Christo

Subtile Provokation am monumentalen Werk – Kunst als Politik

Tausende Menschen stehen, sitzen und liegen im Sommer 1995 auf dem Rasen vor dem Reichstagsge-bäude in Berlin. Nur wenige Jahre nach dem Fall der Berliner Mauer, bringt das Kunstprojekt „Wrapped Reichstag“ des Künstlerehepaares Christo & Jeanne-Claude das deutsche Volk an diesem symbolträchti-gen Ort zusammen. Es wird lebhaft diskutiert. Viele sehen den Bau und seine Geschichte fortan bewuss-ter. Kunst bricht auf.

Christo wird am 13. Juni 1935 als Christo Vladimirov Javacheff in Gabrovo, Bulgarien, als Sohn einer In-dustriellenfamilie geboren. Nachdem er in den 50er Jahren an der Akademie der Künste in Sofia studiert hatte, wanderte Christo nach Paris aus. In der französischen Hauptstadt lernte er Jeanne-Claude kennen. Nach der Geburt des gemeinsamen Sohns Cyril heirateten die beiden und zogen im Jahre 1964 nach New York. Gemeinsam widmeten sie sich von dort aus einer Vielzahl groß angelegter Verhüllungsprojek-te, darunter: verpackte Inseln in Florida, ein Vorhang in einem Tal in Colorado, gigantische Regenschir-me in Japan und Kalifornien und viele mehr. Zurzeit arbeitet Christo an der Vollendung der letzten Kunst-werke, die er zusammen mit seiner 2009 verstorbenen Frau auf den Weg gebracht hatte.

Wie die Verhüllung des Reichstagsgebäudes exemplarisch zeigt, war für das Künstlerpaar nicht alleine die Umsetzung ihrer Ideen wichtig. Vielmehr betonten sie immer wieder, wie bedeutend die gesellschaftli-chen Auseinandersetzungen im Vorfeld der Projektrealisierungen sind. Im Falle der Reichstagsverhüllung ging deren Umsetzung ein jahrzehntelanges Genehmigungsverfahren voraus. Nur durch die Beharrlichkeit von Christo und Jeanne-Claude und das Zusammenspiel von Politikern, Anwälten, Ingenieuren, Bankern, Intellektuellen und engagierten Bürgern konnte das Kunstprojekt zum Erfolg geführt werden. Letztlich liegt auch in der öffentlichen Willens- und Meinungsbildung die zivilgesellschaftliche Bedeutung der Arbei-ten von Christo und Jeanne-Claude.

Christo verwendet den öffentlichen Raum als Leinwand und bricht mit Hilfe einer subtilen Provokation am monumentalen Objekt Denk- und Sichtweisen auf. Deutlich wird dieses Konzept an Hand des Projekts „Wrapped Reichstag“. Die Befürchtung, die Verhüllung könne den Symbolwert des Reichstages mit seiner wechselvollen Geschichte negativ beeinträchtigen, sollte sich als unbegründet herausstellen. Das Ergeb-nis jahrzehntelanger Diskurse zog derart viele Bürger in seinen Bann, dass sich der Reichstag seiner Am-bivalenz als demokratisches Symbol entledigen konnte. So ist das geschilderte Projekt zu einem Sinnbild für Aufbruch und Neuanfang geworden. Aufbruch durch Verhüllung. Kunst brach auf.

In der Diskussion um das Verhüllungsprojekt des Reichstages meldete sich auch der ehemalige Bundes-präsident Walter Scheel zu Wort. Er äußerte sich Ende 1981 zur politischen Wirkung der Kunst Christos wie folgt: „Eigentlich sind wir schon mitten drin in dem Werk Christos … Denn Christos Kunst begnügt sich nicht mit dem, was das Auge schließlich als Verpacktes, Verhülltes wahrnehmen wird. Christos Kunst schließt den Werdegang mit ein… Christo will unsere Sinne zurücklenken auf die Aufbauarbeit des Parlamentarismus, auf sein Sichselbstaufgeben, sein Wiedererwachen, sein Unterdrücktsein. Darf sich Kunst so weit in die politische Dimension vorwagen? Ich bin der Überzeugung: Ja … Christo will mit dem verpackten Reichstag unser geschichtliches und politisches Bewusstsein wachmachen, wachhalten. Er will uns die Sinne schärfen, damit wir unsere demokratische Freiheit neu erleben können. Seine Kunst hat Politisches zum Inhalt, sie mischt sich aber nicht in den politischen Alltag ein…“

Quelle: Cullen, Michael S.; Volz, Wolfgang: Christo, Jeanne-Claude. Der Reichstag „Dem Deutschen Volke“, Bergisch Gladbach 1995, S. 66.

Tausende Menschen stehen, sitzen und liegen im Sommer 1995 auf dem Rasen vor dem Reichstagsgebäude in Berlin. Nur wenige Jahre nach dem Fall der Berliner Mauer, bringt das Kunstprojekt „Wrapped Reichstag“ des Künstlerehepaares Christo & Jeanne-Claude das deutsche Volk an diesem symbolträchtigen Ort zusammen. Es wird lebhaft diskutiert. Viele sehen den Bau und seine Geschichte fortan bewusster. Kunst bricht auf.

 

Christo wird am 13. Juni 1935 als Christo Vladimirov Javacheff in Gabrovo, Bulgarien, als Sohn einer Industriellenfamilie geboren. Nachdem er in den 50er Jahren an der Akademie der Künste in Sofia studiert hatte, wanderte Christo nach Paris aus. In der französischen Hauptstadt lernte er Jeanne-Claude kennen. Nach der Geburt des gemeinsamen Sohns Cyril heirateten die beiden und zogen im Jahre 1964 nach New York. Gemeinsam widmeten sie sich von dort aus einer Vielzahl groß angelegter Verhüllungsprojekte, darunter: verpackte Inseln in Florida, ein Vorhang in einem Tal in Colorado, gigantische Regenschirme in Japan und Kalifornien und viele mehr. Zurzeit arbeitet Christo an der Vollendung der letzten Kunstwerke, die er zusammen mit seiner 2009 verstorbenen Frau auf den Weg gebracht hatte.

 

Wie die Verhüllung des Reichstagsgebäudes exemplarisch zeigt, war für das Künstlerpaar nicht alleine die Umsetzung ihrer Ideen wichtig. Vielmehr betonten sie immer wieder, wie bedeutend die gesellschaftlichen Auseinandersetzungen im Vorfeld der Projektrealisierungen sind. Im Falle der Reichstagsverhüllung ging deren Umsetzung ein jahrzehntelanges Genehmigungsverfahren voraus. Nur durch die Beharrlichkeit von Christo und Jeanne-Claude und das Zusammenspiel von Politikern, Anwälten, Ingenieuren, Bankern, Intellektuellen und engagierten Bürgern konnte das Kunstprojekt zum Erfolg geführt werden. Letztlich liegt auch in der öffentlichen Willens- und Meinungsbildung die zivilgesellschaftliche Bedeutung der Arbeiten von Christo und Jeanne-Claude.

 

Christo verwendet den öffentlichen Raum als Leinwand und bricht mit Hilfe einer subtilen Provokation am monumentalen Objekt Denk- und Sichtweisen auf. Deutlich wird dieses Konzept an Hand des Projekts „Wrapped Reichstag“. Die Befürchtung, die Verhüllung könne den Symbolwert des Reichstages mit seiner wechselvollen Geschichte negativ beeinträchtigen, sollte sich als unbegründet herausstellen. Das Ergebnis jahrzehntelanger Diskurse zog derart viele Bürger in seinen Bann, dass sich der Reichstag seiner Ambivalenz als demokratisches Symbol entledigen konnte. So ist das geschilderte Projekt zu einem Sinnbild für Aufbruch und Neuanfang geworden. Aufbruch durch Verhüllung. Kunst brach auf.

 

In der Diskussion um das Verhüllungsprojekt des Reichstages meldete sich auch der ehemalige Bundespräsident Walter Scheel zu Wort. Er äußerte sich Ende 1981 zur politischen Wirkung der Kunst Christos wie folgt: „Eigentlich sind wir schon mitten drin in dem Werk Christos … Denn Christos Kunst begnügt sich nicht mit dem, was das Auge schließlich als Verpacktes, Verhülltes wahrnehmen wird. Christos Kunst schließt den Werdegang mit ein… Christo will unsere Sinne zurücklenken auf die Aufbauarbeit des Parlamentarismus, auf sein Sichselbstaufgeben, sein Wiedererwachen, sein Unterdrücktsein. Darf sich Kunst so weit in die politische Dimension vorwagen? Ich bin der Überzeugung: Ja … Christo will mit dem verpackten Reichstag unser geschichtliches und politisches Bewusstsein wachmachen, wachhalten. Er will uns die Sinne schärfen, damit wir unsere demokratische Freiheit neu erleben können. Seine Kunst hat Politisches zum Inhalt, sie mischt sich aber nicht in den politischen Alltag ein…“

 

Quelle: Cullen, Michael S.; Volz, Wolfgang: Christo, Jeanne-Claude. Der Reichstag „Dem Deutschen Volke“, Bergisch Gladbach 1995, S. 66.

Erdem Gündüz

Manchmal kann der Körper politisch werden – #duranadam

 

Ende Mai des vergangenen Jahres begannen im Gezipark in Istanbul friedliche Proteste gegen dessen geplante Bebauung. Nach einem brutalen Polizeieinsatz richteten sich die Proteste gegen die Regierung des türkischen Ministerpräsidenten Recep Tayyip Erdogan. An einem Montagabend gegen 20.30 Uhr blieb der türkische Tänzer und Choreograf Erdem Gündüz am Istanbuler Taksim Platz für acht Stunden wie eine Statue stehen. Seinen Blick richtete er dabei auf das große Konterfei Atatürks, das die Polizei nach der gewalttätigen Räumung des Platzes am riesigen Atatürk Kulturzentrum aufgehängt hatte.

 

Erdem Gündüz wurde 1979 in der türkischen Hauptstadt Ankara geboren und wuchs in Izmir auf. In Izmir studierte Gündüz zunächst in den Fachbereichen Elektrik und Landwirtschaft. 2003 wechselte er an die Yildiz Technical University, um im Bereich Kunst, Design, Musik und Tanz zu studieren. Im Jahr 2008 schloss Gündüz sein Studium mit einem Master of Performing Arts an der Mimar Sinan Fine Art University ab. Er nahm an einem Kurs am John F. Kennedy Center oft the Performing Arts in den USA und am Kurs „ImPulsTanz“ am Vienna International Dance Festival teil.

 

Gündüz lässt seinen Körper sprechen, wenn er sich mit einem stillen Protest gegen das autoritäre System wendet und für mehr Demokratie und Freiheit demonstriert. Sein Protest richtet sich im Speziellen gegen die Brutalität der Polizei während der friedlichen Proteste auf dem Taksim Platz und gegen die regierungskonforme Berichterstattung der türkischen Medien während der Demonstrationen. Das stille Ste-hen, so Gündüz, war die einzige Möglichkeit für ihn, deutlich zu machen, dass es in der Türkei keine freie Presse gäbe. Des Weiteren wollte er seinen Respekt gegenüber dem Begründer der modernen Türkei zum Ausdruck bringen. Gündüz vermisst Atatürks visionäre Gedanken; ihm geht es hierbei vor allem um Gleichheit und Respekt – Klassenunterschiede müssen beseitigt werden, Frauen die gleichen Rechte wie Männer haben, Religion und Staat getrennt sein.

 

Über Twitter verbreitete sich der Hashtag #duranadam, „stehender Mann“, wie ein Lauffeuer. Es wurde schon bald zum weltweit führenden Twitter-Trend. Die Verbreitung seines Protestes über die sozialen Medien ermöglichte es Gündüz, trotz ausbleibender Berichterstattungen türkischer Medien, sowohl seine türkischen Mitbürger als auch eine internationale User-Gemeinde zu erreichen.
Angesprochen auf die auf Wahlen basierende Legitimität der AKP, betont Erdem Gündüz, dass Demokratie nicht nur aus Wahlen bestehe. Minderheitenschutz, Bürgerrechte, Frauenrechte, Partizipation, „Checks and Balances“, Pressefreiheit – auch diese Werte sind für eine Demokratie essentiell. Gündüz vermisst diese Prinzipien in der Türkei.

 

Wichtig war ihm auch, alleine zu protestieren, als Individuum. Als Gruppe gelte man sofort als terroristische Organisation, berichtet Gündüz. Dennoch hatte er landesweite Nachahmer. Viele fühlten sich durch den stillen Protest des Künstlers an Zeilen aus einem Gedicht des türkischen Dichters Nazim Hikmet erinnert: „Leben, einzeln und frei wie ein Baum, und brüderlich wie ein Wald, das ist meine Sehnsucht.“

 

Der Choreograf und Künstler Erdem Gündüz hat mit seiner stillen Anklage auf dem Istanbuler Taksim Platz nicht nur in der Türkei viele Menschen bewegt. Als „standing man“, „duranadam“, „stehender Mann“ wurde er weltweit bekannt und nutzte das von ihm entstandene Bild, um auf zahlreiche Defizite der türkischen Demokratie aufmerksam zu machen. Diese Leistung wird in diesem Jahr mit der Verleihung einer Theodor Heuss Medaille gewürdigt.

Shermin Langhoff

Gesellschaftlich engagierte Kunst durch postmigrantisches Theater

 

Shermin Langhoff, die Mitglied im Rat für Kulturelle Bildung in Deutschland ist, ist seit der Spielzeit 2013/14 die neue künstlerische Leiterin des Maxim Gorki Theaters in Berlin. Sie ist damit die erste türkischstämmige Intendantin, die ihren Dienst bei einem Stadttheater angetreten hat. Das Gorki Theater soll unter ihrer Leitung als Diskurs- und Diskoraum etabliert werden, an dem sich die Jugend trifft, um Politik und Kunst zu entgrenzen.

 

Shermin Langhoff wurde 1969 in Bursa in der Türkei geboren, wo sie bei ihren Großeltern aufwuchs. Im Alter von neun Jahren zog sie nach Deutschland. Bereits als Jugendliche sstzte sie sich mit Marx, Engels und Lenin auseinander, las ebenso Brecht, Neruda und Hikmet. Bis zum achtzehnten Lebensjahr blieb sie von Deutschland aus eine ideologische und parteipolitische Aktivistin in der Türkei. Aufgrund ihrer Liebe zum Film, zur Literatur und zum Theater entschied sie sich jedoch gegen eine parteipolitische Karriere und für die Kunst.

 

Nach längeren Jahren beim Film, in denen sie auch mit Fatih Akin bei Gegen die Wand zusammenarbeite-te, war sie von 2004-2008 Kuratorin am Berliner Theater Hebbel am Ufer. Dort gründete sie die „Akade-mie der Autodidakten“, die vielen Talenten der zweiten deutsch-türkischen Einwanderergeneration eine künstlerische Plattform bot. 2006 entstand ihre Projektreihe „Beyond Belonging“ mit Inszenierungen rund um das Thema Migration - hierbei wurde gelehrt sich jenseits von Zugehörigkeit und Herkunft kultu-rell zu artikulieren.

 

Nach diesen ersten Theaterversuchen etablierte sie am Ballhaus Naunynstraße in Berlin Kreuzberg mit vornehmlich türkischstämmigen Schauspielern und Theatermachern ein postmigrantisches Theater. In Stücken wie „Verrücktes Blut“ ließ Langhoff rotzfrech und mit umwerfender Energie von rassistischen Vorurteilen im deutschen Alltag ebenso wie vom streng separierten Parallelleben der nach Deutschland Eingewanderten erzählen.

 

Was bedeutet „postmigrantisch“?
Das Postmigrantische, so Langhoff, war von Beginn an ein Postulat, um die Theaterszene ein bisschen aufzumischen. Die Entwicklung, dass sich viele gesellschaftliche Bereiche für interkulturelle Einflüsse öffnen, war bis dato im Theaterbereich ausgeblieben. Gleichzeitig geht es aber auch um die Geschichten und Perspektiven derer, die selbst nicht mehr migriert sind, diesen Migrationshintergrund aber als per-sönliches Wissen und kollektive Erinnerung mitbringen. Darüber hinaus steht „postmigrantisch“ in einer globalisierten Welt und einer zunehmend urbanen Gesellschaft für den gesamten gemeinsamen Raum der Diversität, jenseits von Herkunft. Das Leben im 21. Jahrhundert ist schon längst transkulturell und translokal.

 

Am Maxim Gorki Theater möchte Shermin Langhoff das erfolgreiche Konzept des postmigrantischen Theaters fortführen, hinzu kommt der Versuch einer ernsthaften Öffnung hin zu einer Stadtgesellschaft, die diverser wahrzunehmen ist, als sie bisher auf den Bühnen verhandelt worden war.

 

Als kulturpolitischer Akteur ist es Langhoff wichtig durch die theatrale Auseinandersetzung mit dem Themenkomplex „interkulturelle Gesellschaft“ ein erweitertes Partizipationsangebot zu schaffen. Dabei hebt sie richtigerweise hervor, dass es nicht die Aufgabe des Theaters sein kann, bildungspolitische Lücken zu bereinigen. Dennoch beweist Shermin Langhoff, dass Theaterbühnen als Spiegel gesellschaftlicher Missstände fungieren können. Der Intendantin des Gorki Theaters gelingt es über die Plattform der Kunst Lösungsmöglichkeiten zum Thema anzubieten.

 

Langhoff möchte Neues erzählen, Neues fragen. Bei der Jugend kommt dies gut an. Seit das Gorki Theater Mitte November mit Anton Tschechows „Der Kirschgarten“ in der Regie von Nurkan Erpulat eröffnet hat, wird es von zumeist jugendlichen Zuschauern regelrecht gestürmt. Die Vorstellungen waren auf Wochen hinaus ausverkauft.

 

Das Ideal wäre, dass alle Mitbürger selbstverständlich mit ihren verschiedensten Biographien und Herkünften umgehen dürfen, aber nicht müssen. Shermin Langhoff engagiert sich auf eine herausragende Art und Weise für dieses Ideal, indem sie postmigrantische Themen auf die Bühne bringt und somit zum gesellschaftlichen Diskurs anregt. Shermin Langhoffs Kunst bricht auf und verdient deshalb eine Theodor Heuss Medaille 2014.

Yehudi Menuhin Live Music Now e.V.

„Musik heilt. Musik tröstet. Musik bringt Freude.” –
Konzerte als Brücke zu den sozial Benachteiligten

 

Pflegeheime, Hospize, Gefängnisse und Brennpunktschulen – die Vereine von Live Music Now bringen deutschlandweit klassische Musik zu Menschen, die sonst kaum die Chance haben, am kulturellen Leben teilzuhaben. Gleichzeitig bieten die Vereine jungen talentierten Nachwuchskünstlern durch Stipendien die Möglichkeit auf Konzerten des Vereins wichtige Erfahrungen für eine erfolgreiche Karriere zu sammeln.

Der weltberühmte Geiger Yehudi Menuhin verstand Musik nicht nur als Kunst, sondern als Beitrag zu einer besseren Gesellschaft. Mit Konzerten kann eine Brücke zu den sozial Schwachen, den Sterbenden, den Behinderten und zu Gefängnisinsassen gebaut werden.

Ein Konzert als Zugang zur Welt.

Dieser Gedanke liegt der von Menuhin 1977 in Großbritannien gegründeten Organisation Live Music Now zu Grunde. Yehudi Menuhin wurde 1916 in New York als Sohn russisch-jüdischer Eltern geboren. Bereits mit acht Jahren trat er erstmals in einem öffentlichen Konzert als Solist auf. Mit dreizehn Jahren erlangte er durch ein legendäres Konzert in Berlin Weltruhm. Er spielte an einem Abend die drei Violinkonzerte von Bach, Beethoven und Brahms – von da an wurde er als „Wunderkind“ und „Jahrhundertgeiger“ gefeiert. Als Humanist und Weltbürger setzte er sich für die Benachteiligten dieser Welt ein. Yehudi Menuhin ver-starb während einer Deutschlandtournee am 12. März 1999 in Berlin.

Das große Erbe des weltberühmten Geigers tragen die gemeinnützigen Vereine YEHUDI MENUHIN Live Musiv Now seit 1992 auch im deutschsprachigen Raum erfolgreich weiter. In München wurde der erste deutsche Ableger gegründet, insgesamt folgten bis dato achtzehn weitere - u. a. im Jahre 2006 in Stuttgart. Bis zum Jahr 2012 förderten die deutschen Vereine von Live Music Now 1.558 Musiker und organi-sierten innerhalb eines Jahres 1.937 Konzerte an 1.280 Spielstätten.

Die Vereinsmitglieder arbeiten allesamt ehrenamtlich. Die mit den Konzerten entstehenden Aufwendungen und Sachkosten werden durch Spenden und Förderer finanziert. Den Spendern wird auf Wunsch hin auch die Möglichkeit gegeben, einzelne Häuser oder Künstler gezielt zu unterstützen.

Einer jeden Demokratie ist eine soziale Komponente inhärent. Bürger engagieren sich für Bürger. In den Vereinen von Live Music Now wird dieses Prinzip gelebt. Dadurch tragen sie dazu bei, dass unsere De-mokratie sozialer wird. Alle Mitglieder arbeiten ehrenamtlich, damit auch Menschen, die aufgrund ihrer Lebensumstände nicht zu Konzerten gehen können, an klassischer Musik teilhaben können. Live Music Now e. V. ermöglicht diese Konzerte durch die Förderung junger Talente, denen sie somit zugleich die Gelegenheit geben, wichtige Erfahrungen für ihre spätere Karriere zu sammeln. Live Music Now e. V. ist ein Vorbild für demokratieförderndes soziales Engagement und bekommt daher eine Theodor Heuss Medaille 2014 verliehen.

Theater der Erfahrungen - Werkstatt der alten Talente

Senioren und Kultur als ein Motor gesellschaftlicher Innovation

 

Theater der Erfahrungen – Werkstatt der alten Talente, das ist nicht nur der Name einer Berliner Initiative, sondern vielmehr ein gelebtes Prinzip. Der demographische Wandel ist in aller Munde. Die Gesellschaft in Deutschland wird unweigerlich älter. Die Initiative knüpft hieran an. Sie bietet der Generation 50plus Möglichkeiten, sich mit den eigenen Talenten und/oder sich mit wertvollen Erfahrungen im kreativen Bereich einzubringen. Sie gibt Impulse für eine zeitgemäße Seniorenkulturarbeit, mittels derer Anlässe zur Begegnung zwischen Menschen verschiedener Herkunft und unterschiedlichen Alters ermöglicht werden.

 

Im Frühjahr 2008 ging die Initiative Theater der Erfahrungen - Werkstatt der alten Talente, mit EU-Mitteln gefördert, auf Kurs. Sie vereint unter ihrem virtuellen Dach, das seit Jahren aktive Theater der Erfahrungen, die nachwuchsfördernden Kreativen Potenziale des Alters, eine interkulturelle und generationsüber-greifende Theaterpraxis sowie Aus- und Weiterbildungsangebote.

 

Das Ziel dieser Initiative ist es, Spielräume zur Gestaltung und Begegnung aufzutun, die es bisher so noch nicht gab. Gesellschaftliche Konflikte sind dadurch sicherlich nicht wegzupusten, aber ohne Zweifel zu beschreiben und kreativ zu bearbeiten. Jeder Mensch sollte alt werden dürfen, wie er oder sie kann und mag. Die Werkstatt der alten Talente bietet Senioren interessante Beteiligungsfelder, um sich bürger-schaftlich und kulturell zu engagieren. Neben einem intensiven Kontakt zu jungen Mitbürgern soll den Senioren durch die Initiative auch die Auseinandersetzung mit anderen Kulturen ermöglicht werden.

 

Das Seniorentheater besteht seit nunmehr 34 Jahren in Berlin-Schöneberg und wurde von den Theaterpädagoginnen Eva Bittner und Johanna Kaiser gegründet. Die Laienschauspieler, von 50 Jahren an aufwärts, entwickeln ihre Stücke selbst. Die Ergebnisse dieser Arbeit spiegeln die Lebensfreude der Senio-ren wieder und geben dem Zuschauer einiges zum Nachdenken auf. Im Interkulturellen Schmelztiegel, der Teil der Initiative ist und als Brückenschlag zwischen verschiedenen Kulturen den interkulturellen Dialog fördert, wird beispielsweise dem Umstand Rechnung getragen, dass sich ältere Migranten analog zu den älteren Deutschen in einer zunehmenden gesellschaftlichen Isolation bewegen.

 

Das berlinweite Netzwerk alter Talente ist die zentrale Anlaufstelle für Fragen rund um Seniorenkulturar-beit. Die beteiligten Akteurinnen und Akteure unterstützen und fördern gemeinsam kulturelles und gesellschaftliches Engagement alter Menschen. Für Aus- und Weiterbildungsmaßnahmen ist dabei die Meisterschule der Initiative zuständig. Die Grundidee der Kreativen Potenziale ist, Senioren und Kultur als ein Motor gesellschaftlicher Innovation zu betrachten, so dass die Älteren das gesellschaftliche Leben mitgestalten.

 

Seit den 90er Jahren engagieren sich die Senioren des Altentheaters in generationsübergreifenden Theaterworkshops und Produktionen als Botschafter der Erfahrungen. Das Theater fungiert als Treffpunkt für Alt und Jung. Die einjährige Kooperation zwischen dem Theater der Erfahrungen, der Kindertagesstätte Riemenschneiderweg und der Alice Salomon Hochschule verkörpert die generationsübergreifende Arbeit der Initiative. Im Rahmen von TUKI - Theater und Kita - spielen Kindergartenkinder unter Anleitung, sowohl der Studierenden als auch der Senioren, Theater.

 

Die Initiative Theater der Erfahrungen – Werkstatt der alten Talente entwickelt neue Spielarten des bürgerschaftlichen Engagements im kreativen Bereich, gibt Impulse für eine zeitgemäße Seniorenkulturarbeit und entwickelt generationsübergreifende Projekte. Aus diesem Grund erhält sie eine Theodor Heuss Medaille 2014.

Kunst bricht auf

Begrüßung

Ludwig Theodor Heuss, Vorsitzender der Theodor Heuss Stiftung

 

Dear Christo,
sehr geehrte Shermin Langhoff,
dear Erdem Gündüz,
verehrte Vertreter von „Live Music Now“ und vom „Theater der Erfahrungen“,
meine sehr verehrten Damen und Herren,

 

„Kunst ist schön, macht aber viel Arbeit.“ Sie kennen diesen Satz des Münchners Komikers Karl Valentin. Keiner unserer heutigen Preisträger und Medaillenempfänger wird der Aussage widersprechen, dass Kunst, künstlerische Tätigkeit insgesamt mit viel Anstrengung, Übung und Fleiß verbunden ist. Attribute, die berechtigt Anerkennung und Auszeichnung begründen. Aber nur darum geht es heute nicht. Es gab Menschen die erstaunt waren und es mag auch die eine oder andere kritische Stimme gegeben haben, die fragt: Wie kommt eine demokratiepolitische Stiftung dazu sich die Kunst zum Jahresthema zu nehmen? Ist es vielleicht (diesmal) ein bewsstes Umschiffen allzu politischer Untiefen? Eine Flucht ins ästhetisch unbestimmbare des Schönen und Guten? - Nein. - Es ist eine andere, eine zutiefst politische Dimension des Kunstbegriffs, der Kunstwirkung insgesamt, die wir meinen, wenn wir der 49. Verleihung des Theodor Heuss Preises das Jahresmotto voran gestellt haben: „Kunst bricht auf“.

Ich begrüße an erster Stelle den diesjährigen Träger des Theodor Heuss Preises, Christo, der gemeinsam mit seiner verstorbenen Frau Jeanne-Claude die verschiedensten Orte dieser Welt verzaubert, Sichtweisen aufgebrochen und neu geschenkt hat; für uns ganz besonders an der ehemaligen Grenze zwischen Ost und West mit dem Projekt „wrapped Reichstag“. Dear Christo, wellcome, it is a great honor and pleasure to have you with us today here in Stuttgart.

Ich begrüße herzlich die Empfänger der Theodor Heuss Medaillen, die demokratische Zivilcourage und bürgergesellschaftliches Engagement im Sinne des Jahresmottos unterstreichen. Ich begrüße

Shermin Langhoff, die Intendantin des Maxim Gorki Theaters in Berlin und ich begrüße

Erdem Gündüz, den Tänzer und Choreographen, den „standing man“ vom Taksim Platz.

Ich grüße Marie Steinbeis stellvertretend für die verschiedenen Vereine „Live Music Now“ und

Eva Bittner und Johanna Kaiser vom „Theater der Erfahrungen“ in Berlin.

Ein besonders herzlicher Gruß gilt Ihnen, sehr verehrte Rita Süssmuth, und ein Dank, dass Sie die Laudatio auf den heutigen Preisträger halten werden. Und da Sie ja nicht nur als Bundestagspräsidentin außer Dienst, sondern auch ehemalige Heuss-Preisträgerin im Dienst heute hier sind, begrüße ich an dieser Stelle auch gleich die anderen ehemaligen Preisträger, die unter uns sind, und nenne stellvertretend Anetta Kahane und Peter Eigen, herzlich willkommen.

Ich begrüße die Ministerin für Wissenschaft und Forschung des Landes Baden-Württemberg, Theresia Bauer, und die Bürgermeisterin für Soziales, Jugend und Gesundheit, Isabel Fezer, und freue mich, dass beide gleich anschließend für Land und Stadt ein Grußwort sprechen werden.

Ein kurzes Podiumsgespräch mit Preisträger und Medaillenempfängern wird unsere stellvertretende Vorsitzende Frau Justizministerin a D Sabine Leutheusser-Schnarrenberger führen, - ihr sind polyglotte parlamentarische Debatten ja auf den Leib geschrieben – herzlich willkommen und herzlichen Dank, dass Sie diese Aufgabe übernehmen werden. Und ich grüße unsere Kuratoriumsvorsitzende Gesine Schwan, und danke ihr dafür, dass sie das Schlusswort halten wird.

Ich grüße die Vertreter des Stadtrates, des Landtages und des Bundestages, die Vertreter der religiösen Gemeinschaften und der Presse und freue mich sehr auf eine schöne Berichterstattung – diesmal zum Thema:

„Kunst bricht auf“: Die Doppeldeutigkeit, die sowohl eine zielgerichtete Dynamik als auch das Aufsprengen von Verkrustungen und fesselnden Strukturen impliziert, steht dabei durchaus in der Tradition des Kunstbegriffes der Moderne. In ihr versteht sich der Künstler nicht so sehr als Teil eines gesellschaftlichen oder politischen Systems, als vielmehr dessen Betrachter, der analysiert, Impulse setzen und einwirken möchte. Kaum einer hat dies so bildlich und programmatisch festgehalten wie zu Beginn der Moderne Friedrich Schiller in seinen Briefen zur ästhetischen Erziehung des Menschen in dem er (zwar auf die maskuline Form reduziert) schreibt:

„Der Künstler ist zwar der Sohn seiner Zeit, aber schlimm für ihn, wenn er zugleich ihr Zögling oder gar noch ihr Günstling ist. Eine wohltätige Gottheit reiße den Säugling bei Zeiten von seiner Mutter Brust, nähre ihn mit der Milch eines bessern Alters [...]. Wenn er dann Mann geworden ist, so kehre er, eine fremde Gestalt, in sein Jahrhundert zurück; aber nicht, um es mit seiner Erscheinung zu erfreuen, sondern [...] um es zu reinigen.“

Reinigen, den Blick auf die Gegenwart von Beiwerk und Schleier befreien, ihn auf das Wesentliche richten oder gar ein neues Sehen lernen, das ist der wesentliche Impuls mit dem Kunst auch in unserer Zeit gesellschaftliche Akzente setzt und Widerstände aufbricht. Dabei ist es faszinierend wie zeitlos diese Schillersche Formulierung des Reinigens nachwirkt. Das Streben nach Reinheit und Reduktion ist geradezu zum Grundbegriff der Moderne geworden, die kontextuelle Zuspitzung zu ihrem Kern, - und wie anders als mit einer Spitze sollte man etwas aufbrechen können? Das gilt nicht nur für die harte Schale von Austern.

Christo und Jeanne Claude haben mit ihren großen Projekten der Verhüllung, mit ihren vorbereitenden Skizzen und organisatorischen Massnahmen das Sehen geschärft, einen neuen Blickauf die Objekte geschaffen. Der verpackte Körper des Reichstags, provozierend entfremdet und reduziert wird zum „großen Kristall“ an einem geschichtsträchtigen Ort. Geradezu ein bildhafter Zusammenzug von Reinheit, Reduktion und Zuspitzung!

Das Bild von Erdem Gündüz, der mit weißem, salopp aus der Hose hängenden Hemd, beide Hände in den Hosentaschen aufrecht und mit geradem Rücken auf dem Taksim Platz dem Portrait Attatürks gegenüber steht, wird mit seiner Reduktion auf alles, was man unter den Begriff „Haltung“ subsummieren könnte zu einer Ikone des zivilen Protestes in der Türkei. Duranadam, der „stehende Mann“ bricht auf – nichts ist so unverfälscht und unkorrumpierbar wie der eigene Körper.

Es ist diese Arbeit, diese oftmals schmerzhafte Selbsterfahrung der Künstler, die die Zivilgesellschaft braucht. Nicht um „die Bühne zum Tribunal“ werden zu lassen, sondern um Impulse der Selbstreflexion und Erneuerung zu geben. Zwei Theaterprojekte unter unseren Medaillenempfängern machen dies beispielhaft deutlich: Shermin Langhoff, die mit postmigrantischem Theater Stereotypen gesellschaftlicher Ausgrenzung unterläuft und das Theater der Erfahrungen, das mit der Werkstatt der alten Talente generationenübergreifende Kulturarbeit vermittelt. Welche unvermittelte Wirkung, welche Brücken Musik schlagen kann, wenn sie im ungewohnten und unerwarteten Kontext erklingt, zeigt die Arbeit der verschiedenen Vereine von Live Music Now: zivilgesellschaftliches Engagement zum Aufbruch eingefahrener Denk- und Sichtweisen, künstlerisches Engagement, soll man sagen der Reinigung? – sicherlich der gesellschaftlichen Orientierung. Es sind harte Schalen, die uns die Kunst aufzubrechen hilft und durch die sie uns den Weg weist.

Denn in der Moderne, und es war der große Stuttgarter, es war Hegel, der diesen Funktionswandel erkannt hat, in der modernen Welt ist die Kunst nicht länger „die Darstellung eines Absoluten“, sondern eine „Vergegenwärtigung der historischen Gegenwart des Menschen“. In ihr „können artistische und existenzielle, epistemische und moralische Möglichkeiten anschaulich durchgespielt werden, unter Preisgabe des Anspruchs, Gestaltung einer schlechthin wahren Deutung der Wirklichkeit zu sein.“ Im Gestaltungsspielraum der Kunst und ihrer verschiedenen Formen liegt die Kraft des Aufbrechens und des Aufbruchs. Diese wollen wir heute exemplarisch auszeichnen.

Herzlich willkommen.

Schlusswort

Gesine Schwan, Vorsitzende des Kuratoriums der Theodor Heuss Stiftung

 

Kunst bricht auf“ angesichts so vieler professioneller Kommunikatoren wagt man als Laie kaum, ein Motto zu formulieren. Die Theodor Heuss Stiftung hat es doch gewagt und der heutige Tag ebenso wie das gestrige Kolloquium haben dieses Wagnis gerechtfertigt. Die Doppeldeutigkeit von „aufbrechen“ sollte – klar! – Aufmerksamkeit erregen. Aber auch zu denken geben über unsere zeitgenössischen Zustände, ganz allgemein, aber besonders wenn man sie mit der Frage nach der Möglichkeit und Qualität, nach den Voraussetzungen und Anforderungen, nach den Dimensionen und Implikationen von Demokratie und demokratischer Politik betrachtet.

„Bricht auf“ kann heißen: „öffnet“, wie man eine Kruste oder Verkrustung öffnet, aber vielleicht auch eine verschlossene Tür, deren Schlüssel verloren gegangen ist. Dahinter lauert eine Ahnung von Gewalt. Aber Kunst übt gerade keine Gewalt aus, weil sie an die Freiheit, Eigenständigkeit Nachdenklichkeit der Individuen appelliert. Ohne dies geriete sie zur Manipulation oder zur Verführung. Wie sog. „Kunst“ im Dritten Reich, die freie Kunst als „entartete“ diffamieren und verbannen musste, um ihre Wirkung zu erzielen.

„Bricht auf“ kann auch heißen: macht sich auf den Weg. Wohin, ist damit noch nicht gesagt. Wohin Demokratie führt, ist auch nicht gesagt. Aber dass man sich in ihr nicht selbstzufrieden im Sessel zurücklehnen kann, dass man sich bewegen, sich engagieren muss, das zeigt die Erfahrung seit den ersten Demokratien in der Antike. Sokrates brachte geistige Unruhe unter die jungen Leute und musste sich dann sehr weit auf den Weg machen. So weit wollen wir das nicht. Aber wer aus Willkür oder einem autoritär, vielleicht auch diktatorisch geführten Gemeinwesen hinausfinden will, muss aufbrechen. Und kann es mit Hilfe der Kunst vielleicht leichter, als mit einer direkten verbalen Konfrontation.

Kunst schafft es vor allem auch, alte, festgefahrene Denkweisen, Vorurteile, emotionale oder gedankliche Bequemlichkeiten aufzubrechen, sich aus dem Gehäuse der Scheu vor Kommunikation, erst recht der Selbstbezogenheit zu befreien. Kant nannte in seiner Kritik der Urteilskraft drei Maximen, die der Gemeinsinn in einer Republik erfordert: „Selbst denken“ – also das Gefängnis der Vorurteile aufbrechen -, „jederzeit mit sich einstimmig denken“, also den Leichtsinn und die Verantwortungslosigkeit dessen aufbrechen, der nach der Devise lebt: Was geht mich mein Geschwätz von gestern an? Und „Jederzeit an der Stelle des anderen denken“, eben sich aus der Selbstbezogenheit befreien, dem anderen begegnen und zur Gerechtigkeit aufbrechen, dazu, mit den Augen der anderen zu sehen.

Das tut Kunst heute durchaus global, weil Ungerechtigkeit und damit das gleiche Recht auf Freiheit nicht mehr kommunal, national, regional beschränkt gelingen kann.

Kunst bricht aber auch die Eindeutigkeit logischen Folgerns auf. Das ist schwierig, ja heikel, weil uns zur Verständigung kaum etwas anderes übrig bleibt, als rational Argumente oder Begründungen auszutauschen und mit dem Denken der anderen abzugleichen. Irrationale Appelle oder Behauptungen die eine andere Person nicht nachvollziehen kann, helfen bei Konflikten oder Uneinigkeit nicht weiter. Der Mangel an Eindeutigkeit ist schwierig, weil Demokratie Verständigung braucht. Freilich versteht man sich auch noch nicht, wenn man argumentativ den anderen zu einer Schlussfolgerung „zwingen“ will, wenn man Ambivalenzen, die zum menschlichen Leben dazugehören, abwürgen will. Kunst macht vorsichtig, verweist auf die Vielschichtigkeit von Erfahrungen, Interessen, Wünschen und Positionen, auf die Notwendigkeit, Zwischenräumen und Zwischenpositionen Aufmerksamkeit zu schenken, auch Widersprüchlichkeiten und das „krumme Holz“, aus dem wir Menschen geschnitzt sind (Kant), in Rechnung zu stellen.

Kunst bricht auf, indem sie mit dem ganz Anderen konfrontiert. Sigmund Freud schrieb einst zwischen den Weltkriegen an Albert Einstein, dass es immer Kriege geben werde. Menschen würden auf die, die anders sind, immer feindselig reagieren, weil das Andere als Anderes ihre eigene Sicht, ihren Lebensentwurf, ihre Selbstdeutung und ihr Selbstwertgefühl in Frage stelle. Dahinter stand sein Menschenbild, das, wie Thomas Hobbes im Bürgerkrieg im englischen 17. Jahrhundert, Menschen von vornherein als einander feindselig begenende Wölfe dachte: Homo homini lupus. Das muss aber nicht so sein.

Wenn wir aus einem gesicherten Selbstwertgefühl leben, kann das Andere auch neugierig machen, die Fantasie ankurbeln, unterhalten oder spannend ergänzen. Wenn es als Anderes akzeptiert mit dem Eigenen vermittelt werden kann. Weil wir immer sowohl Eigenes als auch Anderes in uns tragen. Weil wir friedliche und unfriedliche Impulse in uns bergen und, wenn wir sie zur Kenntnis nehmen, den unfriedlichen unseres Nachbarn versöhnlicher begegnen können.

Das alles vermag Kunst. Aber natürlich ist sie nicht mit der Demokratie, auch nicht mit der Politik verheiratet, würde sich auch nicht gern dafür instrumentalisieren lassen. Auch wenn sie all die beschriebenen Wirkungen entfaltet oder entfalten kann, die sie aber eben auch immer wieder aufbricht. Kunst lässt uns nicht zur Ruhe kommen, jedenfalls nicht zu einer trägen Ruhe.

Unser Preisträger und unsere Medaillengewinner zeigen uns beispielhaft, wie Kunst bewegt, zum Aufbruch motiviert, um Unwirtlichkeit in unserer Welt zu übetwinden. Dafür danken ihnen!

Und wir danken unseren Musikern von „Live Music Now“ dem Bratschenquartett Violissimo, das unserer Veranstaltung einen würdigen Rahmen gegeben hat. Übrigens: Im kommenden Mai gibt es eine Benefiz-Konzert in der Musikhochschule Stuttgart. Dort können Sie Violissimo erneut und „einträglich“ bewundern. Allen die diese Festveranstaltung vorbereitet haben – insbesondere der unermüdlichen Birgitta Reinhardt – einen herzlichen Dank und Ihnen einen schönen weiteren Frühlingssamstag!

Audiomitschnitt der 49. Theodor Heuss Preisverleihung