Preisträger 2007

Rita Süssmuth und Mustafa Ceric

Rita Süssmuth Der Theodor-Heuss-Preis für das Jahr 2007 wird der Politikerin und Wissenschaftlerin Rita Süssmuth zuerkannt, für ihr außergewöhnliches, kämpferisches, auf einer aufgeklärten Haltung beruhendes Engagement angesichts der Herausforderungen, vor die eine offene und demokratische Gesellschaft durch Migration und Integration nachhaltig gestellt wird. Integration im weitesten Sinn ist für Rita Süssmuth zum Lebensthema geworden. Über die Familien-, Frauen-, Gesundheits- und Bildungspolitik kam sie zur Zuwanderungspolitik und ist auf diesem Gebiet sowohl in Deutschland als auch international eine allgemein anerkannte und geachtete Expertin. Ihre Lebenshaltung ist durch Zivilcourage und Bürgerengagement geprägt. Bereits im Studium wandte sie sich gesellschaftspolitischen Themen zu und begann eine Laufbahn als Forscherin und Hochschullehrerin im Bereich der Erziehungswissenschaften. Seit ihrer Ernennung zur Bundesministerin mit Zuständigkeit für Jugend, Familie, Gesundheit und später auch Frauen, als langjährige Präsidentin des Deutschen Bundestages, als CDU-Politikerin und Vizevorsitzende des Zentralkomitees der deutschen Katholiken und des Familienbundes der Deutschen Katholiken, als Vorsitzende der Unabhängigen Kommission »Zuwanderung« und Vorsitzende des Sachverständigenrats für Zuwanderung und Integration, als Ehrenvorsitzende der Deutschen AIDS-Stiftung, als Leiterin von Wahlbeobachtungen der OSZE und als Mitglied und Ehrenmitglied einer großen Anzahl von deutschen und internationalen Stiftungen, Fachgremien, Kommissionen, Hochschulen und anderen Bildungseinrichtungen engagierte und engagiert sie sich unablässig für eine Vielzahl von politisch und gesellschaftlich sensiblen, umstrittenen und auch tabuisierten Themen, bei denen sie immer auf die Wahrnehmung der realen Lebensverhältnisse, auf die Anerkennung der legitimen Interessen von Menschen und gesellschaftlichen Gruppen und auf die Suche nach integrierenden Lösungsansätzen drängt. Dabei ist sie offen für den Blick auf die Möglichkeiten, die jenseits der engen Grenzen eines fest gefügten Weltbildes liegen. Auch noch so heftige Widerstände, auf die sie auch in der eigenen Partei immer wieder stieß, und die manchmal zu Niederlagen in der Sache führten, konnten sie nicht entmutigen, ihren Weg weiter zu gehen. Seit ihrem freiwilligen Ausscheiden aus der aktiven Politik engagiert sie sich verstärkt in ganz Europa und weltweit, wo sie hohes Ansehen genießt. Der Theodor-Heuss-Preis 2007 gilt einer Frau, die sich mit der ganzen Kraft ihrer Persönlichkeit der Aufgabe verschrieben hat, auch gegen Widerstände immer wieder für die Rechte der Bürger und Bürgerinnen, der Minderheiten und der von Ausgrenzung Betroffenen zu kämpfen, das friedliche Zusammenleben der Menschen in gegenseitigem Respekt zu fördern, einen gerechten Ausgleich der Interessen zu fordern und damit zur Zukunftsfähigkeit unserer demokratischen Kultur beizutragen. Dafür schulden wir ihr Dank und Anerkennung.

Mustafa Ceric
Der Theodor-Heuss-Preis für das Jahr 2007 wird dem Großmufti von Bosnien und Herzegowina, Seiner Eminenz Mustafa Ceric zuerkannt, für sein beispielhaftes Wirken als besonnener Vermittler in der Krise zwischen Ost und West und im Verhältnis der Religionen, die sich seit den Anschlägen von New York, Washington, Madrid und London immer mehr zu verschärfen droht, und als glaubwürdiger Verteidiger von Freiheit und Demokratie, die in Europa und weltweit durch diese Entwicklung gefährdet sind. Als das Oberhaupt der bosnischen Muslime und als Symbolfigur des bosnischen Widerstands im Bürgerkrieg wird er in seiner Heimat Bosnien hoch verehrt und ist darüber hinaus in seiner singulären Stellung als Reis-ul-Ulema, als »Führer der Gelehrten«, ein viel gesuchter Gesprächspartner. Als Europäer fordert er die Integration der Muslime in die europäische Gesellschaft und den friedlichen Dialog zwischen Muslimen, Juden und Christen. Mustafa Ceric studierte arabische Sprachen in Sarajewo und an der Al-Azar- Universität in Kairo und wurde danach Imam, zuerst in Bosnien, dann in den USA, wo er an der Universität Chicago in islamischer Theologie promovierte. 1993 wurde er zum Großmufti von Bosnien ernannt. Er hält Vorträge und Seminare an den großen westlichen Universitäten und steht so im ständigen Austausch mit dem westlichen Denken. In Sarajewo, der Metropole Bosniens, in der der christliche Westen und der muslimische Osten aufeinander treffen und die sich zu Europa gehörig fühlt, lebten vor dem Bürgerkrieg Muslime, Christen, Serbisch- Orthodoxe, Juden und Angehörige weiterer Religionen auf beispielhafte Weise friedlich zusammen. Diese Erfahrung hat den Großmufti darin bestärkt, beide Seiten, die Europäer und die europäischen Muslime gleichermaßen, von der Notwendigkeit der gegenseitigen Annährung zu überzeugen. Für Mustafa Ceric ist die Zugehörigkeit zu Europa und zum muslimischen Glauben kein Widerspruch und er hält ein Leben im Glauben für vereinbar mit der Anerkennung einer demokratischen Staatsordnung, in der die Religionsfreiheit und andere individuelle Rechte garantiert sind. In diesem Sinne plädiert er für einen Islam europäischer Prägung und glaubt, dass die Integration der Muslime in Europa ohne Identitätsverlust für beide Seiten möglich ist. In Veröffentlichungen und Vorträgen und im Rahmen seiner zahlreichen Mitgliedschaften in übernationalen religiösen und politischen Institutionen erhebt er in diesem Sinn seine Stimme, nimmt Stellung zu aktuellen Entwicklungen und ruft alle zum interreligiösen und interkulturellen Dialog auf. Der Theodor-Heuss-Preis 2007 gilt einem religiösen Oberhaupt und Gelehrten, der sich mit seinem Glauben, seinem Wissen und all seiner Erfahrung dafür einsetzt, zwischen den Religionen und Kulturen zu vermitteln und der ausdrücklich Mäßigung, Toleranz und Offenheit in der Auseinandersetzung zwischen Ost und West fordert. So übt er einen prägenden Einfluss auf die Kultur des Dialogs aus und trägt damit zur Erhöhung der Chancen für eine friedliche Zukunft in Europa und der Welt bei.

Es wurden keine Medaillen vergeben.

Religion und Integration in Europa

2007