Theodor Heuss Stiftung

Bürgerinitiative
"Forum Regensburg" e.V.

(Altstadtsanierung)

Der THEODOR-HEUSS-PREIS für 1975 wurde der Bürgerinitiative "Forum Regensburg" e.V. zuerkannt für ihr hervorragendes Beispiel praktischer Bürgeraktivität zu Gunsten der Erhaltung der Regensburger Altstadt und für ihre zahlreichen Initiativen zur Verbesserung der Lebensqualität in dieser Stadt.
Das "Forum Regensburg" e.V. wurde 1972 von einer Gruppe Regensburger Bürger, Studenten und Fachleuten mit dem Ziele gegründet, dazu beizutragen, den Lebensraum der Stadt menschenwürdig zu erhalten und zu gestalten. Unwiderbringliche Zerstörungen durch falsche Entscheidungen sollten verhindert und eine vielseitig fundierte Stadtentwicklung offensiv und demonstrativ gefördert werden.
Beispielhaft an der Regensburger Initiative ist es, daß sie nicht allein durch Flugblatt- und andere Aktionen demokratisch beunruhigt hat, sondern daß sie entscheidend dazu beiträgt, neue Gedanken und zeitgemäße Aspekte in die öffentliche Diskussion hineinzutragen. Ihre fundierten Untersuchungen und Stellungnahmen zu lebenswichtigen Problemen der Stadtentwicklung, wie etwa der Verkehrsplanung, des Ausbaus eines innerstädtischen Bereichs bis hin zu Fragen des Umweltschutzes, der Landschaftsgestaltung und Abfallbeseitigung, sind als die wesentlichen Voraussetzungen für die große Breitenwirkung der Forumsarbeit zu bewerten.
Mit der Zuerkennung des THEODOR-HEUSS-PREISES sollen gemäß der Satzung der Stiftung die Mitglieder des Forums - stellvertretend für andere ähnliche Initiativen - für ihren beispielhaften Einsatz für das Allgemeinwohl öffentlich gewürdigt und gefördert werden.

Laubach (Aktives Engagement für Frieden)

Eine THEOOOR-HEUSS-MEDAILLE für 1975 wurde der "Arbeitsgemeinschaft für Friedensdienste Laubach " e. V. zuerkannt für ihre jahrelangen Initiativen im Bereich aktiver Friedensdienste. Die Arbeitsgemeinschaft war 1969 zunächst als eine Initiative von Schülern und Lehrern des Studienkollegs der Paul-Gerhard-Schule in Laubach gegründet worden. Später erweiterte sie ihren Mitarbeiterkreis auf die Bevölkerung, vor allem auch auf Lehrlinge und auf andere Schulen. Bisher wurden zehn sorgfältig vorbereitete Friedensdienste in Polen, Israel, Italien und in den USA in Form von Sozialhilfe, Erntehilfe und Aufbauarbeiten durchgeführt. Neue Arbeitsfelder werden in der Suez-Kanal-Zone, in Neapel und in Wolgograd vorbereitet. Die Erfahrungen, die während der Dienste im Ausland gesammelt wurden, führten bei allen Beteiligten zu einem steigenden Interesse und Engagement auch an den eigenen örtlichen Problemen ausländischer Arbeitnehmer in Laubach und Umgebung, mit Lehrlingsproblemen und dem Strafvollzug. Zahlreiche Schüler sind über das Abitur hinaus in der Arbeitsgemeinschaft weiter tätig. Durch Ausstellungen, Diskussionen und Informationsveranstaltungen bemüht man sich, zur Bewußtseinsbildung in der Öffentlichkeit beizutragen. Damit hat die Arbeitsgemeinschaft für Friedensdienste e.V. gemäß der Satzung der Stiftung THEODOR-HEUSS-PREIS ein hervorragendes Beispiel für demokratische Verantwortung im weitesten Sinne, für Zivilcourage und beispielhaften Einsatz für das Allgemeinwohl gegeben.

Modellversuch Gerechtigkeit - Friede, Lüdinghausen (Dritte Welt)

Eine THEODOR-HEUSS-MEDAILLE für 1975 wurde dem Modellversuch "Gerechtigkeit - Friede" im Dekanat Lüdinghausen (Münster/Westfalenlen) zuerkannt für seine beispielhaften Bemühungen um das Bewußtmachen der Verantwortung für Entwicklungshilfe. Der Modellversuch, der 1970 von dem jungen Theologen und Juristen Peter teenpaß nitüert wurde, geht von der Einsicht aus, daß kirchliche undd politische Entwicklungshilfe langfristig nur dann gelingen kann, wenn die Problematik der Entwicklungsländer Zugang zum Verständnishorizont aller hichten der Bevölkerung findet. Die nunmehr vierjährige Tätigkeit hat trotz mancher Enttäuschungen und Umwege erfreuliche konkrete Fortschritte gemacht. Im Zusammenwirken mit dem katholischen Hilfswerk Misereor, mit Bundesministerien , Parteien , Schulen und ge- sellschaftlichen Gruppen wurden intensive Information und Aufklärungsarbeit geleistet . In speziellen Aktionen, zum Beispiel einer "Woche der Dritten Welt", wurde von Schülern und Jugendgruppen konkrete Projektarbeit für den Staat Sambia in Afrika geleistet . An der Planung und Durchführung des Modellversuches sind derzeit aktiv 130 Mitarbeiter beteiligt. Für dieses Beispiel einer demokratischen Initiative und des Einsatzes für das Allgemeinwohl im weitesten Sinne soll der Modellversuch "Gerechtigkeit - Friede" und sein Initiator stellvertretend für andere ähnliche Bemühungen öffentlich ausgezeichnet und zur Weiterarbeit ermutigt
werden.

Weltverantwortung und individuelle Lebenschancen

Begrüßung
Karl G. Hasemann
Zur Verleihung des THEODOR-HEUSS-PREISES 1975 darf ich Sie alle hier in München willkommen heißen. Den Mitgliedern der Familie Heuss gilt dabei wie alle Jahre ein besonders herzliches Willkommen.
Aufgabe eines Begrüßenden ist es, den berühmten Namen Reverenz zu erweisen; sich zu entschuldigen, daß er nicht alle sonst Berühmten genannt hat (was uneingestanden aber doch gewisse Gefühlsminderungen bei den Nicht-Erwähnten verursacht); und sich zu freuen, daß die Anwesenden so zahlreich erschienen sind (was bei mir immer grammatikalisches Bauchweh hervorruft, weil ich nicht verstehen kann, wie die einzelnen Erschienenen zahlreich erscheinen können).
Lassen Sie mich heute öffentlich sündigen und von diesem Wege ein wenig abweichen.
Im vorigen Jahr haben wir die 10. Verleihung des THEODOR-HEUSS-PREISES festlich begangen. Maßgebende Persönlichkeiten - ich hätte beinahe gesagt - aus Partei und Staat, haben uns bestätigt, was für eine feine Einrichtung der THEODOR-HEUSS-PREIS ist und was für verdienstvolle Menschen wir alle sind: Preisträger, Träger der Stiftung THEODOR-HEUSS-PREIS und die so "zahlreich Erschienenen".
Zehn Jahre sind eine relativ lange Zeit, und wir haben uns gefragt, ob das alles wirklich so gut und sicher ist. - Sicher, der THEODOR-HEUSS-PREIS ist eine gute und richtige Idee. Die öffentliche Anerkennung mutigen demokratischen Engagements hat unseren Preisträgern weitergeholfen. Aber ist die politische Landschaft derart, daß es weiterhin sinnvoll ist, den THEODOR-HEUSS-PREIS zu verleihen, ihn jedes Jahr zu verleihen, ihn in der bisher geübten Form zu verleihen?
Gründlich, wie wir Deutschen angeblich sind, fingen wir mit dem Nachdenken beim Jahr 1945 an, der Stunde Null die keine war, wie sich später herausstellte. Wir riefen uns in Erinnerung, daß es ein Dutzend Jahre später - 1957 - noch kein Dutzend Bücher über den Nationalsozialismus, sein Entstehen, und seine Hintergründe gab. Daß wir 1964 den Bemühungen um die politische Bildung noch so wenig Erfolg zutrauten, daß wir es für dringend geboten hielten, den THEODOR-HEUSS-PREIS zur Festigung des demokratischen Gedankens aus der Taufe zu heben. Daß mit den Ereignissen des Jahres 1969 der Moment gekommen war, lang ersehnte Reformen zu initiieren und daß heute - 6 Jahre später - nahezu keiner mehr das Wort "Reform" auch nur noch hören kann.
Ölscheichs, Sparetats, Reformmüdigkeit, Inflation der Ansprüche und Deflation der Realisierungschancen - und es gehört keine Prophetengabe dazu zu prophezeien, daß in den kommenden Jahren eine weit verbreitete politische Abstinenz eintreten wird - sie alle haben sich wie Mehltau auf einen Großteil der Menschen unseres Landes gelegt. Das einzige positive ist, daß wir ein Wort dafür haben: "Tendenzwende". (Hinter diesem Wort läßt sich nun alles verstecken, - die Schuld bei den jeweils anderen finden und befriedigt feststellen: "Das habe ich schon immer gesagt".)
Aber weder das ärgerliche Wort noch die Sparetats des neuen Jahres sind so bedrückend und entmutigend, sondern die Ignoranz und die Unfähigkeit, auch nur auf einem Gebiet nicht in Legislaturperioden, Wahlstatistiken oder Bundesratsblockaden zu denken. Nur wenn diese Einstellung abgebaut wird, ist damit zu rechnen, - daß sich trotz der enttäuschenden Erfahrungen - das Häuflein der Aufrechten weiter müht. Oder will auch das eigentlich niemand mehr?
Lassen Sie mich hierauf eine Antwort von jemandem geben, der unter uns weilt:
"Die Mischung von mittelfristigem Trübsinn und kurzfristiger Gedankenlosigkeit, die dem Denken und den Taten einiger unserer führenden Staatsmänner - und unser selbst, wie ich einfügen darf -, zugrunde liegt, ist kein Zufall. Wo keine Hoffnung mehr besteht, da geht auch der Anstoß für Veränderungen verloren. Vielleicht bin ich zu optimistisch, aber ich würde lieber das Äußerste versuchen und auch ein Scheitern in Kauf nehmen, als mich der unnützen Gewißheit hingeben, daß alle meine pessimistischen Voraussagen eingetreten sind." Seien Sie herzlich aus London willkommen, lieber Herr Dahrendorf...
Lassen Sie mich meine Begrüßung fortsetzen:
Jeder "Begrüßer" gedenkt der Vertreter von Presse, Rundfunk und Fernsehen. Stets in freundlichen Worten, denn er möchte freundliche Resonanz seiner Worte und für seine Veranstaltung finden. Nur zu verständlich!
Wir haben uns im Zusammenhang mit den Überlegungen zur künftigen Gestaltung des THEODOR-HEUSS-PREISES auch hierüber Gedanken gemacht. Wir sind allerdings nicht bis zum Jahre 1945 zurückgegangen, sondern haben uns den Medien entsprechend - eine aktuelle Bilanz in Form einer Frage erstellt (was immer ungefährlicher ist):
Ist die öffentliche Meinung nicht in Wahrheit die veröffentlichte Meinung? Und wessen? Und was trägt sie - über ihre pluralistische Existenz hinaus - bei zur Festigung des demokratischen Gedankens? Mit Zivilcourage und nicht nur zum Abdienen von Zeilenhonorar und Gehalt?
Wir glaubten, daß diese Frage nicht nur aufgeworfen, sondern in regelmäßigen Abständen auch beantwortet werden sollte. Wir wollen daher im Rahmen des THEODOR-HEUSS-PREISES auch einen Pressepreis verleihen. - Keine Konkurrenz zum Wächterpreis der Presse, der in dankenswerter Weise die Aufdeckung von "Mini-Watergates" der Bundesrepublik belohnt. Wir wollen auch keinen "Preis der sauersten Pressezitrone" für die geschickteste Verfälschung einer politischen Nachricht. Das wäre zu leicht und würde mehr Anwärter für Preise bringen, als wir je Geld auftreiben könnten.
Wir wollen vielmehr besonders couragiertes politisches Engagement für die Festigung des demokratischen Gedankens in der Bundesrepublik durch Presse, Rundfunk oder Fernsehen auszeichnen.
Ich hoffe, meine Damen und Herren, Sie sind nicht zu enttäuscht, wenn Sie unter den Preisträgern des Jahres 1975 noch niemanden als Empfänger des Pressepreises finden. Ich versichere Sie: Wir werden weiter suchen.
Und den Vertretern von Presse, Rundfunk und Fernsehen möchte ich zweierlei sagen:
1. Was Spoerl in seiner Feuerzangenbowle als Vorwort für dieses Buch über die Schule gesagt hat: Dies ist ein Buch für die Schule - bzw. ein Preis für die Presse - es kann allerdings gut sein, daß sie dies nicht merkt.
Und 2.: Meine Damen und Herren von der Presse: Seien Sie herzlich willkommen.
Theodor Heuss erzählt in seinen "Vorspielen des Lebens", wie sein Vater als Vorstand des städtischen Tiefbauamtes in Heilbronn sich mit Eifer auf eine von der Stadt beschlossene Umgestaltung eines alten Friedhofes in einen öffentlichen Park gestürzt habe. Wie der Vater eines Abends erregt von einem Aufsatz eines auswärtigen Blattes erzählt habe, der wehmütig von der Schönheit des alten Totengartens Abschied genommen und seine Zerstörung betrauert habe. Er schreibt dann wörtlich:
"Die Klage trieb den Mann stark um, bis er sich gestand: Es ist ja richtig, was hier geschrieben steht, das atmet Liebe und Ehrfurcht. Der Begriff des "Heimatschutzes" war noch nicht erfunden, aber was wir Buben, ohne es voll zu verstehen, erlebten, war die Bekehrung eines sozial-hygienischen und in Kunstfragen gutgläubigen Fortschrittseifers in einen behutsamen Konservatismus. Später habe ich an diese Umkehr nur mit einer dankbaren Rührung denken können. Sie hat der Stadt etwas Kostbares gerettet; für mich wurde sie ein Beispiel der inneren Freiheit, wie ein Mensch sich vor der kritischen und dann spöttischen Welt von einem Irrtum löste." Mit diesem Zitat möchte ich Sie, unsere neuen Preisträger, ebenso wie die Preisträger früherer Jahre, sehr herzlich begrüßen.

Grußtelegramm

Alwin Brück, Parlamentarischer Staatssekretär im Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit:
Die Nachricht, daß der Modellversuch "Gerechtigkeit - Friede" in Lüdinghausen in diesem Jahre zu den Empfängern der THEODOR-HEUSS-MEDAILLE gehört, ist im Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit mit Freude und Genugtuung aufgenommen worden. Der Modellversuch gilt bei uns als ein Beispiel dafür, daß es möglich ist, in den verschiedensten Kreisen der Bevölkerung Interesse und Engagement für die Probleme in den Entwicklungsländern zu wecken und zwischen Menschen in Ländern der Dritten Welt und in der Bundesrepublik eine Brücke zu schlagen, die vom gegenseitigen Verständnis getragen wird. Im Namen von Herrn Minister Bahr und der Mitarbeiter des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit, das den Modellversuch seit Jahren mit Aufmerksamkeit verfolgt und hier und da mitgewirkt hat, möchte ich den Mitarbeitern des Modellversuchs herzlich gratulieren und ihnen für die weitere Arbeit viele Erfolge wünschen.

Grußwort
Oberbürgermeister Georg Kronawitter
Frau Dr. Hamm-Brücher hat mich unter Berufung auf eine "gute Tradition" gebeten, auch heuer wieder Grußworte zur Verleihung des THEODOR-HEUSS-PREISES zu sprechen. Nun könnte wohl niemand einer so charmant vorgebrachten Bitte im Ernst widerstehen wollen - aber auch aus meiner noch relativ kurzen Amtserfahrung als Oberbürgermeister bin ich "guten Traditionen" in Grußworten gegenüber doch ein wenig skeptisch:
Es könnte am Ende daraus gar eine "gute Tradition" der überzogenen Geduld des Publikums werden - bis hin zum geheimen Wunsch einer Verleihung des THEODOR-HEUSS-PREISES an denjenigen, der die Flut der Grußworte einzudämmen vermag, wozu bemerkenswerte Zivilcourage ebenso gehörte wie Einsatzbereitschaft für das Allgemeinwohl.
Denn schon Wilhelm Busch stellte fest:

"Vor allem der Politikus
Gönnt sich der Rede Vollgenuß;
Und wenn er von was sagt, so sei's,
Ist man auch sicher, daß er's weiß."

Der Politiker, der aus seiner Perspektive etwa zu den THEODOR-HEUSS-PREISTRÄGERN dieses Jahres etwas sagen möchte oder zum Sinngehalt dieses Preises in unserer Zeit - nun, der tut besser daran, nicht zu sagen, "so sei's", sondern höchstens "so sehe ich's". Denn mit dem Wissen gerade um die vielschichtigen Probleme des urbanen Lebens und Zusammenlebens ist es eine eigene Sache geworden. Schließlich erinnern uns nicht zuletzt die Bürgeraktionen, deren eine nun HEUSS-PREISTRÄGERIN 1975 geworden ist, immer wieder daran, wie begrenzt unsere Vorstellungen von und unser Wissen um den Komplex "Stadt" waren und sind. Das Hineintragen neuer Gedanken und zeitgemäßer Aspekte in die Diskussion ist nicht bloß preiswürdig sein Erfolg und seine Notwendigkeit machen doch deutlich, daß in lebenswichtigen Fragen der Stadtplanung und Stadtentwicklung unser angesammeltes "know-how" recht ergänzungsbedürftig ist. Und der Gedanke des aktiven Friedensdienstes gar, dessen Verwirklichung Sie heuer die THEODOR-HEUSS-MEDAILLEN gewidmet haben, ist in dem weiten Feld der Friedensund Konfliktforschung doch auch in einem Neuland angesiedelt, in dem unser Wissen noch arg klein ist gegenüber den fast unüberschaubaren Anforderungen der Zeit. Immer noch tragen wir den Frieden wie ein Kleid, an dem wir vorne flicken, während es hinten schon wieder reißt. So viel steht freilich fest, so viel "weiß" auch der "Politikus": Die THEODOR-HEUSS-PREIS-STIFTUNG dürfen wir auch in diesem Jahr wieder beglückwünschen zu ihrer Aktivität und ihrer Auswahl. Und ich bin sicher, daß zehn Jahre THEODOR-HEUSS-PREIS einiges dazu beigetragen haben, staatsbürgerliches Bewußtsein, politisches Wissen, Verantwortungsgefühl für das Gemeinwohl und demokratischen Geist bei uns allgemeiner zu machen. Dafür sage ich im Namen dieser Stadt, die den THEODOR-HEUSS-PREIS sehr gerne in ihren Mauern weiß, seinen Initiatoren und Trägern sehr herzlichen Dank.
Im übrigen aber gebietet die "gute Tradition" des Grußwortes doch auch das rechtzeitige Aufhören. So haben wir es in den vergangenen Jahren hier gehalten; die Ernsthaftigkeit unserer Grüße ließ sich daran gewiß auch bemessen.

Festvortrag
Prof. Ralf Dahrendorf
Weltverantwortung und individuelle Lebenschance

Der Widerspruch ist größer als viele bislang bemerkt haben: Individuelle Lebenschancen bedeuten in ihrem politischen Aspekt vor allem Teilnahme, Mitwirkung an der Bestimmung des eigenen Geschicks, wählen, einer Partei beitreten, mitbestimmen, Initiativen ergreifen und organisieren, Leserbriefe schreiben und Manifeste unterschreiben, demonstrieren, diskutieren. Aber die Probleme, die es zu lösen gilt, sind dem allen weit entrückt. Ein wackeliges Weltwährungssystem wird nicht durch Bürgerinitiativen stabilisiert, der Aufstand im Ortsverein einer Partei läßt alle Entscheidungen über die friedliche oder unfriedliche Verwendung von Kernenergie ganz unberührt, Mitbestimmung senkt die Ölpreise nicht und die Frage muß zumindest gestellt werden, ob Diskussionen, Demonstrationen und Initiativen verhindern können, daß die Müllabfuhr in Kalkutta und Dakko jeden Monat mehr Leichen von den Straßen sammelt, um sie haufenweise zu verbrennen.
Ich muß von diesen Fragen sprechen, weil ich als Liberaler eine doppelte Sorge habe: die, daß Bürgerchancen irrelevant, ja als Tarnkappe verborgener Mächte mißbraucht werden man hält die Leute mit den Fragen beschäftigt, auf die sie selber kommen, und hält sie damit von denen fern, die vor allem zählen; dann die andere Sorge, daß immer mehr Menschen dem China-Syndrom verfallen, demzufolge die autoritäre Lösung der Dinge, die Organisation des Gemeinwesens als eine Mischung von Mönchsorden und Kaserne der einzige Weg sei, um mit den Weltproblemen fertig zu werden, wie das der amerikanische Ökonom Robert Heilbroner seit einiger Zeit in immer neuen Versionen predigt und wie es mancher vor und nach ihm praktiziert hat.

Die sozialökonomische Großwetterlage hat sich verändert. Die Interdependenz der Staaten, Wirtschaften und Gesellschaften stellt uns ganz neue Fragen. Aber auch auf diese Fragen gibt es noch Antworten, die die Lebenschancen des einzelnen stärken, liberale Antworten. Das ist zumindest meine Vermutung, die ich hier begründen möchte und in der mich die Träger des THEODOR-HEUSS-PREISES 1975 (und insbesondere die der THEODOR-HEUSS-MEDAILLEN) bestärken. Aber machen wir uns keine Illusionen: Bequem sind solche Antworten nicht und einfach auch nicht.
Lassen Sie mich mit einem vergleichsweise unkomplizierten Beispiel der Weltverantwortung beginnen, der Weltteil-Verantwortung sozusagen, Europa. Es gibt Fragen, mit denen Regionen und Nationen allein nicht mehr fertig werden, während universale Regelungen sich einstweilen oder auch auf Dauer verbieten. Ich will gar nicht prüfen, ob das gerade die Fragen sind, in denen Europa den Zement seiner Integration gesucht hat, und auch nicht, ob die Grenzen eines in diesem Sinne notwendigen Europa durch die heutige Europäische Gemeinschaft schon richtig gezogen sind. Aber nehmen wir das gemeinsame europäische Interesse an einer gesicherten Versorgung mit Energie oder auch das an der Bewegungsfreiheit für Menschen als Berufstätige, als Touristen, als Verwandte und in jeder anderen Eigenschaft. Um solche Interessen zu realisieren, sind gemeinsame Aktionen und Regeln nötig, ein europäisch-arabischer Dialog zum Beispiel, oder gewisse Anpassungen in den Zulassungsordnungen für Ärzte. Was hat das mit individuellen Lebenschancen zu tun? In einer Hinsicht viel: daß die allgemeine Niederlassungsfreiheit für Ärzte mindestens einigen Menschen mehr Lebenschancen gibt, liegt auf der Hand; und insoweit ein geregeltes Verhältnis Europas zu den Ölproduzenten des Mittleren Ostens Versorgungsgarantien schafft, garantiert es auch geheizte Wohnzimmer, getankte Autos und alle übrigen Genüsse der Petrowelt. Aber das ist nur ein Teil und noch der passive Teil, der Lebenschancen, in der Tat ihr durchaus autoritärer Begriff, der sich als Anspruch der kundigen Wenigen verfälschen läßt, den vielen ihr Glück vorzuschreiben. Wie aber, wenn die Regeln der Bewegungsfreiheit für das Interesse bestimmter Gruppen oder die Forderung nach einem Dialog zur Parteinahme in einem kriegerischen Konflikt mißbraucht wird? Wer kontrolliert diejenigen, die für Europa Entscheidungen vorbereiten und treffen? Welche Chance hat der einzelne also, sich Gehör zu verschaffen, wenn europäische Entscheidungen getroffen werden?
Die Chancen sind, sagen wir es gleich, gering, und bei allem Zweifel an der Rationalität der britischen Diskussion des Themas ziehe ich die Erregung der Engländer über diese Tatsache dem Zynismus vor, der sich auf dem Kontinent längst breit gemacht hat, so als glaube man ohnehin nicht an die Macht des aufgeklärten Bürgers, entferntere Dinge zu beherrschen. Allerdings muß ich die Bemerkung über die Rationalität der Diskussion unterstreichen. Das Thema der verlorenen Souveränität ist keineswegs auf Europa beschränkt, und die Lösung des Problems ist in keinem Fall einfach; eine Volksabstimmung, so sehr gerade sie immer eine aktive Lebenschance ist, ändert an der Sachlage nichts, sondern verleitet so oder so zu Illusionen, zur Illusion der effektiven Volkssouveränität im einen, zu der der effektiven Teilnahme am internationalen Prozeß im anderen Fall.
Aber ich will nicht selber zynisch werden, sondern die beiden halbwegs durchdachten Lösungen des Dilemmas einen Augenblick betrachten, die in Großbritannien angeboten werden. Da ist einmal der Rückzug aus der Europäischen Gemeinschaft. Seine Advokaten sagen (insoweit ihnen an individuellen Lebenschancen liegt), nur innerhalb der parlamentarischen Institutionen von Westminster habe der britische Bürger eine reale Chance, politisches Geschehen zu bestimmen. Jede Abgabe eines Themas an eine supranationale Instanz entmachte den Bürger und nehme ihm Lebenschancen. Wer Herr seiner Dinge bleiben will, muß für die Rechte des nationalen Parlaments kämpfen. Es gibt Varianten dieser Haltung und Interessen, die sie stützen; aber so etwa argumentiert der linke Flügel der britischen Labour Party um Anthony Wedgwood Benn und der rechte Flügel der Konservativen bis hin zu Enoch Powell. In Deutschland neigen wir dazu, solche Argumente komisch zu finden; das verrät indes nur die Lücken unserer eigenen Tradition. Denn eine ernsthafte Sorge um Bürgerchancen und Bürgerrechte ist unverkennbar. Aber sie ist auch in absurder Weise entstellt. Denn wie viele Entscheidungen sind tatsächlich Parlamenten entglitten, und zwar in zwei Richtungen, die internationale und die der mächtigen Organisationen und Unternehmen im Innern!
Das ist an sich möglicherweise noch kein Argument, wenn man nicht erkennt, daß nationale Parlamente notwendigerweise einige ihrer Rechte abgeben mußten; der Dialog mit den Arabern (um bei der Weltverantwortung zu bleiben) und die Freizügigkeit können eben nicht von einer Nation bewerkstelligt werden, und wer sich von beiden zurückzieht, macht sich zum Objekt von Entwicklungen, verzichtet also auf weit mehr individuelle Lebenschancen als der, der dabeibleibt. Souveränität wird auf diese Weise unversehens zur Subalternität, eine Selbstverstümmelung im Mäntelchen der Autonomie, Katmandu im Großformat: Nationen, die in den blauen Bergen ihren haschigen Träumen nachgeben und noch nicht einmal merken, daß selbst diese noch von anderen anderswo bestimmt und vor allem benutzt werden.

Für den, der wachsende politische Räume mit wachsenden individuellen Rechten verbinden will, kann allerdings die Gegenthese nicht einfach die sein, Ja zu sagen zur Europäischen Gemeinschaft. Mit gutem Grund fordern die britischen liberalen (zusammen mit einigen Labour-Europäern und Konservativen), ein direkt gewähltes Europäisches Parlament mit stärkeren Rechten. Die Mitwirkungsmöglichkeiten des einzelnen sollen nicht subaltern, sondern aktiv verstanden, also in gewissem Umfang von gewohnten nationalen Zusammenhängen auf größere Einheiten übertragen werden. Das Europäische Parlament selbst hat diese Forderungen erst unlängst in einem eindrucksvollen Votum bekräftigt. Um so mehr zögere ich, Wasser in diesen Wein zu gießen, zu dessen Winzern ich überdies selber gehöre. Aber seien wir ehrlich. Ein direkt gewähltes Parlament für Europa wäre gewiß ein Fortschritt; der amerikanische Kongreß beweist die Grenzen aber auch die Möglichkeiten einer solchen Institution für einen Raum von über 200 Millionen Menschen. Auch abgesehen von der Wahrscheinlichkeit einer wesentlichen Verstärkung seiner Rechte bleibt jedoch die Frage, die ich fast zweimal stellen möchte, so ernst ist sie: Ob ein solches Parlament nicht in dem Maße ohnmächtig bleibt, in dem es Sich vor allem den Bürgern verpflichtet fühlt, und sich in dem Maße von den Bürgern entfernt, in dem es auf der Höhe der europäischen Probleme ist. Weltverantwortung schafft fast notwendig eine Distanz, die sich mit einem Brückenschlag, wie der Wahl eines Abgeordneten für je eine halbe Million Menschen, nicht überwinden läßt. Politische Räume und staatsbürgerliche Ungeduld haben sich weit voneinander entfernt.
Ich hoffe, Sie haben nicht das Gefühl, daß mein Beispiel allzu weit ist von meinem Thema oder von dem, was die Preisträger dieses Jahres bewegt. Europa ist nicht die Welt. Was man vor allem der britischen Europadiskussion entgegenhalten könnte, ist, daß sie insgesamt zu kleine Maßstäbe anlegt. Wichtige Entscheidungen werden heute an entfernten Orten getroffen, ob Völker in ihren Abstimmungen dazu Ja sagen oder nicht: Im Internationalen Währungsfonds, dessen Entscheidungen über flexible Wechselkurse oder den Goldpreis viele Lebenschancen verändert haben, ohne je demokratisch legitimiert worden zu sein; in den Rüstungskontroll-Gesprächen von Wien und Wladiwostok, in denen die Überlebenschancen der Menschheit von zwei, zuweilen vier und jedenfalls weniger als zwölf Menschen erörtert, vielleicht entschieden werden; in den Büros internationaler Gesellschaften, in denen mit dem Nutzen der Anteilseigner und der Macht von Direktorien oft das Schicksal von Regierungen und die Zukunft von Millionen Menschen zur Debatte steht.
Ich sage nicht, daß das gut ist, aber ich widerrate jeder falschen Melancholie: Die Reduktion der Räume, in denen wir denken müssen, auf handlichere Dimensionen ist eine der gefährlichsten Illusionen einer zu Recht auf größere Bürgerteilnahme bedachten Welt. "Klein ist schön", gewiß, wir wollen unsere alten Städte retten, wir wollen historisch gewachsene Gemeinden und Länder erhalten und fortentwickeln, wir wollen Menschen an den Entscheidungen über ihren Arbeitsplatz beteiligen, ja ich würde sagen, bei jedem Problem sollte im Interesse individueller Lebenschancen zunächst die Frage gestellt werden, ob es sich nicht in begrenzteren Räumen lösen läßt, die Präsumtion der Devolution. Auch darum sind Bürgerinitiativen an dem und für den Ort, an dem Menschen leben und der für sie mehr ist als ein mehr oder minder großer Punkt auf Landkarten, so wichtig. Ein erheblicher Teil jedes liberalen Programms der Gegenwart wird der unmittelbaren Bürgerteilnahme, der konkreten Mitbestimmung gewidmet sein. Aber die Suche nach unmittelbar umgesetzten Lebenschancen darf uns nicht dazu verleiten, die neue Freiheit mit der Rückkehr zur Natur, mit dem Bienenstock zu vergleichen, an dem das Individuum mit der Gattung verschmilzt und darum, angeblich, wunschlos glücklich ist. Die Größe der Räume, in denen wir leben, die Interdependenz der Ereignisse an allen Ecken und Enden dieser Erde, sind Last gewiß, aber doch nur als Rückseite einer Medaille, auf deren Vorderseite die Chance einer menschlichen Entfaltung glänzt, die ihresgleichen nicht hat in der Geschichte. Die Welt ein Dorf? Vielleicht, wenn das heißen soll, daß wir es uns in ihr wohnlich machen sollen, obgleich Dörfer in der Regel weit weniger wohnlich sind als unsere Märchen und zuweilen auch noch unsere Schulbücher es wahrhaben wollen. Aber bitte verwechseln wir nicht das Dorf, in dem wir leben, mit der Welt, denn es ist das nicht, und Bedingung der Möglichkeit individueller Lebenschancen ist es heute, daß wir die Welt in ihren Zusammenhängen begreifen und darin unsere Verantwortung tragen.
Das ist eine rechte Tirade geworden, und vielleicht sollte ich die letzten Minuten, die mir zur Verfügung stehen, daran wenden, die These eines liberalen Ansatzes zur Bewältigung der internationalen Beziehungen ein wenig zu ordnen und ein paar praktische Schlußfolgerungen zu ziehen. Um mit der Ordnung zu beginnen: Daß es jeden von uns angeht, was in Chile passiert oder in der Sahelzone Afrikas oder in Vietnam, ist oft und mit Recht gesagt worden. Humani nil a me alienum puto war intensiv gemeint, auf die sogenannten allgemein menschlichen Probleme bezogen; doch sollten wir es heute getrost extensiv und als Aufforderung verstehen, uns von keinem Problem abzuwenden, das Menschen irgendwo trifft. In einem moralischen Sinne allerdings galt das schon, als Goethe vom Erdbeben in Lissabon schrieb. Heute dagegen ist Einsicht in die wechselseitige Abhängigkeit noch der entferntesten Regionen eine Frage des elementaren Interesses. Die Abhängigkeit besteht in wenigstens dreierlei Hinsicht, womit zugleich die großen internationalen Probleme definiert sind:
Die Versorgung aller Menschen. Das ist selbst ein großes Thema, in dem die Entwicklung der Bevölkerung, Produktion und Verteilung von Nahrungsmitteln, die Verfügbarkeit von Rohstoffen einschließlich Petroleum, also die gleichsam physiologischen Voraussetzungen des Überlebens vereinigt sind. Eine der Lehren der Energiekrise ist die Erkenntnis, daß gerade diese Bedingungen alle Länder aneinanderketten. Die Erhaltung der Bedingungen weltweiten Austausches. Ein zivilisierter Lebensstandard, ja schon die Sicherung der Versorgung mit Rohstoffen und Lebensmitteln, verlangt ein System des Welthandels und also ein Weltwährungssystem, das Grenzen öffnet, Bewegung erleichtert und verläßlich Horizonte der Entwicklung schafft. Die Folgen der Währungskrise der letzten fünf Jahre sind daher nicht auf die leichte Schulter zu nehmen.
Die Sicherung des physischen Überlebens der Menschheit. Hier denke ich nicht nur an Kriege. Die nukleare Gefahr ist umfassender; von der Standortwahl für Kernkraftwerke bis zur Beseitigung nuklearer Abfälle stellen sich schreckenerregende Probleme. Überdies berührt die fortdauernde Verseuchung der Umwelt alle Menschen, unser Klima, unsere Gesundheit, am Ende unser Überleben.

Alle Vorschläge zur Bewältigung dieser Probleme sind, auch wenn man sie praktisch nennt, entmutigend, so sehr bleiben sie hinter der Dimension der Gefahren zurück, die die Entfremdung der Aufklärung über die Menschen zu bringen droht und zum Teil schon gebracht hat. Was wir tun können, ist wenig, aber wenn wir es nicht tun, verlieren wir zuerst unsere Würde, dann unsere Freiheit und am Ende unser Leben. Weltverantwortung ist heute notwendige Bedingung individueller Lebenschancen. Der erste Schritt solcher Weltverantwortung ist politisch notwendig. Im Rückblick kann man nicht umhin, das Regelsystem zu bewundern, das in den letzten 30 Jahren die internationalen Beziehungen beherrscht hat. Es war, zugegebenermaßen, vornehmlich auf den zweiten Problembereich, den Austausch, bezogen, insoweit ein Regelsystem einer Periode der expandierenden Entwicklung vieler Volkswirtschaften: der Internationale Währungsfonds (IMF), das Allgemeine Handels- und Zollabkommen (GATT), auch die regionalen Organisationen für wirtschaftliche Zusammenarbeit, und viele andere, meist währungsbezogene Einrichtungen. Im Bereich der Versorgung der Menschen war das System weit weniger wirksam, obwohl Warenabkommen, die Konferenzen der Vereinten Nationen für Entwicklungsfragen (UNCTAD), jetzt auch für Bevölkerungsfragen, und die Welternährungsorganisation (FAO) nicht unterschätzt werden dürfen. Was die physische Sicherung betrifft, sind die meisten Ansätze sehr tastend geblieben, Aspekte der Tätigkeit der Internationalen Atomenergiebehörde (IAEO), die Kommission für die Herausforderungen der modernen Gesellschaft (CCMS) in der NATO und ähnliches. Alles dies und vieles mehr ergibt ein schwer durchschaubares, aber wichtiges Regelwerk.
Die letzten Jahre haben indes vor allem die Schwächen des Regelwerks enthüllt. Es reicht nicht mehr aus zur Bewältigung der neuen Interdependenz, hilft uns nicht, wenn ein Ölembargo verhängt wird, wenn ein Erdteil in Massenarmut versinkt, wenn die Expansion der entwickelten Volkswirtschaften sich verlangsamt, wenn immer mehr Staaten sich auf die schiefe Ebene nuklearer Experimente begeben. Man könnte an Hand jeder einzelnen Organisation zeigen, wie sie an ihre Grenzen geraten ist, begonnen hat, über Reform von innen nachzudenken, Funktionsverluste beklagt, umstritten wird, und damit in einen Dunst der Unsicherheit gerät, in dem die Dienste sich verringern, während die Probleme weiter wachsen.
Dies ist nicht der Ort, um das Thema einer Reform des internationalen Systems ausführlich zu entwickeln oder gar Detailempfehlungen zur Reform des GATT oder des IMF, der FAO oder IAEO abzugeben. Mir kommt es vornehmlich darauf an, einerseits die Dringlichkeit und Dramatik, andererseits die Schwierigkeit und Komplexität dessen anzudeuten, was mit dem Wort Weltverantwortung gemeint sein kann. Der Blick auf die individuellen Lebenschancen als Dreh- und Angelpunkt allen sozialen Handelns veranlaßt mich diesen Skizzenstrichen vier Anmerkungen hinzuzufügen.
Die erste ist, daß die Bewältigung der großen Fragen einer interdependenten Welt unter keinen Umständen einigen Wenigen überlassen werden darf, seien sie noch so wohlwollend, intelligent oder mächtig. Es ist verständlich und bis zu einem gewissen Grade nützlich, daß es Menschen gibt, die die Lücken zu füllen suchen, die durch die Unsicherheiten des Regelsystems der Nachkriegszeit entstanden sind. Aber die Tendenz zu einer Repersonalisierung der internationalen Beziehungen, die wir in diesen Jahren erleben, die Ersetzung der Institutionen durch rührende Männerfreundschaften, ist eine der größten Gefährdungen unserer Sicherheit in dieser Zeit. Wir müssen so rasch wie möglich Regeln entwickeln, die auch dann verläßliche Maßstäbe liefern, wenn Regierungschefs sich bei ihren regelmäßigen Telefongesprächen nicht mehr mit den Vornamen anreden und Außenminister sich bei der Ankunft auf dem Flughafen nicht mehr um den Hals fallen. Die Agenda zur Reform der internationalen Organisationen ist möglicherweise das wichtigste Thema der Weltpolitik dieser Jahre.
Dabei fällt die Entscheidung, wie liberal das internationale System der Zukunft sein wird. Meine zweite Anmerkung bezieht sich auf diese Frage. Liberalität in den internationalen Beziehungen ist zum Teil eine Frage des Inhalts der Regeln, auf die man sich einigt; der Konvertibilität der Währungen etwa, oder des freien Handels. Zum anderen Teil aber ist sie eine Frage der Kontrolle, also des Europäischen Parlaments, um mein eigenes Beispiel aufzunehmen. Wenn Weltverantwortung nicht zu Technokratie, zur Herrschaft derer, die es zu wissen glauben, werden soll, dann müssen wir die Generalsekretäre, Direktorien und Ministerräte stärker zur Verantwortung ziehen, sie gleichsam demokratisch anbinden. Wenn andererseits eine solche Kontrolle nicht zur Farce werden soll, muß sie durch Instanzen erfolgen, die Repräsentativität und Sachverstand verbinden. Ich zögere, es zu sagen, aber es ist unübersehbar geworden, daß der gesunde Menschenverstand nicht zureicht, um Entscheidungen über Paritätsänderungen, die Beseitigung nuklearer Abfälle oder das angemessene Niveau garantierter Rohstoffpreise zu kontrollieren. Das bedeutet, daß wir indirekt gewählte Kontrollinstanzen brauchen, Senate, die aus repräsentativen Parlamenten hervorwachsen, aber den Sachverstand mitbringen, um die Technokraten zu bändigen.
Allerdings - dies meine dritte Anmerkung - ist der Zeitpunkt gekommen, an dem ich die Blickrichtung wechseln muß. Regeln sind unentbehrlich, organisierte Kontrolle ist eine liberale Forderung, aber Regeln lösen keine Einzelfälle und organisierte Kontrolle ist nur ein Aspekt der Chancen des einzelnen. In der Praxis bleiben viele, vielleicht die meisten Fragen offen für direkte Mitwirkung einzelner Menschen. Hier wird Weltverantwortung praktisch. Friedenskorps und Entwicklungsdienst haben wichtige Beiträge geleistet; ich habe nach wie vor Sympathie für den Gedanken, eine Periode des öffentlichen Dienstes für alle Menschen vorzusehen. Willkommener als die staatliche Organisation solcher Dienste aber ist zweifellos die freiwillige Initiative, wie sie etwa die "Arbeitsgemeinschaft für Friedensdienste Laubach" verkörpert. Ich nehme an, daß diejenigen, die über die Jahre hin an den einzelnen Aktionen teilgenommen haben, manches zu erzählen haben von den Unvollkommenheiten allgemeiner Regeln, vielleicht auch von der scheinbaren Unendlichkeit der Probleme. Aber solchen praktischen Verzweiflungen müssen wir immer wieder das Wort entgegenhalten, daß es besser ist, ein kleines Licht zu entzünden als die Dunkelheit zu verfluchen.
Es bleibt eine letzte Anmerkung zu jenem Widerspruch, der mein Thema war. Das Verlangen nach aktiven Lebenschancen. nach Teilnahme, ist einer der Lichtblicke der politischen Entwicklung der Gegenwart. Wer das Wirken der Preisträger dieses Jahres, der "Bürgerinitiative Forum Regensburg" verfolgt, findet eindringlich demonstriert, wie direkte Teilnahme die Verfilzungen rings um den institutionellen Entscheidungsprozeß auflockern und neue Möglichkeiten zuerst sichtbar, dann real machen kann. Wären die Bürger eines freien Gemeinwesens nicht die Kraft hinter allen öffentlichen Gewalten, dann könnte man versucht sein, von Bürgerinitiativen als der fünften Gewalt - neben Legislative, Exekutive, Judikatur und Massenmedien - zu sprechen. Dasselbe Verlangen nach Teilnahme kann aber auch dazu führen, daß Menschen den Blick nach innen lenken, auf ihre unmittelbare Lebenswelt, und darüber weitere Räume vergessen, ja ihnen bewußt den Rücken zuwenden. Fremdenfeindlichkeit, Auslandsmüdigkeit, Protektionismus, eine Art "Laßt mich doch damit in Ruhe Gesinnung" gegenüber den komplizierteren Fragen der Weltverantwortung ist mancherorts eher auf dem Vormarsch. Die Konsequenzen sind schlimm. Große Probleme bleiben auf diese Weise ungelöst oder aber sie geraten in die Hände einiger weniger, die sich jeder Kontrolle entziehen. Ich habe versucht, einen kleinen gedanklichen Beitrag zur Überwindung des Widerspruches zu leisten. Der Beitrag der Laubacher "Arbeitsgemeinschaft für Friedensdienste" aber und vor allem des Modellversuches "Gerechtigkeit-Friede" im Dekanat Lüdinghausen ist praktisch: An Beispielen entfernte Probleme zu Hause verständlich zu machen und damit eine Haltung zu wecken, die als Ungeduld den politischen Prozeß der internationalen Beziehungen begleitet. Auch in einer Zeit universaler Verantwortung werden individuelle Lebenschancen nicht gegeben, sondern erkämpft und genutzt. Das verlangt, daß wir wissen, worum es geht. Es verlangt also die Verbindung von Verständnis weltweiter Zusammenhänge und Insistenz auf den Rechten des einzelnen. Für Liberale bleibt noch viel zu tun.

Begründung und Verleihung des Preises und der Medaillen
Dr. Hildegard Hamm-Brücher
Der Demokratie eine zweite Dimension geben

Die elfte Verleihung des THEODOR-HEUSS-PREISES fällt in das 30. Jahr nach dem Zusammenbruch von Hitlers Gewaltherrschaft.
Kaum einer unter unseren diesjährigen Preisträgern dürfte daran eine konkrete Erinnerung haben. Immer seltener ist von dieser Zeit und ihren Verhängnissen die Rede. Dennoch steht alles, was in unserem Lande heute geschieht (oder auch nicht geschieht), in einer historisch-, politisch- und auch moralisch immer wieder mahnenden Nachfolge. Und wenn ich stellvertretend an drei Männer - an Pater Alfred Delp, an Johannes Opitz und an Karl-Friedrich Gördeler - erinnere, die heute vor 30 Jahren hingerichtet wurden, dann nicht nur, um auf diesen untrennbaren Bezug zwischen Märtyrern von damals und verantwortungsbewußten Demokraten von heute hinzuweisen. Ich möchte auch an das Wort von Theodor Heuss erinnern: "Ihr Vermächtnis ist noch wirksam. Die Verpflichtung noch nicht eingelöst..."
Aber es gibt auch Zusammenhänge, die uns in der Arbeit unserer Stiftung immer wieder bewegen, ja umtreiben, gelegentlich sogar den Stiftungszweck infragestellen.
Immer wieder müssen wir uns fragen:
Was bedeuten uns heute Vorbilder?
Wo finden wir Sie?
Was gelten sie anderen?
Gibt es überhaupt verbindliche Maßstäbe und Kriterien, auf die man sich auf der Suche nach Vorbildern einigen kann?
Darf man sich an Vorbilder "klammern" - an längst, vergangene, unerreichbare gar?
Kann man den vielen negativen Vorbildern unserer Zeit überhaupt noch positive entgegensetzen? - Ist unsere Auswahl auch nur einigermaßen gerecht?
Diese Fragen sind es, die wir uns immer wieder stellen, und bei unserer alljährlichen Suche nach Beispielen für Zivilcourage, Engagement und vorbildliches, demokratisches Verhalten geht es uns auch nicht viel besser als jener dreiköpfigen Kommission von Lesebuchautoren in dem lesenswerten Buch von Siegfried Lenz "Das Vorbild" (das ja eigentlich treffender "Abschied von dem Vorbild" heißen müßte). Diese Kommission scheitert ja trotz intensiver Bemühungen daran, für das geplante Lesebuch ein ebenso allgemeingültiges wie verbindlich-verpflichtendes Vorbild zu finden und festzuschreiben. Weder das heroische noch das revolutionäre oder sozialkritische, ja sogar das rein humanitäre Vorbild erweist sich nach entsprechender kritischer Auslotung als beständig und allgemein verbindlich.
Am Ende aller fruchtlosen Bemühungen beschreibt das jüngste Mitglied der Kommission - offenbar schwankend zwischen Resignation, Ironie und Zynismus - das seiner Ansicht nach für unsere Zeit gültige Vorbild folgendermaßen: "Es handelt sich um eine intakte Windmühle, die bei ausreichender Regung in der Luft... vierflügelig um sich schlägt."
Nun mag man trefflich darüber streiten, ob der Windmühlenvergleich der Weisheit - und nicht nur des Buches - letzter Schluß ist. Auf jeden Fall provoziert er zum Nachdenken.
Die Windmühle als Vorbild? Wie ärgerlich! - ? - Oder auch nicht? ! - Bedenkenswert scheint doch zu sein, daß wir unsere überlieferte Vorstellung, daß ein Vorbild unbedingt etwas überaus Heroisch-Standfestes und Verbindlich-Beständiges sein müsse, kritisch überprüfen müssen. Das Unerreichbare mag uns Ältere erbauen. Junge Menschen entmutigt es heute (und nicht nur heute) eher, als daß es sie zum praktischen Handanlegen ermutigt.
In den elf Jahren unserer Arbeit haben wir jedenfalls immer wieder die Erfahrung gemacht, daß das Vorbild - und leider nicht nur das positive - aus Fleisch und Blut eher zur Nachahmung ermutigt als das heroische, für den Normalbürger doch nicht erreichbare.
Um im Bilde von Siegfried Lenz zu bleiben: Wie eine Windmühle nur dann produktive Arbeit zu leisten vermag, wenn sie ihre Flügel beweglich in den Wind stellt, so können die Probleme einer freiheitlichen Gesellschaft dann am produktivsten (das heißt verantwortlich) gelöst werden, wenn sich ihre Bürger ihnen immer von neuem stellen und nach Verbesserungen und Alternativen suchen. Und hierfür brauchen wir nicht nur eine, sondern viele intakte Windmühlen.
Das Angebot der Stiftung THEODOR-HEUSS-PREIS lautet also: Suchen wir nach Prinzipien des Vorbildhaften, die die Chance haben, angenommen zu werden. Machen wir immer wieder deutlich, daß es hierfür vielfältige, auf unterschiedliche Aufgaben und Situationen zugeschnittene Möglichkeiten gibt. Finden wir Beispiele, die nicht unbedingt gleich in ein Lesebuch gehören - wohl aber in ein Arbeitsbuch für angewandte Demokratie passen.
Vielleicht daß auf diesem, zugegeben pragmatischen, Weg am Ende vielleicht doch wieder eine Art Konsens über das in der Demokratie mögliche und nötige Vorbild erreicht werden kann.

Wir hoffen es jedenfalls, weil aus einem solchen Konsens unserer Demokratie - neben dem Spektrum unterschiedlicher Parteimeinungen - so etwas wie eine zweite Dimension praktizierter Gemeinsamkeit erwachsen könnte. (Darüber am Schluß noch ein paar Worte.)
Mit den Beispielen unserer diesjährigen Preisträger, die ich nun beschreiben möchte, hoffen wir, auf diesem Wege wieder ein kleines Stück weiterzukommen.

1. Forum Regensburg e.V. Wenn man während der letzten Wochen in Zeitungen und Medien das große politische und publizistische Aufgebot anläßlich der Eröffnung des Denkmalschutzjahres mitbekommen hat, dann mag man sich fragen, ob es einer besonderen Ermutigung und Auszeichnung von Bürgerinitiativen, die sich der Aufgabe der Erhaltung ihrer Altstädte widmen, eigentlich noch bedurft hätte.
Nun abgesehen davon, daß das Kuratorium bei seiner Entscheidung im vorigen November das Herannahen des Jahres des Denkmalschutzes nicht ahnte und unsere Auswahl also nur zufällig mit den offiziellen Ereignissen zusammenfällt, sah es im Herbst noch gar nicht rosig aus für den Erfolg von Bürgerinitiativen, die sich für die Erhaltung und die Lebensqualität ihrer Heimatstädte engagierten - und wer weiß, wenn die Lobgesänge zum Denkmalschutzjahr erst einmal abgeklungen sind, ob sie dann nicht sehr schnell wieder einer neuerlichen Rückenstärkung bedürfen.
Nach unserer Ansicht müssen die Verdienste der Regensburger und anderer ähnlicher Bürgerinitiativen in jedem Fall jenseits des Jubels und Trubels dieses Jahres gewürdigt werden. Denn es geht der Stiftung ja noch um etwas anderes als um die rein denkmalpflegerische Seite, die sich - wie es offiziell heißt - das Ziel setzt "Der Vergangenheit eine Zukunft zu schaffen".
Uns geht es um Bürgersinn und Bürgergesinnung ganz allgemein - darum, daß die Zukunft eine Zukunft hat! Die Regensburger haben sich nicht nur vor drei Jahren entschlossen, einen fast aussichtslos erscheinenden Kampf aufzunehmen, es ist ihnen auch gelungen, Schritt für Schritt zunächst Aufmerksamkeit, dann Unterstützung und Zustimmung und schließlich Umdenken und Umplanung zu erreichen. Ich möchte jetzt den "Fall" Bayernwaldbrücke nicht städtebaulich würdigen, das haben hierfür Kompetentere getan. (Hoffentlich wird er wirklich zu einem "Fall" und kommt zu den Akten.)
Erfreulicherweise hat das Forum in dieser Frage einen starken Verbündeten im Beirat des Landesamtes für Denkmalschutz gefunden, der sich weitgehend den Bedenken des Forums angeschlossen hat. So ist zu hoffen - was vor einem Jahr noch aussichtslos schien - , daß es, dank der Wachsamkeit und Sachkunde des Forums und durch die Unterstützung maßgeblicher Landesstellen doch noch zu Lösungen kommt, die primär am Wohl der Bürger und nicht an Verkehrs- und Wirtschaftsbedürfnissen orientiert sind.
Darüber hinaus sind die Zielsetzungen des Forums weitergesteckt als die anderer ausschließlich an Altstadterhaltung engagierter Bürgerinitiativen. Ich zitiere:
Regensburg muß endlich eine Stadtentwicklung betreiben statt Autoverkehrsförderung. Der gesamte Verkehrsplan der Stadt baut auf veralteten Zielvorstellungen und Voraussetzungen auf. Die Altstadt und ihre Wirtschaft kann nicht mehr durch Autoverkehrsplanung saniert werden. Die Verantwortlichen müssen durch moderne Gegenplanung Bürgeraktionen, öffentliche Meinung, Wissenschaft und Behörden von Land und Bund so "eingekreist" werden, daß die vorliegenden Planungen revidiert werden.
Sicher werden uns unsere Preisträger nachher das eine oder andere aus ihrer Arbeit erzählen wollen. Sie sind ja etwas ganz anderes als ein liebenswerter Verein mehr oder weniger versponnener Mittelalter-Stadtforscher und - Liebhaber. Sie sind auch keine pararevolutionäre Aktionsgemeinschaft. Hier haben sich alte und junge Bürger, Studenten, Hausfrauen und Experten zu einer ebenso einfalts- und initiativreichen wie energischen und sachkundigen Arbeitsgemeinschaft zusammengeschlossen. Vorträge, Ausstellungen, Veranstaltungen, Gegenplanungen, Anhörungen, das Herbeiziehen von Gutachtern, all das erfordert nicht nur guten Willen und Liebe zur Sache, sondern ein ungewöhnliches Maß an Organisations- und Improvisationsgeschick (denn an Geld fehlt es dieser, wie beinahe jeder anderen Bürgerinitiative auch), an Sachkunde, Verhandlungsgeschick etc. Ziel all dieser Bemühungen ist es, "Regensburg als eine Stadt zu erhalten, in der Bürger menschenwürdig wohnen und leben können". Und was dieses "menschenwürdig" bedeutet, vermag ich nicht besser auszudrücken als Elly Heuss-Knapp in einem kleinen Essay über "Die Seele des Hauses".
"Kann ein Haus eine Seele haben? Haben diese Fertighäuser eine Seele? Nein, die haben sie nicht. Sie können sie erst bekommen, wenn Menschen hier gewohnt, gelacht, geweint haben, Kinder geboren wurden und aufwuchsen, wenn ein Sarg hinausgetragen wurde und der Christbaum in der Wohnstube stand... Gesteigertes Leben bekommen die Dinge erst, wenn die Bewohner ein starkes seelisches Leben darin führen..." (Dieser Essay entstand wohlgemerkt bereits 1927.)
Zusammenfassend wurde dem Forum Regensburg e.V. der THEODOR-HEUSS-PREIS als ein hervorragendes Beispiel praktischer Bürgeraktivität zuerkannt, das der Ermutigung und Nachahmung bedarf und unser aller Dank verdient.

2. Während das Regensburger Forum Alternativen gegen Verständnislosigkeit, Gedankenlosigkeit und Gleichgültigkeit im Bereich ihrer Heimatstadt entwickelt und nachdrücklich vertritt, suchen unsere beiden Empfänger von THEODOR-HEUSS-MEDAILLEN ihre Aufgabe im Bereich überörtlicher und übernationaler Verantwortung. Auch sie begnügen sich nicht damit, zu protestieren oder Lippenbekenntnisse abzulegen oder an die Einsicht und an das Verständnis anderer zu appellieren. Auch sie haben sich entschlossen, sich selber und ad personam in den Dienst einer Sache zu stellen und dieses Engagement seit einigen Jahren durchgehalten.
Bei der Arbeitsgemeinschaft für Friedensdienst Laubach e.V., die 1969 als eine Initiative von Schülern und Lehrern des Evangelischen Studienkollegs der Paul-Gerhard-Schule in Laubach (Hessen) entstand (stellvertretend soll nur Dr. Rüdiger Mack genannt werden), handelte es sich zunächst darum, im Unterricht erworbene Informationen und Einsichten in praktischer Erfahrung zu erproben. Im Geschichts- und Sozialkundeunterricht erworbene Informationen wurden in Arbeitsgemeinschaften vertieft und schließlich durch Studienreisen und Arbeitseinsätze in konkrete Erfahrungen umgesetzt, was wiederum Konsequenzen für das eigene individuelle Verhalten und politische Verantwortungsgefühl mit sich brachte. Bisher wurden rund zehn dreiwöchige Friedensdienste in Polen, Israel, in Sizilien und den USA geleistet. Die hierbei gesammelten Erfahrungen und Erkenntnisse wurden in die Arbeit der Schule eingebracht. Auch führten sie zu weiteren außerschulischen Aktivitäten, zum Beispiel bei der Betreuung von Behinderten, von Gastarbeiterkindern und durch Mitarbeit in der "Amnesty International".

Zur Zeit wird eine Studienfahrt in ein afrikanisches Entwicklungsland vorbereitet, neue Arbeitseinsätze sollen in Wolgograd, Italien und in der Suezkanalzone stattfinden.
Ober die Folgewirkungen solcher Arbeitseinsätze heißt es in einem Bericht: "Friedensdienstfahrten dürfen im Leben des Jugendlichen nicht Episode bleiben. Vielmehr muß der Lern- und Einfühlungsprozeß in Friedensfähigkeit weitergehen. Der Teilnehmer soll auch die friedensgefährdenden Stellen in der eigenen Gesellschaft als Aufgabenfeld erkennen..."
Dies alles sind interessante Ansätze für eine innere Schulreform, die wir mehr jungen Menschen wünschen möchten. In welchen Bereichen auch immer: Es ist immer förderlich, durch eigene Erfahrungen Erkenntnisse zu sammeln, die wiederum zu Konsequenzen für die schulische Arbeit, die eigene Einstellung und das eigene Engagement führen. Übrigens hat das Laubacher Beispiel tatsächlich auch in anderen Schulen Schule gemacht (zum Beispiel in Berlin, Wuppertal, Steinertal/Hessen etc.)
Aufgrund der in rund sechsjähriger Arbeit gesammelten Erfahrungen hat die Arbeitsgemeinschaft den Wunsch, daß die Laubacher Schule als Modellschule für friedenspädagogische Versuche anerkannt wird, und es wäre in der Tat sehr zu begrüßen, wenn die in den letzten Jahren hier und da begonnenen, aber weithin verstreuten Ansätze in wenigstens einem geschlossenen Modell gezielt gefördert und weiterentwickelt würden.
Die Laubacher Berichte halten neben der Schilderung der positiven Ergebnisse auch nicht mit ihren Schwierigkeiten, Problemen und Rückschlägen hinter dem Berg: Der Friedensdienst beginnt sozusagen in der eigenen Gruppe, und schon die Vorbereitung eines Arbeitseinsatzes erweist sich als ein mühsamer Lernprozeß für alle Beteiligten. Während des Einsatzes gibt es viele Enttäuschungen, auch negative Erfahrungen, Konflikte. Kurzum: Der Friedens- und Konfliktpädagogik eröffnet sich ein weites Feld praktischer Betätigung und Erfahrung. In einem Bericht heißt es: "Jugendliche werden unter dem Einfluß des Friedensdienstes häufig nachdenklicher und sensibler, aber auch selbstbewußter und hartnäckiger im Vertreten ihres Standpunktes - mit einem Wort: mündiger." Kein Zweifel, daß in und mit der Laubacher Arbeitsgemeinschaft eine sehr schwierige Pionierarbeit geleistet wird, die noch eines langen Weges der Erprobung bedarf. Rückschläge und Resignation sind nicht auszuschließen.
Wenn wir dieses Bemühen schon heute mit einer THEODOR-HEUSS-MEDAILLE auszeichnen und damit ermutigen und zur Nachahmung empfehlen wollen, dann ganz einfach deshalb, weil noch so viel theoretische Friedens- und Konfliktforschung nicht ausreichen werden, um auch nur einen einzigen konkreten Beitrag dazu zu leisten. Das aber geschieht in der Laubacher Gruppe.
Selbst wenn wir Deutschen bei der Friedenssicherung nur kleinste Hilfs- und Vermittlerdienste in der Welt leisten können, dann sollen wir das unbedingt tun, und zwar nicht nur durch offizielle politische und diplomatische Kanäle, sondern durch den freiwilligen Einsatz und die Beteiligung vor allem auch junger Bürger.
Eine ganz andere Variante, Weltverantwortung durch persönliche Initiative zu erfahren und zu praktizieren, lernen wir bei unserem zweiten Empfänger einer THEODOR-HEUSSMEDAILLE, dem Modellversuch "Gerechtigkeit - Friede" im Dekanat Lüdinghausen der Diözese Münster kennen. Eine zunächst rein katholische Initiative, die mittlerweile ökumenische und überkonfessionelle Dimensionen angenommen hat.
Ihre Mitglieder bezeichnen sich als eine "Bürgerinitiative für die Dritte Welt", eine Namensgebung, die aufs erste Hören verblüfft. Deshalb zunächst ein paar Informationen:
Das Lüdinghausener Modell entstand 1971 aus der Initiative des Theologen und Juristen Peter Steenpaß. Er ist bis heute ihr unermüdlicher Motor geblieben. Zusammen mit einigen wenigen Gleichgesinnten vertritt er die Überzeugung, daß die Verantwortung der Christen gegenüber den Entwicklungsländern anders und besser wahrgenommen werden müsse, als in alljährlich verordneten kirchlichen Sammelaktionen.
Zunächst hofften die Initiatoren, daß es innerhalb von drei Jahren möglich sein müßte, die Bevölkerung durch eine Art "Aufmöbelungsaktion" mit einem exemplarischen, entwicklungspolitischen Bewußtsein zu versehen. Mittlerweile hat man jedoch einsehen müssen, daß dieses Ziel weder durch spektakuläre Aktionen noch durch sporadische Informationen erreicht werden kann, sondern nur durch die Befähigung der Mitbürger, sich aktiv und regelmäßig mit Problemen der Entwicklungsländer auseinanderzusetzen und auf diese Weise "am Ball der Problematik" zu bleiben.
Während man zunächst nur im Bereich der katholischen Kirche tätig wurde, gelang es alsbald, die Arbeit auf ökumenischer Basis zu organisieren und schließlich über den kirchlichen Rahmen hinaus, das zuständige Bundesministerium, Schulen, Parteien, Gewerkschaften und andere gesellschaftliche Gruppen miteinzubeziehen. Außerdem wurde in Zusammenarbeit mit dem soziologischen Institut der Universität Münster eine wissenschaftliche Studie über die Einstellung der Bevölkerung zur Entwicklungsproblematik erstellt. Man wollte nicht nur eine vom guten Willen getragene Arbeit leisten, sondern auch wissenschaftliche Erkenntnisse nicht vernachlässigen.
Mit einer bunten Palette von Veranstaltungen in allen Orten des Dekanats wurde die gesamte Öffentlichkeit des Raumes Lüdinghausen erstmalig im Juli 1972 angesprochen. Diese Aktionen wurden in der Folgezeit vertieft durch Informationsstände auf Wochenmärkten, durch Bildung von Informationskreisen und regelmäßige Pressearbeit. Besonders erfolgreich verlief und verläuft die Arbeit in den Schulen. Ein Arbeitskreis von Lehrern sorgt für Anregungen, die Beteiligung der Eltern für die Umsetzung neuer Einsichten, bis in die Elternhäuser hinein.
Nach dieser ersten Phase beschloß man Ende 1972, sich nun auch an konkrete Maßnahmen heranzuwagen. In der Folgezeit wurden partnerschaftliche Kontakte mit dem Südteil des afrikanischen Landes Sambia aufgenommen (außerdem mit Mexiko seitens der Schulen), die sich zu zahlreichen Briefkontakten und gegenseitigen Besuchen ausgeweitet haben und schließlich mit der Einrichtung eines Koordinationsbüros in der Hauptstadt Lusaka einen vorläufigen Höhepunkt fanden. Möglichst viele Gruppen und Personen aus dem Kreis Lüdinghausen sollen mit entsprechenden Gruppen und Personen in Sambia in Gedanken- und Erfahrensaustausch eintreten.
Wichtiger aber als die äußeren Abläufe der Ereignisse ist. der Gewinn an individuellen Erkenntnissen und veränderten Einstellungen. So sagte der Bischof von Monze anläßlich seines Besuches in Lüdinghausen: "Wir hoffen auf fruchtbare Kontakte zwischen Afrikanern und Europäern zum gegenseitigen Nutzen... " Wir wünschen Mut, Phantasie und Sachverstand, damit dieser Kontakt einen langen Atem habe. Alle mögen zusammenhelfen, damit alle Menschen Zukunftschancen haben.
Ist das mehr als ein schöner, mehr als ein wirklich frommer Wunsch? Die Lündinghausener sagen entschlossen "Ja": Als Christen wollen sie sich mit den gegenwärtigen Zuständen auf unserer Welt nicht einfach abfinden. Sie wollen mit ihren afrikanischen Partnern an einer gemeinsamen Zukunft arbeiten. Das zum Beweis: Der Geldbetrag von DM 5000,-, der mit der THEODOR-HEUSS-MEDAILLE zuerkannt wurde, geht auf Heller und Pfennig nach Lusaka, wo ein Ausbildungszentrum für schulentlassene Jugendliche geschaffen wird, das den Namen Theodor Heuss tragen soll.

Bei allem Elan und aller Zuversicht sind die Mitglieder der Lüdinghausener Initiative behutsam und selbstkritisch geblieben, wenn es gilt, eine Bilanz aus ihrer bisherigen Tätigkeit zu ziehen. Sie stellen wohl zu Recht fest, daß es keinen rechten Maßstab für die Messung von Erfolgen in der entwicklungspolitischen Bildungsarbeit gäbe. Viel mehr als auf Augenblickserfolge und Sensationen kommt es ihnen auf die Qualität langfristiger Bewußtseinsbildung und Bewährung an. Bestimmt gehört das Erleben einer befruchtenden Wechselwirkung zwischen lokaler und weltweiter Ökumene zu den starken persönlichen Erfahrungen aller Beteiligten.
Dieser Erkenntnis ist unsererseits nichts hinzuzufügen. Es sei denn der Wunsch und die Hoffnung, daß auch der Modellversuch "Gerechtigkeit - Friede", an dem mittlerweile neben dem leitenden Team und dem 18köpfigen Trägerkreis mehrere hundert aktive Mitglieder teilnehmen, weitermacht und damit zur Nachahmung anspornt. Ihnen schulden wir Dank und Anerkennung. Die Suche nach mehr Gerechtigkeit und nach wirksamerer Friedenssicherung kann nirgends und niemals ganz vergebens sein. Sie ist mehr wert, als jede Auszeichnung auszudrücken vermag. Denn uns allen gilt die Mahnung des Römerbriefes, an die der afrikanische Bischof bei seinem Besuch in Lüdinghausen erinnerte: "Lebt nicht an den Aufgaben vorbei, die Eure Zeit Euch stellt, und freut Euch, daß Ihr über sie hinaus eine Hoffnung habt."

3. So schließt sich - für diesmal - der Kreis unserer Preisträger zwischen Regensburg, Laubach und Lüdinghausen. Allen drei Gruppen ist das Bemühen gemeinsam, sich den Aufgaben unserer Zeit zu stellen und die Hoffnung zu haben, ein Scherflein zu ihrer Lösung beizutragen.
Vergangenheit - Gegenwart - und Zukunft sind in diese Verantwortung miteinzubeziehen - nicht nur, damit die "Vergangenheit eine Zukunft" hat - das mag eine gute Losung für den Denkmalschutz sein - , sondern damit die "Zukunft eine Zukunft" hat, das ist das "ceterum censeo", auf das es angesichts unserer bedrohlichen Zeitläufe ankommt.
Regensburg - Laubach - Lüdinghausen, das scheinen uns drei preiswürdige Bausteine zu sein, die wir unserem demokratischen Hausbau, in dem die Zukunft eine Zukunft hat, hinzufügen wollen.
Allen drei Gruppen und jedem einzelnen ihrer Mitglieder und Förderer gilt unser Dank und unsere Anerkennung. Und mehr noch: Wir wollen Mittel und Wege finden, nicht nur unsere Preisträger, sondern auch andere Gruppen mit ähnlichen Zielen zum Weitermachen zu ermutigen. Die Wege wissen wir schon - die "Mittel" haben wir noch nicht.
Wenn Sie, verehrte Freunde unserer Arbeit, zu diesen notwendigen "Mitteln" etwas beisteuern wollen und können wir finanzieren unsere Arbeit nach wie vor ausschließlich aus privaten Spenden - , dann beachten Sie bitte den Hinweis auf der letzten Seite Ihrer Einladung oder die diskreten Körbchen, die am Ausgang bereitstehen. Auf jeden Fall hoffe ich, Ihnen bei der 12. Verleihung berichten zu können, was wir damit Nützliches angefangen haben.
Wir sind keine Illusionisten. Wir wissen, daß Parteien- und Machtkämpfe zum Wesen - gelegentlich auch zum Unwesen der Demokratie gehören. Aber es wird doch immer deutlicher, daß sie davon allein nicht leben kann. Daß das Spektrum parteipolitischer Möglichkeiten und die in der Verfassung vorgeschriebenen Institutionen nicht ausreichen, um für alle Bürger verbindliche Gemeinsamkeiten entstehen zu lassen. Deshalb ist es das A und 0 unserer Arbeit, mit der Förderung und Ermutigung von Beispielen demokratischer Initiative, der Zivilcourage und des Einsatzes für das Allgemeinwohl, die Fundamente demokratischer Gemeinsamkeit. zu stärken, die nur durch eigenes Erleben und eigene Erfahrung entstehen und sich festigen können. Nur auf diese Weise wird es unseres Erachtens gelingen, unserer Demokratie eine zweite (vielleicht ist es sogar die erste!?) erlebbare und jedem zugängliche Dimension zu geben.

Solange wir Demokratie nur als die Addition ihres Parteienspektrums verstehen und das Gemeinsame auf Lippenbekenntnisse bei festlichen Anlässen beschränken, werden wir nicht weiterkommen.
Wenn wir aber die vielen Möglichkeiten des Gemeinsamen, Verbindenden und Verbindlichen - all das, was demokratische Ordnung von unten und innen stabilisiert und damit belastbar und entwicklungsfähig macht, in das alltägliche Geschehen und in den Erfahrungsbereich der Bürger hineintragen, dann könnte diese notwendige zweite Dimension entstehen.
Leider ist sie bei uns, aber nicht nur bei uns, nach wie vor unter- oder doch nicht ausreichend entwickelt. So manche guten Ansätze verlaufen in Resignation oder enden im Mißerfolg. Die Gefahr ist groß, daß die sich selbst prophezeihende "Tendenzwende" tatsächlich eintritt, und zwar in Form einer Kehrtwende von 180 Grad - und alle Ansätze wieder zunichte macht.
Auch das müssen wir in unsere Überlegungen und Bemühungen miteinbeziehen und wenn nötig, zu verhindern suchen. Bitte helfen Sie uns dabei. Ohne Hilfe und Unterstützung wird auch diese Stiftung nicht auskommen. Niemand anderer als Theodor Heuss hat die Bedeutung dieser zweiten Dimension klarer erkannt und besser formuliert: Die freie Bürgergesinnung ist und bleibt die aktive Legitimierung des freien Staates. Auf sie können wir nicht verzichten.

Dankesworte
Forum Regensburg, Helmut Wilhelm

"Das kann doch nicht wahr sein!" Dieser Gedanke prägte uns wohl alle, als uns die Nachricht der Preisverleihung erreichte.
Das "Forum Regensburg" bedankt sich herzlich für die hohe Auszeichnung, die die THEODOR-HEUSS-PREIS-STIFTUNG unserer Arbeit heute zuteil werden ließ.
Wir möchten diese Auszeichnung nicht allein auf unser Bemühen beziehen, sondern sie stellvertretend für alle Gruppen und Personen entgegennehmen, die zum Teil schon seit vielen Jahren in Regensburg dieselben Ziele verfolgen; ich denke insbesondere an die Vereinigung Freunde der Altstadt. Diese Auszeichnung freut uns besonders, weil sie die Grundidee des "Forums Regensburg" anspricht: Das Erlebnis eines durch einseitig verkehrsorientierte Planungen bedrohten Wunders hat uns zum Eingreifen veranlaßt das mittelalterliche Stadtbauwunder der Regensburger Altstadt, umrahmt von einer bezaubernden Landschaft, vom Weltkrieg verschont und von der Nachkriegszeit noch wenig verunstaltet. Dies zu retten, haben wir unser Forum gegründet, um auf dem Boden unserer Verfassung die optimalen Entwicklungsmöglichkeiten unabhängig von politischen Tagesfragen, behördlichen Kompetenzschwierigkeiten und verfestigten Tabus aufzuzeigen. Das war uns nur möglich, indem wir uns Informationen über die im Regensburger Raum anstehenden Planungen besorgten und sie zusammen mit den dahinterstehenden Interessen in die Öffentlichkeit trugen. Wir zeigten auf, welche Sachzwänge sich daraus für den Bürger ergeben und versuchten, Alternativen zu erarbeiten.
Dieses "Durchschaubarmachen" von öffentlichen Anliegen erscheint uns als die wesentlichste Voraussetzung für eine lebendige Demokratie.
Für ihrer Natur nach aggressive Bürgerinitiativen besteht die Gefahr einer starren Erfolgssuche. Auch bei uns gab es einen entscheidenden Moment, zu dem gefragt wurde, ob bei, dem nächsten fa1ligen Etappensieg der Gegenseite illegale Mittel nicht legitim wären. Uns ist heute klarer denn je, daß in deren eindeutiger Ablehnung erst echte Erfolge möglich waren und sind. So haben sich nicht geschlossene Fronten bei Verwaltung und Gruppen gegen uns gebildet, sondern es konnte ein freiwilliges Umdenken bei Stadtführung und Bürger einsetzen. Eben dies erscheint uns heute trotz aller aktuellen Notstände als die eigentliche Belohnung für allerlei Mühen. Apropos Mühen: Dies gedankliche und praktische Engagement scheint uns selbstverständlich und notwendig zu sein. Wir Bürger sollten unsere Parlamente und Verwaltungen nicht ebenso im Stich lassen wie sie die Neigung haben, hoheitsvoll über uns hinwegzuregieren. Offene Planung, Transparenz der Entscheidungsbildung, zu der wir unsere Stadtführung so mühsam drängen müssen, verlangt auch den interessierten Mitbürger. Wählen und Steuern zahlen sind keine Ablaßzettel für Bürgerschlaf.
Wir betrachten den THEODOR-HEUSS-PREIS als Ansporn und Hilfestellung... Hilfestellung auch für andere Städte mit ähnlichen Problemen, denn das Wort des Kultusministers Maier "Eltville ist überall" könnt auch heißen "Regensburg ist überall".

Arbeitsgemeinschaft für Friedensdienste Laubach, Dr. Rüdiger Mack

Im Namen der Arbeitsgemeinschaft für Friedensdienste Laubach danke ich der Stiftung THEODOR-HEUSS-PREIS für die ehrende Auszeichnung.
Nach unserer Überzeugung gilt die Anerkennung weniger der fragwürdigen Erscheinungsform unserer Gruppe, vielmehr meinen wir, daß unsere Grundgedanken es wert sind, gewürdigt und aufgenommen zu werden.
Vor dreißig Jahren, am 27.1.1945, besetzten die Russen Auschwitz und befreiten die dort überlebenden Häftlinge.
Vor Zehn Jahren fand in Frankfurt der große Auschwitz-Prozeß statt. Auch wir konnten damals einer Verhandlung beiwohnen. Unter dem Eindruck dieses Verfahrens schrieb Theodor Adorno seinen Aufsatz: Erziehung nach Auschwitz. Er beginnt: Die Forderung, daß Auschwitz nicht noch einmal sei, ist die allererste an die Erziehung.
Mit diesem Wort haben Sie unseren Ausgangsgedanken, daran wir uns zu orientieren suchen; alles andere ist abgeleitet oder dient zur positiven Füllung dieser verpflichtenden Aussage. Auschwitz ist ganz konkret Mitte unserer Initiative: Seit 1969 haben jährlich Gruppen unserer Arbeitsgemeinschaft dort gearbeitet, zusammen mit der uns befreundeten "Aktion Sühnezeichen". Wir sind nicht auf Auschwitz fixiert; aber wenn wir einmal nicht mehr dort arbeiten sollten, werden wir auf Auschwitz hinblicken, weil es das Gegenbild dessen ist, was wir in uns und um uns erreichen wollen. So dient es uns als ein Mittel, die Gegenwart zu entschlüsseln und die Zukunft zu bewältigen.
Es ist hier nicht der Ort, von unserer theoretischen Arbeit, den Planungen und Aktionen zu erzählen. Vieles, was wir in Angriff nahmen, kam über ein Anfangsstadium nicht hinaus. Wir trösten uns mit dem Wort des Urvaters der Freiwilligendienste, Eugen Rosenstock-Huessey: Wer gründet, muß immer neu gründen! Dazu sind wir bereit!
An zwei Aufgaben haben wir zäh festgehalten: Wir arbeiten mit an Entwicklungsmodellen in Sizilien, vielleicht bald auch in Afrika; wir versuchen ferner die Laubacher Gastarbeiter zu vertreten und ihre Kinder zu betreuen.
Mir scheint: Das Wichtigste ist die Friedenserziehung in der Gruppe. Hier haben wir Entdeckungen gemacht, die uns neu waren: Wir Älteren merkten, daß auch wir Objekte der Friedenserziehung sind. Die schwerste Arbeit ist die Selbsterziehung zur Friedensfähigkeit. Wir merkten, daß wir offene Ohren bei unseren jungen Partnern fanden, wenn wir sie auf ihre politische Phantasie, auf ihren Abenteuerdrang und Veränderungswillen ansprachen und ihnen konkrete Ziele vorschlugen.
Wir spürten, daß unsere Zielsetzung es voraussetzte, um in den verschiedensten Gruppierungen und in unterschiedlichsten Situationen zu erleben und auszuhalten. Jugendliche wollen auch auf politisch-sozialer Ebene Erfahrungen sammeln und experimentieren. Dabei wollen sie sich erproben und politische Existenzmöglichkeiten durchspielen. In diesen faszinierenden Wachstumsprozeß sind wir Älteren mit einbezogen. Wir haben uns von dem Optimismus der Jungen anstecken lassen und hoffen, daß dieses Miteinanderumgehen uns alle zu größerer Friedensfähigkeit fuhrt. Gemeinsam wollen wir dabei mitwirken, alte Denkvorstellungen in Frage zu stellen, überholte Gesellschaftsstrukturen zu verändern und politische Spannungszustände zu entschärfen. Normalmenschen haben unter Normalverhältnissen ein kleines Modell erstellt. Das berechtigt uns, unsere Erfahrungen zu verallgemeinern:
Friedensfähigkeit will in gemeinsamer Arbeit auf dem politischen und sozialen Feld und im unmittelbaren Umgang in den verschiedenen Gruppenformen erworben werden. Dieser Entwicklungsprozeß ist ein bewegendes, belebendes, ernstes Spiel.
Wir wollen den Älteren Mut machen, sich auf dieses ernste Spiel einzulassen! Sie können versichert sein, daß viele, erstaunlich viele Jugendliche die konstruktive Herausforderung des Friedensdienstes aufnehmen. Diese sinnfällige Aufgabe schult unser Auge für politische Zusammenhänge und führt uns dazu, unsere politische Verantwortung bewußter und entschiedener wahrzunehmen.

Modellversuch "Gerechtigkeit - Friede" (Lüdinghausen bei Münster/Westfalen), Peter Steenpaß

Die ehrenvolle Auszeichnung, die soeben dem Modellversuch "Gerechtigkeit - Friede" aus dem Raum Lüdinghausen bei Münster verliehen wurde, trifft auf ein merkwürdiges Empfinden bei den Mitarbeitern dieser Aktion:
Wir erleben eine Diskrepanz zwischen der hier erfahrenen Anerkennung und der sonst üblichen Ablehnung oder Gleichgültigkeit gegenüber unseren Bemühungen um Bewußtseinsbildung für Entwicklungsfragen. So sind uns Desinteresse und Opponieren vertrautere Resonanzen auf unsere Arbeit als Ihre geschätzte Aufmerksamkeit. Ja, die Diskussion mit dickköpfigen Westfalen in verrauchten Dorfkneipen gewohnter als die hier übliche festliche Rede.
Allzuoft mußten und müssen wir erfahren, daß, wer sich für Unterprivilegierte in der Welt einsetzt, wenigstens partiell ebenfalls jene Ablehnung erfährt, aus der heraus sich Unterprivilegierung erklären läßt.
In unserer gegenwärtigen Situation steht die theoretischrationale Einsicht, daß Entwicklungsfragen Schicksalsfragen der Menschheit geworden sind in einem fundamentalen Gegensatz zum praktischen Handeln und Verhalten des Normalbürgers: Entwicklungshilfe ist ein Reizwort für viele angesichts der eigenen wirtschaftlichen Verhältnisse.
Wir haben nun nicht den Stein des Weisen gefunden (auch in Lüdinghausen wird mit Wasser gekocht), auch haben wir kein Patentrezept, um diesem Mißstand im öffentlichen Bewußtsein abzuhelfen; wir meinen aber, einen gangbaren Weg ausfindig gemacht zu haben, der zwar nicht kurzfristig, aber doch sehr nachhaltig ein befreiender Ausweg sein kann aus der Befangenheit der Resignation oder aus dem Gefängnis des Vorurteils.
Angefangen hat die Aktion 1971 eigentlich recht banal: Wir sind zu dieser Arbeit gekommen, weil uns erstens Bilder von verhungernden Kindern irgendwo in Indien unter die Haut gingen und zweitens - das scheint mir nun die entscheidende Weichenstellung gewesen zu sein - weil wir uns nicht abfinden wollten mit der uns allen anerzogenen Haltung des Almosengebens, mit dem "Alle-Jahre-wieder" - Rhythmus verordneter Sammelaktionen. Die Erkenntnis, daß Geldsammeln für Entwicklungshilfe zwar notwendig sein kann, aber nur allzuoft eine Entschuldigung für die weitere Auseinandersetzung ist, änderte unser Verhalten. Wir korrigierten die Prioritäten! Überspitzt könnte man sagen: Es ging uns nicht mehr in erster Linie um Bildungsprogramme für unterentwickelte Gebiete in Afrika, sondern um das Stück "Afrika" in uns, das Stück Unterentwicklung, das in jedem von uns steckt:
Es ging und geht uns um Entwicklungsmaßnahmen für das eigene unterentwickelte Bewußtsein und Verhalten. Ein Privatmann, der Apotheker Hagedorn aus Lüdinghausen, hat mit mir zusammen Ideen zur Verfügung gestellt und etwas, worüber ich nicht verfüge: nämlich Geld.
Und das geschah, weil unsere Kirchenleitung den Stellenwert dieser Arbeit nicht einsah, manchmal möchte man sagen einsieht!
Nun bedeutet unser Bemühen um Bewußtseinsbildung keineswegs, daß wir vom Modellversuch "Gerechtigkeit - Friede" wüßten, wie geändertes "richtiges" Bewußtsein auszusehen hätte. Dieses Problem stellt sich uns auch gar nicht, weil wir nicht umerziehen oder manipulieren wollen, sondern jeden einzelnen zu befähigen versuchen, daß er durch Eigenentwicklung eine adäquate Antwort auf Zukunftsfragen finden kann und das heißt auch: Wer Entwicklung bei anderen will, darf Weiterentwicklung bei sich selbst nicht ausschließen. Dies war Praxis in Lüdinghausen von Anfang an: Wir bildeten in allen Gemeinden unseres Gebietes mit 60.000 Einwohnern kleine Aktionsteams, wobei wir uns mühten, diese Interessenten jeweils bewußtseinsmäßig dort abzuholen, wo sie standen. Niemand war zu dumm oder zu gebildet, zu rechts oder zu links, als daß er nicht mitarbeiten konnte. Erfahrungswert dabei ist: Heute kann sich in Lüdinghausen niemand von eigenem Engagement distanzieren mit der Ausrede, daß sich auch andere daran beteiligen.
Die Aktion wird getragen von Christen beider Konfessionen, die erfahren haben, daß die befreiende Kraft des Evangeliums in unserer freien Gesellschaft einen unverzichtbaren Stellenwert hat für die Entwicklung des Menschen in all seinen Dimensionen. Der kirchliche Anstrich der Arbeit hat Andersdenkende nicht abgeschreckt, sondern eingeladen, am Problemfeld Entwicklungsarbeit, das sich für alle stellt, mitzuarbeiten.
Es gibt eigenständige Arbeitskreise von CDU und SPD in Lüdinghausen auf Ortsebene, konzipiert nicht als große Koalition, sondern mit dem Auftrag, bei Menschen des jeweiligen weltanschaulichen Vorverständnisses aufklärend zu wirken. Prinzip der Arbeit war und ist, in bestehende Organisationen hineinzuwirken, um den Mitgliedern eine Auseinandersetzung mit Entwicklungsfragen zu ermöglichen. Das geschieht bei Jugendgruppen, beim katholischen Frauenbund genauso wie bei den Jusos.
Besondere Erwähnung verdient hierbei die Arbeit an den Schulen: In gelegentlicher Umkehrung des Lehrer-Schüler-Verhältnisses waren Schüler mindestens auch eine treibende Kraft, daß Lehrer sich zu einer freiwilligen Fortbildung, die regelmäßig monatlich stattfindet, zusammenfanden. Über Zeitungen, mit dem Megaphon am Marktplatz, von den Kanzeln der Kirchen über die Volkshochschule versuchen wir permanent, die Auseinandersetzung mit Entwicklungsfragen wachzuhalten. Wir wollen, daß der einzelne fähig wird, am Ball zu bleiben, damit der vielzitierte kleine Mann ein Stück Zukunft mitgestalten kann.
Zu diesem Zweck haben wir mit einem überschaubaren Gebiet Afrikas, in Sambia, einen Partner gefunden, mit dem wir regelmäßigen Austausch an Ideen und Meinungen pflegen. Dadurch wird Afrika in Lüdinghausen präsent. Die gemeinsame Entwicklungsproblematik wird erlebbar, wenn der Schüler Mayer mit dem afrikanischen Schüler Tongana regelmäßigen Briefkontakt pflegt. Partnerschaft mit Menschen in Entwicklungsländern ist eine Zielvorstellung unserer Arbeit.
Ein Stück Gerechtigkeit bahnt sich an, wo Schüler durch Begegnungen mit Afrikanern lernen, zu relativieren und sensibel werden für den ganz anderen Menschen. Ein Stück Friede wird erlebt, wo Antirassismus nicht gepredigt, sondern gelebt wird, wenn Schranken zwischen Menschen fallen, weil man den anderen als Bereicherung und nicht als Gefahr erlebt. Lernen durch die Praxis soll uns zur Partnerschaft führen. Partnerschaft läßt aufeinander zugehen, gleichgültig wann, wo und wie der andere begegnet. Unvereinbar damit ist, den anderen geschmäcklerisch auszuwählen, versuchen weiterzugehen, ohne daß der andere in gemeinsame Zukunft mitgehen kann. Der partnerschaftliche Mensch weiß sich gekoppelt an das Schicksal des anderen, aber er erfährt diese Bindung als eine Chance für gemeinsame Arbeit an der Vermenschlichung der Zukunft. Partnerschaft beläßt jedem die Identität, bewirkt aber die Integration eines jeden in eine für alle lebenswerte Zukunft.
In einer Zeit, wo die Regierung fragwürdige Korrekturen am entwicklungspolitischen Konzept vornimmt, in einer Zeit, wo wohlsituierte Kirchen die Entwicklungsländer weiterhin mit Trinkgelder abspeisen, in einer Zeit, wo vielen der eigene Arbeitsplatz verständlicherweise wichtiger ist als das Millionenheer der Arbeitslosen in der Dritten Welt, ist es besonders bemerkenswert, daß die THEODOR-HEUSS-PREIS-STIFTUNG eine Gruppe mit der geschilderten Konzeption auszeichnet.
Unser Dank an die THEODOR-HEUSS-STIFTUNG soll dadurch zum Ausdruck kommen, daß wir weitermachen - auch im Sinne der geistesgeschichtlichen Tradition von Theodor Heuss: nämlich, den Menschen zu befreien für seine eigene Entwicklung.

Schlußwort
Prof. Hellmut Becker

Frau Hamm-Brücher ist nicht nur der Motor des THEODOR-HEUSS-PREISES, sondern sie ist auch sein praktischer Verstand. Deswegen soll am Schluß dieser Preisverleihung - das haben wir seit dem ersten Mal so gehalten - nicht die wohlformulierte, vorbereitete Rede, sondern die spontane Zusammenfassung und Antwort auf das, was wir gehört haben, stehen, und ich will Sie auf diese Weise nicht zu lange von dem berechtigten Wunsch nach Heimkehr und Mittagessen abhalten. Dabei ist der Schlußredner in der schwierigen Lage, daß der Mann, der wohl am unübertrefflichsten, wohl fast besser in der spontanen Reaktion als in der vorbereiteten Rede formulieren konnte, eben gerade Theodor Heuss gewesen ist.
Herr Dahrendorf hat uns heute gezeigt, daß die Teilhabe des einzelnen am politischen Handeln und die Entscheidung über die Weltprobleme in einem Zusammenhang miteinander stehen, daß es aber unendlich schwierig ist, diese gegenseitige Abhängigkeit im Alltag zu verwirklichen. Er selbst hat in seiner bisherigen Lebensarbeit versucht, im Rollenwechsel zwischen Wissenschaft und Politik, aber auch in jedem dieser Bereiche, diese Kombination durchzuführen. Das gilt für seine Arbeit in der soziologischen Wissenschaft, das gilt selbst für die Gründung der Universität Konstanz, das gilt für seine Tätigkeit im Auswärtigen Amt, in einer politischen Partei und nicht zuletzt für seine jetzige Tätigkeit als Director der London School of Economics. Diese Verbindung ist um so schwieriger, wenn man einem Lande entstammt, das dazu neigt, die Weltprobleme am Stammtisch zu verinnerlichen und jede Einzelheit des praktischen eigenen Tuns dann unterwürfig "von denen da oben" abhängig zu machen. Dies ist auch schwieriger in einem Land, in dem unsere beiden großen Ideale Freiheit und Gerechtigkeit, die Grundforderungen unserer Verfassung, in der Realität unserer komplexen Welt in einen notwendigen, ich möchte nicht sagen Widerspruch, aber doch Spannung geraten. Notwendige Spannung, weil die Gerechtigkeit jeden Tag in eine Unterdrückung der Freiheit pervertieren kann, nicht nur im Mönchsorden und in der Kaserne, sondern auch im Alltag und, wenn man so sagen darf, aus bestem Willen. Zugleich ist die Freiheit jeden Tag in Gefahr, als eine Formel zur Aufrechterhaltung überkommener ungerechter Zustände zu dienen.
Meine Damen und Herren, diese beiden Gefahren, die in der Spannung Freiheit und Gerechtigkeit liegen und über die an dieser Stelle zwei frühere Preisträger, nämlich Ludwig Raiser und Georg Picht, Wichtiges gesprochen haben, diese Spannung findet nun heute in einem Zeitpunkt statt, in dem dieses Land von zwei verblüffenden Irrtümern beherrscht ist. Der erste Irrtum ist der, daß Reformen - ich wage dieses abgebrauchte Wort, Herr Hasemann, noch einmal aufzunehmen - daß Reformen für Zeiten des Überflusses da sind, während ich persönlich der Ansicht sein würde, daß Reformen vor allem im Zeitalter verminderter Ressourcen notwendig sind. Der andere Grundirrtum ist etwas komplizierter. Er hängt mit der merkwürdigen Vorstellung zusammen, daß sich die Veränderungen von Menschen, von Gesellschaft und von Institutionen im Rhythmus - im uns allen wohl vertrauten Rhythmus des Western vollziehen müssen, in dem am Ende entweder der Held siegreich seine Gegner samt und sonders besiegt hat oder tot und edel über die Bühne getragen wird.
Was bedeuten diese beiden Irrtümer? Alles, was man mit dem etwas generellen Schlagwort von Reform bezeichnen kann und was man vielleicht besser mit dem Ausdruck notwendige Veränderungen und notwendige Antworten auf ungelöste Probleme bezeichnen würde. Dieses alles setzt vor allem Änderungen des Verhaltens und des Bewußtseins voraus. Ich möchte ganz offen sagen, daß diese Verhaltens- und Bewußtseinsänderungen größere Schwierigkeiten hervorrufen als sich die Reformer selbst, als auch die Gegner der Reform vorgestellt haben. Diese Bewußtseinsveränderung wird nun mit einem Phänomen konfrontiert, das Ralf Dahrendorf in Abweichung von der Horkheimer-Adorno'schen bekannten Formel mit dem Wort "Entfremdung der Aufklärung" bezeichnet hat. Damit ist die Aufklärung, die dem Aufklärer entgegenschlägt, die Aufklärung, die zugleich hilft und zerstört, möglicherweise auch den Aufklärer; ein Vorgang, der wahrscheinlich allen Preisträgern aus ihrer täglichen Arbeit wohl bekannt ist.
Die drei Preise des heutigen Tages sind unterschiedlichen Lebensbereichen gewidmet. Die Verbindung von Weltbewußtsein mit initiativem Handeln von einzelnen ist ihnen allen gemeinsam. Die Preisträger waren bereit, das Stück ständige Weiterbildung zu leisten, was nötig ist, wenn Aufklärung nicht in entfremdete Aufklärung umschlägt. Und in diesem Sinne haben wir, glaube ich, allen drei Gruppen - Regensburg, Laubach und Lüdinghausen - heute herzlich zu danken.

1975