Theodor Heuss Stiftung

Marion Gräfin Dönhoff, Bamberger Jugendring

(Gegen Rassenhass und Intoleranz, Ostpolitik)

Oberschulrat Wendelin Forstmeier (Landschulreform)

Ehrengard Schramm (Hilfe für Griechenland)

Bund Deutscher Pfadfinder (Berlin-Seminar)

Über den Mut, den ersten Schritt zu tun

HILDEGARD HAMM-BRÜCHER
Zur Verleihung des zweiten Theodor-Heuss-Preises 1966
Zum zweiten Mal haben wir uns am Vortag des Geburtstages von Theodor Heuss zusammengefunden, um dankerfüllt unseres ersten Bundespräsidenten zu gedenken, indem wir einen Preis verleihen, der seinen Namen trägt.
Was ist das für ein Preis? - Ein Preis der Erinnerung, der Pietät oder der Traditionspflege - verliehen an die Großen und Weisen unseres Landes, an die, die ihr Lebenswerk vollbracht und Ehrung und öffentlichen Dank verdient haben?
Das wäre gewiß auch eine Möglichkeit gewesen, um Theodor Heuss ein lebendiges Denkmal zu setzen, aber dennoch haben wir eine andere gewählt, von der wir hoffen, daß sie Theodor Heuss für nützlich, richtig und gut befunden hätte:
Der Theodor-Heuss-Preis soll ein Preis des Ansporns sein - ein Preis der Verpflichtung - ja der Herausforderung -, verliehen an Mitbürger, die Beispiele demokratischen Verhaltens, freiheitlicher Gesinnung oder bemerkenswerter Zivilcourage gegeben haben. Wir wollen eine Berechtigung dieses Preises auch darin sehen, daß er - so hat es Carl Friedrich von Weizsäcker im Vorjahr in seinem Schlußwort formuliert - auf etwas hinweist, was hier und heute getan werden muß, ohne daß die Aufgabe schon vollendet wäre. Aber selbst dieser Katalog ist ja nicht mehr als eine »Proklamation des guten Willens«, solange er sich nicht in unseren Preisträgern konkretisiert und durch sie buchstäblich zu Fleisch und Blut wird. Erst wenn es im Laufe der Jahre gelingt, aus dieser Proklamation eine lebendige Chronik von Beispielen einer freien Bürgergesinnung erstehen zu lassen, erst dann und nur dann werden wir ein Scherflein unserer Dankesschuld abgestattet haben, das wir unserem ersten Bundespräsidenten und mehr noch unserem Mitbürger Theodor Heuss glauben schuldig zu sein: Denn unsere geschriebene - auch von Theodor Heuss mitgeschriebene - freiheitliche Verfassung bedarf zu ihrer Sicherung nicht nur einer Verfassungsgerichtsbarkeit. Dringlicher noch bedarf sie einer inneren Verfassung unserer Gesellschaft, die allein und in letzter Instanz Sicherheit garantiert gegen alle Versuche und Versuchungen des Machtmißbrauchs. Wir wollen aus der Fülle der Möglichkeiten, die es für eine persönliche Beteiligung an gemeinsamen Angelegenheiten im Kleinen wie im Großen gibt, Beispiele ausfindig machen, die wiederum auf andere ausstrahlen und sie ermutigen. - So könnte schließlich aus vielen kleinen Zinsen recht verstandener Mitbürgerlichkeit ein Kapital der Bewährung der Freiheit anwachsen; ein Kapital, dessen wir ganz dringend bedürfen.
Man sage oder denke bitte nicht, daß wir hoffnungslose Idealisten oder hoffnungsvolle Illusionisten seien. Wir könnten unserem Vorhaben durchaus auch eine wissenschaftlich fundierte Begründung geben, denn mehr und mehr beschäftigen sich unsere besten Soziologen und Politologen mit den Ursachen der auffälligen Diskrepanz zwischen der Staats- und der Gesellschaftsform in unserem Lande. Dahrendorf bezeichnet diese Diskrepanz zwischen Staatsform und Sozialstruktur als »die deutsche Frage«. Und wenn man aus seinen wissenschaftlichen Analysen praktische Konsequenzen zieht, dann gelangt man zu den gleichen Gesichtspunkten, nach denen Kuratorium und Vorstand unserer Stiftung auch in diesem Jahr unter einer Vielzahl von Vorschlägen die Preisträger ausgewählt haben. Es ist eine landläufige Meinung, daß die westdeutsche Jugend politisch wenig interessiert, nicht ausreichend orientiert und nicht bereit sei, sich für öffentliche Angelegenheiten zu engagieren. Unter uns sitzen lebende Beispiele dafür, daß diese Form der Verallgemeinerung nicht stimmen kann; der Bamberger Jugendring und die Initiatoren der Berlin-Seminare des Bundes Deutscher Pfadfinder.

Pfadfinder (und ähnliche Jugendbünde überhaupt) haben sich in der Vergangenheit - außer in Form allgemeiner jugendlich-romantischer oder völkischer Schwärmerei - nie sonderlich gerne mit Politik und schon gar nicht mit Problemen der Demokratie auseinandergesetzt. Heute haben sie zwar politische Bildungsarbeit und demokratische Erziehung als eine wichtige Aufgabe erkannt; nach den ersten zaghaften Gehversuchen auf diesem noch unbekannten Übungsfeld mußten sie sich jedoch eingestehen, daß - und nun zitiere ich aus einer Veröffentlichung des Bundes: »die meisten Bemühungen der politischen Bildung und ganz besonders die staatlich subventionierten Berlinreisen Jugendlicher ohne die gewünschten Erfolge bleiben«; »Vorträge, Filmvorführungen und Besichtigungen lassen den Jugendlichen kalt, weil sie ihn nicht beteiligen«, heißt es dann weiter. Aus der Einsicht heraus, daß man junge Menschen beteiligen müsse, um sie zu interessieren, entstand die Idee einer ganz neuen Form politischer Bildungsarbeit »mit pfadfinderischen Methoden«; und beim ersten Berlin-Seminar im Sommer vorigen Jahres gab es bei der Erarbeitung des Themas »Jugend und Kulturpolitik in Ost und West« keinen einzigen passiven Zuhörer oder unbeteiligten Zuschauer mehr. Jeder einzelne der 470 Teilnehmer beteiligte sich an einem der sechs möglichen »Projekte« mit folgenden Recherchen: Erziehung außerhalb der Schule und Freizeitgestaltung in Ost und West - Bildung in Ost und West - Kunst in Ost und West - Publizistik in Ost und West das Verhältnis von Kirche und Staat in Ost und West Kulturzentrum und Touristenziel Berlin. Vier Tage lang »erkundeten« die Pfadfinder in kleinen Arbeitsgruppen systematisch die selbst gestellten Fragen, indem sie durch persönliche Besichtigungen, Beobachtungen, Besuche und Interviews in West- und Ost-Berlin Material zusammentrugen. In einer großen Podiumsdiskussion wurde schließlich Bericht erstattet und über die Ergebnisse der einzelnen Gruppen diskutiert. Die Fülle des eigenhändig oft unter großen Mühen zusammengetragenen Materials steht nun auf sechshundert Seiten Protokoll zur Auswertung und weiteren Verwendung zur Verfügung. Aufgrund dieses Materials hatten wir keinen Zweifel, daß die Teilnehmer dieser Seminare wesentlich lebendiger, einprägsamer und unvergeßlicher mit den Problemen der geteilten Stadt konfrontiert wurden, als es im sonst allgemein üblichen Verfahren möglich ist. Und weil die Pfadfinder trotz vieler Widerstände den Mut hatten, einmal einen neuen Weg politischer Bildungsarbeit zu erproben, und weil sie damit bewiesen, wie ernst es ihnen ist mit ihrer demokratischen Verantwortung - deshalb wurde ihnen eine Theodor-Heuss-Münze zuerkannt. Als in diesem Sommer der jüdische Friedhof in Bamberg von einem damals noch unbekannten Täter wiederholt in übler Weise geschändet wurde und diese Nachricht Schlagzeilen in der Weltpresse machte und heftige Reaktionen auslöste, da entbrannten die üblichen theoretischen Erörterungen: Gibt es einen Antisemitismus in der Bundesrepublik? Wie stark ist er? Wer ist davon befallen? Und so weiter. - Währenddessen hatten sich junge Bamberger Bürger bereits darangemacht, den sichtbaren und den unsichtbaren Schaden wiedergutzumachen. Für fast fünftausend Mark hatten sie Teer, Erde, Splitt und sonstiges Material beschafft - und fünfzig bis achtzig Jugendliche arbeiteten an sechs Samstagen von morgens bis abends beim Wegebau, bei der Einfassung neuer Gräber, beim Streichen von Türen und Fensterrahmen und bei der Bepflanzung. So entstand ein wunderschön gepflegter Friedhof und er wird seither weitergepflegt. Unser Bamberger Jugendring erntete freudige Zustimmung, wie nicht anders zu erwarten war; aber es gab auch anonymen Haß und Drohungen: »Sie sollten lieber ihre eigenen Gräber in Ordnung bringen«, riet beispielsweise ein unbekannter Anrufer und die anonymen Zuschriften sind entsprechend. Aber das sind nur kleine Schatten, die die jungen Bamberger nicht entmutigten. Theodor Heuss hätte sich über diesen völlig krampflosen Beweis des guten Willens und der selbstverständlichen Reaktion ganz einfach gefreut und dies um so mehr, als sich der Bamberger Jugendring auch schon bei vielen anderen Gelegenheiten aus mitbürgerlichem Verantwortungsgefühl nützlich gemacht hat. Es wurde ihm deshalb mit unserer herzlichen Anerkennung der diesjährige Hauptpreis für eine Gruppe zuerkannt. Ich sagte vorhin, daß es allgemein üblich sei, das mangelnde politische Interesse der Jugend zu beklagen. Eine ebenso landläufige Meinung ist es, daß Beamte hierzulande nicht gerade Musterbeispiele für Zivilcourage, eigene Initiative oder persönliches Risiko abgeben. In Oberschulrat Wilhelm Forstmeier haben wir doch ein Musterbeispiel für genau diese Bürgertugenden gefunden, und darüber freuen wir uns gleich zweimal. Einmal um des Grundsatzes und zum anderen um der Sache willen, die er durchgefochten hat. Die Sache heißt Landschulreform und zählte jahrelang zu den heißen Eisen bayerischer Kulturpolitik. Übrigens nicht nur in Bayern oder in der Bundesrepublik: Auch in finnischen Waldsiedlungen, in zentralasiatischen Baumwoll-Kolchosen oder schottischen Fischerdörfern hat die Bevölkerung ihr Herz für ihre kleine Schule immer in dem Augenblick entdeckt, in dem sie sie verlieren sollte. Aber in Bayern gehörte schon ein besonderer Schneid dazu, sich als Amtsperson für eine Flurbereinigung im dörflichen Schulwesen einzusetzen oder gar mit der Durchführung zu beginnen, als dies noch - mit den Worten Josef Filsers ausgedrückt - »den Verdacht erweckte, ein Liberaler, ein Freimaurer, Sozi oder Ungläubiger« zu sein.
Theodor Heuss hat seine Mitarbeiter gerne ermuntert, daß Widerspruch in ihrem Gehalt mit inbegriffen sei. Wilhelm Forstmeier hat dies in einer Sache praktiziert, von deren Wichtigkeit und Dringlichkeit er überzeugt war. So kam es, daß er der erste und jahrelang auch der einzige Schulrat in Bayern war, der die Zusammenlegung von Zwergschulen seinen Bauern buchstäblich abgelistet und, wie ich mir sagen ließ, auch gelegentlich »abgeschafkopft« hat. Heute zählt der Landkreis Aibling offiziell zum Musterkreis der Landschulreform (obgleich selbst dort nach Ansicht seines Schulrates endgültige Lösungen mit gut ausgebauten und ausgestatteten Schulen noch lange Jahre auf sich warten lassen werden).
Dafür, und weil er außerdem ein lebendiges Vorbild eines kollegialen Vorgesetzten, eines aufgeschlossenen Schulaufsichtsbeamten und eines fröhlichen Kinderfreundes ist, dafür soll er heute mit herzlicher Anerkennung mit einer Theodor-Heuss-Medaille ausgezeichnet werden. Schließlich gibt es noch eine dritte landläufige Meinung in unserem Lande, die wir mit unseren Preisträgern widerlegen können. Man beklagt oft das geringe politische Interesse, die mangelhaften politischen Wirkungsmöglichkeiten und Erfolgs-Chancen der Frauen im öffentlichen Leben. Natürlich könnte es damit um vieles besser bestellt sein, und Schuld an dieser Misere tragen, bei Gott, nicht nur die Männer. Aber häufig neigen wir offenbar auch in dieser Frage voreilig zu entmutigender Ungeduld und Schwarzseherei, und es bereitet mir Vergnügen Ihnen zu verraten, daß Marion Dönhoff ihren Preis und Ehrengard Schramm ihre Medaille nicht etwa der Übung verdanken, daß nun »auch mal eine Frau drankommen müßte«, sondern einer spontanen Bataille der männlichen Kuratoriumsmitglieder. Frau Ehrengard Schramm ist Landtagsabgeordnete in Niedersachsen; ihr Verantwortungsgefühl für das »bonum commune« aber macht nicht an den Landesgrenzen halt: Das, was sie seit Jahren für griechische Bürger getan hat und in der Zukunft zu tun vorhat, ist mehr als ein soziales Hilfswerk der Nächstenliebe, denn Armut, Not, Krankheit und Elend sind ja leider fast überall in der Welt zu finden. Griechenland aber gehört auch zu jenen Ländern, die während des Krieges unter dem Terror der SS gelitten haben - ohne daß darüber bisher viel bekannt wurde. Frau Schramm leistet dort seit Jahren schon eine persönliche und private Form der Wiedergutmachung - fernab vom Rampenlicht des öffentlichen Interesses und Beifalls, vielmehr in der Stille und mit gut weiblicher Beharrlichkeit, genauso wie es auch der unvergessenen Lebensgefährtin von Theodor Heuss, Elly Heuss-Knapp, immer besonders am Herzen lag. Ihre Hilfeleistungen zeugen ebensosehr von politischer Vernunft und von großem Sachverstand als auch von bekennender Menschlichkeit.
Dafür wurde ihr eine Theodor-Heuss-Medaille zuerkannt. Ja, und bei Marion Gräfin Dönhoff haben wir unter der Lupe unserer Statuten gleich drei Begründungen für die Zuerkennung des Theodor-Heuss-Preises 1966 entdeckt: ihr Wirken und ihre Wirkung als politische Publizistin, ihr Wirken und ihre Wirkung als engagierte Intellektuelle und schließlich die bemerkenswerte Tatsache, daß all dies einer Frau gelang. Mit der Rolle der politischen Publizistik im allgemeinen und mit der der politischen Publizistin im besonderen wird sich, wie ich annehme, unser hochverehrter Festredner, Professor Gala Marin, beschäftigen. Für mich wäre es nicht ohne Reiz, ein wenig ausführlicher über Marion Dönhoff als engagierte Intellektuelle zu meditieren, die da mitten im Spannungsfeld steht zwischen den politischen und den geistigen Kräften der Gegenwart, immer um Verständigung und Verständnis bemüht, immer tapfer, redlich und sehr klug. Gerade weil sich die Kontaktarmut, ja die Kontaktunfähigkeit zwischen »Geist und Macht« und vice versa in diesem Lande teils tragisch-komisch, teils schockierend offenbart hat und weil unsere immer wieder in Tabus erstarrende Politik ebenso dringend des Engagements der Intellektuellen bedarf wie die Intellektuellen des politischen Wirklichkeitssinns - und weil es schließlich überhaupt so wenige Zeitgenossen vom Schlage einer Marion Dönhoff gibt, deshalb sind wir ganz einfach froh, daß es sie gibt! Von der Publizistin Marion Dönhoff hat Theodor Heuss einmal gesagt, daß er sie zu den »ganz zuverlässigen Demokraten« in unserem Lande rechne, und die brillante Feder seiner Berufskollegin hat er ohnehin sehr geschätzt. Damit habe ich also in der mir gebotenen Kürze über unsere diesjährigen Preisträger Bericht erstattet. Bei aller Vielfalt, eines ist allen Preisträgern gemeinsam: Jeder von ihnen hatte in seiner Sache einmal - oder auch immer wieder - den Mut, den ersten Schritt zu tun und nicht abzuwarten, bis es jemand anderes anordnete oder befahl oder zu tun übernahm: sei es der Staat - sei es eine Behörde - die Vorgesetzten - die Zuständigen. Diesen ersten Schritt auf eigenes Risiko und in eigener Verantwortung zu wagen, das ist es, was jeden einzelnen unserer Preisträger und was alle gemeinsam auszeichnet. Was uns an Opportunismus, an Konformismus wider besseres Wissen, an mitbürgerlicher Trägheit und Feigheit beinahe täglich begegnet, - was ist es eigentlich anderes als ein Mangel an innerer Freiheit? Aber auch ein äußerlich freies Land kann zu einem mehr oder weniger fidelen Gefängnis werden, wenn das Bewußtsein für die Möglichkeiten der inneren Freiheit verlorengeht, wenn wir sie als Instanz des Bürgergewissens verkümmern und absterben lassen. Auch daran gemahnt uns das Datum des 30. Januar und seine Folgen. Ermächtigungsgesetze werden nicht allein mit Parlamentsmehrheiten beschlossen, sondern immer dann, wenn wir persönliche Verantwortung aus Bequemlichkeit an andere delegieren oder unsere innere Freiheit suspendieren, sei es aus Angst, sei es aus Bequemlichkeit oder aus mangelndem Verantwortungsgefühl. Die Feinde der Freiheit lauern nur darauf - und sie tarnen sich geschickter als früher.
Deshalb hat sich Theodor Heuss wieder und immer wieder mit den Lebenselementen der Demokratie beschäftigt, vor den Gefahren gewarnt, die sie bedrohen, und ihnen eine »freie Bürgergesinnung« entgegengestellt. In seiner großen Rede über den politischen Stil - unser verehrter Festredner bezeichnete sie im Vorwort der schönen neuen Sammlung als eine der interessantesten Reden - spricht er von den »vielen Freiwilligkeiten«, die die Heimat und der Nährboden eines demokratischen Stiles seien. Auf die »vielen Freiwilligkeiten«, auf die kommt es an. Wir wissen nur zu gut, daß der Theodor-Heuss-Preis keine Wunder wirken kann, bestenfalls kann er eine gemeinschaftliche »Freiwilligkeit« und Hilfe 1m Heuss'schen Sinne sein; - und wenn ich das ausspreche, so möchte ich bewußt eine Assoziation wachrufen zu jener »Hilfe«, die einst Friedrich Naumann als Wochenschrift herausgab und an der sich der junge Theodor Heuss seine ersten publizistischen und politischen Sporen verdiente. Diese »Hilfe« trug den Untertitel »Selbsthilfe - Bruderhilfe - Gotteshilfe«. Das klingt vielleicht ein wenig pathetisch in unseren durch Werbeslogans abgestumpften Ohren. Und doch: wenn wir etwas genauer hinhören: Welch ein schöner Akkord ergibt sich aus einem Bündnis zwischen diesen drei Kräften, die in uns, in unserem Nächsten und in unserem Schöpfer zu finden sind. Für Männer wie Friedrich Naumann und Theodor Heuss galt dieses Bündnis. Sie schöpften daraus Tatkraft, Tatsachensinn und Selbstbescheidung; und so wurden sie zu Wegbereitern einer freien und menschenwürdigen Gesellschaft. Versuchen wir es auch damit!

GOLO MANN
Ober den Mut, den ersten Schritt zu tun
Nach dem Ersten Weltkrieg sagte der Historiker Friedrich Meinecke zu jemandem, von dem ich es gehört habe und der heute noch lebt: »Wir haben das Unheil doch immer kommen sehen. Hätten wir doch mehr dagegen getan!«
Hätten wir doch mehr dagegen getan. Die Versuchung, gegen drohendes öffentliches Unheil nichts zu tun, zu resignieren, die Achseln zu zucken und einstweilen seinen eigenen Interessen nachzugehen, war immer groß. Sie ist in unseren demokratischen Zeiten nicht geringer als ehedem. Das sollte theoretisch nicht so sein, denn theoretisch ist Demokratie Bestimmung des allgemeinen Schicksals durch alle. Die Theorie scheitert an der Masse des Wirklichen. Die Aufgaben des Staates sind zu viele, zu dicht in ihrem technischen Detail zu rätselhaft geworden, als daß der einzelne Bürger sie noch übersehen könnte. Das Gefühl: Die da oben werden es machen, sie werden es hoffentlich gut machen, sie werden es wahrscheinlich schlecht machen, ich einzelner kann in jedem Fall nichts dazu tun - dies Gefühl, das einst durch das Walten des Obrigkeitsstaates erklärt wurde, ist in der Demokratie kaum schwächer.
Übrigens - und von der geschichtlichen Situation abgesehen - gibt es ja ewig menschliche Neigungen, die uns leicht daran hindern, aus unserem privaten Gehäuse herauszutreten. Schüchternheit und Scheu; Erlahmen der Phantasie; Furcht aufzufallen; Bescheidenheit und ihre verborgene Schwester, der Hochmut. Bequemer ist es, man bleibt bei sich und hält sich, wie die anderen sich halten.
Aber das darf nicht sein. Was ich eben von der Versuchung sagte, in der Demokratie und gerade in ihr die öffentlichen Dinge hinzunehmen und zu erleiden, gilt eben nur für eine Versuchung, nicht für etwas Unvermeidliches. Tocqueville hat den Erwerbssinn als das Lebensprinzip der modernen Demokratie angesehen. Hundert Jahre vor ihm hat Montesquieu ein anderes genannt: La vertu, die Tugend. Damit meinte er nicht einen tadelfreien Lebenswandel. Er meinte: Interesse für das Ganze, Tun für das Ganze, Scham für das Ganze; den Willen zu helfen. Nun kann man helfen, kann Gutes und Braves tun, ohne aus dem eigenen Weg zu gehen, ohne aus dem privaten Gehäuse zu treten. Man kann es in der Familie; man kann es in der Fabrik oder im Kontor; in jedem Beruf, in jeder normalen Lebenslage. Der Erwerbstrieb allein hält keine Gesellschaft zusammen. Leistungswille, Hilfswille, Samariter-Instinkt sind ebenso real.
Von diesen lebenserhaltenden, aber ich möchte sagen alltäglichen, selbstverständlichen Bravheiten soll heute nicht die Rede sein. Es ist die Rede vom Mut zum anscheinend Ungewöhnlichen, ungewöhnlich, weil die Leute es eben nicht gewohnt sind; vom Mut zu einem Schritt weg von der Routine, weg vom braven, aber privaten Weg; vom Mut zur Hilfe in der Öffentlichkeit, zum Protest in der Öffentlichkeit, zum öffentlichen Wiedergutmachen dessen, was schlecht gemacht wurde. Das Kuratorium der Theodor-Heuss-Stiftung hat wiederum Preisträger erwählt, die einen solchen Mut bewiesen haben. So die jungen Leute, die aus freier Initiative sich der Pflege eines jüdischen Friedhofes annahmen, der von unbekannter Hand geschändet worden war. Was dort eines Morgens sichtbar wurde, wäre infam überall; in Deutschland ist es unerträglich. Der Bamberger Jugendring hat das gespürt und die Aufgabe einer Bereinigung nicht bloß erkannt, was leicht ist, sondern durchgeführt, was schwer ist. Ich weiß wohl, daß er das nicht um irgendeiner Auszeichnung willen getan hat. Sogar könnte ich mir denken, daß er der Ehrung, die ihm heute zuteil wird, Zweifel entgegenbringt. Warum denn Lärm um etwas machen, was er als seine einfache Pflicht und Schuldigkeit betrachtet? Nun, der Theodor-Heuss-Preis ist wohl nicht vor allem dazu da, den mit ihm Ausgezeichneten Freude zu machen. Er ist dazu da, ein gutes Beispiel, das gegeben wurde, herauszuheben, es in seiner Beispielhaftigkeit erscheinen zu lassen und so andere zu ermutigen. Lächerlich wäre es, die Leistungen des Staates, ihre Notwendigkeit und Nützlichkeit in Zweifel zu ziehen und über die sogenannte »verwaltete Welt« ein Klagelied zu erheben. Auch ein Parlament kann Beschlüsse fassen und eine Regierung sie ausführen, bei denen Generosität und Phantasie im Spiel waren. Denken wir etwa an den Wiedergutmachungsvertrag zwischen
Deutschland und Israel, vielleicht das Beste, was die Bundesrepublik je geleistet hat. Lassen wir Cäsar sein Recht. Aber es hat von alters her Dinge gegeben, die Cäsar nicht leisten konnte; der Spontaneität des einzelnen oder kleiner Gruppen bleibt Raum, und er wird ihr immer bleiben. Nicht ein Staat oder ein Konzert von Staaten hätte die Heilsarmee gründen können oder das Rote Kreuz oder die Gesellschaft der Freunde, der Quäker, Verschwörungen einzelner zum Guten, die eine nicht zu nennende Zahl von Hilfeleistungen vollbrachten und mitunter auch die härtesten Herzen zu rühren vermochten. Neulich hatte ich Gelegenheit, mich mit der deutschen Kriegsgefangenenfürsorge im Ersten Weltkrieg zu befassen, die unter der Leitung eines süddeutschen Fürsten, des Prinzen Max von Baden, stand. Inmitten eines nach aller bisherigen Erfahrung beispiellosen Zusammenbruches der Humanität muß damals gefährlich stark die Versuchung des Gefühls gewesen sein: Das muß seinen Lauf nehmen, hier kann die Bemühung des einzelnen um Menschlichkeit nichts mehr erreichen. Es ist nun ergreifend, beim Lesen der weitverzweigten Korrespondenz des Prinzen Max zu erfahren, wie er dieser Versuchung nicht nachgab, sondern um den Austausch von Verwundeten, um die Rettung Verurteilter, um die Befreiung von in Gefängnissen Schmachtenden sich unablässig bemühte; nicht immer mit Erfolg, natürlich nicht, aber oft mit Erfolg. Es ist ein Beispiel dafür, hier aus der deutschen Vergangenheit genommen, was der einzelne vermag, sei es unter den düstersten Auspizien. Mitunter kann auch das im rechten Moment gesprochene rechte Wort, das versöhnliche, taktvolle, verstehende Wort die Tat ersetzen oder selber zur Tat werden. Nun, und damit, vom Worte her, komme ich zu der Persönlichkeit, die auch sie, ich glaube es zu erraten, an dieser Feier mit nicht ganz ungemischten Gefühlen teilnimmt, zu unserer anderen Preisträgerin. Hochverehrte Gräfin Dönhoff, auch Sie haben, was Sie in den letzten zwanzig Jahren zur Neubegründung und Fortentwicklung einer freien politischen Publizistik in Deutschland leisteten, nicht um des Lobes und Preises willen getan. Lob und Preis sind unsere Pflicht, die Ihre nur, zuzuhören. Und Sie kennen die Lehre Ihres großen, im Alter freilich etwas strengen Landsmannes, Immanuel Kant: Die Pflicht, die zur Freude wird, hört schon auf, Verdienst zu sein.
Die Geschichte der politischen Schriftstellerei m Deutschland ist keine besonders glückliche. Selten hat sie auf den Gang der Dinge gewirkt, oder wenigstens nachweislich gewirkt; oft war sie geradezu verachtet. Ich kann heute nicht untersuchen, woran das lag; im wesentlichen wohl an der Struktur des deutschen Herrschaftssystems oder der deutschen Herrschaftssysteme bis in unsere Jahrzehnte hinein. Es führte kein Weg aus der Redaktionsstube zu Verantwortung und Teilnahme an der Macht; nicht die würdige Art von Weg, die es etwa in England gab. Dem entsprach es, daß der Ton öffentlicher politischer Kritik in Deutschland oft ein ungemäßigter, egozentrischer und schriller war und so die Vorstellungen zu rechtfertigen schien, die Bürger und Regenten sich von ihr machten. Aber auch die hilfswilligsten, die am tiefsten verantwortlichen Kritiker und Warner, Konstantin Franz, oder hier in Bayern der prächtige Josef Jörg in der Bismarck-Zeit, Friedrich Naumann, Hans Delbrück, Max Weber in der Kaiserzeit, ja und dann Naumanns treuer Gehilfe, Theodor Heuss, in der 'Weimarer Zeit, wie wenig haben sie bewirken können. Wollte man alle wahren, gutgemeinten, aber vergeblichen Warnungen zusammenstellen, die in den letzten hundert Jahren gedruckt wurden, sie würden ein dickes Buch ergeben. So in Deutschland beinahe immer. So, das ist zu befürchten, heute auch anderswo. Wenn ich etwa die Publizistik Mr. Walter Lippmanns betrachte, so muß ich über zwei Dinge staunen: über die nun ein halbes Jahrhundert lang bewährte tiefe Erfahrenheit und hohe Weltklugheit des Mannes, die ihn wieder und wieder das Richtige mit Maßen sagen ließ; und über die wirkliche Politik, die ihren Lauf nahm und gerade eben wieder zu nehmen droht, als ob es diesen hilfreichen und feinen Geist gar nicht gäbe. So groß, wie für den Bürger die Versuchung, in seinem privaten Gehäuse zu bleiben, muß sie heute für den politischen Publizisten sein, sich anderen, bequemeren Bereichen der Literatur zuzuwenden. Verzweiflung aber ist ein schlechter Berater auch hier, und unsere Preisträgerin hat nie auf ihn gehört. War es Marion Gräfin Dönhoff in der Wiege gesungen, daß sie einmal zur deutschen und internationalen Politik ein führendes öffentliches Wort zu sagen haben würde? Kaum. Die ersten Jahrzehnte ihres Lebens waren gebunden durch Rechte und Pflichten in der ostpreußischen Heimat, die Wahrung von Gütern, die Pflege von altem Kulturbesitz dort. Schöne Rechte und Pflichten, erdnahe, freundlich-patriarchalische noch, aber eben heimatlicher, provinzieller Art.
Diese Lebensordnung, längst bedroht, brach mit einem furchtbaren Schlag zusammen; und das, was Gräfin Dönhoff mit kräftiger Initiative vorbereitet hatte, um wenigstens die Flucht derer, die sich ein letztes Mal und wie selbstverständlich ihrer Führung anvertrauten, sich in leidlicher Sicherheit vollziehen zu lassen, wurde durch die Torheit lokaler Machthaber vereitelt.
Wir haben das Buch, das von diesem Ende handelt und von alledem, was da endete; ein Buch, das die Deutschen wie wenige Bücher unserer Jahre angesprochen hat. Ein Buch der Erinnerung an das verlorene Land, an die Familie, an Freunde aus verwandtem Kreis und ihr Schicksal. Ein Buch voller verschwiegener Trauer und unverschwiegener Liebe, aber ohne Bitterkeit, zu der doch so reichlich Anlaß gewesen wäre. In der Familiengeschichte der Dönhoffs, die einen Teil des Buches ausmacht, ist das Verblüffende das internationale, richtiger wohl übernationale Element: der polnische Zweig, der deutsche, preußische Zweig. »Ehe der Begriff der Nation erfunden wurde«, so lesen wir, „Und ehe das Gift der Ideologie in alle menschlichen und zwischenstaatlichen Beziehungen einsickerte, war es keineswegs ungewöhnlich, Dienste in anderen Ländern zu nehmen... Die Möglichkeit, sich seinen Herren auch außerhalb der Grenzen des eigenen Geburtslandes zu suchen, verhinderte die Ausbreitung nationaler Vorurteile und die Verengung des politischen Horizontes, die beide in späteren Zeiten so verhängnisvoll werden sollten.“ In einem späteren Buch Gräfin Dönhoffs ist von der Landschaft die Rede, daß sie und nicht der Staat die eigentliche Heimat sei und daß die Heimatlandschaft nach politischen Grenzen nicht frage; in der Atmosphäre Polens habe sie so manches gefunden, was sie an die Heimat erinnerte. Und hier, meine ich, haben wir eine Antwort auf die Frage, wie aus der Enge der Provinz die weite bunte Welt werden konnte, in der unsere Preisträgerin sich nun seit zwanzig Jahren mit schauenden Augen bewegt. Nie haben die Propheten des Nationalstaates, die in sogenannten Großräumen denkenden Nationalisten, uns die Welt verstehen lassen. Sie sind die wahren Provinzler. Der in seiner Heimat Wurzelnde ist es nicht; und wenn man Gräfin Dönhoffs afrikanische Berichte liest, so könnte man den Eindruck haben, als sei es ihre ostpreußische Grunderfahrung, was sie das innerste, das noch unverwandelte Afrika hat verstehen helfen, das radikale Anderssein dort wie auch ferne Ähnlichkeiten. Die Flucht aus Ostpreußen endete in Hamburg, endete beim Aufbau einer Zeitschrift, die mit gutem Fug sich ein deutsches Weltblatt nennt. Sie ist, wenn nicht die einzige ihrer Art, so doch die am stärksten ausstrahlende ihrer Art; zur Bildung des politischen Geistes in Deutschland, nach außen hin zur Wiederherstellung eines guten deutschen Namens, hat sie Unschätzbares geleistet. Ich bin nicht mit allem einverstanden, was in der ZEIT zu lesen ist, auch nicht mit allem, was Gräfin Dönhoff geschrieben hat. Warum sollte ich das sein? Die Zeitschrift ist ja eine im guten Sinn des Wortes liberale; in der eigenen Redaktion verschiedene Persönlichkeiten, verschiedene Meinungen beherbergend, stets bereit, fremden Ansichten Gastfreundschaft zu gewähren, wenn sie nur ehrliche, wenn sie nur maßvolle Ansichten sind.

Der politische Schriftsteller, der zu Hause bleibt und liest, gerät leicht in die Gefahr, die Dinge sich auszudenken und am Wirklichen vorbeizureden. Besser ist die Verbindung von Reportage und Leitartikel, Bericht und Schlüssen aus dem Bericht, die Gräfin Dönhoffs Publizistik bezeichnet. Ihre Artikel galten und gelten allen Himmelsrichtungen: Westeuropa und Amerika, Afrika und Asien und Deutschlands inneren Verhältnissen selbst. Zwei Leistungen aber möchte ich vor allem hervorheben: ihre Bemühungen um Osteuropa und um Deutschlands abgetrennten Teil. Vom Mut, den ersten Schritt zu tun, habe ich reden sollen. Hier wurden wirklich erste Schritte getan; nicht von Gräfin Dönhoff allein, aber bis heute von allzu wenigen. Was macht die osteuropäischen Berichte unserer Preisträgerin so hilfreich, so aufklärend, um ein Lieblingswort von Theodor Heuss zu gebrauchen, so entkrampfend? Lassen Sie mich ein paar der Vorzüge dieser in dem Bande »Welt in Bewegung« gesammelten Berichte nennen. Die Fähigkeit, Unterschiede zu sehen. Die oberflächlichen Verallgemeinerungen, die plumpen Identifizierungen auf Grund irgendeines Sammelbegriffs, hier des dürftigen Sammelbegriffs »Kommunismus«, sind der Tod allen wirklichen Verständnisses und aller guten Politik. Solche Bequemlichkeit ist nicht Gräfin Dönhoffs Art. Sie sieht die Unterschiede in der Zeit: Das Ungarn von heute ist nicht das Ungarn von vorgestern. Sie sieht die Unterschiede im Raum: Aus den und den historischen Gründen sind die Dinge in Jugoslawien ganz anders als in Rumänien. Sie sieht die menschlichen Unterschiede: Bei dem einen ist der dogmatische Panzer schwer, bei dem anderen leicht, der eine denkt mehr an die Sache und ist besseren Willens, der andere denkt mehr an sich und ist schlechteren Willens. So, sich an das Konkrete haltend, hat Gräfin Dönhoff uns von der historischen, der aktuellen wirtschaftlichen und politischen, der menschlichen Wirklichkeit Osteuropas unterscheidende Bilder gezeichnet, die eine deutsche Ostpolitik informieren könnten und sollten. Mehr als seine Kenntnisse und Urteile anbieten kann der Publizist nun einmal nicht. Ob sie nützlich gebraucht werden oder nicht, liegt bei anderen.
Die Freiheit von Vorurteilen... gegenüber Menschen, die uns die Heimat nahmen, die das Schloß der Väter samt allem Reichtum in Jahrhunderten gesammelter Schönheiten verbrannten, kann sie so leicht nicht zu erwerben gewesen sein, aber sie spricht aus jeder Zeile dieser Berichte. Auch in der schlimmsten Zeit, in der Stalin-Ära, sei nicht alles unvernünftig gewesen. Bei allen Härten, welche die sozialistische Planwirtschaft den Leuten auferlege, bringe sie ihnen auch Vorteile, die wir nicht haben.
In einem Artikel aus Ungarn heißt es: »Ist die Mehrheit in Ungarn zufrieden? Es ist schwer, diese Frage als Fremder zu beurteilen (ich weiß nicht einmal, ob ein >Eingeweihter< sie objektiv richtig beurteilen könnte). Alles hat hier nicht nur zwei Seiten, sondern viele Facetten; die meisten Dinge sind nicht nur doppelbödig, sondern haben viele verschiedene ineinandergeschobene Schichten. Die Frage, ob die Ungarn zufrieden sind, wird wahrscheinlich immer zugleich mit Ja und mit Nein beantwortet werden müssen.« Ist solch ein Paragraph verwirrend? Freilich; so verwirrend wie die Wirklichkeit nun einmal ist für alle die, die glauben, sie in Schwarz und Weiß lesen zu können. Aber es ist hilfreiche Verwirrung: nutzbar für den, der entwirrende, realistische Politik machen will.
Die Bereitschaft, im besonderen als Deutscher die Nachwirkungen der jüngsten Vergangenheit in Osteuropa gerecht zu würdigen. Gräfin Dönhoff maßt sich nicht an, als Freie und Befreierin in diese Gegenden der Unfreiheit zu kommen; eine Rolle, die viele sich heute anmaßen möchten und die uns nicht zusteht. Sie kennt, sie versteht die Furcht vor Deutschland und ihre kaum zu überschätzende Macht über die Politik Osteuropas. »Wir Deutschen«, schreibt sie, »haben ganz vergessen, daß nur der Westen, der sich mit uns in einer Art Kalter-Krieg-Allianz befindet, mit dem Mantel des Vergessens bedeckt, was Deutschland in Europa angerichtet hat. Hier dagegen ist dies alles noch ganz wach.
Wir haben keine Ahnung, in welcher Aversion und Abwehr gegen Deutschland ganz Osteuropa noch lebt. Auch dies ist ein Grund, warum es verkehrt war, sich so total von diesem nachbarlichen Raum abzuschließen.« Auf der anderen Seite: die Wachsamkeit, die sich nichts vormachen läßt und die trennende Kluft da sieht, wo sie ist. Konrad Lorenz schreibt einmal, er für seine Person möchte mit einem des intraspezifischen Aggressionstriebs völlig entbehrenden, in seinen Angriffs- und Abwehrinstinkten verkümmerten Menschen nicht befreundet sein. Ich kenne die Beziehungen des Gelehrten zu unserer Preisträgerin nicht, aber dieser Grundsatz würde einer Freundschaft jedenfalls nicht im Wege stehen. Nie bleibt Gräfin Dönhoff ihren kommunistischen Gesprächspartnern die Antwort schuldig. Häufig greift sie an, verweist sie auf Unstimmigkeiten und Unwahrhaftigkeiten, zwingt sie den anderen, Farbe zu bekennen, nämlich das freie Argumentieren aufzugeben und sich hinter den Schutzwall des Dogmas zurückzuziehen. Daß nicht die so und so geartete, stets sich wandelnde Praxis, daß nicht das Menschliche mit seiner Güte und Ungüte, sondern das Dogma uns von den Gläubigen in Osteuropa trennt, daß im Dogmatismus das Trennende und nach wie vor eine Gefahr liegt, darüber erlaubt die Berichterstatterin uns keine Illusionen. Es ist Wille zum Frieden und zur Wahrheit, aber kein bürgerlich feiger Pazifismus, der uns hier entgegentritt. Um Lenins abscheulichen Ausdruck zu gebrauchen: eine für die Ziele der Kommunisten »nützliche Idiotin« ist Gräfin Dönhoff nicht. So die Haltung der Osteuropa-Reisenden; so im besonderen die Haltung der deutschen Schriftstellerin, die das unbekannte Land, genannt DDR, besucht. Diese Reise zumal war ein erster Schritt, allen Tabus zum Trotz unternommen. Wieder hat ihr literarischer Niederschlag die Deutschen angesprochen, wieder hat er jenen, deren Auftrag es ist, gemeindeutsche Politik zu machen, diagnostisches Material geliefert. Das Buch »Reise in ein fernes Land« zeigt die Talente der Autorin und ihrer, man darf wohl sagen von ihr erzogenen Mitarbeiter im hellen Licht: die Gabe zu sehen, die Gabe, die Leute zum Sprechen zu bringen und sie unter ihren unterscheidenden Bedingungen in ihrer menschlichen Unterschiedenheit zu erfassen. Wir lernen Menschen kennen, von deren Existenz, Arbeit, Arbeitsmöglichkeit wir bisher nicht die leiseste Vorstellung hatten; und sehr erfreuliche Typen darunter. Wir lernen sie kennen in allen Klassen und Tätigkeiten, auch und gerade innerhalb der regierenden Staatspartei; als ob diese eine einzige homogene Masse sturer Bösartigkeit wäre und nicht, wie die Autoren es uns zeigen, eine menschlich überaus vielfältige Mammut-Organisation. Kontakte, ja, das ist die Lehre, und so viele wie möglich, aber ohne Überschätzung dessen, was durch Kontakte erreicht werden kann. Aller Wirklichkeit geöffneter guter Wille, ja; sich betrügen lassen, nein. Erkennen dessen, was falsch und was schlecht ist, ja; starre Feindschaft, dunkle Hoffnungslosigkeit, nein.
Die Reportage wird zu einer politischen, erzieherischen Tat. Ihrer Herkunft, ihrem innersten Fühlen nach, so möchte ich glauben, ist Gräfin Dönhoff eine Konservative. Man kann aber einer großen Tradition treu sein, kann durch das Früheste geprägt bleiben und dennoch zeitgemäß denken, dennoch sich tapfer auf dem laufenden einer furchtbar schnell sich verwandelnden Umwelt halten und so zum guten Berater der Nation werden.

Daß wir solche Berater notwendig haben, muß ich es Ihnen sagen? Deutschland wird das Heil nicht finden, indem es Verlorenes wiederherstellen will, indem es zurückstrebt zu einer Konstellation, die geschichtlich war, die nicht einmal sehr lange gewährt hat und die vorüber ist. Es wird das Heil finden im Verstehen und im Selbstverständnis; in guten Taten, die ausstrahlen, Vertrauen gewinnen und Selbstvertrauen geben; in schöpferischer Phantasie. Für solche Haltung haben unsere Preisträger Beispiele gegeben. Sie werden sich die Ehre des Theodor-Heuss-Preises ganz gewiß nicht zu Kopfe steigen lassen. Wie ungenügend man gewesen ist, auch wenn man nach Kräften seine Pflicht zu tun suchte, das weiß zuletzt jeder, der sich ehrlich prüft. In der tiefen Geschichtsbetrachtung eines amerikanischen Theologen, Reinhold Niebuhr, fand ich einmal die Sätze, mit denen ich schließen möchte: »Nichts, was sich zu tun lohnt, kann in unserer Lebenszeit vollendet werden; also muß Hoffnung uns retten. Nichts, das wahr oder schön oder gut ist, bewährt sich vollständig im geschichtlichen Zusammenhang; also muß Glaube uns retten. Nichts, was wir tun mögen, es sei noch so preiswürdig, können wir allein vollenden; also muß Liebe uns retten. Keine preiswürdige Tat ist ganz so preiswürdig vom Standpunkt unseres Freundes oder Feindes, wie sie von unserem eigenen ist. Also muß die letzte und höchste Form der Liebe uns retten, die Vergebung.«

HELLMUT BECKER
Schlußwort
Mit der sanften Gewalt, von der eingangs die Rede war, hat Hildegard Brücher mich veranlaßt, ein kurzes, freies Schlußwort zu sprechen. Dabei hat sie wohl daran gedacht, daß Theodor Heuss nicht nur ein Meister der vorformulierten Rede, sondern gerade ein Meister der spontanen Ansprache gewesen ist. Das macht es nicht gerade leichter, hier in diesem Sinne ein kurzes Wort des Abschlusses zu dieser Veranstaltung zu sagen. Wenn man in einem solchen Saale einer solchen Feier beiwohnt, wird es den meisten von Ihnen so ergehen, daß man die ganze Zeit dies oder jenes assoziiert, was einen entweder mit den Menschen oder den Dingen, von denen da die Rede ist, verbindet. Und als ich die Rede von Golo Mann hörte, erinnerte ich mich plötzlich daran, wie ich als kleiner Junge in die Schloßschule Salem kam und der ältere Schüler Golo Mann uns jeden Tag zu Mittag einen Anschlag mit den neuesten Nachrichten an das Anschlagbrett heftete; ein Stück Information - und ich weiß, daß es mich damals besonders frappierte, daß nicht die headlines der Zeitungen dort erschienen, sondern Dinge, die dem flüchtigen Zeitungsleser gar nicht so aufgefallen wären. Ich glaube, wenn ich hier im Namen von Vorstand und Kuratorium des Theodor-Heuss-Preis für seine Worte zunächst danken darf, dann in dem Sinne, daß er auch heute wieder nicht das, was sich bei solchen Gelegenheiten anbietet, sondern das, was dahinter- und darunterliegt, zu uns gesagt hat. Eine andere Assoziation war, verehrter Herr Heuss, ein Spaziergang in Locarno. Ich traf Ihren Vater und Sie zusammen mit meiner Frau anfangs der fünfziger Jahre auf dem Marktplatz in Locarno, wo Ihr Vater die Verkaufsstände betrachtete, und er lud uns zu einem Spaziergang ein. Auf diesem Spaziergang war sehr schnell von den aktuellen Problemen der Bundesrepublik die Rede, und es waren zwei Dinge, von denen Theodor Heuss immer wieder sprach: von der Notwendigkeit zur Kritik und von der Notwendigkeit zum Widerspruch. Das war eine Zeit, wo die großen politischen Parteien einander noch mit offenerem Widerspruch als heute gegenüberstanden und die Gefahr des Abklingens der Widersprüche nicht so akut für die Demokratie zu sein schien. Trotzdem war diese Forderung nach Kritik und Widerspruch der Kern des Gesprächs; das ich damals mit ihm hatte. An einen weiteren Spaziergang habe ich gedacht: an einen Spaziergang in den ersten Kriegstagen, als ich Gräfin Dönhoff bei unserem gemeinsamen Freund Ernst Eisenlohr in Berlin kennengelernt hatte und wir auf dem Heimwege, noch unbekannt mit dem verdunkelten Berlin, aus Versehen an der falschen Untergrundbahn-Station ausstiegen und dadurch in der verdunkelten Stadt einen langen Spaziergang machten. Einen langen Spaziergang an der Spree entlang, bei dem einem plötzlich Berlin als Landschaft begegnete. Berlin als Landschaft mit der Unmittelbarkeit, die eine Stadt gewinnt, die plötzlich in ihren ursprünglichen Strukturen fern von den Lichteffekten erscheinen kann; - und etwas von dem, was Golo Mann heute mit dem Worte Heimat bezeichnet hat, verband uns beide mit Berlin, und wird viele von Ihnen noch heute mit Berlin verbinden. Und dieses Gegenwärtige, diese Art, die Heimat zu sehen, - und zugleich mit einer für mich damals atemberaubenden Vorausschau das zu sehen, was auf uns nach diesem Kriege zukommen würde, - das war das, was ich von diesem Abend behalten habe und was mir natürlich heute an diesem Tage ganz selbstverständlich wieder ins Gedächtnis kam. Wenn wir uns fragen, was Publizistik heute zu sein hat - Publizistik und, wenn ich die Arbeit des Bundes der Deutschen Pfadfinder hier mit hinzuziehen darf, auch politische Bildung -, dann müssen wir davon ausgehen, daß auch gegenüber den Zeiten Theodor Heuss' die Tatsache der Verwissenschaftlichung unserer Welt das Funktionieren unserer Demokratie in ihren Grundfesten verändert hat. Das Modell, das Max Weber uns für das Verhältnis von Wissenschaft und Politik entwickelt hat, nämlich, daß die Wissenschaft die Sachfragen vorbereitet und der Politiker sie entscheidet, dieses Modell ist durch die Entwicklung überholt. Das technokratische Modell, das scheinbar sich anbietet, nach dem der Sachzwang der wissenschaftlichen Feststellung die politische Entscheidung determiniert, würde das Ende der Demokratie bedeuten. Die Arbeiten von Jürgen Habermas zum Strukturwandel der Öffentlichkeit haben uns gezeigt, daß diese Entwicklung jeden einzelnen vor entscheidende Aufgaben stellt, daß aber insbesondere die Kooperation von Wissenschaft und Politik abhängig ist von einem neuen Maß an Öffentlichkeit. Wissenschaftler haben es heute schon schwer, sich untereinander zu verstehen. Es ist fast nicht mehr anders möglich, als daß der Wissenschaftler die Kenntnis anderer Wissenschaften über publizistische Medien gewinnt, weil die Einheit der Wissenschaft nicht mehr besteht, in der die Kenntnis anderer Wissenschaften selbstverständlich möglich war. Von hier her wächst der Publizistik und der aufklärenden politischen Bildung eine Verantwortung zu, von der die Zukunft unserer Demokratie abhängt. Die Abhängigkeit der Wirtschaftspolitik und der Außenpolitik, der Strategie und der Bildungspolitik von wissenschaftlichen Überlegungen und von dem Maße, in dem die wissenschaftlichen Überlegungen auch öffentlich verarbeitet werden können - und wir alle wissen, wie unendlich schwierig das ist - verlangt gleichzeitig ein Mehr an Bildung, ein Mehr an Aufklärung und ein neues Maß an Verantwortung für unsere Publizisten.
Diese publizistische Verantwortung ist hier geehrt worden, und Golo Mann hat so schön davon gesprochen, daß in der Zeitung auch erzogen wird. Ich dachte eigentlich, als ich diesen Satz hörte, nicht so sehr an die jungen Redakteure der ZEIT, als an die älteren wissenschaftlichen Autoren, die vielleicht auch zum Teil hier im Saale sitzen und sich sicher gerne daran erinnern, wie oft ihnen die strenge Gräfin Dönhoff bei ihren Aufsätzen korrigierend begegnet ist. Ich glaube darüber hinaus, daß die Zusammenarbeit von Wissenschaft, Politik und Publizistik sich abspielen darf. Damit darf ich auf earl Friedrich von Weizsäckers Worte zurückkommen, die er hier das letzte Mal gesprochen hat vor einem Jahr: Dieses alles kann nur funktionieren, wenn die Schwierigkeit, ja fast Unmöglichkeit der Bewahrung der Strenge und Diskretion wissenschaftlicher Forschung, der Notwendigkeit aktiver politischer Entscheidung und der Verbindung dieser Bereiche in einem Rahmen der Öffentlichkeit von jedem einzelnen an seinem Platze mit vollzogen wird. Und deswegen schien es mir so legitim, daß an dem heutigenTage nicht nur die große politische Publizistin und die politische Bildung, sondern damit das Tun von einzelnen geehrt worden ist. Ich glaube, daß all unser Bemühen umsonst ist, wenn nicht jeder von uns weiß, daß bei ihm selbst, nicht bei »denen da oben« das entscheidende Stück Verantwortung liegt.

1966