Theodor Heuss Stiftung

Walter Scheel
und
Aktion junge Menschen in Not, Gießen

(Verantwortung in der Demokratie, Strafvollzug)

Der THEODOR-HEUSS-PREIS für 1971 wurde HERRN WALTER SCHEEL zuerkannt. Herr Walter Scheel hat durch tapfere Entschlossenheit bei der Verwirklichung als richtig erkannter politischer Entscheidungen dazu beigetragen, daß demokratisches Denken und Handeln in unserem Lande neue und belebende Impulse erhalten haben.
Durch seinen Mut zu demokratischer Verantwortung und sein Stehvermögen, in dieser Verantwortung zu handeln, hat er entsprechend den Bestimmungen der Satzung ein außergewöhnliches Beispiel "demokratischen Verhaltens und der Zivilcourage" gegeben.
Seine zielbewußten, von liberalen und humanen Überzeugungen getragenen Bemühungen für das Selbstverständnis einer noch nicht zureichend entwickelten demokratischen Gesellschaftsform verdienen Anerkennung und Ermutigung.

 

Der THEODOR-HEUSS-PREIS für 1971 wurde der "AKTION - JUNGE MENSCHEN IN NOT E. V." (Gießen) zuerkannt.
Die "Aktion - Junge Menschen in Not e. V." ging aus jahrelangen Erfahrungen bei der Betreuung junger Strafgefangener durch Gießener Pfadfinder hervor. Zielsetzung der Aktion ist es, jungen Strafgefangenen auch nach ihrer Entlassung Rat, Hilfe und Unterstützung bei der Rückkehr in das Leben in Freiheit zuteil werden zu lassen. Zur Verwirklichung dieser Aufgabe wurde ein Heim geplant, in dem entlassene jugendliche Strafgefangene in Gemeinschaft mit anderen jungen Menschen leben können, bis sich ihre Lebensverhältnisse gefestigt haben. Die Öffentlichkeit wurde in zahlreichen Veranstaltungen, Schriften und Informationsgesprächen auf die gesellschaftspolitische Verantwortung für diese Aufgabe aufmerksam gemacht und um Unterstützung gebeten.
Die Mitglieder der Aktion - überwiegend junge Menschen - tragen durch Einsicht, Einsatz und Beständigkeit dazu bei, daß ein ungelöstes gesellschaftliches Problem aufgegriffen und konkrete mitbürgerliche Hilfe geleistet wird. Ihre Initiative verdient dankbare Anerkennung, Ermutigung und Nachahmung.

Hans-Hermann Stöhrenberg (Autobahn-Leitplanken)

Eine THEODOR-HEUSS-MEDAILLE für 1971 wurde HERRN HANS-HERMANN STÜHRENBERG zuerkannt Herr Stührenberg hat aus eigener Initiative und durch eigenen Einsatz entscheidenden Anteil an der Beseitigung einer tödlichen Gefahrenquelle auf unseren Straßen. In jahrelanger Arbeit hat er nachgewiesen, daß die Endstücke der Leitplanken auf Autobahnen und Bundesstraßen bei Unfällen wie „tödliche Spieße" wirkten, hierüber eine dreibändige „Leitplankenstudie" verfaßt und nicht eher geruht, als bis vom zuständigen Ministerium eine neue Form der Verankerung der Leitplankenenden angeordnet wurde. Seine unermüdlichen und selbstlosen Bemühungen und sein Verantwortungsgefühl für das Allgemeinwohl verdienen dankbare Anerkennung und Ermutigung.

Aktion Bildungsinformation Stuttgart (Mehr Bildungschancen)

Eine THEODOR-HEUSS-MEDAILLE für 1971 wurde der AKTION BILDUNGSINFORMATION E. V. (Stuttgart) zuerkannt
Die Aktion Bildungsinformation - von Studenten initiiert und geleitet - hat in ungezählten Einzelbemühungen, Initiativen und Aufklärungsschriften dazu beigetragen, daß das Fernlehrwesen in der Bundesrepublik der erforderlichen öffentlichen Kritik und Kontrolle unterstellt und in entscheidenden Punkten verbessert wurde.
Es ist das Verdienst der Aktion, daß sich als Folge ihrer selbstlosen, oft unter erschwerten Umständen geleisteten Bemühungen die Praktiken, Vertragskonditionen und die Selbstkontrolle der Fernlehrinstitute in der Bundesrepublik ebenso gebessert haben wie der Schutz für den einzelnen Teilnehmer.
Dafür verdienen die Initiatoren und Mitarbeiter der Aktion dankbare Anerkennung und Ermutigung.

Mehr Demokratie braucht
mehr Demokraten

Theodor Heuss Stiftung Theodor Heuss Stiftung Theodor Heuss Stiftung Theodor Heuss Stiftung Theodor Heuss Stiftung Theodor Heuss Stiftung Theodor Heuss Stiftung Theodor Heuss Stiftung

Begrüßung
Prof. Waldemar Besson
Namens des Vorstandes und des Kuratoriums der Stiftung des Theodor-Heuss-Preises begrüße ich Sie, meine Damen und Herren, auf das herzlichste. Es ist uns eine große Ermutigung und Bestätigung, daß Sie in so großer Zahl unserer Einladung gefolgt sind. Herzlich willkommen zur 7. Verleihung des Theodor-Heuss-Preises hier in München. Ich begrüße unter den zahlreichen Gästen, die gekommen sind, in erster Linie den Vertreter der Bundesregierung, Herrn Bundesjustizminister Jahn. Ich begrüße sehr herzlich Herrn Bundeswissenschaftsminister Leussink, der in keiner offiziellen Funktion heute da ist. Ich bin ganz sicher, daß er nur gekommen ist, um zu gucken, was seine Staatssekretärin hier in München so alles treibt. Ich begrüße, nein, den begrüße ich nicht, Herrn Scheel als Außenminister, begrüße ich nicht, denn der steht ja nachher im Mittelpunkt der ganzen Unternehmung, aber sehr herzlich begrüße ich den Herrn Oberbürgermeister der Stadt München, unseren alten und bewährten Freund Dr. Vogel. Eine große Zahl der in München akkreditierten Vertreter ausländischer Mächte sind hier heute erschienen. Ich begrüße die Vertreter des konsularischen Corps in der bayerischen Landeshauptstadt.
Vorstand und Kuratorium sind sehr glücklich, daß über die Jahre hin die Beziehungen zur Familie Heuss immer sehr eng und vertrauensvoll gewesen sind, und deswegen, sehr verehrte Frau Ursula Heuss, begrüße ich Sie als Schwiegertochter von Theodor Heuss sehr herzlich in unserem Kreise zusammen mit Ihren Kindern Barbara und Ludwig. Wir haben also heute auch schon die zweite bzw. die dritte Generation Heuss unter uns.
Nicht mehr begrüßen kann ich den langjährigen Ehrenvorsitzenden unseres Vorstandes, Herrn Prof. Hohmann, der verstorben ist und der über viele Jahre hinweg treu zu unserer Sache gestanden hat als einer der letzten persönlichen Freunde von Theodor Heuss aus seiner Jugendzeit. Um so herzlicher aber gilt der Gruß seiner Gattin, Frau Hohmann, die wir herzlich in unserem Kreise willkommen heißen. Dann müßte ich, da der Theodor-Heuss-Preis ja in die Jahre kommt, wie man schon an den äußeren Umständen sieht, jetzt eine Reihe von Preisträgern begrüßen, das tue ich nicht, ich nenne sie alle zusammen und freue mich, daß wir auch die Preisträger vergangener Jahre hier unter uns haben, die zum Teil sehr weite Reisen nicht gescheut haben. Herzlich willkommen und herzlichen Dank für die Anhänglichkeit, die Sie uns bezeigen.
Meine Damen und Herren, damit bin ich schon am Ende der Begrüßung. Ehe nun einige Gäste das Wort an uns richten werden, Herr Bundesjustizminister Jahn und Herr Oberbürgermeister Vogel, möchte ich gleichzeitig schon den danach zu Ihnen sprechenden Dr. Theo Sommer begrüßen und gleichzeitig in unserem Kreise vorstellen. Der Theodor-Heuss-Preis dient ja, wie Sie alle wissen, der Förderung und der Propagierung, verzeihen Sie das harte Wort, demokratischer Institutionen, Initiativen und Gesinnungen, so wie Theodor Heuss das eben verstanden haben würde. So ist es wohl nötig, daß von Jahr zu Jahr, wie man modern sagt, das fortgeschrieben wird, d. h., daß wir uns also immer wieder vergewissern, was denn dies alles bedeutet. Und die Rolle des Vergewisserers soll also Herr Dr. Theo Sommer hier spielen. Seine Rede hat den Sinn, uns dieses Nachdenken über den Sinn unseres Tuns zu geben. Wer wäre dafür mehr geeignet als der stellvertretende Chefredakteur eines Weltblattes, der soeben aus Amerika zurückgekommen ist. Ich darf also, meine Damen und Herren, ehe ich Herrn Dr. Sommer das Wort gebe, Herrn Minister Jahn und dann Herrn Oberbürgermeister Vogel das Wort geben. Ihnen allen aber danke ich noch einmal sehr herzlich, daß Sie da sind und daß wir gemeinsam diese Stunde heute früh in Erinnerung an Theodor Heuss erleben werden.

Begrüßung
Oberbürgermeister Dr. Hans-Jochen Vogel
Ich habe heute zum siebten Mal in ununterbrochener Reihenfolge die Ehre, Ihnen zur Verleihung des Theodor-Heuss-Preises die Grüße der Münchner Bürgerschaft und des Münchner Stadtrats zu überbringen. Daß diese beständige Wiederholung noch keine hör- und sichtbaren Zeichen des Überdrusses hervorruft, spricht für die Höflichkeit, zumindest aber für die Strapazierfähigkeit der Beteiligten. Vielleicht will die kluge und charmante Initiatorin des Preises auf diese Weise auch nur die Bildung einer gewissen Tradition fördern. Schließlich treten beim Glockenspiel unter dem Rathausturm ja auch stets die gleichen Figuren auf; nur die Melodien wechseln. Nun - meine Damen und Herren - der Ehrgeiz, bei solchen Gelegenheiten stets etwas Neues sagen zu wollen, ist eigentlich im Grunde nur ein Indiz für ein übersteigertes Selbstbewußtsein des Redners. Unterstellt er doch, seine früheren Ausführungen seien so bedeutend, scharfsinnig und eindrucksvoll gewesen, daß sie seinen Zuhörern noch nach Jahresfrist im Gedächtnis haften. Gerade der höfliche und bescheidene Redner sollte deshalb seinen Text vom Vorjahr unter Änderung der Namen und Jahreszahlen ganz ungeniert wiederholen. Wenn ich mich nicht vollständig an dieses Rezept halte, dann mache ich dafür drei Entschuldigungsgründe geltend: Erstens sind entgegen einer weitverbreiteten Annahme noch nicht alle Heuss-Zitate über München erschöpft und verbraucht. Mein Mitarbeiter, Herr Noel - warum sollte man eigentlich nicht einmal diejenigen mit Namen nennen, die mit solchen Ansprachen die meiste Arbeit haben -, hat ein bisher unbekanntes entdeckt, das ich Ihnen nicht vorenthalten möchte. 1904 schrieb Theodor Heuss aus Berlin in einem Brief an Lulu von Strauß und Torney, die er sympathischerweise auf einem Faschingsball kennengelernt hatte: "Dies der große Vorzug vor München: hier - in Berlin - wird außerordentlich gearbeitet, nach Neuem gerungen - München schläft."

Ich glaube, das würde er heute nicht mehr sagen; wahrscheinlich würde er eher das Gegenteil kritisieren. Übrigens war seine Ansicht wohl auch seinerzeit nicht ganz unbestritten. Denn fast im gleichen Jahr schrieb Thomas Mann als ersten Satz seiner Novelle Gladius dei die berühmten Worte "München leuchtet... ". Wie dem auch sei: Aus vielen Zeugnissen wissen wir, daß sich Theodor Heuss in diesem - schlafenden oder leuchtenden München wohl und glücklich gefühlt und hier gerne gelebt hat.
Zweitens haben Sie den Preis zum ersten Male dem Vorsitzenden einer demokratischen Partei zuerkannt. Darüber hat es unterschiedliche Auffassungen gegeben. Ich halte Ihre Entscheidung für richtig und beglückwünsche den Preisträger und die Stiftung zu dieser Auswahl. Die Ansicht, Politiker dürfe man frühestens bei ihrem Eintritt in den Ruhestand oder noch besser erst bei ihrer Beerdigung rühmen und auszeichnen, ist meines Erachtens ein Ausfluß mangelnder Toleranz und Liberalität, Symptom eines Freund-Feind-Denkens, das der beängstigend um sich greifenden Polarisierung noch zusätzlich Vorschub leistet und letzten Endes nicht ganz frei von Heuchelei. Wir freuen uns außerdem, daß der Preis einem Mann zuerkannt wurde, der zwar sicherlich kein Münchner ist, der aber immerhin am 18. Juli 1969 vor dem Standesamt München I eine Münchner Bürgerin geheiratet hat.

Und zum dritten möchte ich die Gelegenheit benützen, um auch von dieser Stelle aus vor Gewalttätigkeit und Fanatismus in der politischen Auseinandersetzung zu warnen. Unsere Stadt wird seit Monaten von einer Welle von Bombenanschlägen und Brandstiftungen heimgesucht. Ein verhängnisvoller Mechanismus der Eskalation wird gerade auch durch diese Aktionen gefördert. Ich glaube, eine Feier, die das Vermächtnis eines Theodor Heuss in unserer Zeit lebendig halten will, ist der richtige Ort, um mahnend daran zu erinnern, daß Haß und Gewalt, Diffamierung und blinder Fanatismus schon einmal einer freiheitlichen Republik in unserem Lande den Garaus gemacht haben und daß die Schwäche und Unsicherheit der Demokraten eine ständige Einladung und Ermunterung ihrer Feinde bedeutet. Reformen, Liberalität und Freiheit können in einem solchen Klima nicht gedeihen.
Deshalb bitte ich die Stiftung und alle, die ihr verbunden sind, ihre Arbeit gerade jetzt unerschrocken und beharrlich fortzusetzen. Zivilcourage und Mut zur Verantwortung sind notwendiger denn je. Die Landeshauptstadt München wird Sie auf Ihrem Weg auch in Zukunft begleiten.

Begründung für die Auswahl der Preisträger 1971
Prof. Dr. A. Butenandt (Präsident der Max-Planck-Gesellschaft)
Der Theodor-Heuss-Preis wurde 1964 gestiftet, um das Andenken an den ersten Präsidenten der Bundesrepublik, an seine Persönlichkeit und sein Vorbild als liberaler demokratischer Politiker und Staatsmann, wachzuhalten.
Er wird nach den Bestimmungen der Satzung alljährlich verliehen
- für Beispiele und Vorbilder demokratischen Verhaltens und freiheitlicher Gestaltung des Zusammenlebens,
- für bemerkenswerte Zivilcourage,
- für erfolgreiche Aktionen zugunsten des Allgemeinwohls.

Heute wird der Theodor-Heuss-Preis zum siebten Mal verliehen; zum siebten Mal hatten Vorstand und Kuratorium der Theodor-Heuss-Stiftung die Aufgabe zu erfüllen, Preisträger auszuwählen und zu nominieren. Diese Aufgabe ist verantwortungsvoll und gewiß nicht leicht; ich bin geneigt zu sagen, Auswahl und Entscheidung seien von Jahr zu Jahr schwerer genommen worden.
Die alljährlichen Diskussionen im Preisrichterkollegium sind für jeden, der mit dem Herzen dabei ist, ein Erlebnis besonderer Art. Die Mitglieder des Kollegiums - Männer und Frauen - sind durch sehr verschiedene Lebensbereiche geprägt, sie entstammen sehr unterschiedlichen Berufsgruppen, es einigt sie nicht ein gleiches religiöses oder weltanschauliches Band, politisch kommen sie aus allen demokratischen Parteien, und soweit sie keiner Partei angehören, empfinden sie sehr verschiedene Kräftegruppierungen in der Bundesrepublik als ihre politische Heimat.

Eine solche Zusammensetzung sichert, daß die Auswahl der Preisträger nach streng überparteilichen Gesichtspunkten erfolgt, aber sie erleichtert naturgemäß nicht den anzustrebenden Consensus bei der Auswahl und Nominierung der Preisträger. Daß ein solcher dennoch immer erreicht wurde, liegt an einer unabdingbaren Eigenschaft aller Mitglieder des Preisrichterkollegiums: alle sind leidenschaftliche Demokraten, die unsere Staatsform bejahen und um sie bangen und deshalb den Zielen der Theodor-Heuss-Stiftung aus innerer Verpflichtung dienen möchten. Ich bin in den letzten Jahren häufig gefragt worden, ob dieses einzige alle Mitglieder von Vorstand und Kuratorium einigende Band genügen würde, um immer überzeugende Lösungen zu finden. Die Erfahrung aus sieben Jahren zeigt, daß dem so ist; und hierin liegt das besondere Erlebnis, von dem ich sprach. Unsere demokratische Grundhaltung schließt jede Polemik aus, sie nimmt jede Meinungsäußerung ernst; sie billigt einem jeden das Recht zu, den anderen überzeugen zu wollen, weil auch ein jeder bereit und gewillt ist, das Gewicht der Argumente aller Gesprächspartner sachlich zu wägen und sich selbst überzeugen zu lassen und eine mitgebrachte scheinbar festgefügte Meinung zu korrigieren.
Diese Arbeitsweise ruft in mir immer wieder - bitte gestatten Sie mir das Einflechten einer persönlichen Reminiszenz - die Erinnerung an den von Bundespräsident Theodor Heuss berufenen Deutschen Ausschuß für Erziehung und Bildung wach, dessen Meinungsbildung in einem sehr heterogen zusammengesetzten Kreis von gleicher Problematik gezeichnet und auf ähnliche Weise, durch Sachtreue und den "Willen zur integrierten Vielfalt" (Hamm-Brücher) erreicht wurde.
Das Werk des Deutschen Ausschusses, für viele zunächst ein Ärgernis, hat sich unbestreitbar als Wegweiser zu modernen Zielsetzungen in der Bildungspolitik erwiesen, wenn man auch häufig vergißt, ihn als Quelle neuartiger Vorstellungen zu zitieren. Aber darauf kommt es nicht an, allein die Wirkung ist das Entscheidende.
Der naive Laie wünscht sich wohl oft, es möchte diese Art der sachlichen Meinungsbildung in vielschichtig zusammengesetzten Gremien, wie sie an zwei Beispielen erläutert wurde, sich auch in politischen Debatten der Parlamente widerspiegeln. Das wird nicht immer möglich sein, weil dort eine weitere, legitime Komponente der Auseinandersetzung hinzukommt: das Streben nach politischer Macht. Ob diese Komponente aber so weitgehend die Art der Diskussionen und Debatten bestimmen sollte, wie es zumeist der Fall ist, lasse ich dahingestellt.
Ein Blick auf die Auswahl der bisherigen Preisträger der Theodor-Heuss-Stiftung läßt erkennen, daß die Stiftung einen konsequenten Weg gegangen ist, einen Weg, auf dem das politische Geschehen nicht "rechts" oder "links" liegengelassen, die Auseinandersetzung nicht gescheut, der demokratische Standort nicht geleugnet wird.
In der Schriftenreihe, in der die Ansprachen festgehalten wurden, die seit 1965 bei der Verleihung der Preise und Medaillen gehalten wurden, tritt immer wieder der zentrale Gedanke unserer Bemühungen zutage:
Der Bestand unserer Demokratie kann nicht allein durch die geschriebene, sondern muß vor allem durch die gelebte Verfassung garantiert werden; deshalb muß das Engagement für die gelebte Verfassung der Ansatzpunkt für immer neue Bemühungen sein.
Man vermag dies an den Themen abzulesen, die jeweils als Motto über den Veranstaltungen anläßlich der Preisverleihungen standen und in den Festansprachen erläutert wurden:

- Vom rechten Gebrauch der Freiheit
- Über den Mut, den ersten Schritt zu tun
- Verantwortung ist Bürgerpflicht
- Demokratie glaubwürdig machen
- Konflikte - Ende oder Anfang der Demokratie
- Demokratisch leben.

Immer kreisen unsere Gedanken bei der Auswahl der Preisträger um den gleichen Bezugspunkt: Es gilt die demokratische Regierungsform zu festigen, dadurch daß wir zur freiheitlich-demokratischen Lebensform ermutigen. Theodor Heuss, der erste Bundespräsident nach einer Staatsform totaler Unfreiheit, hat damit den Anfang gemacht! Er hat, wie kaum ein anderer Politiker seiner Zeit, den Zusammenhang zwischen geschriebener und gelebter Verfassung erkannt. Dieser Zusammenhang aber darf nicht ein für allemal fixiert werden; überkommene Vorstellungen dürfen nicht als für alle Zeiten verbindlich gelten; vielmehr wollen wir die Chancen und Risiken einer gelebten Demokratie immer wieder durchdenken, aufzeigen und darstellen - wohl wissend, daß dies heute oft schwerer und kontroverser, aber deshalb auch um so wichtiger geworden ist als bei der Stiftung des Preises vor sieben Jahren.
Für die Begründung der Auswahl unserer diesjährigen Preisträger haben wir deshalb ein Motto aufgegriffen und diskutiert, das uns besonders bedenkenswert und klärungsbedürftig zu sein scheint - den Ruf nach "mehr Demokratie" und "mehr Demokraten".
In einer Zeit, in der der Ruf nach "mehr Demokratie" in allen Bereichen des öffentlichen, wirtschaftlichen, wissenschaftlichen, kirchlichen und privaten Lebens unüberhörbar geworden ist, in einer Zeit, in der soviel von notwendigen Veränderungen und fragwürdigen Ordnungsvorstellungen die Rede ist, muß man sorgfältig nach den Bereichen fragen, in denen mehr Demokratie zu fordern ist, und die Voraussetzungen klären, die erfüllt sein müssen, um "mehr Demokratie" möglich zu machen und sinnvoll zu nutzen.
Ist der Ruf nach "mehr Demokratie" - besonders für junge Menschen - nicht zu einer ideologisierten Zauberformel für ein "herrschaftsfreies Zusammenleben" geworden? Mag diese Zauberformel auch einer tiefen Sehnsucht nach einem menschlicheren und gerechteren Zusammenleben entspringen, wir Älteren wissen nur zu gut, wie gefährlich es ist, gesellschaftliche oder politische Konflikte mit ideologischen Zauberformeln zu beantworten. Deshalb scheint es uns notwendig und unabdingbar zu sein, den Ruf nach "mehr Demokratie" mit dem Ruf nach "mehr Demokraten" zu ergänzen und zu präzisieren. Mehr Demokratie, das erfordert auch mehr Demokraten, das heißt mehr mündige Bürger, die sich für die Glaubwürdigkeit und Veränderungsbereitschaft dieser Staatsform mitverantwortlich fühlen.
Denn "mehr Demokratie" wird ja leider nicht nur von Mitbürgern gefordert, die die Diskrepanz zwischen geschriebener und gelebter Demokratie überwinden und damit Demokratie im Zusammenleben glaubwürdig machen wollen, sondern leider auch von radikalen Kräften, die erklärtermaßen zu ihrer Zerstörung entschlossen sind. Hier gilt es wachsam zu sein - aber nicht furchtsam, offen - aber nicht blind Wir befinden uns offenkundig mitten in einem Umbruch des Demokratieverständnisses. Nicht nur in der Bundesrepublik, selbst in fest verwurzelten Demokratien wie der Schweiz oder Skandinavien gibt es die gleichen Anzeichen der "Verunsicherung" in allen überlieferten gesellschaftlichen Ordnungs- und Wertvorstellungen. Um so wichtiger erscheint es uns, die Auswahl unserer Preisträger auch unter schwierigeren und komplexeren Bedingungen selbst auf die Gefahr hin fortzusetzen, von den einen als "Establishment", von den anderen als "Apo-verdächtig" diffamiert zu werden. Entscheidend ist unser Bemühen, die Auseinandersetzung darüber, was "mehr Demokratie" bedeuten kann, zu führen und an Beispielen deutlich zu machen, und wir sind froh, auch in diesem Jahr wieder beispielhafte Möglichkeiten von engagierten Demokraten für "mehr Demokratie" gefunden zu haben und heute auszeichnen zu dürfen.
Im folgenden möchte ich im Auftrag von Vorstand und Kuratorium die Auswahl im einzelnen begründen: Mit Walter Scheel wird der Theodor-Heuss-Preis zum zweiten Mal einem amtierenden Minister und zum ersten Mal einem liberalen Parteivorsitzenden zuerkannt. Wir können das nicht verschweigen, aber es ist in diesem Zusammenhang eigentlich schade, denn es kann zu einer Verwirrung, es kann zu Mißverständnissen führen; und wenn etwas zu Mißverständnissen führen kann, dann treten sicher auch Kräfte auf den Plan, die diese Mißverständnisse schüren. Diese Gefahr haben wir gesehen, ausweichen wollten wir ihr nicht.
Wie auch bei der Verleihung des Theodor-Heuss-Preises an Gustav Heinemann im Jahre 1968 gilt der Preis des Jahres 1971 nicht der Leistung des Ministers Walter Scheel denn es entspricht nicht unserer Satzung, die Leistungen von Ministern zu zensieren -, der Preis gilt auch nicht dem Parteivorsitzenden - denn es entspricht nicht unserer Satzung, einen Parteivorsitzenden zu prämieren -, ebensowenig wie wir eine große wissenschaftliche, ärztliche oder technische Leistung, die vielen Menschen zugute kommen mag, mit einem Theodor-Heuss-Preis auszeichnen können - unser Preis gilt ausschließlich dem "vorbildlich demokratischen Verhalten" und der "Zivilcourage", die unseres Erachtens die Person Walter Scheel auszeichnen. Der Preis gilt einem Manne, dem niemand - gleich welcher politischen Richtung, sofern er sachlich zu denken bereit ist - Respekt und Anerkennung für seine mutige und konsequente Haltung beim Durchstehen als richtig und notwendig erkannter Entscheidungen versagen kann. Denn das ist ja der Sinn des Theodor-Heuss-Preises: nicht ein politisches Lebenswerk oder eine politische Konzeption auszuzeichnen, sondern nach Personen oder Institutionen Ausschau zu halten, die mitten im Engagement stehen und hierfür nicht nur Anerkennung und Ermutigung verdienen, sondern ihrer auch bedürfen! Bei der Wahl von Walter Scheel schien uns gerade dieser Gesichtspunkt von besonderem, ja ausschlaggebendem Gewicht zu sein. Lassen Sie mich dies bitte verdeutlichen.
Eine Demokratie kann nur dann als gesichert gelten, wenn und solange es eine demokratische Alternative für die Bildung von Regierungen gibt, daß also der Wechsel in der Führung einer Regierung von einer demokratischen Partei zu einer anderen übergeht, ohne daß die demokratische Ordnung als solche gefährdet wird. Diese Möglichkeit auch zu realisieren ist für eine demokratische Ordnung konstitutiv. Erst dadurch eröffnen sich Wege für Alternativen in politischen Zielsetzungen der Regierungen und der Opposition. Erst dadurch wird die Bereitschaft für ein politisches Engagement gestärkt, erst dadurch wird die für die demokratische Ordnung so gefährliche Resignation über anscheinend unabänderliche politische Gegebenheiten verhindert, beziehungsweise überwunden. In der Bundesrepublik Deutschland stand diese für alle Demokraten und alle demokratischen Parteien wesentliche Erfahrung über zwanzig Jahre aus. Die von Jahr zu Jahr zunehmende Resignation über unabänderbar scheinende politische Gegebenheiten hat uns steigende Sorge bereitet und vor zwei Jahren die Frage nach der Glaubwürdigkeit der Demokratie aufgeworfen; wie weit das Wissen verdrängt werden konnte, daß die Demokratie nur gesichert ist, wenn und solange es eine demokratische Alternative für die Regierungsbildung gibt, haben manche Ereignisse und Äußerungen nach dem Regierungswechsel des Jahres 1969 gezeigt. Man sollte zum Beispiel nicht von einer" Verfälschung des Wählerwillens" sprechen, wenn mehr als die Hälfte der vom Volke gewählten Abgeordneten sich zur Bildung einer von ihnen getragenen Regierung entschließen, und man sollte eine Regierung, die über eine - wenn auch schwache - Mehrheit im Parlament verfügt, nicht als arrogant bezeichnen, weil sie der zahlenmäßig stärksten Fraktion die Rolle einer Opposition zuweist, deren Aufgabe, konstruktive Kritik zu üben, in einer funktionierenden parlamentarischen Demokratie ja keinesfalls von geringerer Bedeutung ist und gewiß keine geminderte Verantwortung gegenüber dem gesamten Volke umfaßt. Regieren und opponieren - beides muß man lernen und üben, und freilich auch können. Manche Wähler sahen die Gefahr der Stagnation auf der einen, der Resignation auf der anderen Seite so groß, daß sie aus Sorge um den Bestand unserer demokratischen Staatsform bei der letzten Bundestagswahl ihre Stimme allein unter dem Gesichtspunkt einer möglich werdenden Alternative in der Regierungsbildung abgegeben haben, wissend, daß Fehlentscheidungen in der Tagespolitik oder das, was sie für Fehlentscheidungen halfen - und welche Regierung wäre je frei von Fehlentscheidungen gewesen? - gewiß für unser aller Zukunft nicht so gefahrvoll werden können wie eine sich dauernd steigernde Unglaubwürdigkeit unserer demokratischen Ordnung, die deren Bestand gefährdet. Wir könnten aus unserer unglückseligen Geschichte lernen. Das Verdienst, eine Alternative in der Regierungsbildung zum ersten Mal in der Geschichte der Bundesrepublik nicht nur theoretisch erörtert oder verbal gefördert, sondern tatsächlich vollzogen zu haben, fällt in erster Linie Walter Scheel zu. Er hat diesen Weg in der Erkenntnis gewagt, daß die politische Alternative für das Selbstverständnis einer noch unzureichend entwickelten demokratischen Staats- und Gesellschaftsform, für die Einübung, Festigung und Bewährung der parlamentarischen Demokratie und des darin vorgesehenen Wechselspiels der Kräfte von existentieller Bedeutung sein würde. Er hat diese Einsicht über kurzfristige, ja bequemere Erwägungen gestellt - und die Konsequenzen gezogen. Damit hat er der Entwicklung demokratischen Denkens und Handelns In der Bundesrepublik neue Impulse gegeben, sehr viel Mut zu demokratischer Verantwortung bewiesen. Sein Mut zur Entscheidung und sein Stehvermögen, als richtig und notwendig erkannte Entscheidungen zu vollziehen, sollen mit dem Theodor-Heuss-Preis ausgezeichnet werden. Mit Walter Scheel und durch Walter Scheel hat sich in unserem Land ein notwendiges Stück "mehr Demokratie" vollzogen - und darauf allein kommt es uns an.
Neben Walter Scheel wollen wir in diesem Jahr die "Aktion - Junge Menschen in Not" (Gießen) mit dem Theodor-Heuss-Preis auszeichnen. Hier arbeitet eine Gruppe junger Pfadfinder bereits seit 1956 - als es in der Öffentlichkeit für die Probleme der Resozialisierungshilfe an Strafgefangenen noch kaum Verständnis gab - in der hessischen Jugendstrafanstalt Rockenberg. Im Laufe der Betreuungsarbeit wurde ihnen klar, daß alle Bemühungen um junge Strafgefangene letztlich nur dann erfolgreich sein würden, wenn sie über die Entlassung hinaus fortgesetzt werden können. Zu diesem Ziel wurde die "Aktion - Junge Menschen in Not" gegründet und ein eigenes Heim geplant, in dem 15 bis 18 jugendliche Strafgefangene nach ihrer Entlassung in einer überschaubaren Gemeinschaft leben können, bis sich ihr Leben in der neugewonnenen Freiheit gestaltet und gefestigt hat.
Zur Durchführung dieses Plans hat die "Aktion" bereits gute Vorarbeit geleistet. Sie bemüht sich vor allem, die Öffentlichkeit durch Rundbriefe, Wochenendseminare und Pressearbeit über die Zielsetzung der Aktion zu informieren und zur Unterstützung des Planes zu gewinnen. Pfadfinder arbeiteten freiwillig zugunsten des Projektes, um auf diese Weise zu seiner Finanzierung beizutragen. Eine stattliche Summe ist bereits erarbeitet, und die Stadt Gießen hat ein Grundstück zur Verfügung gestellt.
Für die Auswahl dieser Gruppe junger Menschen für den Theodor-Heuss-Preis gilt im Grundsatz das gleiche wie für Walter Scheel; ihr Engagement soll ermutigt werden, gerade weil es so voller Risiken steckt - gerade weil es sich einer als notwendig erkannten Aufgabe verschreibt, deren Erfolg noch keinesfalls gesichert ist. Einsicht und Initiative, Tatkraft und Stehvermögen - also wieder ein Stück "mehr Demokratie" -, das ist es, wozu der Theodor-Heuss-Preis ermutigen, das ist es, was er mit der Gießener Aktion auszeichnen möchte. Ich möchte hierzu einige Gedankengänge aus einem Brief eines Mitarbeiters der Aktion vorlesen: "Das Schuld-Sühne-Modell des heutigen Strafvollzugs versagt, wenn es um die Prävention der Kriminalität geht, und es versagt in der Reaktion auf abweichendes Verhalten... Auch ein weiterer Anspruch erweist sich bei näherem Zusehen als ein hohles Versprechen: daß es die Chance des Neuanfangs in sich berge. Für den Entlassenen, der - ausgestattet mit ein paar Mark Entlassungsgeld ohne Vorbereitung und begleitende Hilfestellung - den Leidensweg zu mißtrauischen Vermietern, reservierten Arbeitgebern und Sachbearbeitern gehen muß, erweist sich die angebliche ,Chance' sehr bald als eine Sackgasse und die Rede von der ,Freiheit draußen' als eine Farce, weil ihm, dem ,Stigmatisierten', in der Tat meist alle Wege verbaut sind bis auf einige wenige, die ihn in die alte Kriminalität erzeugende Umgebung zurückführen, von der er sich doch lösen sollte. So geschieht es, daß Vorurteile und fehlendes Verständnis gegenüber ,Vorbestraften' ihn häufig erneut in den Teufelskreis von Diskriminierung und Isolierung zwingen und damit über kurz oder lang zur Rückfälligkeit... Deshalb geht es uns vor allem darum, die Gesellschaft an ihre Verantwortung für die Misere des Gefangenen und Entlassenen zu erinnern, ihre Inhumanität und Grausamkeit bloßzustellen und eine kritische Öffentlichkeit zu mobilisieren: Es sollen Alternativen des Verhaltens gegenüber gesellschaftlich Deklassierten und Diskriminierten aufgezeigt werden, indem wir Modelle für einen besseren Strafvollzug, genauer gesagt: etwas Besseres als den Strafvollzug entwickeln wollen..." Meine Damen und Herren - wer von uns wünschte diesem Vorhaben keinen Erfolg, wer von uns wüßte nicht, wie risikoreich es ist, und wer von uns wollte sich der gesellschaftlichen Mitverantwortung für die Probleme des Strafvollzugs entziehen? Der Theodor-Heuss-Preis 1971 für die.. Aktion - Junge Menschen in Not" soll deshalb mehr sein als eine freundliche Geste. Er will die Zielsetzung ausdrücklich unterstützen und im Rahmen unserer finanziellen Möglichkeiten auch materiell fördern. Den Initiatoren und Mitarbeitern - stellvertretend sei Helmut Jung genannt - möchten wir danken und Ausdauer und Erfolg wünschen.
Ich komme nun zur Begründung der beiden Theodor-Heuss-Medaillen:
Mit der Auszeichnung von Herrn Hans-Hermann Stührenberg haben wir zum ersten Mal eine bisher noch kaum beachtete Möglichkeit privater Initiative in öffentlichen Verantwortungsbereichen ausgewählt. Die Leistung und das Verdienst von Herrn Stührenberg schienen uns aber um so bemerkenswerter und preiswürdiger, als hier ein Mann ein einzelner, ganz auf sich gestellt - sehr viel Zeit, Arbeitskraft und Geld in die Beseitigung einer tödlichen Gefahrenquelle auf unseren Straßen investiert hat und zu guter Letzt damit erfolgreich war. Sein Engagement begann 1965, als er bei einem Autounfall beobachtet hatte, wie die freistehenden Endstücke der Autobahnleitplanken ein auffahrendes Auto und seine Insassen durchbohrten und tödlich verletzten. Seitdem hat ihn das Problem der „tödlichen Spieße" nicht mehr losgelassen. über viele Monate beobachtete er die Autobahn Bielefeld-Hannover und registrierte innerhalb kurzer Zeit 80 demolierte Leitplankenköpfe. Wo immer Herr Stührenberg besonders unfallträchtige Punkte entdeckte, alarmierte er die Polizei, Autobahnmeisterei und Straßenbauämter. Besichtigungsfahrten, Aufzeichnungen, Berechnungen und ein umfangreicher Schriftwechsel wurden für ihn zu einem strapaziösen Hobby. Schließlich stellte er eine dreibändige „Leitplankenstudie" zusammen, die er allen verantwortlichen Stellen zusandte.

Die Initiative und Beharrlichkeit von Herrn Stührenberg trugen schließlich entscheidend dazu bei, daß 1969 in einem "Allgemeinen Rundschreiben" des Bundesverkehrsministeriums verbindlich angeordnet wurde, daß die "Endstücke der Leitplanken auf die Länge von 16 m abzusenken und mit dem Kopfstück 20 cm fest in den Boden zu verankern" sind. Es ist das unbestrittene Verdienst von Herrn Stührenberg, sich für die Beseitigung dieser Gefahrenquelle unermüdlich und selbstlos eingesetzt und diese mitbewirkt zu haben. Hierfür wurde ihm für das Jahr 1971 eine Theodor-Heuss-Medaille zuerkannt.
Die Aktion Bildungsinformation e. V. ist eine gemeinnützige studentische Initiative, die seit 1968 in Stuttgart eine unabhängige Auskunftsstelle über Fragen des Fernunterrichts unterhält. Zuvor hatte man schon eine erfolgreiche "Hausaufgabenbetreuung" für Schüler aus bildungsfernen Elternhäusern organisiert und auf dem Lande für bessere Bildungsmöglichkeiten der Landkinder geworben. Die Auskunftsstelle für Fernstudien entstand zur rechten. Zeit, als das zunehmende Weiterbildungsbedürfnis von Erwachsenen auf ein damals noch völlig unkontrollierbares und unübersichtliches Angebot kommerzieller Fernstudieninstitute stieß. Die Initiatoren und Mitarbeiter dieser Aktion haben das Verdienst, durch ungezählte Einzelbemühungen, Initiativen, Aufklärungsschriften ("Merkmale des korrekten Fernunterrichts") und auch durch erfolgreiche gerichtliche Auseinandersetzung die teilweise unseriösen Praktiken von Fernlehrinstituten aufgedeckt zu haben. Sie haben meist mittellosen, ratsuchenden "Fernschülern" Unterstützung gewährt und öffentliche Stellen auf diesen privaten Bildungsbereich und die öffentliche Verantwortung hierfür nachdrücklich aufmerksam gemacht. Es ist das Verdienst dieser studentischen "Aktion ", daß sich, als Folge ihrer selbstlosen, oft unter erschwerten Umständen geleisteten Bemühungen, die Praktiken, Vertragskonditionen und die "Selbstkontrolle" der zahlreichen Fernlehrinstitute in der Bundesrepublik ebenso gebessert haben wie die Bedingungen und der Schutz für den einzelnen Teilnehmer. In dankbarer Anerkennung dieses bemerkenswerten Beispiels für demokratische Initiative wurde der Aktion eine Theodor-Heuss-Medaille für 1971 verbunden mit Stiftungsmitteln in Höhe von 5000 DM zuerkannt. Lassen Sie mich zum Schluß zusammenfassend feststellen: Walter Scheel, Hans-Hermann Stührenberg und die beiden Aktionen junger Menschen sind eindrucksvolle Beispiele für "mehr Demokratie" in unserem Lande, und diese Beispiele stehen stellvertretend für viele andere. Sie alle nutzen ein Stück jener Freiheit, die Demokratie unter allen Staatsformen zwar zur schwersten, aber auch zur lohnendsten und menschlichsten macht. An beides alljährlich zu erinnern ist Sinn und Absicht dieses Preises.

Festansprache
Dr. Theo Sommer (stellv. Chefredakteur der ZEIT)
Mehr Demokratie - mehr Demokraten
Nichts schadet der Demokratie mehr als die Selbstgefälligkeit: eine Untugend, der Eitelkeit nahe verwandt, doch schlimmer als sie in ihren Wirkungen. Denn wo die Eitelkeit einen Menschen, gerade auch einen Politiker, voranzustacheln vermag, da lähmt die Selbstgefälligkeit sein Tun, macht ihn stumpf gegenüber den Erfordernissen des Heute und blind für die Notwendigkeiten des Morgen. Befällt sie gar ein ganzes System, dann droht Gefahr. Dann ist ein jeder zu preisen, der hinter erstarrten Formen und Formeln den Verlust des Maßstäblichen, des Wesentlichen erkennt und entschlossen Umschwung bewirkt. Die sechziger Jahre müssen uns heute, wo immer wir auch politisch stehen, als eine Ära verderblicher Selbstgefälligkeit erscheinen. Die Generation der Gründerväter hatte den westdeutschen Staat auf dem Trümmerfeld aufgebaut, der ihr karges Erbe war; sie hatte diesem Staat eine demokratische Ordnung geschaffen, deren gelungene Einübung im Gegeneinander von Regierung und Opposition auf Festigkeit schließen ließ; und sie hatte diese Ordnung auf einen florierenden wirtschaftlichen Unterbau gesetzt, der einer Bedrohung des politischen Gefüges durch ökonomische Widrigkeiten vorzubeugen versprach. Sah man von der offenen nationalen Frage ab, so hatte es ganz den Anschein, als bleibe tatsächlich nichts mehr zu tun übrig als die "laudatio temporis acti". Alles schien aufs beste bestellt, die Stabilität gesichert, an der Verfassungsgesinnung der Obrigkeit ebensowenig ein Zweifel erlaubt wie an der Systemkonformität der Bürger.
Das bombastische Wort "Wir sind wieder wer" kam in Schwung. Heute wissen wir, daß der Schein trog. In Wahrheit sind die sechziger Jahre ein Jahrzehnt des schleichenden Niedergangs gewesen. Zunächst handelte es sich nur um den Machtverfall der stärksten Partei, die mit dem Problem der Kanzlernachfolge nicht fertig wurde und sich am Ende in die Arme der Opposition warf, um ihre innere Krise bewältigen zu können. Aber der Verfall griff früh und mächtig um sich. Die Verfassungszuverlässigkeit der Regierenden rückte in der Spiegel-Krise wie in der Notstandsdebatte ins Zwielicht; und die Große Koalition, wiewohl in der Theorie mit dem Grundgesetz vereinbar, lief in der Praxis auf die Suspendierung des Parlamentarismus hinaus. Zur gleichen Zeit geriet die Systemtreue des Volkes ins Wanken. Der erste Hauch einer Wirtschaftsrezession trieb den Rechtsradikalen Millionen von Wählern zu. Und als im Parlament aus dem Gegeneinander der beiden Großen erst ein Miteinander und schließlich ein steriles Nebeneinander wurde, als Rede und Gegenrede erstarben, weil der verlorene Haufen der Liberalen dem Koalitionsregiment schon zahlenmäßig nicht viel entgegenzusetzen hatte, da war die natürliche Folge, daß die Kritik auf die Straße ging, sich als außerparlamentarische, ja antiparlamentarische Opposition gebärdete und nicht bloß die Regierung in Frage oder unter Anklage stellte, sondern das "Bonner System" überhaupt.
Wir haben inzwischen die Erkenntnis verdrängt, wie sehr der doppelte Ansturm von links und von rechts damals den Nerv unseres demokratischen Daseins bedrohte, wie die Staatsverdrossenheit ins Kraut schoß und die Unlust am Parlamentarismus sich breitmachte. Die Tatsache läßt sich jedoch nicht leugnen. Und heute dürfte es wohl nur noch wenige geben, die sich rückschauend der Einsicht verschließen, daß nur eine Radikalkur unserer Demokratie ihre Funktionstüchtigkeit und ihr Ansehen bei den Bürgern wieder zurückgeben konnte. Wenn das Bonner System überleben sollte, dann mußte es nun den unwiderleglichen Nachweis erbringen, daß es innerhalb seines eigenen Rahmens zu grundlegendem Wandel fähig war. Die Vorstellung vom demokratischen Wechselspiel der Kräfte durfte kein unwirkliches Lesebuch-Bild bleiben. Die Ablösung der Kanzlerpartei durch eine andere war nun dem zweifelnden Volke als erlebbare Erfahrung vorzuführen. Aus der "Möglichkeit" der Alternative mußte die "Wirklichkeit" der Alternative werden. Nur so ließ sich nach über zwanzig Jahren die Kluft zwischen Staatstheorie und Staatspraxis schließen; nur so konnte in der Bonner Politik Wettbewerbsdenken wieder an die Stelle von Erbhof-Attitüden treten; und nur so konnte die westdeutsche Demokratie den Säuretest bestehen, ohne den die Frage nach ihrer Festigkeit und Belastbarkeit bloß mit Zögern und Zaudern hätte beantwortet werden dürfen: die Umkehrung der Machtverhältnisse.
Aus diesem Grunde durfte es im Jahre 1969 zweierlei nicht geben: eine Fortsetzung der Großen Koalition oder eine Wiederauflage der alten CDU/FDP-Koalition. Eine zweite Große Koalition wäre mit dem Stigma der Stagnation gezeichnet gewesen. Sie hätte sich zwangsläufig dem Mord an den Liberalen zugewendet und diese Untat vermittels eines manipulierten und manipulatorischen Mehrheitswahlrechts bewerkstelligt. Die CDU hätte weiterhin den Kanzler gestellt. Auch die Wiederbelebung der einstigen Adenauer-Koalition würde das Kanzlermonopol der Christlichen Demokraten verewigt haben. Der Mündigkeitsnachweis der westdeutschen Demokratie durch die beherzte Vollstreckung eines totalen Machtwechsels wäre abermals ausgeblieben.
Ich möchte an dieser Stelle ein erklärendes Wort einfügen. Es geht hier nicht um Parteipolitik, nicht um die private Vorliebe für eine bestimmte Gruppe oder Gruppierung. Es geht vielmehr um die Mechanik der parlamentarischen Demokratie. Jede parlamentarische Demokratie muß unglaubwürdig werden, die auf die Dauer stets nur die gleichen Herrschaftsbewerber zum Zuge kommen läßt. Das theoretische Postulat, unter dem sie angetreten ist, wird dabei durch die Praxis aufgehoben. Wir haben es dann mit einer Denaturierung des Systems zu tun. Es ist wie beim Roulette: Folgt auf Schwarz lange Zeit kein Rot, so waltet das Gesetz der Serie; folgt auf Schwarz "nie" Rot, so ist es nicht mehr Roulette. Desgleichen verliert eine Demokratie, die den Wechsel an der Spitze niemals praktisch werden läßt, den Anstrich und den Anspruch des Demokratischen.
Niemand, dem das überleben unserer verfassungsmäßigen Ordnung am Herzen liegt, kann daher ruhigen Gewissens der Fixierung der Herrschaftsgewalt auf eine bestimmte Gruppe zusehen. "It's time for a change." - Aus dem Vollzug dieser Aufforderung muß Demokratie immer wieder erneuert und gerechtfertigt werden. Und es bedarf wohl keiner Unterstreichung, daß dieses Prinzip parteipolitisch neutral wirkt. Es wird bald die einen, bald die anderen treffen. Wichtig ist allein, daß es nicht verstohlen außer Kraft gesetzt, sondern in seiner Anwendung als natürlicher Ablauf des demokratischen Prozesses empfunden wird. Keine Gruppe jedenfalls darf die Selbstgefälligkeit so weit treiben, daß sie die eigene Regierungsausübung für den Gipfel demokratischen Wirtschaftens hält und sie zu Lasten des parlamentarischen Systems zu perpetuieren trachtet. Demokratie als Prozeß lebt davon, daß sie sich ständig neu hervorbringt. Sie versündigt sich an ihrer Prämisse, wenn sie die radikalste Form neuen Hervorbringens, eben den Machtwechsel, auf die Dauer scheut, umgeht oder verhindert. Auch er will eingeübt sein, wenn Demokratie als Bewußtsein und als Institution ernst genommen werden soll.
Wir sind heute zusammengekommen, um einen Mann zu ehren, der exemplarisch dazu beigetragen hat, daß ein derartiges Demokratieverständnis hierzulande aus dem Treibhaus des Deklamatorischen in die rauhe politische Wirklichkeit verpflanzt werden konnte. Hier ehrt nicht eine Stiftung, die den Freien Demokraten nahesteht, den Vorsitzenden der Freien Demokratischen Partei, der Partei unter dem Damoklesschwert. Die glanzvolle Reihe früherer Theodor-Heuss-Preisträger sollte sie vor solch schnöder Unterstellung ebenso feien wie der Anstand des Publikums; der Heuss-Preis ist nie in der Gefahr gewesen, zu einem Mausoleum liberaler Parteiprogrammatik zu werden. Hier wird auch nicht der Staatsmann Walter Scheel prämiert, der Minister des Auswärtigen in der gegenwärtigen Regierung; aus dem einfachen Grund nicht, weil auch jene, die seinem Kurs zustimmen, einerseits wissen, daß dessen Festlegung nicht seine Sache allein gewesen ist, und sich andererseits eingestehen müssen, daß die Dinge noch viel zu sehr im Flusse sind, als daß sich über Erfolg oder Mißerfolg der von ihm vertretenen und betriebenen Außenpolitik ein abschließendes Urteil schon fällen ließe.
Wir preisen vielmehr den Politiker Walter Scheel, der durch einen Akt politischer Courage in unserem Staate einen Wechsel heraufführen half, wie er nach so langer Zeit nicht mehr länger hinausgeschoben werden durfte, sollte die westdeutsche Demokratie aus ihrer unifarbenen Selbstgefälligkeit herausgerissen und ehrlich gemacht werden. Das Wort Lichtenbergs hätte über dem Entschluß dazu stehen können: "Ich kann freilich nicht sagen, ob es besser werden wird, wenn es anders wird, aber soviel kann ich sagen: es muß anders werden, wenn es gut werden soll."
Dabei ist es schwer festzustellen, wann genau der Entschluß zum Umschwung in Walter Scheel gereift ist. Er mag ihn nicht von Anfang geradlinig angesteuert haben. Vielleicht hat er seine Karten auch nur nicht gleich offen auf den Tisch gelegt. Ohnehin Ist er kein Mann, der zur Konzeptualisierung neigt, große Entwürfe vorzeigt und ihnen dann nachjagt; bei ihm ist wohl mehr Instinkt am Werke, Gespür, Vertrauen auf die rechte Eingebung im rechten Augenblick. Ich kann mir vorstellen, daß er Emanuel Geibels Distichon billigen würde: "Nicht wer Staatstheorie doziert, ein Politiker ist nur, wer im gegebenen Fall richtig das Mögliche schafft."
Gleichwohl konnte Walter Scheels Handeln im Jahre 1969 nicht überraschen. Daß er radikalen Umdenkens und politischen Frontwechsels durchaus fähig ist, hatte er ja schon 1956 bewiesen, als er zu jenen "Jungtürken" zählte, die in Düsseldorf der CDU das Regierungsbündnis kündigten und einer SPD-FDP-Koalition in den Sattel verhalfen. Wer ihn kannte, der wußte auch, daß er ungern mit dem Kopf durch die Wand geht, sondern - in den Worten meines Kollegen Rolf Zundel - lieber nach einer Tapetentür sucht. Auf Härte, so hat er es selber einmal formuliert, komme es nicht an, vielmehr darauf, daß man am Ende erreiche, was man sich vorgenommen habe - und das sei ihm, wie er hinzusetzte, auch meist gelungen. Bei einem Politiker solcher Art ist es gut, nicht auf Paukenschläge zu warten, sondern die leisen Zwischentöne zu beachten. Wer dafür ein Ohr hatte, der vermochte denn auch, was im Oktober 1969 vollzogen wurde, schon einige Zeit vorher als Möglichkeit am Horizont erkennen.
Kausalitäten mögen hier schwer nachzuweisen sein, doch die Aufeinanderfolge bestimmter Ereignisse ist vielleicht nicht ganz ohne Beweiskraft. Zum Beispiel ließe sich die These vertreten, daß der Machtwechsel vom Herbst 1969 in eben diesem Saale sich angebahnt hat - anderthalb Jahre zuvor nämlich, als dem damaligen Justizminister Gustav Heinemann der Theodor-Heuss-Preis 1968 verliehen wurde. Es könnte dies in der Tat eine Art von Vorentscheidung gewesen sein, heftig angefeindet innerhalb der Freien Demokratischen Partei und manchen schwer einzureden, auf jeden Fall der erste Anlaß für die FDP, sich über die Person Heinemanns Gedanken zu machen. Der zweite Anlaß folgte alsbald: bei der Bundespräsidentenwahl im März 1969. Damals stimmte die FDP mit eindrucksvoller Geschlossenheit für den sozialdemokratischen Kandidaten. Walter Scheels Ruhe, Standfestigkeit und Konsequenz gaben dabei wohl den Ausschlag: Weil er stand, stand auch seine Partei. Und dies war nun in der Tat eine Vorentscheidung - ein erster Schritt, dem weitere Schritte nicht zwingend folgen mußten, ohne den es zu weiteren Schritten jedoch nicht hätte kommen können. Die FDP eröffnete sich selber damit Handlungsfreiheit, dem Lande aber die Option auf den Machtwechsel.
Walter Scheel hat auch diese Entwicklung nicht forciert, sondern reifen lassen. Zu verzeichnen bleibt jedoch, daß er rechtzeitig vor dem Wahlsonntag seine Absicht offen legte, mit den Sozialdemokraten zu koalieren, wenn dies numerisch möglich sein sollte. Niemand kaufte also die Katze im Sack. Und als das Wahlergebnis feststand, zögerte der FDP-Vorsitzende nicht einen Augenblick lang, seine Absicht in die Tat umzusetzen. Er widerstand allen Pressionen und allen Lockungen, die ihn von dem Wege abbringen sollten, den er sich vorgezeichnet hatte. Unsere Republik hat es ihm zu danken, wenn nach zwei Jahrzehnten ein Wechsel in der politischen Verantwortung stattfinden, der letzte Reifetest der Demokratie schließlich bestanden werden konnte.
An seinen Motiven gibt es dabei nichts zu rätseln. Es konnte nicht Eitelkeit oder Machttrieb gewesen sein, was ihn zum Zusammengehen mit den Sozialdemokraten bewog; ein Bedürfnis, sichtbar in den Vordergrund zu treten, hätte jede Verbindung mit der CDU ebenso befriedigt. Es war auch keine billige Sucht nach Veränderung; dazu weiß Scheel zu gut, daß - um einen Satz Max Webers umzumünzen Regierungskoalitionen kein Fiaker sind, den man beliebig halten lassen kann, um nach Befinden ein- oder auszusteigen. Was ihn wirklich trieb, war der Wunsch, die Funktionsfähigkeit der Demokratie wiederherzustellen. Es ging ums Prinzip, nicht um den Nutzen. Ihre preiswürdige Dimension erhält die Koalitionsentscheidung Walter Scheels denn auch aus den besonderen Umständen, in denen sie fiel. Er wußte seit der Heinemann-Wahl, daß viele traditionelle FDP-Wähler mit der Marschrichtung nach links nicht einverstanden waren; das hatten Meinungsumfragen klar ergeben. Er wußte auch, daß die erklärte Bereitschaft, eine linksliberale Regierung zu bilden, seiner Partei teuer zu stehen kommen werde; sie konnte auf ihrem linken Flügel gar nicht so viel hinzugewinnen, wie sie auf dem rechten zu verlieren drohte. Dennoch ließ er sich nicht beirren. Er setzte alles auf die Karte des Wandels: seine eigene politische Karriere wie die Existenz seiner Partei. "Nichts geschieht ohne Risiko", sagte er sich, "aber ohne Risiko geschieht wiederum auch nichts." Von vornherein wappnete er sich mit jener Festigkeit des Herzens, die auch dem Scheitern gewachsen ist.
Es fehlte nicht viel, und er wäre tatsächlich gescheitert. Der 28. September 1969 löschte die Freie Demokratische Partei fast aus; auch der 14. Juni 1970 sicherte ihr nur ein schütteres Existenzminimum in der Nachbarschaft der Niederlage. Erst die Landtagswahlen von Bayern und Hessen boten Trost und Bestätigung. Die Strategie des hohen Risikos schien sich doch auszuzahlen. Erleichtert konnte Walter Scheel vor seine Partei treten und das stolze Wort sprechen: "In schwankender Stunde das als richtig, notwendig und nützlich Erkannte auch dann zu tun, wenn man genau weiß, daß es selbst bei manchen Freunden noch nicht populär ist, erfordert eine große Risikobereitschaft. Aber das macht nicht den verantwortungsbewußten Politiker aus, Meinungsforschung zu treiben, um zu wissen, was populär ist, was ankommt, und dann das Populäre zu vertreten. Die Aufgabe des Politikers ist es, das Richtige zu tun und es populär zu machen." Ich sage: Ein stolzes Wort; es gibt dem Politiker seine Würde zurück.
Noch ist die Aufgabe keineswegs verläßlich bewältigt. Aber zu preisen ist hier der Wagemut eines Mannes, nicht der Ausgang eines Experiments. Es ist der Mut eines Politikers, der nicht "nolens volens" Verluste in Kauf nahm, sondern bewußt sich zum Opfer entschloß. Er riskierte die Existenz eines Teiles, auf daß das Ganze funktionieren und überleben konnte.
Walter Scheel wird hierzulande noch immer verkannt. Das mag daran liegen, daß viele Lockigkeit des Haupthaares schlicht mit Unseriosität gleichsetzen; auch daran, daß seine liebenswerte Unfähigkeit zur staatsmännischen Selbststilisierung manch einem fälschlich als Mangel an Gestaltungswillen gilt. Nach und nach erst tritt hinter dem Habitus der Gelassenheit die kämpferische Gesinnung hervor, das Stehvermögen und die Entschlossenheit zur Härte. Das Klischee von der rheinischen Frohnatur wird dem liberalen Parteiführer nicht gerecht - dieses immerhin hat sich mittlerweile herumgesprochen.
Es gibt keine Garantie dafür, daß Scheels Kalkül für die Freie Demokratische Partei aufgeht, noch nicht. Zweierlei läßt sich aber sagen: Daß die Aussichten für ein Überleben der FDP heute besser sind als vor dem Wagnis; und daß, sollte sie zu guter Letzt trotz allem untergehen, ihr Untergang wohl die Niederlage einer Partei markierte, aber zugleich einen Sieg demokratischer Staatsgesinnung.
Die Chancen, daß die FDP wieder auf die Beine kommt und als Koalitions- und Korrektivpartei fürderhin eine Rolle in der deutschen Politik spielt, sind durch den Prozeß der Häutung und Läuterung, den sie im Regierungsbündnis mit den Sozialdemokraten durchgemacht hat, eher gesteigert worden. Sie hat sich erneut als eigenständige Kraft ausgewiesen - als bewegende Kraft in mancher Hinsicht, als sinnvoll bremsende Kraft in anderer. Nicht, daß sie auf alle Fragen, die uns die Gegenwart stellt, gültige oder schlüssige Antworten parat hätte. Welche Partei hätte das heute schon? Aber mit dem Nachweis ihrer Nützlichkeit hat sie auch den Nachweis ihrer Notwendigkeit wieder liefern können. Damit hat sie sich aufs neue ihren Platz in unserer politischen Ordnung gesichert. Und je mehr die Polarisierung zwischen den beiden großen Parteien fortschreitet, die eine nach links und die andere nach rechts treibt, desto größer wird auch das Mittelfeld wieder werden, in dem sich der organisierte Liberalismus betätigen kann und betätigen muß - bald Wandel bewirkend, bald den Wandel in die Bahnen der Vernunft eindämmend; eine auf Nuancierung bedachte Kraft in einem Zeitalter, das mehr und mehr der Vergröberung anheimfällt; auf jeden Fall eine Bereicherung unserer politischen Mechanik, die dadurch nicht nur komplizierter, sondern vor allem doch vielgestaltiger wird.
Von der Bereicherung unseres politischen Lebens durch liberale Programmatik soll hier nicht die Rede sein. Nur soviel vielleicht: Es kann nicht schaden, wenn eine kleine Partei immer wieder an Kants Forderung erinnert, daß in der Ordnung der Zwecke der Mensch Zweck an sich selbst sei; wenn sie als kritische Masse sich im besonderen der Verteidigung des Verfassungsstaates annimmt; wenn sie darauf drängt, den Rechtsstaat fortzuentwickeln zum Gerechtigkeitsstaat; und wenn sie allenthalben auf den Abbau von Privilegien und den Aufbau von Chancengleichheit hinwirkt.
Es ist dies jedoch nicht das eigentliche. Wenn ich die Elle recht begreife, mit der Walter Scheel von denen gemessen worden ist, die ihm den Theodor-Heuss-Preis 1971 zuerkannten, dann haben nicht parteipolitische Kriterien den Ausschlag gegeben, sondern eben staatspolitische. Selbst wenn die FDP an dem Wandel der Dinge zerbrechen und zugrunde gehen sollte, den sie selber heraufgeführt hat, hätte sie sich doch durch ihr Opfer um unsere Republik verdient gemacht. Hinter die Erfahrung des Machtwechsels können wir nun nicht mehr zurück. Die Tatsache, daß er einmal vollzogen worden ist, verwandelt unser demokratisches Grundgefühl. Wo sich der Erfahrungshorizont ändert, da ändert sich auch der Erwartungshorizont. Nie wieder wird eine einzige Partei, sei sie schwarz, rot oder sonstwie eingefärbt, ihre Regierungsausübung "guten Gewissens" einem Erfordernis der Staatsräson gleichsetzen und das Gemeinwesen gleichsam als Lehen betrachten können. Die Ära der Selbstgefälligkeit ist vorüber. Hier ist uns durch Mut - durch Mut auch zum Scheitern - ein Mehr an Demokratie verbürgt worden.

Mehr Demokratie braucht allzumal mehr Demokraten, und dies nicht nur auf den Kommandohöhen. Es genügt nicht, daß "oben" das Richtige getan wird; es muß genauso "unten" getan werden. Selbstgefälligkeit zu durchbrechen ist auch eine Sache des Bürgers. Die Trägheit oder der Übermut der Ämter, bei des bedarf der gegenhaltenden Kräfte. Oft ist es notwendig, daß mitdenkender Bürgersinn sich ans Werk macht, wo die Obrigkeit nichts unternehmen kann oder nichts unternehmen mag.
Es ist eine schöne Tradition der Theodor-Heuss-Stiftung, nicht nur Großkopferte zu ehren, die ohnehin im Rampenlicht stehen, sondern immer wieder auch Beispiele solch mitdenkenden Bürgersinns aufzuspüren, ebenfalls mit Preis und Medaille zu bedenken. Das ist auch in diesem Jahr wieder der Fall. Die "Aktion - Junge Menschen in Not", der Leitplankenreformer Hans-Hermann Stührenberg, schließlich die "Aktion Bildungsinformation" - sie alle haben mehr Demokratie gewagt. Sie sind für unsere demokratische Staats- und Gesellschaftsform auf die Schanze gestiegen. Sie haben durch eigene Initiative den Raum ausgefüllt, den die Obrigkeit freigelassen oder ganz übersehen hatte. Sie haben, obwohl nicht Berufspolitiker, in sich den Beruf zur Politik entdeckt, zur Politik im eigentlichen Verstand des Begriffes: als Sorge des Bürgers um die "politeia", für die "politeia". Und sie haben dabei, einer wie der andere, jene Qualitäten bewiesen, von denen Max Weber vor fünfzig Jahren in dieser Stadt sagte, sie seien für den Politiker entscheidend: Leidenschaft, Verantwortungsgefühl, Augenmaß. Leidenschaft nicht als eine ins Leere verlaufende Romantik des intellektuell Interessanten, sondern kombiniert mit sachlichem Verantwortungsgefühl und kritischer Distanz.
Dies alles verbindet sie, wie verschieden auch die Gebiete sein mögen, auf denen sie sich betätigt und ausgezeichnet haben. Es verknüpft sie auch mit dem Hauptpreisträger dieses Jahres, mit Walter Scheel. Gleich ihm haben sie sich nicht selbstgefällig mit bestehenden Zuständen abgefunden, sondern sich beherzt an deren Verbesserung gemacht, auf daß Wirklichkeit und Theorie wieder übereinstimmten.
Ich möchte hier nicht einer idyllischen "Do-it-yourself"-Demokratie das Wort reden, die aus lauter karitativen Kränzchen besteht. Die Nächstenliebe des einzelnen ist kein Ersatz für die Gerechtigkeit des Gemeinwesens; insofern unterscheiden wir uns von den Strukturen und Gewohnheiten früherer Zeiten. Der Bürger soll dem Kaiser nicht abnehmen, was des Kaisers Aufgabe ist. In unserer komplizierten Gesellschaft kann nicht privater "Caritas" überlassen bleiben, was durch öffentlich organisierte "Justitia" zu leisten ist - "Justitia" nicht im Sinne von Recht oder gar Rechtsmitteln, sondern im Sinne von verbürgter Gerechtigkeit.
Es ist nicht zu leugnen, daß in solche Betrachtungsweise der alte Liberalismus überwunden wird, der sich mit dem rechtsstaatlichen Gehäuse zufriedengab und die Gesellschaft sich selbst überließ. Die bloß rechtsstaatliche Gewährleistung von Freiheit reicht heutzutage nicht mehr aus; es ist von Staats wegen auch der Rahmen zu schaffen, in dem Freiheit gesellschaftlich wahrgenommen werden kann. Gleichwohl bedarf es des mitdenkenden, mithandelnden Bürgers. Entwürfe zum Neuen sind ja nicht nur Aufgabe des Staates, sie sind auch Sache des einzelnen. Der Bürger ist es, der des Kaisers Auftrag definieren muß; die Gesellschaft baut sich ihren Staat. Der Anstoß zur Innovation, das Verlangen nach Gerechtigkeit, die Demonstration republikanischer Tugend - sie müssen stets aufs neue aus dem obrigkeitsfremden Raum kommen, damit die Administration ihr Tun aus dem demokratischen Unterfutter des staatlichen, aus der schöpferischen Wirklichkeit der Gesellschaft, zu rechtfertigen und zu beleben vermag.
Im nationalliberalen Parteiprogramm des Jahres 1867 wird über den Liberalismus gesagt: "Sein innerstes Wesen besteht darin, die Zeichen der Zeit zu beachten und ihre Ansprüche zu befriedigen." Es ist ein Satz, den seichte Gemüter in der Deklamation stecken lassen. Man kann ihn jedoch auch als Verpflichtung begreifen, wie es die Preisträger und Medaillenträger dieses Jahres getan haben. Mit Phantasie, Mut und Ausdauer läßt sich dann Neues bewirken, Altes der Gegenwart anverwandeln, läßt sich Selbstgefälligkeit durchbrechen und das Potential zur Erneuerung mobilisieren, das in Staat und Gesellschaft schlummert.

Dank eines Preisträgers
Helmut Jung (Gießen)
Im Namen der "Aktion - Junge Menschen in Not" möchte ich Ihnen allen herzlich danken, die Sie dazu beigetragen haben, daß uns diese Auszeichnung zuteil wurde. Dadurch wird es uns erstmals möglich, für unsere Resozialisierungsarbeit mit jungen Strafgefangenen und Entlassenen auch auf überregionaler Ebene Aufmerksamkeit zu gewinnen. Sie haben damit nicht nur unseren eigenen Vorstellungen und Projekten eine große Publizität verschafft, sondern vor allem der Öffentlichkeit das Schicksal einer vergessenen und verachteten Minderheit in Erinnerung gerufen.
Dieser Appell an das öffentliche Gewissen ist ein nötiger und ein mutiger Schritt in einer Zeit, da fortschrittliche Anstaltsleiterversetzt werden, wenn sie das Risiko der "Entweichung einiger als Preis für die Resozialisierung vieler" in Kauf nehmen und Gnadengesuche von Lebenslänglichen, die in Zuchthaus und Gefängnis zu Greisen wurden, mit Rücksicht auf bevorstehende Wahlen auf die lange Bank geschoben werden.
Die letzten Wochen, seit uns die Nachricht von der Verleihung des Theodor-Heuss-Preises erreichte, waren für uns eine Zeit ernsthafter und selbstkritischer Überprüfung unserer Programme und Ziele. Viele der jungen Leute, die in der "Aktion" mitarbeiten, fragen sich, inwieweit die Welle der öffentlichen Aufmerksamkeit, die uns zur Zeit überrollt, noch in einer vernünftigen Relation steht zu der mühseligen und langwierigen Alltagsarbeit in den Wohngemeinschaften oder in der Jugendstrafanstalt Rockenberg. Wie schlecht - so fragen sie - muß es um die spontane zwischenmenschliche Hilfsbereitschaft und Verantwortung außerhalb der öffentlichen oder halböffentlichen Sozialarbeit bestellt sein, wenn schon eine derart bescheidene und unvollkommene Initiative wie die unsrige eine solche Beachtung findet? Welchen Stellenwert kann unsere Arbeit überhaupt haben in einem Staat, der einen jugendlichen Kaufhausdieb wegen ein paar Mark für Monate ins Gefängnis steckt, aber gleichzeitig untätig zusieht, wie die Allgemeinheit durch Steuerflucht und -hinterziehung um Milliardenbeträge geprellt wird? Ein Unterschichtenjunge, der gegen einen Polizisten aggressiv wird, muß mit Gefängnis rechnen, obwohl er sich nicht anders verhält, als die Werte und Normen seiner Obdachlosen- oder Erziehungsheimkultur ihm nahelegen: nämlich sich nichts gefallen zu lassen und sich zu wehren, wenn man beleidigt wird. Die Liste dieser kritischen Fragen ließe sich fortsetzen. Sie soll nur zeigen, wie sehr wir uns davor hüten müssen, daß unsere Arbeit als Alibi für die Untätigkeit der Gesellschaft mißdeutet wird, und wie sehr unsere "Aktion" versucht, ihre Tätigkeit im gesamtgesellschaftlichen Kontext zu begreifen.
Zu dieser Diskussion zwingt uns auch die heutige Auszeichnung, und dafür, auch dafür möchte ich Ihnen danken.

Schlusswort
Dr. Hildegard Hamm-Brücher (1. Vorsitzende)
Mir bleibt eigentlich nur noch, mit freudiger Erleichterung festzustellen, daß der Theodor-Heuss-Preis jetzt auch das "verflixte" siebte Jahr gut überstanden hat, und mir bleibt zu danken, Ihnen, meine Damen und Herren, die Sie uns seit vielen Jahren die Treue halten. Ich möchte meinen Mitarbeitern, Freunden und den Mitgliedern des Vorstandes und des Kuratoriums danken, daß niemand von Ihnen in all den Jahren den Mut verloren hat, auf dem einmal beschlossenen Wege fortzufahren. Ich möchte Ihnen, Herr Sommer, sehr, sehr herzlich danken. Wir haben ja über das Thema unserer diesjährigen Verleihung telefoniert und diskutiert, und ich weiß sehr wohl, daß es nicht ganz leicht war, eine Formel und eine Begründung zu finden, die Ihnen allen, meine Damen und Herren, und der Öffentlichkeit verständlich macht, um was es uns ging. Denn wir haben lange darüber diskutiert, ob ein liberaler Politiker vom Heuss-Preis allein deshalb ausgeschlossen sein müsse, weil die Vermutung auftauchen könnte, hier handelte es sich um, wie man so ·schön sagt, "Vetterleswirtschaft".
Wir haben aber auch das gemeinsam geklärt und sind übereingekommen, daß mutige Demokraten in allen Lagern zu finden seien und Liberale deshalb vom Theodor-Heuss-Preis nicht ausgeschlossen werden dürften. Nur: Liberale sollten nun aber nicht gerade von Liberalen gepriesen werden, und darum haben wir Freunde gefunden, die das viel schöner besorgt haben, als wir das je vermocht hätten. Dafür Ihnen, Herr Sommer, und Ihnen, Herr Butenandt, unseren herzlichsten Dank.
Ich habe heute also die Freude gehabt, einmal nur zuhören zu dürfen, und dabei habe ich überlegt, was es denn Gemeinsames geben könnte zwischen unseren Preisträgern in diesem Jahr. Ich erinnerte mich dabei an das Bismarck-Zitat, das man in der Schule lernt, daß "Politik die Kunst des Möglichen sei" und daß dies sozusagen der realistische Einstieg ins politische Geschäft sei. Politik ist ja wohl nichts anderes, als sich um die Probleme des Zusammenlebens der Menschen zu bemühen, und hierbei könnte man nach Bismarck meinen, da sei nicht mehr zu tun, als eben die "Kunst des Möglichen auszuüben". Das aber bedeutet, sich im wesentlichen damit abzufinden, wie die Dinge nun einmal sind.
Alle Preisträger dieses Jahres repräsentieren jedoch eine andere Auffassung von Politik und von Politikmachen, und sie haben das auch unter Beweis gestellt. Sie haben uns nämlich gezeigt, daß es sinnvoll und nötig ist, in der politischen Verantwortung sich nicht mit dem "Möglichen" zu begnügen, sondern das Nötige möglich zu machen. Das ist aber risikoreich, und das bedarf der Ermutigung, die wir ihnen heute zuteil werden lassen wollen... Einer unserer früheren Preisträger, Hans Heigert, hat vor einigen Tagen In einem eindrucksvollen Leitartikel unter der Überschrift "Ein Gespenst geht um" über die akute Gefährdung unserer Demokratie geschrieben. Es hat In der Tat oft den Anschein, als ob längst totgesagte Gespenster wieder auferstehen. Dabei fällt mir die Ihnen sicher allen bekannte reizende Geschichte vom "Canterville Ghost" ein - diese köstliche Schilderung von der höchst normalen amerikanischen Familie, die in ein englisches Schloß kommt, vor dem sich alle fürchten, weil darin ein schrecklicher Geist umgeht; selbst der Besitzer dieses Schlosses kann das Leben in diesem Geisterschloß nicht mehr ertragen. Es ist eine sehr humorvolle Geschichte, von Oscar Wilde meisterhaft erzählt. Die Familie bekämpft das Gespenst durch Witz, Humor und Einfälle - vor allem aber dadurch, daß sie sich vor dem Geist überhaupt nicht fürchtet. Am Ende gibt der Geist auf, weil er einsieht, daß er ja keine Existenzberechtigung mehr hat, wenn sich die Leute vor ihm nicht mehr fürchten. Meine Tochter, mit der ich die Geschichte las, hat dann abschließend gemeint: "Na, wenn das so einfach ist, mit Geistern fertig zu werden, daß man sich vor ihnen nur nicht zu fürchten braucht, dann kann man es ja mal so versuchen." Zurück zu den politischen Gespenstern unserer Tage heißt das: Wir sollten es mit den Geistern aufnehmen, und wir sollten versuchen, mit Ihnen fertig zu werden, indem wir uns nicht vor ihnen fürchten! - Und noch ein Tip: Bei besagter amerikanischer Familie war es bemerkenswert und ein Teil ihres Erfolges, daß sie alle fest zusammenhielten; die Zwillinge, die Eltern und die anderen Geschwister, und ich meine, daß der Gesichtspunkt des Zusammenhaltens - ganz gleich, in welcher Partei wir dann im einzelnen wirken - für die Zukunft unserer freiheitlichen Ordnung eine ganz entscheidende Rolle spielen wird. Wir müssen furchtlos sein und zusammenstehen, um die Gespenster der Vergangenheit endgültig loszuwerden. Nur dann wird es gelingen, die Demokratie zu festigen und glaubwürdig zu machen.

1971