Theodor Heuss Stiftung

Georg Picht und Aktion Sühnezeichen

Georg Picht wurde mit dem Theodor-Heuss-Preis ausgezeichnet, weil es ihm durch seine zahlreichen Schriften gelungen ist, das öffentliche Interesse an Problemen des deutschen Schul- und Bildungswesens mit zuvor nicht erreichtem Widerhall zu wecken und zu schärfen. Es ist in hohem Maße sein Verdienst, die verantwortliche Öffentlichkeit von der Tragweite und Dringlichkeit bildungspolitischer Entscheidungen überzeugt zu haben. Georg Picht war der erste, der aus einer Vielzahl von internationalen Vergleichen, statistischen Unterlagen und Bedarfsfeststellungen schöpferische Gedanken für die zukünftige Gestaltung des deutschen Bildungswesens entwickelt hat. In seinen Ideen und Vorstellungen vollzieht er den Übergang von traditionsgebundenen Formen hinüber zu den bildungspolitischen Erfordernissen einer modernen freiheitlichen Gesellschaft. Damit ist es ihm gelungen, einen Prozeß des Umdenkens einzuleiten und der Erkenntnis Bahn zu brechen, daß ein leistungsfähiges Schul- und Bildungswesen der vorausschauenden Planung bedarf. Georg Picht hat es bewußt auf sich genommen, als unbequemer Mahner seinen Weg allein zu gehen, ohne Rückhalt von Parteien oder Verbänden. In der oft hitzigen Auseinandersetzung um seine Analysen und seine Thesen hat er sich als unbeirrbar mutiger und aufrechter Streiter erwiesen. Stets geht es ihm um die Sache niemals um seine Person. Mit der Verleihung des Theodor-Heuss-Preises an Georg Picht sollen - getreu dem Andenken an den ersten Bundespräsidenten - alle jene Menschen ermutigt werden, die in unserer auf Sicherheit bedachten Welt bereit sind, für eine als richtig und wichtig erkannte öffentliche Aufgabe rückhaltlos einzutreten.

 

Der Theodor-Heuss-Preis für 1965 wurde der AKTION SÜHNEZEICHEN verliehen in Würdigung des freiwilligen und opferreichen Dienstes, den junge Deutsche verschiedener Bekenntnisse und Berufe seit vielen Jahren leisten, um die Wunden, die von der Nationalsozialisten geschlagen wurden, durch versöhnliche Tat zu lindern. In bisher 23 Projekten hat die Aktion Sühnezeichen mehr als 500 junge Frauen und Männer ausgeschickt, um in den Ländern, deren Bevölkerung am härtesten unter Krieg und Terror gelitten hat, begangenes Unrecht wiedergutzumachen. Auf Anregung des Magdeburger Präses Dr. Lothar Kreyssig begann die Aktion Sühnezeichen 1958 in Rußland und Israel aufbauende Arbeit zu leisten. Es folgten Holland, Norwegen, Griechenland, Frankreich, England, Belgien, Jugoslawien, die Vereinigten Staaten von Amerika und Finnland. Ihre Tätigkeit umfaßte so verschiedenartige Vorhaben wie den Bau eines Blindenheimes in Israel, den Sozialdienst in einem Negerviertel in den USA, den Aufbau von Zisternen, Schulen, Kirchen und Synagogen. Mit dem Theodor-Heuss-Preis wird - getreu dem Andenken an den ersten Bundespräsidenten - der selbstlose Dienst der unernannten und ungenannten Botschafter des guten Willens und der tätigen Nächstenliebe geehrt. Ihre künftige Arbeit soll damit bestärkt und gefördert werden.

Evangelische Volksschule Berchtesgaden (Schülerbegegnung)

Jugendrotkreuz

Peter Löser-Gutjahr und Heinrich Sievers (Schülerzeitschrift)

Vom rechten Gebrauch der Freiheit

 

 

Dokumentation der 1. Theodor Heuss Preisverleihung

 

 

Vorbemerkung
Am 31. Januar 1965, dem 81. Geburtstag von Theodor Heuss, wurde an die »Aktion Sühnezeichen« und an Herrn Dr. Georg Picht im Prinz-Carl-Palais zu München der erste Theodor-Heuss-Preis verliehen. Der Stifter hatte sich als Verein im vorausgegangenen Herbst konstituiert.
»Ich beglückwünsche Sie zu dem Gedanken, das Andenken des ersten Präsidenten unserer Bundesrepublik durch die Stiftung eines Preises wachzuhalten und dadurch zugleich zur Übung der Tugenden aufzurufen, die ihm in so hohem Maße eigen waren und deren unser Gemeinwesen so dringend bedarf, wenn unsere Lebensform auf die Dauer mit den Grundsätzen unserer geschriebenen Verfassung in Einklang stehen soll, nämlich den Tugenden der Duldsamkeit, der Zivilcourage und der Anteilnahme am Gemeinwohl. Ich beglückwünsche Sie aber auch zu der Auswahl, die Sie bei der erstmaligen Verleihung des Preises getroffen haben…« Mit diesen Worten begrüßte der Oberbürgermeister der Landeshauptstadt München, Hans-Jochen Vogel, die festliche Versammlung, nachdem der unvergessene Professor Alfred Marchionini eine kurze Einleitung gesprochen hatte. Frau Hildegard Hamm-Brücher erläuterte darauf Sinn und Ziel des Preises; ihre Ansprache ist hier etwas gekürzt wiedergegeben. Den Festvortrag hielt Herr Professor Ludwig Rasier. Danach übergab Herr Ernst Ludwig Heuss die Preise; die Geehrten dankten mit wenigen Worten. Herr Professor Carl Friedrich von Weizsäcker beendete die Feierstunde mit dem hier wiedergegebenen Schlußwort. Von mancher Seite wurde an den Vorstand des Theodor-Heuss-Preises e. V. die Anregung herangetragen, die würdige Feierstunde durch die Drucklegung der wichtigen Ansprachen festzuhalten. Dem wurde um so lieber gefolgt, als eine solche Publikation zu helfen versprach, für die Idee des Preises in weiten Kreisen zu werben. Besonderer Dank gilt den Rednern, die ihre Manuskripte zum Druck überließen und dem Verlag, der schließlich ihre Veröffentlichung ermöglichte.

München, im September 1965
DER VORSTAND DES THEODOR-HEUSS-PREIS E.V.

Hildegard Hamm-Brücher
Zur Stiftung des Theodor-Heuss-Preises
Die Idee des Theodor-Heuss-Preises entstand aus vier Realitäten: Aus Trauer, Dankbarkeit und Sorge - und nicht zu vergessen, einer guten Fee, die gerade zur rechten Zeit bemerkte, woran es für den irdischen Start einer Idee sonst noch fehlte: Nämlich ein wenig an Geld! Die Realität der Trauer um Theodor Heuss war und ist mehr als der persönliche Schmerz derer, die ihn kannten, bewunderten, verehrten und liebten: Sie ist eines der nicht allzu vielen positiven »Lebenszeichen« demokratischen Einverständnisses in unserem Land. Theodor Heuss hat Vertrauen erweckt für die Sache, die er vertrat. In seiner Person konnte sich unser Volk mit der Demokratie befreunden. In ihm wurden ungezählten Bürgern die Vorzüge und Möglichkeiten dieser so oft mißverstandenen und mißbrauchten Staatsform glaubwürdig. Man hört oft, daß dies ein »Glücksfall« gewesen sei für den dritten Anlauf (nach 1848 und 1918) zu einer demokratischen Staats- und Lebensordnung in Deutschland. Aber es ist doch mehr als nur ein »Glück«: Denn vorbildliche und ansteckend wirkende Demokraten, mustergültige Bundespräsidenten und verantwortungsfreudige Liberale fallen nicht vom Himmel - und schon gar nicht nach Deutschland -, sie reifen heran nach ungezählten bestandenen - bisweilen auch nicht bestandenen - äußeren und inneren Kämpfen; sie sind die Früchte eines langen und harten Trainings, der Selbstzucht, des Fleißes, der Geduld, des unbestechlichen Denkens und Handelns. Da bleibt dann am Ende für das zufällige Glück nicht mehr viel Raum. Mit dieser verdienten Art des Glücks hat Theodor Heuss sich selbst auszuzeichnen vermocht.
Da ist die zweite Realität: Unsere Dankbarkeit. Theodor Heuss hat sie mit einer an ihm sonst selten gewohnten beinahe preußischen Strenge die »Pflicht zum Guten« genannt. Kein Zweifel, damit hat er gerade in den Gefilden der Politik einen beschwerlichen Weg gewiesen, denn die »Pflicht zum Guten« ist ja keine ein für allemal feststehende Größe, die man einem Katalog entnehmen kann, meist ist sie nicht mehr als eine Korrekturmöglichkeit, die uns mehr als einmal unter den Händen zu einer »Pflicht zum kleineren Übel« zusammenschrumpft. Aber dennoch und gerade deshalb, weil dieses Dilemma vielleicht Heiligen und Kindern erspart bleibt - niemals aber Politikern -, bedeuten Theodor Heuss und das Vorbild seines Wirkens für die gedeihliche Weiterentwicklung einer der Freiheit und Menschlichkeit verpflichteten Demokratie so unendlich viel! Denn er hat diese »Pflicht zum Guten« nicht anderen vorgeschrieben und für sich selber, den Politiker, als unrealistisch ad acta gelegt, er hat sie allein dadurch erfüllt, daß er wieder und immer wieder für alle Augen sichtbar und für alle Ohren hörbar einen neuen Anlauf dazu wagte. Mit gutem Recht hat ihn deshalb der Schweizer Historiker und Weltbürger Carl J. Burckhardt einen der vollkommensten Demokraten unserer Zeit genannt und hinzugefügt, daß er die neue deutsche Demokratie erhöht habe, indem er ihre verpflichtenden Regeln bis zum letzten ernst nahm. Das war es auch, was ihn so »glaubwürdig« machte, so ungebrochen, so ganz und gar aus einem Guß. Was er dachte, sagte er, und was er sagte, das tat er. Ist das nicht Anlaß genug zur Dankbarkeit - zu tätiger Dankbarkeit? Vielleicht ist es hoffnungslos altmodisch, versuchen zu wollen, öffentlich dankbar zu sein. Dennoch wollen wir es bei der Verwirklichung des Theodor-Heuss-Preises versuchen. Vielleicht ist es möglich, daß trotz des in Blüte stehenden Pluralismus nicht jedes demokratische Zusammengehörigkeitsgefühl erstickt wird. Vielleicht gibt es außer dem Nebeneinander und Gegeneinander doch noch ein Miteinander zu entdecken.
Ganz leicht ist das nicht und so kommt es - wir wollen das nicht verschweigen -, daß nicht nur Trauer und Dankbarkeit, sondern auch Sorge bei der Gründung des Theodor-Heuss-Preises Pate standen. Sorge um die gleichen Dinge und Probleme, um die sich auch Theodor Heuss gesorgt hat: Um die liberale Demokratie als Lebensform, um den individuellen Mut - meist Zivilcourage genannt -, um Aussöhnung und Verständigung, um vernünftige Formen des Zusammenlebens, um die demokratische Bereitschaft junger Menschen. Ich möchte diese Sorge nicht in Form kritischer Anmerkungen oder Schwarzmalerei vortragen, sondern von der positiven Seite der Aufgabe her, wie wir sie uns mit und im Namen von Theodor Heuss gestellt haben. Wählen wir dafür ein Wort von ihm: »Was heißt Demokratie als Lebensform? Doch nur dies: Dem Menschen, gleichviel wer er sei und woher er komme, als Mensch zu begegnen!« - und ein andermal: »Unsere größte Aufgabe ist es, ein Menschentum freier Würde zu formen, vom Bürger zum Bürger, vom Volk zum anderen Volk!« Nun, wir wissen sehr wohl, daß Politik ein hartes Geschäft ist, bei dem es nicht zimperlich zugeht. Politik bedeutet Kampf um Macht, und auch demokratische Auseinandersetzungen werden weitgehend von Machtinteressen bestimmt und entschieden. Wir sind aber auch überzeugt, daß eine Demokratie, die sich allein auf das Recht der Macht stützt und ihre Kräfte im Kampf um Macht erschöpft, sehr bald am Ende ihrer Lebens- und Widerstandskraft sein wird. Wehe dieser Staatsform, wenn sie nur Techniker der Macht anziehen sollte, nicht aber die selbstlose Anteilnahme ihrer Bürger. Wehe, wenn sie nur Macht bändigt und aufteilt, nicht aber auch die Kräfte des Guten entfesselt. Wehe der Gemeinschaft, die kein anderes Bekenntnis mehr kennt als das der Lippen. Wir wollen die Saat nicht einfach verkümmern lassen, die Theodor Heuss uns mit seinem politischen Lebenswerk hinterlassen hat, und nach demokratischen Kräften Ausschau halten, die im Verborgenen blühen. Wohl sind wir noch nicht besonders reich an diesen Kräften, aber wir sind auch nicht so arm daran, wie man manchmal meint. Denn immerhin waren schon nach Bekanntgabe und Ausschreibung zur erstmaligen Verleihung des Theodor-Heuss-Preises unter den zahlreichen Vorschlägen und Einsendungen etwa zwanzig, die durchaus preiswürdig waren und in die engere Wahl gezogen werden konnten. Wir haben keine Mühe und keine Zeit gescheut, um nach bestem Wissen und Gewissen die Auswahl der Preisträger zu treffen, und dabei gab es Probleme. Zum Beispiel die Frage, ob der Theodor-Heuss-Preis für ein abgeschlossenes und überschaubares Lebenswerk verliehen werden soll oder aber für Beispiele und Leistungen, die noch unmittelbar etwas für unsere Gegenwart bewirken. Wir haben uns entschieden, daß der Preis und die Münzen denen gehören sollen, die noch mitten drin stehen im Engagement und einer Ermutigung für ihre weitere Arbeit bedürfen.
Nun zu unseren Preisträgern: Da sind die beiden jungen Menschen Peter Löser-Gutjahr und Heinrich Sievers. Wir haben ihre jahrelange Tätigkeit in der Schülermitverwaltung, in ihren Klassengemeinschaften, in ihrer politischen Aktivität auf Herz und Nieren geprüft, weil diese Ämter gelegentlich doch auch in die Hände von jungen Wichtigtuern und Schönrednern geraten. Gerade Theodor Heuss hat ja in seiner Rede »Jugend und Staat« sehr, sehr eindringlich vor der »leeren Betriebsamkeit« in jugendlichen Gemeinschaften gewarnt. Aber beide jungen Menschen haben sich ihren Aufgaben verschrieben, ohne dabei den Versuchungen jedes Amtes zu erliegen. Mögen Sie sich beides bewahren: Ihre jugendliche Tatkraft zu Gunsten der Gemeinschaft und ihre gerechte und freiheitliche Gesinnung, dann wird die Verleihung der Theodor-Heuss-Gedenkmünze nicht den Abschluß einer jugendlichen »Schwärmerei« bedeuten, sondern der Auftakt und die Ermutigung sein zu neuen Aufgaben und wachsenden Verantwortungen. Unsere Berchtesgadener Schule unter Leitung ihres Hauptlehrers Herrn Bannasch pflegt zusammen mit der dänischen Mittelschule in Aarhus, seit vielen Jahren schon, besonders lebendige Formen der Begegnung zwischen jungen Menschen beider Nationen. Das preiswürdige daran ist, daß der Austausch nicht - wie sonst oft üblich - von oben geliefert, organisiert, finanziert und abgewickelt wird, sondern von unten her, von den Kindern und Lehrern gestaltet wird. Das ist ein oft mühevoller Weg, der allen etwas abverlangt, der keine Anstrengungen scheut und manches Opfer auf sich nimmt. Vielleicht wissen unsere Berchtesgadener Freunde gar nicht, daß Theodor Heuss in seiner schönen Rede »Heimat, Vaterland und Welt« etwas gesagt hat, was genau das trifft, worum sie sich bemühen. Er sagte: »Darum handelt es sich für uns in der Beziehung der Völker, in der Beziehung der Gruppen, in der Beziehung des einzelnen, daß bei der Begegnung junger Menschen das Ich nicht verlorengehe, daß es die köstlichste Aufgabe der einzelnen Seelen ist, die sich ihrer sozialen Verantwortung zum Bruder bewußt bleibt.« Auch das Jugendrotkreuz in Roding unter Leitung des Oberlehrers Herrn Bayerl ist ein Jugendverband, der so recht nach dem Herzen und Geschmack von Theodor Heuss tätig ist. Was in dieser Jugendgruppe an kleinen und größeren Hilfsdiensten geleistet wird, all das ist wie es Theodor Heuss nannte - »ein Übungsfeld des Gemeinsinns«. Ob Ihr Jungen nun alten Menschen Freude bringt, ob Ihr Mitmenschen vor Gefahren schützen wollt oder ob Ihr Euer Taschengeld für Pakete in die Zone oder Katastrophengebiete vom Munde abspart - jeder Gemeinsinn muß sich zunächst einmal in kleineren Gemeinschaften bewähren und erproben, bevor er hinaus in die Weite und Breite zu wirken vermag. Alle vier Theodor-Heuss-Gedenkmünzen werden stellvertretend für viele andere ähnlich selbstlose Bemühungen vergeben. Sie gelten als Dank und Ermutigung für alle diejenigen, die freiwillig eine »Pflicht zum Guten« im weitgespannten Heuss'schen Sinne auf sich nehmen und durchhalten, auch für die Gruppen, die in diesem Jahr nicht oder noch nicht ausgezeichnet werden konnten. Die Wahl von Georg Picht zum Träger des Theodor-Heuss-Preises wäre ohne Theodor Heuss wahrscheinlich gar nicht akut geworden. Es ist nicht ohne Reiz, festzustellen, daß, wenn der Bundespräsident Theodor Heuss den weithin unbekannten Altphilologen Georg Picht nicht in den »Deutschen Ausschuß für das Erziehungs- und Bildungswesen« berufen hätte, er wohl kaum die Möglichkeit gehabt hätte, mit allen Problemen und Schwierigkeiten des Ausbaus unseres Schul- und Bildungswesens so vertraut zu werden, wie es zur Voraussetzung für seine eigentliche Aktion nötig war. Ein Satz am Rande über die Leistung des Deutschen Ausschusses für das Erziehungs- und Bildungswesen. Seine Geschichte wird erst noch geschrieben werden müssen, aber heute schon stehen wir bewundernd vor dem riesigen Arbeitspensum, das dort bewältigt wurde, vor dem Willen zur integrierten Vielfalt, vor der Sachtreue, mit der die lange Durststrecke nach dem Scheitern des »Rahmenplanes« durchstanden wurde und dem neuen Mut, der aus den beiden letzten Gutachten spricht. Georg Picht hat all das jahrelang bis zur Neige mit erlebt und erlitten, bevor er sich - sicher nicht leichten Herzens - zu seinem mit Risiken befrachteten Alleingang entschloß. Es gibt hervorragende bildungspolitische Denker und Generalstäbler in unserem Land - Helmut Becker, Friedrich Edding und Ralf Dahrendorf zum Beispiel -, Georg Picht hat ihre Arbeit ergänzt und vollendet, indem er in die offene Feldschlacht zog, jede, aber auch jede sichernde Rückendeckung hinter sich lassend - und wer so streitet, ist umstritten! Gewiß aber ist, daß wir nach jahrelangen unfruchtbaren und weltanschaulich verbissenen Diskussionen um Bildungsfragen nun durch und mit Georg Picht einen großen Schritt weitergekommen sind: Die deutsche Kulturpolitik muß endgültig Abschied nehmen von den Idealen und Organisationsformen des obrigkeitsstaatlich und ständisch geprägten 19. Jahrhunderts. Diese Erkenntnis - vor wenigen Jahren noch mit dem Odium radikaler Subversivität behaftet - ist, dank Georg Picht, Allgemeingut geworden. Die Aktion Sühnezeichen stellt die Verbindung zu einer der unvergeßlichsten Leistungen von Theodor Heuss her: zu seinem Bekenntnis zur sühnenden Versöhnung.
Theodor Heuss hat selber seine beiden Reden »Das Mahnmal« und »Vom Recht zum Widerstand« als die wichtigsten seiner Amtszeit bezeichnet. Auch für uns sind sie ein Vermächtnis, denn sie weisen den Weg und Ausweg aus jener drückenden Verstrickung zwischen kollektiver Schuld, Scham und Verantwortung. Wir brauchen seine Gedanken und Worte nur nachzuvollziehen, um zu begreifen, daß durch das Opfer der Männer und Frauen des Widerstandes eine Bewältigung der Vergangenheit möglich und durch Taten wie die der »Aktion Sühnezeichen« glaubwürdig werden kann. Beides - das Opfer und die Sühne - geschah und geschieht stellvertretend für uns alle. Möge es angenommen werden von Gott und den Menschen. So ist es mehr als ein Symbol, daß im Jahr der 20. Wiederkehr des Kriegsendes die »Aktion Sühnezeichen« den ersten Theodor-Heuss-Preis erhält. Es ist ein Bekenntnis, wie es Theodor Heuss wohl gerade zu diesem Zeitpunkt neuerlich abgelegt hätte.
Max Weber, der Freund und Vertraute Friedrich Naumanns, der wiederum zum großen Lehrmeister für Theodor Heuss wurde, Max Weber hat einmal die scharf pointierte Unterscheidung getroffen zwischen den Politikern, die von der Politik leben und jenen, die für sie leben. Kein Zweifel, wohin Theodor Heuss gehört, - und mehr noch, ich möchte die Unterscheidung abwandeln und sagen: Theodor Heuss war ein Politiker, der für die Demokratie lebte und niemals von ihr! Der Preis, der seinen Namen trägt, gebührt denen, die ihm auf diesem Wege folgen. Mögen es - zum Segen unserer Kinder und unseres Volkes - viele sein!

Ludwig Raiser
Vom rechten Gebrauch der Freiheit
Als der Parlamentarische Rat vor 15 Jahren unter sehr maßgeblicher Beteiligung von Theodor Heuss daran ging, das Grundgesetz für unser aus den Trümmern des Dritten Reiches neu zu formierendes politisches Gemeinwesen auszuarbeiten, einigten sich die in diesem Vorparlament vertretenen politischen Gruppen, wie es scheint ohne große Schwierigkeiten, darauf, daß der neuen Verfassung ein Grundrechtsteil mit starker Betonung der Freiheitsrechte des Bürgers gegenüber dem Staat voranzustellen sei. Für Heuss und seine politischen Freunde ging es dabei ohne Zweifel darum, der in der liberalen Tradition entwickelten Gesellschafts- und Staatslehre zu der Wirkung zu verhelfen, die ihr 1848 versagt geblieben war und die sie auch nach 1919 unter den unendlichen innen- und außenpolitischen Schwierigkeiten der Weimarer Republik nur schwach und zunehmend schwächer zu entfalten vermocht hatte, obwohl die von Hugo Preuß entworfene, in ihrem Grundrechtsteil noch von Friedrich Naumann mitgestaltete Verfassung der liberalen Tradition alle Ehre gemacht hatte. So mochte es den Liberalen von
1949 als eine besondere Gunst dieser geschichtlichen Stunde erscheinen, daß auch die von anderen Traditionen bestimmten politischen Gruppen einer so eindrucksvollen Phalanx von Freiheitsrechten im Eingang der neuen Verfassung zustimmten, weil sie damit am deutlichsten gemeinsam meinten ausdrücken zu können, was den neuen Staat von den vorausgegangenen Jahren einer totalitären Diktatur trennen sollte. In der Folge zeigte sich allerdings, daß die aus dem Willen zur Abkehr von der Epoche des Nationalsozialismus und zur Distanzierung von der Staats- und Gesellschaftslehre des Kommunismus gewonnene Basis des Einverständnisses zwischen den großen politischen Parteien der Bundesrepublik zu schmal war, um daraus Inhalt und Grenzen jener Freiheitsrechte sicher zu bestimmen. Es mag mit dieser Abwehrhaltung zusammenhängen, daß das Grundgesetz sich nicht mehr traute, wie die Weimarer Reichsverfassung unbefangen neben die Grundrechte die »Grundpflichten der Deutschen« zu stellen, und nur bei der Eigentumsgarantie die Formel von 191 9 wiederholte, daß »Eigentum verpflichtet«. Mißlicher ist für die in Gesetzgebung und Rechtsprechung zu vollziehende Anwendung des Grundgesetzes, daß dieses zwar bemüht war, die Freiheitsrechte so konkret zu umschreiben, daß sie unmittelbare Geltung beanspruchen können, aber von den sozialen Aufgaben eines modernen Industriestaates und ihrem Verhältnis zu den Freiheitsrechten schwieg und sich mit der halb versteckten Aussage begnügte, die Bundesrepublik verstehe sich als Sozialstaat. Der Versuch, das liberale Erbe mit den sozialen Forderungen der Zeit zu vereinigen, der für Heussens politischen Lehrmeister und Freund, Friedrich Naumann, zum Lebensinhalt geworden war, und auf den, gewissermaßen von der anderen Seite her, die deutsche Sozialdemokratie zugeht, ist im Grundgesetz nicht unternommen; es läßt das Freiheits- und das Sozialstaatspostulat unverbunden nebeneinanderstehen. Das Bundesverfassungsgericht und die oberen Bundesgerichte sind redlich darum bemüht, ihnen beiden gerecht zu werden, aber sie können die Spannung nicht lösen, die die Verfassung ungelöst gelassen hat. Handelte es sich bei diesen kritischen Überlegungen nur um die Sorgen der Juristen um eine in sich geschlossene, widerspruchsfreie Auslegung der Verfassung, so könnten die offenen Fragen, so wichtig sie an ihrem Ort sind, hier auf sich beruhen. Indessen geht es uns ja nicht nur um die beschlossene und geschriebene, sondern um die gelebte Verfassung, und das heißt auch um die Frage, welche Resonanz jene Postulate in unserem Volk und im politischen Alltag gefunden haben. Da aber zeigt sich, wie unsicher in Wahrheit die ideelle Grundlage ist, auf der man sich 194·9 in Bonn geeinigt hat. Populär sind die Freiheitsrechte durchaus geworden, aber doch in erster Linie als Freiheit von lästigem Zwang und staatlichem Eingriff in die private Sphäre, nicht oder nur schwach als Freiheit zu eigener Verantwortung. Populär ist auch das Sozialstaatspostulat, aber in erster Linie als Quelle von Ansprüchen auf staatliche Wohlfahrts- oder Versorgungsleistungen, nicht oder nur schwach als Aufforderung zum Dienst für das Ganze. Was in der Verfassung nicht zu einem einheitlichen Wertsystem verschmolzen wurde, klafft in unserem politischen Alltag also in einem offenen und für den Bestand des Staates gefährlichen Riß auseinander.
Denn wie kann eine so verstandene Freiheit vom Staat mit der Abhängigkeit dessen vereinbart werden, der staatliche Wohlfahrtsleistungen für sich beansprucht? Wie kann der Bürger, der nach dem Subventions- und Versorgungsstaat ruft, verhindern, daß der Apparat eines solchen Staates seine Selbständigkeit erdrückt? Wie kann ein politisches Gemeinwesen bestehen, dessen Glieder ihm weder gezwungen dienen noch freiwillig Opfer bringen wollen? Mancher wird diese Feststellung zu einseitig und vor allem zu summarisch finden, wird lieber von Randerscheinungen reden wollen, wie sie in einer großen Industriegesellschaft wohl unvermeidlich seien, zumal in der unseren, die vielleicht etwas zu rasch vom völligen Zusammenbruch zu äußerer Ordnung und materiellem Wohlstand zurückgefunden hat. Nun ist der Hinweis auf Licht und Schatten der besonderen geschichtlichen Situation Westdeutschlands seit 1945 sicher angebracht, um den Sachverhalt zu erklären, stellt diesen Sachverhalt aber nicht in Frage. Auch die Warnung vor vorschnellen Verallgemeinerungen wollen wir beherzigen, dürfen aber auch nicht darüber hinwegsehen, daß das geschilderte Verhalten nicht nur bei einzelnen, durch ein besonderes Schicksal zu Außenseitern der Gesellschaft gewordenen Personen oder Personengruppen vorkommt, auch nicht nur bei der alten, seit 1945 politisch verprellten oder nur bei der jungen, politisch noch unerfahrenen Generation, nicht nur bei Unternehmern oder nur bei Arbeitnehmern, nicht nur in den Redaktionsstuben unserer Illustrierten-Presse oder in Intellektuellen-Zirkeln : überall ist eine Denkweise verbreitet, die den Anspruch auf bindungslose Freiheit ebenso selbstverständlich erhebt wie den gleichzeitigen Anspruch auf ein möglichst großes Maß von staatlichen Leistungen zur Sicherung und Wohlfahrt des eigenen Daseins. Es wäre sicherlich verkehrt, wollte man die Hauptschuld an dieser Denk- und Handelsweise der vorhin beschriebenen Lücke in unserer geschriebenen Verfassung, also der im Grundgesetz ungelöst gebliebenen Spannung zwischen dem Freiheitspostulat und dem Sozialstaatspostulat zuschreiben. Viel eher tritt damit zutage, daß jene Lücke mehr ist als nur ein von geschickten Juristen leicht zu behebendes Versäumnis. Sie offenbart eine bis heute nicht behobene Verlegenheit gegenüber den geistigen und sittlichen Fundamenten unseres politischen Gemeinwesens. Das Recht kann durch seine Institutionen Freiheitsräume schaffen und ihren Gebrauch ermöglichen und stützen. Es kann auch den Versuchen eines offenen Mißbrauchs der Freiheit mit seinen Mitteln wehren, und es sollte von diesen Mitteln wohl da und dort noch kräftigeren Gebrauch machen, im Wirtschaftsrecht etwa oder im Presserecht. Aber es kann die Gesinnung, den Gemeinschaftsgeist und das Bewußtsein sittlicher Verantwortung für andere und für das Ganze nicht schaffen, die die Freiheit des Einzelnen zugleich legitimieren und binden oder begrenzen. Dieser Gemeinschaftsgeist ist jedoch bei uns nach der Überforderung durch den Nationalsozialismus und die Enttäuschung von 1945 zwar nicht erloschen, aber gewissermaßen zurückgekrochen in die vielen, je für sich ihre eigenen Ziele verfolgenden Gruppen. Die Folge dieses Pluralismus nicht nur der Geister, sondern der handfest ihre eigenen Ziele verfolgenden Gruppen ist einmal, daß die Meinungsfreiheit nicht rechtlich, aber faktisch überall da auf harten Widerstand stößt, wo sie den Kollektivinteressen einer dieser Gruppen in die Quere kommt. Die schlimmere Folge ist, daß der Staat in die Rolle des von der Menge bedrängten und je nachdem beklatschten oder ausgepfiffenen Schiedsrichters beim Fußballspiel gedrängt oder nur als Apparat für die Produktion möglichst großer und möglichst viele Gruppen befriedigender Staatsleistungen betrachtet wird. Dem so gesehenen und behandelten Staat gegenüber lassen sich auch Freiheitsanspruch und Wohlfahrtsanspruch ohne Schwierigkeit vereinigen, wenn man davon ausgeht, daß es die jeweils anderen Gruppen sind, die für Unterhalt und Wartung des Apparates aufzukommen haben. Es ist klar, daß ein auf diese Funktionen reduzierter Staat nur noch ein Zerrbild dessen wäre, was wir als eine Demokratie bezeichnen, wie sie die Männer und Frauen des Parlamentarischen Rates errichten und ordnen wollten. Denn diese Demokratie zieht ihre Lebenskraft aus der tätigen Überzeugung ihrer Bürger, daß sie nicht Nutznießer eines Apparates, sondern selbst die Glieder und mitverantwortlichen Träger des Gemeinwesens sind. Gewiß hatten die Gründer der Bundesrepublik recht mit ihrer Überzeugung, daß wahrer Bürgersinn sich nur in der politischen Freiheit entwickeln kann, und daß es darum für den Wechsel von der totalitären Diktatur zur Demokratie entscheidend darauf ankam, diese Freiheitsluft zu schaffen und rechtlich zu sichern. Aber vielleicht haben sie die Bau- und Bindekraft des Freiheitspostulats überschätzt in der optimistischen Erwartung, der freie Mensch werde von selbst in sich die Tugenden der Rücksicht auf andere, der Verantwortungsfreudigkeit, der Opferbereitschaft entwickeln, auf denen jedes Gemeinschaftsleben beruht und ohne die es zerfällt. Es ist dies in der Tat der großartige, geschichtlich eminent wirksam gewordene Optimismus der Aufklärungsphilosophie, von dem die großen westlichen Demokratien, vor allem die Vereinigten Staaten, mit all ihren politischen und gesellschaftlichen Institutionen zehren, und der in die Gesellschaftslehre sowohl des Liberalismus wie des Marxismus eingegangen ist. Wir wissen nicht, ob auch all denen, die vor 20 Jahren als christliche Politiker mitberieten, bei solchem Optimismus ganz wohl war, und ob die Parlamentarier bei ihrem Werk die Erinnerung an die Abgründe der menschlichen Natur ganz verscheuchen konnten, die sich uns allen in den Jahren vor 1945 aufgetan hatten. Indessen sei noch einmal gesagt, daß ich nicht das Verfassungswerk tadeln, sondern nur auf die Lücke aufmerksam machen will, die es lassen mußte, und auf die dahinter sichtbar werdende Schwäche in seinem sittlichen Fundament. Diese Schwäche wird durch die Gewährung und die Inanspruchnahme von Freiheitsrechten allein nicht behoben; ja, wir haben Grund zu fürchten, daß Freiheit allein, weil sie keine Maßstäbe für das Handeln setzt, auch dieses Fundament zerstören kann. Wer nicht blind ist für die gesellschaftlichen Vorgänge rings um uns her, im Verhältnis der Geschlechter und der Generationen zueinander ebenso wie in der Publizistik und im wirtschaftlichen und politischen Leben, der findet genügend Stofffür diese Befürchtung. Andererseits wird damit auch deutlich, daß das Heilmittel nicht allein und nicht in erster Linie darin bestehen kann, an der Freiheit herumzuschnipfeln und sie durch rechtliche Verbote einzuengen. Vielmehr müssen wir unsere Kraft daran wenden, an jenem Fundament zu bauen, auf dem eine freiheitliche Gesellschaft und ein freiheitlich verfaßter Staat beruhen. Nur von daher lassen sich Maßstäbe entwickeln, die dem Einzelnen sagen, wie er seine Freiheit recht gebraucht.
Das bedeutet nichts Geringeres, als daß wir die im Notjahr 1949 aus triftigen Gründen nicht zu Ende geführte, sondern vertagte und dann in Restauration und Wirtschaftswunder erlahmte Auseinandersetzung darüber wieder aufnehmen müssen, was unser deutsches Volk aus seiner reichen, aber schweren Geschichte, aus der Erkenntnis seiner heutigen und aus einer Vision seiner künftigen Aufgabe unter den anderen Völkern an kulturellen Gütern, an Werten und an Zielvorstellungen als gemeinsamen Besitz zu erhalten und der nächsten Generation zu tradieren wünscht, als einen Besitz, der jenseits oder unterhalb dessen liegt, was wir als Pluralismus der Gruppen und ihrer Ideologien in unserer Gesellschaft zu bezeichnen pflegen. Denn auch die Toleranz, mit der wir dem Anderen die Freiheit seiner Überzeugungen zugestehen und diese respektieren wollen, ist ethisch und politisch in einem zum Staat verfaßten Volk nur erträglich, wenn wir ausdrücklich oder stillschweigend davon ausgehen, daß es einen Fundus an gemeinsamen Überzeugungen gibt, der uns alle trägt und unsere je besondere Freiheit rechtfertigt.
Dieser Vorgang der Besinnung auf unsere gemeinsamen geistig-sittlichen Grundlagen ist mühsam und wird lange währen, auch weil wir uns dabei eines Tages in allem Ernst dem Beitrag werden stellen müssen, den der deutsche Volksteil in Mitteldeutschland dazu zu leisten hat. Schon heute aber kommt es darauf an, in der Erziehung der Jugend, aber nicht nur in der jungen Generation, die große, aber namenlose Schar derer zu ermutigen, die entschlossen sind, aus eigener Kraft mutig das Rechte zu tun, das vor ihnen liegt, und damit als Bürger dem Ganzen dienen. Dazu bedarf es der Vorbilder. Wenn ich den Zweck der Vereinigung, die uns heute hier zusammengerufen hat, richtig deute, so hat sie sich die Aufgabe gesetzt, unter dem Namen von Theodor Heuss, der selbst für viele ein solches Vorbild war, Männer und Frauen in unserem Volk zu ehren, die durch ihren besonderen, aus freiem Entschluß geleisteten Dienst wieder für andere zum Vorbild werden können. Durch Beschluß des Kuratoriums ist der Theodor-Heuss-Preis Georg Picht und der »Aktion Sühnezeichen« verliehen worden. So unterschiedlich diese Preisträger nach Art und Verdiensten sind, so haben sie doch zweierlei gemeinsam: Die durch die Tat erprobte Bereitschaft, ohne Rücksicht auf Vorurteile und Schwierigkeiten mit ihrem Dienst da für das Ganze einzutreten, wo andere verlegen schweigen, und die Quelle ihrer Kraft zu solchem Dienst in einem gelebten und bekannten evangelischen Christentum. Es ehrt die Liberalität des Kuratoriums, daß es damit diese Quelle nicht nur geistlicher, sondern politischer Kraft anzuerkennen bereit war; sie wird in der Tat nicht den einzigen, aber einen wesentlichen Beitrag zu jener Auseinandersetzung über die geistig-sittlichen Grundlagen unserer Gemeinsamkeit als Nation zu leisten haben. Von diesem Kraftquell her gewinnt auch die Freiheit als das Vermögen der im Gewissen gebundenen, vor Gott verantwortlichen Person ihren festen Ort, ihren starken Impuls und ihre Begrenzung, die ihr die blinde, selbstzerstörerische Wirkung nimmt. Es ist nicht mein Auftrag, den Gebrauch der so verstandenen Freiheit durch die beiden Preisträger im einzelnen zu schildern. Aber da ich sie beide durch Jahre hindurch freundschaftlich beobachten konnte, seien mir in Vorwegnahme der feierlichen Laudatio einige Worte zu ihrer Kennzeichnung gestattet. »Aktion Sühnezeichen« ist ein merkwürdiger Name für eine in unserer Wohlstandsgesellschaft merkwürdige Sache. Da ziehen Dienstgruppen von jungen Menschen, die dafür ihre Ausbildung oder eine einträgliche Berufsarbeit unterbrechen, in die Länder, die während des Krieges unter der deutschen Hybris zu leiden hatten, und machen sich dort mit redlicher Handwerksarbeit daran, Zerstörtes wieder aufzubauen, eine Schule, ein Gemeindehaus, eine Kirche, oder was immer dort in irgendeiner nicht nur äußerlich zerstörten, sondern auch innerlich verstörten kleinen oder großen Dorf- oder Stadtgemeinde nottut, um den Menschen ein Stück Vertrauen wiederzugeben, um ein Zeichen dafür aufzurichten, daß Menschen in unserem Volk die vergangene Untat bereuen und den Frieden mit denen suchen, die wir gekränkt haben. Also ein Tun, »den Juden ein Ärgernis und den Heiden eine Torheit«, oder, wie die Klugen unter uns sagen werden, wirtschaftlich höchst unrationell und politisch wertlos, wenn nicht anstößig, weil der These von einer deutschen Kollektivschuld immer neue Nahrung liefernd. Und dennoch für den, der überzeugt ist, daß Politik auch etwas mit Menschlichkeit und Nächstenliebe zu tun hat und daß gerade ihre Rationalität zugleich das Wagnis fordert, ein kühnes und großes, ein für uns alle beispielhaftes Unterfangen! Ich will von den vielen namenlosen jungen Menschen, die für diese Sache ein Jahr oder mehr ihres Lebens opfern, hier nicht sprechen, auch nicht von der Klugheit und Zähigkeit der Leiter, die bisher immer wieder alle politischen, organisatorischen und finanziellen Schwierigkeiten überwunden haben, auf die das Werk in Deutschland und in den fremden Ländern stößt, in denen es arbeiten will. Ich möchte nur den Namen eines Mannes nennen, aus dessen schöpferischer Phantasie und Tatkraft das Werk entstanden ist, und der heute nicht hier sein kann, weil er auf der anderen Seite des durch Deutschland gezogenen Stacheldrahtes lebt: Lothar Kreidig, ein Mann von ungewöhnlicher Lauterkeit, Herzenswärme und geistlicher Kraft, ein reiner Tor in den Augen der Welt, aber eben darum kein lauer Zauderer wie wir klugen Weltkinder allzumal, sondern ein Täter und Beweger. Ich war zugegen, als er vor einigen Jahren auf einer Synode der EKD in Berlin-Spandau zum ersten Mal mit wenigen Freunden aufstand und diesen Plan entwickelte. Ich hörte zu und zweifelte wie Thomas, während er anfing zu handeln. Und er hat recht behalten mit seinem Mut zur freien, ungeschützten Tat! Sie, lieber Georg Picht, sind von anderer Art; kein Wölkchen von Schwärmerei überschattet Ihre hohe und klare Geistigkeit, aber auch in Ihnen lebt der Mut, das Notwendige zu sagen und zu tun, gleich ob es Ihnen und der Welt, die es hört, bequem ist oder nicht. Daß Sie in Deutschland als kämpferischer Publizist auf dem Felde der Kulturpolitik bekannt geworden sind, müßte vielleicht gerade Ihre Freunde erstaunen, die wissen, daß Ihre Liebe den alten Sprachen und der durch sie zu erschließenden griechisch-römischen Hochkultur, und daß Ihre unersättliche, in allen Diskussionen durchbrechende Leidenschaft der Philosophie und unter allen Philosophen zuerst und zuletzt dem großen Platon gehört. Allein wer Platon als Lehrmeister nicht nur im Denken, sondern im Handeln erwählt und damit dem unter uns allzu lange umgegangenen, nur kontemplativ ästhetischen Humanismus abgesagt hat, und wer überdies der evangelischen Theologie nicht bloß Hilfen für eine verinnerlichte Frömmigkeit, sondern die Weisung zur Mitgestaltung dieser unserer Welt abgewonnen hat, der kann wohl nicht anders, als da in den Kampf eintreten, wo es offenkundig auf die eigene Sachkunde und die eigene Fähigkeit ankommt, einen öffentlichen Mißstand in aller Schärfe beim Namen zu nennen und Vorschläge zur Abhilfe zu entwickeln. Solchem Anruf folgend haben Sie gehandelt - schon vor Jahren, als der vom »Deutschen Ausschuß für das Erziehungs- und Bildungswesen« unter Ihrer Mitwirkung ausgearbeitete »Rahmenplan« für die Neuordnung unseres Schulwesens im Widerstand der Berufsverbände zu ersticken drohte, und jetzt wieder, als Sie im Alleingang dafür kämpften, den deutschen» Bildungsnotstand« ins öffentliche Bewußtsein zu heben und die Maßnahmen zur Abhilfe in den ersten Rang unserer gemeinsamen politischen Aufgaben zu rücken. Ich weiß, daß die Schärfe Ihres Angriffs manchen redlichen Kulturpolitiker in Regierung, Parlament und Verwaltung vergrämt hat, und ich weiß, daß Sie selbst darüber enttäuscht sind, wie zäh trotz allem auch in gutwilligen Händen sich die Wandlung zum Besseren vollzieht. Allein es ist wohl ein historisches Gesetz, daß Herausforderung und Antwort der beharrenden Kräfte aufeinanderprallen und daß dennoch beides nicht fehlen kann, wenn das Neue Gestalt gewinnen soll. Freuen wir uns also, daß Sie den Mut zur Herausforderung gefunden und bewiesen haben, und vertrauen wir darauf, daß die zunächst zögernde Antwort sich mehr und mehr zum klaren Ja formen wird! Vom rechten Gebrauch der Freiheit zu sprechen war mein Auftrag. Ich weiß ihn auch am Ende nicht besser zu erfüllen als durch den Hinweis auf die Vorbilder, die diese Vereinigung als Preisträger zu ehren beschlossen hat.

Carl Friedrich von Weizsäcker
Schlußwort
Ich möchte nun keine Rede mehr halten, sondern nur noch das angekündigte Schlußwort sprechen - Gedanken, die mir in den letzten fünf oder zehn Minuten einfielen, als die Träger des Preises zu uns sprachen. In dem, was mein Freund Georg Picht und Herr Müller-Gangloff gesagt haben, war der Ton herauszuhören: »Darf man einen solchen Preis überhaupt annehmen?« Wir, die wir hier zur Verteilung des Preises versammelt sind, verstehen diese zögernde Haltung. Das ist nicht nur Bescheidenheit, die wir bei einem Preisträger gerne sehen, sondern das Zögern bei der Entgegennahme gerade dieses Preises kennzeichnet die Gesinnung eines Menschen, der erfüllt ist von der brennenden Sorge um das, was in der Gegenwart geschieht und woraus die Zukunft entsteht. Wird jemand dafür, daß er sorgenvolles Bemühen um das Zeitgeschehen zeigt, eine Ehrung zuteil, dann wird er das nicht nur aus subjektiven Gründen unerträglich finden, und es ist für manchen unerträglich, im Rampenlicht zu stehen-, es mag auch objektiv gesehen eine Fragwürdigkeit sein, für etwas geehrt zu werden, was günstigenfalls erst morgen Erfolg haben kann. Es ist für jetzt und für die Zukunft eine große Schwierigkeit, daß die Vergangenheit, die wir erlebten und an der wir beteiligt waren, zu schwer auf dem Bewußtsein der meisten lastet, so daß sie als einzigen Beitrag zur Bewältigung Vergessen suchen. Es hat mir immer einen tiefen Eindruck gemacht, wenn meine Kinder mit der Bitte um Aufklärung über die jüngste Vergangenheit an mich herantraten. Sie zeigten drängendes Bemühen um genaue Kenntnisse - ja, sie gingen so weit, sich darüber zu beklagen, daß niemand sie genau unterrichte über jene Zeit. Wenn so etwas geschieht, dann haben wir, die wir als verantwortliche Generation angesprochen sind, nicht das Gefühl, bewußt zu schweigen: wenn wir auch der jüngeren Generation Bericht und Schilderungen geben wollen, so wirkt eben doch in uns ein hemmender Mechanismus, der uns schweigen macht. Man kann, was geschehen ist, nicht in vollem Umfang sühnen, man kann nur ein Sühnezeichen errichten: Wird die Vergangenheit nicht durch das Wort, sondern durch die Tat nach Maßgabe dessen, was für Menschen möglich ist, im Zeichen gesühnt, dann kann die Gegenwart die Vergangenheit so lebendig enthalten, daß daraus hoffnungsvolle Zukunft zu entstehen verspricht. Eine ungesühnte Vergangenheit macht eine lebendige Zukunft unmöglich. Was hat wiederum dies mit dem kulturpolitischen Einsatz eines Mannes zu tun, der sich, wenn es nach seinem Herzen ginge, im Wesentlichen mit der Philosophie und der damit eng verbundenen Theologie widmen würde? Vor kurzem habe ich eine Antwort darauf gefunden: Wenn das Erziehungswesen nicht die Wege beschreitet, die es beschreiten muß, damit das Bewußtsein der Menschen dem, was in Gegenwart und Zukunft auf sie trifft, gewachsen ist, dann ist zu befürchten, daß in dreißig Jahren wieder etwas geschieht, was eine »Aktion Sühnezeichen« nötig machen würde, wenn sie dann überhaupt noch möglich ist. So also sind Vergangenheit und Zukunft, Planung und Vorausschau miteinander verkettet. Ich sehe für den Preis eine Berechtigung darin, daß er hinweist auf etwas, was getan werden muß, ohne daß er etwas Vollendetes auszeichnet. Ich möchte noch ein Wort sagen an die Empfänger der Gedenkmünze, die ich vorher persönlich nicht gekannt habe. Worauf dabei aufmerksam gemacht werden soll, gilt nicht nur für Sie, die sich zu einer ungewöhnlichen, einmaligen Aktion zusammengefunden haben, sondern es gilt in gleichem Maße für jeden einzelnen. Man begegnete mir verschiedentlich in großer Ratlosigkeit mit der Frage, was denn der einzelne in dieser Welt ausrichten kann, wo die großen Entscheidungen des Weltgeschehens in ein paar Geschäftszimmern in Moskau, Washington oder London fallen. Es gibt Antworten darauf. So meine ich, daß keine großen Entscheidungen getroffen werden können, die nicht auf eine gewisse Resonanz bei den Millionen von Menschen treffen, die diese Entscheidungen unmittelbar angehen, deren Schicksal von diesen Entscheidungen abhängt und ohne deren vorbereitende und oft auch mitwirkende Teilnahme eine große Entscheidung niemals fällt. Jeder einzelne kann dazu beitragen, daß diese Entscheidungen im richtigen Bewußtsein geschehen, und zwar eher durch die Tat als durch das Wort. Und da gilt die Erfahrung, die jeder Mensch in seinem Leben macht: Der Mensch entdeckt mindestens einmal im Jahr in seiner Umwelt, daß etwas geändert werden muß und auch geändert werden kann; und zwar sieht er, daß die Änderung durch sein eigenes Handeln möglich wird. Geht man so auf die Suche nach Ansatzpunkten für seine persönliche Beteiligung am allgemeinen Geschehen, so findet man eine Überfülle an Möglichkeiten. Dieses Wissen um die Möglichkeiten zu verbreiten und zu den einfachen Taten zu ermutigen - das ist wohl in erster Linie auch der Sinn dieses Preises.

1965