Theodor Heuss Stiftung

Bundesjustizminister Dr. Dr. Gustav Heinemann

(Justizreform)

Karin Storch (Schülerzeitung)

Helferkreis zur Betreuung ausländischer Zeugen in den KZ-Prozessen (Aussöhnung und Vergangenheitsbewältigung)

Demokratie glaubwürdig machen

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Zur Begrüßung
Professor Waldemar Besson
Wir sind heute zusammengekommen, um die Erinnerung an Theodor Heuss wach und lebendig zu halten. Wir glaubten, daß wir das am besten dadurch tun könnten, daß wir Menschen auszeichnen, die geprägt sind von dem Geiste der Liberalität, der für den ersten Präsidenten der Bundesrepublik Deutschland so charakteristisch gewesen ist. Wir sind der Meinung, daß wir Zeugnisse suchen und finden sollten für das Fortwirken des demokratischen Gedankens in unserem Lande, eines demokratischen Gedankens, der, wie wir wissen, auch wieder ein angefochtener Gedanke ist, und vielleicht werden wir in Zukunft mehr noch als in den vergangenen Jahren auch angefochtene Demokraten in die Mitte unserer Ehrungen und Auszeichnungen zu stellen haben. Dieses - die Erinnerung wach zu halten an Theodor Heuss und an die Demokratie in Deutschland, ihre Leidensgeschichte und ihre Chance heute und für die Zukunft - ist der Sinn des Preises, der heute zum vierten Mal vergeben werden soll. Wir wollen im Grunde schlicht und einfach sagen, daß auch wir Deutsche teilhaben am Willen aller Menschen zur Freiheit und Menschlichkeit.
Es ist mir die Aufgabe zugefallen, namens Vorstand und Kuratorium des Theodor-Heuss-Preises Sie alle, verehrte Damen und Herren, recht herzlich zu begrüßen. Ich muß dabei mit einem schmerzlichen Gedenken beginnen. Ein Mann fehlt in unserem Kreise, der noch vor einem Jahr hier, mitten unter uns war und damals die Preisträger 1967 begrüßt und ausgezeichnet hat: Dr. Ernst Ludwig Heuss. Er ist, wenige Wochen nach dem Ereignis von damals unerwartet von uns gegangen. Er war uns, wie vielen anderen, ein verläßlicher und uneigennütziger Freund. So lebt er in unserer Erinnerung. Es wird für uns eine schwere Aufgabe sein, in seinem Sinne weiterzuarbeiten, weil wir wissen, daß wir die Lücke, die er hinterlassen hat, nicht werden schließen können. Es ist uns ein Trost, daß wir trotz dieses Todes die enge Verbundenheit zur Familie Heuss heute und in Zukunft hoffen bewahren zu können. Und darum, sehr verehrte Frau Heuss, danken wir Ihnen, daß Sie gekommen sind und daß Sie durch Ihre Anwesenheit und durch die Anwesenheit Ihrer Tochter und Enkelin von Theodor Heuss diese Verbindung zwischen dem Theodor-Heuss-Preis und der Familie Heuss lebendig erhalten. Sie sind uns der willkommenste und der geschätzteste Ehrengast an diesem Tage.
Ich habe dann die angenehme Aufgabe, einige Telegramme vorzutragen, die uns zugekommen sind. Zunächst ein Telegramm des Herrn Bundeskanzlers, das ich verlesen darf: "Ich freue mich sehr, daß einem meiner Kabinettskollegen heute der Theodor-Heuss-Preis verliehen wird. Gern hätte ich ihm, wie auch den Empfängern der Theodor-Heuss-Medaillen, persönlich zu der hohen Auszeichnung gratuliert. Leider muß ich mir dies versagen. Ich sende deshalb Herrn Bundesminister Dr. Heinemann und den anderen Preisträgern auf diesem Wege meine herzlichen Glückwünsche. Kiesinger, Bundeskanzler." Ich darf dann noch zwei weitere Telegramme hier einfügen, obwohl sie protokollarisch vielleicht nicht genau hinpassen, aber Sie werden mir diesen liberalen Fauxpas verzeihen. Es sind zwei Herren, die uns telegraphiert haben, die in engster Verbindung zu uns stehen. Einmal habe ich hier ein Telegramm von Carl Zuckmayer, der Mitglied unseres Kuratoriums ist, an Sie, Herr Dr. Heinemann, ich darf es aber auch Ihnen allen zur Kenntnis bringen: „Mit herzlicher Freude darf ich Sie zur Entgegennahme des Theodor-Heuss-Preises beglückwünschen. In aufrichtiger Bewunderung und Sympathie Ihr Carl Zuckmayer." Dann hat uns der Preisträger des Jahres 1967, Herr General von Baudissin, telegraphiert. Ich lese auch dieses Telegramm vor: "In Verbundenheit grüßen wir Vorstand und Preisträger und bedauern aufrichtig, nicht dabei zu sein. Baudissin." Ich bin sehr froh, daß wir durch diese Telegramme auch diejenigen mit unter uns haben, die vielleicht hätten kommen wollen, aber nur auf diese Weise ausdrücken konnten, daß sie Jedenfalls in Gedanken mit dabei sind.

Grußwort
Staatssekretär Dr. Jaumann
Meine sehr geschätzten Damen und Herren! Ich darf im Auftrag des Herrn Ministerpräsidenten, der, wie Sie ja aus der Presse wissen, im Krankenhaus weilt, Ihnen die herzlichen Grüße und Wünsche der Bayerischen Staatsregierung und des Herrn Ministerpräsidenten ausdrücken. Die Stiftung Theodor-Heuss-Preis, die ja versucht, mit der alljährlichen Verleihung des Heuss-Preises und der Gedenkmünzen die demokratische Gesinnung und Leistung einzelner Mitbürger zu ehren und den Mann immer mehr und immer wieder als menschliches und personifiziertes politisches Vor- und Leitbild herauszustellen, der Öffentlichkeit ins Gedächtnis zu rufen, der als erster Bundespräsident in und außerhalb Deutschlands die deutsche Demokratie wieder glaubhaft gemacht hat. Die Bayerische Staatsregierung möchte nachdrücklich diese Bemühungen unterstützen.
Darf ich aber noch einige Anmerkungen machen. Die deutsche Nachkriegsgeschichte ist, wie wir alle wissen, nicht überreich an Männern, die unserem Volke und vornehmlich unserer Jugend als Leitbilder eingeprägt werden können.
Namen wie Heuss, Adenauer, Schumacher sollten deshalb mehr als bisher hervorgehoben werden, gleichgültig wo, und gleichgültig auch, welcher politischen Richtung wir uns selbst zurechnen. Ich meine, daß dies um so notwendiger ist, je mehr wir in einer Gesellschaft, in einer Gesellschaftsform leben, die, grob gesagt, in der Erwartung ständig steigender Konsummöglichkeiten zusammengehalten wird und der eben orientierende Leitbilder fehlen - deshalb um so dringender notwendig sind. Es wird sicherlich nicht ausreichen. Unsere Generation erlebt ja, und am stärksten wohl und am deutlichsten drückt sich das in der Reaktion unserer Jugend aus, eine weltweite Aversion gegen das sogenannte Establishment. Ich sage also nicht Ordnung, damit ich nicht mit einem Träger der Gedenkmünzen in Konflikt komme.
Wenn wir diejenige Antwort darauf geben wollen, wird man sicherlich vorher den Gründen für diesen Protest sehr genau nachgehen müssen. Ist es dieser unbewußte Protest und Widerstand gegen das, wie Max Weber einmal gesagt hat, stahlhafte Gehäuse, in das der moderne Mensch hineingestellt und hineingezwängt wird? Ist es dieser unbewußte Widerstand gegen das unbarmherzige Eingeordnetwerden als Rädchen in eine funktionierende Welt? Mir scheint, daß manche die ganze Ausbildung unter der Zielsetzung sehen, die Menschen immer mehr nach rationellen Mitteln für seine spätere Funktion aufzubereiten, oder ist es der unzulängliche Versuch, mit unzulänglichen Mitteln vielleicht, das Menschlich-Schöpferische auch im Atom-Zeitalter zu erraten. Ich glaube, daß Analyse und Antwort auf diese eminent wichtige Frage sicherlich wichtiger ist als die Lösung manch vordergründigen Problems, auch wenn wir Zeitgenossen häufig mit einer gewissen sterilen Hektik und mit arg kurzem geschichtlichem Atem meinen, solche Probleme mit dem Beiwort Katastrophe bezeichnen zu müssen. Gerade Theodor Heuss war es, der, aus der Tradition des süddeutschen demokratischen Denkens kommend und ausgestattet mit dem Gespür für das Maß, den schwäbischen Stamm auszeichnet. Er selbst hat ja einmal gesagt: "Der schwäbische Stamm, ein Modell der deutschen Möglichkeiten.“ Ich habe dieses Wort als Schwabe natürlich sehr gern gelesen. Gerade Theodor Heuss war es, der die Demokratie, ich glaube, das ist unbestritten, nicht zuletzt deswegen glaubwürdig machen konnte, weil er in seiner Person, so wie es war, dem geistigen Vakuum nach 1945 Inhalt, Maß und auch Orientierng zu geben vermochte. Ich glaube, daß diese Art zu denken, diese Art zu leben, diese Art, seine Geschäfte im Alltag zu leisten, mehr Vorbild sein könnte, sein sollte, als manches noch so groß und emphatisch aufgestellte Ziel. Ich darf namens der Staatsregierung die Preisträger herzlich beglückwünschen, den Träger eines bedeutsamen Namens und die noch unbekannten, einmal bedeutsam werdenden jungen Träger der Gedenkmedaille. Dieser feierlichen Stunde einen schönen Verlauf!

Grußwort
Stadtrat Dr. Herbert Hohenemser
Herr Bundesminister, meine Damen und Herren Staatssekretäre, Magnifizenzen, meine sehr geehrten Damen und Herren! Sie haben sich heute zum vierten Mal zur Verleihung des im Jahre 1964 gestifteten Theodor-Heuss-Preises versammelt. Als Vertreter des Oberbürgermeisters der bayerischen Landeshauptstadt möchte ich aus diesem Anlaß die herzlichsten Grüße der Münchner Bürger und des Münchner Stadtrates überbringen und zugleich meiner Freude darüber Ausdruck geben, daß die Veranstaltung seit 1965 jedes Jahr in München stattfindet, wo sich Theodor Heuss nach seinem eigenen Zeugnis seit seinem Aufenthalt in den Jahren 1902, 1903 und 1905 stets so wohl gefühlt hat. Der Preis wird, ganz im Sinne des Wesens und des Lebenswerkes von Theodor Heuss, für die Tugenden der Duldsamkeit, der Zivilcourage und der Anteilnahme am Gemeinwohl verliehen. Diese drei Tugenden des klassisch-antiken, humanistischen und idealistischen politischen Bewußtseins sind in unseren Tagen infolge einer plötzlichen, ich möchte fast sagen, ruckartigen Zeitströmung, der Auseinandersetzung zwischen den Generationen auf einmal umstritten. Duldsamkeit wird denen, die vorgeben, den Begriff der Zivilcourage neu für sich erfunden zu haben, zur Plage; und die Anteilnahme am Gemeinwohl zu einem willkommenen Vorwand für eine unzweideutige Art des politischen und gesellschaftlichen Eigennutzes zu demonstrieren.
Um so mehr darf ich Sie, meine Damen und Herren, von denen die Stiftung Theodor-Heuss-Preis e.V. als Mitglieder des Vorstandes und Kuratoriums verwaltet wird, zu Ihrer Wahl des heutigen Preisträgers beglückwünschen. Es wird durch diese Wahl sichtbar, daß es auch in den stürmischen Zeiten neuer weltanschaulicher Auseinandersetzungen Menschen gibt, die den Sinn des Lebens von Theodor Heuss, das Schwierigste zu bewältigen versuchen, was Menschlichkeit von uns abverlangt, nämlich Duldsamkeit mit Zivilcourage zu vereinen und Anteilnahme am Gemeinwohl dadurch zu beweisen, daß sie auf ihrem beruflichen Gebiet für den geistigen und moralischen Fortschritt der Allgemeinheit kämpfen. Ich beglückwünsche Sie aber auch zu Ihrer Auswahl zur Verleihung der Theodor-Heuss-Gedenkmünzen und dazu, daß im Rahmen dieser Veranstaltung Herr Prof. Dahrendorf und Herr Prof. Butenandt das Wort ergreifen.
Der Name Theodor Heuss bedeutet für uns alle Vorbild und Vermächtnis. Beides möge weiter in die Zukunft wirken, auch in unserer Stadt. In diesem Sinne wünsche ich Ihrer heutigen Veranstaltung und der künftigen Tätigkeit Ihrer Stiftung einen vollen Erfolg.

Zur Begründung des Theodor-Heuss-Preises 1968
Hlldegard Hamm-Brücher
Zum vierten Mal haben wir uns zusammengefunden, um unseres ersten Bundespräsidenten zu gedenken und anläßlich seines bevorstehenden Geburtstages den Preis zu verleihen, der seinen Namen trägt.
Immer von neuem ist dies ein Augenblick wehmütiger Erinnerungen: Wie sehr fehlt Theodor Heuss, wenn es gilt, ein kluges Wort in die Waagschale öffentlicher und politischer Auseinandersetzungen zu werfen. Wie sehr entbehren wir seine abwägende Überlegenheit, seine Lauterkeit und Vernunft, seinen entkrampfenden Humor, sein Charisma echter Liberalität...
Jedoch: Es ist uns nicht erlaubt, die Flucht aus der politischen Verantwortung für das Hier und Heute auf dem Umweg über wehmütige Erinnerungen anzutreten. Wir feiern keine Gedenkstunde des resignierten "es war einmal", sondern wollen sie nützen zu engagiertem Nachdenken über die Verfassung der Freiheit in unserem Land. So ist es uns - dem Vorstand und dem Kuratorium der Stiftung Theodor-Heuss-Preis - mit unserer Satzung aufgegeben. Der Theodor-Heuss-Preis will der Stärkung und Festigung der Demokratie dienen, indem er nach Mitbürgern Ausschau hält, die ihre Möglichkeiten nutzen und durch ihr Engagement Demokratie glaubwürdig machen.
Dabei habe ich wiederum die Aufgabe übernommen, die Wahl der diesjährigen Preisträger zu begründen und den Bezug herzustellen zwischen ihrem Wirken und Bemühen und der gesellschaftspolitischen Situation der zweiten deutschen Demokratie - 35 Jahre nach ihrem ersten Zusammenbruch und im 23. Jahr ihres Wiederaufbaus: "Demokratie glaubwürdig machen" - wie entscheidend es eben darauf ankommt, ist uns im letzten Jahr mehr als einmal alarmierend klar geworden. Nicht nur, weil Faschismus, Radikalismus, Poujadismus, Pressekonzentration, Notstandsermächtigungen und anderes die freiheitliche Verfassung und mehr noch die Verfassung der Freiheit in unserem Lande bedrohen - (solche Gefahren und Gefährdungen gibt es auch in anderen demokratischen Ländern) - sondern weil es bei uns immer noch an einem vitalen Konsensus fehlt, aus der "zweitbesten" Staatsform das Beste zu machen.
Woran liegt das? Weshalb ist trotz vieler äußerer Fortschritte und Erfolge' die Demokratie in unserem Land noch immer nicht in sich gefestigt und glaubwürdig? Der scharfsinnige Göttinger Physikprofessor Georg Christoph Lichtenberg hat vor rund 180 Jahren unter dem Eindruck der Fehlschläge der französischen Revolution konstatiert:
"Eine Republik zu bauen aus den Materialien einer niedergerissenen Monarchie, ist freilich ein schweres Problem. Es geht nicht, ohne bis daß erst jeder Stein neu gehauen ist - und dazu gehört Zeit."
Diese Aussage scheint mir - ein wenig modifiziert - auch für unsere Tage zutreffend zu sein. Etwa so:
"Eine Demokratie zu bauen aus den Materialien einer (nicht aus eigener Kraft) niedergerissenen Diktatur, ist freilich ein schweres Problem. Es gelingt nicht, bis daß erst jeder Stein neu gehauen ist, und dazu gehört Kraft und Zeit."
Diese zwei Sätze - wie schade, daß sie noch niemals in einer westdeutschen Regierungserklärung gestanden haben - umreißen klipp und klar die Aufgabe, vor die wir gestellt sind. Die Lichtenbergsche Metapher des "Steineklopfens" läßt keinen Zweifel, daß uns da eine Sisyphusarbeit aufgetragen ist, und sie drängt die Frage auf: Haben wir diese Sisyphusarbeit geleistet? Haben wir j ed en Stein neu gehauen, um geduldig und ziel bewußt den Bau einer Demokratie aus einer niedergerissenen Diktatur zu vollbringen? Ich glaube nicht, daß wir uns in dieser Hinsicht mit dem seit 1945 Vollbrachten zufrieden geben dürfen. Aber es genügt auch nicht und hilft nicht weiter, an den demokratischen Einrichtungen unseres Landes unaufhörlich und ausschließlich pessimistische Kritik zu üben und bei jeder Panne das baldige Ende der parlamentarischen Demokratie zu prophezeien - das kann sogar sehr schädlich sein.
Worauf es ankommt ist dies: Wir müssen erkennen, daß wir es bisher versäumt haben, den Lichtenbergschen Rat zu befolgen, "jeden einzelnen Stein der niedergerissenen Diktatur neu zu behauen", bevor wir ihn in das Gebäude der freiheitlichen Demokratie eingefügt haben - und eben dies muß nun nachgeholt werden.
Mit anderen Worten: Die Reformen, die zur inneren Demokratisierung von Staat und Gesellschaft bisher ausgeblieben sind, müssen nun tatkräftig und zielbewußt verwirklicht werden.
Denn das, was bisher geschehen ist, genügt nicht - dafür gibt es leider viele Warnsignale: Das politische Unbehagen in unserem Lande wächst, und es kann nur "verkraftet" werden, wenn sich die Demokratie nicht In die Defensive drängen läßt.
Auch die Verachtung für das "Establishment", den ein Teil und oft nicht der schlechteste unserer Jugend ergriffen hat, ist Ausdruck dieses Unbehagens. Bei allem was wir geleistet und erreicht haben, ist es in ihrem Urteil doch nicht ausreichend gelungen, die Staatsform der Demokratie glaubwürdig zu machen. Immer noch ist jener einfältig-ehrfürchtige Untertanenverstand des braven Schneiderleins nicht ausgestorben, der vor knapp 100 Jahren seinen Landesherren mit folgenden Worten begrüßte:

"Lieber Landesvater,
unter Deinen Flügeln
kann ich ruhig bügeln."

Und von hier bis zu jenem Lesebuchzitat, das ich noch vor wenigen Jahren in einem bundesrepublikanischen Lesebuch fand, ist dann nur noch ein Schritt. Es lautet:

"Willst Du sein ein guter Christ, Bauer bleib auf Deinem Mist. Laß' die andren Freiheit singen, düngen geht vor allen Dingen."

Leider ist jener gottgewollte Untertanenverstand nicht nur nicht ausgestorben, leider wird er oft immer noch gelehrt und gefordert in Schulen und Kirchen, in Hochschulen und Verwaltungen - landauf, landab - mit den Folgen, die uns viele Jahre als mangelndes politisches Interesse bei unserer Jugend beunruhigten, und die uns neuerdings als politische Radikalisierung alarmieren. Beide Reaktionen sind gleichermaßen folgerichtig und folgenschwer.
Hören wir zu diesem wichtigen Thema eine junge kritische und verantwortungsbewußte Stimme. Sie gehört unserer jüngsten Preisträgerin - Fräulein Karin Storch. In ihrer Abiturientenrede sagt sie folgendes: "Im Gemeinschaftskundeunterricht haben wir über den Untergang der Weimarer Republik gesprochen. Eines der Hauptversäumnisse der Weimarer Republik war es, zu wenig krisenfeste Demokraten zu erziehen. Es gab zu wenig Demokraten, die bereit waren, zwar kritisch und ungehorsam zu sein, dabei aber den Staat als ihren Staat anzuerkennen. Wo die Deutschen damals kritisierten, da gingen sie an die Wurzel des Staates, zerschlugen ihn, statt ihn zu bessern. Dieses Hauptversäumnis muß in der Bundesrepublik vermieden werden. Und zwar durch unsere politischen Pädagogen, indem sie krisenfeste Demokraten erziehen, weil sie den Ungehorsam einüben. Jenen Ungehorsam, der demokratisch bleibt... ... Erziehen unsere Schulen zum Ungehorsam, regen sie Kritik an, formen sie die Schüler zu freien Menschen, fordern sie die eigene Stellungnahme heraus, regen sie an zu selbständigem Denken? Sie tun es leider zu wenig. Eine wissenschaftliche Untersuchung der Max-Traeger-Stiftung zeigte, daß der politische Unterricht in seinem Ergebnis fragwürdig ist. Auf die Frage: ,Würde sich für Dich persönlich viel ändern, wenn wir hier eine Diktatur hätten?' gaben 50 Prozent der Primaner keine Antwort oder antworteten mit ,Nein'. Diese Zahl ist erschreckend. Sie zeigt die Gefahr auf, daß so erzogene Jugendliche einen schleichenden Übergang von einer Demokratie in einen straffen oder gelenkten Staat gar nicht merken würden. Daß sie sich also eher den Verhältnissen anpassen als Widerstand leisten würden... Die Unruhe der Schüler und Studenten zeigt, daß politisch denkende junge Menschen kritisch die ,Älteren' und deren Tun betrachten und ihre eigenen Positionen beziehen. Aber dieser Aufruhr zeigt auch, daß sie niemand gelehrt hat, wirksam ungehorsame Demokraten zu sein. Aber nicht alle jungen Menschen sind bereit, in solcher Opposition sich auseinanderzusetzen. Aus ihrer Skepsis und aus ihrem Zweifel wird dann oft leider Gleichgültigkeit..."

Wieviel Richtiges steckt in diesen Beobachtungen, Erfahrungen und Überzeugungen. Wieviel Hoffnung erweckt diese Art vernünftiger und engagierter Reflexion! Und so wie Karin Storch denken, rechten und ringen viele junge Menschen in unserem Land. Wir müssen sie anhören und ernstnehmen, denn sie meinen es ernst. Und sie haben recht: Diese Demokratie wird so lange nicht glaubwürdig sein, als sie nicht endlich ihre Postulate in Einklang bringt mit ihrem Denken und Handeln. Karin Storch hat mit dieser Rede und ihrer Mitarbeit in der SMV ein solches Beispiel gegeben dafür soll sie mit der Theodor-Heuss-Medaille stellvertretend für alle jungen Bürger, die diesen Weg gehen wollen, ausgezeichnet werden; denn Zwischen Restauration und Radikalisierung gibt es keinen anderen!
Theodor Heuss hat dies - wie kein anderer - vorausgesehen und mit jenem "Steineklopfen der Erneuerung" einen Anfang gemacht. Deshalb muß es uns wichtig sein, die Ansätze, die er geschaffen hat, nicht neuerlich verschütten zu lassen, die Einsichten und Mahnungen, die wir ihm verdanken, nicht zu vergessen und auf dem Wege zu einer Demokratisierung unserer Gesellschaft endlich aus dem Rückwärtsgang herauszukommen.
Dafür suchen wir Vorbilder, und es ist heilsam, daß unsere Satzung dazu zwingt, unser Vorhaben Jahr für Jahr neu zu interpretieren, neue Situationen und Entwicklungen mit einzubeziehen und uns nicht zu berauschen an "unbefleckten" Idolen. Denn wir suchen keine Preisträger, um einen Theodor-Heuss-Kult zu züchten, sondern wir suchen Menschen, die entschlossen und fähig sind im Sinne der Lichtenbergschen Metapher jeden Stein neu zu behauen, damit das Gebäude der Freiheit nicht wiederum zu ihrem Gefängnis werde. Und noch etwas suchen wir bei unseren Preisträgern: Jene "Festigkeit des Herzens", von der Max Weber sagt, "daß sie auch dem Scheitern aller Hoffnungen gewachsen sein muß und allen Rückschlägen zum Trotz jenes tapfere ,Dennoch' zu sagen erlaubt".
All diese Voraussetzungen verwirklichen sich in Dr. Gustav Heinemann. Sein politischer Weg vor und nach 1945 ist makellos und unbeirrt. Er gibt für die kritische junge Generation ein Beispiel dafür, daß es in unserem Lande, ja sogar in einer Koalition, die man ablehnt, sehr wohl Menschen gibt, die die von ihnen vermißte "Einheit von Denken und Handeln" vorleben. Die Stationen seines Lebensweges, seine Reden und Aufsätze zu außenpolitischen, juristischen und theologischen Problemen unserer Zeit zeugen davon: Er ist Bekenner und Reformator zugleich - ein Mann des Geistes und der Tat, keiner der ewig Arrivierten, sondern ein Suchender, der sich immer von Neuem auf den Weg macht.
Eine ausführliche Würdigung der reformerischen Impulse und Initiativen unseres Preisträgers obliegt unserem Festredner. Ich möchte nur zwei Beispiele für diese mutvolle Einheit im Denken und Handeln des Politikers Gustav Heinemann geben:
In einem viel beachteten Aufsatz "Die gesellschaftliche Bedeutung der Reformation" hat Dr. Heinemann anläßlich der 450jährigen Wiederkehr des Reformationstages auf die Zusammenhänge hingewiesen, die bestehen zwischen der lutherischen "Einbindung des Menschen in einen von der Obrigkeit regierten Staat und in eine ebenso regierte Kirche mit ihrer Erziehung durch Schule und Predigt zu fügsamen und arbeitsamen Untertanen", die "für unser gesamtes öffentliches Leben trotz aller Basierung des heutigen Staates auf den Grundsätzen der Demokratie und trotz aller heutigen Eigenständigkeit der Kirche eine immer wieder bedrückende Rolle spielt". Diese "Einbindung" sei die Ursache dafür, daß sich gläubige Christen zur eigenständigen Mitverantwortung für das Geschehen im Staat, im Rathaus oder in der Kirche weder aufgerufen noch zugelassen fühlten. Dr. Heinemann durchbricht diese "Einbindung", er entzieht sich dieser eigenständigen Mitverantwortung des Christen nicht.

In einer Zeit, in der parteipolitische Liebe-Dienerei gegenüber oft sehr handfesten irdischen Wünschen der Kirche die Regel ist, in solcher Zeit kämpft er bei der Strafrechtsreform dafür, "daß nicht alles, was gegen die christliche Ethik verstößt, auch von Staats wegen mit Strafe bedroht" werden müsse. Diese Position eines Bundesministers, der auch und vor allem ein Mann der Kirche ist, zeugt von seiner inneren Unabhängigkeit, von seinem unveräußerlichen Verantwortungsgefühl und von der rechtverstandenen Modernität seines gesellschaftspolitischen Denkens.
Dr. Heinemann hat 1951 auf Diffamierungen, die ihm von ehemaligen Parteifreunden zugefügt wurden, in seiner nüchternen Art festgestellt:
"Solange wir der Diffamierung im politischen Leben und der Anfälligkeit zur Gleichschaltung des Denkens nicht zu begegnen vermögen, sind wir weder ein freiheitliches Volk, noch überhaupt auf guten Wegen."
Die "Gleichschaltung des Denkens", das ist in der Tat eine Anfälligkeit, die seither nicht weniger geworden ist - und die sich immer wieder als eine der schwächsten Stellen im demokratischen Kreislauf erweist. Wie kaum ein anderer Politiker hat Dr. Heinemann dieser Anfälligkeit widerstanden. Dafür danken wir ihm in dieser Stunde.
Damit führt der Weg meiner Gedanken zu jener Gruppe von Helfern, die seit vier Jahren die ausländischen Zeugen in den KZ-Prozessen in Frankfurt und acht anderen Städten der Bundesrepublik betreuen. Mehrere hundert Zeugen meist aus Ostblockstaaten - wurden von ihnen bei ihrer Ankunft in der Bundesrepublik abgeholt und versorgt. Die Damen und Herren des Helferkreises nahmen regelmäßig an allen Verhandlungstagen teil, um sich einen Einblick in das Einzelschicksal der Zeugen zu verschaffen. In einem kleinen Büchlein "Zeugen Im Auschwitz-Prozeß" berichtet Frau Bonhoeffer darüber:
"... Offenbar hatte es sich bis dahin niemand überlegt, was es für diese Menschen bedeutet, nach zwanzig Jahren jenes grauenhafte Leiden, das sie vielleicht einigermaßen überwunden glaubten, nun wieder ausgraben, bis ins Detail zurückrufen zu müssen und damit allein zu sein in einem Land, das sie nur von seiner abscheulichsten Seite kennengelernt hatten. Wir waren uns sofort darüber einig, daß etwas geschehen müsse. Gleich am nächsten Tag hörte ich einer Gerichtsverhandlung des Auschwitz-Prozesses zu, um dem Sachverhalt und der Atmosphäre näherzukommen, in der die Menschen, denen wir zur Seite stehen wollten, Zeugendienst zu leisten haben. ... Praktisch handelte es sich für uns zunächst darum, dreimal in der Woche von halb 9 bis halb 5 Uhr mit drei Pausen den Verhandlungen beizuwohnen. Denn wenn du einem Menschen helfen willst, mußt du zuvor wissen, in welchem Erleben er steht."

Aber für die Helfer gab es noch mehr zu tun. Darüber berichtet Frau Ursula Wirth: "... Die Hilfe am Verhandlungstage bestand zunächst darin, den oft sehr erregten Menschen Beruhigungsmittel zu geben und dann den nach der Vernehmung eintretenden Erschöpfungszustand aufzufangen, d. h. mit Ihnen in ein ruhiges Restaurant oder ins Hotel oder in einen Park zu gehen und sonstige Wünsche zu erfüllen.
Das Wesentlichste waren die menschlichen Kontakte durch die Gespräche in den Pausen und den oft sehr langen Wartezeiten, die selbstverständlich nie die Zeugenaussage berührten, aber oft sehr persönlichen Inhalts waren. Immer wieder waren wir erstaunt und erfreut über das Vertrauen, das uns meist schon am ersten Tage entgegengebracht wurde. Dadurch ergaben sich zwanglos private Einladungen, z. T. übers Wochenende in unsere eigenen oder befreundete Familien, gemeinsame Ausflüge in die Umgebung, Theaterbesuche, Einkäufe mit den nach Waren ausgehungerten Zeugen aus den Ostblockländern. Wir vermittelten Konsultationen bei Ärzten, besorgten Medikamente und Brillen, die mitgenommen wurden.
Wenn manche dieser Häftlinge, wie sie uns selbst erzählten, und wie es nicht anders zu erwarten war, mit Mißtrauen und Ressentiments nach Deutschland kamen, so gelang es durch diese Art der Betreuung, die sich einerseits grundsätzlich niemals aufdrängte, andrerseits wenn gewünscht - ein vorbehaltloses Zur-Verfügungstehen war, fast immer ein Vertrauensverhältnis herzustellen, das in vielen Fällen bis heute bestehen geblieben ist."

Wir hören oft die bange kritische Frage: Haben diese KZ-Prozesse denn noch einen Sinn? Frau Bonhoeffer gibt darauf eine ebenso einfache wie unbequeme Antwort:
"... daß Auschwitz In einem Kulturvolk möglich war, das zu fünfundneunzig Prozent aus getauften Christen bestand, sollte uns aufrütteln und zur Umkehr bewegen. Darin sehe ich den Sinn dieses Prozesses." Meine Damen und Herren. Das bisher kaum bekanntgewordene Wirken dieses Helferkreises geschah und geschieht stellvertretend für uns alle. Frau Wirth, Frau Minssen und Frau Bonhoeffer waren kaum zu bewegen, die ihnen zugedachte Ehrung und Auszeichnung anzunehmen. Wir respektieren ihre Scheu vor einem öffentlichen Zerreden ihres Tuns, und deshalb wollen wir ihnen danken, indem wir ihnen für ihre Arbeit den ganzen Geldbetrag zur Verfügung stellen, der in diesem Jahr für den Theodor-Heuss-Preis aufgebracht wurde.

Soviel über unsere Preisträger. Wir sind gewiß, daß wir auch im vierten Jahr des Bestehens des Theodor-Heuss-Preises unter vielen Anwärtern Mitbürger gefunden haben, die entsprechend den Bestimmungen unserer Satzung "bemerkenswerte Beispiele demokratischen Verhaltens gegeben haben, Zivilcourage gezeigt oder erfolgreiche Aktionen zugunsten des Allgemeinwohls geleistet haben".
Wir freuen uns darüber und hoffen, daß es im Laufe der Jahre gelingen wird, zu einer Entwicklung beizutragen, bei der zu guter Letzt die Steine für ein demokratisches Gemeinwesen wirklich neu gehauen und aneinandergefügt sein werden, auf daß ein Gebäude entsteht, In dem - fern aller Illusionen - Vernunft und Recht, Freiheit und Mitmenschlichkeit für immer eine Heimstatt gefunden haben.

Festansprache
Professor Ralf Dahrendorf
"Demokratie glaubwürdig machen"
Es steht nicht gut um die deutsche Demokratie. Das mag wie ein Gemeinplatz klingen, der 1908 richtig war, und 1938 zumal, und der 1968 sicher weniger zutrifft als vor dreißig oder sechzig Jahren; doch meine Ich mehr: es steht schlechter um die deutsche Demokratie, als dem Anspruch des Gemeinwesens entspricht, in dem wir leben und leben wollen, schlechter auch, als es stehen würde, wenn es uns gelänge, diesen Anspruch bei den Menschen im Lande seßhaft und damit glaubwürdig zu machen. Zwischen den vertrauten Formeln der gleichsam offiziellen politischen Diskussion (in die Regierung und Opposition, ja auch die außerparlamentarisch Regierungstreuen wie Opponierenden sich redlich teilen) und den zweifelnden Fragen der Menschen im Lande wächst ein Riß, der sich durch die leicht selbstgefällige Vermutung, es würde schon alles im großen und ganzen so bleiben, wie es seit 20 Jahren war, wohl nicht mehr lange überdecken läßt. Die Frage ist aktuell, was wir denn tun könnten, um eine Form der politischen Ordnung glaubhaft zu machen, die möglichst vielen möglichst viele Lebenschancen eröffnet. Beginnen wir daher hier und heute.
Demokratie - schon das Wort hat seinen Klang verloren, seit es in allzu vieler Mund geraten ist: unseren eigenen und den von Ulbricht, den von Dutschke und von Thadden. Volksdemokratie, freiheitliche Demokratie, Demokratisierung der Hochschule und aller Lebensbereiche, nationale Demokratie - läßt sich mit der Vokabel überhaupt noch etwas ausrichten? Das gilt sicher nicht, wenn wir uns durch ihren fehlenden Klang zu jenem Jargon der Eigentlichkeit hinreißen lassen, der das Seine dazu beigetragen hat, daß wir die Frage stellen müssen: ob und wie sich denn Demokratie glaubwürdig machen läßt? Denn, täuschen wir uns nicht, gerade die lieben und gewohnten Formeln können zu Waffen gegen ihre eigenen Absichten werden, wenn man sie zu häufig und zu gedankenlos verwendet: freiheitlicher und sozialer Rechtsstaat, Wiedervereinigung in Frieden und Freiheit, und dann immer wieder: wahre Demokratie, echte Demokratie, Demokratie. Der Versuch, hinter die Formeln zu greifen und neu zu fragen, was sie denn abkürzen sollen, beginnt daher am besten damit, die Formeln selber zu vergessen: die Vokabeln "Demokratie" und "glaubwürdig" werden Sie von mir nur noch dieses eine Mal hören, gerade weil ich darüber sprechen möchte, wie sich heute in Deutschland Demokratie glaubwürdig machen läßt. Der Weg von in diesem Sinn radikalen Fragen führt uns übrigens in ganz ungezwungener Weise zu denen, die wir heute feiern, und weiter zu dem Mann, dessen Namen der Preis trägt, der heute zum vierten Male verliehen wird.
Wir wissen nicht mehr sehr viel über die Welt, in der wir leben; und darüber, wie sie sich am besten ordnen ließe, können wir nur Vermutungen anstellen. Zwar hat jeder von uns eine besondere Zuneigung zu seinen Vermutungen im Hinblick auf die bessere Welt von morgen - wer wollte es uns verübeln -; aber der ist noch nicht erschienen, der für diese Zuneigung so viele gute Gründe vorzuweisen hätte, daß alle anderen ihre Liebe aufgeben müßten. Es gab allerdings manche - in der Tat zu viele -, die meinten, solche Gründe zu haben, oder, schlimmer noch, die ihre Vermutungen ohne Rücksicht auf die Gegengründe der anderen durchzusetzen versuchten. Während die meisten von diesen auf lange Sicht mit ihrem Glauben nicht so weit gekommen sind, wie sie kommen zu können meinten, ist doch hier wie auch sonst die lange Sicht ein recht bescheidener Trost für die vielen, die den Weg dahin mit ihren Hoffnungen und im schlimmen Fall mit ihrem Leben bezahlen. Es gibt also stets verschiedene Vermutungen über die Ordnung der menschlichen Dinge, und es gibt stets Gegengründe. Wenn das richtig ist, und wenn wir die Unvernunft - die absolute Herrschaft nur einer Vermutung - nicht zum Prinzip erheben wollen, dann läßt sich dies zumindest schließen: es ist sinnvoll, eine Ordnung zu finden, die der Auseinandersetzung der Vermutungen und Gegengründe Raum gibt.
Gegengründe bedeuten Kritik. Wenn sie nicht vorgebracht werden darf oder kann, oder auch nur einfach nicht vorgebracht wird, öffnet sich das Feld für die Verfestigung einzelner, einseitiger Vermutungen. Vermutungen bedeuten politische Entwürfe. Wenn sie nicht entwickelt werden, nicht entwickelt werden können oder dürfen, dann setzt eine Versteinerung des Bestehenden ein, die in der Wirkung kaum anders ist als der Dogmatismus eines Entwurfs.
Offene Gemeinwesen leben vom ständigen Widerspiel von Entwurf und Kritik. Aber so schön das gesagt sein mag: beide, Entwurf und Kritik, sind bei uns zulande wie in anderen Ländern unserer Welt gefährdet.
Was zunächst das Neinsagen betrifft, so sind dessen Schwierigkeiten auch dort bekannt, wo Polizei und Gerichte sich mit ihren handfesten Mitteln einigermaßen zurückhalten. Ich gebe die Stichworte: auch ohne Strafverfahren und Polizeiknüppel gibt es viele Mittel, die das Neinsagen unbequem machen; die Pension, die der Minister einbüßt, der zu früh zurücktritt, die Sympathien des Lehrers, die der Schüler verliert, der Gegengründe findet. Gegengründe verlangen Kenntnis der Gründe; das bedeutet vielfach einen Aufwand an Mühe bei der Suche nach schwer zugänglicher Information, den nur wenige sich leisten können; es bedeutet zudem einen Grad der Bekanntheit der Gründe, wie ihn kaum ein ideales Presse- und Informationswesen vermitteln könnte, geschweige denn eines, in dem die Vorlieben weniger den Redakteuren nicht nur das Neinsagen schwermachen, sondern bereits die bloße Mitteilung des Geschehenen.
Kritik heißt wirksame Kritik; im stillen Kämmerlein kann sie nichts ausrichten; sie bedarf der Öffentlichkeit, also wiederum der Instrumente der Information; sie bedarf der Organisation; sie bedarf der Sanktionen. Denn dies werden wir den lebhaftesten Kritikern in unserer eigenen Welt und ihrem fernen Lieblingsideologen Herbert Marcuse zugestehen müssen, daß es auch eine Toleranz gibt, die das Neinsagen zuschanden macht: "Laßt doch die jungen Leute; in unserer Jugend waren wir ja nicht anders..."
Wenn indes dies und anderes ähnlicher Art gesagt ist, dann bleibt noch ein Fragezeichen stehen. Und hier ist es gut, daran zu erinnern, daß in der Ordnung der öffentlichen Dinge Kritik und Entwurf zusammengehören. Kritik verlangt Entwürfe, gegen die sie sich richtet. Könnte es nicht sein, daß der Hauptgrund für die Schwierigkeit, heute nein zu sagen, in einem beklagenswerten Mangel an politischen Entwürfen besteht, gegen die zu argumentieren sich lohnte? Der Zirkel der Unruhen an den Universitäten, in der Jugend, weniger sichtbar bei vielen Menschen im Lande liegt möglicherweise schon in ihrem fehlenden Ziel; aber darin liegt kein Vorwurf gegen die Unruhigen, sondern gegen diejenigen, deren Aufgabe es wäre, Ziele zu setzen. So wählt die Unruhe sich ein unbestimmt Gegebenes zum Gegenstand, ein Symbol für die Verfestigung - das "Establishment" - oder sie weicht auf ferne, zweifellos wichtige und doch nicht hinlänglich erklärungskräftige Ziele aus, auf Bolivien, auf Vietnam. Sie wird zur Unruhe an sich, zu einer Kritik, die man, wenn einem sehr wenig einfällt, anarchistisch nennen kann - aber sie spiegelt doch in ihrer Ziellosigkeit nur die fatale Ratlosigkeit derer, in deren Verantwortung es läge, verfestigte Verhältnisse mit neuen Entwürfen aufzubrechen.
Die Frage ist also, warum es in der modernen Welt so schwierig ist, politische Entwürfe zustande zu bringen. Auch hier bieten Stichworte sich an: die Ablösung des alten Klassenkampfes durch neue soziale Frontstellungen hat sich bisher weder in der Parteienstruktur noch in der Artikulierung der politischen Interessen klar erkennbar niedergeschlagen. Die Abhängigkeit der Nationen voneinander und die vergleichsweise Starre der internationalen Beziehungen - in der Rede vom "nuklearen Patt" sinnfällig dargestellt legt sich lähmend auch auf die innere Politik. Das Gehäuse der Hörigkeit des Apparates der öffentlichen und privaten Verwaltungen ist seit Max Webers Zeit eher beklemmender geworden; seine Unbeweglichkeit steht den Entwerfenden hemmend im Weg. Aber auch hier können die Stichworte das Fragezeichen nicht ganz beseitigen. Gibt es nicht vielleicht neben den guten auch schlechte Gründe für das Fehlen politischer Entwürfe zumal in der Bundesrepublik? Gibt es nicht folgenschwere Versäumnisse gerade in der Bereitschaft und Fähigkeit zum politischen Entwurf? Anders und möglicherweise freundlicher gesagt: Gibt es nicht Dinge, die wir ändern können, um beiden, Entwurf und Kritik, zu neuem Leben zu verhelfen?
Entwurf und Kritik sind, ich weiß es wohl, sehr abstrakte Vokabeln. Sie könnten den falschen Eindruck verstärken, der ohnehin in einem verbreiteten Verständnis unserer Welt so kräftig ist, daß die sozialen politischen Dinge in einer anonymen, zugleich rätselhaften und unbeeinflußbaren Bewegung begriffen sind, der wir allenfalls in respektvollem Abstand nachlaufen können. Vielleicht hat auch die moderne Sozialwissenschaft dazu beigetragen, die Ereignisse unserer gesellschaftlichen Welt als unausweichliche Naturereignisse erscheinen zu lassen, als Erdbeben und Flutkatastrophen, Taifune und Vulkanausbrüche, die uns nur dazu aufrufen, uns wirksam zu schützen und den entstandenen Schaden hernach rasch wiedergutzumachen. (Und vielleicht hat auf diese Weise die moderne Sozialwissenschaft ganz unbeabsichtigt zum Fehlen von Entwürfen in der modernen Politik beigetragen.) Darum lassen Sie mich rasch und deutlich betonen, daß für mich hinter den Begriffen des Entwurfs und der Kritik kein so jammervolles, passives Verständnis unserer Möglichkeiten steckt. Ich sehe hinter den Aufgaben vielmehr zwei Figuren, zwei Sozialfiguren zunächst, die sehr tätig sind (und für die, wenn sie menschliche Gestalt gewonnen haben, die Stiftung Theodor-Heuss-Preis seit ihren Anfängen ein besonderes Verständnis gezeigt hat): den modernen Politiker und den mündigen Bürger.
Ich behaupte: es fehlt in unserem Lande auch darum an politischen Entwürfen, weil es zu wenige moderne politische Führer in ihm gibt. Nun ist es schwer, in der Stadt, in der Max Weber vor bald einem Jahrhundert seine beiden großen Reden hielt, die Charaktermaske des Politikers neu zu beschreiben, und unmöglich, das in wenigen Sätzen zu tun. Nur dies sei gesagt: Leidenschaft, Verantwortungsgefühl und Augenmaß mögen löbliche politische Tugenden sein; den modernen Politiker, der seinem Land Entwürfe neuer Möglichkeiten vorlegt, beschreiben sie nur sehr unzulänglich. Für ihn sind vielmehr vor allem zwei Dinge wichtig: eine unbefangene, von Traditionen ebensowenig wie von Gegebenheiten gefesselte Phantasie, aus der ihm ein Bild von der Zukunft entsteht; und die einschränkungslose Bereitschaft zu begründen, was dieses Bild enthält. Daß es nicht mehr zureicht, innere Stimmen zu befragen oder auf zeitgerechte Intuitionen zu hoffen, wenn man Politik betreibt und das harte Geschäft mit ein bißchen Goethe- oder selbst Trakl-Lektüre zur Nacht zu garnieren -, hat sich inzwischen auch bei uns zulande herumgesprochen. Es reicht aber auch nicht, in einer fiktiven Arbeitsteilung von Wissenschaft und Politik vor jeder Entscheidung erst einmal eine wissenschaftliche Untersuchung vornehmen zu lassen und deren Ergebnisse zur Richtschnur des Handeins zu nehmen. Modern ist nicht schon der Politiker, der sich einen Beirat hält; modern ist vielmehr der, der die Verbindung von entwerfender (in der Wissenschaft würde man sagen: theoretischer) Phantasie und Zwang zur Rechenschaft über jeden Schritt zum entworfenen Ziel mit dem Wissenschaftler - jedenfalls mit dem Erfahrungswissenschaftler - teilt. Jürgen Habermas hat für das Prinzip, das hier leiten soll, das eindringliche Wort geprägt: dezidierte Vernunft. Das läßt sich auch umkehren: vernünftige Dezision. Der moderne Politiker Ist den Menschen, für die er sich verantwortlich fühlt, um ein paar Schritte voraus; er schaut ihnen nicht aufs Maul, nicht einmal auf das durch Meinungsforschung schwach verfremdete und zur "Stimme des Volkes" versteinerte Maul, sondern er trägt neue Ideen in die Diskussion hinein. Seine Aufgabe ist produktiv, nicht reaktiv - und sie ist in aller Produktivität doch nicht einfach eine Aufgabe der Phantasie, sondern gebunden an jene Rationalität, die sich faßlicher auch als Zwang zur Begründung beschreiben läßt.
Zur Begründung gehört die Bereitschaft zur Diskussion, und hier trifft der moderne Politiker auf den mündigen Bürger. Es stimmt, in Art. 20 unserer Verfassung steht: "Alle Staatsgewalt geht vom Volke aus." Doch wird dieser Satz sicher falsch verstanden, wollte man ihn als Alibi für die Ratlosigkeit der politischen Führer benutzen. Daß die Staatsgewalt vom Volke ausgeht, muß heißen, daß alle Gründe sich den Gegengründen der Bürger zu stellen haben. Die Art und Weise, in der das Volk an der Entwicklung seiner Dinge vor allem Anteil nimmt, ist die Kritik. Auch die Wahlentscheidung des Bürgers scheint mir in erster Linie ein kritisches Urteil über die Regierenden zu enthalten. Ich würde den Verfassungssatz daher übersetzen: alle politischen Entwürfe sind der verbindlichen Kritik der Bürger unterworfen. Daß es sinnvoll ist, gewisse Spielregeln zu entwickeln, die das Widerspiel von Entwurf und Kritik für Entscheidungen fruchtbar werden lassen, läßt sich wahrscheinlich zeigen. Aber wichtiger ist es heute, etwas anderes zu betonen: eine von vornherein gezähmte Kritik, eine Kritik, die sich also schon der Absicht nach innerhalb der Grenzen einer kraft Herrschaft gesetzten Ordnung hält, ist entbehrlich; sie ist keine Kritik in dem Sinne, in dem ich hier davon spreche. Es gehört zum Gedanken des Neinsagens, daß man auch zu den Spielregeln mit guten Gründen noch nein sagen darf; wenngleich es zum Gedanken der Spielregeln gehört, daß dann, wenn sie von vielen angezweifelt werden, etwas faul ist im Bereich der Entwürfe. Der Ungehorsam ist also ein notwendiger Teil der Kritik; der mündige Bürger ist ein unbequemer Geselle, unruhig, bereit zu demonstrieren und zu protestieren, bereit auch, die Ordnung selbst in Frage zu stellen, in der er lebt.
Doch muß ich mich selbst anhalten. Sie sehen aus dem, was Ich bisher gesagt habe, daß eine meiner Passionen noch immer der Theorie gehört oder, sagen wir es anders, dem Nachdenken über das, was wir tun müssen und tun. Sie brauchen aber nicht zu befürchten, daß Ich nun den Versuch unternehme, aus dem Himmel der Theorie die irdischen Personen gleichsam zu deduzieren, die zu preisen wir heute hier zusammengekommen sind. Nicht nur ich selbst, sondern auch die Preisträger und wir alle sind Menschen mit vielen Widersprüchen, viel zu kompliziert in unserer Mischung, viel zu bunt, um dem Zwang der Theorie unmittelbar zu gehorchen. Ich hoffe, Sie teilen meine Freude darüber, daß die Welt, in der wir leben, den Kategorien, mit denen wir sie zu begreifen suchen, immer noch ein erhebliches Stück voraus ist - und daß das auch gilt für die Menschen, die dieser Welt ihr Gepräge geben.
Es ist leicht und angenehm, Gustav Heinemann, den Träger des Theodor-Heuss-Preises 1968, zu loben. Sein Leben zeigt, daß man moderner Politiker und mündiger Bürger zugleich sein kann. Der mündige Bürger Heinemann ist im Lande wohlbekannt. Ich weiß nicht, ob es in seinen Konstellationen stand - hier bin ich zu jung und vielleicht auch zu arm an Erfahrung, um sicher sein zu können -, daß er mehrfach und exemplarisch Protestant im besten Sinne der Notwendigkeit, nein zu sagen, werden würde. Wahrscheinlich wissen manche hier Anwesende mehr über ihn als ein Redner, der dem Gefeierten selbst heute zum ersten Male persönlich begegnet ist. Aber zwei Dinge haben ihn den Menschen unvergeßlich als mündigen Bürger im Sinne der von mir versuchten Bestimmung ausgewiesen. Das ist einmal seine Tätigkeit in der in seiner Heimat und unter seiner unmittelbaren Mitwirkung begründeten bekennenden Kirche.
Es ist zum anderen sein Rücktritt aus der ersten Regierung Adenauer und der folgende Austritt aus einer Partei, der er gewiß nicht zufällig ursprünglich beigetreten war.
Dies ist das erste Mal, daß der Theodor-Heuss-Preis einem, amtierenden Minister zuerkannt wird. Ich weiß nicht, ob man daraus schließen muß, daß die Stiftung Theodor-Heuss-Preis gouvernemental geworden ist (was ein ungewolltes Geschick dann dadurch korrigiert - oder soll ich sagen noch verschärft? - hat, daß nun ein Mitglied der Opposition den Regierenden loben darf). Vielleicht läßt sich aber auch der Schluß ziehen, daß wir es hier mit einem Minister zu tun haben, der regieren kann, ohne gouvernemental zu werden. Daß gerade Justizminister sich offen Richter wünschen, die etwas mehr Beweglichkeit und Sinn für die Zeit mitbringen als viele bei uns zulande, ist ja nicht selbstverständlich; und mit mir hoffen viele, daß der Reform des politischen Strafrechts eine allgemeine Strafrechtsreform aus liberalem Geist folgen möge. Aber ich möchte die Freude über das Fehlen jeder gouvernementalen Sklerose bei diesem Minister vor allem durch den Hinweis auf eine etwas unbequeme Tatsache begründen. Es hat Jahre gegeben, verehrter Herr Heinemann, in denen Sie von vielen Menschen im Lande beinahe als ein Sektierer betrachtet wurden.
Lassen Sie mich Ihnen versichern, daß sich mancher an diese Jahre erinnert, und zwar nicht mit Geringschätzung, sondern mit Respekt. Damals warben Sie vor kleinen Scharen von Menschen in den so euphemisch "Säle" genannten Nebenzimmern von Wirtshäusern vielerorts für Ihre Gesamtdeutsche Volkspartei. Und doch blieben Sie auch in dieser Zeit ein Mann ohne Fanatismus und Ressentiment, ein Mann der rationalen Diskussion, ein Mann, der sich daher auch der Möglichkeit öffnen konnte, mit der Reserve, die wir gewiß alle gegenüber unseren Parteien haben, den schwierigen Versuch einer Neugründung aufzugeben und einer der bestehenden Parteien beizutreten.
Hinter diesen Bemerkungen steht die Sache, um die es Gustav Heinemann geht. Ich möchte ganz deutlich sagen, daß ich mit dieser Sache keineswegs in allen Punkten einig bin. Aber sicher ist, daß Gustav Heinemann ein Beispiel dafür geliefert hat, wie in der deutschen Politik Entwürfe für eine andere, wagnisreichere aber auch hoffnungsvollere Zukunft aussehen müssen. Daß 1945 ein entscheidendes Datum gerade für unsere Politik gegenüber den östlichen Ländern und allen voran der Sowjetunion ist, hat er immer wieder betont. Wir nützen niemandem, wenn wir versuchen, die Angst, die die Menschen in Polen und Rußland noch immer in ihrem Verhalten zu Deutschland bestimmt, zu verniedlichen oder zu leugnen. Deutschlandpolitik also fängt erst dann an, überhaupt sinnvoll zu werden, wenn sie ein bißchen realistischer wird und zugleich von der Grundlage des Realismus eigene Initiativen entwickelt. Der Band der Reden und Schriften von Gustav Heinemann, der unter dem Titel "Verfehlte Deutschlandpolitik, Irreführung und Selbsttäuschung" erschienen ist, macht die Ausgangspunkte und die Möglichkeiten einer deutschen Politik für die Zukunft deutlich; er ist Entwurf, und mir scheint, die Stiftung TheodorHeuss-Preis hat gut daran getan, den Autor dieses Bandes, wenn ich so sagen darf, zugleich wegen und trotz seines Amtes in die illustre Reihe von Menschen aufzunehmen, die unser Land durch ihre Entwürfe bereichert haben: Georg Picht, Marion Gräfin Dönhoff, Wolf Graf Baudissin, Ludwig Raiser.
Von Abiturienten wird niemand verlangen, daß sie moderne Politiker sind. Aber wie man mündiger Bürger ist, wie man es wird, und warum es häufig darum nicht wird, weil unsere Schulen so sind, wie sie sind, das können wir nicht zuletzt von Abiturienten lernen. Uns Politiker sollte es dabei nachdenklich stimmen, daß heutzutage manche Abiturrede so viel aufregender, kritischer und rationaler ist als das, was wir in den Einrichtungen zu hören bekommen, die für solche Reden geschaffen sind, also den Parlamenten. Auch in der Rede von Karin Storch liegt eine Bestätigung dafür, daß es bei uns zulande weniger an mündigen Bürgern als an modernen Politikern fehlt. Es gibt, zumal unter den jüngeren, viele, die wissen, daß man es den Herrschenden unbequem machen muß, um das Leben im Lande ertragen zu können: man muß es tun, wenn sie Entwürfe vorlegen, und man muß es noch mehr tun, wenn sie solche Entwürfe nicht vorlegen. Dabei gibt es wenig her, wenn wohlmeinende Ältere den Jungen vorzuschreiben versuchen, bis zu welchen Grenzen sie ungehorsam sein dürfen; ich gestehe, daß ich wenig von den platonischen Mahnungen halte, die Ihnen, Fräulein Storch, in den letzten Wochen auch öffentlich vorgehalten worden sind. Die Grenze, die ich dem Ungehorsam ziehen würde, liegt jedenfalls anderswo. Auch der Ungehorsam muß wie der Entwurf des Neuen zuletzt bereit sein, Gründe zu geben. Ungehorsam als argumentlose Obstruktion, als Hindernis des Für und Wider der Diskussion, ist wie der Dogmatismus eines einzigen Entwurfes eine Haltung bar jeder Kritik und Rationalität, wenn man will, ein Faschismus von rechts oder von links (wiewohl ich diese Ausdrücke auch darum zögernd verwende, weil der Faschismus in beiden Fällen eher ein kleinbürgerliches Phänomen ist). Lassen Sie mich jedoch rasch hinzufügen, daß ich mit Karin Storch die größere Gefahr heute darin sehe, daß die Befehlenden keine Gründe geben wollen oder können, als daß dies die Ungehorsamen tun. Es ist gut, daß wir, Eltern, Lehrer, beruflich oder politisch Verantwortliche, gezwungen werden zu sagen, warum wir tun, was wir tun; und wenn uns nur mehr der Ruf nach der Polizei - der Zensur, den Gerichten und Disziplinarverfahren - einfällt, um uns durchsetzen zu können, dann verdienen wir den Hohn derer, die als mündige Bürger zur Kritik verpflichtet sind.
Entwurf und Kritik, moderne Politiker und mündige Bürger - das sind Bedingungen des Lebens in einer selbstbewußten, dem Wandel offenen Gesellschaft. Diese Bedingungen sind notwendig - aber sind sie auch schon ausreichend? Ich meine nicht, daß die politische Ordnung eines Landes mehr tun sollte als den Menschen Chancen zu eröffnen; Menschen zu ihrem Glück zwingen zu wollen, ist auch schon wieder eine Art des Dogmatismus. Doch fehlt in dem Land, dessen Strukturen von modernen Politikern vorangetrieben und von mündigen Bürgern kontrolliert werden, noch etwas, um in ihm leben zu können. Es fehlt das, was den Grund dafür abgibt, daß die Geschichte der Emigration aus unserem Lande eines der ruhmreichsten Stücke deutscher Geschichte ist. Es fehlt das, worüber zu sprechen so schwer fällt, weil es den empfindlichsten Nerv des Lebens in Deutschland trifft. Es fehlt noch die Wirklichkeit jener konkreten Humanität, die das Land zivilisiert macht. In Deutschland hat sie so sehr gefehlt, daß es noch immer schwer fällt, das Thema auch nur anzurühren. Darum ist es gut, daß wir heute ein Beispiel haben, und wichtig, daß das Beispiel zugleich an jene Taten erinnert, die vor allem den Namen unseres Landes geschändet haben.
Als die Prozesse gegen die Mörder von Auschwitz 1964 begannen, überlegte sich eine Gruppe von Menschen, daß die Zeugen, die in diesen Prozessen auftreten mußten und dazu von weither angereist kamen, hier in einer Atmosphäre notwendiger und doch angesichts der Schilderungen schrecklicher Unpersönlichkeit einen gedanklichen Weg zurückgehen mußten, der sie aufs neue mit schwer erträglichen Bildern konfrontiert; daß man ihnen daher helfen müsse.
Die Hilfe hatte viele Formen. Aber um sichtbar zu machen, was ich meine mit einem Verhalten, das ich human oder zivilisiert nennen würde, reicht es, wenn ich zwei Sätze aus einem nüchternen Bericht des Helferkreises verlese: "Wir hielten es für unsere wichtigste Aufgabe, an allen Verhandlungstagen da zu sein, wodurch wir einen genauen Einblick in das jeweilige Einzelschicksal und die Mentalität eines jeden Zeugen erhielten. Die Hilfe am Verhandlungstage bestand zunächst darin, den oft sehr erregten Menschen Beruhigungsmittel zu geben und dann den nach der Vernehmung eintretenden Erschöpfungszustand aufzufangen, d. h. mit ihnen in ein ruhiges Restaurant oder ins Hotel oder in einen Park zu gehen und sonstige Wünsche zu erfüllen. Es wäre beruhigend, wenn man glauben könnte, daß dem Helferkreis zur Betreuung ausländischer Zeugen in den KZ-Prozessen die Theodor-Heuss-Medaille nur stellvertretend für viele andere im Lande verliehen wird.
Wenn der Zweifel In einem Land zum Zweifel an diesem Land wird, dann ist seine innere Ordnung starr geworden: die einen verlassen das Land, die anderen ziehen sich auf sich selbst zurück, und diejenigen erobern das Feld, die die Starre nutzen, um ihre Wünsche nach Formierung, nach gewollter Unfreiheit unter dem Mantel einer Ideologie der Einheit, des Gemeinwohls, des nationalen Interesses durchzusetzen. Wer solche Formierung nicht will, muß die Veränderung, das Neue, die beabsichtigte Modernität mit all ihren Schmerzen und Mängeln suchen. Das wird leichter, wenn wir Beispiele haben. Theodor Heuss war ein solches Beispiel; die Träger des unter seinem Namen verliehenen Preises waren es, und sie sind es in diesem Jahr. Es steht nicht gut um die deutsche Demokratie. Aber solange es der Stiftung Theodor-Heuss-Preis noch gelingt, Preisträger wie Gustav Heinemann, wie die Angehörigen des Helferkreises zur Betreuung ausländischer Zeugen in den KZ-Prozessen und Fräulein Karin Storch zu finden, bleibt es möglich wenn Sie mir gestatten, daß ich zum Schluß meinen guten Vorsatz, vertraute Formeln zu vermeiden, doch noch einmal verletze -, Demokratie in Deutschland glaubwürdig zu machen.

Verleihung des Theodor-Heuss-Preises:
Frau Dr. Hamm-Brücher
Meine Damen und Herren
Ich habe nun auch noch die Aufgabe, die sonst Ernst-Ludwig Heuss so vorzüglich geleistet hat, die Preise zu überreichen. Ich möchte zunächst Herrn Justizminister Heinemann bitten, zu mir herauf zu kommen:

Verlesung der Urkunde:
Der THEODOR-HEUSS-PREIS wird im Jahre 1968 an Herrn Bundesjustizminister Dr. Dr. Gustav W. Heinemann verliehen.
Mit Dr. Gustav Heinemann wird ein demokratischer Politiker ausgezeichnet, der seit dem Zusammenbruch des Nationalsozialismus öffentliche Verantwortung trägt: Grundsatztreue, Bekennermut und Standhaftigkeit kennzeichnen seinen politischen Weg.
Als Bundesinnenminister im ersten Kabinett Adenauer gab er ein einmaliges Beispiel für demokratisches Verhalten, indem er seine politischen Grundsätze höher achtete als seine Machtposition und aus Gewissensgründen auf sein Ministeramt verzichtete.
Trotz jahrelanger Rückschläge, die sein Rücktritt mit sich brachte, entzog sich Dr. Heinemann niemals öffentlicher Verantwortung und gibt nun neuerlich ein Beispiel bemerkenswerter Zivilcourage, indem er als Bundesjustizminister mit Intensität und guten Argumenten für die Liberalisierung und Modernisierung des deutschen Strafrechts kämpft.
Mit dem THEODOR-HEUSS-PREIS soll Dr. Heinemann für sein vorbildliches Wirken gedankt und ihm und der Sache, für die er ficht, Ermutigung zuteil werden.
München, den 27. Januar 1968

Justizminister Dr. Heinemann
Das Programm sieht nicht vor, daß ich eine Rede halte. Mir ist auferlegt zu schweigen und mich gegen die Fülle des Lobes nicht zu wehren. Aber ich bitte um die Erlaubnis zu danken. Zu danken zugleich auch für meine Familie und die Freunde, die als Weggefährten das Auf und Ab vergangener Zeiten mitgetragen haben. Sie erteilen mir diesen Preis zur Ermunterung. Es ist eine Freundlichkeit Gottes, daß das geschehen kann. In diesem doppelten Sinne danke ich.

Frau Dr. Hamm-Brücher
Ich bitte nun Frau Wirth, Frau Minssen und Frau Bonhoeffer!
Verlesung der Urkunde:
Eine THEODOR-HEUSS-MEDAILLE wird im Jahre 1968 dem HELFERKREIS ZUR BETREUUNG AUSLÄNDISCHER ZEUGEN IN DEN KZ-PROZESSEN zuerkannt.
Seit 1964 hatte es dieser kleine Kreis selbstloser, hilfsbereiter und verantwortungsbewußter Mitbürger übernommen, sich der ausländischen Zeugen anzunehmen, die zu den zahlreichen KZ-Prozessen in die Bundesrepublik geladen wurden.
Zunächst in Frankfurt, dann in neun weiteren Städten wurden mehrere hundert ehemalige KZ-Häftlinge - meist aus Ostblockländern - während ihres Aufenthalts in der Bundesrepublik persönlich betreut, mit allem Nötigen versorgt und, wenn nötig, ärztlich beraten und behandelt.
Durch diesen jahrelangen Dienst an unschuldig Verfolgten und Gepeinigten wurde in aller Stille - stellvertretend für uns alle - eine vorbildliche Form individueller Wiedergutmachung geleistet, die gemäß den Satzungen der Stiftung THEODOR-HEUSS-PREIS tiefempfundenen Dank, Anerkennung und Ermutigung verdient.
München, den 27. Januar 1968

Frau Wirth
Ich danke herzlich auch im Namen von Frau Bonhoeffer und Frau Minssen, und all den vielen, die uns sonst noch geholfen haben, für die Anerkennung, auch für die finanzielle Anerkennung, und die reizende Aufnahme hier in München. Als Dank meinerseits darf ich nun vielleicht drei Sätze aus einem der vielen Briefe, die wir von den Zeugen bekommen haben, vorlesen, der in wenigen, kurzen und einfachen Worten sagt, was wir eigentlich wollten. Er schreibt: "Nun ist der Prozeß vorbei, das Urteil gefällt. Aber manchmal denke ich doch an die Tage in Frankfurt zurück und an das, was Sie und Ihre Freundinnen und Freunde während des Prozesses getan haben. Die Fahrt allein nach dem neuen Deutschland fällt unsereinem sehr schwer. Aber der Aufenthalt ohne Ihre und Ihresgleichen Hilfe dort, wäre eine neue Qual gewesen." Ich glaube, das sagt am besten das, was wir wollten.

Frau Dr. Hamm-Brücher
Und schließlich Frl. Karin Storch! Verlesung der Urkunde: Eine THEODOR-HEUSS-MEDAILLE wird im Jahre 1968 der Studentin KARIN STORCH zuerkannt. Karin Storch hat durch ein ungewöhnliches politisches Engagement während ihrer Schulzeit und in der Schülermitverwaltung ein starkes und ermutigendes Vorbild für ihre Mitschüler gegeben.
Ihre mutige Abiturrede über "Erziehung zum ,Ungehorsam' als Aufgabe einer demokratischen Schule" hat den Anstoß zu einer lebhaften und kritischen Auseinandersetzung um die Notwendigkeit der inneren Demokratisierung der Schule gegeben, der sich Karin Storch - gemäß den Satzungen der Stiftung - mit Zivilcourage, Leidenschaft und guten Argumenten stellt.
München, den 27. Januar 1968

Karin Storch
Verehrte Damen und Herren!
Ich habe eine brave Abiturrede gehalten, viel zu brav sicherlich, denn heute verleiht man mir eine Theodor-Heuss-Gedenkmünze. Warum gibt man sie nicht Dutschke? Ich habe dies so überspitzt formuliert, um aufzuzeigen, daß einem selbst eine Ehrung Sorgen machen kann. Es gab viele positive Äußerungen zu meiner Abiturrede, doch nur wenige sprachen vom Inhalt. Man lobte den jungen Keim - so eine 68jährige Dame - man kritisierte einzelne Worte, man sprach von Mut, aber auf den Inhalt ging man nicht ein. Man publizierte sie häufig. Nachdem ich dies 1/2 Jahr erlebt habe, glaube ich den SDS zu verstehen. Jahrelang versuchten die demokratischen Studentenverbände ihre Forderungen und Ansichten durchzusetzen. Niemand schenkte ihnen Gehör. Wenn etwas allzu neu, allzu reformerisch war, kam der sanfte Druck von oben, der Griff zum Geldhahn, und es blieb alles beim alten. Der SDS lärmt ganz radikal, und plötzlich ist die Universität im Gespräch. Man befaßt sich ernsthaft mit Reform. Meine kleine Zwölf-Minuten-Rede war zu brav gewesen. Einige Schüler fragten mich, warum ich diese Medaille annehme, sie fragten es empört. Ich habe ein wenig dialektisch geantwortet, ich werde mir durch eine Medaille nicht den Mund verkleben lassen, und es ist traurig, daß etwas ausgezeichnet wird, was in einer Demokratie eigentlich selbstverständlich sein sollte. Aber ich habe drei gute Gründe dafür: 1. Weil ich es als eine Ermutigung für andere junge Menschen, sich ähnlich zu verhalten, betrachte. 2. Weil eine so großartige Frau wie Dr. Hildegard Hamm-Brücher mich dafür vorgeschlagen hat und 3. ich hätte mich gescheut, eine Medaille, die den Namen Theodor Heuss trägt, abzulehnen. Theodor Heuss gab dem Staat, den ich heute bejahe, geistigen und politischen Rang. Theodor Heuss war ein Liberaler, er achtete die Minderheiten, er schätzte die Diskussion. Ich empfinde vor ihm Hochachtung. Ich glaube, Theodor Heuss hätte sich heute mit den Studenten auseinandergesetzt. Er hätte mit ihnen gesprochen, und er hätte sie verstanden. Theodor Heuss, der Liberale, hätte erkannt, gute Kräfte in den Radikalismus zu drängen, statt mit ihnen zu sprechen, ihnen Wirkungsmöglichkeiten, ihnen Verantwortung zugeben, stärkt die Reaktionäre. Denn die Reaktionäre, die Konservativen, sammeln sich als furchtvolle Leute, und die Radikalen gewinnen Nährstoff durch die Restauration. So danke ich denn dem Vorstand und dem Kuratorium der Theodor-Heuss-Stiftung für die Auszeichnung. Ich hoffe, daß sie mir nicht verliehen wurde, weil ich nicht Revolution fordere, sondern obwohl ich die Ordnung von heute für falsch halte und obwohl ich zu einer Ordnung aufrufe, in der Einfügen und Auflehnen den gleichen Wert haben in der Wertskala. Ich habe meine Abiturrede drei Menschen gewidmet, denen Ich an dieser Stelle danken möchte, daß sie mir zu solchen Wertvorstellungen verholfen haben: dem liberalen Vorbild Dr. Hildegard Hamm-Brücher, dem politischen Lehrer Klaus Dörrbeckel, der helfenden Freundin Edelgard Skowronnek. Und im übrigen, ich bin sehr froh, daß meine Mutter mit hierher gekommen ist und damit mit auf ihre Welse „Ja" sagte.

Schlusswort
Professor Adolf Butenandt
Es ist üblich geworden, die Feierstunde, in der die TheodorHeuss-Preise überreicht werden, mit einem kurzen Schlußwort zu beenden, dessen Inhalt sich am Ablauf der Feier orientiert. Ich gestehe offen, daß es mir jetzt nicht so schwer fällt, dieses Schlußwort zu sprechen, wie ich heute morgen befürchtete, als ich erfuhr, daß unser als Festredner vorgesehener Freund Konrad Zweigert erkrankt sei und daß viele unserer engsten Freunde und zahlreiche Mitglieder der Stiftung Theodor-Heuss-Preis wegen anderer Verpflichtungen nicht in unserer Mitte sein könnten. Freilich, beim Betreten des Saales zu hören, daß Rolf Dahrendorf als Vortragender eingesprungen Ist, war schon beglückend; und nach dem Ablauf unserer Feierstunde meine ich, wir könnten sagen, sie habe In ihrer schlichten Würde wieder dazu beigetragen, deutlich zu machen, was wir wollen und nach dem Gebot der inneren Stimme müssen.
Darum möchte Ich zunächst noch einmal danken, obwohl schon viel von Dank die Rede war: Wir wollen denen danken, die diese Veranstaltung vorbereitet haben, und denen, die sie gestaltet haben. Wir wollen allen danken, die zu dieser Feierstunde gekommen sind, nicht nur den Freunden und Mitgliedern der Stiftung, sondern auch denen, die Kritik an unserer Arbeit üben, vielleicht andere Maßstäbe gesetzt sehen möchten, aber dennoch kamen, um sich zu orientieren und sich auf sachliche Gespräche vorzubereiten, in denen Argument und Gegenargument gleich ernsthaft gewertet werden, wie es ja zur demokratischen Lebensart gehört. Es mag überflüssig sein, wenn ich hinzufüge, keiner unserer Gäste habe zu befürchten, eine Stiftung, die den Namen Theodor Heuss trägt, würde die Anwesenheit eines jeden registrieren, sie veröffentlichen und - ohne jede Rückfrage bei den Betroffenen - In eine Zustimmung zu allem, was hier gesprochen und vollzogen wurde, ummünzen. Sowas soll in unserem demokratischen Gemeinwesen andernorts - nicht weit von hier - vorgekommen sein. Wir wollen schließlich noch einmal allen Preisträgern dafür danken, daß sie gekommen sind, um den Preis in der Öffentlichkeit entgegenzunehmen. Das ist nicht selbstverständlich.
Es ist auch heute wieder von dem Mißverhältnis gesprochen worden, das darin liegt, sich für ein Verhalten öffentlich auszeichnen zu lassen, zu dem man sich durch sein Gewissen aufgerufen fühlt und das somit einer als selbstverständlich empfundenen Pflicht entspringt. Wir haben oft über dieses, auch das Kuratorium immer wieder bedrückende, Mißverhältnis nachgedacht, und Carl Friedrich Weizsäcker hat in unserer ersten Feierstunde im Jahre 1965 öffentlich darüber gesprochen. Wir müssen sehr dankbar dafür sein, daß auch unsere diesjährigen Preisträger ihre - sie ehrende - Zurückhaltung aufgegeben haben und doch gekommen sind, wohl weil sie mit uns empfinden, daß es einfach nottut. Die Sorgen, welche die Freunde und Verehrer von Theodor Heuss nach dessen Tod zusammenführten, um die Satzung der Theodor-Heuss-Stiftung zu entwerfen, jene Sorgen, die in der Satzungsbestimmung ihren Ausdruck fanden, man müsse "vorbildlich demokratisches Verhalten, bemerkenswerte Zivilcourage und beispielhaften Einsatz für das Allgemeinwohl fördern und anregen", sind ja nicht geringer geworden; die Sorgen, es könne an eben solchem "selbstverständlichen" Verhalten fehlen, sind von Jahr zu Jahr größer geworden.
Erst der Mangel an beispielhaftem demokratischen Verhalten führt zur Frage, ob unsere Demokratie glaubwürdig sei. Die Gestaltung unseres öffentlichen Lebens findet die Zustimmung der Jugend immer weniger; sie verachtet den Kreis derer, die da glauben, Demokratie sei schon verwirklicht, wenn man sich nur zu ihr bekennt. Demokratie muß gelebt werden, und wir müssen an Beispielen verdeutlichen, wie man Demokratie lebt. Damit erfüllen wir eine notwendige Erziehungsaufgabe, denn Demokratie kann letzthin nur gefestigt werden, wenn unsere Jugend zu ihr erzogen wird. Es wird viel über die Bedeutung der politischen Erziehung als Voraussetzung für ein gesundes demokratisches Gemeinwesen geschrieben und diskutiert, aber sehen wir nicht, daß die Hauptbildungseinrichtungen, die diese Erziehung vermitteln sollen, die Schulen, die Universitäten, die Bundeswehr, sich vielfach noch nicht aus alten obrigkeitsstaatlichen Formen gelöst haben? Deshalb wird die Aufforderung zum rechtverstandenen "Ungehorsam" als Voraussetzung für gelebte Demokratie empfunden; an diesem Wort scheiden sich die Geister.
Wir haben uns heute an die politischen Prozesse erinnert, mit denen wenigstens der Versuch gemacht wird, Verbrechen und Unrecht während der Zeit unserer Schmach im Einzelfall zu sühnen. Auch hier leiden wir unter einer Spaltung, die durch unser Volk geht: da ist jene Gruppe, die meint, es sei nun - über 20 Jahre nach Beendigung des Krieges - endlich genug, man solle vergessen, unter Konzentrationslager, Verbrechen und selbst Mord einen Strich ziehen, und da ist die andere, die nicht schläft vor Sorgen, man könne Schuldige nicht mehr finden und man suche sogar nach Wegen, sie nicht mehr finden zu können. Liegt nicht auch das daran, daß die Überzeugungen, auf denen unser Staatswesen ruht, in der Politik nicht glaubwürdig dargestellt werden?
Ich möchte zum Abschluß diese uns bewegende Frage noch einmal anders stellen: Kommt die Wahrheit in unserem öffentlichen Leben ausreichend zur Geltung? Sagen Regierung und Parlament dem Volke, sagen wir Eltern unseren Kindern wirklich die ganze Wahrheit? Warum machen wir uns z. B. nicht stärker bewußt, daß jenseits der Oder-NeißeGrenze inzwischen junge, dort geborene Polen jene Lande als ihre Heimat lieben und empfinden, die einst die Heimat deutscher Familien waren, und die wir durch eigene Schuld verloren haben? Warum ziehen wir denn nicht aus dieser doch unbestreitbaren Wahrheit die notwendige Konsequenz? Genügt es, gegenüber der Wahrheit unserer Tage nur einen Rechtsstandpunkt zu vertreten?
Warum sagen wir z. B. nicht einem jeden Deutschen die Wahrheit, daß die Befriedigung unseres Sicherheitsbedürfnisses durch Mitgliedschaft in der NATO und eine Wiedervereinigung der bei den Teile Deutschlands sich ausschließen und gleichzeitig nicht möglich sind? Warum ringen wir nicht entschlossener um das Vertrauen der Welt in unsere ehrliche Friedensbereitschaft dadurch, daß wir auch jeden Schein vermeiden, der auch nur von ferne an kriegerische Ambitionen erinnern könnte?
Viele Fragen solcher Art sind heute zwischen den Zeilen aufgeworfen, ich könnte noch viele weitere stellen, doch ist das nicht meine Aufgabe. Ich will nur noch eine Frage aufwerfen: Sind wir dessen sicher, daß Fragen der beispielhaft angedeuteten Art ruhig und sachlich diskutiert und beantwortet werden? Oder läuft der also Fragende Gefahr, mit Diffamierung und Unterstellung abgefertigt zu werden? Ich muß heute lebhaft an die Stunden denken, in denen die Mitglieder des Deutschen Ausschusses für das Erziehungs- und Bildungswesen fast auf den Tag genau vor 13 Jahren das "Gutachten zur politischen Bildung und Erziehung" verabschiedeten und in ihm den Satz formulierten: "Politische Jugenderziehung ist eine Voraussetzung guter Politik. Aber die politische Erziehung des Volkes im ganzen geschieht wesentlich durch die Politik selbst. Deshalb werden die Bemühungen um politische Erziehung scheitern, wenn nicht die Politiker sich der erzieherischen Wirkungen bewußt sind, die im Guten und Schlechten von ihrem Handeln ausgehen." Welche glückliche Stunde, in der man unter diesem Gesichtspunkt einem Politiker für sein Handeln danken kann. Möge die Stunde fortwirken!

1968