommes praktiziert (ähnlich wie die Kirchen) eine Form der humanitären entwicklungspolitischen Zusammenarbeit, an der es am meisten fehlt - und die im Drange nach einseitigem wirtschaftlichen Wachstum viel zu wenig beachtet wird. In der Bundesrepublik unterhält Terre des Hommes mittlerweile zahlreiche Einrichtungen zur Heilung von Kindern aus kriegszerstörten Ländern, für benachteiligte deutsche und ausländische Kinder, für Behinderte. Mensch sein, das heißt Verantwortung fühlen für die Erde der Menschen. Die Gruppen und Mitglieder von Terre des Hommes geben dafür Beispiele, die nach unserer Ansicht Ermutigung, Dank und Nachahmung verdienen.
Das gleiche gilt für den Deutsch-Türkischen Kindertreff, der ein Projekt der Deutschen Sport jugend, der Sportjugend Berlins und der Fachhochschule für Sozialarbeit und Sozialpädagogik in Berlin-Kreuzberg ist. Zu seinen Mitarbeitern gehören Sportstudenten, Studenten der Sozialarbeit und Sozialpädagogik, Sozialarbeiter und Erzieher sowie zwei Hochschullehrer, die seit 1976 nicht nur theoretisch, sondern auch sozialpädagogisch mitarbeiten. Ziel des Kindertreffs ist es, daß sich deutsche und türkische Kinder besser kennenlernen, daß sie miteinander Sport treiben, spielen, basteln, daß sie dabei gegenseitige Vorurteile abbauen und Verständnis füreinander entwickeln.
Beispiele aus der Arbeit des Kindertreffs: Gemeinsames Arbeiten und Basteln in der Gruppe, Laubsägearbeiten, Schmuckbasteln, Töpfern mit Ton, Weben, Batiken, Kartoffeldruck, Kochen, Reparaturarbeiten, Filme anschauen, Kinderfeste, Theaterbesuche mit 6-bis 9jährigen Kindern mit anschließender Diskussion. Aber auch Probleme der Sprachförderung stellen sich den jungen Helfern. Hierfür wurden zunächst Wortspiele, Gegenstände raten, Geschichte erzählen angeboten. Später entstand ein Deutschkurs, der zur Hausaufgabenhilfe weiterentwickelt wurde. Auf alle erdenkliche Weise versucht man, die Kinder durch attraktive Angebote zu motivieren und ihnen bei der Überwindung ihrer Verhaltensschwierigkeiten zu helfen. Dies alles war und ist mit großen Schwierigkeiten und vielen Rückschlägen verbunden, die wiederum oft auch die Helfer entmutigen. Ich nenne einige davon:

-Hohe Fluktuation der Kinder und Mitarbeiter, das heißt Unbeständigkeit der Arbeit,
-mangelnde Konzentration der Kinder, Sprachschwierigkeiten,
-aggressive Haltung Gegenständen und anderen Kindern gegenüber, Vorurteile gegeneinander,
-starkes Konkurrenzverhalten der Kinder untereinander...

Noch nie - glaube ich - haben wir in den sechzehn Jahren des Bestehens der Stiftung THEODOR-HEUSS-PREIS eine Medaille an eine Gruppe verliehen, die ihre selbstgestellte Aufgabe unter so schweren Bedingungen selbstverantwortlich erfüllt wie der Deutsch-Türkische Kindertreff. Aber es wurde durchgehalten und standgehalten, und dafür verdient gerade diese Gruppe besondere Anerkennung und Ermutigung. Verantwortung für den Nächsten - den schwächeren Nächsten, ob er nebenan wohnt oder in der Ferne - ist, wie wir sehen, gar nicht einfach und das bringt, wie unsere Preisträger erweisen, alles andere als spektakuläre Erfolgserlebnisse. Gerade das ist es aber, was wir mit unserem Thema und der Auswahl der Preisträger - und hier nicht zuletzt mit Horst Eberhard Richter - deutlich machen wollten: Der persönliche Einsatz für den Nächsten ist mit unendlichen Mühen, Rückschlägen, Enttäuschungen mit Konflikten nach innen und außen verbunden. Wir wollen dies nicht festtäglich beschönigen. Weder Nachbarschaftshilfen noch Terre des Hommes - und schon gar nicht der Deutsch-Türkische Kindertreff - sind in ihrer materiellen und ideellen Existenz gesichert. Trotzdem existieren sie, und wir möchten ihnen helfen, daß sie und andere weiterbestehen - daß sie standhalten können. Das tapferste, aber auch erschütterndste Beispiel hierfür ist der Deutsch-Türkische Kindertreff, und ich möchte aus einer selbstverfaßten Dokumentation einige Absätze zitieren: "Nur langsam erfuhren die Betreuer, daß die Hintergründe der Lebenssituation der Kinder erheblich eingeengter und begrenzter sind als die der eigenen. Eine Übertragung der eigenen Lebensvorstellung konnte deshalb nicht funktionieren. Mit diesen Problemen hat das Projekt auch heute noch zu kämpfen. Dieses ist jedoch nur eine Ursache der vielen verschiedenen Schwierigkeiten. Eine allgemeine Forderung war, daß die Kinder ihre Bedürfnisse selbst artikulieren und dementsprechend ausleben sollten. Das Bild des sich selbst verwirklichenden, sich selbst regulierenden Kindes wurde jedoch getrübt, da die Kinder häufig nicht in der Lage waren, eigene Interessen zu entwickeln bzw. unrealistische Vorschläge einbrachten oder die Verwirklichung ihrer Vorschläge sehr schnell wieder ablehnten. Ansonsten wurde versucht, durch die Nachmittage zu kommen. Über gute und kontinuierliche Vorbereitung der Nachmittage konnten kaum Hinweise gefunden werden. Die ersten Monate waren im wesentlichen von ‚blindem Aktionismus' geprägt. Persönliche Probleme der 9-l3jährigen wurden nur bekannt, wenn das betreffende Kind allein mit einem Betreuer in einem Raum ohne Kinder war. In der Gruppe konnte kein Kind wagen, über seine Probleme zu reden, ohne befürchten zu müssen, von den restlichen Kindern verhöhnt zu werden. Ein einheitlich solidarisches Verhalten gab es bei den Älteren nicht. Deutsche Jungen dieser Altersgruppe standen aufgrund ihrer gestörten Verhaltensweise und geringen Auffassungsgabe meist außerhalb, spielten sie mal mit, dann hatten sie dies entweder erzwungen oder wurden ,zugelassen', um sich auf deren Kosten zu amüsieren. Mit den 6-9jährigen machte das Arbeiten mehr Spaß. Hier fand man mehr Begeisterungsfähigkeit und Bereitschaft zum gemeinsamen Spiel vor. Beim gemeinsamen Spiel konnte beobachtet werden, daß die Aufteilung in deutsch-türkische Grüppchen bestehen blieb. Selten konnte ein Miteinander und Näherkommen der verschiedenen Nationalitäten beobachtet werden. Gerade in dieser Altersgruppe zeigte es sich, daß es meist die deutschen Kinder waren, die aus ,der Rolle' fielen. Es kann aber sein, daß die deutschen Kinder, da sie oft in der Minderheit und sprachlich verstanden werden konnten, unsere Aufmerksamkeit weckten." Am klarsten und eindringlichsten wurde das Dilemma unserer Preisträger und vieler ähnlich engagierter Gruppen in unserem Land von Horst Eberhard Richter erkannt und zusammengefaßt: Es ist das Dilemma des Flüchtens oder Standhaltens.
Und hiervon sind wir alle mitbetroffen! Bedrängt uns nicht alle, wenn wir Verantwortung tragen wollen (ob wir Christen sind oder keine - gleich, welche Partei wir wählen, welchen Beruf wir ausüben), dieses existentielle Dilemma Flüchten oder Standhalten? Und wie werden wir damit fertig? Es gibt ja kein Rezept - und wenn es so einfach wäre, bedürfte es hierfür keiner Auszeichnung!
Horst Eberhard Richter hat wie kaum ein anderer unser Dilemma nicht nur erkannt und beschrieben, er gibt auch und das ist das Entscheidende - ein persönliches Beispiel, wie man dieses Dilemma aushalten - wie man es vielleicht sogar fruchtbar machen kann. Er setzt sich und uns ein (Lern)ziel, mit dem wir es einmal (und immer wieder) versuchen können. Seine Analysen und Formulierungen bestechen (so wie eben erlebt!), sein schöpferisches Denken ist anregend, aber sein persönliches Handeln ist ansteckend. Sein eigenes couragiertes demokratisches Engagement ermutigt andere zum couragierten demokratischen Engagement, und das zusammen ist ein Beispiel "gelebter Verantwortung für den Nächsten". Darin liegt sein anspornender Beitrag für das Allgemeinwohl, so wie es unsere Satzung vorschreibt, und das ist es, was wir mit dem THEODOR-HEUSS-PREIS auszeichnen wollen.

Liebe Preisträger! Wir wollen uns auch in diesem festlichen Augenblick keinen Illusionen hingeben. Ihre Sorgen, Probleme und Enttäuschungen können wir Ihnen und anderen Gruppen nicht abnehmen. Jeder ist mit seinem gewählten Verantwortungsbereich unmittelbar konfrontiert. Wir können Sie nur spüren lassen, daß wir darum wissen! Oft wünsche ich, unsere Stiftung könnte mehr tun, um die vorhandenen guten, richtigen und wegweisenden Ansätze in unserem freiheitlichen Gemeinwesen zu unterstützen und der durch staatliche soziale Allmacht mit ausgelösten Nicht-Verantwortung entgegenzuwirken. Leider sind auch unsere Kräfte und Möglichkeiten begrenzt, und die Fülle ungelöster Probleme verleiten auch uns manchmal eher zum Flüchten als zum Standhalten. Aber - so kurios es klingen mag - es sind unsere Preisträger, die uns immer wieder Mut zum Weitermachen geben. Diesen Mut wünschen wir auch Ihnen und allen verwandten Gruppen von ganzem Herzen: Tun wir, was wir als richtig und notwendig erkannt haben - und lassen wir, was wir als falsch und nicht notwendig erkannt haben. Und - überzeugen wir andere von beidem! Lassen Sie uns die Möglichkeiten der Freiheit nutzen, um ihren Gefährdungen entgegenzuwirken. Ich schließe meine Begründung mit der Wiederholung der Worte Antoine de Saint-Exuperys: "Mensch sein, das heißt: Verantwortung fühlen
- sich schämen angesichts einer Not, auch wenn man offenbar keine Mitschuld an ihr hat,...
- fühlen, daß man mit seinem eigenen. Stein mitwirkt am Bau der Welt."

Gerhart Baum
Bereitschaft zum Dialog
Der Preis, der heute an Sie verliehen wird, ist zur Erinnerung an einen großen Liberalen gestiftet. Mit der Preisverleihung wollen wir deutlich machen: Die Preisträger stehen in der geistigen und politischen Tradition, der sich Theodor Heuss Zeit seines Lebens verpflichtet fühlte. Ich möchte an eine Rede von Theodor Heuss aus dem Jahre 1949 erinnern, in der sich Theodor Heuss zur Kollektivscham der Deutschen für die Greueltaten der Nazizeit bekannte. Er forderte damals den "Mut zur Liebe" als politische Tugend.
Wir finden diesen Appell wieder bei Horst Eberhard Richter und seiner Forderung nach mehr Mut zu Emotionalität. Und ich möchte feststellen: Alle Preisträger haben diese Forderung beispielhaft erfüllt. Sie haben die Not des
leidenden Menschen zum Mittelpunkt ihres Engagements gemacht: Die Not der Kinder und des Nachbarn. Aber auch das Leid desjenigen, der sich verstrickt hat in kriminelles Verhalten, das zu beurteilen wiederum die Not einer Justiz ist, die ohne menschliches Verständnis für den Rechtsbrecher unmenschlich wäre. Gerhard Mauz hat immer wieder Rechtsfindung als Versuch beschrieben, mit wesensmäßig begrenzten Erkenntnismitteln zu ringen, um das richtige Verständnis für strafwürdiges Verhalten, das immer auch menschliches Verhalten ist.
Die deutsche Sektion Terre des Hommes, die Nachbarschaftshilfen rund um München sowie der Deutsch-Türkische Kindertreff in Berlin haben in praktischer Arbeit beispielgebend die Not von Kindern gelindert. Der Politiker, der herausgefordert ist durch das "Aussteigen" von jungen Menschen in den terroristischen Untergrund oder durch Rauschgiftmißbrauch und Sektenanschluß, muß sich mit dem Werk Horst Eberhard Richters auseinandersetzen. Es geht Horst Eberhard Richter um die Befreiung des Menschen von Abhängigkeiten, um die Erfüllung des Freiheits- und Toleranzanspruches. Er steht damit auch in liberaler Tradition. Auch den Liberalen geht es um den einzelnen, um seine Lebenschancen und um die Reduktion aller Zwänge, die die Entfaltung dieser Lebenschancen begrenzen. Der liberale Friedrich Naumann hat dem klassischen Liberalismus die soziale Komponente beigefügt und ist so zum Begründer des modernen Liberalismus geworden. Mit unseren Freiburger Thesen hat diese Entwicklung zum sozialen Liberalismus ihren programmatischen Ausdruck gefunden. Der soziale Liberalismus hat den Anfang damit gemacht, für die Forderungen der achtziger Jahre, nämlich in der sozialen Gestaltung des menschlichen Lebens Qualitäten zum Zuge kommen zu lassen, die die Expansionsgesellschaft eherkleingeschrieben hat. Die gesellschaftliche Verwirklichung der Bürgerrechte als Lebenschancen steht im Mittelpunkt des Freiburger Programms. Horst Eberhard Richter weist uns aber auch neue Wege der Befreiung. Wir können und müssen von ihm lernen. Wir Liberale neigen zur Überbetonung der Vernunft. Unser Leitbild ist: Der wahrhaft Liberale beugt sich dem richtigen Argument. Die damit verbundene tendenzielle Unterschätzung der Emotionalität, die Überbewertung der sogenannten Sachzwänge, ist ein traditionell liberales Defizit.
In der Auseinandersetzung mit Ideen, wie sie auch das Werk Horst Eberhard Richters prägen, könnte es uns eines Tages gelingen, der aufklärerischen Komponente des Liberalismus die emotionale hinzuzufügen. Vielleicht wird erst dann die volle emanzipatorische Kraft des Liberalismus entfaltet sein. Ralf Dahrendorf hat die Frage gestellt, ob die Entwicklung von Lebenschancen heute nicht vor allem das Wachsen neuer Bindungen bedeuten müsse. Das liberale Programm hierzu ist noch nicht geschrieben, wie er selbst eingeräumt hat. Zur Überwindung der heutigen Ausstiegsphänomene aber reicht die bisherige Freiheitsdiskussion nicht aus. Nicht zur geistigen Überwindung des Terrorismus, vor allem aber nicht zur Lösung des Rauschgiftproblems, das diese Gesellschaft von sich abzuspalten sucht, obwohl der Rauschgiftkonsum auch wenn auch überdeutlich - das Konsumverhalten widerspiegelt, das wir Durchschnittsbürger vorleben. Hier sehe ich für Staat und Gesellschaft, für Politiker, Bürger und Eltern eine der dringlichsten Aufgaben der achtziger Jahre:. zu verhindern, daß immer mehr junge Menschen sterben an der Sehnsucht nach anderen Lebensformen, nach Selbstverwirklichung außerhalb dieser Gesellschaft. Viele junge Menschen reagieren ratlos, fast zynisch, oft auch aggressiv, wenn man auf die Vorzüge unserer politischen und wirtschaftlichen Ordnung hinweist.
Sie fühlen sich orientierungslos, ohnmächtig und verängstigt. Sie werfen uns vor, daß wir Politiker nicht mehr zuhören können, daß wir die Freiheit zu Tode schützen, daß wir der Verheißung unbegrenzten Fortschritts erlegen sind und Wachstum zum Wert an sich erhoben haben. Daß wir zu wenig an Minderheiten unserer Gesellschaft denken, zu wenig an die Völker der Dritten Welt und an künftige Generationen, daß wir zu wenig auf Fragen und Sorgen der jungen Generation eingehen.
Ich sehe in dieser Kritik ernst zu nehmende Ansätze für die notwendige Überwindung mancher Verkrustungen, zu denen Institutionen wesensgemäß neigen. Unsere Zukunft hängt nicht bloß davon ab, daß wesentliche Institutionen auch morgen funktionieren; sie werden es nur tun, wenn sie flexibel sind und die Kraft zum Wandel da ist. Eine Politik, die lediglich mehr und mehr materielle Bedürfnisse befriedigen will, ist ohne Sinn. Horst Eberhard Richter hat hier neue Ansätze für eine übergreifende Sinndiskussion beschrieben. Manches berührt sich mit dem, was auch Dahrendorf gefragt hat. Zum Beispiel, ob es nicht sein könnte, daß die größere Gefahr für die Freiheit nicht von fehlenden Optionen droht, sondern von fehlenden Bindungen und Bezügen.
Für Liberale ist dies schwer zugänglich. Ist doch zu fürchten, in die Nähe konservativer Denkungsart zu geraten. Horst Eberhard Richter hat mir geholfen, diese Skrupel zu überwinden. Daß unser Leben Sinn hat, lernen wir als Kinder durch die Erfahrung, daß es Sinn hat für andere. Von da an erleben wir, daß unsere Selbstverwirklichung, unsere eigene geistige und menschliche Entfaltung nicht möglich ist, ohne daß wir uns für etwas anstrengen, das über uns hinausreicht. Wer ausschließlich das Interesse an der eigenen Selbstverwirklichung im Auge hat, wird dieses Ziel verfehlen. Es gleicht dem, der sich am eigenen Schopfe hochziehen will. Erst indem wir uns für andere engagieren, für Ziele die über unsere eigene Selbstentfaltung hinausreichen, vollzieht sich auch die eigene Selbstverwirklichung.
Es geht somit um die Gefahr, daß Freiheit nur als Beliebigkeit von Bindungen verstanden wird. Die Beliebigkeit von Bindungen kann einen Punkt erreichen, an dem jede soziale Bewegung willkürlich wird, weil Orientierungsdaten fehlen. Damit aber können junge Menschen ihre soziale Identität verlieren und in Lebenslagen geraten, in denen die Selbstaufgabe in der Rauschgiftsucht oder der "acte gratuite" des Terrorismus zur existenziellen Notwendigkeit werden. Wenn die Entfaltung des einzelnen nicht möglich ist ohne Bezug zu dem, was er macht, zu seinen Werken, die immer auch Bezug auf andere haben, dann gilt es vor allem für unsere junge Generation, Möglichkeiten des Engagements aufzuzeigen und zu schaffen. Denn dann sind diese Möglichkeiten des Engagements zugleich die Bedingungen für schöpferische Selbstverwirklichung und Selbstentfaltung. Die Solidarität, das Miteinander in Sympathie und das Engagement für den Nächsten, für den anderen, haben also ein emanzipatorisches Element. Ist es wirklich ein Zufall, daß überdurchschnittlich viele Psychoanalytiker Kinder haben, die als Entwicklungshelfer in die Dritte Welt gehen, in Staaten, die ihre eigene Identität suchen? Haben diejenigen, die sich beruflich mit der Selbstentfaltung des einzelnen befassen, indem sie sich gerade um diejenigen kümmern, die sich selbst zu verfehlen drohen, hier nicht Zeichen gesetzt für das, worum es geht? Nämlich um Möglichkeiten für ein Engagement, das verbunden ist mit erheblichen Anstrengungen und Entbehrungen, aber auch mit besonderen Rückkoppelungsmöglichkeiten für die eigene Persönlichkeitsentfaltung. Dieser Preis ist ein politischer Preis. Horst Eberhard Richter erhält ihn auch wegen seiner geistigen Einwirkung auf die Politik. Wir alle wissen, welche grundsätzlichen Kommunikations-Barrieren zwischen Wissenschaft und Politik bestehen.
Gleichwohl, die Ideen Horst Eberhard Richters haben uns Politiker erreicht, und wir Politiker versuchen, aus dieser Verbindung Fortschritte in menschlichen und politischen Dingen zu bewirken. Er hat aufgezeigt, daß der Kommunikationsabbruch zwischen den sich aus der Gesellschaft zurückziehenden Teilen der Jugend und der angepaßten Mehrheit, Teil der Störung unserer Gesellschaft im Ganzen ist. Um diese Störung zu überwinden, müssen wir ihnen das bieten, was sie außerhalb dieser Gesellschaft suchen! Kommunikation, Sensibilität, Solidarität und Konzentration auf menschliche Fragen. Wir müssen die Sehnsucht unserer jungen Leute nach Geborgenheit jenseits materieller Wunscherfüllung begreifen. Die Sinn frage ist für die achtziger Jahre die eigentliche Freiheitsfrage. Die Suche nach Verständnis ist die wichtigste Voraussetzung auf diesem Wege. Hierzu brauchen wir zuallererst mehr Kommunikation. Wenn es richtig ist, daß ein Auslöser für das Entstehen extremistischer Einstellungen die traumatisch empfundene Diskrepanz zwischen den eigenen Wertorientierungen und den wahrgenommenen und erfahrenen Wertverwirklichungschancen ist, dann müssen wir unserer Jugend um so glaubhafter demonstrieren, daß wir die Kluft zwischen unserer verfassungsmäßigen Wertordnung und den tatsächlichen politischen und sozialen Verhältnissen sehen und alles daransetzen, sie zu verringern. Aber die junge Generation muß auch ihrerseits bereit sein, den Dialog mit uns zu führen. Der Anspruch auf Lebenschancen darf nicht zur Verkümmerung des Verantwortungsbewußtseins führen. Auch die jüngere Generation muß Verantwortung übernehmen. Wir haben sie insofern zu wenig gefordert, waren aber auch oft kein überzeugendes Beispiel. Wir müssen offen bleiben für die Alternativen, die aus diesem Dialog erwachsen können. Es kann nicht darum gehen, das Ziel des Dialoges mit der Jugend darin zu sehen, daß sie alle unsere Vorstellungen übernimmt. Was wir brauchen ist freiheitliche, selbstkritische, die Grenzen und Mängel der eigenen Position sehende Offenheit für alle Beiträge und Alternativen innerhalb des neuen Dialogs, in dem es keine Tabus geben darf.
In diesem Zusammenhang gehört auch das Engagement für unsere ausländischen Mitbürger, vor allem aber für ihre Kinder. Der Deutsch-Türkische Kindertreff in Berlin hat hier ein Beispiel gesetzt. Auch die Bundesregierung hat inzwischen Initiativen entwickelt. Wir müssen uns verstärkt den ausländischen Jugendlichen zuwenden, die keine Bindungen zu ihrem Heimatland haben und dennoch bei uns in die Außenseiter-Rolle gedrängt werden.
Unsere Haltung gegenüber den Ausländern ist gerade in diesen Tagen auf dem Prüfstand. Es gilt dem Druck einer Politik standzuhalten, die in unseren ausländischen Mitbürgern zuallererst eine Belastung dieses Staates sieht und nicht Mitbürger, ohne die unser Wirtschaftssystem gar nicht funktionieren würde. Nicht Mitbürger, die als politisch Verfolgte bei uns Aufnahme finden wollen, so wie viele Deutsche ihr Leben nur der Aufnahmebereitschaft mancher Staaten verdanken, die sie vor dem Naziregime geschützt hat.
Es gilt standzuhalten gegenüber einer politischen Strategie, die das Asylthema zum Wahlkampf macht, um mit Emotionen gegen tatsächlich bestehende besondere Belastungen einzelner Gemeinden Ausländerfeindlichkeit eher zu schüren als abzubauen und damit Mehrheiten zu gewinnen. Es gilt standzuhalten gegenüber der Versuchung, tatsächlich vorhandene Probleme des Asylmißbrauchs durch verstärkte Zurückweisungen an unseren Grenzen lösen zu wollen. Es gilt hier die gleiche Einstellung wie bei der Unschuldsvermutung im Strafrecht nicht nur zu zeigen, sondern auch durchzusetzen: Also lieber in Kauf zu nehmen, daß manche zu Unrecht zeitweise aufgenommen werden, als daß einer zurückgewiesen wird, der politisch verfolgt und damit in Todesgefahr ist.
Zum Schluß darf ich noch ein Wort des Dankes an Sie, Frau Dr. Hamm-Brücher richten. Die Stiftung Theodor-Heuss-Preis lebt von Ihrer Initiative, Ihrer Tatkraft und Ihrem Engagement. Dafür herzlichen Dank!

1980