Theodor Heuss Stiftung

Stadt Castrop-Rauxel (Städtepartnerschaften)

Theodor-Heuss-Preis 1979

Castrop-Rauxel

Der Theodor-Heuss-Preis für 1979 wurde der Stadt Castrop-Rauxel und ihren Bürgern verliehen für ihr fast 30jähriges, beispielhaftes Engagement in städtepartnerschaftlicher europäischer Zusammenarbeit mit den Städten Wakefield (England), Vincennes (Frankreich), Delft (Holland) und Kuopio (Finnland). Bereits im Jahr 1950 haben sich die Bürger der Stadt Castrop-Rauxel mit überwältigender Mehrheit in geheimer Abstimmung für ein vereintes Europa entschieden. Aus diesem Votum haben engagierte Bürger, Stadträte und Bürgermeister seither und immer von neuem konkrete Konsequenzen gezogen. So wurden bereits 1949 erste Kontakte zur Stadt Wakefield geknüpft, denen Vincennes und Delft folgten. Schließlich wurde 1965 auch Kuopio in die europäische Partnerschaft mit einbezogen - als ein bewußtes Zeichen dafür, daß das europäische Zusammengehörigkeitsgefühl über die Grenzen der Europäischen Gemeinschaft und des Europäischen Rates hinausreicht. Die Begegnungen im Rahmen dieser Städtepartnerschaften bestehen aber nicht aus offiziellen Delegationen, Festreden und organisierter Routine. Sie zeichnen sich bei allen Beteiligten durch eine Fülle lebendiger Kontakte, vertiefter Begegnungen und einen vielfältigen Erfahrungs- und Meinungsaustausch aus. Sie beziehen Jugendliche und Senioren ebenso ein wie Arbeitslose und Bürgerinitiativen. Sie umfassen Sport-, Kultur- und kommunalpolitische Fragen. Die Stadt Castrop-Rauxel hat ein hervorragendes Beispiel für Engagement gegeben.

Hilfsaktion Bretagne (Katastrophe)

Die "Hilfsaktion Bretagne" bekam die Theodor-Heuss-Medaille 1979 für ihren engagierten Einsatz anläßlich der im April 1978 von einem Öltanker vor der bretonischen Küste verursachten Ölkatastrophe. Diese Hilfsaktionjunger Deutscher, an der sich neben Jugendgruppen und Schülern der Hibernia und Salemschulen auch Zivildienstleistende, Bürgerinitiativen und Feuerwehrleute beteiligten, wurde von Werner Rammensee initiiert und von ihm und Alfred Horn organisiert. Während der Hilfseinsätze haben diese jungen Leute ein hervorragend es Beispiel praktischer europäischer Solidarität gegeben. Darüber hinaus hat ihr Einsatz große Anerkennung bei der französischen Bevölkerung gefunden, und manche persönlichen Kontakte wurden geknüpft.

Lilo Milchsack (Deutsch-Englische Gespräche)

Lilo Milchsack bekam die Theodor-Heuss-Medaille 1979 zuerkannt für ihr jahrzehntelanges, beispielgebendes Engagement für die deutsch-englische Verständigung. Sie ist Initiatorin, Gründerin und Vorstandsvorsitzende der Deutsch-Englischen Gesellschaft, die schon seit 1949 sich für die deutsch-britische Aussöhnung eingesetzt hat. Mit viel Ideen, liebenswürdiger Zähigkeit und großem Geschick hat sie mit den Königswinterer Gesprächen ein politisch einflußreiches Forum geschaffen und zu einer wichtigen europapolitischen Institution entwickelt. Sie hat damit auch einen großen Beitrag für die britische Annäherung an den kontinentalen europäischen Einigungsprozeß geleistet.

Hans Paeschke (Zeitschrift Merkur)

Hans Paeschke erhielt die Theodor-Heuss Medaille 1979 für sein drei Jahrzehnte dauerndes Engagement als Herausgeber des „Merkur". Mit der Monatszeitschrift „Merkur - deutsche Zeitschrift für europäisches Denken" hat Hans Paeschke den europäischen Dialog gefördert. Das weite geistige und politische Spektrum der Autoren, die Offenheit und Toleranz des Herausgebers haben den "Merkur" zu einem Modell für die geistige und kulturelle Begegnung Europas gemacht, die eine fundamentale Voraussetzung für das Zusammenwachsen Europas darstellt. Hans Paeschke hat dies erkannt und in seiner praktischen Arbeit danach gehandelt.

Bürgerengagement in Europa

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Rückblick
15 Jahre THEODOR-HEUSS-PREIS
Hildegard Hamm-Brücher

Die 15. Verleihung des THEODOR-HEUSS-PREISES ist ein willkommener Anlaß, auf die Entwicklung unserer Stiftung zurückzublicken und Bilanz zu ziehen. In des Wortes ursprünglicher Bedeutung kann man ihre Organisation und Tätigkeit als ein "Unikum" bezeichnen:
- Gegründet im Jahre 1964 nach dem Tode des ersten Bundespräsidenten unseres demokratischen und freiheitlichen Rechtsstaates von Heuss-Freunden (u. a. Adolf Butenandt, Otto Hahn, Werner Heisenberg, Georg Hohmann, Golo Mann, Prof. Marchionini, Baron von Tucher, Carl-Friedrich von Weizsäcker, Carl Zuckmayer) und jungen, engagierten Demokraten (u. a. Waldemar Besson, Werner Friedmann, Hildegard HammBrücher, Karl G. Hasemann, Hans Engelhard), als eine Initiative zur Stärkung und Ermutigung unserer, von Theodor Heuss entscheidend mitgeprägten, freiheitlichen Ordnung;
- begonnen und 15 Jahre durchgehalten ohne einen Pfennig öffentlicher Mittel (ausgenommen Zuschüsse zu zwei Tagungen), ohne laufende Personal- und Verwaltungskosten - ausschließlich aus privaten Spenden finanziert. In 15 Jahren ist die Stiftung zu einer bundesweit angesehenen und beachteten Institution herangewachsen. Zu den Preisträgern (vgl. S. 3 I ff.) zählen eben so wenig bekannte Bürger, Jugend-, Studenten- und Bürgerinitiativen wie hervorragende Einzelpersönlichkeiten, unter ihnen zwei spätere Bundespräsidenten;
- erdacht und in 15 Jahren in sich gefestigt als eine alle demokratische Parteien, Gruppierungen und Kräfte einschließende Stiftung, deren erklärtes Ziel es ist, im Sinne von Theodor Heuss "an die fruchtbaren Kräfte des freien Bürgers zu glauben" und als "Demokrat auch im andersdenkenden Demokraten den Bruder zu erkennen".
Es war in diesen 15 Jahren immer wieder eine ermutigende Erfahrung, an unseren Preisträgern zu personalisieren, daß es beispielhafte Demokraten und demokratisches Engagement in allen politischen und gesellschaftlichen Lagern gibt. Auch gelang es mit der Zuerkennung des Theodor-Heuss-Preises oder der Medaillen, das Bewußtsein der Zusammengehörigkeit und der Verantwortung für unser demokratisches Gemeinwesen zu stärken und zu ermutigen. Wie war und wie ist das alles möglich geworden in einem sich zunehmend polarisierenden politischen Leben, in einer pluralistischen, von partikularen Interessen geprägten Gesellschaft? Ist der Zusammenhalt und das Zusammenwirken der Theodor-Heuss-Preis-Stiftung unter dem zumeist schmalen und oft wenig belastbaren Dach demokratischer Übereinstimmung und Gemeinsamkeit mehr als gutgläubiger Idealismus oder Feiertagsbeschwörung? Wer das politische Engagement, die Leistungen und den nüchternen Wirklichkeitssinn der Mitglieder, von Vorstand und Kuratorium, der Preisträger, der Redner und Förderer der Stiftung kennt,. wird diese Deutung nicht akzeptieren können. Es gibt statt dessen eine wichtige Erfahrung, die wir selber während der 15 Jahre gemacht haben: Wir haben die sogenannte "Solidarität der Demokraten" nicht beschworen, sondern im Einzelfall durch (oft sehr kontroverse) Diskussionen und Entscheidungen erfahren, praktiziert und durchgehalten, was für jeden der Beteiligten und Betroffenen ein oft mühsamer Lernprozeß war. Zu guter Letzt hat er jedoch im Kreis der Stiftung zu einem zuvor nicht gekannten Vertrauens- und Zusammengehörigkeitsgefühl geftihrt. Neben der alljährlichen Auswahl unserer Preisträger, die sich immer an der jeweils aktuellen innenpolitischen Situation orientierte, und der feierlichen Verleih ung der Preise, die sich von Jahr zu Jahr zu einer lebendigen "demokratischen Besinnungsstunde" weiterentwickelt hat, war unsere dreitägige Arbeitstagung von Anfang Oktober 1978 zusammen mit dem Politischen Club der Evangelischen Akademie Tutzing der Höhepunkt des Stiftungsgeschehens (Fussnote (*)). Während der Tutzinger Tage erwies sich auch über den engeren Kreis der Stiftung hinaus, daß die Bandbreite freiheitlicher Möglichkeiten in unserer demokratischen Ordnung erfreulich groß ist. Es wurde deutlich, wie wichtig nicht staatlich verordnete oder erwünschte staatsbürgerliche Initiative und Verantwortung für ihre weitere Entwicklung und Stärkung sein werden, und wir erlebten, daß aus demokratischen Erfahrungsprozessen auch Gemeinsamkeit und demokratischer Konsens entstehen kann. Insgesamt sind wir dankbar, daß die Stiftung THEODOR-HEUSS-PREIS im Laufe dieser 15 Jahre zu einer demokratischen Plattform der Begegnung und Auseinandersetzung, der Entdeckung und Ermutigung, der Entkrampfung und Verständigung geworden ist. Natürlich sind wir realistisch und haben Augenmaß genug, um die Breitenwirkung unserer l5jährigen Tätigkeit nicht zu überschätzen. Ganz bewußt verleihen wir keine "Bambis" für politische Popularität. Auch kennen wir die Schwächen und Mängel, ja Gefährdungen unserer freiheitlichen Ordnung sehr genau. Nach wie vor mangelt es in unserem Land an "Heuß'schem Geist", an Bürgersinn, Verantwortung und Solidarität.
Aber es hilft nicht weiter, dies nur zu beklagen oder die Demokratie auf Grund ihrer Schwächen und Mängel abzulehnen. Es hilft nur weiter, wenn wir auch in Zukunft beharrlich und vernünftig, ohne Illusionen, aber nie hoffnungslos, nach positiven Beispielen freiheitlicher Arbeits- und Lebensformen suchen und möglichst viele Bürger ermutigen, freiheitliche Möglichkeiten zu eigener Verantwortung zu erproben. Viele positive Beispiele zusammengenommen ergeben - wie das Ergebnis von 15 Jahren Tätigkeit der Stiftung beweist - ein gutes Stück mehr Demokratie.
Für die Zukunft planen wir, dieses in 15 Jahren gewachsene und gestaltete Konzept der Stiftung behutsam weiterzuentwickeln. Neben der Verleihung von Preisen wollen wir verstärkt Förderungsmaßnahmen für jüngere Menschen initiieren. Wir - die ältere Generation - haben die Vorzüge der Demokratie - nach eigener, leidvoller Erfahrung während der Nazi-Zeit - schätzen gelernt. Die junge Nachkriegsgeneration kennt nur die Vorzüge und Annehmlichkeiten der Freiheit. Ihre Gefährdung übersieht sie allzu leicht. Die Stiftung möchte deshalb einen besonderen Beitrag leisten, um der nachfolgenden Generation zu helfen, in die demokratische Verantwortung hineinzuwachsen.
Zu diesem Ziel soll ein "Studien- und Stipendienwerk der Stiftung THEODOR HEUSS-PREIS" geschaffen werden, das sowohl einzelnen jungen Bürgern als auch Gruppen mehr Demokratieerfahrung - das heißt mehr Initiative, Verantwortung und Gemeinsamkeit - (sei es durch theoretische Arbeiten oder konkrete Vorhaben) ermöglichen soll.
Der zweite liberale Bundespräsident unseres Landes, Walter Scheel, hat uns hierfür seine Unterstützung und Mitarbeit zugesagt. Er hat den angetragenen Ehrenvorsitz der Stiftung übernommen - Anlaß genug für unsere Stiftung, dankbar und hoffnungsvoll in die Zukunfi zu blicken.

Fussnoten:
(*) Vgl. dtv-Taschenbuch: Die Zukunft unserer Demokratie (Hrsg.) Norbert Schreiber. München 1979 in der Reihe dtv-Dokumente

Grußworte
Paul Noack
"Es gibt nichts Gutes, es sei denn, man tut es"

Dem Begrüßenden bei Theodor-Heuss-Preis-Verleihungen obliegt es, Freunde im Geiste, die sich noch nicht kennen, einander bekannt zu machen. Es ist also zu präzisieren, wem heute - außer Europa im allgemeinen - unser Gruß gilt. Da möchte ich an erster Stelle einen Mann grüßen, der nicht hier ist, leider nicht hier sein kann, Herrn Bundesaußenminister Genscher. Er ist - wenn Sie so wollen - in und mit seiner Krankheit ein Opfer seiner europäischen Verpflichtungen geworden. Ihr Einverständnis vorausgesetzt, haben wir ihm an sein Krankenbett ein Telegramm geschickt.
Der Bundesaußenminister sollte und wollte die Festansprache halten. Nun darf ich an seiner Stelle Herrn Guido Brunner, den deutschen, für Energie, Forschung, Wissenschaft und Bildung zuständigen Kommissar der Europäischen Gemeinschaft, begrüßen.
Herr Brunner, Sie haben sich ohne zu zieren, ich möchte sagen: spontan, bereit erklärt, den Part des erkrankten Ministers zu spielen. Sie wissen und wir wissen es, daß Sie niemals ein Lückenbüßer waren und sind. Wir danken Ihnen deshalb besonders für Ihre so rasche Zusage. Daß der Theodor-Heuss-Preis immer mehr als ein überparteilicher Preis anerkannt wird, ersehen wir daraus, daß die bayerische Staatsregierung mit ihrem stellvertretenden Ministerpräsident vertreten ist. Herr Staatsminister Hillermeier, Sie haben dieses Amt nun schon so oft übernommen, daß ich wenn das nicht partei politisch verstanden würde - fast versucht wäre zu sagen: Sie seien der Ehrenliberale der CSU.
Als Vertreter der Stadt München begrüße ich Herrn Oberbürgermeister Erich Kiesl zum ersten mal herzlich in diesem Kreis. Sie setzen damit die Tradition fort, die von OB Dr. Hans-Jochen Vogel begonnen wurde, von OB Georg Kronawitter fortgesetzt, den ich heute in der Eigenschaft eines noch fast Privatmannes hier herzlich begrüße. Herr Oberbürgermeister Kiesl, wenn ich mich daran erinnere, daß wir beide einmal gemeinsame Angehörige des Politischen Clubs der Evangelischen Akademie Tutzing waren, dann darf ich mir vielleicht auch ein persönliches Wort erlauben: Sie sind in einem Kreis, in dem das geistige, politische Wagnis zur Tradition geworden ist. Mögen Sie sich hier wohl fühlen! Unseren letztjährigen Preisträger, Herrn Oberbürgermeister Manfred Rommel, der das Schlußwort sprechen wird, grüße ich gemeinsam im Rahmen der Oberbürgermeisterriege. Aber ich begrüße ihn auch stellvertretend für alle ehemaligen Preisträger.
Damit komme ich zu unseren diesjährigen Preisträgern. Ein herzliches Willkommen der interfraktionellen Delegation von Castrop-Rauxel, an ihrer, Spitze Oberbürgermeister Paulikat, zugleich aber auch der Delegation der Partnerstädte Vincennes, Wakefield, Delft und Kuopio. l-assen sie mich, was die Wertung aller Preisträger, Castrop-Rauxel, Frau Lilo Milchsack, die Hilfsaktion Bretagne und Hans Paeschke, angeht, am besten mit Bundespräsienten Walter Scheel sprechen. Er hat uns ein Telegramm mit dem folgenden Wortlaut geschickt: "Ich gratuliere der Stadt Castrop-Rauxel zum diesjährigen Theodor-Heuss-Preis sehr herzlich, ebenso herzlich Frau Lilo Milchsack, der Hilfsaktion Bretagne und Herrn Hans Paeschke zu den Theodor-Heuss-Medaillen 1979. Wie immer hat die Theodor-Heuss-Preis-Stiftung auch in diesem Jahr bei der Auswahl ihrer Preisträger eine glückliche Hand gehabt, das konkrete, über Festtagsreden hinausgehende europäische Engagement einer großen Gemeinde, die von mir seit vielen Jahren mit Bewunderung verfolgten Bemühungen von Frau Milchsack um die deutsch-britische Verständigung, die spontane Hilfsbereitschaft deutscher Bürger für unsere französischen Nachbarn, die geistige Konsequenz, mit der Herr Paeschke über Jahrzehnte hin im ,Merkur' ein Forum für wahrhaft freies europäisches Denken schuf - all dies als Politik im besten Sinne des Wortes zu begreifen und ins allgemeine Bewußtsein zu heben, ist das Verdienst der Theodor-Heuss-Preis-Stiftung. " Walter Scheel, Bundespräsident.
Ein Wort nun zur Hilfsaktion Bretagne: Einige ihrer Angehörigen glauben, die Theodor-Heuss-Medaille zurückweisen zu müssen. Das ist ihr gutes Recht. Allerdings sind wir von der Stiftung der Meinung, daß die Ablehnung von falschen Voraussetzungen ausgeht. Hier vergibt nicht das Establishment Feigenblätter zur Verdeckung peinlicher Blößen. Sondern wir zeichnen Initiativen aus, die wir als symptomatisch, als neue Anfange, aber auch als Beispiele für ein Verhalten ansehen, das normal sein müßte, aber nicht normal ist. Normalität in einer Demokratie aber heißt nicht, Tadelsfreiheit, sondern Anstiftung, um gemeinsame Mißstände zu beheben.
Ich habe vor einiger Zeit eine gedruckte Begrüßungsrede gelesen, in der waren 50 Begrüßungsadressen aufgenommen. Das Verständnis der Betroffenen wie der Nichtbetroffenen vorausgesetzt, darf ich summarischer vorgehen. Lassen Sie mich nur sagen, daß wir aus Anlaß dieser, der 15. Verleihung eine besonders große Anzahl von Repräsentanten von Organisationen bei uns haben, die sich mit Europa tätig beschäftigen. Dazu zähle ich auch die Vertreter des anwesenden konsularischen Corps. Ich begrüße die Vertreter des Bundestages, des Landtages und des Münchner Stadtrates. All ihren Vertretern - wie denen von Presse und Rundfunk -, die uns nicht nur bei Feiern mit kritischer Sympathie begleiten, danken wir für ihr Interesse. Europa, das ist der Akzen t dieser Verleihung. Dieses Stichwort werden Sie heute aus gegebenem Anlaß öfters hören. Lassen Sie mich mit einem Wort von Erich Kästner schließen, das ich gerne zitiere, und das auch für diesen Anlaß gilt: "Es gibt nichts Gutes, es sei denn, man tut es".

Festrede
EG-Kommissar Guido Brunner
Bürgerengagement für Europa

Bitte haben Sie Verständnis dafür, wenn heute ein Mann aus dem Chor den Solopart von Herrn Bundesminister Genscher übernehmen muß. Sie wissen, warum dies notwendig ist. Ich bin sicher, daß Sie sich mit mir wünschen, Herr Genscher möge möglichst bald wieder gesund und voll im politischen Geschäft sein. So, wie ich in kenne, wird dies auch auf Dauer die beste Therapie für ihn sein. Vorstand und Kuratorium des Theodor-Heuss-Preises haben mit der diesjährigen Verleihung in mehrerer Hinsicht Klugheit an den Tag gelegt. Sie haben tätige Menschen statt politischer Prominenz ausgezeichnet. Dies ist so kurz vor der Europawahl am 9. Juni besonders weise. Niemand wird ihnen unterstellen können, sie trieben Wahlkampf. Gleichzeitig ist ihnen der Zwang des Austarierens nach Art der öffentlichen Fernsehanstalten erspart geblieben. Sie haben jedoch mit ihrer Entscheidung mehr als nur defensive Klugheit an den Tag gelegt. Sie weisen damit zugleich konstruktiv auf das hin, was diese Europawahl bedeutet, nämlich mit dem Bürger, mit seinem Engagement, steht und fallt die Zukunft unseres alten, leidgeprüften Kontinents. Mit anderen Worten: Von jetzt an wird die Einigung Europas wieder dahin zurückgegeben, wo sie hingehört, nämlich in die Hände der einzelnen Menschen. Das ist eine elementar demokratische Entscheidung. In einer vom Volkswillen geprägten Gesellschaft kann der Einigungsvorgang nicht bloßes Ergebnis der Verhandlungsmaschinerie der Regierungen und bürokratischer Abläufe sein. Er wird sich nur erfolgreich entwickeln, wenn er in jeder seiner Phasen vom Volk vorangetrieben, getragen und kontrolliert wird. Der Bürger soll sich nicht nur betroffen, er muß sich beteiligt fühlen. Der Bürger muß das Werden Europas in seinem täglichen Leben mit Händen greifen können.
Und er darf Europa nicht nur als rationale Zukunftsskizze im Kopfe tragen, nein, er muß es leidenschaftlich wollen. War nicht ein solches Gefühl der Anfang des schon 1949 in der Stadt Castrop-Rauxel verwirklichten Gedankens, die Bürgerschaft in geheimer Abstimmung für ein vereinigtes Europa stimmen zu lassen? Und hat es etwa nichts mit Gefühl zu tun, wenn sich Frau Milchsack seit 1949 Jahr für Jahr mit Aufopferung der deutsch-englischen Verständigung widmet, ihre Freizeit dafür hergibt, keine Kosten und Mühen scheut. Oder, was anderes als Leidenschaft für die Verständigung der Europäer, hat Herrn Paeschke dazu geführt, mit der Zeitschrift "Merkur" ein Modell für die geistige Begegnung in Europa zu schaffen. Sicher war es auch nicht kühles Kalkül, was die jungen Mainzer in der "Hilfsaktion Bretagne" dazu trieb, ihre Solidarität mit den unglücklichen Einwohnern dieses von einer Ölkatastrophe betroffenen französischen Küstenstreifens zu bekunden.
Wieviel weiter wären wir in Europa, wenn uns eine allgemeine Belebung solcher Gefühle, die Anknüpfung an das, was die Menschen in den Anfangen der europäischen Einigung bewegt hat, auch heute tragen würde. "Gib unverändert jene Triebe..., gib meine Jugend mir zurück!"
Doch leider wird es nicht ausreichen, nur bei den damaligen Gefühlen oder Denkansätzen anzuknüpfen. In meinem Büro in Brüssel habe ich in zwanzig Bänden die Manuskripte der Redenentwürfe des ersten Präsidenten der Europäischen Gemeinschaft, Professor Hallstein, stehen. Darin ist sehr eindrucksvoll viel Richtiges, vorausgreifende Aktionen, Zustandsanalyse in klarer Fiktion dargelegt - Europa als Wille und Vorstellung. Hallstein unterschätzt beileibe nicht die Hindernisse und Widerstände auf dem Wege zur Einigung. Und doch spiegelt sich in seinem Denken gelegentlich, wie übrigens auch bei den anderen maßgeblichen Europäern der ersten Stunde, ein Optimismus wieder, der stark auf etwas setzt, was man in vollendetem Neudeutsch "Sachzwänge" nennt.
Damit ist die Vorstellung gemeint, die zunehmende Handelsverflechtung, das wirtschaftliche Gemeininteresse werde die Europäer zu ihrer politschen Einigung führen. Heute wissen wir es leider besser.
Bleiben wir einen Augenblick bei diesen Sachzwängen: Sicher lassen sich gemeinsame Interessen heutzutage nur angemessen vertreten, wenn man sich zu einem größeren Block zusammenschließt. Wer kein großer Markt ist, der zählt bei weltweiten Zollrunden wenig. Wer nicht geschlossen für Millionenverbraucher mit einer Stimme spricht, der wird bei Ölproduzenten kein großes Gehör finden. Wer als Klein-oder Mittelstaat, gewissermaßen in der Bezirksliga der Verteidigungsanstrengungen, als Einzelkämpfer operiert, wird sich bei Abrüstungsverhandlungen nicht durchsetzen. Wer keine gemeinsame Nahostpolitik hat, kann nicht beanspruchen, bei der Friedensregelung dieser für Europa wichtigen Region aktiv mitzuwirken. Solche handelspolitischen, energiepolitischen, sicherheitspolitischen, friedenspolitischen und ähnliche Überlegungen hätten längst schon eine "die Gesamtheit ihrer Beziehungen einschließende gemeinsame europäische Politik" bewirken müssen. Dieser anspruchsvolle letzte Halbsatz stammt übrigens nicht von mir, sondern aus der Pariser Erklärung der Regierungschefs vom Oktober 1972. Jedermann kann ermessen, wie weit wir Europäer trotz alledem von diesem notwendigen Zustand fern sind - Sachzwänge hin, Sachzwänge her.
Selten werden wir Gelegenheit haben, mehr als gerade in diesen Tagen des Ausfalls der iranischen Öllieferungen das Fehlen einer dichten europäischen Energiestrategie zu bedauern. Wir werden noch daran denken, falls wir Ende des Jahres Preiserhöhungen des Ölkartells bis zu 20 Prozent bekommen, eine zusätzliche Ölrechnung von möglicherweise 10 Milliarden Dollar bezahlen, einen Inflationsschub und eine Einbuße an Wirtschaftswachstum von einem Prozentpunkt auffangen müssen. Und doch scheint die Feststellung eines solchen Sachzwangs zur Einigung uns nicht weiterzuführen. Sicher lag in der explosionsartigen Ausdehnung des innergemeinschaftlichen Handeins in Europa eine einmalige Chance für die freie Entfaltung des einzelnen, für freien Warenverkehr, für die Freizügigkeit der Arbeitnehmer und der freien Berufe, für den Kapitalverkehr. Bedenken Sie, allein seit 1960 hat sich der innergemeinschaftliche Handel verzehnfacht. Wäre es unter solchen Umständen nicht möglich gewesen, den Zustand aus der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg wiederherzustellen, in dem jedermann ohne Paß und mit beliebigem Geld in der Tasche kreuz und quer durch Europa reisen konnte, sich aufhalten durfte, wo er wollte und solange es ihm paßte. Doch die Verhältnisse, sie sind nicht so. Um eine dänische Ware bei Flensburg über die Grenze zu bringen, müssen Sie genauso viele Formalitäten erfüllen wie bei der Einfuhr einer Ware aus Australien. Die Zahl der Grenzbeamten in der Gemeinschaft hat sich seit ihrem Bestehen nicht verringert. Im Gegenteil, sie hat zugenommen.
Gelegentlich fühlt man sich an Zustände erinnert, wie sie der österreichische Schriftsteller von Herzmanovsky-Orlando, dieser hintergründig-skurrile Schilderer einer nur scheinbar fantastischen Biedermeierwelt, in einem seiner Romane beschreibt. Sein Held kommt im Lande Tarockanien an: "Cyfiak war gegen Mittag an der Grenze angekommen. Die Zolluntersuchung wurde äußerst rigoros und mit hingebungsvoller Genauigkeit durchgeführt. Feinhörige meinten, den Fiskus vor Vergnügen quieken zu hören. Besonders leidenschaftlich forschten die Zollorgane nach einer dortzulande verpönten Wurstsorte, deren Name allerdings streng geheim gehalten wurde und die man auch noch niemals gefunden hatte" und weiter "es fehlte nur noch Hexenriecherei oder gar der Paßzwang. Aber so verblödet war man selbst im Lande Tarockanien noch nicht!".
Ähnlich wie in Tarockanien blüht auch in Europa die Bürokratie. Karl der Große regierte die Welt mit zweihundert reitenden Boten. Friedrich der Große brachte seine Beamten auf vierhundert Quadratmetern preußischen Kabinettsbodens unter. Kaiser Wilhelm 11. herrschte mit einem halben Dutzend Staatsekretären. Heute haben wir allein in der Bundesrepublik eine halbe Hundertschaft höchster Staatsdiener und 3,4 Millionen Beamte, Angestellte und Arbeiter im öffentlichen Dienst.
Man hätte denken können und hat gedacht, die drastische Steigerung des Wohlstands in der Europäischen Gemeinschaft werde die Volkswirtschaften aufeinander ausrichten helfen, zu einer Annäherung der Währungsrelationen führen, einen besseren Ausgleich zwischen arm und reich ermöglichen.
Wohlstandssteigerung und Wirtschaftsexpansion sind da. Allein 1960 hat sich das Bruttosozialprodukt der Gemeinschaft vervierfacht, die Industrieproduktion verdoppelt. Heute können unsere Leistungen, unser Einkommen, unser Wohlstand mit dem der Vereinigten Staaten verglichen werden. Doch an den erwarteten Wirkungen hapert es - leider. Die Leistungsunterschiede der Volkswirtschaften haben sich nicht verringert. Die Preisauftriebsraten klafften stärker auseinander als in der Vergangenheit. Betrug etwa der Abstand zwischen Deutschland und Frankreich in den fünfziger Jahren 25 Prozent, so wuchs er in den sechziger Jahren auf50 Prozent, in den siebziger Jahren' sogar auf über hundert Prozent. Ein Hamburger verdient heute fünfmal soviel wie ein Bürger aus Kalabrien.
Eine weitere erwartete Wirkung ist ebenfalls ausgeblieben. Die Verflechtung der neun Volkswirtschaften der Europäischen Gemeinschaft hat nicht zu der erwünschten Abflachung der Konjunkturzyklen, zur Verstetigung und Stabilisierung unserer wirtschaftlichen Entwicklung geführt. Unvorbereitet sind wir 1975 in die tiefste Rezession seit den dreißiger Jahren geglitten und haben heute noch Arbeitslosenzahlen von über sechs Millionen Menschen.
Kein Wunder, daß es den einfachen Menschen, den Europäern auf der Straße, schwerfällt, diese komplizierte Entwicklungen zu erfassen, die Vorteile der europäischen Einigung zu erkennen und sich für den Einigungsvorgang zu begeistern. Und wir müssen zugeben, wir Politiker erleichtern es ihnen auch nicht. Wir haben den Sachzwängen nicht zum Erfolg verholfen. Europapolitik wird wieder überwiegend als unübersichtlicher Stellungskrieg nationaler Verwaltungen betrieben. Der berufenen Vertretung des Volkes, in diesem Falle dem Europäischen Parlament, sind keine ausreichenden Befugnisse eingeräumt worden. Wir sind ins demokratische Defizit gerutscht.
Die Direktwahl des Europäischen Parlaments am 9. Juni wird diese Bürgerferne nur in Teilbereichen verringern können. Wäre es nicht gut, schon jetzt an weiterreichende, unmittelbare Formen der Beteiligung des Volkes am Aufbau Europas zu denken: Volksbefragung, Volksentscheid, eine europäische verfassunggebende Versammlung? Das würde von den Menschen in Europa als ein Akt der Befreiung, als die Erfüllung vieler latent vorhandener Hoffnungen empfunden werden.
Und die Politiker täten auch gut daran, in dem nunmehr bevorstehenden europäischen Wahlkampf nicht abstrakte europäische Fernziele oder durchgefeilte institutionelle Verbesserungsvorschläge in den Mittelpunkt zu stellen, sondern stattdessen konkret erfaßbare Veränderungen des täglichen Lebens. Nur keinen Streit um des Kaisers Bart! Die europäischen Wähler werden die Parteien nicht zuletzt daran messen, ob sie ihre konkreten Vorschläge mitvollziehen können. Dabei müßte für liberale Politiker allzumal die Befreiung des einzelnen, das Wegräumen von Behinderungen und Bevormundungen im Mittelpunkt stehen. Es darf in Europa keine Diskriminierung mehr geben, keine Benachteiligung ganzer Gruppen.
Deshalb, in der ersten Legislaturperiode des direkt gewählten Parlaments sollte ein europäisches Bürgerrecht beschlossen werden. Jeder Mensch sollte in jedem Land der Gemeinschaft in jeder Hinsicht so behandelt werden, als ob er Inländer sei. Es muß endlich Schluß gemacht werden mit den Benachteiligungen im Beruf, beim Zugang zu Ämtern, bei Wahlen, bei der Freizügigkeit, bei der Niederlassung, nur weil jemand eine andere Staatsangehörigkeit aus der Europäischen Gemeinschaft hat. Ebenso wie im Jahre 100 vor Christus im Römischen Reich mit der Ausdehnung der Staatsbürgerschaft durch die Lex Cinna der erste große Schritt getan wurde, um die Reichseinheit und die Verbindung zwischen den Bürgern herzustellen, ebenso könnte dieses europäische Bürgerrecht im Leben der Menschen in Europa einen entscheidenden Wandel bringen. Dieses europäische Bürgerrecht könnte auch der Gleichberechtigung der Frau in Europa erleichtern. Meine Damen und Herren, die Benachteiligung der Frau in Europa muß abgebaut werden, denn sie ist eine der krassesten Formen noch bestehender Diskriminierungen. Wissen Sie, daß die Frauen in der Europäischen Gemeinschaft im Schnitt noch 25 Prozent weniger verdienen als Männer, welche gleiche Arbeit leisten? Vergessen wir nicht oft, daß immer noch doppelt so viele Jungen eine solidere außerschulische Berufsausbildung erhalten als Mädchen? Es wäre schon eine Schande, wenn es nicht gelänge, in den kommenden drei Jahren in Europa die soziale Gleichstellung der Frau zu gewährleisten.
Lassen Sie uns endlich die Europapolitik auf die Füße stellen. Europa ist nicht nur eine rationale Blaupause unserer zukünftigen Lebensgestaltung. Europa ist auch mehr als ein wirtschaftlicher Zweckverband zum gegenseitigen Nutzen. Der europäische Gedanke ist ein Schlüssel zum Verständnis unserer eigenen Vergangenheit und unseres eigenen Wesens. Der spanische Kulturphilosoph Ortega y Gasset hat in einem seiner Bücher dargestellt, wie der europäische Mensch immer zugleich in zwei geistigen und gesellschaftlichen Räumen gelebt hat, in einer weniger dichten, aber weiten europäischen und in einer dichteren, aber begrenzten nationalen Heimat. Erst im Laufe des 19. Jahrhunderts hat sich diese Gleichzeitigkeit immer stärker zum Widerspruch entwickelt. 37 Millionen Tote in zwei Weltkriegen waren schließlich die Folge.
Heute drängt nun alles in Europa auf die Einigung hin: Die eigene leidvolle geschichtliche Erfahrung, unser Selbstverständnis, die wirtschaftliche Notwendigkeit, kurz die Vernunft.

Begründung der Preisverleihung
Hildegard Hamm-Brücher
Ein langer Weg nach Europa

Im Jahr der ersten europäischen Direktwahlen wird unser Grundgesetz 30 Jahre alt und begeht die Stiftung Theodor-Heuss-Preis ihren 15. Geburtstag! Auf den ersten Blick mögen diese drei Ereignisse herzlich wenig miteinander zu tun haben - und doch markieren sie den inneren Zusammenhang und die politische Spannung der diesjährigen Verleihung des Theodor-Heuss-Preises. Wie noch in jedem Jahr möchte ich diese Zusammenhänge begründen und sie einzuordnen versuchen in unser Zeitgeschehen, das, durch seine Hektik, ruhige Besinnung und damit Orientierung und Kontinuität eher erschwert als erleichtert. Ich möchte also der Frage nachspüren, was unsere drei Jubiläen: die ersten europäischen Direktwahlen, der 30. Geburtstag unseres Grundgesetzes und das 15. Jubiläum einer Stiftung, die den Namen des ersten Bundespräsidenten trägt (der nicht nur zu den politischen und intellektuellen Vätern des am 8. Mai 1949 verabschiedeten Grundgesetzes gehört, sondern auch sein erster Interpret und Bürge gewesen ist) miteinander und mit der Auswahl unserer diesjährigen Preisträger zu tun haben? Wir Älteren, die wir uns an Krieg, Zusammenbruch und Nachkriegszeit bewußt erinnern, können diese Zusammenhänge noch am ehesten neu bedenken und in die aktuelle Diskussion einbringen. Wir können uns erinnern, daß Ende der 40er Jahre die Hoffnung auf ein - wie wir es damals nannten "Vereintes Europa" stärker und lebendiger war als der von Skepsis, Ungewißheit und Not überschattete, zaghafte Beginn unserer Demokratiewerdung. Ja, ein Europa, das war eigentlich der einzige Hoffnungsfunke, der aus den Trümmern unserer materiellen, politischen, geistigen und moralischen Existenz heraufzudämmern schien. Wir wollten Europäer werden, um unserer nationalen Nicht-mehr-Existenz zu entfliehen. Aber der Hoffnungsfunke verblaßte wieder. Und er verblaßte um so rascher als die an ein "Wunder" grenzende wirtschaftliche Erholung alles überbaute, was wir auf diesen Trümmern zurückgelassen hatten. Die Hoffnung auf einen raschen politischen Aufbau Europas verschwand von der politischen Prioritätenliste und aus dem öffentlichen Bewußtsein. Aber auch der innere Klärungsprozeß der Ursachen des schrecklichen Geschehens als Voraussetzung für einen neuen Anfang wurde durch beginnende Wohlstandsfreuden und - wünsche alsbald verdrängt.
Unter den führenden Nachkriegspolitikern war Theodor Heuss einer der wenigen unermüdlichen Mahner und Deuter unserer politischen Geschichte mit all ihren Irrtümern und Verhängnissen. Wieder und immer wieder beschwor er sie als eine nicht durch Verdrängen abzutragende Hypothek für den demokratischen Neubeginn. Auch hatte er ein starkes Gespür für die Schwierigkeiten dieses Prozesses. Als Bundespräsident von 1949-1959 kreist sein Denken und Handeln um die Aufgabe, aus dem "Paragraphengespinst" des neuen Grundgesetzes demokratische Gemeinsamkeiten und lebendige Beziehungen zwischen Staat und Bürgern zu entwickeln. Er war nicht nur der erste Bürger, sondern auch der erste Bürge unserer jungen, unerprobten, nicht aus eigener Kraft erkämpften Demokratie.
Er ermutigte zu ihren Möglichkeiten und Pflichten. Unermüdlich - mal ernst, mal humorvoll - versuchte er, uns, die frischgebackenen Bundesbürger, in ihre neue demokratische Staats- und Lebensform einzuführen. Er gewann damit Autorität, er fand Zustimmung und Zuneigung. Dennoch reichte es nicht aus. Nach seiner Präsidentschaft setzte sich der von ihm gewollte und in Gang gesetzte Klärungsprozeß kaum noch fort, nach und nach wurde er - abgesehen von gelegentlichem Aufflackern - verdrängt, vergessen oder durch aktuelle Probleme überlagert. Erst in den letzten Jahren haben wir ernsthaft wieder begonnen, nach diesen Zusammenhängen zu suchen.
Wenn wir heute, nach 30 Jahren, jene ersten Anfänge wieder überdenken, dann können wir - klarer als damals und unbefangener erkennen: Sowohl die Hoffnung auf Europa als auch unser Grundgesetz und das Entstehen unseres demokratischen Staates waren Konsequenzen aus jenem schrecklichen Geschehen, das vom Hit1er-Deutschland verschuldet und das von uns allen damals heute - und in Zukunft mitverantwortet werden muß.
Theodor Heuss hatte dies bereits damals klar erkannt und nahezu prophetisch formuliert, als er in seiner großen Rede anläßlich der Verabschiedung des Grundgesetzes am 8. Mai 1949 sagte: "Wir spürten, daß in der Auseinandersetzung mit den Völkern und Nationen das Zu-sich-selber-gefunden-Haben der Deutschen erst Wirklichkeit geworden sein muß und daß unsere politische Arbeit, die noch durch viel Turbulenz, durch viele Enttäuschungen und durch viele Rückschläge hindurchgehen wird, bevor sie aus dem Ergebnis dieses Tages ein ganz klein es Stück festen Boden für das deutsche Schicksal geschaffen haben wird."
Haben wir in den 30 Jahren seither "zu uns selber gefunden"? Haben wir "ein Stück festen Boden für das deutsche Schicksal" geschaffen, und welche Konsequenzen hat dies in unserer Begegnung mit anderen Völkern und Nationen? Ich meine - und ich darf im Namen des Vorstandes und Kuratoriums sagen wir meinen, daß wir doch ein gutes Stück weitergekommen sind - allerdings, wie Theodor Heuss es vorausgesagt hat, unter Turbulenzen, Enttäuschungen und Rückschlägen. Das tiefe Erschrecken, das - ausgelöst durch die Fernsehserie "Holocaust" nun nach über 30 Jahren weite Teile unserer Bevölkerung (endlich!) ergriffen hat, ist ein Beweis dafür. Wir dürfen es als ermutigend empfinden, daß dieses Erschrecken, anders als vor 30 Jahren, umfassender und reifer geworden ist. Der nun einsetzende Nachdenk- und Bewältigungsprozeß kann heute unbefangener ablaufen und damit wirksamer werden. Wir können die quasi unbeteiligte Geschichtslosigkeit, mit der wir unserer eigenen Vergangenheit - trotz vieler ehrlicher Aufklärungs- und Bewältigungsbemühungen - über mehr als zwei Jahrzehnte begegnet sind (teils aus Scham, teils aus Unkenntnis oder Unschuld, teils aus trotziger Rechtfertigung), überwinden. Damit könnten wir uns - und das scheint mir besonders wichtig - Zugang und Vertrauen zur jungen Generation verschaffen und sie besser als bisher befähigen, in die demokratische Verantwortung der zweiten Generation hineinzuwachsen.
Heute ist es möglich, ja nötig, zu realisieren, daß die Mehrzahl der Deutschen die demokratische Staatsform bis 1945 abgelehnt, ja verachtet hat und daß sie sich nach 1945 in der Regel nur mühsam damit befreunden konnte. Wir sollten eingestehen, daß wir nicht geborene - sondern durch Fehler und Irrtümer klüger gewordene - Demokraten sind und daß wir mit dieser zögerlichen Einstellung auf die junge, nachwachsende Generation nicht sonderlich überzeugend wirken konnten. Dieses einzugestehen heißt ja nicht, daß sich viele nicht redlich Mühe gegeben hätten, dies zu ändern! Wir haben auch große Beispiele hervorragender Demokraten. Aber die Startbedingungen unserer Demokratie im Ganzen waren eben fatal, und dies hatte Folgen für die junge Generation, die nun zwar in die demokratische Ordnung hineingeboren ist, aber durch die Älteren nicht ausreichend "angelernt" und von ihrem Vorbild nicht ausreichend überzeugt wird. Dieses "Handikap" unserer demokratischen Entwicklung sollten wir nicht verdrängen, sondern nüchtern erkennen und mit Einsicht und Vernunft überwinden. Das ist es, was sich unsere Stiftung vor 15 Jahren nach dem Tode des ersten Bundespräsidenten vorgenommen hat und worum wir uns in den nächsten Jahren verstärkt bemühen wollen.
Theodor Heuss hat also zweifellos recht behalten: Der Prozeß des "Zu-sich-selber-Findens"- was sowohl Bewältigung unserer jüngsten Geschichte als auch Identifizierung und Engagement für unsere demokratische Ordnung bedeutet - war und ist mühsam. Aber er bleibt uns nicht erspart, weder nach innen unter uns selbst noch in der Begegnung und Auseinandersetzung mit unseren europäischen Nachbarn und den Völkern der Welt. Das ist das Fazit anläßlich der 30. Wiederkehr der Verabschiedung unseres Grundgesetzes im Jahr der ersten europäischen Wahlen! Der europäische Einigungsprozeß war und ist im Grunde ein europäischer Aussöh nungsprozeß, der bisher überwiegend von einsichtigen Politikern und einzelnen, auch einzelnen Gruppen, geleistet wurde.
Mit der ersten Direktwahl beginnt eine zweite Etappe, in die nun auch die Bürger mit einbezogen werden. Diese ersten Europawahlen sind keine Zauberformel mit der diese Schwierigkeiten und Unzulänglichkeiten des Einigungsprozesses und die nach wie vor auch bei unseren Partnern vorhandenen Vorbehalte übertüncht werden können und so gesehen wird die Formel vom "Europa der Bürger" eher eine Last als eine Lust für eben diese Bürger werden.
Das ist es, was die Stiftung Theodor-Heuss-Preis mit der Auswahl ihrer diesjährigen Preisträger beispielhaft deutlich machen will: daß der europäische Aussöhnungsprozeß Voraussetzung für den europäischen Einigungsprozeß war und ist! Zwar ist es nicht das erste Mal, daß wir den Radius unserer Überlegungen auch über die Grenzen der Bundesrepublik hinausreichendes demokratisches Engagement ausgedehnt haben (so war beispielsweise einer unserer ersten Preisträger vor 15 Jahren die "Aktion Sühnezeichen", die damals noch weitgehend un-. verstanden und angefeindet ihren Einsatz in Polen, Israel u. a. von Deutschland zerstörten Ländern geleistet hat). Aber es ist das erste Mal, daß wir die Auswahl unserer Preisträger insgesamt unter dem vorher beschriebenen Zusammenhang zwischen demokratischer Entwicklung im Heuß'schen Sinne des "Zu-uns-selber-Findens" und der Begegnung mit anderen Völkern und Nationen gestellt haben. Damit wollen wir dreierlei beispielhaft deutlich machen:
- einmal: Die beziehungsvollen "Äquivalenzen" zwischen unserem nationalen und dem europäischen Demokratie-Werdungsprozeß während der letzten drei Jahrzehnte
- zum anderen: die aus der Kenntnis und dem Verständnis für unsere jüngere Geschichte erwachsende Verpflichtung zur Kontinuität und fortwirkenden Verantwortung für die weitere Entwicklung
- und schließlich: Die Bedeutung eines mit Vernunft und Selbstvertrauen, mit Elan und Stehvermögen geleisteten - Bürgerengagements für ein freies Europa.
Da ist der Theodor-Heuss-Preisträger für 1979, die Stadt Castrop-Rauxel, die uns unter den erfreulich vielen Beispielen für lebendige Städtepartnerschaften am beispielhaftesten erschien. Seit über dreißig Jahren hat sie ihr Engagement - unbeirrbar und unermüdlich - durchgehalten und mit immer neuem Einsatz Begegnungen und Austausch mit ihren Partnerstädten, vor allem auch zwischen jungen Bürgern, durchgeführt. Die Chronik der alljährlichen Partnerschaftsprogramme - außer Wakefield kam 1950 Delft hinzu, 1952 Vincennes anläßlich der Errichtung einer Friedenskapelle und schließlich 1965 Kuopio in Finnland -, diese Chronik liest sich wie ein spannendes und abwechslungsreiches Film-Drehbuch. Wieviel mehr steckt aber dahinter? Wieviel Zeit, Kraft, Idealismus, Geld wurden investiert seit jener Urabstimmung am 15. Juni 1950, in der sich 96 Prozent der Bürger von Castrop-Rauxel für ein vereintes Europa entschieden? Wie viele Rückschläge und Enttäuschungen mag es gegeben haben, wieviel langer Atem und immer wieder neue Anläufe waren notwendig, wenn es galt, aus der Gefahr der Routine und Nur-Geschäftigkeit wieder herauszufinden. Besonders bemerkenswert scheint uns, daß in den partnerschaftlichen Begegnungen nicht nur die Sonnenseiten kommunaler Probleme vorgezeigt werden! Wenn sich Arbeitslose aus den Partnerstädten treffen oder Senioren, wenn Probleme der Stadtentwicklungen, des Umweltschutzes, des Bürgerengagements nicht ausgespart werden, dann werden Partnerschallen fester und belastbarer - dann sind sie wirklich Bausteine für eine europäische "Verschwisterung".
Dieses Beispiel drei Jahrzehnte langer Bemühungen um dauerhafte Verständigung verdient nach Ansicht von Vorstand und Kuratorium der Auszeichnung und der Ermutigung - und zwar nicht nur für die Stadt als Verwaltungskörper, sondern für all die Bürger, die sich über so viele Jahre aktiv daran beteiligt haben. Und wir möchten in diese Auszeichnung auch ausdrücklich die vier europäischen Partnerstädte und deren Bürger mit einbeziehen, weil wir uns sehr wohl vorstellen können, daß für Wakefield und Delft, Vincennes und Kuopio der Entschluß zur Partnerschaft und damit zur Begegnung und Aussöhnung mit einer deutschen Stadt und ihren Bürgern um vieles schwerer und problematischer war als umgekehrt. Deshalb freuen wir uns von Herzen, daß Sie - liebe europäische Gäste - unserer Einladung gefolgt sind und daß wir Ihnen nachher zusammen mit Ihrer Geschwisterstadt Castrop-Rauxel die Urkunde überreichen dürfen.
Ich wende mich nun Ihnen, liebe Frau Lilo Milchsack, zu, der Hauptinitiatorin und verantwortlichen Gestalterin der Deutsch-Englischen Gesellschaft. An Ihrem dreißigjährigen Wirken für die deutsch-englische Verständigung läßt sich anschaulich machen, was ich zuvor nur theoretisch behauptet habe: Unter welch schweren Hypotheken und Bedingungen sich unsere eigene Demokratiewerdung in Wechselwirkung mit dem Aussöhnungsprozeß nach dem Kriege vollziehen mußte - und wie nachdrücklich das eine das andere bedingt hat.
Diese Erfahrung zieht sich durch die dreißigjährige Geschichte der "Deutsch-Englischen Gesellschaft" und ihrer alljährlich wichtigsten Veranstaltung, den "Königswinter-Gesprächen" (die nun abwechselnd auch in England stattfinden). Der unvergessene Chefredakteur der Süddeutschen Zeitung, Hermann Proebst, hat die Mühsal dieses Prozesses anläßlich des 20. Geburtstages der Gesellschaft treffend so formuliert: "Nach Weltkatastrophen redet man viel von Verständigung und davon, daß sich die Völker besser kennenlernen sollten. Wenige sind sich dessen bewußt, wie schwer es ist, solchen Forderungen genüge zu tun und wie leicht die Flüchtigkeit unverbindlicher Begegnungen den guten Vorsatz wieder entmutigt. Neu hinzugekommene Mißverständnisse sind 011 nicht minder lähmend als althergebrachte Voreingenommenheiten. Ohne geistige Anstrengung gibt es kein Verstehen, und wer sich ihr unterzieht, wappne sich mit Geduld."
Nun, unsere Preisträge rin hat sich mit Geduld gewappnet! Und sie hat entscheidenden Anteil daran, daß die geistige Anstrengung zum schrittweisen Abbau der "tiefen Verstörtheit der deutsch-englischen Beziehungen" (Proebst) immer von neuem geleistet wurde. Hinzu kommt Ihre kostbare Gabe, Menschen zusammenzuführen, Freundschallen zu stiften und zu pflegen und damit die Atmosphäre zu schaffen, die für das Durchhalten dieser Art Lernprozesse unentbehrlich sind.
Wenn heute von britischen und deutschen Staatsmännern immer wieder festgestellt wird, daß "Königswinter" in seiner dreißigjährigen Geschichte mehr zur deutsch-englischen Verständigung, Aussöhnung und Bindung geleistet hat als es noch so gutgemeinte politische Absichten vermögen, dann ist dies zuerst und vor allem das Verdienst unserer Preisträgerin Lilo Milchsack.
Auch Theodor Heuss hätte gewiß seine helle Freude an der Wahl unserer Preisträgerin. Mit seiner Würdigung anläßlich der 10. Deutsch-Englischen Gespräche hat er unsere heutige Begründung eigentlich schon 20 Jahre vorweggenommen. Der "freiwillige Beitrag der Deutsch-Englischen Gesellschaft" - so sagte er 1959 - "schafft überhaupt erst die notwendige Grundlage. auf der vernünftige Regierungspolitik ermöglicht wird!"
In diesem Sinne wünschen wir noch viele Königswinter, viele weitere freiwillige Beiträge von beiden Seiten und im Gefolge viel vernünftige Regierungspolitik! Wir wissen, daß trotz aller erzielten Fortschritte der britische Weg nach Europa und das europäische Verständnis für die britischen Probleme nach wie vor großer geduldiger Anstrengungen bedarf - so wie sie von Frau Lilo Milchsack und der Deutsch-Englischen Gesellschaft seit 30 Jahren geleistet werden. Dafür schulden wir Ihnen unser aller Dank! Wenn Hermann Proebst von der geduldigen geistigen Anstrengung sprach, die als Voraussetzung für gegenseitiges Kennenlernen und Verstehen unerläßlich sei, dann trifft das ebenso auf die große Nachkriegsleistung von Hans Paeschke zu, dem gleichfalls eine Theodor-Heuss-Medaille zuerkannt wurde.
Eben weil in unserer Zeit das Sensationelle und Spektakuläre die Schlagzeilen beherrscht und die geduldige geistige Leistung erschreckend unterschätzt wird, soll mit der Auszeichnung des Herausgebers und Chefredakteurs des "Merkur - deutsche Zeitschrift für europäisches Denken" bewußt im Goetheschen Sinne "Gegenwirkung" erzielt und Anstoß erregt werden. Denn: Europäisches Denken gibt es sehr viel länger als europäisches Handeln, und es hat anti-europäisches Handeln noch immer überdauert!
Deshalb wäre ein politisches Zusammenwachsen Europas ohne die Pflege und Entfaltung europäischen Denkens auf Sand gebaut - ein Sachverhalt, dem von den politischen Baumeistern Europas leider noch nicht ausreichend Rechnung getragen wird. Wie reich und wie vielfältig diese geistigen Kräfte Europas sind, das läßt sich in der Autorenliste des "Merkur" über drei Jahrzehnte nachlesen: Ich nenne nun einige unter vielen anderen: Gottfried Benn - Theodor W. Adorno - Alexander Mitscherlich - Ortega y Gasset - T. S. Eliot - Stephens Spender Andre Gide - Andre Malraux - Jean-Paul Sartre - Leszek Kolakowski - Jean Amery Manes Sperber - Carl-Friedrich von Weizsäcker. Sie alle zeugen bis in die Gegenwart für die geistige Bandbreite des "Merkur" und seines Herausgebers. Unter den "Merkur"-Autoren habe ich übrigens auch wichtige Beiträge von Theodor Heuss entdeckt. Ich möchte nur einen Aufsatz aus dem Jahre 1957 erwähnen, der unter dem Titel "Deutscher Geist und Deutsche Geschichte" justament die Thematik unserer heutigen Feierstunde vorwegdachte. Er schrieb: "Vielleicht ist der Deutsche für das "Ideologische" besonders begabt, vielleicht auch besonders anfällig - das läßt ihn ja, vor den anderen wie vor sich selber, jetzt einmal in einem schönen, ja bedeutenden Glanz erscheinen, dann aber auch in einem Zwielicht des Mißtrauens, der Ungewißheiten, der schwierigen Auslotbarkeit der geistig-seelischen Existenz."... "Heute hat er dafür wenig Zeit; er muß sich in der Welt zurechtzufinden versuchen, von der er abgesperrt gewesen, die ihm nur in Verzerrung gezeigt wurde, wie er selber zum Teil naiv erstaunt war, daß sein eigenes Bild für das Weltverstehen sich verwandelt hatte. Er hat begriffen - von den Routiniers der Pflege des Ressentiments abgesehen - daß das in Ordnung gebracht werden muß."
Auch Hans Paeschke hat das "begriffen"! Dreißig Jahre hat er wesentlich dazu beigetragen, daß auf dem hohen geistigen Niveau des "Merkur" vieles "in Ordnung gebracht" werden konnte, was zunächst für das geistige Deutschland und für das geistige Europa irreparabel schien. Dafür möchten wir ihm heute mit der Verleihung der Theodor-Heuss-Medaille öffentlich danksagen!
Ich sprach anfangs davon, daß wir mit der diesjährigen Auswahl dreierlei deutlich machen wollten: Die "Äquivalenzen" zwischen dem eigenen und dem europäischen Demokratisierungsprozeß - unsere besondere Verpflichtung zur Kontinuität und Beständigkeit und nicht zuletzt die Notwendigkeit des freien Bürgerengagements für Europa.
Unser viertes Beispiel hierfür ist die "Hilfsaktion Bretagne“: eine Initiative junger Menschen anläßlich der Öltankerkatastrophe im April 1978 vor der bretonischen Küste. Rund 200 Schüler der Salem- und Hiberniaschule, Studenten und Lehrlinge, Mitglieder verschiedener Umweltschutzinitiativen und Freiwilliger Feuerwehren leisten in einem wochenlangen Einsatz unseren französischen Nachbarn in einer bedrohlichen Situation freiwillig Hilfe. Unter großen organisatorischen Schwierigkeiten, oft unfreundlichen Wetterbedingungen, in mühevoller Kleinarbeit und mit unzulänglichen Hilfsmitteln wie Jauchepumpen, Schaufeln und Abfalleimern versuchten sie zusammen mit Ortsansässigen und anderen Helfern, an der total von Öl verschmutzten Küste zu retten, was noch zu retten war. Stellvertretend für alle Helfer nenne ich nur die Hauptinitiatoren, Werner Rammensee und Alfred Horn. Wir fanden gerade dieses Beispiel spontaner Hilfsbereitschaft so überzeugend, daß wir es zur Ermutigung und Nachahmung heute mit einer Theodor-Heuss-Medaille auszeichnen wollen, und wir bedauern sehr, daß der damals gedrehte Film "Schwarze Flut" hier nicht vorgeführt werden kann, weil er eindrucksvoll deutlich macht, wie durch das aufopferungsvolle Engagement von Umweltschützern, Schülern, Feuerwehrleuten, Küstenbewohnern etc. eine dauerhafte europäische Solidarität in der Sache unter allen Helfern entstanden ist. Auch das ist eine wichtige Erfahrung für Europa - besonders für junge Menschen. Damit schließt sich der Kreis der Begründung für die 15. Verleihung des Theodor-Heuss-Preises im Jahr der ersten europäischen Wahlen und des 30. Geburtstages unseres Grundgesetzes.
Es ist eine große Zeitspanne, die zwischen der ersten Städtepartnerschaft 1949, der ersten deutsch-englischen Begegnung, dem ersten Heft der Zeitschrift "Merkur" und der Hilfsaktion junger Menschen in der Bretagne 1978 liegt. - Es ist eine weite Strecke, die wir zurückgelegt haben auf dem Wege unserer eigenen demokratischen und der europäischen Entwicklung. Und wir wissen auch, daß diese ersten Wahlen kein "Happy-End" des Weges nach Europa, sondern allenfalls den Beginn einer neuen Etappe bedeuten.
Der große Europäer Jean Monnet erzählt in seinen sehr lesenswerten Memoiren, daß er auf seinem Schreibtisch in Luxemburg eine "seltsame Fotografie" gehabt habe. Es war "Kon-Tiki", dessen Abenteuer die Welt bewegten und in dem er das Symbol des europäischen Einigungsprozesses sah. Er schreibt dazu: "Diese jungen Männer haben die Richtung gewählt. Dann sind sie losgefahren und wußten, daß sie nicht umkehren konn ten. Welche Schwierigkeiten auch auftreten mochten: Sie hatten nur eine Möglichkeit unaufhörlich weiterzufahren." Und er schließt: "Auch wir gehen auf unser Ziel, die Vereinigten Staaten von Europa, zu, auf einem Weg ohne Umkehr."

Schlußwort
Manfred Rommel
"Den Geist der Toleranz in Europa einbringen"

Immer wenn man glaubt es sei zu Ende, steigt noch jemand aufs Podium, um ein Schlußwort zu sprechen. In diesem mythologiegeweihten Saale darf ich darauf hinweisen, daß Europa im allgemeinen im Bilde einer Jungfrau dargestellt wird, die sich mit einem Rindvieh eingelassen hat. Das hat in der Tat symbolkräftige Bedeutung, wenn man die europäische Geschichte, insbesondere aber die deutsche Geschichte, betrachtet, gleich ob nach innen oder nach außen. Herr Kollege Kiesl, wir Württemberger haben zusammen mit den Bayern gegen die Preußen gekämpft, wir haben aber auch schon mal mit den Preußen gekämpft, wir haben aber auch schon mal mit den Preußen gegen die Bayern gekämpft im 30jährigen Krieg. Auf jeden Fall darf ich eines sagen: gerade die Städte fühlen sich verpflichtet, einen nachhaltigen Beitrag zu Europa zu leisten. Und deshalb sind die Partnerschaften sinnvoll.
Aber die offiziellen Partnerschaften der Städte würden überhaupt nichts bewirken, wenn es nicht Bürgerinnen und Bürger gäbe, die diese Partnerschaften mit Leben erfüllen und sie davon abhalten, als Anlässe für kommunale Dienstreisen am Schluß nur noch verwendet zu werden.
Und zum Thema Mythologie: Ich wünsche, daß, wie weiland Herkules, nach dem dieser Saal benannt ist, der Hydra die Häupter, die Politiker der Bürokratie die Köpfe abschlagen, damit Überbürokratismus nicht Europa verhindert. Und bei der Bürokratie sind wir Deutsche ja besondere Meister. Tucholsky hat geschrieben: "Wenn der Deutsche hinfällt, dann steht er nicht auf, sondern prüft, wer schadensersatzpflichtig ist." Und dieser Geist erfüllt leider auch die deutsche Politik gelegentlich. Wenn wir Europa wirklich wollen; dann können wir kein christdemokratisches Europa, kein sozialistisches Europa, kein konservatives, kein liberales Europa wollen, dann müssen wir ein Europa wollen, in dem alle diese Richtungen vertreten sind und miteinander konstruktive Politik machen. Wer ein konfliktfreies, im Zustand himmlischer Harmonie existierendes Europa will, der will Europa in Wirklichkeit überhaupt nicht. Aber es macht einen großen Unterschied aus, wie Konflikte, wie Meinungsverschiedenheiten ausgetragen werden. Früher über Kimme und Korn. Künftig hoffentlich auf andere Weise! Und nicht im politischen Raum lediglich durch Polemik, durch Suche nach dem Trennenden, sondern im politischen Raum im Respekt vor dem politischen Konkurrenten. Wo dieser Respekt fehlt, wo der Geist der Toleranz nicht vorhanden ist, dort ist selbst Einmütigkeit unerträglich, da jeder der noch Einmütigere sein möchte. Ich glaube, wir können dem Manne, dessen Name dieser Preis trägt, keine größere Ehre antun, als wenn wir den Geist der Toleranz, der in Europa gewachsen ist, in Europa einbringen.

1979