Kolloquium anlässlich der 60. Theodor Heuss Preisverleihung
Freitag, 23. Mai 2025, Rathaus Stuttgart
Einführung Prof. Dr. Gesine Schwan, Vorsitzende des Kuratoriums der Theodor Heuss Stiftung
„Für Demokratie gewinnen! Europas Verantwortung für Menschenwürde und Frieden“
Als wir über das diesjährige Jahresthema nachdachten, kamen wir zunächst auf die Formulierung: „Für Demokratie begeistern“. Das ist ein Motto unserer Stiftung. „Begeistern“ schien uns aber dann zu weit weg von den Erfahrungen, die viele Menschen mit der Demokratie gegenwärtig machen. Dabei denken wir weniger an die, die sich in der Politik oder im Ehrenamt engagieren. Erfahrungsgemäß denken sie besser über die Demokratie als diejenigen, die sie aus der Distanz beobachten.
Dennoch, wir stehen doch alle zu sehr unter dem Damoklesschwert, dass die Demokratie weltweit labil wird, als dass wir aus dieser Bedrohung einfach in die Begeisterung für sie hinüberspringen könnten.
Aber viel hängt eben davon ab, wie und wo wir Demokratie erfahren. Wenn wir als Bürger mit dem Bedürfnis und auch dem Gefühl, informiert sein zu müssen, täglich die Zeitung lesen, fernsehen oder in den social media surfen, springt uns so viel Abstoßendes und Niederziehendes entgegen, dass wir die Zeitung lieber gleich weglegen. Dafür kann man sich nicht begeistern.
Für die Ziele und die Werte der Demokratie – namentlich für die Anerkennung der Würde des Menschen, nicht die Würde nur der Deutschen – und für die Menschenrechte aber wohl. Und wir können jeden Tag sehen, dass diese Würde nicht von autoritären, schon gar nicht von autokratischen Regierungen oder Regimen anerkannt und geschützt wird, sondern nur von Demokratien.
Sie steht jedenfalls in unserem Grundgesetz, aber auch direkt oder indirekt in anderen Verfassungen liberaler Demokratien. Real können viele Menschen allerdings auch in Demokratien ihr Leben nicht in Würde führen, weil ihnen die psychischen und materiellen Voraussetzungen dafür fehlen. Diese Defizite, vor allem die drastische Ungleichheit, die dem demokratischen Versprechen der gleichen Freiheitschancen widerspricht, sind krass, und hinter ihnen treten die dennoch vorhandenen klaren Vorteile der Demokratien als da sind: garantierte Grundrechte, die Gewissensfreiheit, die Rechtsicherheit (dank einer noch weitgehend funktionierenden Gewaltenteilung), die Garantien öffentlicher Meinungs-, der Vereinigung-, und Versammlungsfreiheit), relativ stabile Regierungen, vergleichsweise hoher Wohlstand und Sozialstaat – im Bewusstsein vieler Menschen in den Hintergrund.
Dass wir wegen dieser Vorteile handeln können, dass wir die Verhältnisse ändern können, vielleicht zunächst eher im Kleinen, im Lokalen, aber auch in größeren Zusammenhängen, bleibt eine große Chance! Denn dort, wo es keine einigermaßen gesicherte Freiheit gibt, sind die Menschen auf die Resignation reduziert, oder sie müssen ihr Leben oder ihre Freiheit riskieren, wenn sie kämpfen. Die aktuelle Türkei ist dafür ein abschreckendes Beispiel, und natürlich noch mehr Russland, China oder Belarus.
Immer wieder gibt es Zeitgenossen, die diese Freiheit weniger wichtig finden als materielle Güter, als Nahrung, garantierten Sozialstaat Gesundheitsdienst etc. Aber auch die kommen ja ohne verfassungsmäßige Freiheit nicht allen Menschen zugute, sondern geraten in das Räderwerk von Korruption und politischer Manipulation, wenn die politische Macht sich konzentriert und die verfassungsmäßige Freiheit sich infolgedessen in Privilegien für die verwandelt, die zu den Herrschenden gehören.
Neu im Vergleich zu den letzten achtzig Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg, ist die Erfahrung, dass immer mehr Bürgerinnen und Bürger aus demokratischen Staaten, auch deutsche ungeniert und offensiv die im Grundgesetz festgeschriebene gleiche Würde aller Menschen, die universellen Rechte und Freiheiten ablehnen und sie zu Ansprüchen allein für abstammungsmäßig definierte Mitglieder des eigenen Volkes einengen wollen. Das läuft auf die nationalsozialistische Volksgemeinschaft hinaus, die sich anmaßte, nach ihrem Gusto Menschen davon auszuschließen: Juden, Homosexuelle, Angehörige sogenannter fremder Rassen, was immer zu ihrem Weltbild gehörte.
Dabei sind wie früher Ressentiments aus dem Gefühl, zu kurz zu kommen, und das Bedürfnis nach Größe, die man für die eigene Person dieser Volksgemeinschaft entlehnen will, eine wichtige Triebfeder. Sie äußert sich dann in Gestalt von Anmaßung und Größenwahn und mündete historisch im vergangenen Jahrhundert in Krieg, Verbrechen und Katastrophen für alle, für Deutsche und Nicht-Deutsche, mit 65 Millionen Toten weltweit.
Die mutwillige Zerstörung der Leben und Freiheit schützenden demokratischen Institutionen unter autoritären und autokratischen Regierungen, die wir gerade mit Präsident Trump sogar in der vormaligen Vormacht der Demokratie erleben müssen und die jetzt mit der offenbar angestrebten Abschaffung der globalen Nachkriegsinstitutionen wie Weltbank, Weltwährungsfond, Weltgesundheitsorganisation, Welthandelsorganisation, globaler Hilfe gegen Armut und Krankheit eine Schneise der Verwüstung schlägt, zeigt ein neues Phänomen: Die Zerstörung geht nicht so sehr von den Autokratien aus, die Stabilität brauchen, sondern von einem amerikanischen Präsidenten und einer Schar geradezu Verschworener um ihn herum, die offenbar politisch, ökonomisch und nicht zuletzt kulturell alles wegräumen wollen, was einer Schimäre amerikanischer Größe, aber auch der Vormacht einer männlich-weiß dominierten Kultur angeblich entgegen steht, letztlich womöglich vor allem kommerziellen Interessen.
Und wo steht die Demokratie in diesem Sturm? In Australien hat sie gerade gegen Trump einen großen Wahlsieg errungen, in Kanada auch, aber in Europa ist sie erheblich gefährdet. In den lang anhaltenden Demokratien Westeuropas wächst in Wahlen die Zustimmung zu rechtsextremen Parteien, die kein Hehl daraus machen, dass sie die liberale repräsentative Demokratie systematisch zugunsten autokratischer, oft eben völkisch begründeter Herrschaft abschaffen wollen. Ob die langjährige demokratische Praxis und die unverkennbar damit einhergehende Entwicklung einer demokratischen politischen Kultur die Widerstandskräfte der Gesellschaft gegen eine autokratische, in Deutschland immer offensichtlicher völkische Regression zureichend gestärkt hat, um unsere Demokratie zu erhalten, ist ungewiss geworden.
In Mittel- und Osteuropa meldet sich die undemokratische Vergangenheit auch zurück. Postkommunistische Politik wandelt sich zum Teil in illiberale Strategien der Abschaffung von Gewaltenteilung, Rechtsstaatlichkeit und öffentlicher Freiheit, etwa indem die öffentlichen Medien unter Regierungskontrolle gestellt werden. Das wieder auf rechtsstaatliche Weise zugunsten der liberalen Demokratie rückgängig zu machen, ist schwierig, wie sich in Polen beobachten lässt.
Russland ist unter Putin zu einem quasi totalitären Regime zurückgekehrt, Chinas Machtkonzentration nimmt auch immer mehr diese Züge an. In Lateinamerika, Asien und Afrika ist die Situation der Demokratien sehr volatil. Weltweit nimmt die Zahl der Demokraten deutlich ab.
Welche Chance haben wir, in Europa die Demokratie zu erhalten und weiterzuentwickeln und unsere Verantwortung für Menschenwürde und Frieden wirksam wahrzunehmen?
Außenpolitisch bzw. im internationalen Kontext ist die völlig neue Situation nach dem Zweiten Weltkrieg, dass die USA unter Trump kein sicherer Hafen mehr für die Demokratie, für die internationale Zusammenarbeit und last noch least für den militärischen Schutz Europas vor einem aggressiven Putin-Russland sind. Deshalb konzentriert sich die öffentliche Diskussion seit längerem auf die Sicherheit Europas, vornehmlich, wenn auch nicht nur im militärischen Sinne. Das allein hat gravierende Konsequenzen. Weniger weil Europa in der konventionellen Rüstung Russland unterlegen wäre. Das ist offenbar nicht der Fall. Aber die eigentliche Abschreckung vor jeder Art von militärischer Aggression liegt beim atomaren Schutzschild. Ob der ohne die USA funktioniert, ist im Grunde eine Frage der psychologischen Einschätzung, wie ja überhaupt atomare Abschreckung im Wesentlichen auf psychologischen Kalküls beruht.
Neben den horrenden Rüstungskosten, die nun auf Europa wegen Putins Angriffskrieg gegen die Ukraine und der Sorge vor seinen imperialistischen Zielen auf uns zukommen und die eine Eigendynamik zu entwickeln drohen, wird die Frage, ob und wie gegebenenfalls eine eigene europäische Abschreckung mit Frankreich und Großbritannien im Zentrum erforderlich sein wird, uns weiter beschäftigen. Wahrscheinlich werden wir, um der europäischen Verantwortung für Frieden und Menschenwürde gerecht zu werden, nicht einfach auf eine pazifistische Position zurückgreifen können.
Aber bleibt dann nur Aufrüstung? Ist uns damit die schon seit langem diskutierte „soft Power“, für die Europa (und früher auch die USA) standen, durch Putins Krieg aus den Händen genommen? Der Begriff, den der Harvard Professor Joe Nye zu Beginn dieses Jahrtausends geprägt hat, wurde in der Folge weltweit diskutiert. Im Ursprung verwies Nye darauf, dass Staaten de facto nicht nur über militärische Drohungen oder wirtschaftliche Sanktionen (hard power) Einfluss nehmen, sondern auch durch kulturelle Attraktivität, verbindende Werte oder institutionelle Konstellationen, die den Gestaltungsraum prägen. Ob „soft“ sich dabei auf die „Weichheit“ der Mittel bezieht oder auf die Freiwilligkeit der Folgebereitschaft in ihrer Folge, ist in der Diskussion nicht immer klar. In der deutschen politisch-philosophischen Diskussion liegt „soft power“ wohl näher bei Hannah Arendt‘s Machtverständnis des gemeinsamen Handelns als bei Max Weber’s „Gegenmacht“.
Der Begriff „soft power“ hatte in der internationalen Politik Hochkonjunktur nach der Jahrtausendwende, als es so schien, als ob der Kalte Krieg durch ein Frieden stiftendes Institutionengefüge abgelöst werden könnte, das zwar nicht mit der liberalen Demokratie identisch, aber geistesverwandt ist im Hochhalten von Freiheit, Menschenwürde und friedlicher Konfliktlösung. Diese Hoffnung ist nicht nur mit Putins Angriffskrieg gegen die Ukraine, sondern auch mit der drastischen Zunahme militärischer Konflikte, insbesondere in Afrika und Asien, aber eben nun auch in Europa vielfach enttäuscht worden.
Die US-Regierung unter Trump setzt auf Erpressung durch ökonomische oder militärische Drohungen, innerstaatlich polarisieren sich weltweit viele bis dahin demokratische Gesellschaften und bringen Gewaltkonflikte hervor. Europa als politischer Akteur, sprich: die Europäische Union kann zwar auf großartige kulturelle Ressourcen zurückgreifen, aber ihre inneren nationalen Interessenkonflikte machen es ihr manifest schwer, mit einer Stimme zu sprechen. Immerhin hat sie es bisher fertiggebracht, in Bezug auf den Ukraine Krieg Völkerrecht, Menschenrechte, die Würde und Freiheit des Menschen mit Toleranz für Vielfalt gemeinsam hochzuhalten, mit den Ausnahmen Orban und des Slowaken Fico. Die in Europa vorherrschende, weitgehend gewaltfreie Lebensweise, sozialstaatliche Einrichtungen machen Europa und insbesondere Deutschland zu einem immer noch anziehenden Erdteil, was sich nicht zuletzt an Europas Attraktivität für Flüchtlinge und Migranten zeigt.
Das ist ein wichtiges Stichwort. Denn Soft Power wirkt nur, wenn sie inhaltlich attraktiv ist und wenn hinter ihr eine überzeugende ethische Autorität steht.
In Bezug auf die Arbeitsmigration ist diese in Deutschland allerdings oft nicht von Dauer. Nach einiger Zeit verlassen Arbeitsmigranten unse Land wieder, weil sie sich hier nicht respektiert fühlen. Und so möchte ich mit einigen Überlegungen zur Wirksamkeit europäischer Haltungen zugunsten von Frieden und Menschenwürde am Beispiel der europäischen Migrationspolitik schließen und zeigen, vor welcher Wegscheide wir in Europa stehen, wenn wir wirklich unsere Verantwortung für Frieden und Menschenwürde wahrnehmen wollen.
Denn der sog. Willkommenskultur wurde inzwischen regierungsöffentlich in den meisten europäischen Länder der Abschied gegeben. Obwohl in den letzten Jahren die Zahl der Migrant*innen in Deutschland deutlich zurückgegangen ist, erzielen rechtsextreme Parteien und z.T. eben auch konservative , ja sogar sozialdemokratische Parteien, z.B. in Dänemark mit dem aggressiven Schüren von Angst vor Migration von Mal zu Mal größere Wahlerfolge. Menschenfeindliche und demütigende Parolen und unwürdige Behandlungen sollen Ausländer abschrecken und zugleich die eigenen Mitbürger gewinnen. Es gibt klaren Protest und analytisch scharfsinnige Opposition gegen diese Unterminierung von Menschenwürde und Frieden, aber sie sind derzeit in der Minderheit.
Die EU kann daher ihre Soft power bei weitem nicht so wirksam einsetzen, wie das erforderlich wäre. In ihrer Migrationspolitik wirft man ihr zu Recht Heuchelei vor. Und das schadet nicht nur der Menschlichkeit, sondern auch ihrem Einfluss, insbesondere in den Herkunftsländern der Migration. Die spüren insbesondere in Afrika jeden Tag, wie eigenbezogen die europäischen Regierungen und die EU ihre Interessen durchsetzen wollen, wie heuchlerisch sie ihre Werte im Munde führen, wie kurzsichtig ihre Politik gegenüber dem globalen Süden ist. Sie überlässt damit den noch heuchlerischeren Putin und Xi Jinping das Feld. Und so geht die wichtigste Ressource – jenseits von militärischer und wirtschaftlicher Macht – die Vertrauensbildung verloren. Aus kurzsichtigem Schielen auf Wahlvorteile, das de facto immer die extreme Rechte stärkt, sägen sie unbeirrt am Ast der Solidarität mit wichtigen Ländern des globalen Südens, der sie tragen könnte. Menschen merken sich, wenn sie schlecht behandelt werden. Sie merken sich umgekehrt auch, und zwar langfristig, wenn sie solidarische Hilfe erfahren, wie die Polen die deutsche Hilfe unter dem Kriegsrecht in den achtziger Jahren des vorigen Jahrhunderts. Und dies trotz der historischen Belastungen. Man kann also umkehren und neu anfangen, wenn man wirklich will. Das müssen wir wollen!
Menschenwürde, Frieden und Demokratie haben nur eine Chance wenn wir Bürgerinnen und Bürger dafür erkennbar einstehen, wenn es sich nicht nur um hohle Phrasen handelt, sondern wir für die Würde als Grundwert von Frieden und Demokratie wirklich brennen und so die vielen Menschen in aller Welt gewinnen, die danach genauso verlangen wie wir.
Was also not tut, ist eine überzeugende politische Praxis im Dienste von Menschenrechten und Menschenwürde.