Theodor Heuss Stiftung

Karl Werner Kieffer, Dieter Fertsch-Röver, Modell Berufseingliederung und Berufsausbildung Lernbehinderten der Handwerkskammer München

(Ökologische Verantwortung), (Mitbestimmung und Vermögensbildung im Unternehmen)

Karl Werner Kieffer
Der THEODOR-HEUSS-PREIS für 1977 wurde Herrn Karl Werner Kieffer (Kaiserslautern) zuerkannt für seine beispielhaften sozial- und gesellschaftspolitischen Initiativen, die er als Unternehmer für das Allgemeinwohl erbracht hat. Neben der ideellen und materiellen Schaffung der Georg-Michael-Pfaff-Gedächtnisstiftung, die vielfältigen bildungs-, sozial- und gesundheitspolitischen Zwecken dient, wurden in der Georg Michael Pfaff AG durch die Initiative von Karl Werner Kieffer frühzeitig Belegschaftsaktien zur Vermögensbildung in Arbeitnehmerhand geschaffen und in vielerlei Hinsicht neue Wege eines innerbetrieblichen sozialen Engagements eingeschlagen. Besonders hervorzuheben sind die seit 1958 ausgebauten Bemühungen um lern- und leistungsschwache Jugendliche, deren Ausbildungs- und Berufschancen durch Förderkurse und individuelle Betreuung erheblich verbessert wurden. Das persönliche Beispiel, das Karl Werner Kieffer gegeben hat und immer wieder gibt, und sein vielfach bewiesenes großes Verantwortungsgefühl als Unternehmer gegenüber gesellschaftlichen Aufgaben und Pflichten, verdienen im Sinne der Satzung der Stiftung Auszeichnung und Ermutigung.

Dieter Fertsch-Röver

Der THEODOR-HEUSS-PREIS für 1977 wurde Herrn Dieter Fertsch-Röver (Frankfurt) zuerkannt für sein beispielhaftes, von demokratischem Verantwortungsgefühl geleitetes Handeln als selbständiger Unternehmer und politisch engagierter Bürger. In 25jährigem beständigem Wirken hat sich Dieter Fertsch-Röver die Weiterentwicklung und Festigung unserer freiheitlichen Wirtschafts- und Gesellschaftsform zur Lebensaufgabe gemacht. Sein starkes soziales Engagement erwuchs aus seiner beruflichen Tätigkeit im väterlichen Betrieb. Er konkretisiert es bereits seit den Fünfziger Jahren für seine Betriebsangehörigen in eigenen Formen der Mitbestimmung, der Vermögensbildung und in täglicher partnerschaftlicher Zusammenarbeit. Sein starkes wirtschafts- und gesellschaftspolitisches Engagement entfaltete er als langjähriger Vorsitzender der Arbeitsgemeinschaft selbständiger Unternehmer oft im kritischen Gegensatz zu anderen Unternehmerorganisationen. Hier ging es ihm um die Verantwortung des selbständigen Unternehmers gegenüber neuen gesellschaftlichen Bedürfnissen. Er fordert von einem freien Unternehmertum, sich am gesellschaftlichen Wandlungsprozeß mit eigenen Initiativen rechtzeitig zu beteiligen. Das persönliche Beispiel, das Dieter Fertsch-Röver durch dieses dreifache Engagement gegeben hat, verdient im Sinne der Satzung der Stiftung der Anerkennung, Ermutigung und Nachahmung.

Modellversuch Berufseingliederung

Der THEODOR-HEUSS-PREIS für 1977 wurde dem Modellversuch Berufseingliederung und Berufsausbildung "Lernbehinderter" der Handwerkskammer Mittelfranken zuerkannt für beispielhaftes Bemühen, lernschwachen und lernbehinderten Schulabgängern Übergang und Einführung ins Berufsleben zu ermöglichen. Zu diesem Ziele wurde seit Beginn der siebziger Jahre ein mehrstufiges Modell entwickelt und erprobt, das, mit Betriebspraktika im letzten Schuljahr beginnend, über einjährige Förderlehrgänge in vier Berufsbereichen und einem speziellen Berufsgrundschuljahr bis zur Vermittlung eines Ausbildungs- oder Anlernverhältnisses führt. Neben diesen und anderen berufsfördernden Maßnahmen erfolgt eine individuell gestaltete soziale und therapeutische Betreuung der Jugendlichen. Die hohe Erfolgsquote von fast 80 Prozent der Teilnehmer spricht für die großen persönlichen Anstrengungen der Initiatoren und Mitarbeiter des Versuchs und für seine fachliche Qualität. Deshalb verdient dieser Modellversuch, besonders auch im Hinblick auf die derzeit großen Schwierigkeiten, für lernschwache Schulabgänger einen geeigneten Ausbildungsplatz zu finden, im Sinne der Satzung der Stiftung der besonderen Anerkennung, Ermutigung und Nachahmung.

Karl Klühspies (Stadterhaltung)

Eine THEODOR-HEUSS-MEDAILLE für 1977 wurde Herrn Karl Klühspies für sein beispielhaftes persönliches Engagement im Bereich der Münchner Städtebauplanung zuerkannt. Seit 1966 hat Karl Klühspies kontinuierlich auf Stadtentwicklungs- und - planungsprobleme in München hingewiesen, vor Fehlentscheidungen rechtzeitig gewarnt und eigene Lösungsvorschläge eingebracht, die die endgültige Entscheidung der Behörden schließlich oft maßgeblich beeinflußt haben.
Beispielhaft seien hervorgehoben sein bahnbrechendes Konzept für eine Fußgängerzone, seine Vorschläge zur Schließung der Altstadtringlücke an der Maximilianstraße, seine Gegengutachten zur sogenannten Isarparallele und zum Rangierbahnhof München-Nord. Alle diese Vorschläge wurden zunächst heftig kritisiert und dann doch - oft nach jahrelangem Widerstand der Verwaltung - Bestandteil der offiziellen Planung. Dabei hat Karl Klühspies seine Überzeugungen und Fachkenntnisse mit großer innerer Unabhängigkeit und Zivilcourage vertreten und sich - falls erforderlich - ebenso kritisch mit Behörden wie auch mit Parteien und· Bürgerinitiativen auseinandergesetzt. Immer und in jedem Fall ging es dem qualifizierten Fachmann nur um seine persönliche Verantwortung für das städtebauliche Schicksal seiner Stadt. Im Sinne der Satzung der Stiftung hat Karl Klühspies ein hervorragendes Beispiel gegeben, das Anerkennung, Ermutigung und Nachahmung verdient.

Gesellschaft für Sozialwaisen - GESO (Engagement für familienlose Kinder)

Eine THEODOR-HEUSS-MEDAILLE für 1977 wurde der Gesellschaft für Sozialwaisen e.V. (GESO), Münster, für ihre vorbildliche Tätigkeit zugunsten familienloser Kinder zuerkannt. Seit ihrer Gründung im Jahre 1970 hat die GESO Hunderten von jungen Sozialwaisen zu familiärer Geborgenheit und den aufnehmenden Familien zu Beratung und Information verholfen.
Die Initiatoren und Mitarbeiter der GESO - stellvertretend sei ihr Gründer Hans Dieter Schink namentlich hervorgehoben bemühen sich vor allem um eine individuelle Vermittlung von Heimkindern und Sozialwaisen und um eine bessere pädagogische Vorbereitung und Begleitung der Pflegeeltern. Die GESO fördert die örtliche Zusammenarbeit und den Erfahrungsaustausch von Pflegeeltern, deckt unzulängliche Unterbringung und Betreuung von Sozialwaisen - sei es in Heimen oder Familien - auf und vermittelt bundesweit ein umfangreiches Auskunfts- und Informationsmaterial über alle einschlägigen Probleme. Sie versteht sich als Anwalt für das familienlose Kind. Mit dieser umfassenden Tätigkeit haben die GESO, ihre zahlreichen Mitarbeiter und Förderer - entsprechend der Satzung der Stiftung ein bemerkenswertes Beispiel für Initiative und Verantwortung in der demokratischen Gesellschaft gegeben, das der Anerkennung, der Ermutigung und Nachahmung bedarf.

Grundwerte der Demokratie: Initiative und Verantwortung

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Bundespräsident Walter Scheel:
»Neues zu denken, hat es schwer in unserem Land«

Meine sehr verehrten Damen, meine Herren!

Von Ludwig XIV. ist das Wort überliefert: "L'etat c'est moi" - "Der Staat bin ich". Diesem Wort wird häufig der Satz Friedrich des Großen gegenübergestellt: "Ich bin der erste Diener meines Staates." Mit diesen zwei Zitaten wird auf den Schulen der Übergang von der absoluten zur aufgeklärten Monarchie veranschaulicht. Ein großer Deutscher - und Dichter war's hat Demokratie als eine Gemeinschaft von Königen bezeichnet. Er wollte damit ausdrücken, daß der Bürger eines freien Gemeinwesens der Souverän seiner eigenen Entscheidungen ist. Bezieht man jene beiden königlichen Worte auf den Bürger einer Demokratie, so erscheinen sie nicht mehr als Gegensatz, denn dann bedingen sie einander, dann sind sie, wie man so sagt, die zwei Kehrseiten einer Medaille. Es ist unsere Überzeugung, daß der Bürger das Recht hat zu sagen: Der Staat bin ich. Das gilt in zweierlei Weise: Der Bürger ist der ursprüngliche Träger der staatlichen Gewalt. Alle demokratischen Institutionen haben ihren Grund und ihre alleinige Legitimation in dieser Souveränität des Bürgers; sie sind verfaßte Organe seines Willens. Unsere Verfassung ist die Form und die Regel, in der dieser Bürgerwille sich äußert. Das Wohl des Bürgers, jedes einzelnen, ist jedoch auch das Ziel allen staatlichen Handeins. Von daher erhält es seinen Sinn. Der Staat ist dazu da, dem einzelnen die Rahmenbedingungen dafür zu geben, daß er seine Vorstellungen von Glück verfolgen und, soweit dies in dieser Welt möglich ist, auch verwirklichen kann. Der Bürger ist Ausgangspunkt und Ziel der Demokratie.
Der einzelne jedoch kann sich selbst nur in der Gemeinschaft verwirklichen; er braucht, um sich als einzelner entfalten zu können, die Gemeinschaft. Die Souveränität des einzelnen findet in der Souveränität des anderen nicht nur ihre Schranke, sondern auch ihre Aufgabe. Freiheit im demokratischen Sinne ist nicht nur ein Individualbegriff, Freiheit ist im gleichen Maße ein sozialer Begriff: Die Freiheit des einzelnen bedingt die Freiheit der Gemeinschaft, und die Freiheit der Gemeinschaft ermöglicht die Freiheit des einzelnen. Leidet das eine, nimmt auch das andere Schaden. Die Gemeinschaft ist die beste, in der die Freiheit des einzelnen und die der Gemeinschaft als eine Einheit verstanden werden. Und am freiesten ist der Bürger, der seine Fähigkeiten im freiwilligen Dienst an der Gemeinschaft verwirklicht. Freiheit und Dienen, Recht und Bindung streben in einer Demokratie jederzeit zu einem immer wieder gefährdeten Gleichgewicht, das täglich neu bestimmt und täglich errungen werden muß. In anderen Staatsformen liegen die Dinge einfacher: Dort ist man Herr oder Diener. In einer Demokratie ist jeder Herr und Diener, ist jeder der Staat und der erste Diener des Staates. Nur wenn wir das Verhältnis des einzelnen zur Gemeinschaft so verstehen, ist der Staat - ich zitiere ein Wort von Thomas Mann "die unzweifelhaft höchste Stufe des Menschlichen". Nur dann ist, so fährt Thomas Mann fort, "das Problem des Staates, das politische Problem... als eine Angelegenheit des inneren Menschen, seiner Vervollkommnung, seines Besser- und Weiserwerdens zu erleben und zu begreifen und schließt es den Kreis des Menschlichen". Weder der schrankenlose Egoismus des einzelnen noch der totalitäre Anspruch einer Klasse, eines Staatsapparates sind mit der Demokratie vereinbar. Wir wollen beides: den einzelnen und die Gemeinschaft des Staates. Der Theodor-Heuss-Preis zeichnet Bürger und Bürgergruppen aus, die ihre Freiheit im freiwilligen Dienst an der Gemeinschaft verwirklicht haben, Demokraten also im schönsten und besten Sinne des Wortes. Wenn man sich die Liste der Preisträger anschaut, so findet man Professoren, Schriftsteller, Journalisten, Soldaten, Politiker, Unternehmer und Bürgerinitiativen, die sich für die verschiedensten Zwecke des Allgemeinwohls eingesetzt haben. Schon aus dieser Aufzählung wird erkennbar, jeder kann an dem Platz, an dem er in der Gesellschaft steht, in dem Beruf, den er ergriffen hat, in der Gruppe, der er angehört, seinen Beitrag leisten. Jeder der Preisträger hat durch sein Wirken klargemacht, daß der Staat nicht nur eine Sache der Politiker und Amtsträger ist, sondern seine. Dies findet seinen Ausdruck nicht in Proklamationen, deren es zur Genüge gibt, sondern in konkretem Tun. Der Phantasie sind hier keine Grenzen gesetzt. Wenn ich den Theodor-Heuss-Preis richtig verstehe, so ist sein Hauptsinn weniger, die Geehrten zu belohnen als Anregungen und Beispiele dafür aufzustellen, daß andere Bürger den Mut fassen, ihren Gemeinschaftswillen in die Tat umzusetzen, und das geht. Es ist schwer, aber es geht. Viel zu häufig hört man den Satz, der einzelne Bürger könne doch nichts machen; alles werde "von oben" bestimmt. Das ist nicht wahr. Aber freilich, was man machen kann, das erfährt man nicht nur durch die Theorie allein, sondern dadurch, daß man etwas macht. Und so gratuliere ich den Preisträgern und der Theodor-Heuss-Preis-Stiftung herzlich auch zu der Wahl dieses Jahres. Wenn jeder Bürger diesen Beispielen folgte, so könnte das Wort von der Staatsverdrossenheit nicht aufkommen, das gegenwärtig die Runde macht. Denn wenn der Bürger der Staat ist, dann bedeutet Staatsverdrossenheit ja Verdrossenheit mit sich selbst. Ich habe jüngst gehört, daß noch nicht veröffentlichte Untersuchungen des Instituts in Allensbach offenbar ergeben haben, daß sich die Unlustgefühle der Menschen in unserem Lande vermehren. Sie haben weniger Freude an ihrer Arbeit - und damit ganz allgemein weniger Lebensfreude. Das heißt: Die Menschen werden nicht nur mit dem Staat, mit den politischen und gesellschaftlichen Organisationen, mit unserer _ Konsum-oder Leistungsgesellschaft, mit diesem oder jenem unzufrieden, sondern mit ihrem Leben insgesamt. Der Mut, sein Leben in eigener Verantwortung zu gestalten, nimmt ab. Diese Entwicklung gilt nach der Erfahrung der Meinungsforscher nicht nur für einzelne Gruppen in unserem Lande, sondern für alle: Selbständige und Unselbständige, Groß- und Kleinbetriebe, Hausfrauen und Unternehmer, Männer und Frauen, Junge und Alte. Ein solcher Stimmu'lgswandel in der Bevölkerung sollte jedem, der sich für das Allgemeinwohl verantwortlich fühlt, sehr zu denken geben. Es gibt kein Allgemeinwohl, wenn die Menschen sich unwohl fühlen. Nach den erwähnten Untersuchungen - die ja nur belegen, was viele von uns mehr oder weniger deutlich auch empfinden - gab es ein Unbehagen lange vor der Ölkrise, lange bevor Arbeitslosigkeit bei uns zum Problem wurde. Das allgemeine Wohl ist offenbar keine Funktion des Wohlstandes, des Lebensstandards. Sonst hätte die Lebensfreude mit steigendem Wohlstand ja wachsen müssen. Der Mensch braucht offenbar mehr und er braucht anderes und vielleicht Wichtigeres, um sich wohlzufühlen.
Die Freude an Arbeit und Freizeit, wie man festgestellt hat, läßt nach. Dagegen die Neigung zur Kommunikation, zur Kontaktaufnahme mit anderen Menschen wächst. Auch das ist ein Ergebnis dieser Untersuchungen. Es gibt uns einen Hinweis darauf, wo die Ursachen für jenen Verlust an Lebensfreude zu suchen sind. Offenbar hat die Entwicklung der letzten Jahre zu einem Ungleichgewicht in jenem Verhältnis zwischen dem einzelnen und der Gemeinschaft geführt, von dem ich zu Anfang gesprochen habe.
Vielleicht haben wir das Wohl des Menschen doch zu ausschließlich unter wirtschaftlichen Gesichtspunkten gesehen und darüber andere Grundbedürfnisse des Menschen vernachlässigt. An die Stelle des Ladens an der Ecke sind Selbstbedienungsläden und Kaufhäuser getreten. Städte und Landschaften werden durch breite Straßen getrennt, die nahezu jede Kommunikation hinüber und herüber unmöglich machen. Auf die schädlichen sozialen Wirkungen bestimmter Formen eines seelenlosen Wohnungsbaus habe ich schon mehrfach hingewiesen. Die Beispiele lassen sich beliebig vermehren.
Überall findet ein Abbau menschlicher Begegnungsmöglichkeiten statt. Alles drängt zum Großen, drängt zum Massenhaften. Der einzelne fühlt sich zunehmend isoliert. Die seelische Temperatur in unserem Lande sinkt.
Das ist ein politisches Problem; ich halte es für das politische Problem unserer Zeit. Die Freiheit einer Gesellschaft, in der der einzelne immer mehr isoliert und damit seiner sozialen Wirkungsmöglichkeiten beraubt wird, ist in Gefahr. Noch können wir dieser Gefahr begegnen. Manche Worte unserer Sprache zeigen, daß man zwar unempfindlicher geworden ist für jenes immer gefährdete Gleichgewicht zwischen dem einzelnen und der Gemeinschaft. Wie leicht geht uns das Wort von "der modernen Massengesellschaft" von den Lippen. Ein demokratischer Zustand wird damit jedoch auf keinen Fall beschrieben. Masse bedeutet ja wohl, daß die Individualität des einzelnen im Verhältnis zu den anderen Menschen untergegangen ist. Gerade das aber wollen wir nicht und das dürfen wir nicht wollen. Wenn wir der Vermassung entgehen wollen, dann müssen wir die sozialen Wirkungsmöglichkeiten des einzelnen, in denen er seine Persönlichkeit entfalten kann, wieder in den Mittelpunkt unseres politischen und gesellschaftlichen Handeins stellen. Dann müssen wir auch bei unseren ökonomischen Entscheidungen darauf achten, daß keine Entscheidungen getroffen werden, die zwar wirtschaftlich sinnvoll sind, der Vermassung jedoch Vorschub leisten können. Dann müssen wir dem Glauben abschwören, daß alles, was der Wirtschaft dient, auch der Freiheit und der Würde des Menschen diene.
Das heißt: Wir müssen alles, was wir tun, an den Grundnormen unserer Verfassung, den Artikeln I und 2 des Grundgesetzes, messen. Die übrigen Grundrechte sind Ausgestaltung dessen, was dort als "die Würde des Menschen", als "die freie Entfaltung der Persönlichkeit", als "die Freiheit der Person" bezeichnet wird. Diese Werte sind das Fundament unserer demokratischen Gemeinschaft, das heißt unseres Staates. Alles, was diesen Werten zu größerer Wirksamkeit verhilft, dient unserem Staat. Alles, was die Verwirklichung dieser Werte erschwert oder gar verhindert, schadet unserem Staat. Ich glaube, es ist an der Zeit, daß wir alle Erscheinungen unseres Lebens auf allen Gebieten daraufhin prüfen, inwieweit diese Werte verwirklicht sind. Darüber hat allerdings kein einzelner und keine einzelne Gruppe zu befinden, weder können das Regierungen noch die Kirchen, weder Journalisten noch Schriftsteller, weder Philosophen noch Sozialwissenschaftler. Sicher, es ist ein Irrtum zu glauben, unsere Demokratie, unsere Verfassung seien wertneutral. Es ist aber ebenfalls ein Irrtum zu glauben, es gäbe nur einen Weg, diese demokratischen Grundwerte zu realisieren. Je nach politischer, religiöser, philosophischer, weltanschaulicher oder sozialer Stellung wird der einzelne andere Vorstellungen als seine Mitbürger davon haben, wie diese Grundwerte zu verwirklichen seien. Hier nun setzt die Grundwerte-Diskussion ein, deren Notwendigkeit von vielen verantwortungsbewußten Bürgern und Gruppen erkannt wird. Es ist notwendig, so meine ich, daß wir uns darüber unterhalten, wie die Grundwerte unserer Verfassung in der politischen und gesellschaftlichen Wirklichkeit an allen Stellen unseres politischen und gesellschaftlichen Lebens verwirklicht werden können. Je konkreter dies geschieht, desto besser. Wenn wir feststellen, daß bestimmte Formen.les Wohnungsbaus, der Bildungspolitik - zum Beispiel der Numerus climsus - , oder bestimmte Arbeitsbedingungen die freie Entfaltung der Persönlichkeit behindern, müssen wir uns Gedanken darüber machen, wie wir diese Formen und Bedingungen ändern können, damit diese schädlichen Folgen nicht eintreten. Wenn auch niemand allein darüber zu entscheiden hat, wie die Grundwerte zu verwirklichen sind, so kann doch jeder mündige Bürger seinen Beitrag zu dieser Diskussion leisten. Und ich bin sicher: Bei einer solchen breiten öffentlichen Diskussion würden all die Gründe zutage treten, die heute die Lebensfreude der Menschen bedrohen. Diese Sorgen und Nöte der Bürger, sie sind das eigentliche Thema der Politik. Sie sollten es wenigstens sein. Die Parteien sind nach unserer Verfassung besonders dazu berufen, bei der politischen Willensbildung des Volkes mitzuwirken. Ich möchte sie ausdrücklich dazu ermutigen, die Grundwertediskussion zu beleben in ihren Organen, und um Mehrheiten für ihre Vorstellungen zu werben. Dann wird deutlich werden, was den Parteien gemeinsam ist an Grundwerten und was sie trennt. Dann werden die politischen Alternativen klarer und einsichtiger für den Bürger sein. Erst dann kann sich der Bürger für eine bestimmte Zukunft entscheiden. Denn das scheint mir klar zu sein: Der Verlust an Lebensfreude hängt sicher auch damit zusammen, daß die Menschen häufig nicht mehr wissen, wie es weitergehen soll und wie es weitergehen wird. Wer keine Zukunft sieht, hat auch keine Hoffnung; und wer keine Hoffnung hat, wie sollte der Freude an seiner Arbeit und an seinem Leben haben? Wenn wir zurückblicken in unsere Nachkriegsgeschichte, gewahren wir die gewaltige Aufbauleistung unseres Volkes nach diesem Krieg. Zu Anfang war unser Land zerstört, und wir waren insgesamt alle arm. Heute ist das Land aufgebaut, und wir sind reich. Solange es um den Aufbau ging, brauchten wir nach dem Sinn unseres Tuns nicht zu fragen. Doch nun, da der Aufbau geschafft ist, stellt sich die Frage: Wie soll es weitergehen? Was ist denn eigentlich unser Ziel?
Technische Entwicklungen und Erfindungen beeinflußten unser Leben, ohne daß wir es so recht wahrnehmen: die ungeheure Vermehrung der Autos, die Fernsehapparate, die Flugverbindungen, das Telefon, die Pille, die Wasch- und Spülmaschinen, die Kühlschränke und vieles andere mehr, all das hat unser Leben von Grund auf verändert. Wer hat eigentlich die Entscheidungen gefällt, die diese Veränderungen bewirkten? Ist irgendjemand für diese Veränderungen verantwortlich? Oder ist es nicht vielmehr so, daß sich diese Veränderungen einfach irgendwie ergaben, daß wir einem Fortschritt gehorchten, dessen positive und negative Auswirkungen vorher niemand eigentlich recht übersehen konnte.
Ich leugne nicht, daß diese Entwicklungen, die ich eben geschildert habe, ihre positiven Seiten haben, daß sie in bestimmter Weise auch unsere Freiheitsräume erweitert haben. Ich frage mich nur, ob all das auch genau so gekommen wäre, wenn wir die Folgen dieser technischen Entwicklung vorher gekannt hätten, wenn wir vorher, in Kenntnis dieser Folgen, darüber hätten entscheiden können.
Ich will sagen: Viele der modernen Techniken, die wir hier noch gar nicht genannt haben, haben Risiken mit sich gebracht, die vorher niemand übersah oder übersehen konnte, die niemand gewollt hat, für die niemand die Verantwortung trägt. Wir sind doch vergleichsweise blind einem blinden Fortschritt gefolgt, von dem niemand weiß, wohin er uns jetzt, und wenn es so weitergeht, führen wird. Nicht wir selbst wissen es, nicht die von uns gewählten Vertreter haben über diese entscheidenden Veränderungen entschieden, sondern entschieden über diese Veränderungen, und es scheint manchmal immer noch so zu sein, entscheiden tut darüber der Fortschritt selbst. Es ist nicht zuviel gesagt, wenn man behauptet, wir seien Gefangene des Fortschritts gewesen. Ich habe das Gefühl, daß die Bürger in unserem Land es leid sind, einer Entwicklung überantwortet zu sein, für die niemand verantwortlich ist. Die Erregung, mit der die Diskussion über die Kernkraftwerke geführt wird, scheint mir ein deutliches Anzeichen dafür zu sein. Die Bürger wehren sich. Sie haben erkannt, daß die Einführung einer solchen neuen Technologie keine Entscheidung von Experten und Energieunternehmen sein darf, sondern daß es sich um eine politische Entscheidung handelt, für die politische Verantwortung übernommen werden muß. Ich halte das für eine sehr positive Entwicklung. Zum ersten Mal spüren die Bürger, daß man nicht willenlos hinter dem Fortschritt hertrotten muß. Sie wollen die Verantwortung klargestellt haben, und zwar zu einem Zeitpunkt, zu dem noch entschieden werden kann. Die Politiker müssen die Verantwortung übernehmen. Sie haben sie übernommen. Ich begrüße die klare Stellungnahme der Bundesregierung zu diesem Problem. Das Problem ist erkannt. Keine Entscheidung wird über die Köpfe der Betroffenen hinweg gefällt werden. Die Bürgerinitiativen haben ihren legitimen politischen Zweck erreicht: Ihr Wort und ihre Bedenken werden gehört werden, auch ohne gewaltsame Demonstrationen. Eines möchte ich sehr deutlich sagen. Es ist kein legitimes politisches Ziel von Bürgerinitiativen, die Errichtung von Kernkraftwerken unmöglich zu machen, sei es mit friedlichen, sei es mit gewaltsamen Mitteln. Die Entscheidung darüber, ob Kernkraftwerke gebaut werden oder nicht, steht ausschließlich den legitimierten demokratischen Institutionen zu. Auch die Kernkraftgegner haben sich der Entscheidung der parlamentarischen Mehrheit zu beugen. Gefällt ihnen diese Entscheidung nicht, müssen sie versuchen, in den hierfür vorgesehenen demokratischen Bahnen ihre Meinung durchzusetzen, das heißt, eine politische Mehrheit für ihre Meinung in dieser Frage zu gewinnen. Wenn es gestattet wäre, daß jede Gruppe ihre eigenen Interessen oder Absichten durchsetzen könnte, unbeschadet der Gesetze und Beschlüsse der legitimierten demokratischen Institutionen, dann wäre bald keine Bauordnung mehr durchsetzbar, dann konnten wir dem Staat und allem geordneten Zusammenleben "Ade" sagen. Die Bürgerinitiativen, die ja hier in der Theodor-Heuss-Stiftung in der Vergangenheit immer in ihrem Wert erkannt und auch der Öffentlichkeit vorgestellt worden sind, verdienen ihren Namen nur, wenn sie aus Bürgern bestehen, das heißt, wenn sie in der Lage sind, ihre Interessen in die Interessen der Gemeinschaft einzuordnen und die Beschlüsse der Mehrheit als Recht zu respektieren. Ein Bürger, der das Recht nicht anerkennt, verdient nicht den Ehrennamen des Bürgers. Bürgerinitiativen, die das Recht nicht anerkennen, sind keine Bürgerinitiativen. Aber wir Politiker sollten auch selbstkritisch sein und aus begangenen Fehlern lernen. Wie ist es vor nahezu zehn Jahren zur Bildungsdiskussion gekommen? Wie ist es zur Diskussion über die Kernenergie, die wir heute führen, gekommen? Haben die Memoranden, haben die Vorsprachen in den Ministerien, haben die Kommentare verantwortungsvoller Journalisten etwas bewirkt? Haben die friedlichen Demonstrationen, um nun nochmal zur Bildungspolitik zu kommen, der Studenten oder der Bürgerinitiativen etwas bewirkt? War es nicht so, daß die staatlichen Stellen erst aufwachten, als radikale Elemente zur Gewalt griffen?
Das darf sich nicht wiederholen. Wir stellen die Demokratie selbst in Frage, wenn die Themen, die die Bürger bewegen, von den staatlichen Institutionen erst dann als Themen der Politik erkannt werden, wenn Gewalt angewendet wird. Die Nutzung der Kernenergie wird sich politisch nur durchsetzen lassen, wenn der Bürger wahrheitsgemäß und umfassend über alle ihre Risiken informiert wird. Er hat das Recht, seine Meinung vorzutragen, und hat auch Anspruch darauf, gehört und ernst genommen zu werden. Die Politiker müssen den Bürgern sagen, wie groß das Risiko bei Reaktorunfällen, auch im denkbar schlimmsten Fall, ist; welche Schäden bei einem "normalen" Unfall auftreten, welche Schäden bei kleinen technischen Pannen zu erwarten sind, welch hoher Grad an Sicherheit bei der Entsorgung heute technisch gewährleistet werden kann, welche Sicherheitsvorkehrungen getroffen werden sollen und so weiter. Es muß alles auf den Tisch. Es muß über alles offen und klar geredet werden. Dem Bürger sind ohne umfassende Information keine zusätzlichen Risiken zuzumuten.
Alle demokratische Politik gründet sich auf die Glaubwürdigkeit der demokratischen Institutionen. Diese Glaubwürdigkeit kann verloren gehen, nicht nur durch ausgesprochene Unwahrheiten, sondern auch durch das Verschweigen von Problemen und dadurch, daß man sie verdrängt, oder daß man, je nach politischer Opportunität, in Bund und Ländern eine unterschiedliche Politik verfolgt. Ich beobachte beunruhigt, daß sich die Positionen derselben Parteien in Bund und Ländern, zum Beispiel zur Kernenergiefrage, unterscheiden. Das muß den Bürger verwirren. Auch hier zeigt sich, daß eine Fundamentaldiskussion über die neuartigen Probleme, die die wissenschaftlich-technische Zivilisation uns stellt, in den Parteien unbedingt erforderlich ist, und zwar um der Glaubhaftigkeit der Parteien und damit der Glaubhaftigkeit unserer Demokratie willen.
Zur Sache selbst: Ich habe in letzter Zeit mit vielen Experten über die Frage der Kernenergie gesprochen, und ich bin, trotz nicht unerheblicher Bedenken, zu dem Ergebnis gekommen, daß es notwendig ist, Kernkraftwerke zu bauen. Ich sage: trotz nicht unerheblicher Bedenken. Mit der Kernenergie sind Risiken verbunden. Aber auch mit der Nichteinführung der Kernenergie sind Risiken verbunden. Ich halte diese Risiken, die letzten, für größer und gewichtiger. Die Vorstellung, wir könnten es uns leisten, auf die Kernenergie zu verzichten, und alles ginge weiter wie bisher, ist ein Irrtum. In den letzten 13 Jahren hat die Welt mehr Öl verbraucht als in allen Zeiten, die die Welt besteht, davor. Das ganze in der Nordsee lagernde Öl, die Ölreserven der Nordsee, über die so viel gesprochen wird, reichen nur aus, um den Zuwachsbedarf der Welt von nur einem einzigen Jahr zu decken. Die Ölvorräte machen nur 6 Prozent der Primärenergiequellen aus. Der Ölverbrauch wird zunehmen. Es ist abzusehen, wann die letzte Ölquelle erschöpft sein wird. Wenn dann nicht ausreichend Ersatzenergie zur Verfügung steht, droht unserer Gesamtwirtschaft und damit unserem politischen und sozialen System schwerster Schaden, der keinen einzigen von uns ungeschoren lassen würde. Manche meinen, wir sollten die gegenwärtige Kernenergie-Technologie nicht weiterentwickeln und uns auf die Kernfusions-Technik konzentrieren, die, wie uns die Experten sagen, geringere Risiken enthält als die Kernspaltung. Zwar würde mit einer funktionierenden Kernfusions-Technologie die Kernenergiefrage, ja die Energiefrage insgesamt, in einem ganz anderen Licht erscheinen. Die damit zusammenhängenden technischen Probleme jedoch sind so schwierig und ihre Lösung, wenn sie überhaupt gelingt, wird so lange Zeit brauchen, daß wir erst nach dem abzusehenden Energieengpaß mit ihr rechnen können. Auch die Möglichkeit einer Kernfusion bewahrt uns also nicht vor der Entscheidung, heute für die nächsten Jahrzehnte die Weichen für unsere Energieversorgung zu stellen. Und noch ein Grund, der wichtigste: Da die Zivilisation der Industrieländer zum großen Teil auf der Energiebasis Öl beruht, wird schon vor der Erschöpfung der Ölquellen der Verteilungskampf um das Öl härter werden. Dieser Gefahr für den Weltfrieden, dieser Verteilungskampf geht bis hin zum gewaltsamen Konflikt, dieser Gefahr für den Weltfrieden kann am wirksamsten begegnet werden, wenn die Industrieländer in jener Zeit des Engpasses, eines möglichen beginnenden Verteilungskampfes über ausreichende Ersatzenergien verfügen. Es ist nicht nur die Sorge um unsere wirtschaftliche Grundstruktur, es ist auch die Sorge um den Weltfrieden, die mich zu einem Befürworter der Kernenergie oder des Baus von Kernenergiekraftwerken macht. Nun könnte man sagen: Wenn das so ist, dann müssen wir eben sparen. Das müssen wir auf jeden Fall. Schon allein aus dem Grund, weil keine Generation das Recht hat, die Rohstoffe dieses Planeten für sich zu verbrauchen. Auch unsere Kinder und Enkel wollen leben. Aber wir können nicht soviel sparen, daß wir der Notwendigkeit einer Ersatzenergie entfliehen können. Je eher wir sie zur Verfügung haben, desto freier können wir später unsere Entscheidungen treffen. Denn durch die Diskussion über die Kernenergie ist uns deutlich geworden, daß wir uns fragen müssen, ob es eigentlich ein über allen Zweifel erhabenes Ziel ist, uns mit immer größeren Risiken immer größeren Wohlstand zu verschaffen. Sicher, Wohlstand ist ein vernünftiges Ziel; aber gibt es nicht eine Grenze, von der ab "Wohltat zur Plage" wird? Von der ab die sozialen Kosten, die Kosten an Lebensfreude, der Preis der Angst und der Unsicherheit zu hoch werden? Immer mehr ernsthafte Menschen in unserem Lande stellen sich diese Fragen. Man sollte sie nicht mit einer leichten Handbewegung abtun. Man sollte beginnen, darüber nachzudenken. Meine Bitte, in eine Diskussion darüber einzutreten, ob und wie die Grundwerte unserer Verfassung in den verschiedenen Lebensbereichen verwirklicht sind oder nicht, enthält diese Aufforderung zur Selbstbesinnung. Und wenn sich aus dieser Diskussion ergibt, daß es tatsächlich notwendig ist, neue Ziele zu definieren, so brauchen wir dafür eines sicherlich am dringendsten; und das ist Zeit. Eine Umorientierung, die unser ganzes Leben betreffen würde, würde noch unabsehbare Probleme mit sich bringen. Um sie zu erkennen und zu lösen, brauchten wir mindestens die Zeit einer Generation. Solange werden wir, auch wenn wir uns zu einer Umorientierung entschlossen haben, ob wir es wollen oder nicht, ob wir es für richtig halten oder nicht, unsere bisherige Lebensweise weiterführen. Das aber wird ab einem bestimmten Zeitpunkt, der in nicht allzuferner Zukunft liegt, ohne die Kerntechnologie als Energieproduktionsbasis nicht möglich sein. Einführung oder Nichteinführung der Kernenergie sind aber nicht die einzigen Risiken, die uns in dieser Zeit bewußt werden. Gesunkene Öltanker bedrohen das Leben unserer Meere. Die Zwischenprodukte der chemischen Industrie erreichen in manchen Fällen einen Giftigkeitsgrad, den sich der Laie vor dem Unglück in Seveso kaum vorstellen konnte. Auf unseren Straßen starben 1976 14.500 Menschen, 450.000 wurden verletzt, viele von ihnen sind für ihr Leben Behinderte. Niemand vermag auch so recht abzuschätzen, welche Gefahren von dem massierten Einsatz von Computern in gar nicht so ferner Zukunft auf unsere Freiheit ausgehen können. Die Bürger konnten in jüngster Zeit die ersten Smogwarnungen in Funk und Fernsehen vernehmen. Auch diese Beispiele lassen sich vermehren. Ich meine: Es ist falsch, nur das Risiko der Kernenergie zu sehen und nur darüber zu diskutieren. Wir müssen erkennen, daß wir an vielen Stellen unserer Gesellschaft Entwicklungen eingeleitet haben, die ähnliche und zum Teil größere Gefahren und Risiken als die Kernenergie bergen. Und überall müssen wir uns fragen, ob wir diese Risiken auf uns nehmen wollen. Zur Zeit wird über die Beteiligung der Bundesrepublik an einem weltweiten Satelliten-Fernsehsystem verhandelt, praktisch verhandelt. Dieses System, das technisch schon möglich ist, kann dazu führen, daß über 20 verschiedene Programme in jedem deutschen Haushalt direkt empfangen werden können. Dies ist zunächst auch ein Zuwachs, so meint man, an Informationsfreiheit. Aber wissen wir eigentlich, welche Auswirkungen das z.B. auf unser gesamtes Mediensystem haben wird? Kann die zunehmende, von dem Bürger kaum noch zu verarbeitende Flut von Nachrichten, die meiner Ansicht nach schon heute das Hauptproblem unserer Meinungsfreiheit ist, nicht zur totalen Desinformation des Bürgers führen? Und noch eines: Aus jener Untersuchung, die ich am Anfang genannt habe, über die Abnahme der Lebensfreude scheint man entnehmen zu können, daß ein wie auch immer zu deutender Zusammenhang zwischen der Gewohnheit des Fernsehens und der wachsenden Passivität und Unlust vorhanden ist. Ich sage nicht, daß wir uns nicht dem Satellitenfernsehen anschließen. sollten. Ich sage nur, daß wir uns vor unserer Entscheidung über die damit zusammenhängenden Risiken im klaren sein sollten.
Über diese Risiken müssen die Bürger unterrichtet werden. Sie haben ein Recht darauf. Unsere Zukunft darf nicht das Ergebnis irgendeines technischen Fortschritts im Dienste möglicherweise ökonomischer Interessen sein, sondern sie muß das Ergebnis unserer freien Entscheidung sein. Wir müssen die Dinge im Zusammenhang sehen; wir müssen uns darüber im klaren sein, wie wir in Zukunft leben wollen. Dieser Zusammenhang fehlt noch. Das ist einer der wesentlichen Gründe für die Unsicherheit, die den Bürger befallen hat. Wie haben wir bisher Politik getrieben? Ich bin mir bewußt, daß ich bei meinen folgenden Ausführungen überzeichne und vereinfache. Aber das scheint mir um der größeren Klarheit willen erforderlich. Blicken wir noch einmal auf die Nachkriegszeit zurück. Damals gab es für uns ein klares Ziel: den Aufbau unseres zerstörten Landes und den Aufbau einer freiheitlichen Demokratie. Alles was wir taten, jede Einzelmaßnahme, diente diesem Ziel. Und so haben wir uns die Probleme vorgenommen und wir haben die Probleme gelöst, eines nach dem anderen. Herausgekommen ist dabei ein freiheitlicher und demokratischer Rechtsstaat mit einer mächtigen Wirtschaft. Dieses Ergebnis rechtfertigt es, den Aufbau dieses Landes als eine der bedeutendsten politischen Leistungen unserer Geschichte zu bezeichnen. Aber wir müssen uns fragen, ob diese bisher erfolgreiche Methode der Lösung von Einzelproblemen in einem demokratischen Geist für die Zukunft hinreichend ist. Wir konnten so verfahren, weil die Staatseinnahmen in jedem Jahre stiegen. Wir erkannten, daß wir zu wenig Krankenhäuser hatten, also bauten wir Krankenhäuser. Das Auto erfuhr eine ungeahnte Verbreitung. Also bauten wir Autobahnen und Straßen. Es gab zu wenig Universitäten, und diese waren zu klein. Also bauten wir neue Universitäten und erweiterten die alten. Die mit dem Fortschritt neu aufkommenden Probleme lösten wir mit dem Einsatz von Geld. Heute, wo die Ziele unklar geworden sind, werden wir nicht weiter so verfahren können, auch schon aus dem einfachen Grunde, weil das Geld dafür nicht mehr vorhanden ist. Wir können nicht mehr bei den Einzelproblemen stehenbleiben, wir müssen nunmehr den Gesamtzusammenhang in der Politik erarbeiten. Denn alles hängt ja miteinander zusammen. Je mehr Autos produziert werden, desto mehr Straßen brauchen wir, je mehr Straßen wir bauen, desto mehr Autos werden produziert. Das hat zur Folge, daß immer mehr Menschen mit dem Auto fahren und immer weniger mit der Eisenbahn. Und da gibt es tatsächlich Leute bei uns, die sich darüber wundern, daß die Bundesbahn ein Defizit von 10 Milliarden Mark im Jahre hat. Der vermehrte Straßenbau greift auch tief in die Struktur unserer Landschaft ein. Die immer zunehmende Zahl von Autos stellt eine immer steigende Gefahr für die Reinhaltung der Luft dar, der wieder mit großem Einsatz von Mitteln begegnet werden muß. Das Auto hat die Gesamtstruktur unserer Städte und Landschaften verändert. Über all dem ist die Autoind ustrie jetzt auch noch zu einer Schlüsselindustrie unserer Wirtschaft geworden, die, alles in allem, Millionen von Arbeitnehmern beschäftigt. Dies ist nur ein Beispiel unter tausend möglichen, daß in der Politik eines vom andern in einer bisher vielleicht zu wenig beachteten Weise zusammenhängt. Man kann keine Bundesbahnpolitik machen ohne ein Gesamtkonzept der Verkehrspolitik. Man kann keine Verkehrspolitik machen ohne ein Gesamtkonzept der Wirtschaftspolitik. Man kann keine Umweltpolitik machen ohne ein übergreifendes Konzept, in das die Verkehrs- und die Wirtschaftspolitik eingehen müssen. Keine politische Frage kann mehr als Einzelproblem behandelt werden; jede kann nur noch in einer politischen Gesamtkonzeption sinnvoll beantwortet werden. Solche politischen Gesamtbilder zu erarbeiten, erscheint mir als die große Aufgabe der Politik am Ende dieses Jahrhunderts. Dieses Problem ist so umfassend, so komplex und schwierig, daß es billig wäre, irgendjemanden für das Fehlen eines solchen Konzeptes verantwortlich zu machen. Geben wir es offen zu, wir haben alle kein Konzept. Solche Gesamtbilder können sich nur ergeben aus einer breiten Diskussion in der Öffentlichkeit. Diese Diskussion ist im Grunde nichts anderes als die Kehrseite der Grundwerte-Diskussion. Geht diese von den Grundwerten selbst aus und mißt die Realität an diesen Werten, so zielt jene Diskussion darauf, die verselbständigten Teilziele in einen Gesamtzusammenhang zu bringen, der eben durch die Grundwerte bestimmt sein muß. Alle müssen zur Diskussion beitragen, die Politiker, die Tarifpartner, die Wissenschaftler, die Journalisten, eben alle. Eine besondere Verantwortung liegt bei den Massenmedien, in denen sich die öffentlichen Diskussionen weitgehend abspielen und die die Informationen über diese Diskussion den Bürgern vermitteln. Wenn politische Belanglosigkeiten zu historischen Ereignissen hochstilisiert werden, ist eine Rückbesinnung auf die Grundfragen unseres Staates nicht möglich. Verglichen mit den Problemen unseres Bildungswesens sollte der Fall Krupinskij-Franke eine Randnotiz auf Seite 5 sein und nicht wochenlang die Zeitungen beherrschen. Wir müssen heraus aus dem Ressortdenken, wir müssen heraus aus dem Denken der Interessen- und der Wählergruppen. Ja, ich glaube, daß selbst Interessengruppen heute ihre eigenen Interessen gar nicht richtig definieren können, ohne ein solches Gesamtbild der Politik entworfen zu haben. Das gilt für alle. Was die Interessen der Gewerkschaften, der Arbeitgeber, der Parteien, der Beamten, aller Gruppen in unserem Land angesichts der vorgegebenen Situation wirklich sind, das weiß im Grunde keiner. Es kann durchaus sein, daß das, was die einzelnen Gruppen gegenwärtig für die Interessen halten, sich in relativ kurzer Zeit als ein den Interessen gerade dieser Gruppe schädlicher Irrtum erweist. Das Interesse einer Gruppe läßt sich nur vom Allgemeinwohl her bestimmen. Ich bestreite nicht, daß sich die führenden Vertreter der gesellschaftlichen und politischen Gruppen rationale und wohlfundierte Gedanken machen. Ich frage nur, ob die Grundlagen, von der diese Überlegungen ausgehen, überhaupt noch vorhanden sind. Diese Frage sollten wir uns alle stellen. Daß sie so selten gestellt wird, hat viele Gründe. Da ist einmal die noch weithin anzutreffende Überzeugung, daß alles, was der technisch-wissenschaftliche Fortschritt bringt, gut sei. Und dann: man hat mit der bisherigen Methode Erfolg gehabt. Was könnte es Überzeugenderes geben als den Erfolg? Und glaubt man deshalb nicht auch, daß jede Änderung Schaden bringen müsse? Den Parteien machen, mehr oder minder, Flügelkämpfe zu schaffen. Kann der Vorschlag zu einer Neubesinnung nicht zu neuen Flügelkämpfen führen? Und wenn man einen neuen Gedanken versucht, ist dann der politische Gegner nicht allzu bereit, zu behaupten, dieser Gedanke sei möglicherweise verfassungswidrig? Also läßt man es doch lieber. Und wie steht es mit der Information? Werden die wissenschaftlichen Forschungen, die uns die Grundlagen einer sachgerechten Diskussion unserer wahren Probleme ermöglichten, von den Wissenschaftlern, den Politikern, den Massenmedien eigentlich geliefert? Verdrängt nicht die Aktualitätssucht der Medien die eigentlichen langfristigen Probleme? Und führt das nicht wieder dazu, - ich bin gespannt, was morgen die Medien in meinem Vortrag als wichtig verstanden, ich bin fast sicher, daß das Aktuelle am breitesten beschrieben wird. Ich meine, führt uns das nicht dazu, daß sich der Politiker heute hauptsächlich mit dem beschäftigen muß, was die Medien für aktuell halten? Wer spricht heute noch von den Schwierigkeiten der Bildungspolitik? Wer spricht heute von der immer noch steigenden Drogensucht in unserem Volk? Läßt die Flut der Gesetze, die ich täglich auf meinen Tisch bekomme, unseren Abgeordneten überhaupt noch die Zeit und die Möglichkeit, in der Masse aller dieser Gesetze das Unwesentliche in der Masse des Unwesentlichen, die möglicherweise nur zwei Gesetze zu erkennen, die unsere Zukunft verändern? Stimmt der alte Gegensatz zwischen Konservativen und Progressiven eigentlich noch? Und wird dieser Gegensatz den neuartigen Problemen noch gerecht? Gibt es nicht einen neuen Konservativismus, der die überkommenen Natur- und Kulturwerte vor einem zerstörerischen Fortschritt schützen will, und neue Progressive, die den Fortschritt nicht mehr nur wirtschaftlich, sondern nach den Kategorien der Lebensqualität beurteilen? Stehen sich Neuprogressive und Neukonservative nicht näher als Neukonservative und Altkonservative bzw. Neuprogressive und Altprogressive? Fragen über Fragen. Wie man sie sich auch beantworten mag: der Versuch, Neues zu denken, hat es schwer in unserem Lande. Und dennoch muß dieser Versuch gemacht werden. Denn die Veränderungen, die heute schon hier und in der Welt vor sich gehen, sind groß. Der Stimmungs umschwung in der Bevölkerung ist ein deutlicher Hinweis und eine Warnung. Wissenschaftler warnen uns vor der Erschöpfung der Rohstoffquellen. Die Grenze der Belastbarkeit der Umwelt wird sichtbar. In zehn Jahren ändert sich die Welt mehr als früher in Jahrhunderten. Manche sprechen von einer Zeitenwende. Es mag dem einzelnen überlassen bleiben, wie tief er den Einschnitt sieht. Wichtig ist nur, daß wir das Ausmaß der Veränderungen erkennen. Die mit diesen Änderungen heraufkommenden Probleme sind von einer solchen Größenordnung, daß wir auch unseren politischen Stil ändern müssen, wenn wir sie diskutieren wollen. Die alte Praxis, daß auch vernünftige Vorschläge des politisch Andersdenkenden nur deswegen, weil sie von daher kommen, abgelehnt werden, ist in parlamentarischen Debatten, in denen es um die Zukunft unseres Volkes geht, nicht mehr angemessen, und - da möge sich niemand täuschen - diese Praxis wird von den Bürgern auch nicht mehr honoriert. Ein vernünftiges Ergebnis werden wir nur dann erwarten können, wenn alle Seiten bereit sind, auf den Beitrag des anderen zu hören, ihn ernst zu nehmen, in den eigenen Gremien zu diskutieren und die Teile, die einem aufgrund der eigenen Überzeugung als erwägenswert erscheinen, zu übernehmen. Dergleichen geschieht heute unter Ausschluß der Öffentlichkeit schon hundert·· fach in den parlamentarischen Ausschüssen. Angesichts der Bedeutung der vor uns stehenden Fragen wäre es verhängnisvoll, wenn die notw.endige parlamentarische Diskussion vor den Bürgern nur kontrovers und nicht, wie es die Aufgabe verlangt, in dem Bemühen um eine gemeinsame Lösung geführt würde.
Ich glaube an die freie Auseinandersetzung auf dem Markt der Meinungen. Niemand hat den Stein der Weisen. Aber alle geistigen Kräfte unseres Volkes, im Meinungskampf sich gegenseitig klärend, sie wären sehr wohl imstande, uns das Bild der Zukunft und Wege dahin zu zeigen, die wir brauchen, um Freude an unserem Leben haben zu können.
Sie wissen, meine Damen und Herren, ich bin kein Pessimist. Ich glaube, daß wir in der Lage sind, diese Aufgabe zu lösen. Wir sollten uns diese Hoffnung von Schwarzsehern nicht nehmen lassen. Ich habe Hoffnung. Doch wir können um so mehr Hoffnung haben, je eher wir damit beginnen, über die Zukunft nachzudenken, uns auf sie einzurichten, die Weichen zu stellen. Wir sollten heute, wir sollten jetzt damit beginnen.

Hildegard Hamm-Brücher:
»Initiative und Verantwortung«
Begründung zur Preisverleihung

Sehr geehrter Herr Bundespräsident,
liebe Preisträger,
sehr geehrte Damen und Herren,

bevor ich meines Amtes als Begründerin für die Auswahl unserer Preisträger walte, möchte ich Ihnen, sehr geehrter Herr Bundespräsident - ich glaube, im Namen aller hier Anwesenden - ein besonders herzliches Wort des Dankes sagen für Ihr Kommen, für Ihre Rede und dafür, daß Sie allen Belastungen Ihres Amtes zum Trotz nicht aus dem Auge verlieren, worauf es einem liberalen Bundespräsidenten in einer zunehmend von bedeutenden Problemen konfrontierten freiheitlichen Gesellschaft ankommen muß. Mit dieser Rede haben Sie ganz bewußt Anstöße geben wollen, und ich bin heute schon sicher, daß dieses Anstoßgeben auch Anstoß erregen wird. Ich glaube auch, daß Reden des Bundespräsidenten nicht nur mit Beifall und Zustimmung angehört werden sollten, sondern ich bin der Meinung, daß wir sie umsetzen sollten in unsere Arbeit. Und ich meine überhaupt, daß Reden des Bundespräsidenten nicht nur zur Erbauung und nicht nur zur Verschönerung und zum Prestigegewinn für Festveranstalter dienen, sondern Eingang finden sollten in die Bewußtseinsbildung der Bürger, in ihr Verhalten, kurz in unseren demokratischen Alltag. Und apropos demokratischer Alltag, Herr Bundespräsident, auch ein herzliches Dankeschön dafür, daß Sie unsere Arbeit privat auch materiell unterstützen; ich möchte das bei dieser Gelegenheit auch einmal sagen: Mit Ihrer Hilfe können wir nun endlich ein Minimum an zusätzlicher Betreuung für unsere Preisträger über die Jahre hinweg leisten. Dank für alles!
Nun, meine Damen und Herren, mit der Auswahl unserer diesjährigen Preisträger möchte die Stiftung THEODOR-HEUSS-PREIS eine Problematik aufgreifen, die eben schon in der Rede des Bundespräsidenten ausführlich behandelt wurde. Die Tragweite dieser Problematik wird uns erst sehr allmählich bewußt, und die Lösung, das ist, glaube ich, in der Rede des Bundespräsidenten beinahe unter die Haut gehend deutlich geworden, die Lösung der Probleme steht buchstäblich in den Sternen. Unserer Einsicht nach ist es jedoch die Problematik die das ausgehende 20. Jahrhundert prägen und vor deren Lösung oder Nicht-Lösung das Schicksal künftiger Generationen abhängen wird:
- Ganz allgemein geht es darum, in welchem Zustand wir die uns anvertraute Welt erhalten und wie wir das Zusammenleben der Menschen und Völker auf eben dieser, uns anvertrauten, Welt gestalten wollen. Es geht um Grundwerte und ihre Umsetzung, wie Sie, Herr Bundespräsident, es sagten, in ein Gesamtbild.
- Im besonderen geht es um das Bewußtwerden der Gefahrenzonen, in die unsere wirtschaftliche und technische Entwicklung hineingewachsen ist, und um unsere persönliche und gesellschaftliche Einstellung zur künftigen Welterhaltung und Weltgestaltung.
- Ganz speziell geht es bei unseren diesjährigen Preisträgern um Beispiele von Personen und Gruppen - die, in der "Gefahrenzone" (Wirtschaft) wirkend, ihre weiterreichende Mitverantwortung für künftige Entwicklungen erkannt und deshalb über ihren Verantwortungsbereich hinaus Konsequenzen für ihr Handeln und Verhalten haben. Und Sie haben recht, Herr Bundespräsident, das Ziel des Preises ist es nicht, Personen und Personengruppen besonders zu belohnen, sondern ihnen und anderen Mut zu machen fortzufahren. Bevor ich Ihnen unsere Preisträger vorstelle, noch ganz kurz ein paar Worte zur Problematik unseres sicherlich nicht unumstrittenen Themas:
Der Entschluß, unsere Preisträger in diesem Jahr aus dem Bereich der Wirtschaft auszuwählen, resultiert aus unserem eigenen, immer wieder neu zu erprobenden Selbstverständnis, Mut und Risikobereitschaft nicht nur unseren Preisträgern, sondern auch uns selber abzuverlangen. Dabei sind Kritik und Ablehnung für unsere Entscheidungen nie ganz auszuschließen. Im vorigen Jahr, als es uns darum ging, einige demokratische Grundübereinstimmungen über den Wahlkampf zu retten, fanden wir hierfür keine Unterstützung aus dem rechten Lager. Diesmal grollt uns ganz offensichtlich die Linke. Denn wo könnte sich überhaupt etwas Preiswürdiges im Bereich unserer kapitalistischen Wirtschaft finden?, fragen sie. Eine liberale Stiftung kann und darf aber vor solchen Reaktionen nicht kapitulieren. Wir würden unserem Namensgeber und den Bestimmungen unserer Satzung untreu, würden wir - aus Angst vor dem Anecken bei der Auswahl unserer Preisträger ins Unumstrittene oder Unverbindliche ausweichen.
Dazu gehört auch, daß wir der Versuchung widerstehen mußten, den diesjährigen THEODOR-HEUSS-PREIS an Autoren wichtiger, kluger und sehr engagierter Bücher zum Generalthema der Gefahrenzonen wirtschaftlich-technischer und gesellschaftlicher Entwicklungen zu verleihen. Natürlich sind wir von der Ernsthaftigkeit der Warnungen dieser Autoren beeindruckt, natürlich hätten wir für eine solche Auswahl viel Zustimmung erhalten, aber wir hätten es uns doch wohl ein wenig zu leicht gemacht. Denn kluge Bücher schreiben - und seien sie noch so engagiert - erfordert hierzulande keine Zivilcourage. Sie helfen in der Sache so lange nicht weiter, als ihnen im konkreten Handeln und Verhalten der Betroffenen und Verantwortlichen keine Konsequenzen folgen.
Und gen au das ist ja unser Dilemma: Die Diskrepanz zwischen Einsicht und Handeln! Und das hat ja der Herr Bundespräsident hier auch ganz deutlich gemacht. Alle vernünftigen Menschen stimmen in der Einsicht überein, daß eine Entwicklung, in deren Verlauf wirtschaftliches Wachstum und technischer Fortschritt vom Segen der Menschheit zu ihrem Fluch zu werden droht, durch rechtzeitige Korrekturen im wirtschaftlichen, politischen, ökologischen und menschlichen Verhalten gestoppt werden muß. Wenn es aber um konkrete Schritte in der richtigen Richtung geht, dann werden diese durch Ratlosigkeit, Gleichgültigkeit, Ablehnung oder auch, wie wir oft erleben, durch das St.-Florians-Prinzip blockiert. Das erleben wir beim Bau von Kernkraftwerken und umweltbelasten,den Industrieanlagen ebenso wie bei vielen anderen Zielkonflikten, wie Sie, Herr Bundespräsident, hier angedeutet haben. Andererseits will niemand auf die Annehmlichkeiten des heutigen Lebens verzichten. Im Gegenteil - der Lebensstandard soll immer noch pünktlich steigen.
Ist es wirklich so, wie es neulich in einer liberalen Wochenzeitschrift zu lesen stand, daß eine gesunde Wirtschaft nur noch um den Preis kranker Menschen - und man könnte hinzufügen: um den Preis einer zerstörten Natur - existieren kann? Und zwar nicht etwa nur deshalb, weil es die "bösen" Unternehmer so wollen, sondern weil wir selber meinen, eine florierende Wirtschaft nicht entbehren zu können. Aber ist es nicht auch so, daß solche spektakulären Sentenzen um keinen Deut weiter helfen, weil sie vielschichtige Probleme zu Ideologien vereinfachen und die Fronten wie bei einem Glaubenskrieg verhärten? So erleben wir das ja immer wieder. Statt uns - und ich danke Ihnen noch einmal hier für Ihre Worte, Herr Bundespräsident, sie sind ja geschrieben worden, ohne daß wir uns hierüber vorher verständigt hätten, - denn statt uns mit den Tatbeständen gewissenhaft auseinanderzusetzen, werden sie von den politisch Verantwortlichen leider ja auch - von wenigen Ausnahmen abgesehen - viel zu lange ignoriert, was wiederum im öffentlichen Bewußtsein statt besonnener Reaktionen häufig leider auch spukhaft irrlichternde Emotionen ausgelöst hat. Kurz und gut: Die Voraussetzungen zur Klärung der Sachverhalte und dann das folgende wohlabgewogene Handeln - und davon gehen wir aus - sind zur Zeit noch nicht besonders günstig. Denn im täglichen Geschehen wird die Diskrepanz zwischen richtiger Einsicht und falschem, beziehungsweise Nicht-Handeln doch immer größer! Was läßt sich angesichts dieser Situation tun? Für welches Primat sollen wir uns denn nun entscheiden? Gibt es einen vernünftigen Mittelweg? Die Stiftung THEODOR-HEUSS-PREIS hat weder die Kompetenz noch die Potenz, fertige Lösungen anzubieten; sie kann nicht einmal Entwürfe vorlegen. Für heute kann sie nicht mehr, als das Dilemma deutlich machen, in dem wir bereits bis zum Halse stecken. Sie kann nach Ansätzen für "richtige Schritte in der richtigen Richtung" Ausschau halten. Sie kann diese aus dem quasi privaten und anonymen Aktionskreis herausholen und öffentlich bekanntmachen. Das kann dazu ermuntern, daß diesen ersten Schritten mehr und immer mehr richtige Schritte in die richtige Richtung folgen. All das wollen wir tun.
Unsere diesjährigen Preisträger haben unserer Ansicht nach solche richtigen Schritte in die richtige Richtung getan. Sie haben damit nicht gewartet, bis andere ihnen vorschreiben, was zu tun und was zu lassen sei, sondern sie sind als Personen oder Gruppen aus eigener Verantwortung initiativ geworden.
Angesichts der Sachlage sind es gewiß keine spektakulären Schritte, sondern, wie bei jeder Pionierleistung, ist es nicht mehr als ein mühsames Vorantasten auf unübersichtlichem Gelände. Das ist es, was durch die Verleihung des THEODOR-HEUSS-PREISES an Karl Werner Kieffer, an Dieter Fertsch-Röver und an das Modell Berufseingliederung und Berufsausbildung 'Lernbehinderter' der Handwerkskammer Mittelfranken Anerkennung, Ermutigung und Nachahmung finden soll!

1977