Theodor Heuss Stiftung

Ernst Ulrich von Weizsäcker

Ein Pionier der Nachhaltigkeit

Der Theodor Heuss Preis für das Jahr 2011
wird dem Politiker und Naturwissenschaftler

 

Ernst Ulrich von Weizsäcker

 

für sein außerordentliches, langjähriges und persönliches Engagement bei der Suche nach Lösungen für die globalen Umweltprobleme zuerkannt.

 

Als Verfasser zahlreicher wegweisender Beiträge zum Klimawandel und Umweltschutz hat sich Ernst Ulrich von Weizsäcker großes internationales Ansehen als Forscher und Experte erworben. Umwelt- bzw. Ressourcenschutz und wirtschaftlicher Wohlstand begreift er nicht als Gegenpole, sondern als langfristig voneinander abhängig. Über viele Jahre war Ernst Ulrich von Weizsäcker in unterschiedlichen, bedeutenden Einrichtungen tätig. Dabei hat er wichtige Aufgabenfelder angestoßen und grundlegende Strukturen geschaffen. Seine Expertise und sein Engagement brachte er unter anderem als Direktor des UNO-Zentrums für Wissenschaft und Technologie ein, als Mitbegründer und Leiter des angesehenen Wuppertaler Instituts für Klima, Umwelt und Energie sowie als Dekan der Bren School of Environmental Science and Management an der University of California. Politisch wirkte er als wissenschaftlicher Berater des damaligen UNO-Generalsekretärs Kofi Annan, als Vorsitzender der Enquetekommission Globalisierung sowie als Vorsitzender des Umweltausschusses im Deutschen Bundestag.

 

In seinem aktuellen Buch „Faktor 5" formuliert er das Ziel, die Ressourcenproduktivität innerhalb einer Generation mindestens um den Faktor 5 zu verbessern. Damit könnten die Menschen in den Entwicklungsländern ihren Wohlstand bei konstant bleibendem Ressourcenverbrauch vergrößern und die Industriestaaten eine Stabilisierung ihres Wohlstandes mit einem Bruchteil des derzeitigen Ressourcenverbrauchs erreichen. Beispielhaft für seine Ideen der politischen und gesellschaftlichen Umsetzung dieses Ziels sind ein weltweiter Handel mit Umweltlizenzen und eine ökologische Steuerreform. Umweltrelevante Inputgrößen sollten demnach in dem Ausmaß jährlich verteuert werden, wie Effizienzgewinne vorangekommen sind. Der Verbraucher muss folglich auch nur dann mehr für Energie ausgeben, wenn er mehr verbraucht als zuvor.

 

Ernst Ulrich von Weizsäcker ist ein Vordenker auf dem Feld des Ressourcen- und Umweltschutzes. Er führt uns unsere Verantwortung für die Lösung eines der dringlichsten Probleme des 21. Jahrhunderts vor Augen und zeigt Handlungsoptionen auf, mit denen die Herausforderungen angepackt werden können - und sollten. Dafür schulden wir ihm Dank und Anerkennung.

 

Stuttgart, den 9. April 2011

 

Dr. Ludwig Theodor Heuss
Vorsitzender des Vorstands

 

Prof. Dr. Jutta Limbach Vorsitzende des Kuratoriums

 

Campact e.V.

Ein Netz für demokratische Partizipation

 

Das Internet produziert nicht nur neue Formate der Information und der Kommunikation, sondern schafft auch ungewohnte Formen zur Mobilisierung einer demokratischen Öffentlichkeit. Und dies nicht nur als Selbstzweck, sondern um politische Prozesse nachdrücklich zu beeinflussen. Diese  Möglichkeiten nutzt die Internet-Plattform Campact e.V., indem sie auf diesem Wege die Bürger auffordert, auf aktuelle politische Entscheidungen einzuwirken.

 

Der Name signalisiert bereits die Arbeitsweise der Plattform: campaign & action. Daher sieht Campact seine Funktion darin, Kritik und Protest in der Bevölkerung zu sammeln und zu kanalisieren, um schließlich Druck auf die Entscheidungsträger auszuüben. Die Internet-Aktivitäten verbindet Campact zudem mit fantasievollen Aktionen in der Öffentlichkeit. Außerdem arbeitet der Verein, um seinen Positionen größeren Nachdruck zu verleihen, mit 30 anderen bürgerschaftlichen Organisationen zusammen, wie der Deutschen Umwelthilfe, NABU, Attac, Oxfam, LobbyControl und Transparancy International. Hier effektive Bündnisse einzugehen, gehört zu den Prinzipien von Campact.

 

Als parteiunabhängige Online-Plattform 2004 gegründet, fühlt sich Campact den Zielen einer sozial gerechten, ökologisch nachhaltigen und friedlichen Gesellschaft verpflichtet. Der Verein wendet sich vor allem an Menschen mit einem hohen Problembewusstsein und eröffnet ihnen durch die Kampagnen eine konkrete und kurzfristige Möglichkeit zur politischen Partizipation. Damit wirkt Campact dem weit verbreiteten Trend entgegen, vor allem innerhalb der jungen Generation, weniger ausdauernde Bindungen an die Parteien als Träger der politischen Willensbild einzugehen, aber dennoch demokratische Teilhabe praktizieren zu wollen. Über einen Newsletter sind bereits knapp 350.000 Bürger miteinander  verbunden, die Appelle und Petitionen unterzeichnen, Freunde und Bekannte informieren sowie Kampagnen durch Spenden und Förderbeiträge unterstützen.

 

Die Online-Aktivitäten ergänzt Campact mit anderen Beteiligungsformen. Dabei macht die Plattform immer wieder mit einfallsreichen Demonstrationen in der Öffentlichkeit auf sich aufmerksam. So wurde Bundeslandwirtschaftsministerin Ilse Aigner (CSU) mit einer „Count-Down-Uhr" gezeigt, wie viel Zeit ihr für ein Genmais-Verbot noch bleibt. Mit Transparancy International kämpfte der Verein erfolgreich für mehr Offenheit bei den Nebeneinkünften von Abgeordneten. Die Zukunft des Atomstroms ist ebenfalls ein lange verfolgtes Thema. So thematisierte Campact die ungelöste Atommüll-Problematik mit einer fingierten Suche nach einem Endlager und einen täuschend echtem Castor-Transport. Am AKW Biblis und AKW Krümmel  wollte Campact mit 25.000 Luftballons als „radioaktiver Wolke" die Risiken von Atomkraftwerken verständlich machen.

Förderverein für Öffentlichkeitsarbeit im Natur- und Umweltschutz (FÖN) e.V.

Auf Tour für Umwelt und Natur

 

Umweltschutz ist kein Selbstläufer, im Gegenteil: Er erfordert dauerhaft und intensiv Information und Aufklärung. Nur so kann das Interesse der Öffentlichkeit für den Schutz der natürlichen Lebensgrundlagen geweckt und abgestützt werden. Einer solchen Aufgabe widmet sich der Förderverein für Öffentlichkeitsarbeit im Natur- und Umweltschutz e.V. (FÖN). 1991 von Fernsehjournalisten und Filmproduzenten gegründet, koordiniert der Verein aus Potsdam die Kontakte von Fachleuten, Journalisten, Pädagogen, Schriftstellern und Künstlern bei der Bearbeitung von Ökologie-Themen. Gleichzeitig engagiert er sich in der Bildung und Erziehung im Bereich des Naturschutzes. Und ganz ungewöhnlich: Für Natur und Umwelt gehen die aktiven Vereinsmitglieder auf Tour durchs Land.

 

Denn ein Schwerpunkt der Initiative bildet die jährliche „ökofilmtour", ein Festival des Umwelt- und Naturfilms, das seit 2006 jeweils von Januar bis April durch die Städte und Dörfer Brandenburgs zieht. Mit 500 Veranstaltungen in über 70 Spielstätten hat sich die „ökofilmtour" inzwischen als ein eigenständiges und originelles Festival in Ostdeutschland etabliert. Dabei trifft es auf ein ansehnliches Publikum. Mehr als 10.000 Zuschauer besuchen die Veranstaltungen, darunter 6.000 Kinder und Jugendliche. Präsentiert werden Filme für alle Altersgruppen, die sowohl regionalen als auch globalen Bezug haben. Bei der Auswahl der  Beiträge besteht eine enge Zusammenarbeit mit den Helfern vor Ort.

 

Allerdings will die „ökofilmtour" mehr sein als nur Kino. Denn sie verbindet die Umweltfilme gezielt mit sozialen Kernfragen unserer Gesellschaft. Themen wie Klimawandel, Atomausstieg, Gesundheit, Konsum, Mobilität werden zusammen mit Globalisierung, Artenschutz, Biodiversität oder Gentechnik behandelt. Auch soziale Missstände, Fremdenfeindlichkeit, Rassismus und Gewalt werden reflektiert. Die Vereinsaktiven sind nämlich der Ansicht, dass das Medium Film besonders gut geeignet ist, die jeweiligen Wechselwirkungen deutlich und sichtbar zu machen. Darüber hinaus haben die Zuschauer nach den Vorstellungen die Möglichkeit, sich in Diskussionen mit Filmemachern, Wissenschaftlern, Umweltexperten und Politikern über die Thematiken auszutauschen.

 

Zudem können sie auf Wahlzetteln die Wirksamkeit der Filme bewerten. Außer der Ausrichtung der „ökofilmtour" erstellt FÖN auch eigene Filme zu Umwelt- und Naturschutzthemen. Ein Arbeitskreis „Literatur um Welt" vernetzt bundesweit zeitkritische und ökologisch tatkräftige Publizisten und Schriftsteller. Die Gruppierung organisiert Lesungen, Landschaftsexkursionen und Tagungen. Im Rahmen einer Veranstaltung von praktischem Naturschutz und künstlerischer Tätigkeit werden Jugendliche in einer Gruppe „Grafik, Malerei und Umweltpflege" zu einer kunstsinnigen Darstellung von Umwelt- und Naturschutzthemen aufgefordert, zugleich aber auch zu einem aktiven individuellen Schutz der Umgebung angeregt.

Wikiwoods.org

Eine Klima-Idee pflanzt sich fort

 

Die Idee ist nicht neu, aber für jeden Aktiven immer wieder eine bewegende, weil beglückende Handlung: mit den bloßen Händen ein kleines Apfelbäumchen in ein Pflanzloch zu drücken, mit Erde aufzufüllen und mittels Gießkanne am Ort quasi ergrünen und wachsen zu lassen.

 

Bedeutsam ist es nicht nur als individueller symbolischer Akt. Größere Pflanzaktionen sind nicht erst durch die Diskussionen um das Abholzen des tropischen Regenwaldes, die Aufforstungen von Wüstenregionen oder aufgrund der Debatte um das heimische Waldsterben immer wieder präsent und vielfach gefördert worden. Der Klimaschutz und Möglichkeiten, schädliche Emissionen wie Kohlendioxid zu binden, bringen immer mehr freiwillige Helfer zusammen, in ihrer Region, aber auch andernorts, neue Waldgebiete zu erschließen und bestehende Naturwälder zu hegen und pflegen. Sie haben sich über die Internet-Plattform „wikiwoods.org" vernetzt, und ihre Bewegung ist ansteckend für immer mehr Naturfreunde.

 

Nach dem Vorbild der Netz-Enzyklopädie Wikipedia organisiert Wikiwoods die Informationen und Diskussionen, die praktische Organisation sowie die ideelle und materielle Unterstützung für lokale Pflanzaktionen von Bäumen, besonders in den neuen Bundesländern. Einer der Berliner Initiatoren, der Ökologe Ingo Forst, hofft auf eine Kettenreaktion bei den Aktionen, national wie auch international: „Wir wollen den weltweit größten Wald pflanzen", sagt er. Im vierten Jahr seit der Gründung des Netzwerkes hat die Idee neuer „grüner Lungen" bereits hunderte von Unterstützern, Fachleuten und Freiwilligen, Spendern und Organisatoren zusammengebracht. Auf diese Weise konnten schon viele Brachflächen in Waldgebiete umgewandelt werden. Die Initiative schätzt, dass bislang mehr als 55.000 Bäume naturnahe Mischwälder bilden.

 

Wikiwoods ist kein Umweltverband oder Verein im klassischen Sinne. Wer für den Klimaschutz aktiv sein will, kann sich auf der Online-Plattform in die Mitpflanzerliste eintragen, Informationen hinzufügen, aber auch Texte ändern. Kommt eine Pflanz-Aktion in der Nähe zustande, werden die Interessenten per E-Mail informiert und eingeladen. So können sich Naturbegeisterte, Freizeitgärtner, Umweltschützer und Förster für eine konkrete Aktion zeitbegrenzt engagieren. Damit kein unkoordinierter Wildwuchs entsteht, arbeitet Wikiwoods mit lokalen und überregionalen Spezialisten zusammen, etwa vom „Naturschutz Bund Deutschland" oder Umweltstiftungen.

 

Der gepflanzte Wald soll nachhaltig als Naturschutzgebiet oder für die Allgemeinheit genutzt werden. Damit sich diese Idee weiter verbreitet und überall noch mehr Wurzeln schlagen kann, möchte die Theodor Heuss Stiftung das Netzwerk durch die Verleihung einer Medaille unterstützen.

Energie, Umwelt - Verantwortung vor der Welt

Kolloquium zum Jahresthema 2011

8. April 2011, Rathaus Stuttgart

 

Begrüßung

 

Ludwig Theodor Heuss, Vorsitzender der Theodor Heuss Stiftung

 

Meine sehr geehrten Damen und Herren,

ich freue mich, dass Sie trotz des wunderschönen Wetters und auch trotz aller Katastrophen, die uns in den letzten Zeiten einholen, doch so zahlreich hier zu diesem heutigen Kolloquium zusammengekommen sind. Ich freue mich und möchte Sie sehr herzlich begrüßen. Die Theodor Heuss Stiftung ist eine mittlerweile auch schon in die Jahre gekommene Stiftung, die bürgerliches Engagement und Zivilcourage unterstützt und begleitet. Und dieses Kolloquium am Vortag gibt uns immer einerseits die Möglichkeit, die Initiativen, die wir auszeichnen, kennen zu lernen, sich untereinander kennen zu lernen, miteinander zu sprechen und auch dann auf den morgigen Tag der Preisverleihung vorzubereiten.

 

In einer solchen Runde, wo sich viele kennen und andere auch nicht, darf ich vielleicht zwei, drei kurze Worte zur Stiftung sagen. Die Theodor Heuss Stiftung ist eigentlich auch so etwas wie eine Bürgerinitiative. Sie wurde im Jahr 1965 von Hildegard Hamm-Brücher und einem Kreis ehemaliger Freunde von Theodor Heuss nach seinem Tod gegründet. Er ist ja 1963 gestorben. Die Stiftung wurde als Verein gegründet und hat auch über die Jahre hinweg als Verein funktioniert, als ein lockerer Freundeskreis mit strenger Führung von Hildegard Hamm-Brücher, aber mit einer sehr schönen und sehr großen und langen Tradition.

 

Dass man Bürgerinitiative und Zivilcourage begleitet und unterstützt, ist ja mittlerweile zu einem Allgemeingut geworden. Es gibt viele andere Stiftungen, es gibt auch viele andere sehr viel potenziellere und mit sehr viel mehr Geld ausgestattete Stiftungen als unsere, aber wir haben doch in gewisser Hinsicht ein Privileg, dass wir zu einer der ältesten gehören und eine Tradition haben, auf die wir, glaube ich, auch mit Recht stolz sind und die wir gerne so weiterführen möchten.

 

Das führt auch dazu, dass sich eine Stiftung in ihren Gremien, in ihrem Zusammenhalt immer wieder neu verändert, auch neu definiert, den Zeiten und den Entwicklungen anpasst, auch wenn die lange Grundrichtung in sich gleich bleibt, nämlich Demokratie und Freiheit zu begleiten, in der Entwicklung, wie sie seit 1945 hier ihren Lauf genommen hat.

 

Aus Anlass des 125. Geburtstags von Theodor Heuss haben wir jetzt vor zwei Jahren dann diese Stiftung in eine wirkliche Stiftung umwandeln können. Mit einer ganzen Reihe von privaten Spenden und einer Spende des Landes Baden-Württemberg konnten wir einen bescheidenen kleinen Stiftungsstock aufbauen und wir hoffen, dass wir auch so im Sinne der Langfristigkeit, einer der wesentlichen Themen unserer Tagung hier, den Erhalt und das Weiterführen dieser Aufgabe sichern können, wir hoffen auch, dass die Stadt, die uns auch ein Versprechen gemacht hat, noch darauf zurückkommen wird. Immerhin dürfen wir jetzt heute hier im Rathaus sein, das ist ja auch schon eine schöne Angelegenheit.

 

So viel zu uns, zu unserer Stiftung. Ich freue mich darauf, wenn wir heute Abend im Theodor Heuss Haus, dem Wohnhaus meines Großvaters noch in geselliger Runde zusammen sein können und ich freue mich, dass wir heute Nachmittag bestimmt eine interessante, vielleicht auch gelegentlich heftige - häufig sind unsere Debatten durchaus kontradiktorisch, manchmal fliegen die Fetzen, aber so soll es sein - Diskussion haben werden, und ich denke, die Zivilgesellschaft und die Bürgerinitiativen, sind eigentlich das richtige Milieu, um in einer liberalen Form eine Auseinandersetzung zu pflegen.

 

In diesem Sinne freue ich mich auf den heutigen Nachmittag, und ich darf ganz kurz einige der Personen, die hier auf dem Podium sitzen, vorstellen.

 

Als Erstes wird Herr Friedemann Müller uns ins Jahresthema einführen. Herr Müller stammt aus Stuttgart, wie ich erfahren habe. Er war lange Zeit im Ausland tätig, einerseits in Moskau, in Kalifornien, dann als wissenschaftlicher Mitarbeiter im Planungsstab des Auswärtigen Amtes und hat zuletzt bei der Stiftung Wissenschaft und Politik während fast eines Jahrzehnts die Forschungsgruppe „Globale Fragen" geleitet und ist insofern Experte explizit im Bereich der Weltenergiepolitik. Wir sind sehr froh, einen so versierten Kenner der Materie zu haben, der uns in das Thema einführen wird. Es gibt auch eine Reihe persönlicher Bezüge, wie er mir vorher erzählt hat, die er zu Stuttgart und auch zu Theodor Heuss hat, auch zum Haus. Es ist immer schön, wenn sich solche Bezüge wieder zusätzlich ergeben.

 

Ich habe dann Herrn Werner Eckert neben mir. Er ist leitender Redaktor beim SWR der Redaktion Umwelt und Ernährung, und vorhin habe ich ihn mit einem Ohr zugehört: Wenn er gewusst hätte, was in Fukushima passiert, hätte er wahrscheinlich den heutigen Termin nicht wahrnehmen können. Zum Glück waren wir in der Vorbereitung so viel früher, dass es trotzdem geklappt hat. Gerade im Zusammenhang mit dieser heftigen und uns alle sehr berührenden Thematik sind wir froh, dass wir Sie heute dabei haben. Vielen Dank, dass Sie die Diskussionsleitung, die Moderation übernehmen werden.

 

Und dann Sven Giegold, Mitglied des Europäischen Parlaments herzlich willkommen. Herr Giegold wird morgen die Laudatio auf Ernst Ulrich von Weizsäcker halten. Wir sind froh, dass er heute schon bei uns dabei ist, dass er die Zusammenfassung des heutigen Tages übernehmen wird. Somit wird auch von Seiten der aktiven Politik und jemand, der eben auf europäischer Ebene explizit in der Thematik verwurzelt und verwoben ist, uns hier begleiten. Ganz herzlichen Dank Ihnen allen dreien, dass Sie heute hier an dieser Podiumsdiskussion teilnehmen.

 

Die Medaillenträger werden nachher von Herrn Eckert im Einzelnen vorgestellt, Herr Kolb ist noch unterwegs, wie ich mir habe sagen lassen, und darf ich Ihnen, Herr Müller, jetzt das Wort geben für das Einführungsreferat.

 

Vielen Dank.

 

Einführung ins Jahresthema

Friedemann Müller, Berater und ehem. Leiter der Forschungsgruppe „Globale Fragen",
Stiftung Wissenschaft und Politik

 

Herzlichen Dank, Herr Heuss, für die freundliche Begrüßung. Aus einem so freudigen Anlass wie der Theodor Heuss Preisverleihung über Energie und Umwelt - Verantwortung vor der Welt zu sprechen, ist zugleich ein Vergnügen und eine Last. Das Vergnügen erklärt sich einfach, denn ich darf die künftigen Träger der Theodor Heuss Medaille adressieren, die sich ja diesen Preis eben dadurch verdient haben, dass sie gesellschaftliche Verantwortung in ihren Organisationen wahrnehmen und personifizieren. Das häufig zitierte Diktum des früheren Verfassungsrichters Ernst-Wolfgang Böckenförde: „Der freiheitliche säkularisierte Staat lebt von Voraussetzungen, die er selbst nicht garantieren kann" spielt ja darauf an, dass gesellschaftliche Gruppen, wie die Preisträger, Verantwortung übernehmen, ohne deren Wahrnehmung die Gesellschaft nicht funktionsfähig wäre. Längst vor Böckenförde hat Theodor Heuss in einer Rede vor 60 Jahren in Stuttgart, genau am 17. Mai 1951, dies so ausgedrückt: „Es ist immer so, dass auch die Demokratie, die allen das gleiche Recht und die gleiche Chance gibt, dankbar sein muss für die, die einen aktiven Willen formen". Diese Gruppen, die dies tun, kommen in der Verfassung aus gutem Grund nicht vor. Sie sind nichtstaatliche Akteure und agieren dabei häufig auch kontrollierend oder korrigierend zu staatlichem Tun. Mit dieser wichtigen Voraussetzung erfüllen sie das, was für die Existenz des Staates unabdingbar ist; und dass ihnen mit dieser Preisverleihung durch eine nichtstaatliche Institution diese Tätigkeit zugeschrieben wird, das ist eine hohe Ehre.

 

Heißt dies also, dass hier und heute über Verantwortung zu reden Eulen nach Athen tragen bedeutet? Unser Thema heißt ja: „Energie und Umwelt - Verantwortung vor der Welt". Darauf möchte ich den Schwerpunkt legen, und das ist mir eher eine Last.

 

Als Wissenschaftler steht mir die Rolle des Hofnarren zu, der nicht nur gegenüber den Königen, sondern auch - wie man auf Neudeutsch sagt - gegenüber den Stakeholder, also den an dem Thema Interessierten Ärgerliches sagen darf. Ich möchte Sie zum Nachdenken gerade auch über Ihr verantwortliches Handeln bewegen, möchte Fragen stellen und Nachdenken anhand zweier Beispiele auslösen, eines gewählt aus dem Bereich Energie, eines aus dem Bereich Umwelt.

 

Zum ersten Beispiel: Verfolgt man in Deutschland die öffentliche Debatte über Energieversorgung, könnte man glauben, der Energiemix besteht nur aus Kernenergie und erneuerbarer Energie. Dieser Eindruck gilt sowohl für die nichtstaatliche Debatte wie für den staatlichen Diskurs. Letzterer hat sich etwa in dem vor sechs Monaten verabschiedeten und schon wieder zur Revision freigegebenen Energiekonzept der Bundesregierung niedergeschlagen. Zusammen aber nehmen die beiden Energieträger, Kernenergie und Erneuerbare, weltweit 19 Prozent, in Deutschland 20 Prozent, in China gerade mal 8 Prozent an der Energieversorgung ein. Bei Öl, Kohle und Erdgas, deren Produktion derzeit zusammen 81 Prozent der Energieversorgung zufällt, gibt es wesentlich mehr Todesopfer als bei Kernenergie, über 5000 allein in Chinas Kohlenminen Jahr für Jahr. Nigeria, der nach Einwohnern größte Staat Afrikas, dessen Öl vorwiegend nach Europa und USA geliefert wird, leidet für jeden erkennbar an dem Ressourcenfluch mit vielen Toten jährlich bei Pipeline-Explosionen, durch schwache Staatlichkeit wegen des Kampfes um Öl, der mit Waffengewalt von Warlords geführt wird. Und es gibt eine permanente Umweltkatastrophe im Nigerdelta. In Sudan und vielen anderen Staaten zeichnen sich gewaltsame Verteilungskonflikte um Ölproduktionsstätten ab. Wir hier zu Gast im Stuttgarter Rathaus mögen vielleicht sagen, dass wir viel lieber Fahrrad oder mit öffentlichen Verkehrsmitteln fahren, aber das ändert nichts daran, dass auch das Biogemüse mit dem Lastwagen zum Markt gefahren wird und dass der Fair-Trade-Kaffee aus Lateinamerika mit ölgetriebenen Schiffen hier herkommt.

 

Wir wünschen uns durchaus ein funktionierendes Gesellschaftswesen mit Güter- und Personentransport, die für ein funktionierendes Gesundheits-, Bildungs- und Sozialsystem unabdingbar sind, und wir wollen auch ein wenig individuelle Mobilität. 94 Prozent des globalen Transports sind ölgetrieben. Das müsste nicht sein, doch das Problem verschärft sich. China und Indien möchten bis 2035 ihren Kraftfahrzeugbestand mehr als verzehnfachen und erreichen damit noch nicht die Dichte an Kraftfahrzeugen, die wir heute haben. Eine Studie des Bundesverteidigungsministeriums, die jetzt im Februar freigegeben wurde, spricht vom Peak Oil, also dem nahen globalen Produktionshöhepunkt und daraus folgend gewaltsamen Verteilungskonflikten, auf die sich die deutsche Sicherheitspolitik einstellen muss. Wir dürfen froh sein, wenn das mittelalterliche Regime in Saudi-Arabien seine verbraucherfreundliche Politik, nämlich das Angebot immer an Schwankungen der Nachfrage anzupassen, beibehält. Wir leben davon, dass die OPEC-Staaten funktionieren, wie sie funktionieren.

 

Es gibt fundierte Konzepte weg vom Öl. Das Energiekonzept der Bundesregierung gehört nicht dazu. Warum gibt es keine der Anti-Kernkraft-Bewegung vergleichbare Bemühung, auf die deutsche und europäische Politik Einfluss zu nehmen, eine Weg-vom-Öl-Politik umzusetzen? Manche mögen argumentieren: Wir können nicht alles tun, jetzt ist erst mal die Kernkraft dran. Ich fürchte, dass dies eine sehr auf die eigenen Interessen, auf potenzielle Opfer in Deutschland, gekehrte Argumentation ist, während jedes Jahr tausende Opfer, die für unsere Energieversorgung erbracht werden, zu beklagen sind. Die Wahrnehmung einer Verantwortung vor der Welt - so der Titel des heutigen Kolloquiums - findet hier höchst selektiv statt.

 

Mein zweites Beispiel Klimapolitik: Zum einen gibt es kein internationales Problem, das so eindeutig, so global ist wie das Klimaproblem, zum andern gibt es eine seit über 20 Jahren genau dokumentierte Geschichte einer internationalen Klimapolitik, an der auch nichtstaatliche Umweltorganisationen einen erheblichen Anteil haben. Dies lässt recht präzise empirische Angaben zu.

 

Ich nenne drei: Erstens, die globalen CO2-Emissionen sind in den 90er-Jahren im Jahresdurchschnitt um 0,9 Prozent angestiegen. In dem folgenden Jahrzehnt, dem soeben zu Ende gegangenen Jahrzehnt zwischen 2000 und 2010 sind diese Emissionen um 2,5 Prozent im Jahresdurchschnitt gestiegen, also fast dem Dreifachen, und dies, obwohl das Kyoto-Protokoll von 1997 eine Wende zum Absenken der globalen Emissionen bringen sollte.

 

Zweitens, die Verpflichtungen des Kyoto-Protokolls, nämlich ein Absenken der Treibhausgasemission der Industrieländer, also nicht global, sondern nur der Industrieländer um ca. 5 Prozent bis 2012 werden durchaus erfüllt werden. Auch wenn nicht jedes einzelne Land der Industrieländer seine Auflagen erfüllt, so tun es die Industrieländer als Ganzes sehr wohl durch ausgleichende Maßnahmen anderer Länder. Der Grund für diesen Widerspruch, dass also einerseits die Emissionen, die globalen Emissionen schneller steigen als in den 90er-Jahren, andererseits die Kyoto-Verpflichtungen erfüllt werden, liegt daran, dass inzwischen die Schwellenländer, insbesondere in Asien, ganz besonders China, nunmehr nachholen, was die Industrieländer im 20. Jahrhundert vorgemacht haben. In zehn Jahren emittiert China zusätzlich mehr CO2 als die EU insgesamt in absoluter Menge emittiert.

 

Das kleine Problem einer globalen Klimapolitik liegt also darin, dass wir unsere eigenen Emissionen weiter absenken müssen. Das müssen wir in der Tat. Das große Problem aber liegt darin, dass wir die Entwicklungs- und Schwellenländer dazu bringen müssen, nicht unseren Entwicklungspfad nachzuahmen, sondern einen anderen zu beschreiten. Dazu gibt es eine Expertendebatte, an der die wichtigsten internationalen Wissenschaftler beteiligt sind, die aber bei den nichtstaatlichen Organisationen, die sich um Klimaschutz kümmern, praktisch nicht angekommen ist. Eine Organisation zu gründen, die besagt, jeder Einzelne von uns kann und muss einen Beitrag zum Klimaschutz leisten, ist wichtig, aber was wir jetzt dringender brauchen, ist eine, die sagt: Wir müssen einen Konsens erstreiten, eine politische Initiative entwickeln und viel Geld investieren, dass Chinesen und Inder einen anderen Entwicklungspfad einschlagen als den unsrigen des 20. Jahrhunderts.

 

Nun wird vielfach argumentiert, dass wir, die verantwortlichen Bürger, eben das tun, was in unserem eigenen gesellschaftlichen Horizont möglich ist. Für die internationalen Verhandlungen sind die Politiker verantwortlich. Dies reflektiert aber kein zureichendes Demokratieverständnis. Politiker sind die Ausführenden des gesellschaftlichen Willens. Meine Erfahrung aus zwei Jahrzehnten Politikberatung im Bereich Klimapolitik besagt - und das ist mein dritter empirischer Befund - Politiker sind viel näher an der Umsetzung des Volkswillens dran, als wir gemeinhin annehmen. Dies gilt gerade auch für problematische Willensbekundungen. Wenn Sie einen Bundestagsabgeordneten fragen, ob er für aktive Klimapolitik ist, dann kommt ganz sicher ein Ja. Wenn Sie ihn fragen, ob er selbst etwas dazu getan hat, dann kommt natürlich ein Beispiel aus dem eigenen Wahlkreis. Und wenn dann die nächste Frage ist: Aber wir haben doch hier ein globales Problem, das braucht doch eine globale Lösung, dann kommt wieder ganz einheitlich, egal welche Partei: Ja, aber man muss im Wahlkreis anfangen. Und das reflektiert als Spiegel unserer Gesellschaft, leider nicht den Weg zur Lösung. Und die Wahrnehmung einer Verantwortung der Welt ist es auch nicht. Die Entwicklung der letzten beiden Jahrzehnte haben dies hinreichend dokumentiert. Wir müssen endlich über diese Anfänge im Wahlkreis hinauswachsen.

 

Meine Damen und Herren, liebe Preisträger,

 

es ist natürlich besser, man tut etwas, als man tut nichts. Die hier Anwesenden tun etwas. Wenn es aber um die Verantwortung der Welt geht, dann muss die Frage erlaubt sein: Wie wirkt das, was wir tun, vor der Welt? Und die Antwort kann nur heißen: Wir, die wir uns mit Fragen der Verantwortung vor der Welt im Bereich Umwelt und Energie befassen, müssen uns dringend eine Kurskorrektur auferlegen. Wir dürfen uns nicht einfach innerhalb unseres eigenen Horizonts befassen und glauben, dass dies auf die Welt ausstrahlt. Wir in Deutschland emittieren pro Kopf 20 Prozent mehr als der EU-Durchschnitt, doppelt so viel wie Chinesen, sieben Mal so viel wie Inder. Wir können denen nicht sagen: Macht es wie wir, sondern wir müssen ihnen eine Option anbieten, es anders zu machen. Wenn uns das nicht gelingt, nehmen wir unsere Verantwortung vor der Welt nicht hinreichend wahr.

 

Halten Sie mich nun für einen Spielverderber? So sehe ich mich ganz und gar nicht. Wir können die Probleme des globalen Klimaproblems und der Energieversorgung lösen. Es kostet uns weniger Geld, als wenn wir die beiden Probleme nicht lösen. Dazu hat Nicolas Stern, der frühere Weltbank-Chefökonom, eine fundamentale Studie vorgelegt. Diejenigen, die sich mit dem Problem befassen, müssen die Führung übernehmen, deshalb appelliere ich an Sie. Und meistens wird denen, die schon ohnehin was tun, noch Zusätzliches aufgebürdet. Setzen Sie sich mit der Frage auseinander, wie die Welt als Ganzes, insbesondere die Länder, die sich in einer stürmischen nachholenden Entwicklung befinden, auf einen anderen Entwicklungspfad gelenkt werden können. Es gibt dazu eine Debatte unter Experten, jüngst in einem gemeinsamen Artikel von dem erwähnten Nicolas Stern und dem Chefökonom der Internationalen Energieagentur, Fatih Birol, publiziert am 9. März unter dem Titel „Urgent steps to stop the climate door closing". Aber diese Debatte strahlt nicht aus, weil der Zeitgeist sich bevorzugt dem Kleinteiligen zuwendet. Das Problem wird aber nicht in Wahlkreisen gelöst. Wenn ganz Deutschland alle Treibhausgase auf null fahren würde, wäre diese Reduktion in 20 Monaten allein durch das derzeitige Wachstum chinesischer CO2-Emission wieder ausgeglichen. Damit müssen wir uns befassen. Wir haben nicht mehr viel Zeit.

 

Wir leben in einer repräsentativen Demokratie, in der verantwortliche Bürger auf ihre politischen Repräsentanten Einfluss nehmen. Wie das geht, haben wir in den letzten Wochen und Monaten gesehen, in Stuttgart muss man dies nicht erklären.

 

Theodor Heuss hat in der bereits eingangs zitierten Stuttgarter Rede gesagt: „Mit Politik kann man keine Kultur machen, vielleicht kann man mit Kultur Politik machen." Wir brauchen eine Kultur der Willensbekundung, die in verantwortlicher Weise den Repräsentanten bedeutet, was wir wollen, und nicht nur, was wir nicht wollen. Wir wollen eine Lösung des Klimaproblems, nicht nur das Gefühl, dass wir selbst einen kleinen, oft nur symbolischen Beitrag leisten, und wir wollen eine Energieversorgung, bei der in der Versorgungskette nicht Tod und Zerstörung eingebaut sind. Ich appelliere an Sie, sich dieser Verantwortung zu stellen, und bedanke mich, dass Sie mir zugehört haben.

 

Diskussionsrunde 1
Meine Verantwortung vor der Welt

 

Werner Eckert, Leiter der SWR Redaktion „Umwelt und Ernährung"

 

Ganz herzlichen Dank, Herr Müller, für diese Einführungsworte, die, glaube ich, viel Stoff in sich geborgen haben. Ich bin dem Thema Klimaschutz und Klima auch emotional eng verbunden, weil ich, glaube ich, jetzt seit 14 Jahren alle Klimakonferenzen dieser Welt, also die großen internationalen für die ARD verfolge, für den ARD-Hörfunk, insofern auch eine gewisse Zeit meines Lebens an dieses Thema gehängt habe. Wir werden das Thema in zwei Etappen diskutieren. Wir haben, wie ich finde, sehr klug angelegt, zwei Diskussionsrunden, von denen die erste, in die wir jetzt gleich einsteigen, die persönliche Verantwortung vor der Welt zum Thema hat. Meine Verantwortung vor der Welt, wir diskutieren das entlang des ökologischen Fußabdrucks und mit der Frage, inwieweit wir, jeder einzelne, Einfluss auf die Dinge haben. Das wird eine spannende Diskussion, denn Herr Müller hat da eine klare Vorlage in seinem Schluss-Statement gegeben. Und wir werden eine Diskussionsrunde zwei haben, in der wir auf vieles von dem, was Herr Müller sonst über den Klimaschutz und die Klimaschutzverhandlungen gesagt hat, sicher zurückkehren können, nämlich unsere Verantwortung vor der Welt. Das thematisiert natürlich auch die politischen Implikationen, die Bundespolitik, die internationale Politik und das Verhältnis einzelner Politikfelder zueinander.

 

Wir haben jeweils Impulsreferate von drei der Preisträger des Theodor Heuss Preises, die etwa fünf Minuten lang sein sollen. Da wir hier keine Podiumsdiskussion veranstalten, werden wir direkt in die offene Diskussion gehen.

 

In dieser ersten Gesprächsrunde begrüße ich jetzt Ernst-Alfred Müller, der für die ökofilmtour hier ist, einer der Mitbegründer oder eigentlich der Begründer der ökofilmtour, Regisseur von Hause aus. Und das ist eine der spannendsten Institutionen, die man hier im Südwesten nicht so gut kennt, weil sie ganz, im Osten, in Brandenburg ist. Sie haben aber eine ganz starke Beziehung, wie wir alle wissen, zu diesem Land, denn es ist, wenn man so will, auch eine Fortführung des Freiburger Öko-Filmfestivals 2006. Sie ist aus diesem mehr oder minder hervorgegangen. Diese Filme gehen jetzt nach Brandenburg und werden dort, und das ist das Neue und Spannende, in fast 70 Kommunen gezeigt, und zwar auch wirklich in Brandenburg, im Sand sozusagen. Eine Initiative, die Umweltfilme zu den Menschen bringt, und nicht nur eine erlauchte Schar von Umweltbewegten in ein Kino zerrt. Das zu dieser Initiative und zu Ernst-Alfred Müller.

 

Martin Schmid sitzt neben mir, der ebenfalls eine solche Graswurzel-Initiative mitgegründet hat, ausgehend von einem ganz individualistischen Ansatz nach dem Motto: Wenn ich sonst nichts tun kann, ja fast im Anschluss an Luther, dann pflanze ich noch ein Apfelbäumchen. Also wenn ich die Welt auch nicht politisch retten kann, so mag es helfen, dass ich einen Baum setze. Das kann meine Reaktion sein. WikiWoods gibt sich nicht nur modern, sondern ist es auch vom Konzept her; ist eine internet-gestützte Kampagne, in der sich Menschen organisieren, Menschen wie Martin Schmid, die dann Bäumchen pflanzen und sagen: Damit machen wir die Welt ein bisschen besser. Martin Schmid ist bei uns, und Felix Kolb wird es gleich sein. Felix Kolb ist Politikwissenschaftler und hat sich mit den politischen Auswirkungen sozialer Bewegungen befasst, war am Aufbau von Attac als Pressesprecher beteiligt, hat ihn begleitet und mitgestaltet und ist heute bei Campact, ebenfalls eine internetgestützt Gruppe, die Kampagne und Action, Aktivität zusammenbringt und versucht, die typisch modernen Formen von Organisationen in die Umweltszene hineinzutragen und die Umweltszene an diese modernen Formen heranzuführen. Also eine ebenfalls Menschen mobilisierende Aktivität.

 

Ich würde jetzt bitten, dass Herr Müller von der ökofilmtour beginnt.

Impulsreferat Ernst-Alfred Müller, Projektleiter, ökofilmtour, FÖN e.V.

 

Ja, guten Tag. Ich denke, dass es ganz gut war, dass wir die Veranstalter überredet haben, einen kleinen Film zu zeigen.

 

(Filmvorführung)

 

Also nicht, dass Sie denken, wir sind ein Kinderfilmfestival, das war aber so eine kleine Provokation, die wir uns ausgedacht haben, um einen Trailer für unser Festival zu haben. Es gibt viele Naturfilmfestivals in Deutschland, und die haben immer im Vorspann Tiere, jetzt ist das nicht unsere Absicht, deshalb Kinder zu nehmen, sondern unser Festival ist ja in den sechs Jahren nicht nur gewachsen, sondern hat von Anfang an auch Kinder und Jugendliche im Blick gehabt. Mehr als 50 Prozent unseres Publikums sind Kinder und Jugendliche. Die können sich gar nicht wehren, wenn die Lehrer sagen: Wir gehen jetzt zur ökofilmtour. Auf die anderen Zuschauer müssen wir warten und hoffen, dass die Filme jedes Mal so gut sind, dass auch sehr viele Leute kommen. Aber auch das hat sich im Laufe der Zeit durchgesetzt.

 

Ich will mal ganz kurz vorstellen, wer noch von dem Festival da ist: Das ist Dr. Jutta Schölzel, die Geschäftsführerin des Fördervereins für Öffentlichkeitsarbeit im Natur- und Umweltschutz Potsdam, und Uta Greschner, Filmemacherin, Fernsehjournalistin und Mitbegründerin dieses Vereins, den wir vor genau 20 Jahren gegründet haben. Wir sind Fernsehjournalisten des damaligen DDR-Fernsehens, das in der Wende ein kritisches Umweltmagazin gegründet hat. Mehrere Journalisten haben - das ist eine lange und auch eine sehr dramatische Geschichte - von der damaligen Fernsehleitung verlangt, dass das, was in der DDR nie möglich war, Sache wird, und haben somit in der Wendezeit einen sehr großen Radius an kritischen eigenen Filmen zeigen und produzieren können. Sie haben Menschen erreicht, die uns in all den Jahren geschrieben haben, die uns auch über die Jahre in vielerlei Hinsicht verbunden geblieben sind. Sie haben es vorhin erwähnt, hier in Freiburg im Breisgau gab es das Internationale Filmfestival Ökomedia, das damals, als wir das erste Mal hier waren, schon so auf der Halbzeit war, also es waren schon mehr als zehn Jahre, die dieses Festival auf dem Buckel hatte, bis 2003 waren es dann 20 Jahre, und 2004 fand das letzte Festival statt, also das 21.

 

Wir hatten schon in den 90er-Jahren, weil das für unsere Bürger im Land Brandenburg, aber auch in Berlin und in anderen Bundesländern wichtige Themen waren, die Preisträgerfilme und andere wichtige Themen, die in Freiburg gezeigt wurden, Jahr für Jahr zu uns geholt und mit den Zuschauern diskutiert. Und da man das natürlich nicht alleine machen kann, dass man in einen Ort fährt, ein Plakat hin hängt und sagt: Leute kommt mal, wir wollen diskutieren, haben wir sozusagen ein Netzwerk geschaffen, das sich in den Jahren entwickelt hatte. Es waren also 2005/2006 21 Orte, die von uns besucht wurden, und das war immer in der Sauer-Gurken-Zeit, also so in der kalten Jahreszeit, wo in kleineren Ortschaften des Landes Brandenburg - Sie sagten im Sand - nicht allzu viel stattfindet. Es hatte den Erfolg, der auch mit der Technikentwicklung einherging, denn es gab plötzlich Beamer, es gab plötzlich kleinere Abspielmöglichkeiten und 2005 konnten wir dann schon von allen Einreichern verlangen, dass die Filme auf DVD eingereicht werden. Mittlerweile ist es wirklich so, dass ein ganzes Kino in den Kofferraum eines Pkw passt, selbst die Leinwand hat dort einen Koffer und einen Platz und ist rasch aufgebaut. In dem ganzen Land Brandenburg gibt es noch rund gerechnet 20 Kinos, die da nutzbar wären, aber es gibt weite Bereiche, die völlig abgeschnitten sind. Nun denken Sie mal an die Verantwortung, einen aktiven Willen zu formen.

 

2005 hat die UNO eine Dekade ins Leben gerufen: „Bildung für nachhaltige Entwicklung". Und als eben hier in Freiburg der Verein wegen ausbleibender Fördermittel das Festival aufgeben musste, wollten wir, dass es fortbesteht. Ein Konzept, das Festival mit dieser UNO-Dekade „Bildung für nachhaltige Entwicklung" zu verbinden, war sehr schnell gemacht und führte auch dazu, dass wir finanzkräftige Partner fanden. Das war einmal das Umweltministerium im Land Brandenburg und die Stiftung Naturschutzfonds, aber auch hier heute anwesend, die Landeszentrale für politische Bildung, die uns im Übrigen auch dann noch unterstützt, wenn das Festival zu Ende ist. Wir sind das längste Filmfestival Deutschlands, so hat der RBB uns betitelt 2005, weil das Festival von Januar bis April Jahr für Jahr stattfindet.

 

Es kamen immer mehr Orte hinzu, und in diesen Orten Mitveranstalter, oft ehrenamtliche Leute, die filmbegeistert sind, die bestimmten Umweltvereinen angehören, die also von daher ein Sendungsbewusstsein haben, Fragen, die auf den Nägeln brennen, zu diskutieren.

 

Wir hatten noch ein ganz großes Glück, und das kam von Freiburg, das kam von den Leuten, die bis dahin die Ökomedia gemacht haben. Die haben uns geholfen, sofort Kontakt zu allen Filmemachern in Deutschland zu finden, die bis dato ihre Filme nach Freiburg schickten. Wenn die Filme synchronisiert sind, wenn die Filme deutsch untertitelt sind, nehmen wir sie natürlich auch aus anderen Ländern. So hat sich auch da unser Radius Jahr für Jahr erweitert. Wir haben pro Jahr 120 Einreichungen und zeigen rund gerechnet 40 Filme, die nominiert sind. Wir haben dann auch noch, was für die Filmemacher natürlich sehr wichtig ist, Unterstützer, die uns ein Preisgeld geben. Die Preisgelder für drei Auszeichnungen betragen 5.000 Euro und sollen nicht in Urlaubsreisen verwandt werden, sondern sollen wieder für die nächsten Filme zweckgebunden eingesetzt werden. Das ist die Stadt Potsdam, die uns jedes Jahr unterstützt, das ist die Stiftung Naturschutzfonds Brandenburg für den besten Naturfilm und das ist in den letzen zwei Jahren die Bundeszentrale für politische Bildung gewesen, die den besten Kinder- und Jugendfilm ebenfalls mit 5.000 Euro auszeichnete. So weit erst mal.

 

Eckert:
Herr Müller, ganz herzlichen Dank dafür. Ich weiß, das ist nicht nur das längste Filmfestival Deutschlands, sondern es ist auch das mit dem eigenartigsten Verhältnis Film zu Diskussion, weil die Diskussion in der Regel deutlich länger dauert, als der Film gedauert hat. Das zeichnet, glaube ich, das auch aus, das sollte man vielleicht an der Stelle noch dazu sagen.

 

Wir machen jetzt mit einem Impulsreferat von Martin Schmid von WikiWoods weiter.

Impulsreferat Martin Schmid, Wikiwoods.org

 

Vielen Dank, Herr Eckert, für die einleitenden Worte. Das Thema dieser Diskussionsrunde „Meine Verantwortung vor der Welt: der ökologische Fußabdruck" wurde bisher noch gar nicht angesprochen. Wir haben über Politik, Gesellschaft und diesen großen Rahmen geredet. Am Ende fängt es immer bei uns an, das Handeln, und ich erlaube mir, zunächst ein persönliches Bekenntnis zu meinem eigenen ökologischen Fußabdruck vorzutragen.

 

Es wurde ja anfangs gesagt, dass hier jemand sitzt, der sich ums Bäumepflanzen kümmert. Sie werden vielleicht denken, dass jemand, der in großem Stil Bäume pflanzt, sich über seinen persönlichen Fußabdruck eigentlich keine Gedanken mehr machen müsste, weil er ja durch das Pflanzen von Bäumen der Atmosphäre so viel CO2 entzieht, dass er mindestens überkompensiert werden müsste. Ich habe mir dennoch in Vorbereitung des heutigen Kolloquiums die Mühe gemacht, meinen ökologischen Fußabdruck zu berechnen. Ich hatte das bereits vor etwa fünf Jahren zum ersten Mal getan und damals konnte ich mir noch ruhigen Gewissens auf die Schulter klopfen, denn das Ergebnis lag circa bei der Hälfte des bundesdeutschen Durchschnittes. Nun war ich recht erschrocken, als ich feststellte, dass ich mittlerweile deutlich über zwei Erden liege. Also wenn alle Menschen auf der Welt so handeln würden wie ich, würden wir zwei Erden brauchen, um diesen Lebensstil aufrechtzuerhalten.

 

Was ist da passiert in dieser Zeit? Als ich erstmalig meinen ökologischen Fußabdruck berechnete, da war ich noch Student, bewohnte ein sehr bescheidenes Zimmer, beheizte den Kachelofen in diesem Zimmer mit Holz, was ich aus dem benachbarten Wald holte, fuhr mit dem Fahrrad umher und, ja, ich studierte, und mein Tun war noch nicht irgendwie in den ganzen Produktionsprozess dieser Gesellschaft eingebunden.

 

Nun bin ich in den Ernst des Lebens eingetreten, besitze berufsbedingt ein Auto, benutze es auch, und ich bin sogar im vergangenen Jahr zu einer Tagung geflogen, im Inland, wohlgemerkt. Vielleicht vergaß ich zu erwähnen, ich arbeite im Bereich Naturschutz und Forstwirtschaft. Forstwirtschaft, die Branche, die für sich reklamiert, vor 300 Jahren den Begriff Nachhaltigkeit zum ersten Mal geprägt zu haben. Ja, früher kochte ich ausschließlich selbst und das vegetarisch mit biologischen Zutaten aus regionaler Produktion. Das war damals in meinem studentischen Umfeld eigentlich schon nicht mehr diskussionswürdig. Nun esse ich in letzter Zeit öfter auswärts, übernachte in Hotels, die ja bekanntlich sehr ineffizient mit Ressourcen wirtschaften. Auch heute Abend bin ich in einem, ich denke, sehr angenehmen, komfortablen 4-Sterne-Hotel untergebracht, wie - so nehme ich an - die anderen Preisträger und Preisträgerinnen auch.

 

Schon meine Fahrt von Berlin hierher lässt meinen diesjährigen Fußabdruck sicher um mindestens eine Schuhgröße anwachsen. Der ICE, der mich hergebracht hat, der strahlt zwar, im Gegensatz zu den alten Dampfloks, im schönsten Weiß, wird aber immer noch überwiegend mit dreckiger Kohle angetrieben. Wäre ich mit meinen beiden Mitstreitern mit dem Auto gekommen, hätten wir in der Tat weniger CO2 in die Luft geblasen. Ja, behalten Sie das im Hinterkopf, wenn Sie das nächste Mal eine Bahnreise erwägen. Ab drei Personen schneidet der Pkw deutlich besser ab. Ernüchternd ist dabei, dass die Deutsche Bahn alles dafür tut, dass sich das auch in Zukunft nicht ändert, indem sie aktuell in neue Kohlekraftwerke investiert.

 

Sie sehen, wir stecken hier in einem Dilemma. Wir sind angetreten, aktiv die Gesellschaft zu gestalten. Wir, die wir hier sitzen, wir wollen es besser machen als die Generation vor uns, und uns gelingt es dabei nicht, unser Handeln mit unseren Ansprüchen in Einklang zu bringen. Unser ökologischer Fußabdruck, er zertrampelt den Acker, den wir mühsam zu bestellen versuchen. Ich kann das nur noch einmal betonen: Der ökologische Fußabdruck der Weltbevölkerung ist mittlerweile größer als die zur Verfügung stehende Fläche auf der Erde. Man mag sich vielleicht fragen, diese Frage erst mal ganz unvoreingenommen und naiv betrachtet, wie das überhaupt möglich ist? Die Fläche ist doch nur einmal da, wie können wir sie eigentlich mehrfach nutzen? Wie kann so ein System überhaupt funktionieren?

 

Hier lassen sich sicherlich viele Bereiche des menschlichen Wirtschaftens anführen, die dies über Nutzung deutlich machen, z. B. in der Landwirtschaft oder in den Fischereien, aber am deutlichsten wird das nicht-nachhaltige Wirtschaften an der zentralen Frage der Energie, die ja auch das Jahresthema des diesjährigen Theodor Heuss Preises ausmacht und richtig treffend erfasst: Energie, Umwelt - Verantwortung vor der Welt.

 

Unsere derzeitige Energieversorgung beruht zu großen Teilen auf dem Ökosystemleistungen zurückliegender und zukünftiger Zeiten. Das müssen wir im Hinterkopf behalten. Wir verbrauchen in einem Jahr so viel Öl, wie in fünf Millionen Jahren entstanden ist. Wir setzen in kürzester Zeit Treibhausgase frei, die weltweit zu einer lang anhaltenden Degradierung von landwirtschaftlich genutzten Flächen führen. Und die Nutzung der Kernenergie bringt Hinterlassenschaften hervor, die schon heute weite Gegenden unbewohnbar machen und auch in Zukunft noch für mehrere tausend Generationen nach uns strahlen.

 

Sie merken, nur so gelingt es uns, auf großem Fuß zu wirtschaften, so, als hätten wir nicht eine Erde, sondern derer zwei. Und es ist schon jetzt deutlich sichtbar, dass der von billiger Energie abhängige Wohlstand, den wir erreicht haben, nur von kurzer Dauer sein kann.

 

Ja, so weit, so schlecht, doch haben wir eigentlich Antworten auf diese drängenden Fragen? Die Leute, die hier sitzen, die haben sie, sie handeln danach. Damit Veränderungen passieren, müssen bekanntlich viele Leute an vielen Orten viele kleine Dinge tun. Uns als WikiWoods freut es, dass wir hier auch in Gesellschaft der Akteure der ökofilmtour sitzen. Die ökofilmtour hat mich in den vergangenen Jahren begleitet. Ich bin selbst Brandenburger und war wirklich froh, dass in den kleinsten Orten der brandenburgischen Provinz, dort, wo es keine Kinos mehr gibt, wie wir gehört haben, die Filme gelaufen sind. Und WikiWoods ist auch im märkischen Sand zuerst aktiv geworden, der märkische Sand, der Brandenburger Sand, der heute schon ein paar Mal erwähnt wurde. Ja, wir pflanzen Bäume.

 

Bäume pflanzen mit Freiwilligen, das ist das, was wir uns auf die Fahnen geschrieben haben. WikiWoods ist relativ jung, wir sind erst vor vier Jahren entstanden. Damals gelangten die Hiobsbotschaften des Weltklimarats an die breite Öffentlichkeit, damals 2007, und dieser drohenden Klimakatastrophe musste unbedingt eine positive Vision entgegengesetzt werden, um angesichts der Szenarien überhaupt handlungsfähig zu bleiben.

 

Am Vorbild von Wikipedia, wo sich Freiwillige an der größten Enzyklopädie der Welt beteiligen und daran arbeiten, verabreden sich auf der Plattform wikiwoods.org Freiwillige zum gemeinschaftlichen Pflanzen von Bäumen. Man vernetzt sich gewissermaßen online, um offline aktiv zu werden. Denn mit dem Pflanzen kann der Einzelne selbst erfahren, was es heißt, seinem persönlichen CO2-Ausstoß etwas entgegensetzen zu wollen. Wir haben mittlerweile schon über 40 Pflanzprojekte durchgeführt und damit hunderten Freiwilligen diese Erfahrung ermöglicht. Wir haben auch schon früh gemerkt, dass wir gar nicht so viele Bäume pflanzen können, wie wir bräuchten, um unsere enormen Emissionen zu kompensieren.

 

Wir haben das mal spaßeshalber durchgerechnet. Wollte jeder Bundesbürger die von ihm verantworteten Treibhausgasemissionen durch das Pflanzen von Bäumen ausgleichen, so wäre Deutschland bereits nach einem Jahr vollständig Wald. Das Problem ist, dass unsere Wirtschaftsweise eine weitere Störung verursacht, die ja nicht hier bei uns vor Ort stattfindet, sondern in anderen Gegenden der Welt.

 

Eckert:
Wollen wir es an dieser Stelle als Impuls stehen lassen? Ich glaube, das war auch ein guter Schlusssatz, das knüpfte an Herrn Müller an: Wenn wir alle kompensieren wollten, dann wäre Deutschland in einem Jahr voll Wald und dann wäre Schluss mit Bäume pflanzen. Herr Dr. Felix Kolb ist da, ich habe das schon gesagt, Politikwissenschaftler, Pressesprecher im Aufbau von Attac und hier bei uns für Campact, Kampagnen und Aktionen. Das klingt ein bisschen wie der Ursprung von Greenpeace, aber es ist ein bisschen anders. Dr. Kolb, bitte.

 

Impulsreferat Felix Kolb, Geschäftsführer Campact e.V.

 

Vielen Dank erst mal. Entschuldigen Sie bitte meine Verspätung. Leider ist die Deutsche Bahn auch ohne Tiefbahnhof in Stuttgart noch immer nicht so zuverlässig in Sachen Pünktlichkeit, da meine Reise leider gleich mit einer Stunde Verspätung begann. Erst mal freue ich mich, hier zu sein. Auf die Bitte, ein Impulsreferat zu halten zum Thema ökologischen Fußabdruck war ich erst mal schockiert, aber darüber erfreut, weil das ein Konzept ist, das mir zwar geläufig ist und ich mich jetzt alles andere als Experte bezeichnen wurde. Ich dachte, ich nutze das Ganze, um ein paar Gedanken vorzustellen, die ich vor vielen Jahren gemeinsam mit Sven Giegold erarbeitet habe, nämlich zum Thema: Wieso ändern Menschen eigentlich ihr Verhalten nicht? Wie kommt es, dass sich ganz offensichtlich die globale Bedrohung abzeichnet, zunimmt, und wir trotzdem in unserem Trott bleiben, nach Mallorca in Urlaub fliegen, schnell mal zu Aldi gehen und ein TetraPak mit Apfelsaft kaufen. Wie ist das zu erklären?

 

Es gibt ganz verschiedene Richtungen und Schulen, die uns da in der Umweltbewegung aufgefallen sind. Die aus meiner Sicht immer noch sehr dominierende Schule ist die einfache Erklärung: Die Leute wissen einfach nicht genug, und weil sie nicht genug wissen, handeln sie nicht entsprechend. Das ist aber eine These, die bei näherem Hinschauen sich in relativ vielen Bereichen als sehr zweifelhaft erweist. Wir brauchen uns nur das Thema Fliegen angucken. Wenn man guckt, wer fliegt, dann sind das Leute, die in der Regel überdurchschnittliches Einkommen, überdurchschnittliche Bildung haben, wo, denke ich, ziemlich offensichtlich ist, dass sie genau wissen, dass Fliegen nicht ökologisch korrekt ist, es aber trotzdem tun.

 

Ein anderes Beispiel ist, ich wohne in einem Haus, das ist relativ schlecht gedämmt. Ich weiß, dass das schlecht ist und ich wohne trotzdem in dem Haus und baue keine bessere Heizung ein, denn es gehört mir nicht. Ich wäre irgendwie vielleicht Idealist, aber nicht besonders vernünftig, wenn ich jetzt aus eigener Tasche dieses Haus dämmen würde.

 

Das sind Beispiele, die zeigen, Wissen ist sicherlich notwendig, aber es ist in keiner Weise hinreichend für ökologische Verhaltensänderung.

 

Ein weiterer Grund oder ein Thema, das auch schon lange in der Umweltbewegung existiert, ist, dass leider in vielen Bereichen sogar ökologisch nicht richtiges Verhalten belohnt wird. Da vielleicht das Beispiel, das Sie alle kennen: Wie viel Handys haben Sie zu Hause rumliegen? Die meisten von Ihnen wahrscheinlich mehr als eins. Alle zwei Jahre ist der Netzbetreiber so nett, ein weiteres Handy zu schenken. Wenn wir das aus eigener Tasche bezahlen müssten, denke ich, würden viele von uns noch den alten Nokia-Knochen in der Hand halten, der auch gute Dienste getan hat, aber nicht so schick ist und es nicht ermöglicht, ständig irgendwie die Twitter-Nachrichten zu verschicken. Das ist ein Beispiel, wo das Verhalten des Einzelnen verführt, sich ökologisch unkorrekt zu verhalten.

 

Ein weiteres Problem ist, und dem muss ich mich auch ein Stück weit schuldig bekennen, dass ich mich durchaus daran orientiere, was meine Freunde, Bekannten, was mein Umfeld macht. Ich erinnere mich noch, vor zehn Jahren, da war, um auf das Beispiel Fliegen zurückzukommen, Fliegen wirklich noch so ein richtiges Sakrileg. Wenn man das gemacht hat und das erzählte, dann musste man sich einige moralisierende Vorträge und Ähnliches anhören, und das war irgendwie richtig, man dachte: besser nicht. Mit dem Aufkommen der Billigflieger gab es dann die ersten, die dann gesagt haben: Na gut, ich fliege halt, weil mit der Bahn zu fahren, ist doppelt so teuer und dauert zu lang. Das wiederum hat dann auch bei mir zu dem Punkt geführt, und ich denke, wir alle, glaube ich, kennen die Überlegungen: Warum soll ich bitte schön denn weiterhin mit der Bahn fahren, mehr bezahlen, länger unterwegs sein, wo alle anderen in meinem Umfeld einfach dann doch zu Ryanair gehen, vielleicht noch bei Atmosphere die 20 Euro leisten und damit das Gewissen erleichtern. Aus meiner Sicht ist Umweltschutz so was wie ein Kollektivkultproblem, das heißt, wenn es klare Regeln gäbe, die innerdeutsche Flüge extrem verteuern würden, dann hätte das vermutlich deutlich mehr Effekt als immer neue Appelle daran, dass Fliegen ja unökologisch ist. Das heißt Umweltschutz kann auf einer individuellen Ebene gar nicht wirklich gelöst werden, weil mehr von den Menschen verlangt wird, als die meisten letztendlich bereit sind, zu tun.

 

Diese These ist noch relativ optimistisch, weil sie impliziert, wenn es denn für alle verbindliche Regeln gibt, ist es durchaus möglich, Menschen zu einer Verhaltensänderung zu bringen. Wir erinnern uns sicherlich alle noch an die Forderung der Grünen, fünf Euro, da waren es fünf D-Mark, glaube ich, als Benzinpreis. Das war eine Forderung, die aus ökologischer Sicht höchst vernünftig ist und ja auch alle gleichermaßen getroffen hätte. Trotzdem hat sie einen Entrüstungssturm ausgelöst. Und das bringt mich jetzt zum letzten Komplex, warum ich glaube, dass Menschen ihr ökologisches Verhalten nicht ändern. Umweltschutz ist ein Gerechtigkeitsproblem, denn unser ökologisches Fehlverhalten trifft nicht in erster Linie uns selbst, sondern zukünftige Generationen, trifft Menschen, die gar nicht an den Entscheidungen teilhaben können, die wir hier treffen, individuell und kollektiv. Das heißt, Umweltschutz ist auch ein ganz fundamentales Gerechtigkeitsproblem. Das, denke ich, ist das Traurigste daran, dass offensichtlich - niemand würde das vermutlich so zugeben, aber effektiv - vielen Menschen ihre eigene Selbstverwirklichung, ihr eigenes Konsumieren wichtiger ist als wirklich Verantwortung zu übernehmen für zukünftige Generationen und für Mensch und Natur auf dem ganzen Globus und nicht nur bei sich in unmittelbarem Umfeld. Vielen Dank.

 

Eckert:
Ganz herzlichen Dank für die kurzen, knackigen, knappen Worte, die, glaube ich, eher an Herrn Müller angeknüpft haben als an die anderen in dieser Runde. Wir haben zwei klare Grundhaltungen erlebt, eine, die sagt: Es mag ja sein, dass alles schwierig ist, aber wir können doch schon mal anfangen; und die andere, die sagt: Das ist gar nicht so einfach. Was nützt es, wenn einer anfängt und die anderen nicht mitziehen. Wir brauchen also etwas anderes. Ich glaube, das ist das Spannungsfeld, in dem wir an diesem Punkt stehen und zu dem ich die Diskussion gerne aufnehmen würde. Was ist eigentlich der ökologische Fußabdruck? Was sagt er? Ist er etwas, was uns wirklich weiterhilft, oder ist es nur ein Entschuldigungsinstrument nach dem Motto, so wie Herr Schmid sagte: Ich war mal gut oder ich bin gut, ich bin besser als der Durchschnitt. Vielleicht können wir mit einer solchen Leitfrage, in die Diskussion einsteigen. Sie können aber auch gerne Bezug nehmen auf das, was die Diskutanten hier gesagt haben.

 

Beatrice von Weizsäcker:
Ich habe eine Frage, die eigentlich alle betrifft, aber angeknüpft ist an das Referat von Ihnen, Herr Dr. Müller. Ich fand das sehr, sehr interessant, was Sie gesagt haben. Sie haben selber die Frage gestellt, jetzt stelle ich sie einfach zurück: Wie kommt es, dass wir eine so starke Anti-Atom-Bewegung haben, aber keine so starke Anti-Öl-Bewegung? Wir erinnern uns alle an die Bilder der Ölkatastrophe Deep Water Horizon. Das ist nicht lange her, und wenn wir dann auch noch erfahren, wie lange es braucht, dass dieses Öl, was wir in kürzester Zeit verbrauchen, entsteht, da wird es einem ja ganz anders. Es ist einem viel klarer beim Atom, weil wir die Debatte lange kennen, auch mit dem Endlager Gorleben. Es ist im Bewusstsein, dass man das eigentlich nie wieder los wird, auch wenn wir abstellen. Aber wie kommt es eigentlich, dass es keine so große Anti-Öl-Bewegung gibt, wo man es doch kaum aushält, wenn man die ölverschmierten Tiere im Meer sieht, wie die Fischer sozusagen ihre Arbeit verlieren, während man bei einer Atomkatastrophe ja viel weniger unmittelbar sieht?

 

F. Müller:
Ja, vielen Dank für den Denkanstoß. Ich habe keine fertige Antwort auf die Frage, aber es ist schon mein Eindruck, dass die Menschen hier in Deutschland glauben, dass für sie die Kernenergie eine unmittelbarere Bedrohung ist, für sie persönlich. Und dass das schon etwas anderes ist, wenn Menschen in Nigeria bei einer Explosion ums Leben kommen, weil sie versuchen einen Kanister voll Öl für sich zu gewinnen, um damit ihre Armut ein klein wenig zu überwinden, und das aber ein Spiel ist, das sich ständig wiederholt. Auch bei der Riesenkatastrophe im Golf von Mexiko ist doch sehr erstaunlich, wie schnell die Ermüdung bei der Berichterstattung einsetzt und wie schnell die Medien auf diese Ermüdung bei ihren Lesern oder Zuschauern reagieren und das Thema einfach absetzen. Ich glaube schon, dass es einfach darum geht, dass dieses unmittelbare Bedrohungsgefühl stärker ist, wenn wir wissen, dass das nächste Atomkraftwerk in unmittelbarer Nähe steht, während durch Ölproduktion oder -transport kaum jemand in Deutschland ums Leben gekommen ist oder in Aussicht steht, dass er ums Leben kommt. Aber es ist aus meiner Sicht umso bedenklicher, weil es doch zeigt, dass gerade diejenigen Menschen mit einem besonderen moralischen Impetus offensichtlich ihr eigenes Leben sehr viel höher einschätzen als das ferner Menschen.

 

Eckert:
Ich würde dem anderen Herrn Müller, Ernst-Alfred, an der Stelle ganz kurz das Wort geben, weil er als Filmemacher und Fernsehmensch vielleicht auch eine Antwort darauf haben kann.

 

E.-A. Müller:
Ich will einfach so antworten: Es gibt so eine Anti-Öl-Bewegung im Moment. Denken Sie an den Kraftstoff E10, und die Leute haben Angst um ihre Motoren.

 

Eckert:
Danke dafür. Ich dachte, Sie kommen mit dem Argument der Nähe, weil das immer auch eine Nachricht wert ist. Aber ich würde gerne noch mal zu diesem ökologischen Fußabdruck, zu dem individuellen zurückkehren, zu diesem Bemühen, der Umwelt etwas Gutes zu tun.

 

Monika Griefahn:
Natürlich hat das Öl etwas mit dem ökologischen Fußabdruck zu tun. Ich möchte gerne bei Herrn Kolb anknüpfen, der ja versucht hat, sich mit dem ökologischen Fußabdruck zu beschäftigen. Ich persönlich glaube, nachdem ich nun auch 35 Jahre mehr oder minder aktiv im Umweltschutz gewesen bin - in NGOs und der Politik - wir kommen mit der moralischen Kategorie nicht weiter. Ich glaube, die moralische Kategorie ist an ihre Grenzen gestoßen. Wir müssen einfach eine andere Kategorie finden. Wenn ich an diese Werbekampagne mit dem Slogan „Ich bin doch nicht blöd" denke, denke ich, wir müssen dieses Motto anders aufziehen und sagen : Wir sind doch nicht blöd, wir brauchen die Ressourcen, die wir im Moment verfeuern, die wir zu Müll machen, die Wälder, die wir abholzen, um Energie zu produzieren - Stichwort Palmölplantagen. Wir sind doch nicht blöd, lass uns doch einfach neu überlegen. Wie können wir eigentlich Dinge so machen, dass sie positiv sind für die Erde? Wie können wir uns als Menschen so verhalten, dass wir positiv für die Welt sind? Also im Moment habe ich immer den Eindruck, wir diskutieren diese moralische Kategorie in einer Ebene, so dass wir sagen: Ein Fußabdruck ist möglichst so zu gestalten, dass er möglichst nicht da ist, das heißt am besten ist der Mensch auch nicht da, weil er nur schadet.

 

Eckert:
Darf ich Sie was fragen? Es gibt ja auch diese Konsumentenbewegung, nicht nur die, die „Geiz ist geil" sagen, sondern auch die so genannten LOHAS, die auch versuchen, mit ihrem Konsumverhalten etwas zu bewirken. Das ist ja auch eine sehr individuelle Verhaltensweise. Was halten Sie davon?

 

Griefahn:
Also ich halte erst mal sehr viel davon, wenn die Nachfrage nach Produkten, die positiv für die Erde wirken, existiert. Das fängt an bei der Slow Food-Bewegung, ökologischer Landbau, möglichst viel in der Region zu produzieren, das ist ja erst mal was Positives. Aber ich glaube, wir müssen uns auch im Produktionsbereich um alle anderen Produkte kümmern. Als Beispiel: Jeder kauft ja mal einen Fernseher, auch von denen, die ökologisch hergestellte Lebensmittel kaufen. Dann muss man gucken, ist dieser Fernseher so hergestellt, dass die Materialien da drin wieder verwendbar sind, oder steht am Ende einfach nur Müll? Ist alles, was wir herstellen, so, dass es entweder in technische oder biologische Kreisläufe gehen kann, damit die Materialien nicht verloren gehen? Der Mensch ist die einzige Spezies, die überhaupt so etwas produziert wie Müll. Wenn wir Produkte anders designen, so, dass wir das Material wieder nutzen können, dann sind wir intelligenter, dann können wir auch etwas Positives für die Erde machen und müssen nicht ihr nicht ständig etwas entziehen. Landwirtschaft ist zum Beispiel ein sehr guter Ansatzpunkt. Wir haben im Moment 3000-mal mehr Bodenabbau, als wir Neugestaltung von Boden haben, also müssen wir doch überlegen: Wie können wir neuen Boden gestalten? Neuen Boden können wir gestalten, indem wir Dinge eben kompostierbar herstellen. Das machen wir aber im Moment nicht, im Moment exportieren wir zum Beispiel eine Müllverbrennungsanlage nach Shanghai und subventionieren das noch mit Exportförderung, und dann müssen die armen Leute in Shanghai noch drei Tonnen Öl pro Tag kaufen, damit überhaupt der Müll brennt, weil die vorwiegend kompostierbaren Müll haben. Da, denke ich, müssen wir ansetzen an dem Bewusstsein des Menschen: Ich bin doch nicht blöd, also den Ehrgeiz anstacheln, dass wir was Positives hinbekommen. Ich glaube, mit der moralischen Kategorie kommen wir nicht weiter.

 

Friedrich Schmahl:
Ich habe eine Frage, zu der vielleicht Herr Müller etwas sagen kann. Wie lange würden denn, nach dem, was man bei aller Unsicherheit von Prognosen sagen kann, unsere Ölvorräte überhaupt noch reichen, wenn wir unser Verhalten und unseren Konsum nicht ändern? Alles, was ich dazu erfahren konnte, ist sehr widersprüchlich.

 

Wolfgang Harder:
Ich wollte da gerne gleich anschließen, und zwar, Herr Müller, Sie haben gesagt, eine Weg-vom-Öl-Politik, dafür gäbe es schon sehr gute und überzeugende Konzepte, nur nicht in Deutschland. Jetzt würde ich erstens bitten, dass Sie andeuten, was überhaupt ein gutes Konzept ist. Wie das aussieht mit Atomenergie hier und erneuerbare Energien da, das habe ich inzwischen verstanden. Und dann will ich gleich noch Herrn Kolb fragen, ob er die Kampagne von Frau Griefahn „Ich bin doch nicht blöd" mit Campact machen würde und zwar jetzt aber weg vom Öl. Wenn man da was Gutes hätte, würde ich sofort mitmachen und eine Menschenkette bilden und gar kein Öl mehr in den Salat tun.

 

Elke Wollenschläger:
Ich würde mich gerne dem Fragenkatalog anschließen und Herrn Müller fragen: Der Faktor Mensch - Biedenkopf hat in einer Sendung kürzlich mal gesagt, als er geboren wurde, gab es etwas mehr als zwei Milliarden Menschen auf der Erde, im Moment sind es etwas weniger als sieben Milliarden, und wenn er noch zehn Jahre lebt, dann sind es neuen Milliarden - also der Faktor Mensch in dieser Frage und in dieser Berechnung und in diesem Thema: Was verbrauchen wir Menschen auf der Erde? Dass wir am unmoralischsten sind, das wissen wir, die wir auf dem nordamerikanischen Kontinent und auf dem europäischen leben, aber wo wird in diesen Berechnungen der Faktor Mensch mit eingerechnet?

 

F. Müller:
Zuerst zur Frage von Herrn Schmahl, die Ölvorräte. Das ist in der Tat eine wichtige Frage, weil immer wieder sehr viel Verwirrung angestiftet wird. Die einen sagen, noch 40 Jahre, die anderen sagen, 200. Der Unterschied liegt darin, dass es die so genannten konventionellen Öle gibt, das ist die flüssige Energie im Boden, so, wie sie vor mehreren hundert Millionen Jahren entstanden ist durch organische Stoffe, die sozusagen versickert sind. Dann die so genannten nicht konventionellen Öle, die zum Teil auch so entstanden sind, aber nicht flüssig, also Ölschiefer, Ölsände und dann aber noch viel mehr die nicht konventionellen Öle, wie Kohle und Erdgas, die wir technisch verflüssigen können. Wenn man die alle dazu rechnet, kommt man auf eine Zahl von 200 Jahren. Wenn man nur die konventionellen Öle rechnet, kann man den heutigen Verbrauch noch ca. 40 Jahre aufrechterhalten. Natürlich können Neuentdeckungen dazu kommen, aber wir wissen seit etwa 30 Jahren, dass große Neuentdeckungen nicht mehr gemacht werden, weil die geologischen Mittel einfach so gut sind, dass man weiß, dass man keine großen, so genannten giant oil fields mehr entdeckt. Das Problem aber ist letztlich ein anderes: Die Ölreserven sind nicht der limitierende Faktor, sondern der limitierende Faktor ist die Absorptionsfähigkeit der Atmosphäre, das heißt also, wenn wir das Öl verbrennen und dadurch CO2 in die Atmosphäre schicken, wird sehr viel schneller der Kollaps dort passieren, als dass wir unsere Ölvorräte zu Ende führen. Und insofern ist die Frage letztlich müßig.

 

Eckert:
Es ging um die Weg-vom-Öl-Politik an der Stelle.

 

F. Müller:
Ja, die Weg-vom-Öl-Politik. Ich will mal zwei grundlegende Publikationen nennen: Das eine sind eigentlich mehrere Publikationen des Umweltpolitischen Beirats der Bundesregierung (WBGU), zu dem Potenzial, das wir noch an fossilen Energien haben, die wir in die Atmosphäre entsenden können. Eine Studie, die international eine sehr viel größere Verbreitung gefunden hat, war die Studie von Nicolas Stern, dem früheren Chefökonom der Weltbank 2006, in der er die Kernthese hat: Wenn wir das Problem lösen wollen, kostet uns das im Durchschnitt 1 bis 1,5 Prozent des Weltsozialproduktes. Das müssen wir zusätzlich zu dem, was wir heute machen, investieren, um diesen Transformationsprozess des Energiesektors hinzubekommen, einschließlich der Weg-vom-Öl-Kategorie. Wenn wir es nicht lösen, kostet es uns 5 bis 20 Prozent des Weltsozialproduktes. Es ist also eine Frage der ökonomischen Vernunft, nicht nur der moralischen, dass wir das Problem lösen. Und wir können es lösen. Er hat das in dieser Publikation eindeutig nachgewiesen. Es gab natürlich einen Debattenstreit unter Wissenschaftlern, wie das immer so ist, aber die Kernaussage ist völlig unbestritten: erstens, dass es sehr viel mehr kostet, wenn wir das Problem nicht lösen, also das Doppelproblem Klima und Öl, und zweitens, wie man das grundsätzlich machen kann. Grundsätzlich muss einfach die Gesamtmenge der globalen Emission begrenzt werden. Das tun wir nicht, weder im Kyoto-Protokoll noch in irgendeiner Debatte, die in den internationalen Verhandlungen stattfindet. Dagegen sprechen sich insbesondere China und die USA aus, was aber nicht heißt, dass wir das Problem nicht angehen können.

 

Eckert:
Wenn ich Sie recht verstehe, ist es ein gesellschaftliches, ein politisch zu lösendes Problem.

 

F. Müller:
Ja.

 

Eckert:

Jetzt die Frage an Herrn Kolb, und da möchte ich noch mal zu unserem Fußabdruck zurück. Würden Sie eine Kampagne daraus machen: Eine Weg-vom-Öl-Kampagne? Kann das Campact? Ist das ein Gegenstand, mit dem Sie umgehen?

 

Kolb:
Es hängt ein bisschen von der Zielrichtung ab. Wenn ich diesen Slogan aufgreife: Wir sind doch nicht blöd, und das Ziel bei der Kampagne ist Leuten beizubringen: Kauft doch nicht die billigsten Kühlschränke, sondern die energiesparendsten, dann wäre das ganz klar kein Thema für Campact. Wenn das Ziel dagegen wäre zu sagen, wir brauchen eine gesetzliche Regelung, die vorschreibt, dass alle auf dem Markt befindlichen Kühlschränke zum Zeitpunkt X mindestens so gut sind wie der beste Kühlschrank vor zwei Jahren, dann würde ich sagen, das wäre grundsätzlich ein Thema für Campact. Das heißt, auf jeden Fall zielt unsere Arbeit ganz klar darauf ab, nicht den Einzelnen dazu zu bringen, sein individuelles Verhalten zu ändern, sondern ihn eher in seiner Rolle als politischen Menschen, als Bürgerin, als Bürger anzusprechen und zu sagen: Setz Dich ein für eine ökologisch lebenswerte, gerechte Gesellschaft.

 

Eckert:
Ich habe vorhin schon mal auf Greenpeace angespielt. Da gab es mal eine Weg-vom-Öl-Kampagne, die war allerdings sehr selektiv. Das war zu Zeiten von Brent Spar, wo versucht wurde, individuell Menschen zum Handeln zu bringen, um politisch etwas zu erreichen. Ist das etwas, was man übertragen kann, oder geht das nur, wenn es ganz zielgerichtet ist?

 

Kolb:
Für Campact, denke ich, ist die Frage: Wo lässt sich ein doch sehr komplexes Thema auf eine relativ überschaubare Konfliktstellung runterbrechen? Wir mussten die Erfahrung machen - wir kommunizier

2011