Theodor Heuss Stiftung

Wolf Graf von Baudissin
Professor Ludwig Raisser

(Demokratisierung der Bundeswehr, Ostpolitik)

Aktion Student aufs Land (Bildungschancen für Landkinder)

Rainer Wagner (Jugendzeitschrift »Gabelmann«)

Verantwortung ist Bürgerpflicht

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HILDEGARD HAMM-BRÜCHER
Zur Begründung der Theodor-Heuss-Preise 1967
Wie auch in den Jahren zuvor möchte ich meiner Chronistenpflicht genügen und Ihnen im Namen von Vorstand und Kuratorium der Stiftung »Theodor-Heuss-Preis« über unsere Überlegungen und Entscheidungen berichten, die zur Wahl der Theodor-Heuss-Preisträger für 1967 geführt haben. Es ist nun ja schon das dritte Mal, daß wir den Theodor-Heuss-Preis anläßlich des Geburtstages unseres ersten Bundespräsidenten verleihen; und diese dritte Verleihung fällt in eine innenpolitisch besonders bewegte Zeit: Vielleicht, daß die Historiker später einmal konstatieren werden, daß Ende 1966 - gleichzeitig mit dem jähen Ende der Kanzlerschaft Erhardt - auch die Nachkriegszeit zu Ende gegangen ist: 21 Jahre nach dem totalen Zusammenbruch des Nationalsozialismus, 21 Jahre nach einer vernichtenden militärischen, politischen und moralischen Niederlage. 21 Jahre - das ist gerade die Zeit eines Menschenlebens, um volljährig zu werden: Ist unsere Demokratie volljährig geworden? Um das zu ergründen, dazu bedürfte es einer sorgfältigen Bestandsaufnahme darüber, welche Erfolge wir in diesen 21 Jahren für unseren demokratischen Staat und eine freiheitliche Gesellschaft errungen haben, was wir versäumt haben und was unvollendet blieb. Unmöglich, dies im Rahmen einer Feierstunde auch nur zu versuchen, möglich nur anzudeuten, welche Gedanken uns - ein kleines Häuflein hilfswilliger Demokraten aller politischen Richtungen - gerade in dieser Zeit des Überganges bewegten. Es scheint, als ob hinter uns eine Zeit liegt, in der die demokratischen Kräfte sozusagen »außer Konkurrenz« liefen, und vor uns ein höchst ungewisser Zeitabschnitt neuerlicher Herausforderung und Bewährung freiheitlicher Prinzipien. Wie können - wie müssen wir ihm begegnen? Es war gewiß keine bewußte Absicht - nachträglich gesehen aber wohl auch kein Zufall -, daß die erste Verleihung des Theodor-Heuss-Preises unter dem Motto der Freiheit stand, die zweite unter dem des Mutes und unsere heutige Feierstunde an die Verantwortung für unseren Staat und unsere Gesellschaft erinnern möchte, an eine Verantwortung, die wir alle mittragen und aus der wir weniger denn je entlassen sind: Denn Freiheit, Mut und Verantwortungsgefühl diese drei Maximen gehören zusammen und ergeben erst im sinnvollen Zusammenklang einen Kraftquell lebendiger demokratischer Gesinnung und Gesittung:
Denn Freiheit ohne Verantwortung ist Anarchie oder Libertinage, Mut ohne Verantwortung bestenfalls Draufgängertum, Verantwortung ohne Mut endet im Kadavergehorsam und Mut ohne Freiheit gibt es auch in Diktaturen. Deshalb ist Freiheit unser erstes Bürgerrecht - Mut zur Verantwortung aber unsere erste Bürgerpflicht, und beides addiert ergibt unser noch nicht bewältigtes Pensum der Demokratie! Das ist in den kommenden Jahren unsere Aufgabe! Verantwortung für die »res publica«, für die öffentlichen Dinge, was ist das eigentlich? Worin zeigt sie sich? Es gibt so viele Möglichkeiten: Im Eintreten für die Freiheit des anderen, für Recht und Gerechtigkeit des anderen, in der Selbstbescheidung der eigenen Freiheit, in der freiwilligen und selbstlosen Erfüllung öffentlicher Pflichten; oder ganz einfach und ganz anschaulich gesagt: Indern wir der »Versuchung des Wegsehens« widerstehen. Diese »Versuchung des Wegsehens« - Theodor Heuss hat im Zusammenhang mit dem Nationalsozialismus sogar von der »Sünde des Wegsehens« gesprochen diese Versuchung kann sehr viele Ursachen haben: Gleichgültigkeit oder Trägheit, Überforderung oder Selbstschutz, mangelnder Mut oder ganz einfach Feigheit.
Wie groß diese Versuchung ist - überall, besonders aber im Bereich öffentlicher und politischer Verantwortung! Wie oft wir ihr erliegen - und wie sehr wir ihr widerstehen müßten - besonders im Bereich öffentlicher und politischer Verantwortung! All dessen bewußt zu werden, stimmt jeden Demokraten guten Willens sorgenvoll und bekümmert.
Was können wir tun? Carl Friedrich von Weizsäcker hat es in seinem Schlußwort vor zwei Jahren sehr nüchtern und mit beinahe mathematischer Genauigkeit umrissen: Für jeden Menschen gäbe es mindestens einmal im Jahre eine Gelegenheit, Verantwortung mitzuübernehmen, das mache pro Menschenleben so und so viele Male aus; bei einiger Übung aber lerne man schon bald, jeden Monat einmal eine solche Gelegenheit zu entdecken und zu nützen, oder gar jede Woche, jeden Tag.... Natürlich geht diese Rechnung nicht auf - sie ist nirgends und niemals aufgegangen, aber das erste Teilergebnis, zumindest das könnten wir bestimmt erreichen bei ein klein wenig gutem Willen und etwas mehr Verantwortungsgefühl.
Unsere diesjährigen Preisträger haben das in besonders überzeugender Weise bewiesen: Sie haben Verantwortung gesehen, wo andere »weggesehen« haben, sie haben Verantwortung übernommen, an der andere gedankenlos vorbeigegangen sind, sie haben Anstoß gegeben und auch Anstoß erregt. Wir haben uns nun aber unsere Preisträger nicht etwa nach den gewünschten Bürgertugenden ausgeklügelt, im Gegenteil, zuerst füllten nur eine große Zahl von Namen und Vorschlägen unsere Mappen - und erst, als die Auswahl getroffen war und wir an die gedankliche Vorbereitung der Feier gehen konnten, da fiel uns nachträglich an den sonst so völlig verschiedenen Personen und Leistungen eine verblüffend übereinstimmende Motivierung auf: Das geprägte Verantwortungsgefühl bei den älteren und eine völlig unverkrampfte Verantwortungsfreude bei den jüngeren Preisträgern, und so ergab sich schließlich das Thema für unsere Feierstunde ganz von selbst: Verantwortung ist Bürgerpflicht!
Bei unserer Auswahl ging es uns um dreierlei: Nicht so sehr um den meßbaren oder wägbaren Erfolg, der unseren Preisträgern bisher beschieden war, vielmehr um die Art der Verantwortung, der sie sich kraft eigener Überzeugung und Einsicht gestellt haben; es ging uns auch um die Zähigkeit und das Stehvermögen, mit denen sie ihr gerecht zu werden versuchten, und es ging uns schließlich um die Bedeutung ihrer Initiative für unser nach wie vor traditionsloses und von ungezählten Unsicherheiten geplagtes demokratisches Gemeinwesen. Denn das ist ja die Aufgabe, die sich die Stiftung »Theodor-Heuss-Preis« gestellt hat: Mitzuhelfen bei der inneren Stabilisierung unserer freiheitlichen Verfassung! Und es wäre unser schönster Lohn, wenn es in ein oder in zwei Jahrzehnten einmal heißen könnte, daß es auch die Träger dieses Theodor-Heuss-Preises waren, die mit dazu beigetragen haben, der von Rückfällen bedrohten Demokratie über Gefährdungen, Erschütterungen und Krisenzeiten hinwegzuhelfen und zu einem demokratischen Selbstverständnis zu finden.... Ja, das wäre unser schönster Lohn! Aber bis dahin ist noch ein weiter und beschwerlicher Weg. Heute stehen wir noch ganz am Anfang, wenn wir im Gedenken an Theodor Heuss unsere Preisträger für 1967 ehren: Hierzu möchte ich mit unserem »Benjamin« beginnen, mit Rainer Wagner, dem verantwortlichen Redakteur der jugendeigenen Zeitschrift »Gabelmann« in Bamberg. Wir wissen sehr wohl, daß gut geschriebene und pfiffig redigierte Schülerzeitungen keine Ausnahme mehr sind und daß nicht wenige ein prächtiges Übungsfeld für schreibbegabte junge Leute darstellen. Aber wir wissen auch um ihre Mängel und um ihre Schwierigkeiten. Da soll es nämlich Autoritäten geben, wie man hört, besonders in unseren Schulverwaltungen, die Schülerzeitungen für einen ausgemachten Unsinn halten, den man lieber heute als morgen wieder abschaffen oder doch zumindest einen wirksamen Maulkorb umhängen sollte. An Versuchen dazu hat es während des letzten Jahres gewiß nicht gefehlt. Wie üblich kämpft man aber dabei nicht etwa mit offenem Visier - nein, man geht streng juristisch und unangreifbar korrekt vor. Man beruft sich auf Paragraphen, mit deren Hilfe man den Verkauf von Schülerzeitungen erschweren und ihre Existenz gefährden kann. Mit besonders mißliebigen Schülerredakteuren hofft man mit Hilfe innerschulischer Disziplinargewalt fertig zu werden.
So hört man es immer wieder - und nicht nur aus Bayern. So manches dreist über die Stränge schlagende Schülerblättchen hat bereits kapituliert, und das vor allem hat uns bewogen, nach einem überdurchschnittlichen Exemplar Ausschau zu halten und mit einer Theodor-Heuss-Medaille auszuzeichnen. Selbstverständlich sind wir der Meinung, daß Schülerzeitungen die Spielregeln der Fairneß und des Anstandes beachten müssen; Zensur aber, in welcher Verkleidung auch immer, darf es auch und gerade bei der jugendeigenen Presse nicht geben! Das wäre genau der falsche Weg, der niemals dahin führt, junge Menschen an öffentliche Verantwortung heranzuführen und für die Mitwirkungsmöglichkeiten in einer freiheitlichen Staatsform zu gewinnen. Deshalb fiel unsere Wahl auf Rainer Wagner und den »Gabelmann«, wobei uns die Auswahl unter einer Zahl etwa gleich bemühter und engagierter Schülerzeitschriften nicht ganz leicht fiel.
Der »Gabelmann« aber schien uns deshalb eine überdurchschnittliche Schülerzeitung zu sein - und Rainer Wagner ein besonders bemerkenswerter Schülerredakteur -, weil in dieser Redaktion nicht nur Papier bedruckt, sondern auch Initiativen ergriffen werden, u. a. werden Diskussionen, Konzerte und Veranstaltungen organisiert, Flugblatt-Aktionen und sogar eine Rettungsaktion für das finanziell gefährdete Bamberger Stadttheater wurden durchgeführt. Außerdem enthält der »Gabelmann« nicht nur den obligaten schulkritischen Teil, sondern auch ein beachtliches kleines Feuilleton mit Buchbesprechungen, kulturellen und geistigen Anregungen, die sich sehen lassen können.
Dieses all-round-Interesse - angefangen bei moderner Lyrik bis hin zu politischen Tagesfragen -, das aus jeder Nummer des »Gabelmann« spricht, hat uns ein wenig an den jungen Schüler Theodor Heuss erinnert, der ja auch im gleichen Alter etwa und so manchen Widerständen zum Trotz seine ersten politischen und literarischen Gehversuche unternommen hat. Aus all diesen Gründen soll die Theodor-Heuss-Medaille, die an Rainer Wagner geht, Anerkennung und Ermutigung sein für alle Schülerredakteure, die sich landauf-landab die ersten Sporen verdienen - oder aber lernen müssen, ihre ersten Niederlagen zu ertragen, um daran reifer zu werden - und freier! Mögen sie alle selbstkritisch und verantwortungsbewußt, mit offenen Augen und nüchternem Verstand, hineinwachsen in größere öffentliche Aufgaben und Verantwortungen!
Mit diesem Wunsch habe ich auch schon übergeleitet zu unserem anderen Empfänger der Theodor-Heuss-Medaille. Die Aktion der Freiburger Studentenschaft »Student aufs Land« ist wohl die bemerkenswerteste Initiative, die in allen Nachkriegsjahren unter westdeutschen Studenten zustande gekommen ist. Noch ist es keine zwei Jahre her, daß an allen westdeutschen Hochschulen Protestaktionen gegen den »Bildungsnotstand« abgehalten wurden, aber es waren eben doch nur Protestaktionen - nicht weniger, aber auch nicht mehr. Nur die Freiburger Studenten, angespornt durch die Initiative von Ignaz Bender, waren entschlossen, es nicht dabei bewenden zu lassen. Sie wollten gegen den Bildungsnotstand etwas tun, und so organisierten sie in den südbadischen Landbezirken eine mitreißende Aufklärungskampagne und Bildungswerbung bis in das kleinste Dorf hinein. Dabei kommt es gar nicht so sehr darauf an, wie viele Aufklärungsvorträge insgesamt von den Studenten gehalten wurden - obgleich sich diese Zahl sehr wohl sehen lassen kann -, und es ist nicht so wichtig, wieviel mehr Landkinder nun auf Grund ihrer Aufklärungsarbeit an weiterführende Schulen gehen - obgleich auch diese Zahl beachtlich ist -, ausschlaggebend ist das Beispiel dieser Freiburger Studenten, das nun auch an anderen Hochschulen »Schule macht«, ihre Initiative, die ansteckend wirkt, und wichtig ist jenes unbeschreibbare Gefühl der Befriedigung, das von jungen Menschen ausgeht, die sich freiwillig einer nützlichen Sache verschrieben haben. Zwei offizielle Vertreter der Aktion »Student aufs Land« sind unter uns, ihr Initiator und Promotor Ignaz Bender und der ehrenamtliche Geschäftsführer Nikolaus Becker und außerdem eine ganze Menge Mitarbeiter, Freunde und Helfer. Sie alle haben nicht so sehr den Wunsch, sich feiern zu lassen, sondern die Absicht, der Sache, der sie sich neben ihrem Studium verschrieben haben, neue Freunde und neue Förderer zu gewinnen. Die öffentlichen Taschen zeigen sich nämlich reichlich zugeknöpft gegenüber der Studentenaktion. Nicht ganz ohne Grund scheinen sie sie gelegentlich als einen Vorwurf gegenüber den Versäumnissen der staatlichen Bildungspolitik zu empfinden. Möge der Aktion »Student aufs Land«, möge allen Studenten, die bereit sind, öffentliche Verantwortung zu tragen, die ihnen zuerkannte Theodor-Heuss-Medaille Freude und Ansporn bedeuten und möge ihr Verantwortungsgefühl für das »bonum comune« künftigen Generationen zum Segen gereichen! Zu den innenpolitischen Erschütterungen des Vorjahres, mit denen sich das Ende der Nachkriegszeit ankündigte, gehörte auch die Krise der Bundeswehr: Generäle nahmen ihren Abschied; bis auf den heutigen Tag ungeklärte Beschuldigungen wurden laut. Neue Generäle wurden berufen, und auch der dritte Wehrbeauftragte des Deutschen Bundestages brachte in seinem Jahresbericht zum Ausdruck, daß er bei der Erfüllung seiner gesetzlich vorgeschriebenen Aufgaben oft nicht die notwendige Unterstützung der Bundeswehr gefunden habe. So geriet innerhalb weniger Jahre auch der zweite Verteidigungsminister ins Kreuzfeuer der öffentlichen Kritik und Auseinandersetzung.
Der Bürger aber, der gar nicht mehr imstande ist, diese verwickelten Zusammenhänge zu durchschauen, was vermag er anderes zu tun, als nachdrücklich daran zu erinnern, nach welchen Prinzipien sich seiner Überzeugung nach die Ein- und Zuordnung unserer Streitkräfte in den demokratischen Staat und in unsere freiheitliche Gesellschaft vollziehen soll? - Das soll mit der Verleihung des Theodor-Heuss-Preises an Wolf Graf von Baudissin geschehen. Zweierlei ist es, das wir mit dieser Auszeichnung zum Ausdruck bringen möchten: Einmal ist es die' Achtung und Anerkennung aller redlich denkenden Demokraten für die geistige Leistung und für die Zivilcourage - eine besonders ausgezeichnete Bürgertugend, mit der Graf Baudissin allen - und oft nicht geringen - Widerständen zum Trotz für eine als richtig und notwendig erkannte Konzeption »durchs Feuer geht«. Wenn man seine Reden und Aufsätze liest - von den ersten Anfängen an, über sein Bekenntnis zu den Männern des 20. Juli, bis zu seiner Konzeption des »Bürgers in Uniform«, und wenn man seine Gedanken zum Thema »Gewerkschaften, Bundeswehr und demokratischer Staat « kennt, dann ist man zutiefst beeindruckt von der kämpferischen Leidenschaft für Menschenwürde, Freiheit und demokratische Verantwortung, von der unser Preisträger erfüllt ist. Aber es ist nicht nur die Person des Grafen Baudissin, der unsere Achtung und Anerkennung gehört, es ist auch und vor allem die Sache selbst, für die er ficht.
Denn nicht nur die äußere, viel mehr noch die innere Sicherheit unseres demokratischen Staates wird davon abhängen, ob es der Bundeswehr gelingt, nicht nur die Freiheit der Bundesrepublik als Partner der westlichen Welt zu garantieren, sondern durch das rechte Selbstverständnis ihrer Funktion in einer freiheitlichen Gesellschaft auch selbst ein Garant dieser Freiheit zu werden. In diesem Zusammenhang ist es wert zu erwähnen, daß kein geringerer als Theodor Heuss die ganze Problematik der Reform der »inneren Führung« der deutschen Streitkräfte erkannt hat - und das in einem Augenblick, als bestimmt kein Mensch an den Aufbau einer neuen Wehrmacht dachte. Beim Anblick geschlagener und zutiefst desillusionierter Soldaten schrieb er im Mai 1945: »Mögen auch ungezählte Soldaten und Offiziere bis zum Schluß mit gutem Glauben oder entgegen ihrer Einsicht der Pflicht auf dem Schlachtfeld genügt haben, der innere Sinn unserer militärischen Tradition ist verdorben.« Wenn Sie wollen, dann ist diese Bemerkung die Geburtsstunde des Gedankens, in dessen konsequenter Weiterverfolgung Graf von Baudissin seine Lebensaufgaben gefunden hat. Wir alle wissen, daß es mit der Verwirklichung seiner Konzeption noch nicht zum besten bestellt ist - vielleicht gar nicht besser bestellt sein kann; denn es sind ja nicht nur die inneren Reformen der Bundeswehr, die im Jahrzehnt des Wirtschaftswunders auf der Strecke blieben, sondern auch andere gesellschaftspolitisch als notwendig erachtete Reformen (beispielsweise des Bildungswesens, der öffentlichen Verwaltung oder der Parlamente). Möge nun neuerlich eine Zeit der Besinnung anbrechen und mögen neue Kräfte in- und außerhalb der Bundeswehr zusammenwirken, damit die Gedanken und Pläne des Grafen Baudissin doch noch »Fleisch und Blut« werden. Der Theodor-Heuss-Preis, der ihm zuerkannt wurde, vermag nicht mehr zu sein als die symbolische Bekräftigung dieses Wunsches !
Damals, als der Theodor-Heuss-Preis 1965 zum ersten Mal verliehen wurde, baten wir Professor Ludwig Raiser, die Festansprache zu halten. Er sprach »über den rechten Gebrauch der Freiheit«, und der Staatsrechtler Ludwig Raiser ging dabei von dem reichhaltigen Katalog unserer im Grundgesetz garantierten freiheitlichen Grundrechte aus, um gleich darauf den engagierten Demokraten Ludwig Raiser zu Wort kommen zu lassen, der besorgt darauf hinwies, wie »unsicher und wie schmal die ideelle Grundlage« sei, auf die sich die sogenannten »Väter der Verfassung« 1949 in Bann zu einigen vermochten. Er sprach von der großen Popularität des Gebrauchs der Freiheitsrechte zum eigenen Vorteil, und er sprach von der geringen Neigung ihres Gebrauchs zur eigenen Verantwortung. Daran knüpfte er die Frage, wie ein politisches Gemeinwesen bestehen könne, dessen Glieder ihm weder gezwungen dienen noch freiwillig Opfer bringen wollen. Demokratie sei die Staatsform, die ihre Lebenskraft aus der tätigen Überzeugung ihrer Bürger ziehen müsse, nicht Nutznießer eines Apparates, sondern mitverantwortliche Träger des Gemeinwesens zu sein. Genau dafür, für diese tätige Überzeugung des Bürgers Ludwig Raiser gibt es viele Beispiele; denn niemals und bei keinerlei Gelegenheit fühlte er sich als »Nutznießer eines Apparates« - sei dieser Apparat die von ihm in den schwersten Nachkriegsjahren geleitete Universität Göttingen gewesen oder die in Notzeiten aufgebaute »Deutsche Forschungsgemeinschaft«, sei es die Rektorenkonferenz oder der Wissenschaftsrat, dessen Mitglied er 1958 auf Drängen von Theodor Heuss wurde, und dessen Präsidentschaft er von 1961-1965 inne hatte, oder sei es sein politisches Engagement, das im »Tübinger Memorandum« seinen Niederschlag fand und seine maßgebliche Mitarbeit im Rat der Evangelischen Kirche und in ihrem Ausschuß für Öffentlichkeitsarbeit, von dessen Mitgliedern die heiß umstrittene Denkschrift zur Vertriebenenfrage verfaßt und veröffentlicht wurde: Immer und zu jeder Zeit fühlte sich Ludwig Raiser als »mitverantwortlicher Träger des Gemeinwesens« oder - wie es Theodor Heuss vielleicht ausgedrückt hätte - als ein »Demokrat, der im Menschen den Bruder erkennt und an die fruchtbare Kraft des freien Bürgers glaubt!« Wenn ich es vielleicht ein wenig despektierlich, dafür aber um so anschaulicher ausdrücken darf: Der Theodor-Heuss-Preis ist Ihnen, verehrter Professor Ludwig Raiser, und Ihrem Wirken auf den Leib geschrieben: Sie haben nämlich nicht nur eine, sondern gleich alle möglichen Bestimmungen unserer Satzung erfüllt: Vorbildliches demokratisches Verhalten, Zivilcourage angesichts schwerer öffentlicher Anfeindungen, schöpferische Initiative und ein geschärftes Verantwortungsbewußtsein für unsere Staats- undLebensform. Keiner unserer Preisträger hat für sein Wirken und bei der Erfüllung freiwillig übernommener Verantwortung einhellige Zustimmung in der Öffentlichkeit gefunden, oft sogar offene Anfeindung und Widerstände - und selbst unserer kleinen Stiftung ist es nicht viel besser ergangen, aber »der Dienst an der Freiheit ist eben ein harter Dienst«, das pflegte schon der Vater von Theodor Heuss dem jungen Sohne einzuschärfen, und jeder von uns hat diese Erfahrung in der öffentlichen Auseinandersetzung mehr als einmal erlebt und erlitten. Zu guter Letzt aber hat uns dieser harte Dienst an der Freiheit noch immer bereichert, reif gemacht und frei - und das ist wahrhaft Grund genug, ihn zu leisten.

KLAUS VON BISMARCK
Verantwortung ist Bürgerpflicht
In einer Betrachtung über Friedrich Meinecke schrieb Theodor Heuss einmal: »Er hatte nicht Rezepte zu vergeben, aber Maßstäbe zu verwahren und zu sichern.« Dieses Wortläßt sich mit gleichem Recht auf den Autor anwenden wie auf sein Vorbild. Denn dies ist es doch wohl vor allem, was uns an der Gestalt des ersten Bundespräsidenten so nachhaltig beeindruckt, daß er es vermocht hat, in einer Situation wieder Richtpflöcke einzuschlagen, in der es scheinbar keine Orientierung gab. Dabei ragte Heuss als einer der wenigen noch tragfähigen Pfeiler aus der Zeit vor Nationalsozialismus und Krieg. Andere Überlebende waren gebrochen, durch Schuld gelähmt, ohne Kraft, Maßstäbe zu verwahren oder gar neue zu setzen. Wenn wir uns heute hier zusammengefunden haben, um einige Männer in seinem Namen zu ehren, so kann es nur darum gehen, Gedanken und Taten hervorzuheben, die in vorbildlicher Weise weitere Pflöcke gesetzt haben. Von Initiativen wird zu reden sein, die ohne erprobtes Rezept in Neuland vorgestoßen sind, die mindestens im gleichen Maße Risiko wie Erfolgschancen enthielten, die dennoch »auf eigene Gefahr« durchgefochten wurden. Die Aktionen, die mit dem Namen Theodor Heuss' ausgezeichnet werden, haben auf den ersten Blick kaum etwas Gemeinsames, erst bei näherem Hinsehen enthüllt sich der innere Kern. Vokabeln wie Mut - Verantwortung - Unbestechlichkeit drängen sich auf die Zunge. Diese Worte ergeben eine Synthese von kühnem Entwurf und nüchterner Einschätzung dessen, was in der richtigen Stunde notwendig und vernünftig ist. Es, kommt aber noch etwas weiteres hinzu, ein Moment, das erklärt, weshalb wir von diesen Aktivitäten fasziniert sind, weshalb wir sie preiswürdig finden. Ich möchte das als Phantasie für das Menschliche bezeichnen, Phantasie zugleich als eine Qualität des Verstandes wie des Herzens gemeint. Wir Heutigen neigen dazu, Aktion und Verantwortung zu delegieren an Organisationen, Institutionen, Ämter und Behörden, kurz, an amtliche oder private Stellen, die für eine bestimmte Sache eingerichtet worden sind. Wie mühsam ist es, in dieser durchorganisierten Welt aus eigener Kraft eine Schneise durch das Dickicht zu schlagen, wie gering ist unsere Hoffnung, ein offenes Ohr zu finden, eine Hand, die zupackt statt müde abzuwinken, »weil ja doch alles keinen Zweck hat«. Das Vertrauen vor allem ist zu bewundern, das Vertrauen, das darauf gründet, daß der Mensch immer wieder neu ist, ansprechbar, empfänglich für neue Ideen, einsatzbereit, liebefähig und opferwillig. Die diesjährigen Preisträger wurden soeben bekanntgegeben:

Der Theodor-Heuss-Preis 1967 wurde zuerkannt Wolf Graf von Baudissin und Professor Dr. Ludwig Raiser
Die Theodor-Heuss-Medaille 1967 wurde zuerkannt der Aktion »Student aufs Land« und Rainer Wagner aus Bamberg

Mit den beiden ersten Namen verbindet jeder, der die öffentlichen Dinge verfolgt, eine mehr oder weniger genaue Vorstellung. Die Aktion »Student aufs Land« und die Bamberger Jugendzeitschrift »Gabelmann« und deren Chefredakteur Rainer Wagner kennen nur wenige. Bei dieser Wahl sehe ich in der Spanne des Bogens vom Pfeiler Heuss zu dem der jungen Leute Raiser und Baudissin als Zwischenpfeiler. Die Aktion »Student aufs Land« bezeichnet die Kampagne einer Gruppe Freiburger Studenten, die sich offenbar gesagt hat, was nutzt es, gegen den Bildungsnotstand zu demonstrieren, wenn wir nicht bereit sind, selber aktiv dagegen etwas zu unternehmen. Also setzten sie sich zusammen und ließen sich etwas einfallen. Das Ergebnis: etwa 70 Studenten besuchten übrigens nach sorgfältiger, sachlicher und taktischer Vorbereitung - im Laufe von vier Monaten zirka 400 Landgemeinden und machten durch Vorträge und abschließende Diskussionen die Landbevölkerung mit den vielfältigen Ausbildungsmöglichkeiten für ihre Kinder bekannt. Sie stießen auf eine erschreckende Unkenntnis der verschiedenen Schularten und Bildungswege: Ihre Idee, der erste Schritt müsse zunächst darin bestehen, Informationen anzubieten, erwies sich durchaus als zutreffend.
Das Unternehmen wurde anfangs ganz auf eigene Faust und ohne finanzielle Unterstützung gestartet, nach den ersten Erfolgen stellte sich auch Hilfe ein, und zwar sowohl vom Kultusministerium wie von der Industrie und den Gewerkschaften. Als erste spürbare Ergebnisse dieser Bildungskampagne kann man die Anmeldungen zu den weiterführenden Schulen in Südbaden bewerten, die vielerorts beträchtlich höher liegen als in den Vorjahren. Darüber hinaus hat die »Aktion« einen Katalog von Anregungen und Vorschlägen ausgearbeitet, wie diese Bemühungen durch intensive Nacharbeit weiterentwickelt werden können. Das geht natürlich weit über den Rahmen privater Kompetenzen hinaus. Doch bleibt es das Verdienst der Studentengruppe, eine Initialzündung bewirkt zu haben. Und wodurch? Durch die simple Erkenntnis, daß
1. vermutlich die vielen klugen Abhandlungen und Bücher, die Rundfunkvorträge und Fernsehdiskussionen über den Bildungsnotstand gerade dort nicht zur Kenntnis genommen werden, wo die unerschlossenen Bildungsreserven sitzen, und daß
2. das persönliche Gespräch von Mensch zu Mensch viel mehr bewirkt als es der perfekteste Vortrag je zustande bringt.
Die zweite Medaille bekommt der 18 jährige Oberschüler Rainer Wagner. Er hat als Chefredakteur der Jugendzeitschrift »Gabelmann« sowie als Verfasser vieler Beiträge ein beachtliches geistiges Niveau und staatsbürgerliches Verantwortungsbewußtsein bewiesen. Darüber hinaus hat er mancherlei unternommen, was darauf abzielte, die staatsbürgerliche Gesinnung seiner Mitbürger zu stärken. So hat er im Frühsommer 1965, als die antisemitischen Vorfälle in Bamberg die Öffentlichkeit erregten, ein Flugblatt verteilt, in dem er darauf hinwies, daß Kundgebungen allein nicht genügten, den geschädigten Ruf der Stadt Bamberg wiederherzustellen; es gelte vielmehr, »durch täglich geübte Toleranz den Andersgläubigen und Andersdenkenden gegenüber ein Beispiel zu geben«. Vor der Bundestagswahl 1965 verteilte Wagner wiederum Flugblätter, in denen er vor einem Rechtsradikalismus warnte, der damals neu von sich reden machte: »Geben Sie Ihre Stimme der Partei, die Ihnen am meisten geeignet erscheint, die großen Aufgaben unserer Zeit sinnvoll anzugehen, aber verschleudern Sie sie nicht an einen gefährlichen Anachronismus... «.
Mit einer Hilfsaktion für das Bamberger Theater wandte er sich an den Gemeinsinn seiner Mitbürger. Dies sind einige Beispiele, die deutlich machen, wie hier ein junger Mann Ernst macht mit seiner Verantwortung als Staatsbürger. Bemerkenswert daran ist zweierlei:

1. daß er sich nicht durch vorschnelle Resignation (»was kann denn ich schon ändern ?«) beirren läßt, und

2. daß er es nicht wie viele seiner Altersgenossen mit negativer Kritik allein bewenden läßt, sondern zugleich auf positive Möglichkeiten des Verhaltens hinweist. Darin liegt eine menschliche und sittliche Reife, die vorbildlich ist.
Ich finde es nicht nur liebenswert, sondern von der Sache her richtig von den Initiatoren dieser Ehrung, daß sie gerade auch junge Menschen auszeichnen, die nicht im Lichte der Öffentlichkeit stehen, sondern in ihrem kleinen Umkreis das tun, was ihnen ihr Gewissen vorschreibt. Alle Ausgezeichneten schielten dabei gewiß nicht nach Ruhm, dazu ist ihr Tun nicht spektakulär genug. Es zeugt von dem guten Instinkt und der glücklichen Hand des Kuratoriums, diese wenig bekannten Einzelgänger dennoch aufgespürt zu haben. Sie haben die Medaillen verdient. Die Preisträger - im Gegensatz zu den Medaillengewinnern - darf ich als bekannt voraussetzen. Was sie mit Heuss gemeinsam haben, ist die breite Bildung, Sensibilität und Humanität im klassischen Sinn, die sich verdichtet zu einem politisch wirksamen Engagement für eine Sache, die sie einmal als die ihre erkannt haben. Die drei Männer repräsentieren gemeinsam eine geistige Haltung, eine bescheidene Gelassenheit, die befähigt, die Anfeindungen der »Gegner« hinzunehmen, Fehler zu machen, sich zu korrigieren und sich dennoch im Kern der Sache nicht beirren zu lassen. Mit dem Namen Wolf Graf Baudissin verbinden sich Begriffe wie »Bürger in Uniform« und »Innere Führung«. Was hat es damit auf sich? Es wäre historisch ungenau, wollte man die Demokratisierung der Bundeswehr allein ihm zuschreiben. Reformpläne für die Armee gab es übrigens schon bei Scharnhorst und Gneisenau, als deren direkter Nachfahre er sich daher auch betrachtet. Aber aus unterschiedlichen Gründen sind solche Bestrebungen immer wieder nach kurzen Anläufen gescheitert. Erst nach 1950, mit dem Aufbau der neuen deutschen Streitkräfte, begannen sich neue Vorstellungen durchzusetzen, wenn auch bis heute sehr langsam und zäh. Baudissin wurde als Referent der Abteilung »Innere Führung« ins Amt Blank gerufen, das damals junge und ideenreiche ehemalige Offiziere suchte. Der frühere Major vom Stabe Rommel war maßgeblich beteiligt an der Entwicklung eines neuen Soldatentypus. Er erkannte, daß eine moderne Gesellschaft wie die unsrige einen geistig beweglichen Offizier braucht, der sich vor allem durch Intelligenz und Sachkenntnis auszeichnet, den Untergebenen als Mitarbeiter betrachtet und nicht bedingungslose Ausführung seiner Befehle erwartet, sondern mitdenkenden Gehorsam.
Sein Partner, der Staatsbürger in Uniform, soll sich seiner persönlichen Freiheit und seiner politischen Rechte klar bewußt sein, nur dann kann er dem hohen Anspruch als selbstverantwortlich handelnder Soldat voll gerecht werden. Baudissins Richtlinien sind von dem und jenem innerhalb der Bundeswehr als »weiche Welle« glossiert worden. Er selbst hat aber immer wieder betont, daß er die sportliche und technische Kampfschulung mit allem erforderlichen Drill und ungeminderter Disziplin für unerläßlich hält. Seine Thesen sind inzwischen in das Programm der Offiziersausbildung eingebaut worden, trotz aller Anfeindungen von außen und von innen. Es ist allerdings kein Geheimnis, daß es immer noch nicht wenige Unbelehrbare gibt, denen es seit Cäsar, Derfflinger und dem Alten Fritz bis heute ratsamer scheint, soldatische Autorität mit grimmiger Zucht statt mit Überzeugungstat und Überzeugungskraft zu beweisen; doch das ist kein Argument gegen Baudissin. Dietrich von Oppen weist in seinem Buch» Das personale Zeitalter« nach, daß gerade in einer so durchrationalisierten Welt wie der unsrigen die Organisationen stehen und fallen mit dem Ausmaß und der Kraft der personalen Verantwortungen, die in ihnen wirken. Er sagt; »Gewiß ist der institutionelle Rahmen nie zu entbehren; es gibt kein freies, nur personales Zusammenstehen, das auf die Dauer arbeits- und, funktionsfähig wäre. Aber die Institution ist in unserer Gesellschaft so gebaut, daß sie erstarrt und leblos wird, wenn sie allein regiert. Sie setzt freie Personalität voraus und lebt davon, daß diese vorhanden ist.« Von diesem Zitat führt eine direkte Gedankenbrücke zu Ludwig Raiser. Er hat durch sein Wirken als akademischer Lehrer, als Hochschulprofessor, als Mitbegründer und Präsident des Deutschen Wissenschaftsrats und nicht zuletzt als Mitverfasser der heiß diskutierten Vertriebenendenkschrift der EKD den Beweis erbracht, was der persönliche Einsatz an Kräften in Bewegung setzen kann.
Dabei ist er seiner Natur nach - wenn ich ihn richtig sehe - durchaus kein Draufgängertemperament, das Lust hat an herzhafter Fehde und lautem Kampfgetümmel, die Ruhe wissenschaftlicher Arbeit in stiller Studierstube würde er vermutlich vorziehen, wenn er die Wahl hätte. Die Wahl hat er aber nicht, weil die Verantwortung ihn auf den Marktplatz treibt, zur Teilnahme am öffentlichen Disput, zur Übernahme einer Führungsaufgabe. Leidend eher als aggressiv, mit leiser Stimme eher als mit starken Tönen, stellt er sich den Auseinandersetzungen um die Dinge, die ihm wichtig sind und von denen er glaubt, daß sie im Interesse der Allgemeinheit angegangen werden müssen, und seien sie noch so »heiß«. Viele Schmähungen, viele Verleumdungen hat er einstecken müssen; er hat sie hingenommen in dem Bewußtsein, nach bestem Wissen und Gewissen gehandelt zu haben. »Verantwortung ist Bürgerpflicht«, heißt das mir gestellte Thema. Es wäre nun herauszufinden, wieweit diese »Pflicht« vom Bürger als solche empfunden wird und wie es überhaupt um die Möglichkeiten der Mitverantwortung bestellt ist. Man hört immer wieder die These, daß es auf dem europäischen Kontinent bisher nicht gelungen sei, eine lebendige Demokratie zu entwickeln, im Gegensatz zu Großbritannien und Amerika. Der Grund sei, daß nur im angelsächsischen Bereich die Jugend auf die Gesellschaft hin erzogen werde. Auf dem Kontinent jedoch (und besonders in Deutschland) sei die Erziehung immer noch viel zu individualistisch ausgerichtet, d. h. auf das Zusammenleben in kleinen Gruppen wie z. B. Familie und Vereine. Stimmt das wirklich? Allein im Blick auf die skandinavischen Länder muß man diese Behauptung wohl einschränken. Aber diese These enthält doch mehr als ein Körnchen Wahrheit; denn in den angelsächsischen Ländern glaubt ein hoher Prozentsatz der Bevölkerung, glauben viele einsatzbereite junge Menschen wirklich, daß auch der Einzelne eine Chance der Mitwirkung hat, wenn er eine vernünftige Sache vernünftig und wirksam vorbringt. Die überragende Wichtigkeit des Erziehungs- und Bildungswesens für eine gut funktionierende Demokratie ist längst erkannt. Um so mehr müssen uns die großen Mängel beunruhigen, die unser System - trotz einiger guter Ansätze - immer noch aufweist. Denn die meisten Lehrer leben bei uns offenbar immer noch im Halbdunkel einer Resignation gegenüber den Möglichkeiten der Mitverantwortung in der Demokratie wie die große Mehrheit der Schüler und Studenten. Es ist besorgniserregend, wie hoch der Prozentsatz derjenigen Jugendlichen ist, die kein Vertrauen haben, »daß man irgend etwas machen kann«. Wir können deshalb nur hoffen, daß die Zähigkeit und Geduld, das Vertrauen auf ihre Sache und der Einfallsreichtum der hier ausgezeichneten Jugendlichen und ihrer unbekannten Gesinnungsgenossen - es gibt sie! - ermutigend auf die Gleichaltrigen wirken. Eine zweite These, bei der man sich häufig nicht nur auf die Wahlerfolge der Rechtsradikalen, sondern auch auf die vermutlich noch einige Zeit anhaltenden wirtschaftlichen Schwierigkeiten beruft, will uns glauben machen, daß wir erneut auf eine Katastrophe wie die der Weimarer Republik zutreiben. Nun sind Neuralgien aufgrund böser Erfahrungen von gestern und vorgestern begreiflich, aber man sollte nicht in solchen Depressionen verharren, man denke an das Kaninchen, das hypnotisiert vor der Schlange hockt. Wer ständig auf verhängnisvolle Entwicklungen des Gestern und Vorgestern starrt, kann einer bösen Lähmung verfallen: Erzeugt man nicht durch Furcht immer wieder Furcht? Demokratie ist ein Status und zugleich ein Prozeß, d. h. es gilt eine Entwicklung zu verfolgen und von daher in einer sich ständig verändernden Lage Entscheidungen zu fällen. Denn die Gefahren kommen mit Sicherheit nicht immer wieder aus der gleichen Ecke. Natürlich ist eine verhängnisvolle Entwicklung denkbar, aber um so mehr dann, wenn man präjudiziert, was noch nicht präjudiziert ist. Kann aber nicht doch eine Lage eintreten, bei der wir in eine Klemme zwischen immer mehr anwachsenden Rechts- und Linksradikalismen geraten? Es ist gewiß wahrscheinlich, daß die extreme Rechte in einigen Ländern noch Stimmenzuwachs bekommt. Es ist denkbar, daß auch die extreme Linke sehr viel lästiger werden könnte. Es ist z. B. vorstellbar, daß Kommunisten im Ruhrgebiet gemeinsam mit einigen Industriellen in diesem Bereich daran interessiert sind, mit Mitteldeutschland wirtschaftlich sehr viel mehr ins Geschäft zu kommen. Nebenbei: Warum eigentlich nicht? Aber ein gewisser Prozentsatz an Rechts- und Linksextremisten kann von einer selbstbewußten, demokratischen Mitte verkraftet werden. Und entgegen aller Schwarzseherei halte ich zu den Aussagen der Fachleute, die es für sehr unwahrscheinlich ansehen, daß sich eine wirtschaftliche Krise im Ausmaß der dreißiger Jahre wiederholen könnte. Die Ausgangspositionen nach dem Ersten und nach dem Zweiten Weltkrieg waren doch ganz verschieden. Es gab nach 1945 kein Versailles; d. h. keine Isolierung der Deutschen durch ein sie auch moralisch schwer belastendes Friedensdiktat, so gewiß die Folgen des zweiten Krieges für unser Volk viel schmerzlicher sind. Was die Isolierung angeht, so setzten nach 1945 doch sehr bald Hilfsaktionen der anderen Nationen wie z. B. der Marshallplan ein. Die Basis des demokratischen Neubeginns war nach 1945 eindeutig breiter. Leitbilder, wie sie Raiser und Baudissin gegeben haben, gab es nach 1918 gewiß weniger. Damals verharrte gerade das konservative Bürgertum in einer kritischen Reserve gegenüber dem Weimarer »System« und half so Hitler in den Sattel. Daher also Vorsicht mit dem Komplex, als könne oder müsse sich Weimar wie ein Naturgesetz wiederholen. Man hört auch oft die Meinung, die Demokratie als Staatsform sei eben leider wenig geeignet, mit Krisen fertig zu werden. Aber die Demokratie hat bei entsprechender Einsicht ihrer Träger durchaus die Möglichkeit, Macht auf Zeit stärker zentralisiert zu delegieren. Zwar zeigt sich bei den heftigen Debatten um die Notstandsgesetzgebung, daß es noch viele neuralgische Punkte gibt. Es zeigt sich aber zugleich, daß der Vorsatz, aus den Fehlern der Vergangenheit zu lernen, ernst genommen wird.
Es ist ohnehin problematisch, auf das französische oder englische Beispiel zu starren. Die Einübung der Demokratie in der Bundesrepublik muß sich nach eigenen Gesetzen vollziehen. Es ist verständlich, wenn in Frankreich eine allzu starke Betonung des parlamentarischen Prinzips mit de Gaulle eine Pendel-Aktion auslöste. Aber damit ist noch nichts prinzipiell gegen die Demokratie erwiesen. Kritische Zeiten steht man um so eher durch, je mehr es Leute gibt, die überzeugend einen demokratischen Stil repräsentieren, überzeugend gerade auch als Nicht-Berufspolitiker. Solche Vorbilder haben wir in Raiser und Baudissin gefunden. Sie sind für etwas eingestanden, was gut und notwendig war, und dies in der Form einer zähen sachlichen Auseinandersetzung, die sie als Demokraten auswies.
Die beiden Männer Baudissin und Raiser haben gewiß mit Theodor Heuss gemeinsam, daß sie in ihrem Bereich eine klare Vorstellung von einer erstrebenswerten, denkbaren Zukunft hatten. Sie besaßen oder besitzen die Fähigkeit, eine bestimmte geschichtliche Entwicklung zu erkennen und tätig zu bejahen. Doch mir ist so wichtig, daß sie immer weit davon entfernt waren, »Ewigkeitswerte« zu proklamieren oder eherne Grundsätze. Vielmehr kannten und kennen sie die Wahrheit im »Kairos«. Einige Erkenntnisse der ersten Nachkriegsjahre sind doch auch schon überholt. Baudissin hat seinerzeit im richtigen Augenblick erkannt, daß die Stellung der einzelnen Bundeswehrangehörigen und der gesamten Bundeswehr in der Gesellschaft in der Demokratie neu durchdacht werden mußte, und er hatte'eine Konzeption und verstand es, sie bei den damals entscheidenden Leuten auszubreiten. Mit ihr wurden notwendige Konsequenzen aus den Erfahrungen der Weimarer Epoche und des Dritten Reichs gezogen. Dabei sind dem Grafen Baudissin offenbar auch seine Erfahrungen aus der englischen Kriegsgefangenschaft zugute gekommen, etwa im Sinne des Wortes des polnischen Dichters Lec: »Der Schlüssel zu den eigenen Problemen steckt oft in der Tür des Nachbarn.« Bei Raiser entsprang das verantwortliche Denken und Handeln im politischen Bereich aus der Einsicht in eine veränderte Aufgabe und Stellung der Deutschen in Mitteleuropa. Seine beständige Auseinandersetzung mit diesem Thema hat ihren Niederschlag in vielen Äußerungen gefunden. Vor allem hat die Vertriebenendenkschrift der EKD, bei deren Abfassung er maßgeblich beteiligt war, Aufsehen erregt. Ein anderes Charakteristikum fällt auf; im Typ und von der geistigen Grundhaltung her sind die Männer, von denen wir hier sprechen, Konservative. Der Wahlspruch der Potsdamer Garde, des Inf. Rgt. 9, in dem Baudissin diente, lautete: »Semper talis« (»gepriesen sei, wer sich immer gleich bleibt«). Erwies sich nicht auch in den Auseinandersetzungen um die Denkschrift und einen neuen Führungsstil in der Bundeswehr, daß oft gerade der Verwurzelte die Freiheit hat, kühn zu neuen Räumen des Denkens und Handelns aufzubrechen? Kleben nicht die weniger Verwurzelten oft sehr viel mehr am Althergebrachten? Deshalb also griffen immer wieder im Herkommen verwurzelte Konservative - nebenbei, Verwurzelung gibt es beispielsweise sicher auch in der Arbeiterbewegung - mit einer auf die Zukunft gerichteten Offenheit neue Formen des Denkens und Handelns auf, wenn dieses Neue sich überzeugend darstellte. So sehe ich in Baudissin und Raiser Brückenpfeiler einer Entwicklung vom Gestern über das Heute zum Morgen, Männer mit gelassenem Bürgersinn in einer Zeit, der die sogenannte skeptische Generation ihr Siegel aufgeprägt hat, die gelegentlich versucht ist, ihre eigenen Wurzeln auszugraben und im Reagenzglas zu betrachten. Und so gerät man denn als Volk und Einzelner in eine isolierte Existenz, die sich selbst nicht mehr gut ist. Hervorzuheben ist an den Preisträgern die besondere Befähigung, sich einzuordnen in einen Kreis von Gleichgesinnten, aufzugehen in einer Mannschaft und auch zurückzutreten, wenn es die Sache erfordert. Die Sache selbst ist es, die den Motor in Aktion setzt, und von daher wird auch der politische Einfluß - also Macht, Taktik und Wirkung in der Öffentlichkeit bejaht; niemals jedoch aus persönlichem Selbstbestätigungsdrang.
Nun stellt sich freilich die Frage, wie weit deckt sich grundsätzlich das moralisch Vertretbare mit dem politisch Ratsamen und Notwendigen? Die Versuchung, nur vom ethisch Wünschbaren her zu denken und die Wirklichkeit der Interessengegensätze zu unterschätzen, tritt - wie ich wohl weiß - gerade an Christen oft heran. Aber diese Männer waren und sind so selbstverständlich verwurzelt in dem, was sie für recht, für menschlich vertretbar halten und andererseits mit so viel nüchterner Ratio begabt, daß keine unauflösbare Spanne zwischen einem ausgedachten »Soll« und einem bedauerlichen »Ist« aufkommt. Dahinter steht die tiefe Überzeugung, daß auf lange Sicht das menschlich Gebotene auch das Vernünftige ist. Die Logik der reinen Interessenvertretung, der ungezähmten Macht ist allerdings eine andere als die der menschlichen Vernunft, die für den »anderen« mitdenkt. Das bedeutet Risiko, Vorgehen auf ungebahnten Wegen. So wußten denn unsere Männer auch nach gründlichster Gewissensforschung sicher oft nicht im voraus, ob ihr Einsatz gelingen würde. Gewiß hat z. B. die sogenannte Denkschrift auch Schwächen, z. B. in einigen Passagen die der Vermischung von Argumenten des Rechtsdenkens mit solchen der Ethik, der Theologie. Aber ihr Verdienst besteht - das kann man heute feststellen - gerade aufgrund ihres Argumentierens von einer christlich begründeten Verantwortung her sicher darin, einen Durchbruch zu einer realistischeren Betrachtung des Komplexes »Ostgrenzen« geschaffen zu haben, auch wenn dadurch der Konflikt noch einmal in seiner ganzen Schärfe aufbrach. Manchmal sind schmerzhafte Operationen unumgänglich, um einen Heilungsprozeß einzuleiten. Es ist nach dieser Denkschrift nicht mehr möglich, die Befürworter einer realistischeren Ostpolitik zu verteufeln. Die Zähmung eines ungebändigten nationalen Interesses, das Zusammenleben der Einzelnen und der Völker ist nur möglich, wenn es hüben und drüben ausreichend Leute gibt, die auch für den anderen bis zu einem gewissen Grade mitzudenken verstehen. Dazu bedarf es eben jener Phantasie, von der ich anfangs sprach, die sich in Traumwelten nicht verliert, sondern einen wachen Sinn entwickelt für das unter menschlichen Bedingungen hier und jetzt Realistische. Wie weit sind die haßerfüllten Gegner - es gibt auch sachliche Gegner - einer Haltung, wie sie Raiser und Baudissin vertreten, identisch mit Personen und Gruppen, die als unzuverlässig im Sinn der Demokratie gelten müssen? Sie sind nach meiner Überzeugung ganz und gar identisch. Denn diese Gegner kommen - nein, sie stehen, denn sie bewegen sich ja noch nicht - in dem Raum eines nationalen Egoismus, eines verstockten Traditionalismus, der die Veränderungen in der Welt nicht zu erkennen vermag oder sie nicht sehen will. So scheiden sich also an Gestalten wie Baudissin und Raiser viele Geister. Die einen richten sich trotzig
im Halbdämmer ihrer alteingesessenen Denkgewohnheiten zur Verteidigung ein - die anderen sind durch ihr Gewissen zu ständiger Wachsamkeit ermahnt, das sie beauftragt, alles zu tun, um eine neuerliche Katastrophe zu verhindern. Wohin gehören Persönlichkeiten wie Baudissin und Raiser soziologisch in der Entwicklung unserer Gesellschaft? Sind sie zunächst in die Gegenwart hineinragende Zeugen einer Goethe- und Humboldt-Zeit, edle Ausnahmen eines Bürgertums, dem die soziale Entwicklung auch in Mitteleuropa immer mehr Kraft und Selbstvertrauen nahm? Oder sind sie vielmehr Leitbilder eines Bürgertums, das in seiner Haltung der industriellen Arbeiterschaft und Jugend viel näher gerückt ist? Nach meiner Einsicht greift ihr Leitbild ein in die nächste Generation. Darum gehören sie zusammen mit den Beispielen aus Freiburg und Bamberg.
Natürlich gibt es auch in unserer Gesellschaft noch Klassengegensätze. Wenn aber Bürger, basierend auf ihrem Herkommen und ihren Voraussetzungen, so handeln und bestehen, so wächst die Hoffnung für die Entwicklung auf eine Gesellschaft, die ihre alten Klassengegensätze mehr und mehr überwindet. So mögen denn die hier verliehenen Auszeichnungen vor allem junge Menschen ermutigen, diesen Beispielen nachzufolgen, die eigene Skepsis und Trägheit zu überwinden, das Vertrauen zum Mitmenschen zu festigen und die eigene Kraft nicht zu gering zu schätzen. Lassen Sie mich schließen mit einem Wort von Christoph Friedrich Oetinger (1702-1782), das zu zitieren mir nicht nur deshalb angebracht erscheint, weil es als Wandspruch in der Eingangshalle der Bundeswehrschule für Innere Führung steht:
»Gott gebe mir die Gelassenheit, Dinge hinzunehmen, die ich nicht ändern kann, den Mut, Dinge zu ändern, die ich ändern kann, und die Weisheit, das eine von dem anderen zu unterscheiden.«

1967