Preisträger 2011

Ernst Ulrich von Weizsäcker

Ein Pionier der Nachhaltigkeit

Der Theodor Heuss Preis für das Jahr 2011
wird dem Politiker und Naturwissenschaftler

 

Ernst Ulrich von Weizsäcker

 

für sein außerordentliches, langjähriges und persönliches Engagement bei der Suche nach Lösungen für die globalen Umweltprobleme zuerkannt.

 

Als Verfasser zahlreicher wegweisender Beiträge zum Klimawandel und Umweltschutz hat sich Ernst Ulrich von Weizsäcker großes internationales Ansehen als Forscher und Experte erworben. Umwelt- bzw. Ressourcenschutz und wirtschaftlicher Wohlstand begreift er nicht als Gegenpole, sondern als langfristig voneinander abhängig. Über viele Jahre war Ernst Ulrich von Weizsäcker in unterschiedlichen, bedeutenden Einrichtungen tätig. Dabei hat er wichtige Aufgabenfelder angestoßen und grundlegende Strukturen geschaffen. Seine Expertise und sein Engagement brachte er unter anderem als Direktor des UNO-Zentrums für Wissenschaft und Technologie ein, als Mitbegründer und Leiter des angesehenen Wuppertaler Instituts für Klima, Umwelt und Energie sowie als Dekan der Bren School of Environmental Science and Management an der University of California. Politisch wirkte er als wissenschaftlicher Berater des damaligen UNO-Generalsekretärs Kofi Annan, als Vorsitzender der Enquetekommission Globalisierung sowie als Vorsitzender des Umweltausschusses im Deutschen Bundestag.

 

In seinem aktuellen Buch „Faktor 5″ formuliert er das Ziel, die Ressourcenproduktivität innerhalb einer Generation mindestens um den Faktor 5 zu verbessern. Damit könnten die Menschen in den Entwicklungsländern ihren Wohlstand bei konstant bleibendem Ressourcenverbrauch vergrößern und die Industriestaaten eine Stabilisierung ihres Wohlstandes mit einem Bruchteil des derzeitigen Ressourcenverbrauchs erreichen. Beispielhaft für seine Ideen der politischen und gesellschaftlichen Umsetzung dieses Ziels sind ein weltweiter Handel mit Umweltlizenzen und eine ökologische Steuerreform. Umweltrelevante Inputgrößen sollten demnach in dem Ausmaß jährlich verteuert werden, wie Effizienzgewinne vorangekommen sind. Der Verbraucher muss folglich auch nur dann mehr für Energie ausgeben, wenn er mehr verbraucht als zuvor.

 

Ernst Ulrich von Weizsäcker ist ein Vordenker auf dem Feld des Ressourcen- und Umweltschutzes. Er führt uns unsere Verantwortung für die Lösung eines der dringlichsten Probleme des 21. Jahrhunderts vor Augen und zeigt Handlungsoptionen auf, mit denen die Herausforderungen angepackt werden können – und sollten. Dafür schulden wir ihm Dank und Anerkennung.

 

Stuttgart, den 9. April 2011

 

Dr. Ludwig Theodor Heuss
Vorsitzender des Vorstands

 

Prof. Dr. Jutta Limbach Vorsitzende des Kuratoriums

 

Campact e.V.

Ein Netz für demokratische Partizipation

 

Das Internet produziert nicht nur neue Formate der Information und der Kommunikation, sondern schafft auch ungewohnte Formen zur Mobilisierung einer demokratischen Öffentlichkeit. Und dies nicht nur als Selbstzweck, sondern um politische Prozesse nachdrücklich zu beeinflussen. Diese  Möglichkeiten nutzt die Internet-Plattform Campact e.V., indem sie auf diesem Wege die Bürger auffordert, auf aktuelle politische Entscheidungen einzuwirken.

 

Der Name signalisiert bereits die Arbeitsweise der Plattform: campaign & action. Daher sieht Campact seine Funktion darin, Kritik und Protest in der Bevölkerung zu sammeln und zu kanalisieren, um schließlich Druck auf die Entscheidungsträger auszuüben. Die Internet-Aktivitäten verbindet Campact zudem mit fantasievollen Aktionen in der Öffentlichkeit. Außerdem arbeitet der Verein, um seinen Positionen größeren Nachdruck zu verleihen, mit 30 anderen bürgerschaftlichen Organisationen zusammen, wie der Deutschen Umwelthilfe, NABU, Attac, Oxfam, LobbyControl und Transparancy International. Hier effektive Bündnisse einzugehen, gehört zu den Prinzipien von Campact.

 

Als parteiunabhängige Online-Plattform 2004 gegründet, fühlt sich Campact den Zielen einer sozial gerechten, ökologisch nachhaltigen und friedlichen Gesellschaft verpflichtet. Der Verein wendet sich vor allem an Menschen mit einem hohen Problembewusstsein und eröffnet ihnen durch die Kampagnen eine konkrete und kurzfristige Möglichkeit zur politischen Partizipation. Damit wirkt Campact dem weit verbreiteten Trend entgegen, vor allem innerhalb der jungen Generation, weniger ausdauernde Bindungen an die Parteien als Träger der politischen Willensbild einzugehen, aber dennoch demokratische Teilhabe praktizieren zu wollen. Über einen Newsletter sind bereits knapp 350.000 Bürger miteinander  verbunden, die Appelle und Petitionen unterzeichnen, Freunde und Bekannte informieren sowie Kampagnen durch Spenden und Förderbeiträge unterstützen.

 

Die Online-Aktivitäten ergänzt Campact mit anderen Beteiligungsformen. Dabei macht die Plattform immer wieder mit einfallsreichen Demonstrationen in der Öffentlichkeit auf sich aufmerksam. So wurde Bundeslandwirtschaftsministerin Ilse Aigner (CSU) mit einer „Count-Down-Uhr” gezeigt, wie viel Zeit ihr für ein Genmais-Verbot noch bleibt. Mit Transparancy International kämpfte der Verein erfolgreich für mehr Offenheit bei den Nebeneinkünften von Abgeordneten. Die Zukunft des Atomstroms ist ebenfalls ein lange verfolgtes Thema. So thematisierte Campact die ungelöste Atommüll-Problematik mit einer fingierten Suche nach einem Endlager und einen täuschend echtem Castor-Transport. Am AKW Biblis und AKW Krümmel  wollte Campact mit 25.000 Luftballons als „radioaktiver Wolke” die Risiken von Atomkraftwerken verständlich machen.

Förderverein für Öffentlichkeitsarbeit im Natur- und Umweltschutz (FÖN) e.V.

Auf Tour für Umwelt und Natur

 

Umweltschutz ist kein Selbstläufer, im Gegenteil: Er erfordert dauerhaft und intensiv Information und Aufklärung. Nur so kann das Interesse der Öffentlichkeit für den Schutz der natürlichen Lebensgrundlagen geweckt und abgestützt werden. Einer solchen Aufgabe widmet sich der Förderverein für Öffentlichkeitsarbeit im Natur- und Umweltschutz e.V. (FÖN). 1991 von Fernsehjournalisten und Filmproduzenten gegründet, koordiniert der Verein aus Potsdam die Kontakte von Fachleuten, Journalisten, Pädagogen, Schriftstellern und Künstlern bei der Bearbeitung von Ökologie-Themen. Gleichzeitig engagiert er sich in der Bildung und Erziehung im Bereich des Naturschutzes. Und ganz ungewöhnlich: Für Natur und Umwelt gehen die aktiven Vereinsmitglieder auf Tour durchs Land.

 

Denn ein Schwerpunkt der Initiative bildet die jährliche „ökofilmtour”, ein Festival des Umwelt- und Naturfilms, das seit 2006 jeweils von Januar bis April durch die Städte und Dörfer Brandenburgs zieht. Mit 500 Veranstaltungen in über 70 Spielstätten hat sich die „ökofilmtour” inzwischen als ein eigenständiges und originelles Festival in Ostdeutschland etabliert. Dabei trifft es auf ein ansehnliches Publikum. Mehr als 10.000 Zuschauer besuchen die Veranstaltungen, darunter 6.000 Kinder und Jugendliche. Präsentiert werden Filme für alle Altersgruppen, die sowohl regionalen als auch globalen Bezug haben. Bei der Auswahl der  Beiträge besteht eine enge Zusammenarbeit mit den Helfern vor Ort.

 

Allerdings will die „ökofilmtour” mehr sein als nur Kino. Denn sie verbindet die Umweltfilme gezielt mit sozialen Kernfragen unserer Gesellschaft. Themen wie Klimawandel, Atomausstieg, Gesundheit, Konsum, Mobilität werden zusammen mit Globalisierung, Artenschutz, Biodiversität oder Gentechnik behandelt. Auch soziale Missstände, Fremdenfeindlichkeit, Rassismus und Gewalt werden reflektiert. Die Vereinsaktiven sind nämlich der Ansicht, dass das Medium Film besonders gut geeignet ist, die jeweiligen Wechselwirkungen deutlich und sichtbar zu machen. Darüber hinaus haben die Zuschauer nach den Vorstellungen die Möglichkeit, sich in Diskussionen mit Filmemachern, Wissenschaftlern, Umweltexperten und Politikern über die Thematiken auszutauschen.

 

Zudem können sie auf Wahlzetteln die Wirksamkeit der Filme bewerten. Außer der Ausrichtung der „ökofilmtour” erstellt FÖN auch eigene Filme zu Umwelt- und Naturschutzthemen. Ein Arbeitskreis „Literatur um Welt” vernetzt bundesweit zeitkritische und ökologisch tatkräftige Publizisten und Schriftsteller. Die Gruppierung organisiert Lesungen, Landschaftsexkursionen und Tagungen. Im Rahmen einer Veranstaltung von praktischem Naturschutz und künstlerischer Tätigkeit werden Jugendliche in einer Gruppe „Grafik, Malerei und Umweltpflege” zu einer kunstsinnigen Darstellung von Umwelt- und Naturschutzthemen aufgefordert, zugleich aber auch zu einem aktiven individuellen Schutz der Umgebung angeregt.

Wikiwoods.org

Eine Klima-Idee pflanzt sich fort

 

Die Idee ist nicht neu, aber für jeden Aktiven immer wieder eine bewegende, weil beglückende Handlung: mit den bloßen Händen ein kleines Apfelbäumchen in ein Pflanzloch zu drücken, mit Erde aufzufüllen und mittels Gießkanne am Ort quasi ergrünen und wachsen zu lassen.

 

Bedeutsam ist es nicht nur als individueller symbolischer Akt. Größere Pflanzaktionen sind nicht erst durch die Diskussionen um das Abholzen des tropischen Regenwaldes, die Aufforstungen von Wüstenregionen oder aufgrund der Debatte um das heimische Waldsterben immer wieder präsent und vielfach gefördert worden. Der Klimaschutz und Möglichkeiten, schädliche Emissionen wie Kohlendioxid zu binden, bringen immer mehr freiwillige Helfer zusammen, in ihrer Region, aber auch andernorts, neue Waldgebiete zu erschließen und bestehende Naturwälder zu hegen und pflegen. Sie haben sich über die Internet-Plattform „wikiwoods.org” vernetzt, und ihre Bewegung ist ansteckend für immer mehr Naturfreunde.

 

Nach dem Vorbild der Netz-Enzyklopädie Wikipedia organisiert Wikiwoods die Informationen und Diskussionen, die praktische Organisation sowie die ideelle und materielle Unterstützung für lokale Pflanzaktionen von Bäumen, besonders in den neuen Bundesländern. Einer der Berliner Initiatoren, der Ökologe Ingo Forst, hofft auf eine Kettenreaktion bei den Aktionen, national wie auch international: „Wir wollen den weltweit größten Wald pflanzen”, sagt er. Im vierten Jahr seit der Gründung des Netzwerkes hat die Idee neuer „grüner Lungen” bereits hunderte von Unterstützern, Fachleuten und Freiwilligen, Spendern und Organisatoren zusammengebracht. Auf diese Weise konnten schon viele Brachflächen in Waldgebiete umgewandelt werden. Die Initiative schätzt, dass bislang mehr als 55.000 Bäume naturnahe Mischwälder bilden.

 

Wikiwoods ist kein Umweltverband oder Verein im klassischen Sinne. Wer für den Klimaschutz aktiv sein will, kann sich auf der Online-Plattform in die Mitpflanzerliste eintragen, Informationen hinzufügen, aber auch Texte ändern. Kommt eine Pflanz-Aktion in der Nähe zustande, werden die Interessenten per E-Mail informiert und eingeladen. So können sich Naturbegeisterte, Freizeitgärtner, Umweltschützer und Förster für eine konkrete Aktion zeitbegrenzt engagieren. Damit kein unkoordinierter Wildwuchs entsteht, arbeitet Wikiwoods mit lokalen und überregionalen Spezialisten zusammen, etwa vom „Naturschutz Bund Deutschland” oder Umweltstiftungen.

 

Der gepflanzte Wald soll nachhaltig als Naturschutzgebiet oder für die Allgemeinheit genutzt werden. Damit sich diese Idee weiter verbreitet und überall noch mehr Wurzeln schlagen kann, möchte die Theodor Heuss Stiftung das Netzwerk durch die Verleihung einer Medaille unterstützen.

Energie, Umwelt - Verantwortung vor der Welt

2011