Theodor Heuss Stiftung

Alois Schardt und die Redaktionsgemeinschaft der ehemaligen Wochenzeitschrift Publik

(Kirche und Demokratie)

Der THEODOR-HEUSS-PREIS für 1972 wurde Herrn Alois Schardt und der Redaktionsgemeinschaft der ehemaligen Zeitschrift ,Publik' verliehen für ihr erfolgreiches Bemühen, in einer Zeit, die in politischen und weltanschaulichen Auseinandersetzungen zusehends einer intoleranten Konfrontation und doktrinären Polarisierung zutreibt, den offenen Dialog innerhalb der katholischen Kirche und mit ihrer politischen und sozialen Umwelt zu führen. Die von den Preisträgern im Auftrag der Deutschen Bischofskonferenz gegründete und in diesem Geiste geführte Zeitschrift ,Publik' ist in den drei Jahren ihres Erscheinens zu einem beachteten Forum vielfältiger rationaler und vor allem der Toleranz, Offenheit und Mitmenschlichkeit verpflichteten Diskussionen geworden. Die Zuerkennung des THEODOR-HEUSS-PREISES gilt diesem mutigen, in unserer Zeit ebenso unbequemen wie unerläßlichen persönlichen und kollektiven Engagement. Sie gilt im Sinne der Stiftungssatzung, aber auch der Ermutigung für die allen Demokraten gestellte Aufgabe: Konfrontationen abzubauen, offene Diskussionen zu ermöglichen und ideologische Verkrustungen aufzubrechen, um auf diese Weise dem Argument und dem Gegenargument - also der sachlich begründbaren Spannung seine schöpferische und humane Kraft wiederzugeben und zu erhalten.

Verein zur Förderung von Gemeinwesenarbeit, München

Dem Verein zur Förderung der Gemeinwesenarbeit In München e. V. wurde Im Jahre 1972 eine THEODOR-HEUSS-MEDAILLE verliehen für seine Initiative, die in einem neuen großstädtischen Wohngebiet auftretenden sozialen und gesellschaftlichen Probleme in der Weise aufzugreifen, daß die Bewohner selber für ihre Lösung zu kooperativer Eigeninitiative, Selbsthilfe und Mitarbeit ermutigt und befähigt werden. Der Verein entstand aus einer gemeinsamen Initiative zahlreicher Organisationen der Sozial- und Jugendarbeit, der Erwachsenenbildung und Umweltgestaltung. Das gesellschaftspolitisch bedeutsame Engagement seiner Mitarbeiter bezieht sich vor allem auf Beratung und Unterstützung der Bewohner neuer großstädtischer Wohngebiete, zum Beispiel bei der Organisation und Durchführung der Kinder- und Jugendbetreuung, der Nachbarschaftshilfe, der Eltern- und Erwachsenenbildung und anderer Selbsthilfeaktionen.
Dieses, im Sinne demokratischer Selbst- und Mitverantwortung beispielhafte Engagement, das noch am Anfang steht, bedarf der öffentlichen Ermutigung und verdient - im Sinne der Satzung der Stiftung THEODOR-HEUSS-PREIS - nachhaltige Unterstützung und Förderung.

Verband für Praktizierte Humanität, Hamburg

Dem Verband „für Praktizierte Humanität e. V.“ in Hamburg wurde Im Jahre 1972 eine THEODOR-HEUSS-MEDAILLE verliehen für sein 1958 begonnenes sozialpädagogisches Experiment mit - und unter jungen Menschen, gegenseitige Hilfe und Verständigung zu aktivieren und zu praktizieren. Dem Gründer und Leiter des Verbandes, Herrn Hans Hermann Hoffmann, und seinen Mitarbeitern ist es zu verdanken, daß im Laufe von vierzehn Jahren aus einem ,Experiment' ein jugend- und gesellschaftspolitisch bedeutsames Beispiel demokratischer Initiative und Verantwortung wurde. Regelmäßige Betreuung alleinstehender älterer, behinderter oder kranker Menschen, Kontakte zu jungen Gastarbeitern, farbigen Studenten oder straffällig gewordenen Jugendlichen, Diskussionen, Vorträge und gesellige, politische oder künstlerische Gruppenarbeit gehören zu den Aktivitäten dieses von Idealismus getragenen, aber realistisch zupackenden demokratischen Engagements. Hierfür verdient der Verband für Praktizierte Humanität im Sinne der Satzung der Stiftung THEODOR-HEUSS-PREIS Ermutigung, Anerkennung und Förderung.

PROP-Alternative, München (Drogen-Selbsthilfegruppe)

Der PROP-Alternative e. V. wurde Im Jahre 1972 eine THEODOR-HEUSS-MEDAILLE verliehen für ihre Initiative, drogenabhängigen Jugendlichen durch Beratung, Betreuung und therapeutische Maßnahmen zur Heilung und Rückkehr in die Gesellschaft zu verhelfen. Die PROP-Alternative wurde 1970 in München von jungen Menschen gegründet, die selbst drogenabhängig gewesen waren und anderen helfen wollten, die Drogenabhängigkeit zu überwinden. Diese risikoreiche, immer von neuem von Rückschlägen und vom Scheitern bedrohte Initiative, die heute noch ausschließlich von privaten Helfern selbstlos geleistet wird, bedarf - stellvertretend für andere Bemühungen dieser Art - der öffentlichen Ermutigung und Förderung. Alle Mitglieder und Helfer verdienen im Sinne der Satzung der Stiftung THEODOR-HEUSS-PREIS dankbare Anerkennung für ihre humane, verantwortungsbewußte und tapfere Mitarbeit.

Demokratie verantworten

Begrüßung
Staatssekretär Conrad Ahlers
Ich bedanke mich dafür, daß Sie mich eingeladen haben, und ich bedanke mich vor allen Dingen für die sehr herzliche Begrüßung, die ich hier gefunden habe. Und natürlich auch dafür, daß Sie mir nun auch noch Gelegenheit geben, in dieser Feierstunde einige Worte zu sagen... Geistesgeschichtlich ist dies sicher ein bedeutsamer Augenblick: Wenn der wichtigste liberale Preis unserer Bundesrepublik an die Redaktionsgemeinschaft einer leider nicht mehr existierenden Wochenzeitung verliehen wird, dann wird damit mindestens zweierlei dokumentiert: Erstens eine Verbindung, wenn nicht Versöhnung der fortschrittlichen Kräfte in verschiedenen Lagern, die lange Zeit auseinanderstrebten, weil die Kirche prädominant konservativ war und weil der Liberalismus eben deshalb weithin antikirchlich, wenn nicht antireligiös operierte, und zweitens eine - und das ist noch wichtiger - wohl eine innere Kooperation und auch äußere Kooperation von Menschen, die, in welchen Lagern sie auch sonst stehen mögen, die moderne Welt und unsere moderne Gesellschaft im Auge haben. Es sind die, welche die Zukunft auf ihren Schultern tragen. Sie sind aber auch dazu verurteilt, nicht nur von Zeit zu Zeit, sondern ständig gescholten zu werden, von Zeit zu Zeit zu stolpern oder gar zu scheitern. Zu diesen Menschen gehört Herr Schardt und gehören seine Kollegen; zu ihnen rechne auch ich mich, obwohl manche aus diesem Kreis mich sicher nicht unbedingt als einen Mitstreiter akzeptieren. Diese Tatsache, über deren Richtigkeit ich keine weiteren Worte mehr verlieren möchte, weil es zu lange dauern würde, sie zu widerlegen, kann mich aber nicht daran hindern, den Respekt des Bundeskanzlers, der Bundesregierung und meinen eigenen Respekt zum Ausdruck zu bringen für die großartige journalistische Leistung, die sich in PUBLIK verkörpert hat. Alle modernen Menschen in Deutschland bedauern es, daß es PUBLIK nicht mehr gibt. Alle wissen, daß es nicht an der Schaffenskraft der Redaktion gelegen hat, wenn es PUBLIK nicht mehr gibt. Es gab für dieses Jahr ganz gewiß keine Würdigeren, denen der THEODOR-HEUSS-PREIS hätte verliehen werden können.
Und es ist ein Beweis für die ungebrochene liberale Haltung in unserem Land, daß der THEODOR-HEUSS-PREIS so verliehen wurde. Ich bin ganz sicher, daß derjenige, nach dem der Preis benannt worden ist, seine volle Zustimmung zu dieser Wahl gegeben haben würde, wie es - und das möchte ich hier auch unterstreichen - sein Nachfolger tut, unser Bundespräsident Gustav Heinemann. Aus meiner amtlichen Eigenschaft heraus möchte ich nur noch hinzufügen, daß PUBLIK in erstaunlich kurzer Zeit den höchsten journalistischen Standort erreicht hatte, der in unserer im großen und ganzen ja sehr qualifizierten deutschen Presse erreichbar war. Ich glaube, daß ich beurteilen kann, wieviel Arbeit erforderlich war, um die zu erreichen, und um so größer ist meine Hochachtung und mein Dank für diese noble Verleihung. Mein journalistischer Lehrmeister, dessen ich mich in keiner Weise in diesem liberalen Kreis schäme, Hans Scherer, hat einen seiner bedeutendsten Leitartikel einmal mit der Überschrift versehen "Jedes Leben scheitert". Dies war ein memento mori, welches man, je älter man wird, desto weniger vergißt. Dennoch bleibt richtig, daß die Spuren wichtigen Wirkens niemals ganz vergehen können, und in diesem Sinne hat, so meine ich, auch die allzu kurze Lebenszeit von PUBLIK ihre Spuren in der Geschichte der deutschen Presse hinterlassen...
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Zum Gedenken an Prof. Waldemar Besson
Prof. Gerhard Hess
Worte des Gedächtnisses an Waldemar Besson, von dessen Tod uns schon mehr als ein halbes Jahr trennt, bringen uns in ein unerwartetes Verhältnis zu dem, den wir verloren haben. Uns, die wir nicht wie die Angehörigen, wie Sie, liebe Frau Besson, täglich neu die Leere schmerzlich spüren, entfernt das Leben mit seinen Pflichten, mit seiner Alltäglichkeit unmerklich von dem Toten, dessen Sterben uns damals so fassungslos machte. Es ist, als wären wir einen Schritt zurückgetreten, als sähen wir sein Bild schärfer als in den Tagen der Bestürzung. Aber noch ist er uns wiederum - nach acht Monaten - so lebensvoll nahe, daß plötzliches Erinnern uns ungestüm befallen kann, Erinnern an den wachen, ernst oder mutwillig herausfordernden Blick, an das herzhafte Lachen, an die rasche, sich steigernde, ausgreifende, immer neu anpackende Rede, an den wuchtig-leichten Gang. So sind wir der Leistung, der Wirkung gegenüber distanzierter und doch bis zum erschreckten Innewerden sensibel gegenüber der Person. Da wir alle so empfinden, fällt es mir schwer, nicht dem eigenen persönlichen Erinnern ganz nachzugeben und das Bild Waldemar Bessons in dieser Sicht zu beschwören: als des Mitglieds des Konstanzer Gründungsausschusses, der - mit dem ihm so ungleichen und ihm oft dioskurisch verbundenen Ralf Dahrendorf - dominierenden Figur des Gremiums, des nie ermüdenden Streiters um die Gleichstellung der älteren Assistenten im Lehrkörper, des um angriffslustige Studenten unbekümmerten Verfechters politischer und wissenschaftlicher Überzeugung, des Gelehrten, der Wissenschaft verständlich machte, seine Vorlesungen den Leuten aus der Stadt öffnete und in der lokalen Presse regelmäßig Leitartikel schrieb, so daß er für die Stadt schließlich zum Inbegriff unserer Universität wurde, des Angehörigen des Großen Senats, der - in den letzten Monaten seines Lebens - in der Diskussion um unsere Universitätssatzung die Jungen herausforderte zur Einsicht, daß auch der erbitterte Meinungsstreit schließlich zum Kompromiß führen müsse. Nun habe ich doch zu viel von Konstanz gesprochen. Mögen Sie es mir nachsehen. Möchten diese Bemerkungen, in denen sich den sachlichen Aussagen die wehmütige und dankbare Anteilnahme des Augenzeugen beimischt, Sie spüren lassen, wie unersetzlich Waldemar Besson ist. Es ist kein Zufall, daß bei uns ein Nachruf, den zwei seiner heftigsten jüngeren Widersacher in jenen Satzungsdiskussionen nach seinem Tode in der Universität verbreiteten, wohl das bewegendste Zeugnis der Achtung vor diesem Manne ist, den sie als den "unverzichtbaren Konservativen" ehrten. Es ist auch keine Verschiebung der Perspektiven, wenn ich von Waldemar Bessons Konstanzer Jahren sprach.
Nicht nur, daß sich in seinem Lehren und Forschen, seinen Reden, Aufsätzen und Schriften dieser Zeit auch das allgemeine Wirken wie in exemplarischer Verkürzung darstellt. In diesen sechs Jahren konzentriert sich die Entfaltung der akademischen und der politischen Persönlichkeit nicht auf eine Vollendung hin, sondern in einer energischen expansiven Bewegung, der der Tod nach menschlichem Urteil nicht ein Ziel, sondern ein hartes Ende setzte. Die Tübinger Lernzeit - welch eine produktive Lernzeit voller Aktivitäten -, die mitreißende und für ihn in den Widerständen lehrreiche Erprobung seiner reformerischen Impulse in Erlangen; das lag hinter ihm. In Konstanz gab es keine von Sitte und Vorurteil einer vorgegebenen Institution geschaffenen Hindernisse, hier schuf er mit Gleichgesinnten selber die Institution, und nur die Varianten in der gleichen Haltung und Richtung waren Grund zu Auseinandersetzungen, die er mit Lust, Leidenschaft und Elan bestritt. Hier schrieb der das Werk, mit dem er die schon stattliche Reihe wissenschaftlicher Monographien fortsetzte - wir müssen heute sagen: krönend abschloß, die "Außenpolitik der Bundesrepublik". Wissenschaft von der Politik und Zeitgeschichte sind darin eins - durch die ständige Durchdringung politisch wertenden Urteils und historisch-analytischer Methode. Waldemar Besson arbeitete leicht und konzentriert. So verband sich ihm das Universitätsgeschäft mühelos mit den Aktivitäten draußen - in der Stadt und im Lande, in überregionalen Gremien der Bundesrepublik, als Lehrtätigkeit in den Vereinigten Staaten. Er war hier wie dort in der Fülle seiner verschwenderischen Kraft gegenwärtig. Anregend und entscheidend im Rat des Zweiten Deutschen Fernsehens, in der Theodor-Heuss-Stiftung: darstellend und deutend in den zahllosen Rundfunk- und Fernsehsendungen. Hier kommentierte er wortgewaltig und mutig das Zeitgeschehen, immer bereit, herauszufordern und sich zu stellen, mit dem Pathos der Verantwortung, das auch im Stil der Rede wie der Schriften - nie gelehrt und doch wissenschaftlich - sachlich-bestimmend und überzeugend blieb. Und eben die Konstanzer Jahre waren es, in denen sich die Persönlichkeit immer deutlicher profilierte. Von Waldemar Besson als Persönlichkeit zu sprechen hat seinen spezifischen Sinn. Es gibt Menschen, die durch das, was sie denken, was sie entdecken, was sie erfinden, eine starke Wirkung auf ihre Umgebung, auf ihr Land, auf die allgemeine geschichtliche Entwicklung ausüben. Man wird ihnen angesichts ihrer geistigen Intensität nicht absprechen, Persönlichkeiten zu sein. Unsere Zeit ist besonders einem Typus unter diesen günstig, der die Vielfalt der ihn umgebenden Welt, vor allem die Unübersehbarkeit der Zukunft mit konstruierenden Abstraktionen, mit dem Gedankenspiel von Modellen zu bewältigen sucht und sich dabei vom lebendigen Menschen entfernt. An diesem Typus gemessen, war Waldemar Besson unzeitgemäß. Er war, was Goethe eine Natur nannte, und er war dies in einem ungewöhnlich ausgeprägten Sinn. So wie er selber war, intelligent und leidenschaftlich, temperamentvoll und einfühlungsfähig, ungeduldig und oft herrisch, heiter und freundlich, ungestüm und mächtig, so reagierte er auf seine Mitmenschen, so sah er die auf exponierter Bühne agierenden Politiker, so interpretierte er den Gang der Geschichte. Gewiß, er war einsichtig genug, die Wirkung der klugen "abstracteurs de quintessence" in der gegenwärtigen gesellschaftlichen Auseinandersetzung hoch anzuschlagen. Aber seine Sympathie - auch in der Ablehnung - gehörte denen, die von seinem Naturell waren, den aus der Breite ihrer Natur zum Handeln, nach Einfluß und Macht Drängenden, aber nur dann, wenn sich Besonnenheit und Kompromißbereitschaft, d. h. Rücksicht auf den anderen mäßigend mit dieser Kraft verbanden. Dieser angeborene, in der distanzierten Methode der Wissenschaft geläuterte und geübte, mit einer guten Dosis vitaler Naivität bereicherte Sinn für die Wirklichkeit des Menschen, diesseits anonymer Zwänge und Gesetzlichkeiten, machte ihn mißtrauisch gegen die extremen Positionen der reinen Ideologie wie der irrationalen Aktion. In diesem Sinne war Waldemar Besson immer ein Mann der Mitte.
In der Sendung des Süddeutschen Rundfunks mit dem Titel "Wie ich mich geändert habe" - Sie kennen den Text - hat er ein halbes Jahr vor seinem Tod, ohne Ahnung des nahen Endes, den Gang seiner 41 Jahre als "langen Weg zur Mitte" beschrieben. Es gibt wenig Beispiele einer Selbstbesinnung dieser Art. Wir erkennen ihn in diesem Selbstporträt wieder, weil wissenschaftliche und schriftstellerische Disziplin ihn dazu befähigen, sich im Augenblick dieses Innehaltens zu sich selbst in Distanz zu setzen. Was Waldemar Besson dort beschreibt, ist nicht der Weg von Grenzpositionen, die er nie bezogen hatte, zur Mitte, sondern der Prozeß der Unruhe, des Widerstrebens gegen Beharrung, des Suchens nach einem Gleichgewicht. Waldemar Besson war in seiner Mitte, aber sie war nicht Ruhe, sondern dauernde Bewegung. Er zog die Spannung der Extreme in diese Mitte hinein, er forderte von ihr - in eben diesem Text - Radikalität. Das Paradoxon der "konservativen Reform", das er für seine Universität Konstanz in Anspruch nahm, ist auch das fruchtbare, das erregende und Bewegung erzeugende, uns als Vermächtnis verpflichtende Paradoxon seines unvergessenen Lebens gewesen.
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Diskussion
K. G. Hasemann
Meine Damen und Herren! Sie sehen hier vor sich die Opfer des Bemühens, der "behaglichen Gewöhnung" entgegenzuwirken. Mich persönlich würde es natürlich ungemein reizen, den Weg zu gehen, den Herr Ahlers gegangen ist. Ich meine nicht beruflich, sondern hier heute morgen, und darauf hinzuweisen, wie wir die Opfer auch noch anderer geworden sind, nicht nur der Frage, wie man eine solche Stunde des Gedenkens reformieren kann. Aber nun sitzen wir hier oben, und ich möchte eingangs, bevor wir die Diskussion beginnen, Sie doch mit denen bekannt machen, die hier in etwa 40 Minuten die Welt neu gestalten wollen. Zu meiner Linken sitzt unser Preisträger 1972, Herr Schardt, Journalist und Chefredakteur der ehemaligen Wochenzeitung PUBLIK. Um dem FDP-Drall hier entgegenzuwirken, gehe ich jetzt nach links, jedenfalls von mir aus, von Ihnen aus nach rechts, dort sitzt Herr Lindemann. Herr Lindemann ist freier Publizist und Herausgeber der Zeitschrift NEUES HOCHLAND. Nun aber wirklich ganz nach rechts, es liegt im Zuge der Zeit, Herr Heigert - Sie wollen es bitte nicht als politische Bemerkung werten - Ihnen allen bekannt als der Vorsitzende der Chefredaktion der Süddeutschen Zeitung. Und last, aber wirklich nicht least, zu meiner Rechten Herr Flach, der Generalsekretär der FDP. Wir haben heute morgen begonnen mit der Frage der Neugestaltung derartiger Unternehmungen, wie der Verleihung des Thedor-Heuss-Preises, und ich hatte mir schon erlaubt, darauf hinzuweisen, daß wir uns auch da um Reformen bemühen. Wie steht es denn eigentlich mit den Reformen in unserem Land? Herr Lindemann, was meinen Sie dazu?

H. Lindemann
Nun, ich meine, man könnte mit einem Ausdruck aus dem Werbejargon sagen: Alle reden über Reformen, aber keiner will sie bezahlen. Und da wir unseren Kollegen Flach hier haben, der zeitweilig an die Politik ausgeliehen ist: Herr Flach, wie wollen wir denn nun die Reformen bezahlen?

K.H. Flach
Herr Lindemann, ich glaube, wir wollen das Thema trotzdem nicht ganz verengen auf die Frage der Bezahlung der Reformen.

K. G. Hasemann
Nein, ich meine nun nicht nur finanzielle.

H. Lindemann
Ja! Denn das spielt ganz sicher eine wichtige Rolle, vor allen Dingen, weil es auch nicht lösbar ist mit einer Steigerung des Steueraufkommens und der Staatsausgaben, weil ja der ganze Produktionsapparat der Wirtschaft nicht vollkommen eingestellt ist auf die Befriedigung von Reformbedürfnissen. Hier ist also ein ganz kompliziertes Problem, das nur stufenweise lösbar ist, das ist eine Umlenkung der Großinvestition, und ähnliche Probleme spielen da eine Rolle. Aber ich glaube, wenn wir unbefriedigt sind über das, was bisher an reformerischen Vorhaben durchgesetzt werden konnte, dann auch deswegen, weil falsche Erwartungshorizonte geweckt worden sind. Ich glaube, der großen Mehrheit der Bevölkerung ist nicht ganz klar, was eigentlich mit diesen Reformen angestrebt wird. Reform ist an sich ein positiver Begriff, der von den Menschen gefühlsmäßig positiv empfunden wird, aber jeder versteht darunter im Grunde genommen, daß er Vorteile auf Kosten von anderen hat. D. h., die Rentner sehen im wesentlichen im Sinn einer Reform höhere Renten, die älteren Arbeitnehmer eine frühere Rentenzeit, die Steuerzahler, daß sie entlastet werden auf Kosten irgendwelcher anderen, die Bildungsreformer zwar selber streben andere Systeme an, die Betroffenen aber möchten meinetwegen mehr und bessere Schulen für die Massen, aber möchten nicht auf Privilegien verzichten zugunsten der eigenen Kinder. Alles dieses ist doch das Hauptproblem, daß selbst theoretische und verbale Reformbereitschaft dort grenzt, wo sie die persönlichen konkreten Interessen von Menschen verletzt. In diese Situation treten wir doch in dem Moment hinein, in dem wir wirklich ernsthafte Reformen wollen. Wir verletzen bisherige Privilegien, und Privilegien werden von denen, die sie innehaben, nicht als solche empfunden, sondern als ihre guten angestammten Rechte. Ich glaube, daß das im Grunde ein größeres Problem ist als die eigentliche Finanzierung der Reform.

K. G. Hasemann
Dann darf ich vielleicht doch noch mal die Frage an Herrn Lindemann zurückgeben. Er hat ja am Anfang schon betont, daß es ihm nicht so sehr ums Geld geht. Worum geht es denn eigentlich, wenn es nicht ums Geld geht? Obwohl ich sagen muß - entschuldigen Sie noch eine Sekunde - aus eigenen trüben Erfahrungen: Es geht gewaltig ums Geld. Aber ich glaube, die Frage sollte man verknüpfen mit dem, was man sonst noch verlangt außer Geld.

H. Lindemann
Nun, ich meine, es wird davon zu sprechen sein erstens, ob diese Gesellschaft sich überhaupt verändern will, und zweitens, wenn sie sich verändern will, daß darüber Klarheit bestehen muß, daß das eben nicht nur Geld kostet, sondern auch sonstige Opfer jedes einzelnen Bürgers in seinem Bereich. Nötigenfalls auch natürlich einen Eingriff in die von Herrn Flach eben erwähnten Privilegien. Aber das Problem ist doch das, daß in der Tat sehr viele von Reformen reden und für Reformen eintreten, aber immer dann zurückscheuen, wenn es darum geht, irgendwelche Einschränkungen in ihrem privaten Bereich zugunsten dieser Reform zu machen und Opfer zu bringen.

K. G. Hasemann
Vielleicht kann uns Herr Heigert zu dem Thema seine Sicht sagen.

H. Heigert
An sich scheint es mir nicht ungewöhnlich zu sein, daß die Großzahl der Menschen in allen Gegenden der Welt unwillig ist gegenüber Veränderungen. Es sind immer nur wenige, die es vorantreiben. Aber was mich gegenwärtig etwas irritiert, ist, daß im Kreise dieser wenigen, die vor wenigen Jahren noch etwas vorangetrieben haben, eine Art Resignation, ein gewisser Pessimismus ausgebrochen ist. Wenn ich unsere Heimkehrerin nach München so betrachte, die als Staatssekretärin in Hessen angefangen hat, dann nach Bonn avancierte und jetzt wieder in die bescheidenen Büros des Bayerischen Landtages zurückkehrte, meine ich manchmal auch da einen gewissen Hauch von Resignation um sie herum zu beobachten. Dieses irritiert mich im Augenblick sehr, weil gerade im Bereich der Bildungsreform - sicher hat Herr Flach recht, wenn er sagt, daß vielleicht die Erwartungen zu hoch gespannt waren, vor allem was den Zeitraum anlangt, der nötig ist, um im Bereich von Bildung und Ausbildung zu wirklichen Reformen zu kommen. Man hat wohl gedacht, in zwei bis drei Jahren wäre das zu machen, so etwas ist natürlich nicht in zwei bis drei Jahren zu machen, aber was mich stört, ist, daß diejenigen, die vor zwei, drei Jahren mit hochgekrempelten Ärmeln an die Arbeit gingen, ein bißchen müde geworden sind.

K. G. Hasemann
Dürfen wir ohne Spitze Herrn Schardt fragen, wie es mit der Resignation steht?

A. Schardt
Ja, ich glaube, die Resignation angesichts der Reformerwartungen, die gestellt waren, ist in der Tat groß. Aber ich würde sagen, darin müßten sich die Politiker selber an die Brust klopfen. Mit welchen großen Worten haben sie Reformen angekündigt in einer Sache, die dann, wenn man sie ganz konkret anpacken will, sich als unendlich viel schwieriger erweist, als es die plakative Herausstellung von Reformwilligkeit wahrhaben will. Ich würde auch meinen, daß gerade in der Bildungspolitik und in den Bildungsreformvorstellungen es heute sehr viel wichtiger ist, mal an der Basis zu sehen, welche Möglichkeiten überhaupt gegeben sind, als in großen und sehr einsichtigen Vorstellungen dieses nun zum Anlaß einer öffentlichen Reformfreudigkeit zu machen. Insofern würde ich meinen, die Erwartungshorizonte wurden in der Politik für bestimmte Reformvorhaben viel zu hoch geschraubt, so daß diese Ernüchterung, würde ich es einmal nennen, ungeheuer notwendig war - zur Versachlichung der Reform notwendig war.

K. G. Hasemann
Ich würde ungern das deutsche Gesellschaftsspiel der Schuld betreiben wollen, aber ich glaube, man muß ein bißchen tiefer drin rumbohren in dieser Frage, um einigermaßen korrekt zu sein. Ohne auf die Bildungsreform eingehen zu wollen - und ich werde mich hüten, das auch noch am Sonntag tun zu müssen - , möchte ich doch sagen, daß ein geradezu faszinierendes Unverständnis auf seiten der Presse besteht für das, was man Planung nennt und was man innerhalb von eineinhalb Jahren oder einem Jahr planen kann. Jetzt habe ich so ungefähr alle vergrätzt, die man vergrätzen kann, aber das gehört ja zu einer Diskussion dazu. Herr Flach wird schon ganz unruhig. Bitte, Herr Flach.

K. H. Flach
Weil ich da gleich einhaken möchte, denn die Reformer beklagen immer das Unverständnis der Presse, aber auch der Bevölkerung. Ich glaube, zunächst einmal muß man von folgendem ausgehen: Wer verändern will, trägt zunächst einmal in einer demokratischen Gesellschaft die Beweislast dafür, daß verändert werden muß. D. h., das Grundgefühl der Menschen ist natürlich beharrend, es geht davon aus, die Verhältnisse, wie sie einmal gewachsen und entstanden sind, seien doch gar nicht so schlecht. Wenn man ihnen also klarmachen muß, daß sie verändert werden müssen, muß man die Beweislast dafür tragen. Um das in einer parlamentarischen Demokratie zu tun, muß man dieses verständlich tun. Man muß eine Sprache sprechen, die es einem ermöglicht, eine möglichst große Zahl von Menschen zu erreichen und in einem geduldigen Prozeß davon zu überzeugen, daß bestimmte Reformen und Veränderungen auch auf Kosten privater Wohlstandserwartungen notwendig sind. Ich glaube, daß ein Teil unserer Reformer diese Sprache bis heute nicht spricht und sich bis heute nicht so weit verständlich machen konnte, daß sie hinreichende Mehrheiten finden konnten.

H. Lindemann
Ja, ich wollte noch etwas anschließen. Herr Hasemann, Sie haben die Frage gestellt, wer ist schuld daran - ich würde mal eher nach der Verursachung fragen, dann fühlen sich nicht so viele getroffen. Aber es ist doch wohl so, daß zwanzig Jahre lang nach dem Kriege unsere Gesellschaft in dem Glauben gelassen oder gebracht worden ist, daß sie sich im wesentlichen in einem Zustand befände, in dem sie getrost dem Jahrhundertende entgegengehen könnte. Und das ist eben nicht der Fall. Ich gebe Herrn Flach völlig recht, daß es die Aufgabe der Politiker, der Presse und aller, die sich sonst dazu berufen fühlen, ist, die Gesellschaft davon zu überzeugen, daß sehr viele unserer Institutionen sich eben nicht in einem Zustand befinden, in dem sie weitere zwanzig bis dreißig Jahre bleiben können, ohne daß unsere Gesellschaft völlig hinter der Entwicklung zurückbleibt.

K. G. Hasemann
Ich würde gerne noch mal auf einen Punkt zurückkommen, der mir wesentlich zu sein scheint. Der Frage mit der Sprache, Herr Flach, stimme ich Ihnen zu: Das Chinesisch, das bei den Reformern gesprochen wird, kann in der breiten Öffentlichkeit nicht ankommen. Ich würde aber doch meinen, daß wir ja dafür die so wohl ausgebildeten Journalisten haben, um dieses Chinesisch in die Sprache von "Otto Normalverbraucher" zu übersetzen. Lassen Sie mich also nur noch ein bißchen darauf beharren. Und ein zweiter Punkt ist die Frage: Ist nicht unserer Zeit entsprechend die Ungeduld viel zu groß? Es ist schon einmal angesprochen worden. Wir glauben, alles muß gestern sein. Wir haben fünfundzwanzig Jahre lang auf dem Gebiet - ich will vorsichtig sein - nicht genug getan. Und diese Erkenntnis dämmert uns jetzt, und nun muß es morgen früh sein, oder besser noch gestern Abend. Aber vielleicht dürfen wir Herrn Heigert doch noch einmal bitten, zu dieser Frage etwas zu sagen.

H. Heigert
Die Ungeduld ist sicher schuld daran, daß Resignation sich ausbreitet und auch in der Presse dieses zu finden ist. In der Tat haben die Journalisten eigentlich die Aufgabe, das Chinesisch zu übersetzen; daß ihnen das nicht immer gelingen kann, liegt vielleicht am Chinesisch.

K. G. Hasemann
Oder an den Übersetzerfähigkeiten.

H. Heigert
Aber was wohl noch tiefer sitzt, wenn wir die Resignation beobachten und sie erklären wollen, den Pessimismus erklären wollen - ist nicht einfach die Erfahrung, daß unendlich viele Dinge unendlich kompliziert sind und lange Zeit brauchen, sondern ist ja doch wohl die Erfahrung einer mit Vehemenz sich am Konsum orientierenden Gesellschaft. Jedes bißchen Geld, übriges Kapital, übrige Produktivität, die erwirtschaftet wird, wird doch sofort aufgezehrt vom Konsum, also von dem Bedürfnis der Menge, und die Politiker können sich dem nicht ganz entziehen, natürlich nicht. Jeden Pfennig, der erwirtschaftet wird in einer Volkswirtschaft, eben nicht in die öffentliche Hand zu stecken zum Zwecke von Reformen und für große Investitionen, sondern in den privaten Verbrauch. In München haben die Entwicklungsplaner ausgerechnet - bitte legen Sie mich nicht auf die Zahl fest - , daß in etwa zehn Jahren der städtische Haushalt vollständig aufgezehrt wird von den laufenden Kosten der Administration; es wird nichts mehr übrig sein, nichts mehr für Schulen, nichts mehr für Straßen, nichts mehr für Infrastruktur, für Bodenpolitik, für Ankaufspolitik, für Krankenhäuser und dergleichen mehr. Es wird alles aufgezehrt, der städtische Haushalt, und ich fürchte, beim Staat wird es nicht anders gehen, in einiger Zeit wird alles aufgezehrt von den wachsenden Kosten der Administration und des Personals. Demgegenüber sind nun in der Tat die Reformer der Gesellschaft, ob es nun die Bildung ist oder ob es die städtischen Dinge anlangt, von denen wir vielleicht noch sprechen müssen, jedenfalls im Ansatz, demgegenüber sind sie so machtlos und verfallen infolgedessen in eine Art Resignation. Ich sage das, und die Zeitungsleute sollten nicht aufhören, dagegen anzugehen und das Publikum aufzuklären, aber im Augenblick sieht es immer noch so aus, als ob diese Gesellschaft an ihrer eigenen Konsumwut zugrunde gehen werde.

K. G. Hasemann
Ich glaube, Sie haben ein sehr wichtiges Stichwort geliefert, Herr Heigert, nämlich die Frage der Macht. Ist es nicht so, daß die Mächtigen bei aller Rücksicht, die sie zu nehmen haben, die Macht nicht genügend ausüben? Das ist um Gottes willen nicht der Schrei nach dem starken Mann, sondern das die Leute, die die Macht haben, im Staate nicht entschlossen genug sie einsetzen. Ich könnte mir vorstellen, daß das nicht nur für den staatlichen Bereich gilt, sondern auch für andere Bereiche. Ich weiß nicht, ob Herr Schardt uns dazu etwas sagen will.

A. Schardt
Ja, diese Frage der Macht oder des Gebrauches der Macht durch den Staat ist ein sehr kompliziertes Feld. Ich selber bin hinsichtlich der Reformmöglichkeiten innerhalb unserer Gesellschaft eigentlich etwas anderer Meinung.
Daß wir nämlich, wenn man genauer hinschaut, sehr schnell Zustimmung finden, daß da irgendwelche Reformen notwendig seien. Herr Flach hat darauf am Anfang hingewiesen. Wenn es aber an den eigenen Lebenszuschnitt geht, dann will man das nicht. Insoferne, würde ich sagen, wird Reform, alles Reformvorhaben in dieser Gesellschaft zumindest zu 99 % auf den Staat projiziert, und der Staat als der omnipotente oder omnipräsente Versorger für alle Wehwehchen, die in dieser Gesellschaft vorhanden sind, ist im Grunde genommen das Zielbild dieses Reformgeredes. Nun geht es, wenn man z. B, die Rede, die Herr Koschnik gehalten hat, die also sehr aufrüttelnd war hinsichtlich der desolaten Lage, in denen sich die Kommunen befinden, eben an die Basis. Man wird sehr viel Zustimmung dafür finden, aber trotzdem wird jeder, der dem zustimmt, weiterhin dafür sein, daß er sein eigenes Häuschen im Grünen hat, daß er da nicht gestört wird und daß diese allgemeinen sozialen Dienste ihn zumindest doch nicht tangieren sollen. Ich glaube, da liegt das Problem.

K. G. Hasemann
Ich glaube, da wollte Herr Heigert zu dem Thema etwas sagen, oder zuerst Herr Lindemann?

H. Lindemann
Ja, ich wollte sagen, es ist natürlich so, wie Herr Schardt sagt, daß in der Tat sehr viele Bürger alles auf den Staat schieben. Es ist aber auf der anderen Seite so, daß dort, wo Bürgerinitiativen wirklich einmal versuchen etwas zu ändern aus eigener Kraft, die öffentliche Hand sehr schnell eingreift und sagt, das ist unser Bereich, und da habt ihr gar nichts zu suchen.

K.H. Flach
Ich will das, was Herr Schardt sagte, auch noch ketzerisch etwas weiterführen. Es ist doch teilweise sogar so, daß Sie beobachten können, daß der Reformeifer jüngerer Kräfte, die ganz entschieden und teilweise radikal, und mit Recht sogar, auf Reformen drängen, dann, wenn sie in bestimmte Positionen gekommen sind, die sie an sich zu Funktionären von Reformen machen, sich im Denken in Stellenkegeln auch dann sehr schnell wieder erschöpft.
D. h., daß wir diese sehr schwerwiegende Situation haben, daß wir anstatt eben - und das ist ja schon aufgezeigt worden - anstatt immer mehr Mittel für die notwendigen öffentlichen Investitionen zu haben, die ein ständiges Aufblähen der öffentlichen Personalausgaben zur Folge haben, daß wir am Ende für die notwendigen öffentlichen Investitionen überhaupt nicht mehr genügend Mittel zur Verfügung haben. Und hier, glaube ich, genügt es nicht, die Staatsausgaben in dieser Richtung zu steigern. Hier müssen wir versuchen, den gesamtwirtschaftlichen Apparat stärker in den Dienst der Reformverwirklichung zu stellen, d. h., es muß möglich sein, die Großinvestitionen der Wirtschaft stärker nach und nach - das geht auch nicht abrupt, weil das sonst Unterbrechungen im wirtschaftlichen Kreislauf ergeben würde - nach und nach in den Dienst von Reformvorhaben zu stellen. Ganz primitiv gesprochen, es ist eben die Frage, ob riesige Automobilunternehmen ihre Investitionen weiter darauf konzentrieren sollten, den Individualverkehr bis dahin zu steigern, wo er sich selbst auffrißt, oder ob man sie nicht animieren kann, sei es durch steuerliche Lenkungsmaßnahmen und ähnliches, viel stärker ihre Großinvestitionen darauf zu verwenden, leistungsfähige und schnell herbeizuschaffende Nahverkehrssysteme zu schaffen. Ich glaube, wir kommen nicht damit aus, allein zur Reformbefriedigung den Staatshaushalt in Anspruch zu nehmen.

K. G. Hasemann
Wir haben also eine gewisse Diskrepanz zwischen den Individualwünschen, die sich offensichtlich nicht von alleine dressieren, wahrscheinlich mangels entsprechender Erziehung - entschuldigen Sie die Seitenbemerkung - und dem Anspruch an die Öffentlichkeit oder die öffentliche Hand oder wie Sie den Staat bezeichnen wollen, viel zu tun, aber ja die Finger davon zu lassen: etwas zu tun. Ihr könnt reformieren, so ihr wollt, nur ändern darf sich nichts. Das ist so ein bißchen die Forderung, heutzutage erhoben wird. Ich glaube aber, wir sollten vielleicht -aus der ja unangenehmen übereinstimmenden Auffassung im Theoretischen vielleicht doch mal etwas an konkrete Dinge des Details gehen. Es gibt ja Probleme, die brennend sind und die - und ich glaube, da ist der Hinweis an die Macht wieder erlaubt - einfach nicht diskutiert werden.

H. Lindemann
Ja, darf ich dazu vielleicht einen Vorschlag machen, der sicher auf Widerspruch stoßen wird, den ich hier auch nicht zum ersten Mal mache. Eine der Schwierigkeiten in den modernen Gesellschaften besteht doch darin, daß der Staat oder die sonstige öffentliche Hand einfach die erforderlichen Dienstleistungen nicht mehr aufbringt. Wir sprechen heute davon, daß wahrscheinlich demnächst die Samstag-Postzustellung eingestellt wird, weil die erforderlichen Menschen dafür nicht mehr da sind; in den Krankenhäusern, bei der Feuerwehr, bei der Polizei, es ist überall dieselbe Geschichte. Zu heilen wäre dieses Elend vielleicht dadurch, daß wir ein soziales Dienstjahr für alle Männer und Frauen einführten, das hat nichts mit Arbeitsdienst zu tun, sondern jeder wird verpflichtet, in einem bestimmten Zeitraum seines Lebens ein Jahr dafür zur Verfügung zu stellen, daß es, soweit das möglich ist nach eigener Wahl, also etwa bei der Post, im Krankenhaus, bei der Feuerwßhr, bei der Polizei oder sonstwo, Verkehrspolizei etwa, Dienst tut für die Allgemeinheit. Das ist ein Opfer, das gebracht werden muß, was nun mal im allgemeinen nicht primär ein finanzielles Opfer ist.

H. Heigert
Wobei wir natürlich einräumen müssen, Herr Lindemann, daß wir auch dafür eine ganz beträchtliche Administration brauchen. Denn was wir gegenwärtig bei der Bundeswehr allein an Personalverwaltung haben, macht einen ja nicht gerade hoffnungsvoll, daß mit einem Minimum an administrativem Aufwand etwa auch alle jungen Damen auf irgendeine Weise in Altersheime oder Krankenhäuser oder kinderreiche Familien geschleust werden könnten. Aber sei es drum. Es ist an sich ein richtiger Gedanke.
Herr Hasemann, Sie haben da zweimal das Problem der Macht angeschnitten, ich würde das gerne aufgreifen. Es ist doch ganz konkret zu sehen und mit Händen zu greifen; neben der Bildungsreform, die notwendig ist, scheint mir eine andere Priorität zu sein im Zusammenhang mit der - wie man das so nennt - mit der Humanisierung unserer Städte. Unsere Städte sind drauf - die Großstädte, die Ballungsräume - sind drauf und dran, in sich selbst zugrunde zu gehen, am Individualverkehr einerseits, an der Verödung der Zentren, der City, d. h. an einem zunehmenden Mangel, an einer Abnahme der Kommunikation von Menschen in einer Stadt. Wie leer ist die Münchner Stadt, die insofern etwas besser ist als der Ruf, der ihr von einigen Berufskollegen meines Standes angehängt wird, selbst in München ist es doch also abends schon abenteuerlich, wenn man durch die Stadt geht, wie leer alles ist, und man fühlt sich schon ganz unbehaglich. In anderen Städten ist es noch viel schlimmer. Aber das ist nicht das Entscheidende. Das Entscheidende ist, daß unsere Städte deshalb so unfähig sind, ihre eigenen Probleme im Sinne der Humanität ihrer Bewohner zu bewältigen, weil sie a) keine Manövriermasse haben an Geld und b), weil sie keine gesetzlichen oder zuwenig gesetzliche Möglichkeiten haben, das Nutzungsrecht - das immer noch nahezu komplette Nutzungsrecht an privatem Eigentum an Grund und Boden zu begrenzen. Das scheint mir eine Aufgabe zu sein, die ein bißchen angepackt worden ist im Bundesbaugesetz schon, dann im Städtebauförderungsgesetz und alle diese Dinge. Aber es Ist viel zu wenig, wenn Sie in die Ballungsräume hineinsehen und mit den Oberbürgermeistern oder mit ihren Kandidaten, einer von ihnen ist ja hier, wenn Sie mit denen reden. Die Städte sind ohnmächtig, werden zunehmend ohnmächtig, ihre eigenen Probleme zu bewältigen, und ich kann nur noch wiederholen: In zehn Jahren wird es so weit sein, daß man keine Schulen, keine Krankenhäuser, keine Altersheime mehr bauen kann. Erstens, weil keine Manövriermasse mehr da ist, weil kein Geld mehr da ist, und zum andern, weil kein Platz da ist, weil keine rechtlichen Möglichkeiten da sind, Eingriffe vorzunehmen, die eine Voraussetzung sind für solche Sozialinvestitionen.

K. G. Hasemann
Ich fürchte, daß es gar nicht zehn Jahre dauern wird, Herr Heigert, denn wir haben Länder in der Bundesrepublik, wo es jetzt schon so ist. Sie liegen weiter nördlich und sind nicht von der CSU regiert, ich weiß nicht, ob da ein Kausalzusammenhang besteht. Aber jedenfalls ist es so, daß wir gar nicht sehr lange warten müssen. Aber ich glaube, Ihr Petitum geht gar nicht so sehr auf die Frage Geld und Parkinsonismus als doch auch um das eingangs schon erwähnte Verständnis, die individuellen Forderungen einmal zu überdenken, ob es wirklich gerechtfertigt ist, das Häuschen im Grünen - vor allen Dingen: wenn man es hat, gibt man es natürlich ungern her - nun als absolut undiskutierbar zu sehen. Und diese Frage des Undiskutierbaren, glaube ich, Ist mir recht deutlich geworden durch den Vorschlag von Herrn Lindemann, wenn ich den noch mal aufgreifen darf. Unser Führer hatte mir die Ehre gegeben, auch im Arbeitsdienst unserem Vaterlande zu dienen, und ich denke da eigentlich mit sehr gemischten Gefühlen daran, und jeder meiner Generation wird mehr oder weniger sofort diese Assoziation haben. Die Schwierigkeit in unserer Gesellschaft scheint mir auch darin zu liegen, daß wir Älteren von der Basis der eigenen Erfahrungen argumentieren, die zwanzig, dreißig Jahre zurückliegt, und die Jungen dafür genausoviel Verständnis haben wie wir in der Schule, wenn unser Geschichtslehrer von Verdun sprach, nämlich keines. Und diese Diskrepanz scheint mir irgendwie eine tiefere Wurzel zu sein für die fehlende Bereitschaft der Individuen, ihre eigene Position zu überdenken. Der Widerstand der jungen Menschen, der Gott sei Dank uns ja alle etwas wachgerüttelt hat, der sitzt doch da auch irgendwo drin. Ich glaube, daß das einigermaßen richtig ist, oder sehe ich das falsch?

H. Lindemann
Ja, wenn ich da etwas sagen darf, Herr Hasemann. Wollten Sie nun eigentlich mit Ihrer Arbeitsdiensterfahrung gegen den Gedanken der Sozialdienstpflicht argumentieren oder nicht?

K. G. Hasemann
Nein oder ja, jein.

H. Lindemann
Ich habe ja ausdrücklich gesagt, es ist ein grundlegender Unterschied zwischen einem kasernierten Arbeitsdienst und einer Sozialdienstpflicht, die jeder individuell an der von ihm gewählten Stelle leistet.

K. G. Hasemann
Was die Leistung betrifft, bin ich sogar der Meinung, daß wir da im Gegensatz zu den nachfolgenden Erfahrungen, die wir machen durften, Wesentliches geleistet haben, was die Arbeitsleistung betrifft. Mir geht es darum, festzustellen, daß wir hier doch einen geistigen Prozeß durchmachen müssen, der vielleicht wichtiger ist als die Sorge ums Geld und die Sorge um eine zu große Verbeamtung. Aber vielleicht könnten uns Herr Schardt und Herr Flach noch etwas dazu sagen.

A. Schardt
Also ich finde den Vorschlag von Herrn Lindemann gar nicht so schlimm und auch gar nicht so gräßlich. Es gibt ja auch noch andere Ansätze, die keineswegs schon als gelungen bezeichnet werden müssen, aber doch Ansätze sind, beispielsweise in dem Ersatzdienst. Dort werden ja solche Versuche sehr unzulänglich und immer noch viel zu sehr an das kasernierte Dasein angelehnt gemacht. Aber ich habe den Eindruck, daß das durchaus ein Ansatz ist, mit dem man weiter in dieser Richtung denken könnte. Und zwar geschieht das ja im Augenblick auch noch ohne sehr großen Personalaufwand in der Verwaltung, soweit ich das sehe.

H. Lindemann
Ja, wenn ich da noch einen Satz anschließen darf. Ich meine, es gibt Erlebnisberichte von jungen Leuten, die den Ersatzdienst machten und dort plötzlich gesehen haben, daß das eine sehr sinnvolle Arbeit sein kann, im Gegensatz etwa zum Militärdienst.

K. H. Flach
Es geht dabei wahrscheinlich weitgehend darum, die Wertkriterien zu verändern, d. h., daß das Bewußtsein der Menschen nicht mehr in der Befriedigung individueller Wohlstandsgefühle und in dem geschäftlichen Erfolg der Vertretung engbegrenzter Interessen den höchsten Wert, der in diesem Leben erreichbar ist, sieht, sondern in einem Dienst, in einer Leistung gegenüber der Allgemeinheit. Und dieses, glaube ich, sind Bewußtseinsveränderungen, die allerdings etwas langsamer vor sich gehen, als man gemeinhin glaubt. Und um sie zunehmend zu erreichen, muß man, glaube ich, auch etwas mehr Geduld aufbringen, und dann komme ich zu dem zurück, was ich erst mit der Sprache sagte: Man muß, glaube ich, dabei verhindern, daß man als eine Art Vormund der Bürger sich geriert, daß man sie belehrt, was das Richtige ist und wie die Maßstäbe der modernen Gesellschaft gesetzt werden müssen, sondern, daß man wirklich mit ihnen diskutiert und sie nach und nach überzeugt. Das ist ein sehr schwieriger Prozeß, der natürlich auch Zeit und Kraft und Nerven kostet, und wenn wir nicht die Grundlagen unserer Demokratie aufgeben wollen, sehe ich überhaupt keine andere Möglichkeit, als diesen schwierigen Bewußtseinsbildungsprozeß durch Überzeugung nach und nach zu gehen.

A. Schardt
Ich glaube, das ist wichtig; und ein Zweites - und damit möchte ich eigentlich auf den Heigertschen Einwand mit der Humanisierung der Städte zurückkommen, man muß auch Modelle zeigen. Man muß diese Modelle einfach so hinstellen, daß die Leute sehen, was an diesem Modell anders ist und für sie auch besser sein kann. Das führt mich zu dem Thema zurück "Humanisierung der Städte"; was ich finde, ist, daß die unendlich vielen neuen Städte oder Stadtteile, die etwa die Neue Heimat gebaut hat, genauso inhuman mir erscheinen wie die anderen Städte. Warum ist es nicht möglich, mit einem in der Geschichte einmalig großen ExperimentierfeId, wie es die Bildung neuer Städte war, etwas humaner umzugehen und es nicht nur jener Schönheit zu überlassen, die sich auf dem Modell, wenn man das zu beurteilen hat, immer ganz hervorragend ausnimmt, und wenn Sie als kleines Menschlein durch diese öden Straßen alle laufen, ist einer wie der andere. Es fehlt die Pinte um die Ecke, sie können in keine Kneipe gehen. Es wird alles reglementiert. Ich finde das schlechthin inhuman. Warum ist das nicht möglich?

H. Heigert
Weil die großen Baugesellschaften in der Tat und Wahrheit die eigentlichen Herren unserer Zeit sind und die Kommunalverwaltungen überhaupt gar nicht anders können, als machtlos oder nachgebend deren Wünschen und Befehlen nachzukommen. Ich war vor vielen Jahren mal Gemeinderat in einem Dorf außerhalb Münchens und habe das unmittelbar am eigenen Leib erlebt. Wenn der Gemeinderat sagt, jetzt machen wir ein neues Baugebiet da und da, und das wollen wir so und so besiedellhaben mit so und so vielen Hochhäusern und so und so vielen Flachhäusern, so und so vielen Grünflächen, da muß ein Kindergarten hin und da das. - Vier Wochen später war uns das glatt aus der
Hand gerissen - und warum, weil irgendeine große Bau
gesellschaft kam und der Gemeinde sagte, hören Sie zu, wir
bauen Ihnen die Straßen dazu, die Lampen auch und die Grünflächen auch. Nur, wir müssen es leider etwas dichter besiedeln, denn sonst kommen wir nicht auf unsere Rechnung. Und außerdem zahlen wir euch armen Leuten von der Gemeinde noch mal 10000 DM extra, da können Sie noch bissel einen Kindergarten irgendwo noch woanders bauen, wir sind da sehr großzügig. Und da die Gemeinden kein Geld haben und keine Verfügungsgewalt haben: Sie können nicht den Boden, den sie vergeben, als Bauland manipulieren, sie haben ihn nicht mehr in der Hand, es ist weg, und dann kommt die Gewinnmaximierung der großen Gesellschaften, Sie haben ganz recht; ob die nun also links orientiert sind oder rechts orientiert sind, sie sind alle gleich! Sie denken nicht daran, wie die Leute sich hinterher in ihrem Einfamilienhaus fühlen, das im Grunde aussieht wie eine Stallung, wie weiland die wilhelminischen Kasernen, wo ein Häuschen neben dem anderen ist, und jeder spuckt dem anderen in die Kaffeetasse, so eng sind sie da hingestellt. Fantasielos ohne irgend etwas. Der einzige Einfall, den sie haben, ist, daß sie das eine grün und das andere rot anmalen. Das ist dann architektonische Fantasie.

K. G. Hasemann
Wie kommt das eigentlich, Herr Heigert, daß das so ist? Denn ich glaube, es ist so. Wie kommt das, daß die Leute, die in diesen großen Gesellschaften drin sitzen, ja doch sehr oft die gleichen sind, die die Städte regieren?

H. Lindemann
Ja, darf ich dazu etwas sagen? Ich würde sagen: die Frage, warum die von Herrn Heigert vorhin angeregte Humanisierung der Städte und an sich überhaupt die Humanisierung unseres Lebens scheitert, die beantwortet sich doch wohl damit, daß alles - das meiste, was getan wird, sicn eben nicht mehr am Menschen orientiert, sondern am Konsumenten. Der Mensch ist eben einfach verschwunden aus der Vorstellungswelt, sondern es wird der Konsument - auf den Konsumenten wird es abgestellt, und daher kriegen wir eben keine humanen Verhältnisse.

K. G. Hasemann
Aber haben die Stadtoberhäupter nicht auch die gleichen Empfindungen, oder müßten sie sie nicht eigentlich haben, wie wir sie mehr oder weniger haben? Warum machen sie dann ihre Empfindungen nicht in den Aufsichtsräten dieser großen Kapitalgesellschaften geltend?

K.H. Flach
Ich glaube, die haben die gleichen Empfindungen, die stecken aber in einer Fülle von Sachzwängen, die sie fast nicht in die Lage versetzt, diesen Teufelskreis zu sprengen und da einmal aus diesem ganzen Gewirr von Bestimmungen, von vorgeformten Verhaltungsnotwendigkeiten und ähnlichem mal herauszukommen und einmal ganz schlicht die Probleme human und menschlich zu sehen. Ich glaube, diese ganze Frage, die hier aufgeworfen wurde, ist exemplarisch, denn die riesigen, gewaltigen anonymen Vermögen, die bei diesen Wohnungsbaugesellschaften angesammelt worden sind, wurden ja dereinst vom Staat eingesetzt, um soziale Probleme zu lösen. Das heißt, die Machtstellung dieser Gesellschaften beruht auf Milliarden von Steuergeldern, die aber nicht etwa eingesetzt worden sind, um hier neue Machtstrukturen zu schaffen, sondern um Menschen Wohnung zu geben, einmal primitiv gesprochen. Und nun ergab sich eine Entwicklung, daß die Verwaltung dieser Vermögen, die gar kein Privateigentum eines einzelnen sind, zu einer Entwicklung geführt hat, daß sie sich so denen, denen sie dienen sollen, gegenüber verhalten, als seien sie private Eigentümer. Diese Gesellschaften verhalten sich in keinem anders als einer, der auf Nutzen aus ist. Und das ist ein Problem, das weiter geht als nur das, was wir bisher erörtert haben. Besteht nicht in der Behauptung der Massengesellschaft die Gefahr, daß dann, wenn ich bestimmte Emanzipationsbewegungen habe, wenn ich gesellschaftliche Reformbewegungen habe, wenn ich Bewegungen habe, um soziale Probleme zu befriedigen, diese Bewegungen eine Dimension annehmen, in der ich Organisationen schaffen muß und diese Organisationen dann ein Eigenleben entfalten, Eigengewicht entwickeln, eigenen Sachzwängen unterliegen und sich immer mehr vom Ursprung ihrer Aufgabe entfernen? Und daß sich sogar in diesen Organisationen neue eigene Interessen und Privilegien entwickeln und die dann nur noch zum Teil verbal ihren Ursprungszwecken dienen und real der Befriedigung dieser eigenen Interessen. Das ist, glaube ich, ein Grundproblem, daß jede Emanzipationsbewegung und jeder Versuch. sozialen Fortschritt zu bringen. vor dem es steht, und ich weiß im Moment auch kein Patentrezept, wie man das auflösen und aufgliedern kann.

H. Heigert
Herr Flach, also ein Patentrezept weiß ich auch nicht. zumal wir da sofort in den Paragraphenwald geraten, wenn wir jetzt darüber diskutieren. Ich bin aber sicher, daß bei einigem Aufwand an Fantasie und Mut der Gesetzgeber Gesetze machen könnte, die der öffentlichen Hand, in diesem Falle also in den Ballungsräumen der Großstädte, etwas mehr Macht und Verfügungsgewalt zubilligen würden, als sie jetzt haben.

K.H. Flach
Ich bin grundsätzlich Ihrer Auffassung. Sie wissen doch, wir haben eine Reihe Forderungen entwickelt, um diese ganzen Fragen des Grundbesitzes in Ballungsgebieten und ähnliches anzupacken, nur entsteht doch folgendes Problem: Ich habe lange in der Stadt Frankfurt gelebt. Frankfurt ist eine Stadt, die stets von einer sozialdemokratischen Stadtverwaltung mit absoluter Mehrheit geführt worden ist. Trotzdem haben wir im Frankfurter Westend die schlimmsten Verhältnisse, die es überhaupt in dieser Hinsicht gibt, was private Bodenspekulation und die Veränderung von einer urbanen Stadtlandschaft zu einem unerträglichen Bürogetto usw. führt. Und es war nicht nur so, daß die gesetzlichen Bestimmungen fehlten, sondern daß eben diese öffentliche Hand unzählige Ausnahmegenehmigungen erteilt hat. und auf Grund dieser Ausnahmegenehmigungen, die wieder eine bestimmte Gruppe Menschen nur in Anspruch nehmen konnte, auf Grund persönlicher Beziehungen - wie weit die gingen, kann man hier, ohne juristische Folgen zu befürchten, nicht sagen. - Auf jeden Fall ist es so, daß sich also auch Institutionen, die dafür angetreten sind, Allgemeinwohl zu vertreten, ständig in der Gefahr befinden, von diesen Grundsätzen abzuweichen, weil irgendwelche persönlichen Interessen im Spiel sind. Und da genügt es nicht, nur der öffentlichen Hand mehr gesetzliche Vollmachten zu geben, sondern ich glaube, wir müssen auch ganz andere Kontrollmechanismen finden.

K. G. Hasemann
Wäre es nicht richtig, diesem Bild von Ihnen, Herr Flach, über die Entwicklung von Eigengesetzlichkeiten solcher von Geldern von uns allen ins Leben gerufenen Gesellschaften auch noch etwas hinzuzufügen, was nicht bei diesen Gesellschaften fehlt, sondern bei denjenigen, die für diese Gesellschaften mittelbar verantwortlich sind: was Herr Heigert eben schon gesagt hat, etwas mehr Mut zu haben. Ich glaube, das wäre etwas, was notwendig ist, um notfalls dann auch mal auf Mißstände hinzuweisen, auch wenn man in Verfilzungen lebt, um es mal ganz brutal zu formulieren.

H. Lindemann
Ich weiß nicht, welchen Eindruck unsere Zuhörer von diesem Gespräch bekommen haben. Wenn ich da unten säße, würde ich zweifellos sagen, hiermit haben also die vier Herren da oben die objektive Reformunfähigkeit unserer Gesellschaft diagnostiziert. Denn wir erkennen zwar, was falsch ist. Aber ich bin da in derselben Situation wie Herr Flach. Rezepte habe ich nicht. Rezepte hat in der Tat niemand. Ich glaube aber, es kommt zu der Reformunfähigkeit auch noch so etwas wie eine Reformunwilligkeit hinzu, denn es zeigt sich ja, daß die Abneigung gegen Veränderungen selbst bei solchen Reformen sehr ausgeprägt ist, die weder sel;lr viel Geld kosten noch einen größeren Apparat erfordern, beispielsweise die Justizreform.

K. H. Flach
Wir haben doch hier festgestellt, daß es sich im Grunde um Versäumnisse und falsche Weichenstellungen von Jahrzehnten handelt. Ich glaube, auch eine Bundesregierung kann nicht diese jahrzehntelang gewachsenen Schwierigkeiten - seien es diese Großprobleme Stadtkernverödung, das gesamte Umweltproblem, die große Bildungsreform - , alle diese Probleme in kurzer Zeit in einem Aufwasch erledigen. Das geht nur stufenweise, das geht nur durch Setzen bestimmter Prioritäten, und das geht nur nach und nach. Und ich glaube, es ist zum mindesten im Vergleich zu dem, was in den letzten zwanzig Jahren - wobei ich mal die Aufbauperiode abziehen möchte, wo es natürlich zunächst einmal nur darum ging, überhaupt erst die Dinge wieder in Gang zu bringen - so, daß im Vergleich zu dieser Zeit eine ganze Reihe von Dingen ja eingeleitet worden sind und die Probleme teilweise erkannt worden sind. Es ist nur - es geht zu zaghaft vorwärts I Es geht nicht genügend weiterl Es sind immer wieder sehr schwerfällige Apparaturen in Gang zu setzen, das wissen wir alle, damit mühen wir uns alle ab, aber die Richtung ist ja zunächst einmal eingeschla~en worden: weg von der reinen Kultivierung des Beharrenden und weg von der reinen Anbetung der individuellen Wohlstandsvermehrung und hin zu einer Lösung dieser Probleme und Fragen. Und in diesen Problemkreis hinein spielt doch auch all das, was wir außenpolitisch tun. Denn im Grunde wissen wir, daß wir langfristig genügend öffentliche Mittel zur Verwirklichung innerer Reformen nur frei kriegen werden, wenn es nach und nach gelingt, den Verteidigungshaushalt in seinem Gesamtanteil zu senken. Das ist aber sinnvoll, vernünftig und verantwortbar nur möglich, wenn man eben eine langfristige Friedens- und Entspannungspolitik betreibt, wechselseitig, die die Einleitung dieses Prozesses ermöglicht, und in diesem Prozeß sind wir ja mitten drin.

K. G. Hasemann
Ich glaube, wir haben durch die Äußerung von Herrn Lindemann und von Herrn Flach nicht nur den Beginn einer Summierung unserer kleinen Diskussion gefunden, sondern doch auch schon einen Weg gewiesen, der zwar nicht neu, aber immer wieder richtig ist, auch wenn er nicht mehr neu ist. Ich glaube, wir können vielleicht zusammenfassend sagen, daß wir nicht nur unangenehm übereinstimmend in unseren Auffassungen waren im Grundsatz, sondern daß sich vielleicht doch ein paar Dinge herausgestellt haben, die man in Zukunft mehr beachten muß, als das bisher geschehen ist, nämlich die Tatsache, daß wir nicht zu ungeduldig sein dürfen, daß wir die Euphorie fahrenlassen sollten, daß es keine Reform ohne Verpflichtungen gibt, daß, überspitzt gesagt, die Freiheit beschränkt werden muß um der Freiheit willen und daß man nicht alles dem Staat überlassen kann und daß wir etwas mehr Mut haben müssen. Und ich glaube, diese zwei letzten Punkte, die führen uns unmittelbar zurück in die Zusammenkunft heute hier: Nicht alles dem Staat überlassen, und etwas mehr Mut. Ich danke Ihnen.

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Zur Begründung der Preisträger für 1972
Hildegard Hamm-Brücher
Es obliegt mir, Ihnen, meine Damen und Herren, im Auftrag von Vorstand und Kuratorium der Stiftung Theodor-Heuss-Preis die Begründung für die Auswahl der diesjährigen Preisträger zu geben. Und dabei möchte ich, wie auch in den Jahren zuvor, zunächst einige allgemeine Gesichtspunkte für unsere diesjährige Auswahl vor die Beschreibung der speziellen Verdienste unserer Preisträger stellen. Wir haben ja mit unserer diesjährigen Auswahl nicht nur unsere angestammten Freunde und Gegner überrascht, sondern die Öffentlichkeit ganz allgemein. Die Überraschungs-Schlagzeile hätte etwa so lauten können: Liberales Establishment prämiert ehemaliges Bischofsblatt! – Und man könnte mit Recht fragen: Was steckt denn da dahinter? Liberale Großmut? Raffiniertes Kalkül? Schadenfreude über ein mißlungenes Experiment?
Ja, meine Damen und Herren, was steckt wirklich dahinter? Nichts anderes als dies: Die Mitglieder des Vorstandes und des Kuratoriums haben sich anläßlich der Auswahlsitzungen, wie noch in jedem Jahr, viele, viele Stunden lang bemüht, Sinn und Ziel des Theodor-Heuss-Preises für das Jahr 1972 zu aktualisieren und zu personalisieren. Und bei dieser kritisch-selbstkritischen Bestandsaufnahme haben wir ganz unversehens - eine neue Seite in der Geschichte unserer Stiftung aufgeschlagen. Wenn man so will: Wir sind über unseren bisherigen Schatten gesprungen. Das möchte ich verdeutlichen: Während über der Auswahl unserer Preisträger der ersten sieben Jahre das Motto "Demokratie wagen" stehen könnte und mit dem Preis zu demokratischem Engagement an sich ermutigt werden sollte, ist es notwendig geworden - angesichts einer einerseits erfreulichen Aktivierung demokratischer Initiativen, andererseits aber auch eines um sich greifenden Mißbrauchs demokratischer Spielregeln..:., auch mit diesem Preis unmißverständlich klarzumachen, daß Demokratie nicht nur gewagt werden will, sondern daß sie auch und vor allem verantwortet werden muß. Im Gegensatz zur Bewußtseinslage in den sechziger Jahren heißt die Herausforderung heute "Demokratie zu verantworten", das heißt, ihre Demontage ebenso zu verhindern wie ihre offenkundigen Perversionen. Dies ist es, was in diesem Jahr Vorstand und Kuratorium deutlich machen wollen: Das Wagnis liegt heute nicht mehr in der demokratischen Initiative allein. Das Wagnis liegt in der demokratischen Verantwortung für diese Initiative, und hierfür schienen uns unsere Preisträger und die drei Gruppen, denen Medaillen zuerkannt waren, einleuchtende, um nicht zu sagen "leuchtende" Beispiele zu sein. Natürlich haben sie auch Demokratie gewagt, aber sie haben sie in einer Zeit zunehmender Polarisierung und Radikalisierung auch verantwortet, das heißt: Sie haben beidem entgegengewirkt. Sie haben das Risiko des Zweifrontenkrieges nicht gescheut und das Engagement zwischen den Polen, zwischen abgeschotteten "Lagern", gesucht. Genau darin sehen wir die wichtigste Aufgabe für die demokratische Entwicklung in den kommenden Jahren - nicht nur für unsere Stiftung, nicht nur einmal im Jahr am Geburtstag von Theodor Heuss, nicht nur für Parteibuch-liberale - sondern für uns alle. Gerade weil unsere in sich immer noch ungefestigte Demokratie abermals in Gefahr gerät, von ihren Feinden mißbraucht zu werden, und gerade weil für diese existentielle Gefährdung die Regulierung durch "Law and order" allein keine erfolgversprechende Alternative ist, deshalb ist die Aufgabe, Demokratie zu wagen und zu verantworten, allen denen - in- und außerhalb des liberalen Lagers - gestellt, die bereit und entschlossen sind, zur dauerhaften Stabilisierung unserer Demokratie den "langen Weg zur Mitte" zu wagen. Das ist das Grundsätzliche und wohl auch grundsätzlich neu Akzentuierte, was hinter unserer diesjährigen Auswahl steckt, für die spezielle Begründung an den Beispielen unserer Preisträger nun folgen soll. Um es gleich vorauszuschicken: Es liegt uns fern, mit der Auszeichnung von Herrn Alois Schardt und den Mitgliedern der Redaktionsgemeinschaft der ehemaligen Wochenzeitung "PUBLIK" in der Internen Auseinandersetzung um das Ende von "PUBLIK" mehr oder weniger schadenfroh Partei ergreifen zu wollen. Es ist gar nicht ausgeschlossen, daß ein THEODOR-HEUSS-PREIS auch ohne seine Einstellung in Betracht gekommen wäre. Was wir mit der Auszeichnung meinen, möchte ich etwas ausführlicher darstellen: Die Zeitschrift entstand aus einer Initiative der katholischen Kirche in der Bundesrepublik, vertreten durch ihre Bischöfe. Die Redakteure der ersten Stunde hatten den Auftrag erhalten, die Ergebnisse des Zweiten Vatikanischen Konzils und die Grundtendenz dieser Ergebnisse mit den Möglichkeiten der Publizistik in die innerkirchliche Diskussion hinein und aus ihr wieder hinauszutragen. Vor allem in jenen Fragen, die zwischen Kirche und Welt, zwischen Gesellschaft und Glauben liegen, sollte eine offene Diskussion innerhalb der katholischen Kirche, aber auch mit ihrer politischen und sozialen Umwelt geführt werden. Es besteht gar kein Zweifel, daß dieser Auftrag von seiten der Bischöfe ebenso ernst gemeint war, wie er vom Chefredakteur und von der Redaktion von der ersten bis zur letzten Nummer mit großem Verantwortungsgefühl ernst genommen wurde. Das eigentliche Dilemma entstand, wie so oft in der Geschichte politischer, religiöser oder menschlicher Konflikte, nicht beim "Das", sondern beim "Wie"; im Fall von "Publik" bei der allwöchentlichen Konkretisierung und Realisierung des Auftrages. Denn Herr Schardt und seine Redaktionsgemeinschaft haben den entscheidenden Schritt aus der bis zum Konzil obligatorischen Bindung in politischen, sozialen und weltanschaulichen Fragen in die offene Auseinandersetzung nun auch getan, und wie schwer und wie beschwerlich dies im Einzelfall war, läßt sich an zahlreichen Beispielen belegen. Ich erinnere an die Bemühungen des Blattes um die Probleme unterprivilegierter Gruppen, zum Beispiel der Gastarbeiter im kleinen, der Entwicklungsländer im großen. Gerade bei der Behandlung dieser Probleme zeigte es sich immer wieder, wie weit der Weg vom Lippenbekenntnis bis zur verantworteten Position ist. Mit der gleichen Grundeinstellung wurden beispielsweise auch die Probleme der Studentenunruhen, ihre Ursachen und Folgen behandelt oder auch die in diesen Jahren in den Vordergrund rückenden Entscheidungen in der Ost- und Friedenspolitik. Um nicht ins Fachsimpeln zu geraten, möchte ich meinen eigenen Arbeitsbereich, die Bildungspolitik, die wie in keinem vergleichbaren Blatt sachverständig und engagiert vertreten wurde, nur erwähnen. Von der Behandlung strittiger Fragen abgesehen hat es uns immer beeindruckt, daß "PUBLIK" seine zahllosen Diskussionen niemals polemisch oder rechthaberisch ausgenutzt, sondern stets und immer wieder zur Stärkung des selbständigen Urteils und Weckung des Informationsbedürfnisses fortentwickelt hat. Hierin liegt meines Erachtens ein ganz besonderes Verdienst.
In dieses Kapitel gehört übrigens auch, daß sich "PUBLIK" niemals einem Vorurteil für oder gegen die eine oder andere Partei unterworfen hat, was Im Hinblick auf die bis dahin eindeutige Bindung der katholischen Publizistik an eine bestimmte Partei ein ebenso mutiger wie wichtiger Schritt war. Dabei war ihre Überparteilichkeit weder fingiert noch standpunktlos oder präzeptorisch: sie war vorbildlich demokratisch. Zur theologischen Diskussion vermag ich nur so viel zu sagen, als daß es auch für Nichtkatholiken hochinteressant war, theologische Positionen von so unterschiedlicher Akzentuierung in einer einzigen Zeitung versammelt zu finden. Damit wurde auch dem Laien ein Bild der Vielfalt und der fachlichen Probleme der katholischen Theologie ohne Betulichkeit und Retusche vermittelt. Ich vermute, daß damit auch der innerkirchlichen Diskussion ein guter Dienst in Richtung Entemotionalisierung erwiesen wurde, der hoffentlich seine Wirkung nicht verfehlen wird. Zusammenschauend hat "PUBLIK" also den Nachweis erbracht, daß auch die Zeitschrift einer traditionell geschlossenen gesellschaftlichen Großgruppe durchaus die Möglichkeit hat, bei ihren Lesern ein offenes gesellschaftspolitisches Verständnis, das über die geprägte politische, soziale und konfessionelle Gebundenheit hinausführt, zu wecken, zu stärken und glaubwürdig zu machen. Das setzt allerdings voraus, daß alle Beteiligten die Unruhe ertragen lernen, die durch Offenheit, Diskussion und Pluralität zwangsläufig in jeder Großgruppe entsteht. Ich glaube, das ist eine wichtige Erfahrung - nicht nur, aber auch im Falle von "PUBLIK": Der Weg aus einer fiktiv gewordenen, nicht mehr tragfähigen und belastbaren Bindung und Geschlossenheit heraus und die Suche nach neuen Übereinstimmungen muß zwangsläufig immer über eine Durststrecke der Verunsicherung und Unruhe führen.
Wenn wir diesen Zusammenhang nicht erfassen und die gewiß auch mühsame Phase des übergangs nicht ertragen und durchstehen können, dann wird es in unserem Land niemals zu evolutionären Veränderungen kommen. Wohl aber wären revolutionäre Umbrüche zu befürchten. Ich weiß nicht, ob man als Außenstehender behaupten darf, daß "PUBLIK" letztlich das Opfer der auch innerhalb der katholischen Kirche vorhandenen, aber nicht ausreichend ertragenen Unruhe geworden ist. Ein solches Urteil steht uns nicht zu. Wohl aber möchten wir mit der Auszeichnung unseren Dank und unsere Anerkennung dafür zum Ausdruck bringen, daß der Versuch zum Ertragen von Unruhe unternommen wurde. Es ist das große Verdienst von Herrn Schardt und seines Redaktionskollegiums, daß sie den Mut hatten, 'gegen den Strom zunehmender Polarisierung und Konfrontation zu schwimmen, indem sie dem kontroversen Gespräch und dem sachlichen Argument immer von neuem eine Chance öffneten. In einer Zeit, in der das Wort Konfrontation zumeist als Vorwand für weltanschauliche Starrheit herhalten muß, wurde "PUBLIK" zu einer Stätte rationaler und vielfältiger Diskussion, mit der allein ideologische Verkrustungen aufgebrochen und abgebaut werden können. Auf diese Weise und in diesem Sinne fand sich immer wieder und über alle Partei- und Konfessionsgrenzen hinweg eine Koalition der Sachlichkeit zusammen, wie sie ja auch von unserem leider viel zu früh verstorbenen Vorstandsmitglied Waldemar Besson noch kurz vor seinem Tode beschworen wurde.
Mit der Einstellung von "PUBLIK" wurde zweifellos ein Zeichen gesetzt. Ich meine die Einsicht, daß die Aufgabe und der Auftrag, der hier in Frage stand, ganz unabhängig vom "Fall" "PUBLIK" weiter gestellt ist und daß es darauf ankommen wird, nun auf andere Weise und in anderer Form an der Lösung dieser Aufgabe weiterzuarbeiten. Wir wissen, daß in unserem Lande wie in jeder anderen demokratischen Gesellschaft die Gefahr des Mißbrauchs der Freiheit vorhanden ist und daß sie in den letzten Jahren nicht kleiner geworden ist. Diese Sorge darf uns aber nicht ängstlich und tatenlos machen, sondern mutig und engagiert, so wie es beispielsweise in den drei Gruppen, die heute Theodor-Heuss-Medaillen empfangen sollen, in beispielhafter Weise geschehen ist. Da ist zunächst der Verein für Gemeinwesenarbeit in München, ein Zusammenschluß von gesellschaftlich und weltanschaulich sehr unterschiedlich geprägten Gruppen (zum Beispiel Caritasverband, Arbeiterwohlfahrt, Paritätischer Wohlfahrtsverband, Kreisjugendring, Deutscher Werkbund usw.). Diese Gruppen begannen im Mai 1970 mit einer sehr neuartigen Arbeit. Sie wollten in neuen Wohngebieten Münchens, zunächst insbesondere in Neu-Perlach, die dort sehr zahlreich auftretenden sozialen und gesellschaftlichen Probleme aufgreifen und einer Lösung zuführen. Dabei zielt die Arbeit des Vereins darauf ab, der in diesen Stadtteilen plötzlich und zufällig zusammengewürfelten Wohnbevölkerung für ihre zahlreichen neuen Lebens- und Umweltprobleme mit Rat und Hilfe - auch und vor allem zur Selbsthilfe - zur Seite zu stehen. So bemüht sich die kleine, aber aktive Gruppe der Gemeinwesenarbeiter beispielsweise um die Organisation von Nachbarschaftshilfen, um Einrichtungen für eine gezielte außerschulische Jugendarbeit, um Hausaufgabenbetreuung, um Eltern- und Erwachsenenbildung. Dabei arbeitet sie mit Wohlfahrtsverbänden, mit Fachinstituten und Fachleuten zusammen, erschließt neue Hilfsquellen und sucht in Zusammenarbeit mit den Bewohnern und Behörden nach wenn nötig auch unkonventionellen Problemlösungen. Bisher konnte eine stattliche Zahl konkreter Initiativen ergriffen werden, für die allerdings nur zwei hauptamtliche und etwa fünfzehn ehrenamtliche Mitarbeiter zur Verfügung stehen. Abgesehen von Informationsveranstaltungen, Arbeitskreisen und Aktionen, an denen sich Bürger aus allen sozialen Schichten beteiligten, gibt es jetzt zwei aktive Elterngruppen, die sich vor allem um Vorschulerziehung und um die Beseitigung von Mängeln in der schulischen Versorgung bemühen. Außerdem wurde ein "Schüler-Coop" gegründet, der Schülern außerhalb der Schulzeit offensteht. Interessierte Eltern werden an dieser Arbeit beteiligt. Außerdem werden Beratungen bei leider immer häufiger werdenden pädagogischen, psychologischen oder Verhaltensstörungen durchgeführt. Dieses neuartige Modell, mit dem neben die traditionellen Formen der Sozialarbeit eine aktive Form der Befähigung zur Selbsthilfe gestellt wird, schien Vorstand und Kuratorium deshalb besonders interessant und auszeichnungswürdig, weil man sich hier mit eigenen Kräften und trotz beschämend geringer finanzieller Mittel bemüht, all die unvorhergesehenen Probleme aufzugreifen, die bei der Schaffung neuer Großstadt-Wohnviertel entstehen. Nicht nur diese Probleme sind es aber, die der öffentlichen Beachtung bedürfen, sondern vor allem die Ursachen hierfür, die es zu beseitigen gilt. Das aber ist nicht nur eine Aufgabe der Städteplaner, der Architekten, der Gesellschafts- und Sozialwissenschaftler: das ist eine Aufgabe aller Verantwortlichen: Wir müssen unsere Städte und unser Zusammenleben menschlicher gestalten! Eine ganz andere, gleichfalls beispielhafte Arbeit besonderer Art wird nun seit nun schon vierzehn Jahren vom Verband für Praktizierte Humanität, der sich auch "Der Schwimmgürtel" nennt, in Hamburg geleistet, deren Initiator und Promotor Herr Hans Hermann Hoffmann ist. Was in den Anfangsjahren zunächst als ein sozialpädagogisches Experiment begonnen wurde, hat sich in den letzten Jahren zu einer außerordentlich aktiven, einfallsreichen und beispielhaften Gruppenarbeit entwickelt. Herr Hoffmann, seine Mitarbeiter, Mitglieder und vor allem eine wachsende Zahl junger Menschen bemühen sich nicht nur um alte, kranke, behinderte und einsame Menschen, um ausländische Studenten, um junge Gastarbeiter, sondern auch um das Verständnis für grundsätzliche und aktuelle politische Fragen, um Individuelle und generelle Probleme der jungen Generation, um neue Formen der Freizeitgestaltung, und das alles immer wieder mit neuen Ideen und unter der Devise der praktizierten und praktizierenden Humanität. Ich zitiere wörtlich aus einem der vielen einfallsreichen Plakate: "Der Schwimmgürtel" (kein Schwimmverein) will Alten und Kranken helfen. Nach dem Motto: Statt Kinobesuch ein Krankenbesuch, statt für sich allein lesen mal einem Blinden vorlesen - oder bei einem Einkauf gelegentlich eine zweite Tasche für einen alten oder kranken Nachbarn mitnehmen. Hierfür werden... junge freiwillige Helfer gesucht..." Wir haben bei unseren Recherchen sehr genau festgestellt, daß diese Gruppe nicht nur einem gelegentlich geradezu rührend anmutenden Idealismus huldigt, sondern daß sie bei aller idealistischen Einstellung sehr realistisch und sehr erfolgreich wirkt und arbeitet. Gerade weil diese Verbindung von zähem Idealismus und handfestem Gespür für aktuelle Probleme unter Verzicht auf alle modischen "Trends" bei uns heute so selten zu finden ist, gerade deshalb bedarf dieser Kreis unseres Erachtens auch der besonderen Ermutigung und Unterstützung. Die dritte Gruppe, die heute eine THEODOR-HEUSS-MEDAILLE erhalten soll, ist die PROP-Alternative e. V. in München, ein Modell zur Bekämpfung des Drogenmißbrauchs und der Reintegration von Drogenabhängigen. Diese Auszeichnung ist diejenige gewesen, die uns in diesem Jahr am meisten und am längsten beschäftigt hat. Nicht etwa, weil wir Sorgen gehabt hätten, mit dieser Auswahl die Festtagsfreude zu beeinträchtigen, nicht etwa, weil für diese Gruppe zwischen Erfolg und Scheitern immer nur ein kleiner Schritt ist, sondern deshalb, weil wir uns darüber klarwerden mußten, ob der PROP-Alternatlve und ihren Zielen mit einer Auszeichnung überhaupt spürbar geholfen werden könne. Denn jeder von uns weiß mittlerweile, daß das Problem der Bekämpfung des Drogenmißbrauchs und vor allem der Reintegration von Drogenabhängigen so schwierig, so vielschichtig und so ungelöst ist, daß man es kaum wagen kann, ein einziges Modell hierfür als beispielhaft herauszustellen. Nun, was wir von unseren Preisträgern verlangen, das müssen wir auch uns selber abverlangen: den Mut zum Risiko. Die Gefährdung unserer jungen Generation durch Drogenabhängigkeit ist die wohl schwerste Sorge und Verantwortung, die auf uns lastet. Wir müssen ihr begegnen. Und wenn wir persönlich dazu nicht imstande sind, dann müssen wir wenigstens diejenigen unterstützen, die dazu bereit sind. Die PROP-Alternative war die erste Gruppe, die dies aus eigener Initiative getan hat, und deshalb wollen wir sie heute stellvertretend für alle anderen Gruppen mit einer THEODOR-HEUSS-MEDAILLE auszeichnen. Die PROP-Alternative wurde vor rund einem Jahr gegründet, als sich ehemalige Drogenabhängige unter Leitung von Herrn Wolf zusammenschlossen und mit der Anmietung eines abbruchreifen Hauses ihre Arbeit begannen. Alles, was seit diesem ersten Schritt geschehen ist, ist charakteristisch für die Schwierigkeiten in der Sache selbst. Die Wohnmöglichkeiten im baufälligen Haus waren und blieben außerordentlich primitiv. Es fehlte immer an Geld, es gab Erfolge und Rückschläge. Die Zusammensetzung der Gruppe wechselte, und mehr als einmal stand das ganze Unternehmen vor dem endgültigen Scheitern. Es ist der selbstlosen Hilfe engagierter Laien, Ärzte und Psychologen zu danken, daß die PROP-Alternative allen Widrigkeiten zum Trotz nicht aufgab und immer wieder einen Ausweg fand. Stellvertretend für alle tapferen Mitarbeiter und Helfer möchte ich nur Frau Jost nennen, die in ganz besonders aufopferungsvoller Weise auch in den schwersten Tagen nicht aufgegeben hat. Die THEODOR-HEUSS-MEDAILLE für diese opferbereite und an Enttäuschungen reiche Arbeit mag von manchem von uns vielleicht nicht mehr als ein Ausdruck des schlechten Gewissens gewertet werden. Wir wollen aber versuchen, gerade der PROP-Alternative auch weiterhin mithelfend verbunden zu bleiben, und vielleicht findet sich auch unter Ihnen, verehrte Gäste, der eine oder andere Mäzen.
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Dank
Herr Schardt:

Liebe Frau Dr. Hamm-Brücher! lch darf Ihnen im Namen meiner Mitarbeiter und auch persönlich danken für diese ehrenvolle Auszeichnung. Es ist nicht leicht, solche Preise entgegenzunehmen, und dieser war für uns, ich möchte fast sagen besonders schwierig, entgegenzunehmen, einmal, weil zum ersten Mal für viele Leute, und darauf hatten Sie und hat Herr Staatssekretär Ahlers angesprochen, die Verbindung, einer katholischen Arbeit mit einer liberalen Stiftung, wie ich hoffe und meine, in ein unbefangenes Verhältnis gekommen ist. Wenn wir ein bißchen dazu beigetragen haben, das Unbefangene zu machen, dann sind wir sehr stolz darauf. Das zweite ist, Sie haben viel Lobenswertes über uns gesagt, wir haben eine Arbeit anfangen können und als Torso zurückgelassen; vieles von dem, was Sie lobend gesagt haben, trifft alle journalistische Bemühung, für uns war es wichtig, und ich glaube, das war die einmalige Chance einer Großgruppe wie der deutsche Katholizismus, in uns selber als Redaktionsgemeinschaft die Spannungen, die da sind, auszuhalten und auszudiskutieren. Wir können das nun nicht mehr weiter tun, weil es diese Zeitung nicht mehr gibt, aber ich wollte das nur sagen, weil diese Leistung und diese Diskussion uns diese Arbeit erst ermöglicht hat und weil uns dabei sehr viele geholfen haben, die als freie oder ständige oder feste Mitarbeiter das Blatt PUBLIK zu dem gemacht haben, was es war, und ich wollte diesen Preis auch dann ein wenig auf diese Mitarbeiter übertragen.

Herr Hoffmann:

Für mich ist es etwas Ungewöhnliches, vor so einem großen, erlauchten Kreis zu sprechen. Ich habe etwas Hemmungen, weil es für mich ja, wie gesagt, auch sprachlich etwas schwer sein wird. Aber dessen ungeachtet mit bewegtem Herzen möchte ich einige Worte hier vorlesen. Ich möchte mich sehr herzlich, besonders bei Frau Dr. Hamm-Brücher, für diese Auszeichnung des Verbandes für Praktizierte Humanität für diese Theodor-Heuss-Medaille bedanken. Wir hoffen und wünschen, daß diese Anerkennung der praktischen Humanität im Denken und Handeln in der öffentlichkeit zum Durchbruch verhelfen wird. Es geht nicht um mich, es geht nicht um den Verband, ich möchte es noch mal betonen, es geht darum, den Gedanken der praktizierten Humanität weiterzutragen. In diesem Sinne bitte ich alle, uns in dieser Arbeit zu unterstützen und von München nach Hamburg, von Hamburg nach München die Brücke zu bauen in der praktizierten Humanität. In diesem Sinne: Auf Wiedersehen!

Frau Jost:

Wir danken der Theodor-Heuss-Stiftung für die Anerkennung unserer Arbeit. Diese Anerkennung gilt nicht nur dem Verein PROP-Alternative, sondern allen Gruppen, die sich mit dem Drogenproblem auseinandersetzen. Sie hilft auch, in der Öffentlichkeit aufmerksam zu werden, daß hier Menschen Verständnis haben für eine Gruppe von jungen Menschen, die bisher in der öffentlichkeit ziemlich angefeindet wurde. Vielleicht werden Eltern und Lehrer und Arbeitgeber jetzt aufmerksamer, denn die Mitglieder des Kuratoriums der Theodor-Heuss-Stiftung, die diese EntScheidung getroffen haben, sind ja zum Teil Pädagogen, aber auch Eltern und Arbeitgeber. Wir alle, die sich mit den jungen Menschen oft sehr hart auseinanderzusetzen haben, können nur eine Stütze sein. Den schweren, oft dramatischen Kampf, sich von der Droge zu befreien, müssen die jungen Menschen ganz alleine mit sich ausmachen. Wir Eltern, Lehrer und Arbeitgeber müssen aber erreichen, daß die Diskriminierung in der Öffentlichkeit abgebaut wird. Durch das Verständnis und die damit verbundene Hilfe können wir dem jungen Menschen das Gefühl geben, daß er nicht allein ist in diesem schweren Kampf.

Dr. Weber:

Liebe Frau Hamm-Brücher! Wer Medaillen vergibt und Preise, der muß damit rechnen, daß die Leute sich bedanken, und dann geht es etwas länger. Und wenn er noch dazu demokratisches Verhalten prämiert, dann muß er damit rechnen, daß nicht nur Prominenz von einem Mikrophon Besitz ergreift. Ich bedanke mich zunächst im Namen der Bürger, die mit uns zusammenarbeiten, im Namen der Mitarbeiter, die, seit wir bestehen, das Risiko der von Vierteljahr zu Vierteljahr verlängerten Dienstverträge in Kauf nehmen, und Im Namen der Mitglieder, die in einem sehr mühsamen Bewußtseinsprozeß oder Denkprozeß versuchen, zu einem gemeinsamen Verständnis von Gemeinwesenarbeit zu kommen. Sie haben vorhin gehört, welch verschiedene traditionsbewußte Verbände sich bei uns zusammengeschlossen haben; so scheint uns dies auch ein Stück Gemeinwesenarbeit zu sein, daß die Großgruppen dieser Gesellschaft Ihre Separierung aufgeben und übergreifende Gesichtspunkte finden, weil wir sonst nicht zu Strategien der Hilfe und der Selbsthilfe kommen. Die Gesellschaftsprobleme, auf die wir stoßen in den Stadtrandgebieten, aber auch in Sanierungsgebieten, sind ungeheuer groß. Keine Sozialapparatur dieser Gesellschaft kann sie auffangen, heute schon nicht, geschweige denn in Zukunft. Wir haben heute auf dem Podium gehört, wie die Finanzlage z. B. ist, es wurde sehr stark appelliert an die Selbsthilfebereitschaft. Es gibt ein sehr schwerwiegendes Problem gegen diese Selbsthilfe; nicht nur, daß unsere Gesellschaft eigentlich keine öffentlichen Tugenden erzieht in dem bisherigen Schulsystem, sondern die Menschen sind sehr stark von Angst besetzt. Wir verzeichnen In Perlach nach der Statistik der Neuen Heimat - unsere ist etwas schlechter -: 60% der Menschen, der Familien, haben ein Einkommen bis zu 1400,-DM, 26% bis zu 1000,-DM. Wenn Sie überlegen, daß eine 3-Zimmer-Wohnung von 80 m2 350,-DM kostet, dann können Sie sich vorstellen, daß die Menschen permanent in Angst vor Räumung leben. Und ein Mensch, der in Angst vor Räumung lebt, vor dem Verlust von etwas Notwendigem wie Wasser und Luft und Nahrung, der seine Wohnung verliert, der ist bereit, alles zu tun, was die große Muttergesellschaft von ihm verlangt - diese Gesellschaft, repräsentiert von den Wohnungsgebern und dann wieder von den Hausmeistern. Und so werden Kinder unterdrückt, weil sie die Ordnung nicht einhalten, oder es werden Nachbarn denunziert, weil sie dagegen verstoßen haben, oder ihre Kinder, und wenn es Konflikte gibt, werden sie In den Familien ausgetragen; dazu kommt, daß die Wohnungen so klein sind - denn es ist zu teuer - , daß niemand dort seine Bedürfnisse ausagieren kann; die Aggressionen werden aber ausschließlich in der Familie ausgetragen. Und mit Menschen, die so in Angst leben, etwas zu unternehmen, was sie zur Selbsthilfe befähigt, das ist außerordentlich schwierig, es ist mindestens so schwierig, wie traditionsbewußte Verbände oder an Kompetenzdenken orientierte Behörden zur Zusammenarbeit zu bewegen.
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Schlusswort
Prof. Helmut Becker
Zu den mancherlei sanften Zwängen, unter denen wir uns hier durch Hildegard Hamm-Brücher zusammenfinden, gehört auch der, daß offenbar in Erinnerung an Theodor Heuss, der ein Meister der freien Rede war, zum Schluß nun irgendein vom Vorstand ausgewähltes Opfer ein Schlußwort sprechen soll, das die wesentlichen Fäden dieses Vormittages noch einmal zu einem Knoten verbinden soll. Das ist heute besonders schwierig. Auf die Frage, warum eigentlich die Reformen nicht stattfinden, würde Ich zunächst einmal gerne mit Bert Brecht antworten, daß die neuen Zeitalter nicht auf einmal beginnen, daß der Großvater schon in der neuen und der Enkel manchmal In der alten Zelt lebt. Das heißt, daß der Reformrhythmus anders Ist, als es sich unser an der Zeitraffertechnik von Film und Fernsehen geschultes Denken vorstellt. Es gibt dann einen anderen Punkt in diesem Zusammenhang. Die OECD hat kürzlich zum ersten Mal eine Beurteilung der deutschen Bildungspolitik vorgenommen, und in dem Schlußteil dieser Beurteilung wird als der Hauptgrund für das Scheitern oder das vorläufige Nichtzustandekommen der Bildungsreform das deutsche Laufbahndenken angegeben. Wenn ich heute die vorsichtige Umkreisung des Begriffes der Bürokratie in den verschiedenen Diskussionsbeiträgen richtig mitbekommen habe, dann steht dahinter dasselbe Phänomen: daß unser Berufsbeamtentum eine Form des Laufbahndenkens auch weit über das Berufsbeamtentum hinaus in dem Verhältnis von Bildung und Stellung erzeugt hat, die ein Hindernis, und zwar ein deutliches Hindernis, für die Reform unseres Bildungswesens darstellt. Es stellt aber darüber hinaus noch ein ganz anderes Hindernis dar, nämlich ein Hindernis im praktischen Vollzug verändernder Arbeit, die immer auf eine komplizierte Weise zwischen dem Vorgriff der Utopie und dem Nachvollzug der kleinen Schritte stattfinden muß und deshalb ein Ausmaß an Initiative, an Teilnahme des einzelnen erfordert, die durch Laufbahndenken und Bürokratie geradezu verhindert wird. Es wäre reizvoll, die heutigen Redner unter dem Gesichtspunkt ihrer persönlichen Laufbahn zu analysieren, von der Chemikerin Hildegard Hamm-Brücher angefangen bis zu Conrad Ahlers. Ich möchte nur noch einen Satz über unseren Preisträger in diesem Zusammenhang sagen, nämlich über Alois Schardt. Wenn man sich vorstellt, daß ein Mensch, der zunächst als Angehöriger der katholischen Jugend in Hitlers Gefängnisse geraten ist, der dann Soldat wurde, eine Verwundung erhielt, an deren Folgen er noch heute trägt, der dann Psychologie studierte, der dann mit dieser merkwürdigen Vorbereitung Kulturreferent in der Bundesgeschäftsstelle der CDU und anschließend dasselbe im Zentralkomitee Deutscher Katholiken wurde, um dann im Telekolleg des Bayerischen Rundfunks zum ersten Mal eine sehr systematische Weiterbildungsarbeit in der Welt der Massenmedien zu organisieren, um dafür dann schließlich zum ersten Mal eine Auszeichnung von der anderen Seite, nämlich das Bundesverdienstkreuz, durch den hessischen Ministerpräsidenten verliehen zu bekommen, weil er inzwischen nach Hessen übergesiedelt war; und zu guter Letzt nun in PUBLIK - der den Weg der Kirche aus dem Getto, den Weg, der in anderen Ländern, wie Frankreich, längst beschritten ist, nämlich Kooperation von Religion und Wissenschaft und von Glauben und Rationalität in einem publizistischen Medium zu organisieren: dann ist das fern von jeder Laufbahn, wie man sie durch bestimmte Voraussetzungen erwirbt. Und ich glaube, das ist das Interessante, daß wir alle von dem heutigen Morgen mitnehmen können. Wenn Sie sich unsere Lage mit den Reformen anschauen - und wir stehen ja alle an irgendeinem Punkt, wo wir versuchen, an dieser Reform zu arbeiten - , wenn wir auch diese sogenannte Resignation analysieren: Die Schwierigkeit ist, daß zusammenkommen müssen Glauben und Rationalität. Das ist übrigens gar nicht so neu. Schon bei Anselm von Canterbury heißt es: Der Glaube sucht den Verstand - Glauben und Rationalität, Öffentlichkeit, Demokratie, Wissenschaft als Voraussetzung politischer Entscheidung, und dieses alles, meine Damen und Herren, in einer Vermittlung persönlicher Teilhabe. Diese ganze Frage der Übertragung in persönliche Aktion und der Auflösung unserer Vorstellungswelt von einem bürokratischen Staat und einem demokratischen Parlament durch eine Gesellschaft, in der jeder an seiner Stelle das Notwendige tut - und dafür haben nun alle Preisträger sehr markante Beispiele geliefert. Ich glaube, wir können fortgehen in dem Bewußtsein, daß jeder von uns an dem Weg dieser Preisträger lernen kann, worauf es heute ankommt.

1972