Theodor Heuss Stiftung

Rita Süssmuth und Mustafa Ceric

Rita Süssmuth Der Theodor-Heuss-Preis für das Jahr 2007 wird der Politikerin und Wissenschaftlerin Rita Süssmuth zuerkannt, für ihr außergewöhnliches, kämpferisches, auf einer aufgeklärten Haltung beruhendes Engagement angesichts der Herausforderungen, vor die eine offene und demokratische Gesellschaft durch Migration und Integration nachhaltig gestellt wird. Integration im weitesten Sinn ist für Rita Süssmuth zum Lebensthema geworden. Über die Familien-, Frauen-, Gesundheits- und Bildungspolitik kam sie zur Zuwanderungspolitik und ist auf diesem Gebiet sowohl in Deutschland als auch international eine allgemein anerkannte und geachtete Expertin. Ihre Lebenshaltung ist durch Zivilcourage und Bürgerengagement geprägt. Bereits im Studium wandte sie sich gesellschaftspolitischen Themen zu und begann eine Laufbahn als Forscherin und Hochschullehrerin im Bereich der Erziehungswissenschaften. Seit ihrer Ernennung zur Bundesministerin mit Zuständigkeit für Jugend, Familie, Gesundheit und später auch Frauen, als langjährige Präsidentin des Deutschen Bundestages, als CDU-Politikerin und Vizevorsitzende des Zentralkomitees der deutschen Katholiken und des Familienbundes der Deutschen Katholiken, als Vorsitzende der Unabhängigen Kommission »Zuwanderung« und Vorsitzende des Sachverständigenrats für Zuwanderung und Integration, als Ehrenvorsitzende der Deutschen AIDS-Stiftung, als Leiterin von Wahlbeobachtungen der OSZE und als Mitglied und Ehrenmitglied einer großen Anzahl von deutschen und internationalen Stiftungen, Fachgremien, Kommissionen, Hochschulen und anderen Bildungseinrichtungen engagierte und engagiert sie sich unablässig für eine Vielzahl von politisch und gesellschaftlich sensiblen, umstrittenen und auch tabuisierten Themen, bei denen sie immer auf die Wahrnehmung der realen Lebensverhältnisse, auf die Anerkennung der legitimen Interessen von Menschen und gesellschaftlichen Gruppen und auf die Suche nach integrierenden Lösungsansätzen drängt. Dabei ist sie offen für den Blick auf die Möglichkeiten, die jenseits der engen Grenzen eines fest gefügten Weltbildes liegen. Auch noch so heftige Widerstände, auf die sie auch in der eigenen Partei immer wieder stieß, und die manchmal zu Niederlagen in der Sache führten, konnten sie nicht entmutigen, ihren Weg weiter zu gehen. Seit ihrem freiwilligen Ausscheiden aus der aktiven Politik engagiert sie sich verstärkt in ganz Europa und weltweit, wo sie hohes Ansehen genießt. Der Theodor-Heuss-Preis 2007 gilt einer Frau, die sich mit der ganzen Kraft ihrer Persönlichkeit der Aufgabe verschrieben hat, auch gegen Widerstände immer wieder für die Rechte der Bürger und Bürgerinnen, der Minderheiten und der von Ausgrenzung Betroffenen zu kämpfen, das friedliche Zusammenleben der Menschen in gegenseitigem Respekt zu fördern, einen gerechten Ausgleich der Interessen zu fordern und damit zur Zukunftsfähigkeit unserer demokratischen Kultur beizutragen. Dafür schulden wir ihr Dank und Anerkennung.

Mustafa Ceric
Der Theodor-Heuss-Preis für das Jahr 2007 wird dem Großmufti von Bosnien und Herzegowina, Seiner Eminenz Mustafa Ceric zuerkannt, für sein beispielhaftes Wirken als besonnener Vermittler in der Krise zwischen Ost und West und im Verhältnis der Religionen, die sich seit den Anschlägen von New York, Washington, Madrid und London immer mehr zu verschärfen droht, und als glaubwürdiger Verteidiger von Freiheit und Demokratie, die in Europa und weltweit durch diese Entwicklung gefährdet sind. Als das Oberhaupt der bosnischen Muslime und als Symbolfigur des bosnischen Widerstands im Bürgerkrieg wird er in seiner Heimat Bosnien hoch verehrt und ist darüber hinaus in seiner singulären Stellung als Reis-ul-Ulema, als »Führer der Gelehrten«, ein viel gesuchter Gesprächspartner. Als Europäer fordert er die Integration der Muslime in die europäische Gesellschaft und den friedlichen Dialog zwischen Muslimen, Juden und Christen. Mustafa Ceric studierte arabische Sprachen in Sarajewo und an der Al-Azar- Universität in Kairo und wurde danach Imam, zuerst in Bosnien, dann in den USA, wo er an der Universität Chicago in islamischer Theologie promovierte. 1993 wurde er zum Großmufti von Bosnien ernannt. Er hält Vorträge und Seminare an den großen westlichen Universitäten und steht so im ständigen Austausch mit dem westlichen Denken. In Sarajewo, der Metropole Bosniens, in der der christliche Westen und der muslimische Osten aufeinander treffen und die sich zu Europa gehörig fühlt, lebten vor dem Bürgerkrieg Muslime, Christen, Serbisch- Orthodoxe, Juden und Angehörige weiterer Religionen auf beispielhafte Weise friedlich zusammen. Diese Erfahrung hat den Großmufti darin bestärkt, beide Seiten, die Europäer und die europäischen Muslime gleichermaßen, von der Notwendigkeit der gegenseitigen Annährung zu überzeugen. Für Mustafa Ceric ist die Zugehörigkeit zu Europa und zum muslimischen Glauben kein Widerspruch und er hält ein Leben im Glauben für vereinbar mit der Anerkennung einer demokratischen Staatsordnung, in der die Religionsfreiheit und andere individuelle Rechte garantiert sind. In diesem Sinne plädiert er für einen Islam europäischer Prägung und glaubt, dass die Integration der Muslime in Europa ohne Identitätsverlust für beide Seiten möglich ist. In Veröffentlichungen und Vorträgen und im Rahmen seiner zahlreichen Mitgliedschaften in übernationalen religiösen und politischen Institutionen erhebt er in diesem Sinn seine Stimme, nimmt Stellung zu aktuellen Entwicklungen und ruft alle zum interreligiösen und interkulturellen Dialog auf. Der Theodor-Heuss-Preis 2007 gilt einem religiösen Oberhaupt und Gelehrten, der sich mit seinem Glauben, seinem Wissen und all seiner Erfahrung dafür einsetzt, zwischen den Religionen und Kulturen zu vermitteln und der ausdrücklich Mäßigung, Toleranz und Offenheit in der Auseinandersetzung zwischen Ost und West fordert. So übt er einen prägenden Einfluss auf die Kultur des Dialogs aus und trägt damit zur Erhöhung der Chancen für eine friedliche Zukunft in Europa und der Welt bei.

Es wurden keine Medaillen vergeben.

Religion und Integration in Europa

Einführung in das Jahresthema Prof. Dr. Rita Süssmuth »Migration und Integration: Testfall für unsere Gesellschaft« Einführung: Migration – Testfall für Zukunftsfähigkeit Migration und Integration sind Themen von großer sozialer Sprengkraft. Sie sind Grund für heftigste Auseinandersetzungen zwischen jenen, die ihr Land für Migranten öffnen möchten, und Verfechtern einer strikten Begrenzung und Steuerung der Zuwanderung. Das Themenfeld ist ins Zentrum der Aufmerksamkeit der internationalen Staatengemeinschaft gerückt. Es steht auch auf der politischen Agenda der Europäischen Union weit oben. Die Konflikte zwischen Gewinnern und Verlierern der Globalisierung verschärfen sich. Armutsflüchtlinge aus Afrika oder Lateinamerika versuchen, unter Einsatz ihres Lebens nach Europa oder zu anderen Kontinenten mit besseren Lebensbedingungen zu kommen. Junge Menschen ohne Schul- und Berufsabschluss rebellieren gegen ihre soziale Randstellung und Ausgrenzung. Migranten gelten als Konkurrenten auf dem Arbeitsmarkt. Je fremder die Kulturen der Einwanderer für die Aufnahmegesellschaft sind und je stärker sie sich dort verankern, desto ausgeprägter sind Bedrohungsängste, Vorbehalte und Ablehnung. Seit den Terroranschlägen von hochradikalisierten muslimischen Fundamentalisten werden Migranten als ein Sicherheitsproblem gesehen. Das hat nicht nur in den USA, sondern auch in vielen anderen Ländern restriktivere Verfahren für Neuzuwanderer zur Folge. In einer Reihe von EU-Mitgliedsstaaten sind die Einwanderungsbedingungen verschärft worden, um Zuwanderung von Armutsflüchtlingen zu verhindern, um den Gefahren sozialer Instabilität in den Aufnahmeländern vorzubeugen und Belastungen durch Sozialkosten abzuwenden. Ungelöst ist das Problem der illegal Eingereisten. Integration ist zu einem Schlüsselthema geworden. Vorrangig geht es um Integration in die Bereiche Bildung und Arbeit. Aber im Unterschied zu den Zeiten der Anwerbung der Gastarbeiter mit temporärem Aufenthaltsrecht spielen heute kulturelle und religiöse Spannungen und Konflikte eine dominante Rolle. Das betrifft nicht nur Länder mit einem hohen muslimischen Anteil wie beispielsweise Frankreich und Deutschland, sondern auch Länder wie Dänemark und die Niederlande. An der Frage, ob es in Deutschland und Europa gelingt, mit kultureller Vielfalt kreativ und friedlich umzugehen, entscheidet sich unsere Zukunftsfähigkeit. Die Aufnahmegesellschaften fürchten um ihren politischen und sozialen Zusammenhalt, um den »Verlust« der eigenen Kultur. Sie erwarten von den Zuwanderern die Übernahme ihrer Werteordnung und die Identifikation mit ihren Lebensweisen. Oft ist Assimilation gemeint, wenn von Integration die Rede ist. In den vergangenen Jahrzehnten hat eine starke Einwanderung nach Europa stattgefunden. Europa ist mit heute 56 Millionen Migrantinnen und Migranten der größte Einwanderungskontinent nach den USA. Migrant ist, wer länger als ein Jahr außerhalb seines Herkunftslandes lebt. Es ist schwieriger geworden, als Migrant ein Aufenthaltsrecht in Europa zu erhalten. Der Umgang mit dem weltweiten Phänomen Migration verläuft in Europa zwischen Vermeidung und Öffnung, zwischen Ablehnung und Akzeptanz unter bestimmten Bedingungen. Die Bundesrepublik hat seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs nicht nur 12 Millionen deutsche Flüchtlinge und Vertriebene, sondern auch zwischen vier und fünf Millionen deutsche Aussiedler und Spätaussiedler aufgenommen und integriert. Seit Beginn der 60er Jahre sind Migranten als Arbeitskräfte angeworben worden, aber auch viele Flüchtlinge ins Land gekommen. Deutschland ist ein Einwanderungsland, auch wenn die Politik dieser Realität lange widersprochen hat. Mit der These vom Rotationsland Deutschland wurde auch gegen die Integration argumentiert. Die deutsche Politik hat sich bis heute nicht dazu durchringen können, ein schlüssiges, widerspruchsfreies Migrations- und Integrationskonzept auf der Grundlage eines möglichst breiten Konsenses zwischen den Parteien und in der Gesellschaft öffentlich zu vertreten. Unser Land hat in den zurückliegenden Jahrzehnten immer wieder eine hohe Aufnahmekapazität und Integrationskraft unter Beweis gestellt. Dabei hat es gewiss auch krisenhafte Situationen mit erhöhter Ausländerfeindlichkeit gegeben. Angesichts der hohen Ansprüche an Bildung, Ausbildung und den Umgang mit kultureller und ethnischer Vielfalt sind jedoch neues Denken und kreative Lösungen für die Integration erforderlich. Diese brauchen wir für unser Zusammenleben und unsere Zukunftsentwicklung, denn je mehr Einwanderer von der Integration ausgeschlossen sind, desto größer ist die Gefahr der gesellschaftlichen Spaltung und der damit verbundenen sozialen und politischen Instabilität. Deutschland konzentriert sich gegenwärtig auf die nachholende Integration der zweiten und dritten Migrantengeneration und hält bei der Zuwanderung an einem restriktiven Kurs fest. Doch es ist eine Wende im Denken zu beobachten. Öffentliche Erklärungen wie »Lasst uns die Integration zur Erfolgsgeschichte machen« oder »Migranten sind ein Gewinn für unser Land« sind neu. Die zu meisternde Herausforderung ist ein Testfall für unsere Zukunftsfähigkeit. Abschottung durch Anforderungen, die kaum ein Migrant erfüllen kann, Vorrang der Rückkehr vor Verbleib auch bei langjährigem Aufenthalt im Aufnahmeland, keine Legalisierung von irregulären Zuwanderern, Arbeitsverbote und Aufhebung der Sozialhilfe oder Umwandlung in Sachleistungen sind die bekannten Reaktionen vieler Staaten. Sie verschärfen die Gettoisierung und polarisieren, sie lösen die Probleme nicht, sondern vermitteln allenfalls der Bevölkerung das trügerische Gefühl, Migranten würden durch eine solche Politik abgeschreckt und nicht mehr kommen. Solche Maßnahmen haben vordergründig Erfolg, lösen aber weder die Zuwanderungs- noch die Integrationsprobleme. Die legale Zuwanderung nimmt ab, die irreguläre Zuwanderung steigt. Sie wird für Deutschland auf eine Million, weltweit auf 15 bis 30 Millionen geschätzt. Ohne kontrollierte Öffnung für legale Zuwanderung werden die Konflikte wachsen, nicht abnehmen. Die Beziehungen zwischen den reichen und den armen Staaten werden von weniger Bereitschaft zur Kooperation bestimmt sein und zu mehr Konfrontation und Feindseligkeit führen. Daher brauchen wir eine Politik, die für Aufnahme- und Herkunftsländer eine Win-Win-Situation, das heißt Vorteile für alle, schafft. Eine Weltbevölkerung von heute 6,9 Milliarden Menschen, die nach wissenschaftlichen Prognosen in den nächsten Jahrzehnten um weitere 3 Milliarden wachsen wird, löst einen erhöhten Migrationsdruck aus. Der Millenniumskampf gegen Armut ist eine Antwort. Eine andere ist die Verknüpfung von Migrations- und Entwicklungspolitik. Einzubeziehen ist auch die demografische Entwicklung. Alternde Bevölkerungen mit stark abnehmenden Geburtenraten brauchen eine begrenzte Zahl von Zuwanderern, um die mit diesem Wandel verbundenen Probleme beherrschbarer zu machen. Die Europäische Kommission führt uns mit ihren Daten vor Augen, dass sich das Arbeitskräftepotenzial in den EU-Staaten aufgrund der demografischen Entwicklung bis 2030 um 20 Millionen Menschen verringert. Das hat Konsequenzen für die Steuerung der Zuwanderung, die aber in Deutschland auf die Zeit nach 2015 vertagt werden soll. Globalisierung mit ihren grenzüberschreitenden Prozessen und weltweiten Vernetzungen hat entscheidenden Einfluss auf Mobilität und Migration. Sie wird anhalten und die Belegschaften der Wirtschaftsunternehmen werden sich zunehmend multiethnisch und multikulturell zusammensetzen. Diversität ist eine menschliche Ressource, ein Humanpotenzial, das eine größere Rolle in international operierenden Firmen spielt. Deutschland muss sich auf diese multiethnischen Entwicklungen des Arbeitsmarktes einstellen, wenn es sich nicht isolieren will. Die Frage, wer und wie viele Zuwanderer mit welchen Kompetenzen kommen sollen, das entscheiden die Staaten in eigener Souveränität. Doch vermehrt setzt sich die Erkenntnis durch, dass kein Staat für sich allein diesen Bereich zu regeln vermag. Zu groß sind die Verflechtungen und Abhängigkeiten der Staaten untereinander. Notwendig sind transnationale Regelungen mit transparenten Kriterien und klaren Abgrenzungen zwischen nationalen und transnationalen Zuständigkeiten. Die Mitgliedsstaaten der EU haben sich Ende der 90er Jahre in Tampere nach langen Diskussionen darauf geeinigt, diesen zentralen Politikbereich zu einem Teil der europäischen Gesetzgebung zu übertragen. Die Frage ist stets, ob bei mehr Vergemeinschaftung den unterschiedlichen Interessen der Mitgliedsstaaten hinreichend Rechnung getragen wird. Außerhalb der EU, in den so genannten Drittstaaten, wird Europa eher als eine Festung wahrgenommen, die die Zuwanderung begrenzt und die Auswahl der Migranten ausschließlich an den ökonomischen Interessen der Mitgliedsländer ausrichtet. Neue Ansätze zum Umgang mit Armutsmigranten und illegalen Grenzübertritten sind Teil des in Planung befindlichen Arbeitsprogrammes der Europäischen Kommission. Die Probleme sind hochkomplex und mit den bisherigen Mustern der Politik nicht mehr zu lösen. Grenzzäune gegen unerwünschte Migranten mögen eine kurzfristige Notmaßnahme sein, eine Lösung sind sie nicht. Migranten sind nicht nur ein Problem, sondern auch Teil der Problemlösung. Sie leisten ihren menschlichen Beitrag in Herkunfts- und Aufnahmeländern. Sie beteiligen sich intensiv an der Integration und bringen ihre Vorstellungen zur Migrations- und Integrationspolitik auf nationaler und internationaler Ebene ein. Zwar ist die zukünftige Entwicklung der Migration nur bedingt vorauszusagen. Aber die mit ihr verbundenen Chancen und Herausforderungen sind bekannt. Trotz unsicherer und lückenhafter Datenlage zeigen die Berichte von Expertenkommissionen, dass es nicht an Erkenntnissen, sondern an politischer Umsetzung fehlt. Es mangelt auch an der öffentlichen Vermittlung des verfügbaren Wissens. Die Bürgerinnen und Bürger eines Landes brauchen die öffentliche Debatte mit divergierenden Standpunkten. Das setzt Menschen mit Zukunftsverantwortung und Führungskraft voraus. Migration und die mit ihr verbundene kulturelle Vielfalt sind Herausforderungen, die wir positiv annehmen, aber auch verweigern können. Weit mehr als eine Gefahr sind sie eine Chance, die menschliche Zivilisation voranzubringen. Diese Auseinandersetzung zwingt uns auch zu klären, wo wir selbst stehen, was uns wichtig ist, wie wir in Zukunft leben wollen. Dazu gehört es, in Erfahrung zu bringen, wie viel wechselseitiges Verstehen und Miteinander möglich sind und wo wir auf Grenzen stoßen. Viele dieser Grenzen sind von uns selbst errichtet. Sie können aufgehoben werden und uns neue Handlungsspielräume eröffnen. Globalisierung und weltweite Migration sind heute eine Realität, auf die viele Gesellschaften nicht vorbereitet sind. Integration verläuft nirgendwo konfliktfrei, ohne Benachteiligungen und Ausgrenzungen. Doch Länder wie Kanada zeigen der Welt, dass Multikulturalität gelebt werden kann. Migranten werden dort als Gewinn und Multikulturalität als Quelle wechselseitiger Bereicherung wahrgenommen. Das ist auch in Deutschland möglich und erreichbar. -- Der Abdruck erfolgt mit freundlicher Genehmigung der Deutschen Taschenbuch Verlags GmbH & Co. KG, München. Rita Süssmuth: »Migration und Integration: Testfall für unsere Gesellschaft« © 2006 Deutscher Taschenbuchverlag, München -- » merken Dr. Mustafa Ceric Großmufti von Bosnien und Herzegowina What are the common values that the European constitution should contain and how can common principles be asserted? As much as they are universal, the values are common and thus are asserted by all human beings. The most important of all values that are universal and thus common to all are: The value of life, the value of freedom, the value of religion, the value of property and the value of human dignity. So, the European values are common as much as they are universal, and they are universal as much as they are common to all human beings. Take for instance the value of life and the idea of the Ten Commandments: You shall not kill, which means you shall not commit holocaust, you shall not commit genocide, you shall not commit ethnic cleansing. What is more common to all of us than the value of life? And the value of freedom is common to all of us because without freedom our life has no real meaning. Thus, the road from slavery to freedom has been one of the most important journeys in human history. Thus, the value of freedom is an European value which has no price because it was earned by the priceless human blood through many generation. And the value of religion is a common European value in the sense that the Europeans have had the freedom to choose one of the many religions that have been arriving at the European continent throughout history – Judaism, Christianity, Islam as well as many other Eastern religions because it is a hard fact of history that none of these main European religions of today have originated in Europe. All of them have come from the East. God Almighty has not sent any Prophet to any of the European peoples. And the right of property as a means of decent human life is a value of Europe that should be asserted as a common value to all. Europe is now a haven for many people who are getting independent by the fact of the European economical prosperity. And finally, the value of human dignity is a common value that must be developed further in Europe, especially in terms of the fight against xenophobia, racism, anti-Semitism, Islamophobia etc. What are the existing/possible basics of a European identity that not only joins those born here but those who have immigrated from different cultures? Writing in 1751, Voltaire described Europe as “a kind of great republic divided into several states, some monarchical, the others mixed... but all corresponding with one another. They all have the same religious foundation, even if divided into several confession. They all have the same principles of public law and politics, unknown in other parts of the world” (Norman Davies, Europe: A History, Pimlico, London, 1997, 7). In his attempt to demonstrate the unity of European culture, T.S. Eliot wrote in 1946: “The dominant feature in creating a common culture between peoples, each of which has its own distinct culture, is religion... I am talking about the common tradition of Christianity which has made Europe what it is, and about the common cultural elements which this common Christianity has brought with it... It is in Christianity that our arts have developed; it is in Christianity that the laws of Europe – until recently – have been rooted. It is against a background of Christianity that all our thought has significance. An individual European may not believe that the Christian Faith is true; and yet what he says, and makes, and does, will all ... depend on (the Christian heritage) for its meaning. Only a Christian culture of Europe could survive the complete disappearance of the Christian Faith” (Ibid, 9) In regard to the relationship of Europe with other cultures and religions, Hugh Seton-Watson had more inclusive approach when he wrote in 1985: “The interweaving of the notions of Europe and of Christendom is a fact of History which even the most brilliant sophistry cannot undo... But it is no less true that here are strands in European culture that are not Christian: The Roman, the Hellenic, arguably the Persian, and (in modern centuries) the Jewish. Whether there is also a Muslim strand is more difficult to say” (Ibid, 15). How does one deal with people and communities that do not share these “European values”? The broad pluralism of values of the Union should follow these noble principles of human conduct: • the argument of the might of big nations should be replaced by the argument of the right of small nations • the argument of historical myth should be replaced by the argument of historical responsibility • the argument of poor political compromise should be replaced by the argument of strong moral commitment • the argument of sinful behaviour should be replaced by the argument of Adams’s humble repentance • the argument of falsehood should be replaced by the argument of Abraham’s truth • the argument of revenge should be replaced by the argument of Jesus’ love • the argument of war should be replaced by the argument of Muhammad’s peace to all mankind How can we work on a European Identity/European values reasonably? Which role/responsibility do different countries/institutions/religions have in this context? Identity as the continuity of memory! What is European memory if any? What is the continuity of the European memory as its identity? Is it political only? Is it cultural in nature? Is it religious in focus? Is European memory past only? Does Europe have present memory? Does Europe dare to have a future memory with many faiths? Is Europe ready to accept the memory of Islam as its continuity of memory as its multiple identities? I am afraid that Europe is still hesitant to accept the memory of its future in which Judaism and Islam are equal along with Christianity. I see Europe as an open society with multiple identities of a particular political mind, of a unique cultural heart, of a pluralistic religious soul that is happy in its unity of purpose with a diversity of spiritual opportunities. » merken Impulsreferate Einführung und Moderation Dr. Beatrice von Weizäcker – Vorstand der Theodor-Heuss-Stiftung Jürgen Fliege – Integration und Religion | Prof. Dr. Klaus J. Bade – Integration und Politik | Cem Özdemir – Integration und Zivilgesellschaft » merken 1. IMPULSREFERAT – INTEGRATION UND RELIGION Jürgen Fliege | evangelischer Pfarrer Beatrice von Weizsäcker Vorstellung des Referenten Jürgen Fliege ist evangelischer Pfarrer, Autor sowie Moderator im Fernsehen und Radio. Bekannt wurde er durch seine Sendung »Fliege – die Talkshow«, die von 1994 bis 2005 im deutschen Fernsehen lief und für die er im Jahr 1996 einen Bambi erhielt. 1995 gründete er die »Stiftung Fliege«, die Menschen hilft, die in Not geraten sind. Das Geld dafür erhielt er vor allem aus Spenden, die aufgrund seiner Talkshow eingingen. Seine Autobiographie nannte er, in Anlehnung an den allseits bekannten Film »Pferdeflüsterer«, »Menschenflüsterer «. Jürgen Fliege ist beliebt und umstritten zugleich. Er ist bekannt für seine saloppe Redeweise. So spricht er gern von »dem Gauner da oben«, wenn er von Gott redet. Kritiker wie Henryk M. Broder behaupten, Fliege sei ein populistischer Volkstribun, der in der Bevölkerung irrationale Ängste schüre. Andere wiederum schätzen seine direkte Art, mit Menschen zu sprechen und ihnen zuzuhören. Stoff also, der uns gespannt zuhören lässt, was er zum Thema »Integration und Religion« zu sagen hat. Jürgen Fliege Das überhaupt ist die eigentliche Lebenskunst hinter und unter aller Religiosität: Dass beim Erwachsenwerden unserer großen und kleinen Weltreligionen von uns entdeckt wird, dass unser Leben ein Geschenk ist und es nur eine ordentliche Antwort darauf gibt: Es anzunehmen. Als die Zeit gekommen war, sandte Gott 3,5 Millionen Muslime nach Mitteleuropa. Wozu tat Gott das? Die Antwort auf Gottesbotschaften ist immer dieselbe: Aufwachen und sich die Sache anschauen! Also lasst uns aufwachen und die Herausforderung anpacken. Erster Impuls Wir waren in Mitteleuropa nie ein Schmelztiegel, ein »melting pot«, wie Amerika oder vor 2000 Jahren noch Griechenland und Palästina. Wir haben hier keine gewachsene und gestandene Erfahrung, um um unsere religiöse Identität zu kämpfen, um nicht unterzugehen. Religiöse Minderheiten sind ausgewandert. Immer! Bei uns herrscht seit einem dreißigjährigen Krieg im späten Mittelalter die Vorstellung, dass wir so sind, wie alle sind. Denn alle sind wie der Landesfürst. Andere sind daher Fremde. Sie wohnen woanders und sind daher anders. Sie zu integrieren fällt uns schwer. Wir sind mit unserer mittelalterlichen »cuius regio eius religio«–Haltung im multikulten dritten Jahrtausend noch nicht angekommen und nicht integriert. Darum erwarten wir es auch so streng von den Anderen. Sie sind unser Spiegel. Sie sind unsere Projektion. Auch die Protestanten haben ihre Kirchen in den Hinterhöfen der katholischen Dörfer bauen müssen. Und umgekehrt gilt dasselbe. Wenn jetzt also Moscheen im Industrieviertel errichtet werden, fühle ich eine große Empathie, die wohl von meinen protestantischen Vorfahren kommt. Und was die Minarette angeht, durften wir Protestanten jahrhunderte lang keine großen Türme auf unsere Kirchen setzen. Wir brauchen also Geduld. Jetzt aber überfällt uns die Herausforderung von Integration mit aller Macht und Ohnmacht. Dafür sollten wir dem Allmächtigen danken! Was Religion angeht, sind wir vom Faschismus gebrannte Kinder der dritten Generation: Wir sind auch die Kinder- und Enkelgeneration eines missbrauchten Volkes, das mit starken Gefühlen seine Traumata erlebt hat. Millionen hingegebene Frauen und Männer! Die einen als Gebärmaschinen, die anderen als Kanonenfutter und Mörder. Hingabe und große Gefühle sind gefährlich. Es gibt, im Gegensatz zum öffentlichen Bekenntnis, in unserem Land eine große Schwierigkeit, sich Religion anzuschauen. Wo sie ernsthaft und auch fundamentalistisch gelebt wird, weicht die Toleranz. Der Spott signalisiert Angst. Wir sind eine religionslose Gesellschaft. »Sind sie zu stark, sind wir zu schwach!« (Der Werbespruch von Fisherman’s Friends trifft den Nagel auf den Kopf). Hinter allem lauert zudem das aus den Tiefen des kollektiven Unterbewusstseins aufsteigende Wissen, dass »die Anderen« fruchtbar sind und wir nicht. Das Problem der Fruchtbarkeit und Überfremdung wird auf politisch korrekten Ebenen nicht diskutiert. Es ist tabu. Die Angst lässt es nicht zu. Das längst überall tief sitzende Wissen wird von der Unterlegenheit der eigenen Tradition regiert. Ist es dann ein Zufall oder Hinweis, dass sich das Problem der Schwäche und Stärke auf dem wohl entscheidenden Gebiet austobt: Religion? Denn wo Religion, da Zukunft und Fruchtbarkeit! Nur die religiösen (bzw. ethnisch bzw. verwurzelt) gebundenen Kulturen – oder die deren Mischung - bekommen Kinder. Das ist bei der Debatte um unsere Kinderlosigkeit, die in Italien und Spanien, die ebenfalls ihre faschistische Periode hatten, noch nicht im Blick. Das aber hat sogar Papst Benedikt im Blick. Zweiter Impuls »Wir glauben nicht an denselben Gott«, sagt Bischof Huber. Ähnlich formuliert das die Spitze der römisch-katholischen Kirche, wenn sie bei jeder Gelegenheit dafür wirbt, in Europa Migranten für das Christentum zu gewinnen. Diese Position von verschiedenen Göttern ist eines protestantischen Theologen eigentlich unwürdig. Einmal, weil wir eine der drei monotheistischen Religionen sind und nicht jeder an einen anderen Gott glaubt. Und dann: Wir haben uns seit mehr als 200 Jahren bemüht, historisch kritisch über die Entstehung von Religion zu forschen. Wir haben sie seit Luther in ihre Atome zerlegt, so gut es die Wissenschaft vermochte. Wir wissen jetzt, dass neue Religionen, auch unsere, die Elemente alter Religionen nutzen. Neu ist nie die Religion. Neu ist nur die Mischung durch eine so genannte Offenbarung. Aber auch dieses Instrument ist alt. Wir wissen, dass Religionen kulturelle und geografische Eigentümlichkeiten spiegeln und projektieren. Wir wissen, dass eine Religion nichts anderes ist als die seelische Heimatkunde einer bestimmten Kultur. Ihre Akzeptanz beruht auf Plausibilität und nicht auf allgemeinverbindlicher Wahrheit. Und endlich müssten wir uns mit den Schwestern und Brüdern muslimischer Traditionen leichter tun. Schließlich waren sie die ersten, die den jungen Monotheismus in Judentum und Christentum von einer aufkommenden Priesterkaste und Hierarchie befreiten und einen Unterschied sahen zwischen der Lehre des Rabbi Jesus und dem in der frühen Kirche aufgekommenen Opferkult um seine Person. Dritter Impuls Wenn wir miteinander auskommen wollen (von Integration ist noch nicht die Rede), wäre es für uns sicher auch hilfreich, gemeinsam über Funktion und Sinn von Religion zu reden. Was ist Religion überhaupt? Daran hat das 19. Jahrhundert gearbeitet. Das vergangene schon nicht mehr. »Religion ist das Gefühl elementarer Abhängigkeit« (Schleiermacher). Dieses Gefühl sorgt mit seiner Rückbindungsorientierung für den Zusammenhalt der einzelnen Kulturgruppen untereinander. Unser Gewissen dient der Familienbindung über Generationen hinweg und hindert den Einzelnen am Ausstieg zum Wohle aller. Das Gefühl sorgt aber auch für den Zusammenhalt der Menschen mit Himmel und Erde, mit den Lebenden und den Verstorbenen. Religion ist Heimatkunde der Seele, geprägt durch den konkreten Ort ihrer Entstehung und Erfahrung: Wüste und Wüstengott, Fruchtbarkeit und Fruchtbarkeitsgötter. Religion ist also nicht in erster Linie Ethik. Religion ist in erster Linie Mystik (Gotteserfahrung). Erst die Mystik. Dann die Ethik! Das kommt bei den Integrationsdebatten völlig zu kurz. Wie wollen wir über eine gemeinsame Ethik streiten, wenn wir nicht einmal den Anderen in seinem Anderssein anerkennen? Liebe Deinen Nächsten wie dich selbst, heißt doch: Liebe die Religion eines anderen wie deine eigene. Wenn wir die Angst vor dem Fremden anschauen wollen, dann sollten wir die eigenen Gotteserfahrungen stärken lernen. » merken 2. IMPULSREFERAT – INTEGRATION UND POLITIK Prof. Dr. Klaus J. Bade | Historiker, Publizist und Politikberater Beatrice von Weizsäcker Vorstellung des Referenten Professor Klaus J. Bade ist Historiker, Publizist und Politikberater. Sein Schwerpunkt liegt in der Migrationsforschung. 1982 gründete er das Institut für Migrationsforschung und Interkulturelle Studien (IMIS) der Universität Osnabrück, das er bis heute leitet. Im Jahr 2000 legte Klaus Bade die erste europäische Gesamtdarstellung zum Thema Migration vor. So ist es kein Wunder, dass unser Gast ein begehrter Redner nicht nur in Deutschland, sondern in ganz Europa ist. Umso glücklicher sind wir, dass er heute bei uns ist. Im August 2004 sagte Klaus Bade: Die Politik müsse »den Deutschen klar (…) machen, was sie von der Zuwanderung haben. Dazu muss man den Menschen die Wahrheit sagen, damit sie begreifen, dass von ihrer eigenen, ganz persönlichen und privaten Zukunft die Rede ist.« Wir sind gespannt, welche »Wahrheiten« er uns heute sagt. Klaus J. Bade »Integration und Politik – oder: Versäumte Integrationschancen und nachholende Integrationspolitik« 1. Versäumte Integrations- und Gestaltungschancen Migrations- und Integrationspolitik sind Zentralbereiche der Gesellschaftspolitik in einem Einwanderungsland. Das wird heute auch im Einwanderungsland Deutschland zunehmend anerkannt. Lange war das Gegenteil der Fall; denn in Deutschland gab es bis zum Vorabend der Jahrhundertwende ein gesellschaftliches Paradox: Eine Einwanderungssituation ohne Einwanderungsland. Folgenreiche Versäumnisse existierten dabei auf beiden Seiten: Es gab sie bei der so genannten »Aufnahmegesellschaft«, die in Wirklichkeit in stetem Wandel war und in der längst auch Millionen von Zuwanderern zu Einheimischen geworden waren. Und es gab sie auf Seiten der vielgestaltigen Zuwandererbevölkerung, die vor dem Eintreffen der Aussiedler/Spätaussiedler in größerer Zahl vor allem aus jenen Arbeitswanderern bestand, die man im Volksmund lange ›Gastarbeiter‹ nannte. Zu konstatieren war insgesamt ein Wandel von der Arbeitswanderung über Daueraufenthalte mit offenem Zeithorizont zu einer echten Einwanderungssituation, mithin ein Wandel von einer Zuwanderer- zu einer Einwandererbevölkerung. Dieses Hinübergleiten in einen echten Einwanderungsprozess wurde von vielen der seit Mitte der 1950er Jahre zugewanderten ausländischen Arbeitskräfte lange nicht zureichend erkannt. Es fehlte deshalb oft an Verhaltensformen, die bei nach beruflich-sozialem Aufstieg im Einwanderungsland, also in ihrer bewusst gewählten neuen Heimat, strebenden Einwanderern erwartbar sind. Das galt nicht nur für das Bemühen um den Erwerb der Staatsangehörigkeit des Einwanderungslandes, den freilich längere Zeit auch einzelne Herkunftsländer (z.B. die Türkei) erschwerten. Es galt zum Teil auch für das Bemühen um zureichenden Spracherwerb sowie um Bildung, Ausbildung und berufliche Qualifikation der zweiten Generation über das Niveau der un- bzw. angelernten Beschäftigungsverhältnisse hinaus, für die die ›Gastarbeiter‹ seit Mitte der 1950er Jahre zumeist angeworben worden waren. Hinzu kam die Wirkung wachsender Abwehrhaltungen des widerwilligen Einwanderungslandes: Zuwanderung wurde immer seltener als Hilfe von außen und immer häufiger als soziale Belastung im Innern verstanden. Das war für die Zuwanderer, jenseits ihrer alltäglichen persönlichen Akzeptanz, in den politischen und publizistischen Diskursen unverkennbar. Solche Brüskierungen haben bei vielen dauerhaft im Lande lebenden Ausländern und ihren Familien mentale Verletzungen hinterlassen, die die davon nicht betroffene Mehrheitsgesellschaft kaum nachvollziehen konnte. Deshalb hat die Zuwandererbevölkerung eine zum Teil deutlich andere, intergenerativ unterschiedlich gebrochene Erinnerung an die Einwanderungs- und Integrationsgeschichte in Deutschland als die Mehrheitsgesellschaft ohne Migrationshintergrund. Gelingende Integration aber setzt nicht nur Integrationsbereitschaft bei der Zuwandererbevölkerung, sondern auch Akzeptanz bei der Mehrheitsgesellschaft voraus. Aus beidem muss ein Mindestmaß an gegenseitigem Grundvertrauen resultieren, das Einwanderern, die beim Erwerb der deutschen Staatsangehörigkeit in aller Regel ihre staatsbürgerlichen Bindungen zum Herkunftsland aufkündigen müssen und damit auch dessen Schutz im Ausland verlieren, dauerhafte Sicherheit im Einwanderungsland signalisiert. Dieser Umstand trägt sicher bei zur Erklärung der krassen jährlichen Unterschiede zwischen den bundesweit seit Jahren rückläufigen Einbürgerungszahlen und den Rekordziffern (Zuwachs um 15 Prozent von 2004 auf 2005) in Berlin, wo intensive Vertrauenswerbung um Einbürgerung insbesondere unter jüngeren Ausländern betrieben wird. Anders gewendet: Ein Einwanderungsland wider Willen sollte sich über gelegentlich widerwillige Einwanderer nicht wundern. Frühe Forderungen der 1980er Jahre, unter anderen auch von mir, entsprachen im Kern bereits dem, was heute unter der Maßgabe ›Fördern und Fordern‹ bei Neuzuwanderern für selbstverständlich gehalten wird. Dagegen stand der unantastbare, ebenso wirklichkeitsfremde wie gesellschaftlich folgenschwere Dementi- Konsens ›Die Bundesrepublik ist kein Einwanderungsland‹. Er blockierte, von wenigen Ausnahmen in den politischen Parteien abgesehen, die Aufnahme solcher Anregungen. Dieser Dementi- Konsens hat der Mehrheitsgesellschaft und der Bevölkerung mit Migrationshintergrund die Akzeptanz der Einwanderungssituation unnötig erschwert. Das gleiche galt für die Akzeptanz der sich immer deutlicher herausbildenden Einwanderungsgesellschaft, die die Mehrheitsgesellschaft und die Bevölkerung mit Migrationshintergrund einschließt. Ich erinnere mich in dieser Hinsicht noch gut an meine vergebliche Kritik an der ›demonstrativen Erkenntnisverweigerung‹ in den politischen Diskussionen der frühen 1980er Jahre und an meine Warnung vor deren sozialen Folgen, die heute vielerorts zu besichtigen sind. Demonstrative Erkenntnisverweigerung gab es sogar retrospektiv: Ein ehedem höchstrangiger Beamter des Bundesinnenministeriums, den ich bis dahin zwar dem Namen nach, aber nicht persönlich kannte, stellte sich mir 1996 – bei einem Empfang anlässlich der Übergabe eines von mir mitverfassten deutsch-amerikanischen Beratungspapiers an die Bundesregierung in Bonn – mit dem Bemerken vor: Er sei derjenige, der Anfang und Mitte der 1980er Jahre »alles verhindert« habe, was ich seinerzeit gefordert hätte unter den Stichworten ›Einwanderungsland‹, ›Einwanderungs- und Eingliederungspolitik‹, wie wir das damals nannten. Ich fragte ihn, wer denn nun, rückblickend betrachtet, damals Recht gehabt habe: Er mit seiner amtlichen Perspektive, dass die Bundesrepublik ein Einwanderungsland weder sei noch werden dürfe und dass die von uns geforderte aktive Zuwanderungs- und Integrationspolitik deshalb ein falscher Weg sei, der diese Fehlentwicklung nur befördern würde; oder wir mit unserer Perspektive, dass die Bundesrepublik de facto längst auf diesem Weg zum Einwanderungsland sei und dass es deshalb wichtig sei, diesen Weg durch konzeptorientierte Zuwanderungssteuerung und Integrationsförderung zu begleiten, damit es nicht zu migrationspolitischen Fehlsteuerungen komme und uns nicht integrationspolitisch am Ende eine ganze Generation verloren ginge. Da antwortete mein Gesprächspartner selbstbewusst: Rückblickend betrachtet hätten wir da schon Recht gehabt – »aber das konnten Sie damals doch gar nicht wissen!« 2. Innovationsschritte in Migrations- und Integrationspolitik Vieles hat sich seither geändert. Prominente politische Stimmen sprechen heute nicht mehr nur von Integrationsdefiziten bei der Zuwandererbevölkerung, sondern auch von Defiziten der Integrationspolitik in Deutschland, von historischen Versäumnissen in Problemakzeptanz und Gestaltungsbereitschaft: Heute werden Stichworte, die wir seit den späten 1970er und frühen 1980er Jahren in die Debatte geworfen haben, beherzt neu entdeckt. Literaturkenntnis schützt vor Neuentdeckungen. Aber auch ungeschützte Neuentdeckungen können verspätet produktive politische Folgerungen zeitigen, was nur erfreulich ist. Wenn die sozialen Folgen der historischen Verspätungen in Erkenntnis- und Gestaltungsbereitschaft gesellschaftlich nicht so belastend wären, könnte man dies gelassen hinnehmen in Erinnerung an Victor Hugo, der einmal gesagt hat, nichts sei mächtiger als eine Idee, deren Zeit gekommen ist. Die Veränderung der politischen Diktionen signalisierte, dass sich die politischen Einschätzungen von Migration und Integration im Anschluss an den auf den verschiedensten Ebenen zu beobachtenden pragmatischen Integrationsprozess der 1980er Jahre zu wandeln begannen. Der im engeren Sinne legislative Wandel kam in vier Innovationsschritten: Ein erster Innovationsschritt war 1990 – nach immer wieder folgenlosen Ankündigungen während der 1980er Jahre – die Reform des Ausländerrechts unter Bundesinnenminister Wolfgang Schäuble. Der zweite Innovationsschritt kam erst ein Jahrzehnt später, im Jahr 2000, mit der Reform des Staatsangehörigkeitsrechts unter Bundesinnenminister Otto Schily. Der dritte Innovationsschritt kam im Jahr 2005 durch das ebenfalls von Bundesinnenminister Otto Schily initiierte Zuwanderungsgesetz. Einen vierten, vorwiegend politischen, Innovationsschritt auf Bundesebene, der ganz auf Integrationsfragen konzentriert ist, bildeten 2006 der Integrationsgipfel von Bundeskanzlerin Angela Merkel in Kooperation mit der Beauftragten der Bundesregierung für Migration, Flüchtlinge und Integration, Staatsministerin Maria Böhmer, sowie, damit verschränkt, die Deutsche Islam-Konferenz (DIK) von Bundesinnenminister Wolfgang Schäuble. Es geht also insgesamt deutlich voran. Wir sollten uns indes vor historisch-politischen Legendenbildungen hüten, etwa in Gestalt der aktuellen politischen Einschätzung, dass das, was in Sachen Integrationsförderung als Gesellschaftspolitik heute, 25 Jahre nach den frühen vergeblichen Appellen, endlich in Gang gebracht wird, vorher gesellschaftlich und politisch gar nicht möglich gewesen sei, von der besonderen Situation der frühen 1990er Jahre einmal abgesehen. Es erschien nur lange gesellschaftlich nicht möglich, weil es politisch nicht gewollt bzw. mit der ebenso trotzigen wie hilflosen Beschwörungsformel ›Die Bundesrepublik ist kein Einwanderungsland‹ verdrängt wurde. Und was man verdrängt, das kann man nicht gestalten. 3. Selbstlähmung durch kleinteilige Ersatzlösungen Die migrationsrechtlichen und -politischen Innovationsschritte wurden durch das Einziehen von unflexiblen und deshalb am Ende als Selbstlähmung wirkenden kleinteiligen Sperrriegeln erschwert. Das galt, um nur zwei Beispiele zu nennen, für die Streichung des (in Tschechien sogar im Sinne des ersten Entwurfs des deutschen Zuwanderungsgesetzes übernommenen) flexiblen Punktesystems zur Auswahl von Einwanderern mit Hilfe variabler Kriterien nach Maßgabe des erfolgreichen kanadischen (und mittlerweile auch schon englischen) Vorbilds. Und es galt für die Abschaffung des im Vorgriff auf das Gesetz schon 2003 von Bundesinnenminister Schily einberufenen unabhängigen Sachverständigenrates für Zuwanderung und Integration (Zuwanderungsrat). Die Streichung des Punktesystems und die Abschaffung des unabhängigen Sachverständigenrates für Zuwanderung und Integration haben Deutschland hinter europäische Einwanderungsländer zurückgeworfen. Das gilt z. B. für England, die Niederlande oder Schweden, in denen es konzeptorientierte aktive Zuwanderungspolitik und eine unabhängige wissenschaftliche Integrationsberatung gibt, die inzwischen auch Teil der Integrationsagenda der EU vom 1. September 2005 wurde und durch die in Deutschland verbreitete abhängige Ressortforschung mit fallweise ausgelagerten Expertisen und Forschungsaufträgen nicht zu ersetzen ist. Die Migrations- und Integrationspolitik in Deutschland steht infolgedessen heute ohne kontinuierlich begleitende hochrangige wissenschaftliche Beratung und ohne ein zentrales und flexibles Steuerungsinstrumentarium da. Und das in einer Zeit, in der die Ab- und Auswanderung qualifizierter Kräfte wächst, die Zuwanderung solcher Kräfte schrumpft und die Wirtschaft bei günstiger, vom Aufschwung forcierter Auftragslage über zunehmende Behinderungen durch Fachkräftemangel klagt. Die Abnahme erwünschter Zuwanderungen wurde migrationspolitisch noch forciert durch eine weitere Fehlentscheidung. Ihr besonderes Gewicht resultierte aus dem Zusammenwirken von drei kleinteiligen Stellschrauben, die im Zusammenhang des Zuwanderungsgesetzes anstelle einer großen flexiblen Gesamtlösung (Punktesystem) implantiert und aus Angst vor Zuwanderung sogleich restriktiv überdreht wurden. Sie standen in der Tradition protektionistischer Arbeitsmarktpolitik. Sie sollten also dem Schutz des Arbeitsmarktes in Deutschland vor unnötiger ausländischer Konkurrenz dienen. Sie wirkten aber auch, wie seinerzeit von verschiedenen Sachkennern warnend vorausgesagt, allesamt gemeinsam zum Konkurrenznachteil im ›Kampf um die besten Köpfe‹, in dem Deutschland bereits weit abgeschlagen ist. Das wurde umso deutlicher vor dem Hintergrund des konjunkturellen Aufschwungs mit wachsendem Bedarf an qualifizierten Arbeitskräften und zunehmenden Klagen von Arbeitgebern über entsprechenden Arbeitskräftemangel am deutschen Markt: Schraube 1: Zuwanderungswillige ausländische Unternehmer bzw. Existenzgründer wurden abgeschreckt durch die Auflage, mindestens 1 Million Euro zu investieren und mindestens 10 Arbeitsplätze zu schaffen. Schraube 2: Die gleiche Wirkung zeitigte die Bindung der Zulassung von ausländischen Hochqualifizierten an ein vom Arbeitgeber zu bietendes jährliches Brutto-Einstiegsgehalt von mindestens 84.000 Euro. Schraube 3: Das – vor allem im Sinne der Leitlinien der Entwicklungsförderungspolitik zuvor definitiv nicht vorgesehene – Verbleiben von durch deutsche Bildungsinvestitionen höchstqualifizierten Ausländern, in der Regel Absolventen deutscher Universitäten oder Fachhochschulen, wurde im Zuwanderungsgesetz zwar ermöglicht, aber zugleich erschwert. Die gemeinsame Wirkung der drei überdrehten Stellschrauben war eine erwartbare und von Wissenschaft und Wirtschaft vorausgesagte Selbstlähmung, die schließlich auch von der Politik erkannt wurde. Die Fehlentscheidungen kann man auf zweierlei Weise korrigieren: entweder durch eine aufwendige, konsensabhängige und auch nur um den Preis des Eingeständnisses politischer Fehlsteuerungen mögliche Gesetzesreform, was der klarere, aber auch schmerzhaftere Kurswechsel wäre; oder durch – im Prinzip auf der Ebene der kleinteiligen Regulierungen mit stetem Nachbessern bleibende – in der Begründung z. B. konjunkturbezogene Korrekturen aus dem bekannten politischen Strategieinventar, in dem verpasste Grundsatzentscheidungen ex post als taktisch kluge Eröffnung von Chancen zur ‚Feinsteuerung’ vorgestellt zu werden pflegen. Gewählt wurde der politisch-taktisch leichtere, die Aufhebung der strategischen Fehlentscheidung umgehende Weg, zunächst bei der Zulassung von Selbständigen bzw. Existenzgründern: Unter wachsendem öffentlichem, aber auch politischem Druck wurde bei dem am 28.3.2007 von der Bundesregierung beschlossenen Reformpaket zum Zuwanderungsrecht schließlich noch die Absenkung der Zuwanderungshürden für Unternehmer bzw. Existenzgründer von 1 Million Investitionskapital und 10 Arbeitsplätzen auf die Hälfte zugestanden. Ob das – zumal bei dem Fortbestehen von zahlreichen, ausländische Selbständige bzw. Existenzgründer mitunter abschreckenden, betriebs- und arbeitsrechtlichen Überregulierungen – genügen wird, bleibt abzuwarten. Die geforderte Erleichterung der dringend benötigten Hochqualifiziertenzuwanderung blieb – bei mit dem Wirtschaftsaufschwung und der Abwanderung einheimischer Spitzenkräfte ständig steigendem Bedarf – auch bei der mit der Reform des Aufenthaltsrechts gebotenen Korrekturchance wider Erwarten abermals aus, während der Druck der Wirtschaft und ihrer Verbände, aber auch aus den Reihen der Politik ständig wuchs. 4. Nachholende Integrationspolitik Wir sollten das neue System einer konzeptorientierten Integrationspolitik auf insgesamt drei Säulen stellen, die ich ›präventive‹, ›begleitende‹ und ›nachholende Integrationspolitik‹ genannt habe: Diese Säulen sind zum Teil auch deswegen nötig, weil es in Deutschland wegen der erwähnten folgenreichen Entscheidungen im Vorfeld des Zuwanderungsgesetzes kein dem kanadischen Punktesystem auch nur annähernd vergleichbares kriteriengestütztes und flexibel gestaltbares System zur Zuwandererauswahl gibt. Säule 1: Es kommt darauf an, im Rahmen des Möglichen stärker auf die beruflich-soziale Passfähigkeit und damit vor allem auf die Qualifikation der Neuzuwanderer zu achten. Die muss nicht immer erst mühevoll und teuer hierzulande nachgebessert werden. Sie kann auch im Ausland schon vorbereitet werden. Diese ›präventive Integrationspolitik‹ wird in Ansätzen bereits praktiziert bei Spätaussiedlern und Juden aus der GUS, bei deren anderweitig geregelter Zuwanderung ein Punktesystem als solches ohnehin nicht greifen würde. Säule 2: Was vom Zuwanderungsgesetz für den Weg in und durch den Integrationsprozess selbst vorgesehen ist, habe ich ›begleitende Integrationspolitik‹ genannt; denn Integrationspolitik funktioniert nicht im Passiv. Sie kann immer nur fördernde und nötigenfalls auch fordernde Begleitung des wesentlich eigendynamischen Integrationsprozesses sein. Gäbe es eine Einwandererauswahl nach Kriterien, dann wäre auch dies, vom Familiennachzug und anderen gesetzlich geschützten Präferenzgruppen abgesehen, weniger dringlich. Säule 3: Wo es anhaltend klemmt, sollte, ebenfalls nach der Maßgabe ›Fördern und Fordern‹, nachgebessert werden durch das Konzept, das ich ›nachholende Integrationspolitik‹ genannt habe: Nachholende Integrationsförderung ist die wichtigste Säule der Integrationspolitik in Deutschland; denn die Zahl der dauerhaft im Lande lebenden Menschen mit Migrationshintergrund, die niemals die heute für selbstverständlich erachteten Eingliederungshilfen erhalten haben, übersteigt um ein Vielfaches die stets weiter schrumpfende Gruppe der Neuzuwanderer. Nachholende Integrationspolitik ist eine heute unumgängliche integrationspolitische Reparaturmaßnahme auf Grund von Versäumnissen bzw. Verspätungen in der konzeptorientierten Migrations- und Integrationspolitik. Sie wäre – ebenso wie begleitende Integrationsförderung im Sinne des Zuwanderungsgesetzes - in diesem Umfang nicht nötig, wenn es die schon vor Jahrzehnten immer wieder vergeblich geforderte Implantation eines z. B. tendenziell dem kanadischen Punktesystem entsprechenden Auswahlmechanismus bei der Zulassung von Zuwanderern gegeben hätte. Abschließend ein Blick auf eine strukturelle Paradoxie im deutschen Wohlfahrtsstaat. Sie macht einerseits die unabdingbare Reparaturpolitik der nachholenden Integrationsförderung dauerhaft dringlich. Und sie reproduziert andererseits über strukturelle Faktoren stets aufs Neue einen Teil ihrer Ursachen. Sie betreffen ebenso auch in zentralen Bereichen der Gesellschaft nur mehr bedingt integrierte Menschen ohne Migrationshintergrund. Das gilt besonders für das in seinen Wirkungen arbeitsmarktpolitisch kontraproduktive System der Transferleistungen in Deutschland. Es entlarvte sich selbst zuletzt mit dem unter dem Schlüsselbegriff »Hartz IV« in die Geschichte der sozialstaatlichen Interventionen eingegangene Reformkonzept. Es war ursprünglich durchaus anders gedacht, wurde aber bei der Konsenssuche im Vorfeld des Gesetzgebungsprozesses strategisch so verschnitten, dass es als Fortsetzung der transferpolitischen Lähmung wirkte, die es eigentlich hätte aufheben sollen: In Deutschland wird insbesondere bei nicht oder niedrig qualifizierten Arbeitslosen mit oder ohne Migrationshintergrund, die (jenseits der Arbeitslosen mit krankheitsbedingten Minderungen der Erwerbsfähigkeit) die stärkste Gruppe der Dauerarbeitslosen ausmachen, vorwiegend die Arbeitslosigkeit und nicht die Aufnahme von integrativen Beschäftigungsanreizen prämiert. Das gilt z. B. für Transferleistungen die die Akzeptanz von wohlfahrtsstaatlich gerahmten (z. B. Kombilöhne) Niedriglohnbeschäftigungen widersinnig erscheinen lassen müssen oder die Aufnahme von regulären Nebenjobs im ersten Arbeitsmarkt sogar durch entsprechende Abzüge bestrafen. Solange dies so bleibt, solange wird Integration durch Arbeit wohlfahrtsstaatlich nicht stimuliert, sondern gelähmt, denn: Integration ist möglichst chancengleiche Partizipation an zentralen Schlüsselbereichen der Gesellschaft. Einkommenssichernde Arbeit aber ist, als Grundlage einer eigenständigen Lebensführung, ein Zentralbereich der Integration. Weil also Integration über Arbeit einer der wichtigsten Partizipationszugänge, wenn nicht überhaupt die wichtigste Integrationsschiene ist, wirkt das diese Zugänge für erwerbsfähige und erwerbswillige Arbeitslose blockierende System der Transferleistungen in Deutschland letztlich desintegrativ. Es provoziert damit in einem paradoxen, spiralförmig immer aufwendiger ausgreifenden Kreislauf stets neue, nur bedingt oder auch gar nicht wirkend, weil den Strukturfehler nur fortschreibende Interventionen. Die nur theoretisch bzw. im Sinne der »reinen Ökonomie« logische Schlussfolgerung freilich, nachholende Integrationsförderung und andere direkte oder indirekte staatliche Anreizsysteme im Konzept des ‚Förderns und Forderns’ auszusetzen, solange die strukturellen Blockaden nicht aufgehoben sind, wäre integrationspolitisch Selbstmord aus Angst vor dem Tode; denn die – zweifelsohne auch strukturbedingten – Integrationsdefizite im Blick auf den Arbeitsmarktzugang insbesondere für ungelernte oder niedrig qualifizierte Arbeitskräfte sind aktuelle Ergebnisse historischer Fehlentwicklungen und können bis zur Veränderung der wohlfahrtstaatlichen Rahmenbedingungen nicht sich selbst überlassen bleiben, zumal die damit verbundenen sozialen Kosten auf der Zeitachse ständig weiter wachsen. Wir brauchen deshalb beides zugleich: Die Aufhebung der strukturellen Blockaden und die Bekämpfung ihrer schon eingetretenen sozialen Folgen durch nachholende Integrationspolitik – deren Wirkungen freilich entschieden potenziert würden, wenn die arbeitsmarktpolitisch kontraproduktiven Blockaden fielen. » merken 3. IMPULSREFERAT – INTEGRATION UND ZIVILGESELLSCHAFT Cem Özdemir | Mitglied des Europäischen Parlaments Beatrice von Weizsäcker Vorstellung des Referenten Cem Özdemir ist Sohn türkischer Einwanderer. Er ist Deutscher. Aber so nennt er sich nicht. »Ich bin Inländer«, lautet der Titel seiner Autobiographie aus dem Jahr 1997. 1994 wurde der Sozialpädagoge als erster Abgeordneter türkischer Herkunft in den Deutschen Bundestag gewählt, dem er bis 2002 angehörte. Seit 2004 ist er für die Partei Bündnis 90/Die Grünen Mitglied des Europäischen Parlaments. Der Theodor-Heuss-Stiftung ist Cem Özdemir seit langem verbunden. 1996 erhielt er die Theodor-Heuss-Medaille »für sein beispielhaftes Engagement zum Abbau von Vorurteilen, Berührungsängsten und Feindseligkeiten zwischen türkischen und deutschen Bürgerinnen und Bürgern«. Hildegard Hamm-Brücher sagte im Buch »Demokratie ist keine Glücksversicherung – Vierzig Jahre Theodor-Heuss-Preis« auf die Frage, wie die Stiftung auf ihn gekommen sei: »Özdemir war im Bundestag als ‘schwäbischer Türke’ ein Unikat. (…) Im Parlament hatte es solche Bemühungen (um Integration von Deutschen und Türken) in Gestalt eines Abgeordneten noch nie gegeben.« Seit 2001 ist er Mitglied des Kuratoriums der Theodor-Heuss-Stiftung. Die frühe Auszeichnung durch die Theodor-Heuss-Stiftung zeigt, wie lange er sich vor allem auch um »Integration und Zivilgesellschaft« bemüht. Cem Özdemir Der gesellschaftliche Bereich, im öffentlichen Raum angesiedelt, spielt neben Staat, Wirtschaft und privatem Bereich eine entscheidende Rolle beim Gelingen der Demokratie. Denn weder der Staat noch der Markt können alle Probleme lösen. Bürgerinitiativen, Vereine, Verbände – alles, was wir als soziale Bewegungen, als freiwilliges bürgerschaftliches Engagement bezeichnen, spielt eine wichtige Rolle bei der Gestaltung unseres Gemeinwesens, insbesondere auf der kommunalen Ebene, wo Integration letztlich stattfindet. In Deutschland sind es insbesondere die Stiftungen, die im Bereich der Integration Bemerkenswertes leisten. Sie zeigen dem Staat, dass Integration möglich ist. Zivilgesellschaftliches Engagement, sowohl der aufnehmenden Gesellschaft als auch der Migranten selbst, ist sehr vielfältig. Hier findet Integration als beidseitiger Prozess jenseits staatlicher Politik statt. Das Engagement der aufnehmenden Gesellschaft begann in den 1960er Jahren mit der sozialen Betreuung der Gastarbeiter durch Wohlfahrtsverbände wie Caritas, Arbeiterwohlfahrt und Diakonisches Werk. Sie boten auch rechtliche Beratung und Hilfe bei der Bewältigung von Alltagsproblemen an. Ende der 70er Jahre gründeten sich aus der deutschen Bevölkerung heraus zivilgesellschaftliche Gruppen, die sich bewusst von den Wohlfahrtsverbänden unterscheiden wollten, denen sie paternalistische Strukturen und ein Helfer-Opfer-Denken unterstellten. So kam es zur Gründung des bundesweiten Verbandes der Initiativegruppen in der Ausländerarbeit, des heutigen »Verbands für interkulturelle Arbeit«, der sich für Flüchtlinge und Migranten in Deutschland und Europa engagiert und in dem auch Migrantenorganisationen vertreten sind. Das Engagement der Migranten begann im Laufe der 1970er Jahre mit der Gründung ausländischer Selbstorganisationen. Sie sind in der Mehrzahl homogen nach Nationalität und nur vereinzelt nationalitätenübergreifend, auch deutsch-ausländisch, organisiert und innerhalb der Nationalität und Religion noch einmal unterteilt (z. B. bei den Türken in Kurden, Sunniten, Aleviten, Kemalisten, Kommunisten etc.). Dabei ist die Bedeutung der Herkunftsländer, die dortige politische Lage, finanzielle Unterstützung und politische Ausrichtung nicht zu unterschätzen. Neben den kulturellen und religiösen Vereinen spielen auch die Elternvereine und die Freizeit- und Sportvereine eine bedeutende Rolle. So wird der Erfolg spanischer und griechischer Kinder im deutschen Bildungssystem auch auf die erfolgreiche Interessenvertretung der Eltern zurückgeführt. Auch bei den Spaniern gab es bereits 1973 einen gemeinsamen Bundesverband der Eltern, der sich stark um die Bildungssituation der Kinder kümmerte. Ungeachtet des damaligen politischen Konflikts in ihrem Heimatland ließen sich die spanischen Migranten in besonderem Maße auf die Situation in Deutschland ein und bemühten sich um die Verbesserung der Lebensumstände im Gastland. Als Erfolgsindiz kann gewertet werden, dass ein relativ geringer Anteil von spanischen Schülern in Sonderschulen, hingegen ein hoher Anteil in Realschulen und Gymnasien geht. Und den spanischen Elternvereinen gelang erfolgreich der Generationenwechsel in der Führung: So wirkten sie identitätsstiftend und integrierend zugleich. Türken, Spanier und Griechen waren wegen der Lage in ihren jeweiligen Heimatländern stark politisiert. Während es jedoch bei anderen Nationalitäten Solidarität und einheitliche Interessenlagen gibt, besteht bei den Türken eine starke politische Konkurrenz zwischen den verschiedenen Vereinen. Die Ausrichtung der türkischen Vereine an Ankara ist auch in der Haltung der Bundesregierung begründet, Deutschland sei kein Einwanderungsland und in dem restriktiven Einbürgerungsrecht, das bis Anfang der 1990er Jahre bestand. Doch seit den 1980er Jahren richtet sich der Blick der Vereine zunehmend auf Deutschland und auf die Lage der Migranten hierzulande. So kam es dann 1995 zur Gründung des bundesweiten Elternvereins. Durch die Einrichtung von Ausländerbeiräten als Interessenvertretung der nichtdeutschen Bevölkerung ergab sich eine neue Möglichkeit der Teilhabe auf kommunaler Ebene, auch ohne deutsche Staatsbürgerschaft. Doch heute ist ein starker Rückgang der Beteiligung bei Wahlen zu Ausländerbeiräten festzustellen, die ihren Hauptgrund in der Machtlosigkeit hat. Trotzdem gibt es in immer mehr Städten solche Ausländerbeiräte. Hamburg hat einen Integrationsbeirat, der mit Einzelpersonen und Vertretern von Migrantenorganisationen besetzt ist. In Stuttgart hat der Internationale Ausschuss den früheren Ausländerbeirat abgelöst. Der Ausschuss unter dem Vorsitz von Oberbürgermeister Schuster ist mit Stadträten und sachkundigen Einwohnern besetzt und berät den Stuttgarter Gemeinderat. Entscheidend ist allerdings, welchen Einfluss eine solche Vertretung, die ja keine verpflichtenden Beschlüsse fassen kann, auf kommunaler Ebene reell hat, und ob ihr Rat auch angenommen wird. Die Einschätzung von Selbstorganisationen ist nicht einheitlich. Verstärken sie die Separation und die Entstehung von Parallelgesellschaften? Leisten sie einen Beitrag zur Eingliederung, Integration und Teilhabe? Integration und Selbstorganisation schließen sich nicht per se gegenseitig aus, vielmehr können sie als Brücke in die Gesellschaft dienen. Grundsätzlich sind sie ein wichtiger zivilgesellschaftlicher Faktor. Aus Sicht der Migranten ist ihre Aufgabe, Ungleichheit abzubauen und gegen Diskriminierung zu kämpfen, aus Sicht der Aufnahmegesellschaft sind sie Ansprechpartner und unterstützen den Umgang mit der Vielfalt, die häufig noch Ängste weckt. In der Islamkonferenz spiegeln sich alle diese Elemente – Parallelgesellschaft, Integration und zivilgesellschaftlicher Faktor – wider. Die Bedeutung der Migrantenselbstorganisationen ist im Zunehmen begriffen. Auf der kommunalen Ebene können sie als Partner der Verwaltung eine Brückenfunktion übernehmen und in die Gemeinschaft hineinwirken. Dafür ist allerdings die interkulturelle Öffnung der Verwaltungen notwendig. Bei sozialen und kulturellen Projekten sind sie als Partner unverzichtbar, da sie Zugang zu den Migranten haben. Unverzichtbar ist eine gute Öffentlichkeitsarbeit geworden. Die Migrantenorganisationen müssen eine Situation herbeiführen, in der sie von der Mehrheitsgesellschaft als Ansprechpartner wahrgenommen werden. Deutsche Presseberichte über Migrationsthemen gehen zur Zeit noch viel zu selten auf die Aktivitäten und die Öffentlichkeitsarbeit der Selbstorganisationen zurück. Dies muss sich ändern. Die Migrantenorganisationen selbst müssen das Potenzial der Migranten nutzen lernen, auch indem sie die steigende Zahl von Migranten, die als Autoren, Regisseure, Wissenschaftler und Unternehmer tätig sind, in ihre Arbeit einbinden. Es gibt immer mehr erfolgreiche junge Migranten der zweiten und dritten Generation. Die Organisationen müssen für sie attraktiv werden. Ziele und Themen, die in der weiteren Diskussion berücksichtigt werden müssen: • Die etablierten Organisationen und Vereine, deutsche und nichtdeutsche, sollten sich interkulturell öffnen, denn es ist ja nicht zwingend, dass Migranten sich nur in ihren eigenen Organisationen engagieren • Förderung der Teilhabe und des zivilgesellschaftlichen Engagements von Frauen • Förderung der Professionalität von Mitgrantenorganisationen; Kompetenzerwerb, Beratung (Öffentlichkeitsarbeit, Lobbying, insgesamt Stärkung des kulturellen und sozialen Kapitals) • Anerkennung des Engagements; Migranten als aktive Partner (Integrationslotsen) • Öffentliche Förderung der bzw. ausgewählter Migrantenorganisationen • Immer mehr Kommunen entwickeln Integrationskonzepte oder arbeiten schon damit Aufforderung an die Kommunen, als Teil des Konzepts die Migrationsorganisationen aktiv einzubeziehen • Einführung des kommunalen Wahlrechts für Nicht-EU-Bürger » merken ERGEBNISSE DER DISKUSSION IN DEN ARBEITSGRUPPEN Almut Berger – Integration und Religion | Dr. Reni Maltschew – Integration und Politik | Katja Schütze – Integration und Zivilgesellschaft; ehemalige Stipendiatinnen der Theodor-Heuss-Stiftung » merken Almut Berger | Integration und Religion »Warum hat Religion individuell keine Bedeutung, gesamtgesellschaftlich aber eine sehr hohe? Braucht die demokratische Gesellschaft Spiritualität?« waren die Fragen, die der Moderator an alle Teilnehmer richtete und auf die die Diskussion Antworten suchte. In Deutschland ist Kommunikation über Religion nur schwer möglich; Deutschland scheint das schwierigste Land der Welt für Fromme zu sein. Es herrscht ein Generalverdacht bezüglich aller religiösen Inhalte, ganz gleich, um welche Religion es sich handelt. Die integrationspolitische Bedeutung des Islam für die Muslime in Deutschland liegt in 80 % der Fälle allerdings weniger in der Religion als in der Verbindung zum Herkunftsland, die das identitätsstiftende Moment ist. Die aufnehmende Gesellschaft überblickt diesen Zusammenhang bisher nicht und unterliegt dem Missverständnis, dass es bei den muslimischen Migranten generell primär um religiöse Inhalte geht. Deshalb verharrt sie umso mehr in Angst und Abwehr. Die muslimischen Migranten – und auch ein nicht unerheblicher Teil der Imame, die nicht selbst in Deutschland leben – können ihrerseits, insbesondere aufgrund mangelnder Sprachkenntnisse, nicht zur Klärung dieses Sachverhalts beitragen. So ist es also besonders schwer, zu einer Abstimmung über Werte zu kommen. Die drei großen monotheistischen Religionen haben einen gemeinsamen Ursprung, aber in der Gegenwart dominiert die Suche nach den Unterschieden, die für politische, soziale und gesellschaftliche Zwecke missbraucht werden können, wie nicht nur das Beispiel Irland zeigt. Für den christlich-muslimischen Dialog in Deutschland wäre an erster Stelle der Wissensaustausch wichtig, das Lernen voneinander und übereinander. Die besten Chancen hat der Dialog von Mensch zu Mensch, vor Ort, auf kommunaler Ebene. Ein Problem ist hierbei das bestehende Gefälle in Finanzierung und Ausbildung zwischen christlichen und muslimischen Gemeinden. Ein weiteres gravierendes Hindernis ist der unterschiedliche Grad der Institutionalisierung des Glaubens bei Christen und Muslimen. Die christlichen Kirchen haben ihren Platz in der Gesellschaft, weil sie institutionalisiert sind. Sie könnten den interreligiösen Dialogen mit großer Gelassenheit begegnen, weil sich für sie die Machtfrage nicht mehr stellt. Ihr Status ist geklärt. Um ein Gefälle zwischen Christen und Muslimen zu vermeiden, muss deshalb der gesellschaftliche Anspruch sein, dass die muslimischen Gemeinden sich in kirchenähnlichen Strukturen institutionalisieren, damit es keine Religion zweiter Klasse gibt. Nicht die einzelnen Gläubigen und Frommen sind das Problem, sondern die institutionalisierte Macht. Der Staat kann verlangen, dass ein gewisser Grad an Organisation hergestellt wird. Doch die Mehrheit der Gesellschaft ist nicht zur Akzeptanz des Islam als eine den christlichen Kirchen gleichgestellte Religion bereit. Deshalb müssen die Bemühungen um die Gleichstellung insbesondere mit Antidiskriminierungsmaßnahmen verbunden sein. Da in Deutschland Religiosität und Spiritualität und die individuelle Religionsausübung immer weniger Respekt genießen, ist ein wesentlicher Schritt für das Gelingen von Integration, dass die Schulen ganz gezielt Wissen über die eigene und über andere Religionen vermitteln. Auf den institutionellen Dialog wirkt sich erschwerend aus, dass in unserer Mediengesellschaft die Medien ihre Vorbildfunktion häufig nicht verantwortungsvoll wahrnehmen, wie das Beispiel des Imams einer Leipziger Moschee zeigt, der in einer Polittalkshow als Repräsentant der in Deutschland lebenden Muslime vorgestellt wurde, obwohl er einer muslimischen Sonderrichtung angehört, mit der die Mehrheit der Muslime nichts zu tun hat. Vergleichbar wäre ein einer christlichen Sekte angehörender Gesprächspartner, der in einem muslimisch geprägten Land als Vertreter der christlichen Religionen vorgestellt wird. Wenn so eine Situation nicht mit Beeinflussungsabsicht herbeigeführt wird, so fehlt es zumindest an Differenzierungsvermögen auf der journalistischen Seite. Es gibt das Problem des Fehlens von Religiosität bei Journalisten und der mangelnden religiösen Bildung bei den Redaktionen. Dialoge werden immer als gefährlich und risikoreich erlebt, da sie die Möglichkeit der Veränderung in sich tragen. Damit Begegnungen gelingen können, wäre spirituelle Erfahrung bei allen Beteiligten notwendig. » merken Reni Maltschew | Integration und Politik In der Arbeitsgruppe standen zwei Themenkomplexe im Vordergrund. Zum einen der Integrationsgipfel im Kanzleramt und der Nationale Integrationsplan (NIP) der Bundesregierung und zum anderen notwendige künftige Strategien und Forderungen. Bereits im vergangenen Jahr fand der 1. Integrationsgipfel der Bundesregierung statt, und die Empfehlungen der Arbeitsgruppen für einen Nationalen Integrationsplan der Bundesregierung liegen nunmehr vor. Am 14. Juni 2007 werden die Ministerpräsidenten auf ihrer Konferenz integrationspolitische Eckpunkte beschließen, die in den NIP einfließen sollen. Außerdem fand Anfang der Woche im Kanzleramt ein Jugendintegrationsgipfel statt, bei dem junge Migranten der Kanzlerin ein Ideenpapier übergaben. Auch dieses soll im NIP Berücksichtigung finden. Am 12. Juli 2007 wird der 2. Integrationsgipfel der Bundesregierung stattfinden. Frau Süssmuth, Herr Bade und Herr Mangold vom KZM in Karlsruhe haben in unterschiedlichen Arbeitsgruppen an dem NIP mitgearbeitet und an dem Integrationsgipfel teilgenommen. Sie wurden gebeten, über die Ergebnisse und ihre Erfahrungen zu berichten. Frau Süssmuth bewertete es als positiv, dass der Integrationsgipfel überhaupt stattgefunden hat und ein Integrationsplan erarbeitet worden ist. Mit dem Verlauf und den Ergebnissen kann man ihrer Ansicht nach aber nicht zufrieden sein. Vieles sei bereits »vorgedacht« gewesen, Ideen seien nur aufgegriffen worden »wenn sie in den Rahmen passten«. Als ein Beispiel für die »Selbstlähmung« nannte Frau Süssmuth das Herausfallen des kommunalen Wahlrechts für Migranten aus dem Forderungskatalog. Außerdem sei alles, was Geld koste, gleich gestrichen worden. Ihrer Einschätzung nach sei die Zivilgesellschaft bei der Integration zum Teil viel weiter als die Politik. Die Zivilgesellschaft zu stärken, sei auch Aufgabe von Stiftungen. Ferner dürfe es »keine Empfehlung mehr geben, ohne dass Migranten an der Vorbereitung beteiligt« seien. Eine Quotenregelung für Migranten bei der Besetzung politischer Gremien hält sie für sinnvoll. Herr Bade ist der Ansicht, dass die Ergebnisse des Integrationsgipfels »zwischen Anstößen und Symbolpolitik« lägen. Es habe wohl eine vorbereitete Rednerliste gegeben. Insgesamt würde nicht viel mehr herauskommen, als das, was schon bekannt sei. Nach Auffassung von Herrn Bade betreibt Deutschland eine »suizidale Integrationspolitik«. Beispielsweise sei sein Vorschlag, eine Forschungsarbeit über das Wanderungsverhalten von bestimmten Berufsgruppen (z.B. Ärzten) in Auftrag zu geben, um die Ursachen von Abwanderung zu analysieren und Gegenstrategien zu entwickeln, vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) mit dem Hinweis abgelehnt worden, dass dies alles schon bekannt sei. Frau von Weizsäcker teilte die Ansicht von Frau Süssmuth, dass die Politik der Vergangenheit sich in neuem Gewand immer wiederhole. Seit ihrer Schulzeit in den 70er Jahren wiederholten sich die Themen. Frau Süssmuth ermutigte dazu, dennoch nicht aufzuhören, Forderungen an die Politik zu stellen und die »dicken Bretter weiter zu bohren«. Erforderlich sei nicht nur, die Themen anzusprechen, sondern auch Strategien zur Umsetzung zu entwickeln. Herr Yerli berichtete von seinen Erfahrungen aus der Islamischen Gemeinde in Penzberg. Oft würden die Strukturen innerhalb einer islamischen Gemeinschaft nicht richtig verstanden. Politik und Medien machten jahrzehntelange ehrenamtliche Arbeit leicht wieder kaputt. Nach Ansicht von Herrn Mangold, der in der Arbeitsgruppe »Medien« an dem NIP mitarbeitete, sei zwar »etwas in Bewegung« gekommen. Er kritisierte aber, dass die Fernsehanstalten sehr auf Selbstdarstellung gepolt und nicht so sehr an einer Diskussion zum Bildungsauftrag der Medien interessiert seien. Immerhin sei eine Selbstverpflichtung festgeschrieben worden, wonach Migranten künftig auch verstärkt vor der Kamera präsent sein sollen. Welche Veränderungsprozesse Medien wirklich bewirken könnten, sei bislang noch nicht diskutiert worden. Frau von Weizsäcker verwies in dem Zusammenhang auf die vielfach ausgezeichnete Sendung »Türkisch für Anfänger« als Schritt in die richtige Richtung. Herr Bade bewertete die Integrationspolitik zusammenfassend wie folgt: 1. Die Normalität der Akzeptanz sei noch nicht da. 2. Die Sensibilität für eine Akzeptanz sei noch nicht da. 3. Die konkreten institutionellen Verantwortlichkeiten seien oft unklar. 4. Es fehle an Anerkennung und Aufrichtigkeit in der Integrationspolitik. Herr Jäger vom Interkulturellen Rat stellte die Probleme bei der Gesetzgebung in den Mittelpunkt. Es dürfe nicht so getan werden, als hätte die ganze Integrationspolitik mit Recht nichts zu tun. Abschließend wurde der Theodor-Heuss-Stiftung vorgeschlagen, den Nationalen Integrationsplan der Bundesregierung abzuwarten und diesen dann bei der geplanten Herbsttagung zum Jahresthema einem »Plausibilitätscheck und »Realitätscheck « zu unterziehen (Vorschlag unter anderem von Frau Süssmuth und Herrn Bade). Außerdem müssten neue Allianzen und Bündnisse geschmiedet und neben den Medien auch die Wirtschaft beteiligt werden. Auch hier könnten Stiftungen eine Vermittlerrolle übernehmen. » merken Katja Schütze | Integration und Zivilgesellschaft Aufbauend auf dem Zitat »Alle, die in Stuttgart leben, gehören zu Stuttgart dazu« von Cem Özdemir wurde versucht, eine passende Definition für den Begriff »Zivilgesellschaft« in der heutigen Zeit zu finden. Was bedeutet sie heute? Womit verband man sie in früheren Zeiten? Und welche Rolle spielt dabei das viel benutzte Wort Integration? Die Teilnehmer bereicherten diese Diskussion durch ihre persönlichen Erfahrungen und Ansichten. In früheren Zeiten war eine Gesellschaft über Generationen hinweg zu einem für den jeweiligen Landstrich homogenen Gebilde gewachsen, bei dem sich die von den Menschen geteilten Wertvorstellungen und Erfahrungen angeglichen haben. In der heutigen Zeit setzt sich die wahrnehmbare Zivilgesellschaft zunehmend über die Grenzen von Nationen, Herkunft und identitätsstiftenden Hintergründen hinweg und wird durch viele individuell und spezifisch geprägte Gruppen bereichert. Bei den Schlagwörtern »Integration in der Zivilgesellschaft« denkt man vor allem an das Einleben von Menschen mit Migrationshintergrund. Doch wie stark ist der Migrationshintergrund bei Kindern, deren Urgroßeltern vor fast über einem halben Jahrhundert nach Europa bzw. Deutschland kamen? Wie wird dagegen solch ein Kind in einem Land wie den USA wahrgenommen, wo Migration und eine pluralistische Gesellschaft seit Menschengedenken dazugehören? Ab wann ist man integriert? Wie integriert ist man, wenn man keinen (ursprünglichen) Migrationshintergrund vorweisen kann, aber dennoch nicht zur Mehrheitsgesellschaft dazu gehören will? Wie homogen bzw. heterogen ist eine Gesellschaft, um noch als einheitlich wahrgenommen werden zu können? Was kann die Gesellschaft bzw. jeder Einzelne zur Stärkung der Zivilgesellschaft beitragen, damit sich jeder als Individuum angenommen fühlen kann? Ist nicht vielleicht der Begriff Integration zu idealistisch aufgeladen? Und wenn Integration ein gesellschaftlicher Prozess ist, kann er irgendwann als abgeschlossen gelten und wodurch zeichnet sich das aus? Die Frage besteht auch darin, wie sehr man als Individuum in eine »Massengesellschaft« hineinwachsen muss, und ob in einer demokratischen Gesellschaft die eigene Entwicklung nicht auch gefördert werden sollte. Wie wird die Zivilgesellschaft von ihren Individuen wahrgenommen? Kulturelle und religiöse Unterschiede lösen Befremden aus. Althergebrachte Verhaltensweisen stehen fremden gegenüber. Einige Menschen kapseln sich in kleinen Gruppen von dem, was allgemein als Mehrheitsgesellschaft angesehen wird, ab und bilden unter Umständen Parallelgesellschaften. Oder werden sie von der Mehrheitsgesellschaft ausgeschlossen? Hier stellt sich die Frage, was Integration leisten kann und soll: Akzeptanz der Unterschiede, Bereicherung der Mehrheitsgesellschaft, Gleichmacherei oder das Auseinanderdriften von Gesellschaftsgruppen? Ab wann kann man eigentlich von einer Parallelgesellschaft sprechen? Andere Menschen dagegen vereinen in sich ohne Anstrengung verschiedene kulturelle Prägungen und nutzen die Basis dieses Erfahrungsschatzes für sich und ihre Mitmenschen in der Zivilgesellschaft. Wodurch wird eine Zivilgesellschaft gestärkt, wodurch wird sie geschwächt? Die Teilnehmer kamen überein, dass Bildung des Herzens und Geistes wohl die wirkungsvollsten Möglichkeiten sind, um der Stärkung der Zivilgesellschaft dienlich zu sein. Das Gefühl, etwas geschafft zu haben, dass man dazugehört, unabhängig von seiner Herkunft, sind sehr gute Stimuli, um bei Menschen eine positive Grundstimmung gegenüber ihrem Umfeld zu erzeugen. Am einfachsten wäre es daher, bei den ganz Kleinen anzufangen. Doch dadurch, dass sich in Deutschland die Gesellschaft aus der Kindererziehung bis zum Eintritt in die Schule bisher weitgehend heraushält, sind die Möglichkeiten begrenzt. Aufgrund der finanziellen und kulturellen Abgrenzung einiger Gesellschaftsschichten ist es vor allem in großen Städten bereits zu einer starken Ghettoisierung gekommen, was die Integration erschwert. In den Schulen finden sich viele Kinder unter ihresgleichen wieder. Klassen, in denen 50 – 70 % der Kinder in der Familie eine andere Sprache sprechen als im Schulumfeld, erschweren den Pädagogen die Arbeit. Hilfreiche Unterstützung durch Erwachsene, die als Kinder selbst aus anderen Ländern zugezogen sind, könnten die pädagogische Arbeit der Lehrer unterstützen und den Kindern wie den Jugendlichen, losgelöst vom familiären Umfeld, positive Integrationserfahrungen vermitteln, sei es bei der Hausaufgabenbetreuung, bei der Kinder- und Jugendarbeit in schulischen Nachmittagsveranstaltungen oder in kulturellen Vereinen, die dem Lebensumfeld der Kinder nahe stehen. Ein Teilnehmer fragte, warum es als Problem angesehen wird, wenn muslimische Kinder in die Koranschule gehen, zumal sie in der Schule keine Möglichkeit haben, in ihrer Religion unterrichtet zu werden. In den christlichen Kirchen werden Kinder- und Jugendarbeit ja ebenfalls groß geschrieben. Ein breiter Konsens bestand darin, dass freiwilliges Engagement einer der wichtigsten Pfeiler in der Gesellschaft ist. Leider ist es bisher oft so, dass Menschen mit Migrationshintergrund sich vor allem in ihren eigenen Vereinen engagieren und deutsche Mitbürger in den ihrigen, ein Austausch untereinander jedoch bisher kaum stattfindet. Für viele Teilnehmer besteht ein Teil der Integrationsarbeit auch darin, bei sich selbst anzufangen, sich zu fragen, was man für seine Kinder und die Gesellschaft tun kann, dass man nicht jede Fremdheit als bedrohlich ansieht, sondern als Einladung dazu, mehr über das Gegenüber und damit auch über sich zu lernen. Integration sollte nicht bedeuten, dass Unterschiede beseitigt werden, sondern dass sie in eine breitere, und somit stabilere, Basis von Gemeinsamkeiten münden können.

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Begrüssung Dr. Ludwig Thedor Heuss, Vorsitzender der Theodor Heuss Stiftung Sehr verehrte Frau Professor Süssmuth, sehr verehrter Herr Dr. Ceric, sehr geehrter Herr Minister, sehr geehrter Herr Oberbürgermeister, sehr geehrte Freunde und Förderer der Theodor-Heuss-Stiftung, meine sehr geehrten Damen und Herren, es ist mir eine große Freude Sie auch in diesem Jahr zur 42. Verleihung des Theodor-Heuss-Preises hier in Stuttgart willkommen heißen zu dürfen. Ich begrüße sehr herzlich die beiden Preisträger des diesjährigen Theodor- Heuss-Preises, Frau Bundestagspräsidentin a. D. Professor Rita Süssmuth und das Oberhaupt der bosnischen Muslime, Seine Eminenz Dr. Mustafa Ceric. Seien Sie uns beide gemeinsam mit Ihren Ehegatten ganz herzlich willkommen. Wir sind froh und stolz, Sie heute unter uns zu wissen. Besonders möchte ich auch Sie, liebe Gesine Schwan, willkommen heißen. Als Mitglied des Kuratoriums gehören Sie ja seit 13 Jahren fest zu unserer Stiftung. In einer Analyse zum Themenkreis Religion – Politik – Gewalt lautete eine Ihrer (vielleicht im ersten Augenblick widersprüchlich erscheinenden) Thesen: »Religion befreit den Menschen von innerweltlichen Zwängen und bereitet damit einer freiheitlich-demokratischen Politik den Boden.« Wir sind gespannt, freuen uns, und ich danke Ihnen sehr, dass Sie heute die Laudatio auf unsere beiden Preisträger halten werden. Ich begrüße den stellvertretenden Ministerpräsidenten des Landes Baden-Württemberg, Herrn Ulrich Goll, und freue mich, dass Sie als Vertreter der Landesregierung einige Worte an uns richten werden. Sehr herzlich grüße ich den Oberbürgermeister der Landeshauptstadt Stuttgart und treuen Freund unserer Stiftung, Herrn Wolfgang Schuster. Ich begrüße Petra Bahr, die Kulturbeauftragte der EKD, Cem Özdemir als Mitglied des Europäischen Parlamentes und Kuratoriumsmitglied unserer Stiftung und Gari Pavkovic, den Integrationsbeauftragten der Stadt Stuttgart. Und ich danke Roger de Weck, dass er mit ihnen und den beiden Preisträgern anschließend die Thematik der heutigen Veranstaltung in einem Podiumsgespräch vertiefen wird. Ich grüße den Hohen Repräsentanten für Bosnien und Herzegowina, Herrn Minister a.D. Christian Schwarz-Schilling, und ich grüße den Generalkonsul von Bosnien und Herzegowina hier in Stuttgart, Herrn Dragan Bagaric. Ich grüße die Vertreter der Kirchen, der Kommunen, Behörden und Parlamente. Herzlich willkommen! Meine Damen und Herren, inhaltliche Kontinuität in der Arbeit unserer Stiftung zeigt sich auch in der treuen Verbundenheit ehemaliger Preisträger mit unserer Stiftung. So freue ich mich ganz besonders, mit Horst-Eberhard Richter und Peter Eigen zwei Preisträgern der vergangenen Jahre mein herzlichstes Willkommen auszusprechen. Ein herzlicher Gruß und Dank geht auch an die zahlreichen privaten Förderer unserer Arbeit. Ich nenne hier zuvorderst die Robert Bosch Stiftung, die uns fördert und eine zentrale Stütze unserer Arbeit ist. Ganz besonders herzlich möchte ich an dieser Stelle aber auch all den großzügigen Einzelpersonen danken, die durch namhafte Beiträge an den von Ihnen, lieber Lothar Späth, so hilf- und segensreich geführten Freundeskreis der Theodor Heuss Stiftung unsere Arbeit ideell und materiell unterstützen. Ganz herzlichen Dank! Ich begrüße die Mitglieder von Vorstand, Kuratorium und Freundeskreis unserer Stiftung und nenne stellvertretend Burkhard Hirsch, Klaus von Trotha und Rupert Graf Strachwitz, dem ich für die Vorbereitung der diesjährigen Veranstaltung und die Übernahme des Schlusswortes sehr herzlich danke. Meine sehr geehrten Damen und Herren, erlauben Sie mir an dieser Stelle ein Wort des Erinnerns und der Dankbarkeit an Carl Friedrich von Weizsäcker. Carl Friedrich von Weizsäcker war unserer Stiftung von Anbeginn an eng verbunden, während zwanzig Jahren als eine prägende und formende Persönlichkeit im Kuratorium, danach als Preisträger, als Laudator und Festredner. Wir haben ihm viel, sehr viel zu verdanken. Die Sorge um die Ursachen und die Überwindung der großen Konflikte der Menschheit ist eng an seine Person geknüpft. Wie kaum ein anderer vermochte er in seinem Denken den Bogen von den exakten Wissenschaften über die Politik bis zur Religion zu spannen, vermochte zu klären, Brücken zu bauen und der Vernunft den Weg zu bahnen. Damit steht auch die Betrachtung der Bedeutung der Religion in Hinblick auf gesellschaftliche Integrationsprozesse in Europa, das Thema der diesjährigen 42. Verleihung des Theodor-Heuss-Preises, in der Tradition seines Denkens. Migration ist kein neues Phänomen der Weltgeschichte. Seit Jahrtausenden verlassen Menschen, aus Not unterschiedlichster Ursache, ihre Heimat, um für sich und ihre Kinder das Glück an einem neuen Ort zu finden. Die Geschichte lehrt uns, dass Migration nicht nur Ursache von Konflikten, sondern mindestens ebenso gewiss auch der Boden von Innovation und Erneuerung sein kann. Unsere heutige Zeit ist geprägt vom Prozess der Globalisierung, der zunehmenden internationalen Verflechtung in allen Lebensbereichen. Neben der digitalen Revolution sind es vor allem Fortschritte der physischen Transporttechnologien, die zu den Treibern dieser Entwicklung werden. Mobilität ist ein positiv besetzter Begriff unseres Wirtschaftslebens, der mit Dynamik, Optimierung und Anpassungsfähigkeit an die Bedürfnisse des Marktes assoziiert wird. Der Begriff der Migration hat dagegen im allgemeinen Sprachgebrauch eine kritischere Konnotation, und zwar interessanterweise vor allem dann, wenn nicht individuelle Verfolgung und Bedrohung an Leib und Leben, sondern eben Adam Smiths unsichtbare Hand des Marktes, die Suche nach ökonomischer Daseinsbesserung, Triebfeder der Wanderung ist. Wir haben in den letzten Jahren gelernt, Migration in einer globalen Sicht neu zu verstehen und zu werten. Wir wissen um die positiven Auswirkungen der Abermilliarden Euro privater Transferleistungen von Migranten, die jede Form von zwischenstaatlicher Entwicklungshilfe oder Förderung um ein Mehrfaches übersteigt, wir wissen um die Bedeutung der Migranten für die Erhaltung des Wohlstands in den Einwanderungsländern. Trotzdem tun wir uns, gerade in Europa, schwer mit dem Phänomen der Migration. Kulturelle Vielfalt hat auf unserem Kontinent Tradition, leider oftmals auch ihre hässliche Kehrseite des Hantierens mit Vorurteilen, der aktiven Ausgrenzung und Unterdrückung von Minderheiten. Die Zugehörigkeit zu einer religiösen Gemeinschaft bildete häufig das wesentliche Unterscheidungsmerkmal. Nicht selten lösten sich in der Vergangenheit Phasen eines glücklichen, prosperierenden Zusammenlebens mit solchen furchtbarer Verfolgung und Gewalt ab. Gerade weil wir die europäische Geschichte, die deutsche Geschichte, kennen, weil wir, auch in der längsten Friedensperiode in Mitteleuropa, um die Gefahr der Destabilisierung gesellschaftlicher Kohäsion wissen, muss uns, ganz im Sinne Carl Friedrich von Weizsäckers, Vernunft anleiten, bestehende und potentielle Konflikte zu überwinden. Integration, das heißt zuallererst gesellschaftliche Teilhabe und die Verhinderung von Ausgrenzung. Integration ist heute das Schlüsselthema, wenn es um die Vermeidung sozialer Konflikte in unseren westlichen Gesellschaften geht. Ihr und der Rolle der Religion wollen wir uns heute zuwenden. Meine Damen und Herren, die Vernunft sagt uns, es gibt keine Alternative zu erfolgreicher Integration. Tragen wir dazu bei, dass sie gelingt! » merken Grusswort Prof. Dr. Ulrich Goll, Justizminister des Landes Baden-Württemberg MdL Meine sehr geehrten Damen und Herren, gestatten Sie mir, dass auch ich die Preisträger des heutigen Tages besonders hervorhebe: Frau Rita Süssmuth und Herrn Ceric. Ich freue mich, dass ich Ihnen heute zu diesem schönen Anlass die Grüße und die Glückwünsche der Landesregierung und des Ministerpräsidenten Günther Oettinger überbringen darf. Ich freue mich natürlich auch deswegen, weil ich ja eine Zusatzfunktion habe, die in Ihrem Programm nicht steht, aber für den heutigen Tag von einer gewissen Bedeutung ist. Ich bin auch Integrationsbeauftragter der Landesregierung. Ich habe dieses Amt 1996 angefangen als Ausländerbeauftragter, und wir haben bei der neuen Regierungsbildung, jetzt vor kurzer Zeit, das Amt – das darf man so sagen – ein Stück weit aufgewertet und verändert; genau aufgrund der Bedeutung des Themas, die gerade eben von Herrn Heuss auch schon angesprochen wurde. Wir haben das Profil verändert: Es ist kein Ausländerbeauftragter mehr – es ist ein Integrationsbeauftragter mit einem erweiterten Kreis von Zuständigkeit und Kompetenz, und wir haben auch ein anderes Verständnis gewonnen von Integration. Ich möchte es vielleicht einmal so umschreiben: Integration hat für uns weniger zu tun mit einem Reparaturbetrieb oder mit der Behebung von Defiziten, sondern wir betrachten es eher als ein Thema ungehobener Potentiale. Wenn ich allein daran denke, dass wir den Bildungszugang gerade von Kindern aus Migrantenfamilien verbessern wollen – ein Hauptthema der kommenden Jahre. Integration heißt aber bei uns auch Vermittlung von Werten, von grundlegenden Werten. Integration bedeutet auch, dass wir uns einig sind über die Kultur und Grundlagen des Zusammenlebens in unserem Land, dazu gehören selbstverständlich Demokratie und Rechtsstaat, dazu gehören die Grund- und Menschenrechte, vor allem auch die Gleichberechtigung der Frau, dazu gehört die deutsche Sprache, dazu gehört die Achtung gegenüber Andersdenkenden, Andersgläubigen oder Nichtgläubigen, dazu gehört das Gewaltmonopol des Staates oder der Verzicht auf gewaltsame Konfliktlösung, dazu gehört die Unterscheidung von Staat und Religion. Das sind die für alle geltenden Fundamente unserer Gesellschaft und diese Werte wollen wir bewahren und niemand darf sie außer Kraft setzen, auch nicht mit dem Hinweis auf seine kulturellen, religiösen oder traditionellen Überzeugungen. Diese Werte haben bei uns natürlich auch etwas mit Religion zu tun. Wir haben in unserer Landesverfassung beispielsweise einen Gottesbezug. Unsere Landesverfassung, die baden-württembergische Landesverfassung, sagt in ihrem ersten Hauptteil »Vom Menschen und seinen Ordnungen« in Artikel 12: »Die Jugend ist in Ehrfurcht vor Gott, im Geiste der christlichen Nächstenliebe, zur Brüderlichkeit aller Menschen und zur Friedensliebe, in der Liebe zu Volk und Heimat, zu sittlicher und politischer Verantwortlichkeit, zu beruflicher und sozialer Bewährung und zu freiheitlicher demokratischer Gesinnung zu erziehen.« – Wir haben uns einiges vorgenommen, das gebe ich zu. Und manches hört sich vielleicht auch ein bisschen altmodisch an. Aber ich sage auch: Werten, meine Damen und Herren, Werten darf man ihr Alter ruhig ansehen. Natürlich hat der Gottesbezug – den ich für richtig halte; ich hätte es auch gerne gesehen, wenn es bei der EU so gekommen wäre oder so käme – aber natürlich hat der Gottesbezug auch gewisse Tücken, um es mal so auszudrücken. Darauf hat gerade übrigens Theodor Heuss einmal anlässlich der Beratung zum 20 Grundgesetz hingewiesen. Er hat in einer köstlichen Weise davor gewarnt, ich zitiere: »…den lieben Gott für alle die Dummheiten, die hier gemacht werden, verantwortlich zu machen…« Das ist die eine Gefahr. Und eine andere Gefahr ist natürlich, dass über dem Bekenntnis die Dialogfähigkeit leidet. Und das sollte nicht sein. Deswegen wollen wir deutlich machen, dass – wenn wir uns auf der einen Seite zu unseren Werten und auch zu dem christlichen Bezug unserer Werte bekennen - dass wir auf der anderen Seite natürlich dialogfähig sein wollen, dass wir nicht ängstlich beharren wollen. Das Bekenntnis darf kein ängstliches Beharren sein, sondern es muss Bereitschaft da sein zum Kontakt, zum Gespräch auch über Grenzen der Religion hinweg – das ist im Sinne und zum Wohle aller und zum Wohl der Integration. Und gerade die heutigen Preisträger sind es, die für diese Formen von Dialog in einer idealen Weise stehen. Deswegen freue ich mich sehr über die Ehrung, ich freue mich mit Ihnen, ich darf Ihnen noch einmal ganz herzlich gratulieren – auch im Namen der ganzen Landesregierung – und bedanke mich bei Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit. » merken Grusswort Dr. Wolfgang Schuster, Oberbürgermeister der Landeshauptstadt Stuttgart Sehr herzlich darf ich Sie im Namen der Landeshauptstadt Stuttgart willkommen heißen – lieber Herr Dr. Heuss, Herr Minister Goll, sehr geehrte Frau Professor Schwan. Unser Ehrenbürger Theodor Heuss ist uns bis heute ein großes Vorbild geblieben. Einer seiner berühmtesten Sätze lautet: »Ohne die vielen Freiwilligkeiten kann eine Demokratie als Lebensform nicht gedeihen.« Ich freue mich, in einer Stadt zu arbeiten, in der dieser Satz ein Stück weit eingelöst ist. In Stuttgart gibt es über 3000 gemeinnützige Vereine und Organisationen, deren Mitglieder sich in vielfältiger Weise für das Allgemeinwohl einsetzen. Dabei geht es um die Förderung von Migrantenkindern in Kindergärten, um die Ausrichtung von interkulturellen Festen in Kirchengemeinden, um Schüleraustausch, um die Hilfe für Kranke und ältere Menschen, um spezielle Trainings für Kinder und Jugendliche. Das Spektrum ist groß. Es gibt praktisch für jeden eine Möglichkeit, sich für andere einzusetzen. Theodor Heuss war ein Anstifter eines solchen zivilgesellschaftlichen Engagements. Aber er war nicht nur dies: Unermüdlich hat er für die Demokratie und demokratische Werte, für Toleranz und Verständigung geworben. Auch lag ihm der Austausch mit anderen Kulturen am Herzen. Mit seinen Auslandsreisen hat er entscheidend dazu beigetragen, das Ansehen der damals jungen Bundesrepublik positiv zu prägen. Eine Anstifterin im positiven Sinne ist Frau Professor Rita Süssmuth. Kürzlich konnte das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend ein Jubiläum feiern. Es war Frau Süssmuth, die vor 20 Jahren als erste Frauenministerin in dieses Ministerium einzog. Aus dieser Position heraus trat sie für Frauenförderung und Mutterschutz, für die Gleichstellung von Mann und Frau, für ein neues Abtreibungsrecht ein. Schon damals forderte Frau Süssmuth eine bessere Vereinbarkeit von Familie und Beruf, und Familienpolitik wollte sie nicht auf Verheiratete fixiert wissen. Eine überregionale Tageszeitung hat einmal geschrieben, in ihrer Person gingen wertkonservative Grundprinzipien und die Freiheitssehnsüchte der 68er-Generation eine Verbindung ein. Sie war und ist eine fortschrittlich denkende Sozialpolitikerin, war nicht selten eine produktive Unruhestifterin – und ihrer Zeit oftmals weit voraus. 1994 forderte Frau Süssmuth, Deutschland müsse ein Einwanderungsland werden, dies nicht zuletzt aus demografischen Gründen. In der unter Bundeskanzler Schröder berufenen »Zuwanderungskommission« erarbeitete sie Vorschläge zur Neuregelung der Ausländerpolitik. Ihr Ziel: Ein friedliches und tolerantes Miteinander der Kulturen, Religionen und Nationen zu ermöglichen und dazu alle politischen und gesellschaftlichen Gruppen zu gewinnen. Erfreulicherweise wurde diese Zielsetzung von Frau Bundeskanzlerin Dr. Merkel aufgegriffen. Mit dem Integrationsgipfel und dem entstehenden Nationalen Integrationsplan, bei dem wir Stuttgarter aktiv mitarbeiten, werden Einwanderung und Integration einen neuen Stellenwert erhalten. Frau Professor Süssmuth hat dafür mit ihrer Arbeit den Weg geebnet. Deshalb freut es mich, dass sie den Theodor-Heuss-Preis erhält. Sie hat als eine der ersten dafür geworben, Migration nicht als Belastung, sondern als große Bereicherung zu sehen. Sie hat unser Bewusstsein dafür geschärft, Migration als eine große Herausforderung anzunehmen, der wir uns in Bund, Land und vor allem auf kommunaler Ebene stellen müssen. Das Beispiel Stuttgart zeigt, dass Migration tatsächlich eine große Bereicherung ist. Die vielen Zuwanderer, die schon seit Mitte der 50er Jahre nach Stuttgart kommen, haben die Stadt verändert. Wir freuen uns, dass in Stuttgart über 170 Nationen leben. Es herrscht ein Klima der Toleranz und des freundlichen Umgangs miteinander. Integration setzt allerdings harte Arbeit voraus. Vor allem muss die Bereitschaft zur Integration vorhanden sein. Dies gilt sowohl für uns, die wir die Migranten aufnehmen, als auch für alle, die zu uns kommen. Weil dieses Geben und Nehmen in Stuttgart funktioniert, können wir sagen: Wir sind eine internationale Stadt! Alle, die hier leben, sind – unabhängig von ihrem Passport – Stuttgarterinnen und Stuttgarter! Damit komme ich zum zweiten Träger des Theodor-Heuss-Preises, Herrn Dr. Ceric. Ich gratuliere Ihnen herzlich zu dieser Auszeichnung und heiße Sie in Stuttgart willkommen. Es freut mich, dass mit Dr. Ceric ein Bürger aus Bosnien-Herzegowina ausgezeichnet wird. Mit Bosnien-Herzegowina verbindet Stuttgart eine besondere Beziehung. Bis Mitte der 90er Jahre haben wir viele bosnische Flüchtlinge aufgenommen. Damals sind viele Freundschaften zwischen Bosniern und Stuttgartern entstanden. Heute leben etwa 5000 Bürger aus Bosnien-Herzegowina in Stuttgart, davon sind etwa 3000 Muslime. Die Bosnier in Stuttgart sind ein gutes Beispiel für eine gelungene Integration. Die bosnische islamische Gemeinschaft sitzt bei uns mit am Runden Tisch der Religionen. Herr Dr. Ceric und Frau Prof. Süssmuth haben ein gemeinsames Anliegen. Beiden geht es darum, Brücken zu bauen zwischen den Kulturen und Religionen. Während Frau Süssmuth hierzulande wirkt, setzt sich Herr Dr. Ceric dafür ein, dass sich der Islam gegenüber Europa öffnet. Beide arbeiten insoweit für eine gemeinsame Sache. Herr Dr. Ceric zählt zu jenen, für die der Islam und der von der christlichen Kultur geprägte Westen keine Gegensätze sind, die sich ausschließen. Ihm geht es um eine Einheit trotz Differenz. Es freut mich, dass mit ihm ein islamischer Denker ausgezeichnet wird, der durch sein besonnenes Wirken dazu beiträgt, dass der interreligiöse Dialog zwischen Christen und Muslimen auch tatsächlich gelingt. Frau Professor Süssmuth, Herr Dr. Ceric: Ich beglückwünsche Sie herzlich zum Theodor-Heuss-Preis. Ich freue mich, dass wir mit Ihnen zwei Brückenbauer für Toleranz und Integration, für kulturelle Öffnung und zivilgesellschaftliches Engagement auszeichnen können. Lassen Sie mich abschließen mit einem Dank an die Theodor-Heuss-Stiftung. Der Tag der Preisverleihung ist für mich immer ein besonderer Tag. Ich freue mich, dass die Stiftung von Stuttgarter Boden aus wirkt. Sie halten das Andenken an den ersten Bundespräsidenten und Stuttgarter Ehrenbürger wach. Sie motivieren zu einem zivilgesellschaftlichen Engagement im Sinne von Theodor Heuss. Sie tragen auf diese Weise dazu bei, dass unsere Demokratie lebendig bleibt. Herrn Dr. Heuss und allen Mitwirkenden herzlichen Dank! » merken Laudatio Prof. Dr. Gewine Schwan Etwas Schöneres kann einem kaum passieren: Als ich die Einladung erhielt, für Rita Süssmuth und Mustafa Ceric die Laudatio anlässlich der Verleihung des Theodor- Heuss-Preises 2007 zu halten, habe ich mich riesig gefreut. Das ist eine rundherum wunderbare Sache: Die Institution des Theodor-Heuss-Preises, der für Toleranz, Offenheit, demokratisches Mittun und Gegen-den-Strom-Schwimmen steht, die Ehre, die ich empfinde und für die ich sehr herzlich danke, hier die Laudatio halten zu dürfen, aber vor allem die beiden Preisträger: Sie passen einfach vorzüglich zusammen, nicht zuletzt, weil sie durch ihr aufeinander zu strebendes Wirken für Ost und West »Orientierung« bieten. Orientierung kommt, wie der Name sagt, aus dem Osten, aus dem Orient, wo die Sonne aufgeht. Ich werde Sie beide daher mit meiner Laudatio bedenkenlos für unsere Orientierung instrumentalisieren und hoffe zugleich, Ihnen damit noch nicht einmal ein Unrecht zu tun. Überlegt habe ich, ob ich Sie einfach ohne Ehrentitel, mit Ihrem Vor- und Nachnamen, einführen darf. Eigentlich gehört sich das für hoch geehrte Preisträger auf einer öffentlichen Festveranstaltung nicht. Aber die Aufzählung Ihrer vielen verdienten Titel und Preise passt auch wiederum nicht zu Ihnen, zu Ihrem bedacht unkonventionellen Auftreten und Wirken. Und außerdem sagt Ihr Name in der Öffentlichkeit viel mehr, als alle Titel dies könnten, weil Sie eben beide ein Begriff sind! Professoren gibt es viele, ohne dieser Profession zu nahe treten zu wollen, Großmuftis gibt es auch einige, aber Rita Süssmuth und Mustafa Ceric, wie die Öffentlichkeit Sie kennt, gibt es eben nur jeweils eine bzw. einen. Diese Einmaligkeit, die Unersetzbarkeit der Person ist es wohl auch, die bei Jesaja in der auffordernden und zugleich bergenden Anrede Gottes bestätigt wird: »Ich habe Dich bei Deinem Namen gerufen. Du bist mein!« Dass der unendliche Gott uns endliche Menschen bei unserem Namen nennt und kennt, dass wir so zugleich von ihm anerkannt sind als Partner in seinem Schöpfungshandeln – das bezeugt einen Adel unseres Namens, an den kein weiterer Titel heran reicht. Daher also der verwegene unrituelle Gebrauch Ihres ungeschmückten Namens. Und Sie haben sich beide im Sinne dieses Mithandelns an Gottes Schöpfung bei Ihrem Namen nennen lassen. Ich glaube, ich gehe nicht fehl, wenn ich an den Anfang meiner kleinen Laudatio Ihrer beider lebendigen Glauben setze, von dem Ihr Handeln und Sprechen ganz und gar geprägt ist. Allein dieser Anfang bietet schon die erste Orientierung. Denn Ihr praktischer Glaube zeigt, dass Religion, ob christlich oder islamisch, nicht Theokratie, nicht Flüchten aus der Gegenwart, nicht transzendent legitimierte Intoleranz heißen muss, sondern das ganze Gegenteil davon: Eine in der Güte Gottes aufgehobene Sicherheit, die Offenheit, Zweifel, Dialog, in allen Gegensätzen ein Aufeinanderzugehen verlangt und ermöglicht. Beides: Verlangt und ermöglicht. Würde diese Haltung nur verlangt, und man könnte sie doch nicht praktizieren, dann kämen wir nicht zueinander, würde sie nur ermöglicht, dann gäbe es vielleicht nicht den Ansporn, es auch zu tun und es sich dabei nicht zu leicht zu machen. Diese Bereitschaft, es sich nicht zu leicht zu machen, Herausforderungen anzunehmen, auch wenn sie anstrengend, mühsam, riskant sind oder Missverständnisse auslösen können: Schon dafür verdienen Sie höchstes Lob. Rita Süssmuth hätte ja einfach Professorin bleiben können – ein wunderbarer Beruf, weil er es ermöglicht, junge Menschen auf ihrem Bildungsweg zu begleiten, und zwar so, dass sie ihre eigene Richtung finden. Nicht alle Erziehungswissenschaftler müssen praktisch die besten Pädagogen sein, aber Rita Süssmuth hat von vornherein einen engen Bezug zur praktischen Welt gewollt und verwirklicht, so sehr, dass sie sich an die Umsetzung ihrer pädagogischen Ziele in die Politik begeben hat. Das hat ihr zwar viel Anerkennung, aber auch viel Ungemach eingebracht, weil das Spannungsverhältnis zwischen Eigenständigkeit und demokratisch notwendigem Kompromiss viele irritiert und doch immer erneut ausgehalten werden muss. Ganz zu schweigen von der unvermeidlichen Dauerkonkurrenz und deren wölfischen Aspekten, die die Welt der Politik doch von der der Hochschule unterscheidet. Nein, Rita Süssmuth war eben nicht immer »lovely Rita«, sie wollte ihre Vorstellungen umsetzen. Auch gegen Widerstände, auch gegen Intrigen, die man sich fast notwendig einhandelt, wenn man unbequem ist. Politik muss in einer parlamentarischen Demokratie zu ihrer Legitimation ganz wesentlich von den Parteien getragen werden, auch wenn sie heute ohne das Zutun von gemeinwohlorientierten Bürgerinitiativen nicht mehr auskommt. Aber Parteien laufen auch immer Gefahr, die Eigenständigkeit ihrer Vertreter zu beeinträchtigen. Hier hat unsere Preisträgerin Maßstäbe gesetzt. Das Gute in einer Demokratie ist übrigens, dass Parteien solche unbequeme Eigenständigkeit, die zuweilen zu einer Partei-Randständigkeit der kritisierten Person führen kann, in einem unerwarteten Augenblick wieder brauchen – jedenfalls kommt das vor! - und dann dankbar dafür sind. Deswegen ist der verlässlichste Kompass doch die – politisch klug vermittelte – eigene innere Orientierung. Mustafa Ceric hat es aus seinem religiösen Amt und aus seinem Glauben getrieben, dort ebenfalls nicht zu verharren, sondern seine Vorstellungen in die Welt der Praxis zu tragen. Dies auch bewusst theoretisch reflektiert. Aus christlicher Sicht erscheint der Islam heute häufig, auch als Dialogpartner, schwer zu fassen, weil er nicht institutionalisiert ist und keine verbindlich repräsentativen Sprecher hat wie die jüdische und die christliche Religion. Das Problem einer Institutionalisierung des Glaubens liegt freilich umgekehrt darin, dass sich irgendwann die Frage nach der Orthodoxie stellt, deren Beantwortung darüber entscheidet, ob jemand noch zur Institution gehört oder nicht. Das zu akzeptieren, fällt uns zeitgenössischen Gläubigen schwer, weil wir den existenziellen Glauben als etwas ganz Persönliches verstehen, in das eine Autorität »von außen« nicht hineinzureden hat. Die jahrhundertelangen theologischen und philosophischen Auseinandersetzungen um dieses Problem füllen Bibliotheken. Mustafa Cerics Anliegen einer Institutionalisierung des Islam in Europa kommt von der gegenteiligen Erfahrung, dass die Verbindung von islamischem Glauben und demokratischer Politik und Lebensweise gerade eine Institutionalisierung des Islam braucht, damit er sich öffentlich präsentieren, als Partner am Dialog teilnehmen und von Handlungen und Reden abgrenzen kann, die im Namen des Islam doch dem entgegenstehen, was der Großmufti von Bosnien und Herzegowina für vereinbar hält mit einem fundierten Islam. Der Weg in die Politik ist auch für Mustafa Ceric nicht einfach, er verlangt ebenfalls unkonventionelle Eigenständigkeit und Auseinandersetzungen mit der eigenen Gemeinde. Auch hier geht es also um die Spannung zwischen persönlich verantworteter Stellung und Handlung einerseits und politisch notwendiger Zugehörigkeit zu Institutionen und Kompromiss erheischenden Kooperationen andererseits. Beide, Mustafa Ceric und Rita Süssmuth, stellen sich theoretisch und praktisch auf vorbildliche Weise der großen Herausforderung, die durch den neuen Schub der ökonomischen und kulturellen Globalisierung für uns alle entstanden ist: Der Notwendigkeit und Chance, in immer vielfältigeren Gesellschaften friedlich und möglichst produktiv zusammen zu leben, die Pluralität nicht nur als Last oder als Bedrohung durch das Fremde, sondern als Reichtum zu erfahren, der Versuchung der Gewalt durch Verständnis, Empathie und Liebe zu begegnen. In durchaus unterschiedlicher Form haben sie ihre Gedanken dazu niedergeschrieben. Mustafa Ceric hat u.a. einen »Offenen Brief an Seine Heiligkeit Papst Benedikt XVI.« mitunterzeichnet, der einen Monat nach der Regensburger Vorlesung Benedikts zum Thema »Glauben und Vernunft« am 12. Oktober 2006 veröffentlicht wurde und großes zustimmendes Aufsehen erregt hat. Gegenüber dem häufig vorgetragenen Vorwurf, der Islam befürworte Gewalt zur Ausbreitung des Glaubens, unterstreichen die Unterzeichner, dass ihr Gott ihrem Glauben gemäß Gewalt nur als Verteidigung, niemals gegen Schutzlose und niemals zur Erzwingung einer Konversion zum Islam erlaube. Sie erinnern umgekehrt daran, dass Jesus bei der Tempelaustreibung der Geldwechsler auch in kriegerischen Metaphern gesprochen hat: »Denkt nicht dass ich gekommen wäre, Frieden auf die Erde zu bringen, ich kam nicht, um Frieden zu bringen, sondern das Schwert.« (Matth. 10, 34 – 36). Dass physische und psychische grausame Gewalt auch im Namen des Christentums in der Geschichte vielfach geübt worden ist, wissen wir zur Genüge. Zugleich akzeptieren wir heute nicht mehr die Begründungen, die ehedem dafür angeführt worden sind. Zwischen der Hauptzeit der Gewalt – der Epoche der Inquisition und der Conquistadores – und heute liegt in der europäischen Geschichte die Epoche der Aufklärung, die auch religiöse Argumente vor den Gerichtshof der Vernunft zitiert und das Ende der Gottesbeweise gebracht hat. Seitdem kann es keinen Anspruch mehr darauf geben, Glauben rational zu erzwingen. Gemeinhin wird ein Unterschied zwischen Christentum und Islam darin gesehen, dass der Islam die Epoche der Aufklärung, die neben der Reformation entscheidend zum Selbstbestimmungsrecht des Individuums beigetragen hat, seinerseits nicht durchlaufen hat. Deshalb würden von ihm deren segensreiche Folgen für das friedliche und freiheitliche Zusammenleben der Menschen nicht anerkannt: Die Religions- und Gewissensfreiheit, die Trennung von Kirche und Staat, die Unterscheidung von Politik und Moral im Rechtsstaat, der ohne Macht über die individuellen moralischen Überzeugungen den Gehorsam gegenüber dem Gesetz einfordern kann. Umso bemerkenswerter ist der »Offene Brief« islamischer Gelehrter, der im Anschluss an die Regensburger Vorlesung des Papstes die Vereinbarkeit ebenso wie die Unterscheidung von Vernunft und Glauben unterstreicht. »Vernunft selbst ist eines unter vielen Zeichen in uns, über die Gott nachzusinnen einlädt, und mit der wir nachsinnen sollen, als einen Weg die Wahrheit zu erkennen.« (»Offener Brief an den Papst«) Zwei Extreme versucht der Islam demnach zu vermeiden: »Eines ist, den analytischen Verstand zum ultimativen Schiedsrichter der Wahrheit zu machen, das andere ist, dem menschlichen Verständnis die Fähigkeit zur Ansprache ultimativer Fragen zu verweigern.« Wird so dem Menschen nicht abverlangt, seine Vernunft zu opfern, das berühmte sacrificium intellectus zu begehen, wird umgekehrt auch nicht behauptet, Gott und seine Gebote über die Vernunft verbindlich dekretieren zu können, so eröffnet sich der Freiraum, den wir brauchen, um freiheitlich und ohne Gewalt miteinander zu leben. Hinter diesem Brief stehen immerhin 38 anerkannte islamische Gelehrte, und doch werden immer wieder Zweifel aufgeworfen, wenn es um ein Urteil darüber geht, ob der Islam mit der freiheitlichen, rechts- und sozialstaatlichen Demokratie, wie wir sie in Europa weitgehend praktizieren oder zumindest anstreben, vereinbar sei. Deshalb ist Mustafa Ceric – nun im eigenen Namen – noch einen Schritt weiter gegangen und hat eine »Declaration of European Muslims« veröffentlicht. Er möchte angesichts der Erfahrungen seit dem 11. September 2001 und dem kontinuierlichen Verdacht, unter dem Muslime hinsichtlich ihrer demokratischen Vertrauenswürdigkeit stehen, einen europäischen Islam grundlegen, eine Symbiose zwischen der Zugehörigkeit zum menschenrechtsorientierten demokratischen Europa und einem damit vereinbaren, ja eigentlich geradezu darauf angelegten, Islam. In seiner Erklärung betont Mustafa Ceric die Ablehnung kollektiver Schuld und zugleich die Verpflichtung individueller Verantwortung ebenso wie die Last des Generalverdachts, dem Muslime in Europa ausgesetzt sind. Er bekennt sich zu einem aktuellen »Sozialvertrag« im Sinne des berühmten amerikanischen Philosophen der Gerechtigkeit, John Rawls, und unterscheidet zwischen Vernunft und Herz bzw. Glauben. Mit der Vernunft sollen Muslime sich dem Staat und den bürgerlichen Aufgaben verpflichten, mit dem Herzen bzw. Glauben der islamischen Gemeinde. Man ist versucht, an die Unterscheidung zwischen dem, was des Kaisers und dem, was Gottes ist, zu denken. Auch wieder so eine schwierige dogmatische Unterscheidung, die innerhalb der christlichen Theologie zu erheblichem Streit geführt hat. Es wäre lohnend, dies möchte ich verallgemeinernd folgern, die existierenden Ansätze des Vergleichs zwischen dogmatischen Auseinandersetzungen im Christentum, im Islam und im jüdischen Glauben in Zukunft genauer zu verfolgen. Denn sie sind nicht veraltet oder abgestanden. In ihnen zeigen sich vielmehr uralte Probleme und Spannungen, denen eine durchaus immanent philosophische Bedeutung zukommt – der polnische Philosoph Leszek Kolakowski hat schon in den fünfziger und sechziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts auf die aktuelle philosophische Bedeutung theologisch-dogmatischer Streitpunkte im Mittelalter hingewiesen. Ihre Klärung würde das menschlich Gemeinsame in den unterschiedlichen Religionen herauszuarbeiten erlauben, das uns für unser gewaltfreies Zusammenleben erheblich weiter helfen könnte. Die schon heute erkennbaren Analogien, z. B. hinsichtlich des Verhältnisses von Verdienst und Gnade oder von Natur und Sünde in den theologischen Erwägungen, machen jedenfalls Mut. Aber Mustafa Ceric wehrt nicht nur die Islamophobie ab, er nimmt die Muslime auch in die Pflicht, sich ihr europäisches Bürgerrecht gleichsam zu verdienen: »Muslims who live in Europe should be more concerned now about their responsibilities than about their freedoms because by assuming their responsibility in European economic, political, and cultural life, Muslims who live in Europe will earn their right to freedom. Hence, the freedom of European Muslims will not be at somebody’s mercy, but a possessed value that can neither be denied not taken away.« (A Declaration of European Muslims) Der wichtige Schritt zu einer auch im Glauben akzeptierten Religionsfreiheit in der freiheitlichen europäischen Demokratie liegt in Mustafa Cerics Plädoyer dafür, dass Muslime multiple Identitäten akzeptieren mögen: Des Glaubens, der Nation, Europas. Damit können sie in der Trennung von Kirche und Staat leben. Zugleich wird Europa so aus der Enge der rein christlichen oder - wo schon mehr Offenheit eingezogen war - der judäo-christlichen Bezogenheit herausgeführt und nun aus allen drei Gründerreligionen hergeleitet, was der Geschichte, vor allem aber auch dem Erfordernis der Zukunft dieses Kontinents und seiner politischen Gestalt endlich Genüge tut. Damit bietet Mustafa Ceric eine entscheidende theoretische Voraussetzung für ein friedliches, einander bereicherndes Zusammenleben der Menschen unter der Bedingung der Globalisierung. Dafür verdient er höchstes Lob! Der so erreichte Universalismus, der sich mit geschichtlicher Konkretion paart, liegt auch Rita Süssmuth besonders am Herzen. In ihrem neuesten Buch »Migration und Integration: Testfall für unsere Gesellschaft « hat Rita Süssmuth ihre kostbaren Einsichten und Erfahrungen zu einem eindringlichen und zugleich ermutigenden Plädoyer für eine realistische und geduldige Politik und Kultur der Integration zusammengefasst. Wir lernen darin u.a., dass zurzeit mehr Menschen aus Deutschland auswandern als wir Einwanderer zählen. Mit ein bisschen Fantasie können wir uns vorstellen, was es für deutsche Auswanderer bedeutet, wenn ihre Gastgesellschaft ihnen unfreundlich begegnet. Ermutigend sind Rita Süssmuths Beispiele zahlreicher Bürgerinitiativen, die inzwischen das Miteinander der verschiedenen Kulturen voranbringen und pflegen. Die Theodor-Heuss-Stiftung hat es sich seit ihrer Gründung zur Aufgabe gemacht, solche zivilgesellschaftlichen Aktivitäten zu unterstützen. Dafür sei beiden, der Preisträgerin und der Stiftung, an dieser Stelle auch noch einmal gedankt! Wie die Angst vor dem Fremden von meiner eigenen subjektiven Sicherheit oder Unsicherheit abhängt – auch das zeigt Rita Süssmuth. Sigmund Freud hatte es noch für eine anthropologische Konstante gehalten, dass Menschen das Andere abwehren, sich vor dem Fremden ängstigen; dass das »Andere« unser Selbstwertgefühl in Frage stellt, einfach weil es existiert und damit den Wert meiner eigenen Lebensweise bezweifelt. Die vielfach kulturell verankerte Mahnung, Fremde und Asylsuchende wie Gäste zu ehren, mag dafür sprechen, weil sie möglicherweise dazu dient, eine spontane Abwehr zu überwinden. Und doch erleben wir empirisch eben unterschiedliche Weisen, mit Fremden umzugehen; es kann sich bei der Fremdenabwehr also nicht um eine unumstößlich anthropologische Konstante handeln. Wir erleben Offenheit dort, wo sich Menschen psychisch sicher fühlen. Das ist auch eine Folge der inneren persönlichen Stimmigkeit. Eine Analogie zu Mustafa Cerics Versuch, eine geistige Ebene des friedlichen Zusammenlebens in Europa zu bekräftigen, finden wir in Rita Süssmuths Gegenüberstellung von »deutscher Leitkultur« einerseits und demokratischer politischer Kultur auf der anderen. Darin wird der Gedanke der »inneren Stimmigkeit« der Person und deren Bedeutung für eine gelungene Integration weiter geführt. Mit prägnanten Argumenten zeigt sie, wie nötig die gemeinsame demokratische Kultur ist, die man von allen Mitbürgern fordern muss – ob deutscher oder ausländischer Herkunft. Wobei es angezeigt ist, hier auch nicht mit zweierlei Maß zu messen. Sie zeigt zugleich, wie sehr dagegen die Idee der deutschen »Leitkultur« in die Irre führt, weil sie eine Distanzierung der Einwanderer von ihrer Vergangenheit fordert, die die Integration in Wahrheit unterminiert. Beherzigenswert erscheint mir daher die klare Analyse der Erziehungswissenschaftlerin und Psychologin Süssmuth, die verdeutlicht, wie falsch es ist, von Immigranten den radikalen Abschied von ihrer Herkunft zu verlangen. Die damit implizit geforderten Loyalitäts- und Identitätsbrüche können eine gelungene Integration nicht begünstigen, die gerade auf in sich zusammenhängende, kohärente persönliche Identitäten angewiesen ist. Ich kann die erforderliche Offenheit und Zugewandtheit gegenüber meinen neuen Mitmenschen nicht aufbringen, wenn ich mich gezwungen fühle, Teile meiner Vergangenheit, zu der auch meine Vorfahren gehören, abzuschneiden, genauso wie es der demokratischen, politischen Kultur in Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg auch in der zweiten Generation nicht gut getan hat, dass viele ihre - belastende - Vergangenheit bewusst abgeschnitten oder unbewusst verdrängt haben. Die positive Identifikation mit meiner eigenen Herkunft, so unterstreicht Rita Süssmuth, erlaubt mir, ohne Angst in verschiedenen Kulturen zu navigieren und damit auch höchst wertvolle Übersetzerdienste zur innergesellschaftlichen Verständigung zu leisten. Ganz allgemein haben die Forschungen zur personalen Identität ja gezeigt, dass komplexe, aber in sich kohärente Persönlichkeiten, denen es gelingt, ihre unterschiedlichen Regungen und Erfahrungen zu einem schlüssigen Ganzen zu verbinden, eine besondere Fähigkeit entwickeln, auch größere soziale Zusammenhänge zu integrieren. Rita Süssmuth ist – über die Parteigrenzen hinweg – eine solche wunderbar integrierende Persönlichkeit, gerade auch durch den politischen Streit. Denn wir wissen, ein guter demokratischer Streit führt zusammen! Vor einigen Jahren fragte ich eine serbische Bekannte, die in Sarajewo aufgewachsen war und dort studiert hatte, ob die Bewohner von Bosnien und Herzegowina – vor dem Krieg – wirklich so unkompliziert multikulturell zusammengelebt hätten, wie man sich das oft vorstellt. Ja und nein, antwortete sie. Ja, weil sie sich zumindest in ihrem studentischen Milieu immer der Vergangenheit ihrer Gesprächspartner und Freunde bewusst waren und deshalb den Takt aufbrachten, die jeweilige kroatische, serbische oder muslimische Herkunft im Blick zu behalten. Nein, weil es ohne diese anspruchsvolle Voraussetzung des Umgangs miteinander wohl nicht so friedlich zugegangen wäre. Das Zusammenleben in einer kulturellen und religiösen Vielfalt gelingt also nicht von allein. Es verlangt einiges von uns, und die Versuchung, sich der Anstrengung der Verständigung und des Einfühlens in andere zu entziehen, eigene psychische oder physische Unsicherheiten in Ressentiments gegen andere zu verwandeln, in den eigenen Milieus zu verharren und sich nicht auf das neue Land, in das man gegangen ist, einzulassen, ist groß und immer präsent. Umso dankbarer können wir sein, wenn uns Menschen mit großer Lebenserfahrung, intellektueller Kompetenz und Menschenliebe über religiöse Unterschiede hinweg zeigen, dass es geht und wie es geht. Dafür danken wir Rita Süssmuth und Mustafa Ceric von Herzen, wir hoffen, dass wir sie mit dieser Instrumentalisierung zu Lehrmeistern nicht verärgert haben und wünschen uns, noch ganz lange durch sie ermutigende Orientierung zu finden. » merken Dank Prof. Dr. Rita Süssmuth Das Unerledigte in der Demokratie Dieser Preis ist für mich der höchste und wichtigste Demokratiepreis. Es ist ein Preis der verpflichtet und anspornt, neue Energie gibt, sich für die Werte und Normen unseres Grundgesetzes und somit für die gelebte Demokratie tagtäglich einzusetzen. Ich vermag nicht in Worte zu fassen, was mich in diesem Augenblick bewegt. Es ist mehr als Dankbarkeit. Diesen Preis mit Herrn Ceric entgegenzunehmen, bringt zum Ausdruck, worauf es in diesem Jahrhundert ankommt; die essentielle Frage lautet: Werden Gegeneinander und Konfrontation von Menschen mit unterschiedlichen Kulturen, Weltanschauungen und Religionen, ihrer ethnischen Zugehörigkeit und ihrer Hautfarbe anhalten oder gelingt es, bei uns und weltweit im Geiste der Lessingschen Ringparabel und Emanuel Kants Aufruf zum »Ewigen Frieden« friedlich, einander achtend und füreinander sorgend als gleichwertige Partner zusammenzuleben? Wirklich Neues habe ich dazu nicht zu sagen. Ich möchte über das Alte reden, über das Unerledigte möchte ich sprechen, über Wertvorstellungen, die wir mit Klugheit erworben haben, um sie dann doch nicht zu leben. Ich möchte über die großen Worte und ihre erstaunliche und bestürzende Leblosigkeit reden: So große Worte wie Gemeinschaft, Demokratie, Integration. Begriffe, zu oft benutzt, zu oft verleugnet und missachtet. Begriffe, zu Leerformeln erstarrte Begriffe, die schließlich ins Unbehagen, in die Unzufriedenheit und – wo sie doch das Herz berühren – in die Enttäuschung führen. Und dennoch: Es sind die zentralen Begriffe des Menschlichen und der Menschlichkeit, gegen die (besser: zu denen?) wir immer wieder vorstoßen. Was macht uns Menschen die Menschlichkeit eigentlich so fremd? Was macht uns das Notwendige so unannehmbar? – Wir wollen sie für uns, verweigern sie den anderen. Beobachten wir unser Zusammenleben. Schauen wir auf unsere innere Haltung, mit der wir den störenden, belastenden Menschen die Teilhabe an unserer Gemeinschaft vorenthalten wollen. Begegnen wir da nicht dem heimlichen Gedanken, dass Gemeinschaft viel leichter zu verwirklichen wäre, wenn wir die Alten, Kranken, Zugewanderten, Arbeitlosen, Bildungsgescheiterten und Unangepassten loswerden könnten, irgendwie, wenn wir sie abschieben könnten, irgendwohin? Die Ideologie des Abschiebens ist uns vertraut. Und warum? Weil das »Abschieben « die Technik ist, mit der wir unsere Fehler und Versäumnisse mit dem allergeringsten Aufwand wegbügeln können – wie uns der »Unternehmensberater unserer Seele« einflüstert. Stoße ab, was belastet. Dieses Verlangen nach Entlastung scheint uns ganz natürlich. Wir wollen das Störende, das Beunruhigende loswerden und dann vergessen können, dass unsere Welt nicht heil ist. Und dennoch sind wir zugleich entsetzt über die Wirkungen dieses Vergessens: So zerstören wir unsere Atmosphäre, bis wir nicht mehr atmen können. Wir zerstören unseren inneren Zusammenhalt, bis wir an unserer Einsamkeit ersticken. Abgrenzung und Ausgrenzung sind starke Antriebe individuellen, gesellschaftlichen und politischen Handelns. Der Wert und Selbstwert derjenigen, die dazugehören, die männlichen Geschlechts, deutscher Nationalität, weißer Hautfarbe, der dominanten Religionsgemeinschaft sind, steigt durch die, die nicht dazugehören, die anders sind. Wie lange haben wir in Europa gebraucht, um die Frauen als Bürgerinnen anzuerkennen, sie in allen Lebensbereichen teilhaben zu lassen! Unser Zusammenleben, unsere Gemeinschaft, wird am häufigsten beschrieben durch jene, die wir ausgrenzen, die nicht dazugehören. Wir sprechen und leben in einer Gesellschaft, der der entscheidende Gemeinschaftsbezug, nämlich das Gemeinsame, fehlt. Zwei Dinge fallen mir allerdings auf: Da ist zum einen der gesellschaftliche Trend zur einseitigen Individualisierung. Ein Trend, der das Abgrenzen eines jeden gegen jeden zur Lebensmaxime erhebt. Schon deshalb kann es niemanden verwundern, wenn Abgrenzen und Ausgrenzen uns zur Gewohnheit geworden sind. Zum anderen fällt mein Blick auf unser Wettbewerbsverhalten, das wir in immer neuen Einzeldisziplinen ausleben. Die Folge ist, dass wir dadurch den Menschen in entsprechende Merkmale von »Besser«, »Stärker«, »Erfolgreicher«, aber natürlich auch »Schlechter«, »Schwächer«, »Erfolgloser« zerlegen. Nicht der Mensch zählt. Er kommt kaum noch vor. Vor kommt er nur als Einzelfähigkeit, als einzelne Eigenschaft. Der Wettbewerb, so wie wir ihn praktizieren, drängt auf Sieger und Verlierer. Überall suchen wir den Superstar, nirgendwo den Menschen. Anerkennung und Gemeinschaftswert erfahren nur jene, die den vorgegebenen Glanzwert auch erreichen. In einer solchen Hochglanzgesellschaft stören selbstverständlich die matten und grauen Verlierer das Bild. Und nichts liegt näher, als sie wegzuretouchieren. Unausweichlich steuern wir mit solchen Gedanken auf ein weiteres hochberühmtes und sinnleeres Wort zu: »Verantwortung«. Was enthält dieses Wort nicht alles: Anteilnahme, Mitgefühl, Sorge um den anderen, den Wunsch, Ungerechtigkeiten auszugleichen, den Willen zu mehr Menschlichkeit. Es ist ein Wort, welches das Gemeinschaftliche begründet. Denn ohne Verantwortung ist Zusammengehörigkeit undankbar. Deshalb weist Ausgrenzung immer hin auf ein gestörtes, erkranktes Verantwortungsgefühl. Wenn die Verantwortung der Menschen füreinander verkümmert, drohen gesellschaftliche Katastrophen. Politische Systeme, die ihrer Verantwortung nicht nachkommen und daher ihre Gesellschaft auseinander brechen lassen, können nicht bestehen. Auch Demokratie – mögen wir sie noch so anpreisen – wird nicht bestehen, wenn sie immer weniger Menschen nutzt und immer mehr Menschen schadet – weil wir sie verantwortungslos handhaben. Ein Bildungssystem, das 25 % aller Schulabsolventen in die Berufsunfähigkeit manövriert, ist genauso ein Dokument unglaublicher Verantwortungslosigkeit, wie es Millionen Arbeitslose sind. Wer viele Gründe dafür aufzählen kann, warum das alles so kommen musste, mildert diese Verantwortungslosigkeiten nicht. Wie viele Initiativen haben wir nicht ergriffen, weil wir uns mit Routine-Entschuldigungen gelähmt haben! »Dagegen kann man nichts machen!« »Es liegt an der Globalisierung!« Es sind die Lethargie verbreitenden Floskeln. Die Schuld auf andere zu schieben ist das, was uns schwächt und vom Handeln abhält! Wir haben wieder Verantwortung für uns selbst zu übernehmen, es kommt auf jeden von uns an, dort wo wir tätig und verantwortlich sind: Zu Hause, in der Bildung, in der Arbeitswelt und in der Politik. Mit Resignation haben wir keine einzige Brücke über Rhein, Elbe und Weser gebaut. Resignation ist kein Baumeister. Erst, wenn wir wieder auf unsere eigene Kraft vertrauen, können wir auch wieder unser eigenes Land in Ordnung bringen. Hören wir auf, uns an die Statik einer brüchigen und überholten Gesellschaft zu klammern, nur weil wir bleiben wollen, wie wir sind. Denn wir können nicht bleiben, wie wir sind, wenn sich die gesamte übrige Welt im Aufbruch befindet. Ja, wir müssen diesen weltweiten Aufbruch sogar wollen, damit endlich alle Menschen Teilhaber werden können an Wohlstand, Gesundheit, den materiellen und geistigen Ressourcen der Erde und der Menschheit. Echtes Verantwortungsgefühl gebietet dies! Und kluges Denken auch: Denn Wohlstand GEGEN alle anderen kann niemand anstreben. Wir brauchen eine Gemeinschaft, in der jeder gewünscht ist, gebraucht wird und seinen Platz hat. Jeder – an seinem Platz – muss wieder gemeinschaftlich denken und fühlen lernen – dann brauchen wir bald keine Integration mehr – weil keiner mehr draußen ist. Wir leben nicht im Geist unseres Grundgesetzes und der damit universellen Menschenrechte sowie den damit verbundenen Verpflichtungen. Aber Zusammengehörigkeit und Verbundenheit, Integration bei Achtung und Wertschätzung von Andersartigkeit, wird uns immer wieder von Einzelnen und Gruppen vorgelebt, die aufrütteln und durch ihr Engagement überzeugen. Gegnerschaft und Ausgrenzung sind überwindbar. Denn die Gruppen fragen nicht nach Ethnien-, Kultur- und Religionszugehörigkeit, nicht nach Geschlecht, Rasse und Hautfarbe, sie zeigen Interesse für den Menschen, an unverwechselbaren Individuen, an seiner Biographie und seinen Zukunftsplänen. Das bewirkt Teilhabe, Zugehörigkeit und Integration, überwindet Ausgrenzung und Diskriminierung. » merken Dank Dr. Mustafa Ceric I am grateful to God Almighty for the blessings of this day, for the joy of this gathering and for this occasion of strengthening the hope for peace in the world. Dr. Ludwig Theodor Heuss, Chairman of the Theodor-Heuss-Foundation, Dr. Christian Schwarz-Schilling, internationaler Streitschlichter für Bosnien und Herzegowina, Members of the Honorary Board and the Board of Trustees of the Theodor- Heuss-Stiftung, Sabine Leutheusser-Schnarrenberger, MdB, Member of the- German Parliament and Second Chairman of the Theodor-Heuss-Foundation, Prof. Dr. Gesine Schwan, Laudator, Mr. Dragan Bagaric, Consul General of Bosnia, Mrs. Sabina Hasanefendic, Consul of Bosnia and Hercegovina, Mr. Nermin Mesinovic, Consul of Bosnia and Hercegovina, Mr. Mustafa Klanco, Grand Imam of the Bosnjak Islamic Community in Germany, Eminences and Excellencies, Brothers and Sisters, Ladies and Gentlemen, I am deeply honoured to receive the 2007 Theodor-Heuss-Prize on behalf of the Bosnian Muslims whom I represent and who deserve it because of their sincere dedication to truth, justice, peace and reconciliation. A thousand years of Bosnian history is rich with examples of tolerance in a unique religious and cultural diversity. Those who are familiar with the history of Bosnia know who are the “Bobri Bosnjani”, the Good Bosnians. They are the people of Bosnialand, like the people of Deutschland, with an open mind and a good heart. They like to read Goethe’s famous works, especially his poetry devoted to the Prophet Muhammad, and his poem Gottes ist der Orient! Gottes ist der Okzident! Nord- und südliches Gelände Ruht im Frieden seiner Hände. and they like to hear Theodor Heuss’ statement: »Deutschland braucht Europa – aber Europa braucht auch Deutschland« (Germany needs Europe, but Europe also needs Germany). Inspired by this historic statement of the first President of the Republic of Germany the Good Bosnians would say today: »Bosnia needs Germany today as it needed it during the aggression on Bosnia 1992–1995 when this country opened its doors with warm welcome to thousands of Bosnian refugees who still enjoy the great hospitality that they will never forget. But also Germany needs Bosnia while all of us together need Europe free from fear and poverty.« Ladies and Gentlemen, I am not only encouraged today to believe that there is a right place for my country in Europe, but also I am convinced that the legacy of the four years of siege of the city of Sarajevo is the legacy for humanity to decode the book of life in a new and promising way. Today the whole humanity lives under great threats which come either by human mistakes or by natural disasters. More than ever before the humanity must employ the human mind, as a perfect gift of God to “decode the book of life” which will enable humanity to survive in difficult and unpredictable circumstances. Man should understand that in the depth of the oceans, in the dark and in the sand, different creatures are flourishing in diversity of colour and forms. Every shape of line on their bodies is there for a particular reason: To eat, to hunt, to protect, to run, to hide. The humans, as the most perfect of God’s creatures, have the mind and soul. So, they ought to give the chance to the human mind and soul to develop interhuman communication and thus to show that humanity shares the common ground for its happy continuity. Unfortunately, our times are full of fears. Fear is spreading throughout the world. Fear is in our home, in our street and in our mind. Fear prevents us from progress, from the sharing of ideas and positive achievements. Thus, freedom from fear is the most needed value of our times. To be free to go, to tell, to share, to think, to feel and most importantly to respect differences as much as similarities. We have to cherish life and the creation, against fear and ignorance. We have no choice but to build up mutual communication in order to overcome fears from terror and terrorism. We have no choice but to use our mind as the best gift of God, to accept our common ground, to bridge our differences, and to appreciate our similarities. Therefore, I am specially pleased to share this Prize with Prof. Dr. Rita Süssmuth because of her exceptional commitment to the rights of the ordinary citizens of this country, to the rights of the minorities and the persons exposed to discrimination and exclusion. Her devotion to promote a peaceful coexistence based on mutual respect among different religions and cultures in Europe is a great contribution to the future prospects of the European culture of dialogue which is so needed nowadays. I hope that the Muslims will take the opportunity of the German open society and find the way into the integration which will guarantee their genuine Muslim identity with an honest loyalty to the European democratic societies. Eminences and Excellencies, Brothers and Sisters, Ladies and Gentlemen, I wish to thank the members of the Board of the Theodor-Heuss-Foundation for honouring my people, my country and myself with this prize. My special thanks go to the Chairman of the Theodor-Heuss-Foundation, Dr. Ludwig Theodor Heuss. I am grateful to my Bosnian friends who have come from Bosnia especially for this occasion as well as to all Bosnians who live in Germany and who are here to share our common hope that the future will be better than our past. And, last but not the least, I would like to thank my dear Azra who is always behind me in health and in sickness, in joy and in sorrow, in success and in failure as my wife and my friend. May God bless us all with this prayer that I would like to read for all of you today May Almighty God be with us every step that we take! May God guide us with each decision we make! May God help us when life gets tough! May God give us patience when we had enough! May God hear us when we call! May God lift us when we cannot stand! May we always be in God’s loving hand! Amen. » merken Podiumsgespräch mit den Preisträgern Moderation Roger de Weck | Dr. Petra Bahr – Kulturbeauftragte der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) | Cem Özdemir – MdEP | Gari Pavkovic – Integrationsbeauftragter der Landeshauptstadt Stuttgart Roger de Weck Meine Damen und Herren, wie schön, dass wir ins Gespräch kommen. Neben mir sitzt der Integrationsbeauftragte der Stadt Stuttgart. Sie kamen mit 10 Jahren aus Bosnien nach Deutschland. Was ist Ihre persönliche Erfahrung mit der Integration, was war Ihr Integrationsweg? Gari Pavkovic Menschen, die mir geholfen haben. Ich kam mit 10 Jahren zusammen mit meinen Eltern nach Baden-Württemberg und mit 11 Jahren nach Stuttgart, natürlich auf die Hauptschule. Ich hatte einen Nebensitzer namens Bernd, der mir geholfen hat. Später hatte ich Lehrer und andere engagierte Menschen, die mir geholfen haben. Es waren überwiegend gläubige Menschen, nicht nur im religiösen Sinne, denn sie haben an Menschen geglaubt, sie haben an mich geglaubt und sie haben mir etwas zugetraut. Und dadurch habe ich das Vertrauen entwickelt. Damals gab es keine Integrationsprogramme in Deutschland. Integration geht über Menschen, und das ist auch ein Thema und ein Pfeiler meiner Arbeit heute: Brückenbauer gewinnen, sie qualifizieren und anerkennen, damit diese Arbeit gemacht werden kann. Roger de Weck Petra Bahr, Sie sind Kulturbeauftragte der EKD. Die Religion war in diesem Land und auf diesem Kontinent der Religionskriege Jahrhunderte lang eine Kraft der Spaltung. Seit wenigen Jahrzehnten ist sie eine Kraft der Integration. Was ist mit der Kirche geschehen? Petra Bahr Ich glaube, die christlichen Kirchen haben gelernt, dass sie an ihrer eigenen Botschaft schlicht schuldig geworden sind. Und dieser lange Lernprozess ist das Pfund, das die Kirchen in diesen Dialog und in die Integrationsprozesse einbringen können. Zu Hochmut besteht also überhaupt kein Anlass. Aber wenn man diese Lernerfahrungen mit ins Gespräch bringt, was zum Beispiel die beiden christlichen Konfessionen miteinander in Deutschland gelernt haben, sodass es jetzt selbstverständlich ist, dass katholische und evangelische Kinder in eine Schule gehen können, um mal an so etwas zu erinnern, oder auch die Tatsache, dass ich hier für meine evangelische Kirche spreche, ist natürlich so ein Lernprozess. Und ich glaube, dass das der Maßstab ist, mit dem wir uns auch in diesem Dialog mit Muslimen hineinbegeben sollten. Ich glaube, dass der Auftrag der Kirchen in ganz besonderer Weise darin besteht, die Menschen in unserer Gesellschaft, die sich in einer christlichen Tradition verankern, daran zu erinnern, dass sie selbst auch Wurzeln haben und deshalb nicht verächtlich oder aggressiv auf die Traditionen und Wurzeln anderer reagieren müssen. Roger de Weck Cem Özdemir, den man nicht vorstellen muss: Ihr Lebensweg ist beispielhaft für den Erfolg von Integration. Trotzdem hörte man in letzter Zeit Skeptisches aus Ihrem Munde: Dass Sie auf eine Dimension Ihrer Identität zurückgeworfen würden, die islamische. Ist Integration selbst im Fall Özdemir fragil? Gari Pavkovic Lassen Sie es mich einmal so ausdrücken: Gestern war ich bei der Rede von Kardinal Kaspar in Stuttgart dabei, und er sagte sehr viel Richtiges, sehr viel, wo meiner Meinung nach jeder zustimmen würde. Und dann gab es einen Abschnitt über den Islam, und er sprach davon, dass der Islam ein gebrochenes Verhältnis zur Gewalt hat und dass der Islam im Bereich der Gleichberechtigung von Mann und Frau einen weiten Weg vor sich hat. Ich habe diese Worte in Erinnerung, dazu passt auch das Papier, das die EKD zum Dialog mit dem Islam verabschiedet hat. Und als ich gerade diese Rede gehört habe, erinnerte ich mich an den Krieg in Bosnien. Ich habe versucht mich daran zu erinnern, wo das große, entwickelte, christliche Europa war, als dort hunderttausende von Menschen umgebracht worden sind und Frauen nur deshalb in Massenvergewaltigungslagern waren, weil sie Musliminnen waren. Und niemand sprach davon, dass das christlich-fundamentalistische Serbien und das christlichfundamentalistische Kroatien daran Schuld tragen, sondern es war der Nationalismus, der diese Verbrechen begangen hat. Nicht das Christentum trug daran Schuld. Anders herum ist alles, was Menschen mit muslimischer Herkunft an Schlimmem machen, an den Islam gekoppelt, und das führt dazu, dass Leute, die so wie ich säkulare Muslime oder Kulturmuslime sind – aber ich bin ein schlechter Muslim, ich bete nicht fünf Mal am Tag, ich faste nicht, nach dem Fastenmonat Ramadan besuche ich meine Eltern, um die Süßigkeiten zu essen – aber es führt dazu, dass man auf einmal eine Identität zugeschrieben bekommt, die man sich früher selbst gar nicht zugeschrieben hat. Ich beobachte mit Interesse den Prozess und bin gespannt, wo dieser endet. Roger de Weck Verzeihen Sie die schnippische Frage, Frau Süssmuth: Ihr Lebensweg ist der Weg der Integration. Aber in der eigenen Partei waren Sie ein bisschen am Rande. Haben Sie empfunden, in der CDU nicht ganz integriert zu sein? Rita Süssmuth Ja, aber ich glaube, dass das zum Leben gehört. Wer immer nur in der Mitte ist, erlebt auch nicht, wie es am Rande ist. Aber es war ganz wichtig die anderen davon zu überzeugen: »So wie ihr denkt, möchte ich nicht denken«. Und was hat das für Folgen für uns selbst und auch für eine Partei? Je stärker sie sich der Gegenwart oder den Einsichten, die sie zur Ideologie gemacht hat, verschließt, desto mehr bringt sie sich selbst an den Rand und verliert auch ihre Wähler, man muss ja auch sehr pragmatisch argumentieren. Und in Teilen muss man langen Atem haben, aber das geht, und ich wiederhole es noch einmal, wie auch George Herbert Mead es sagt: »Du brauchst wenigstens zwei Menschen, die glauben, dass du nicht völlig auf dem Irrweg bist.« Dazu gehört sicherlich das ganz Naheliegende, der eigene Partner, die Familie, aber dazu gehören auch die Mitstreiterinnen und Mitstreiter in der Fraktion und über die Parteien hinweg auch das Volk. Roger de Weck Frau Süssmuth, heute sind es mehr als zwei … Rita Süssmuth … heute sind es weit mehr als zwei, und ich möchte vielleicht noch eines im Anschluss an Cem Özdemir ergänzen. Wir sind zugleich auf dem Weg der Integration und der Desintegration, weil die Ängste von unseren christlichen Kirchen immer noch stärker sind, da sie glauben, dass sie verlieren könnten, wenn sie dem Islam gegenüber zu offen sind. Dabei könnten sie an Stärke gewinnen, wenn sie selbstkritisch, offen, aber auch überzeugt sind. Und ich bin überzeugt, dass diese Botschaft des Christentums eine ganz starke ist. Dass Benedikt XVI. endlich mal mehr die Liebe, als ständig den absoluten Wahrheitsanspruch oder den strafenden Gott, in den Mittelpunkt stellt. Nehmen wir nur diese Vorhölle, in die die ungetauften Kinder bislang immer eingeigelt wurden. Und wenn wir mit dieser Offenheit und Überzeugung vom Eigenen nicht ständig die Abgrenzung suchen, dann können wir auch mehr miteinander reden. Und wir sind immer noch zwischen Abgrenzung und Integration. Roger de Weck Dr. Ceric, eine ganz einfache, sehr komplizierte Frage: Was ist ein europäischer Islam, welcher Institutionen bedarf er? Mustafa Ceric A very simple and a very complicated question, I think. But we need more time to talk about it. In this short time that we have, I, as an European, would like to remind us that we Europeans have no prophets of God – God did not send us any prophets here in Europe. I do not know why: Because we are so good so we do not need prophets or we are so bad that even prophets can not help us? All we have of the religions came from the East as the sun is rising from the East, right? And when these prophets’ books, the Bible, the Koran, the Old Testament and the New Testament, came to us, we started seeing what it means. And when we read these books – some of us can read better and some of us cannot read at all – as Europeans we have to understand what we are receiving from the religions here and that there is no priority of any religion in any country. So, some Europeans accepted Christianity, some accepted Judaism and some accepted Islam. My great grandfather accepted Islam and I am a Muslim. That was not my choice, at that time he has chosen for me and I am happy with it. Now, we have to understand when we talk about Islam, especially in Europe, that Islam came to Europe through two gates: The Iberian Peninsula in the 8th century and through the Balkans Peninsula in the 14th century. The 8th century of Islam in the Iberian Peninsula in Spain created a very rich integrated European society of culture: Jewish, Christian and Islam. You know that, but it did not survive European history after the 8th century. Now, we have indigenous Muslims – non-immigrated Muslims – in the Balkans: Bosnians, Albanians and others, and I am one of them. Unfortunately, in 1995 we experienced genocide in Srebrenica and this is a problem. Now, how are we going to be integrated? What I want to say as an indigenous Muslim is that the Balkans Peninsula, Europe and the Western civilisation have the opportuinity, the cosmic or historic opportunity, to be great because civilisations that are closing themselves will fail and civilisations that are open and that can afford diversities are great. It is a big challenge for Europe to take Islam as one of its own religions. Islam must become an honourship of Europe, not a stranger, not the ghost but the host. Roger de Weck Herr Pavkovic, was soeben auf so wunderbare, philosophische Weise formuliert wurde: Was bedeutet all das konkret, in Ihrer Alltagsarbeit, in dieser Stadt, wo von 590 000 Einwohnern 220 000 im Ausland geboren wurden? Gari Pavkovic Herr Dr. Ceric, Seine Eminenz, hat bereits gesagt, dass die Integrationspolitik Europas und die Integrationspolitik der Stadt Stuttgart die Einheit in der Vielfalt bedeuten. Wir müssen eine Kultur der Anerkennung für Vielfalt haben. Der Islam gehört seit 500 Jahren zu Bosnien als Teil der europäischen Kultur und seit 40 Jahren zu Stuttgart und zu Europa, und er wird es auch dauerhaft bleiben. Das heißt, dass Raum, Platz und Anerkennung gegeben werden, so dass kulturelle Vielfalt gelebt wird. Die Einheit in der Vielfalt heißt auch, dass das Leitbild einer sozial gerechten Stadt, in der alle Menschen ihre Chance haben, besteht. In meinem Fall war Integration ein Glücksfall, ein Zufall. Es waren Menschen für mich da. Wenn sie nicht da gewesen wären, dann wäre ich heute irgendwo anders. Integrationspolitik vor Ort heißt aber, dass Möglichkeiten, Chancen und individuelle Entwicklungen nicht dem Zufall überlassen werden sollen, sondern systematisch anzugehen sind, sodass vom Kindergarten bis zum bürgerlichen Engagement bzw. politischen Engagement Menschen die Möglichkeit haben ihre Potentiale zu entfalten. Das sind die Förderprogramme, aber das ist auch ein Appell an unsere Vereine und unsere Ämter der Stadtverwaltung, an die Schulen und auch an die politischen Parteien: »Öffnet Eure Türen für die Migranten – nicht nur als Kunden oder Mitbürger, sondern als Gestalter dieser Gesellschaft.« Roger de Weck Petra Bahr, ist es aus Sicht der EKD wünschenswert, dass sich der europäische Islam so stark institutionalisiert – bis zu dem Punkt, da es eines Tages neben der EKD eine IKD gibt? Petra Bahr Ich könnte jetzt mit Herrn Dr. Ceric ein wenig träumen. Gerade der sehr staatsorientierte deutsche Protestantismus mag dieser Organisationsform generell sehr viel abgewinnen können, insofern wäre ich die Erste, die das unterstützen würde. Mir scheint es aber wichtiger zu sein, was diese Institutionen jeweils verkörpern, und deshalb würde ich gerne auf einen Aspekt zurückkommen, den die Laudatorin erwähnt hat und der mich sehr glücklich macht, weil auch der Innenminister in dieser Woche daran erinnert hat. Es braucht neben den ganzen alltagspraktischen Integrationsmaßnahmen auch Streit um die Theologie, europäisch- akademischen Streit, schlicht um Wahrheit, religiöse Wahrheit. Es ist damit nicht die Ausgrenzung gemeint, sondern die Würdigung des Anderen in seinen theologischen Traditionen. Also braucht es zum Beispiel, das schlägt der Innenminister vor, möglichst bald theologische Fakultäten, damit man das Verhältnis von Religion und Vernunft in diese europäische Tradition hinein holen kann. Und so stelle ich mir einen Aspekt eines zukünftigen europäischen Islams vor. Roger de Weck Sie nicken, Dr. Ceric. Mustafa Ceric Yes, I would like to say that the Jews, Christians and Muslims have to understand one thing: It is not the problem of our differences, but we have difficulties with our similarities. We are so similar that we do not like each other sometimes because we are so similar. And to tell you the truth, you know, that historically speaking, the similar people fought more civil wars than those who are different from each other. I do not need to remind you here in Germany, but I can remind you of what is happening today in Iraq. So, for example, we all have Adam and Eve as our mother and father, right? Within the Muslim theologies we are discussing who were Adam and Eve more than you in Christianity do. And we have also Abraham, Moses, Jesus, the Old Testament, the New Testament, and if you read the Koran you will find this almost on every page as in the Old Testament. By the way, when I was in Wisconsin recently, at Madison University, I brought statements and asked specialists in history of religions to identify for me where these statements are from – the Old Testament, the New Testament or the Koran. And of course they were divided here and there and then I said to them that all these statements are from the Holy Koran, they are not from the Old Testament. And because of that I think that opening of this dialogue is so important, the theological dialogue as well as who we are and our identities, because identity is the continuity of memory. But the problem is that we have more retrograde than progressive memory. I think our problem is now that we are too much retrogressive, too much explaining what happened, and we are not bold enough to memorize what will happen a hundred years ahead rather than what happened a hundred years ago, isn`t it? If we do know what happened a hundred years ago, why don`t we take the risk and think what will happen in a hundred years ahead? Petra Bahr Ich stimme Ihnen sehr fasziniert zu. Allerdings möchte ich daran erinnern, dass ich es irritierend finde, wenn ich zum Beispiel mit einem muslimischen Vertreter diskutiere und er mir nicht einmal die Hand geben kann, weil ich eine Frau bin. Das führt dazu, dass jedenfalls der Streit um die Wahrheit dann in der lebenspraktischen Art, wie wir uns rituell begrüßen, schon schlicht eine große Irritation erfährt, und ich möchte, wenn es um Dialoge geht, solche Dinge ansprechen dürfen, ohne dass mir sofort unterstellt wird, dass ich schon wieder ausgrenze. Mustafa Ceric Of course, you know that my friend Cem said that he does not pray and he does not fast. I am praying and I am fasting and I am shaking your hand. And you have the Amish people who live in the United States. They do not want to use radio, and you also have ultra orthodox Jews who do not eat from the same plate with other people. So why are you so nervous about Muslims who do not want to shake your hand? I mean, let them live in peace. But there are Muslims who want to shake your hand so you go to those Muslims who want to shake your hand and live with them. And let those who are living in their own way live. I mean, we cannot unify people to be like us. They are different and we are different and thank God that we are different. I wouldn`t like our world to be unified, it would be very boring to live if we were all the same. We are different and we should be different. Roger de Weck Diese Aussage unterscheidet sich vom heutigen Diskurs, der alles ablehnt, was in Richtung Multikulti geht. Ein Plädoyer für die Differenz. Cem Özdemir Ich glaube, mit einem gewissen Maß an Differenz wird man in einer pluralistischen Gesellschaft immer leben müssen. Ich bin in einem Ort aufgewachsen, in dem der schwäbische Neu-Pietismus, der manchen hier in Württemberg nicht ganz unbekannt ist, eine ganz wichtige Rolle spielt. Ich durfte mich im Kindergarten an Fasching verkleiden. Ich hatte christliche Mitschüler oder Kinder im Kindergarten, die sich nicht verkleiden durften, weil ihnen ihre Eltern erzählt hatten, dass das heidnisches Brauchtum sei und ein guter Christenmensch sich nicht verkleiden würde. Das würden nur Katholiken oder andere Nichtchristen machen. Und das war damals die Haltung der schwäbischen Pietisten, mit der ich aufgewachsen bin. Andererseits muss ich zugeben, dass die das beste Freizeit- und Sportprogramm hatten, und es hat mir nicht geschadet, dass ich mit ihnen zusammen war. Und da habe ich gelernt, dass es offensichtlich nicht das eine Christentum gibt, sondern innerhalb des Christentums viele verschiedene Farben existieren, wie eine schöne Blumenwiese mit verschiedenen Blumen, bei der man sich auch nicht wünscht, dass es nur eine einzige Pflanze gibt, die sich durchsetzt. Und ich habe selbst gelernt meine Vorurteile in Frage zu stellen, weil ich eben auch wunderbare Freundschaften erlebt habe. Ich wollte auch zum Händeschütteln gerne noch etwas sagen. Es gibt ja einen ganz prominenten Vertreter dieser neuen Mode, nicht die Hand zu schütteln, einen Imam aus Leipzig, der auch die Tour durch alle Talkshows in Deutschland gemacht hat. Ich hatte auch schon einmal das Vergnügen, zusammen mit ihm in einer Talkshow zu sitzen. Und mein Plädoyer bezieht sich nicht darauf, dass man ihn nicht in eine Talkshow einlädt, weil jeder das Recht hat irgendwie in der Weltöffentlichkeit zu stehen, auch er darf seine Talkshows machen. Aber stellen sie sich das mal vor: Es wird jemand, der eine winzig kleine Gruppe innerhalb des Islams, eine Außenseiterposition, vertritt – ich komme aus der türkischen Community und habe gute Kontakte in die bosnische, schiitische und alevitische Community, mir sind da so gut wie nie Leute begegnet, die Frauen nicht die Hände schütteln, das ist nicht die Mehrheit – und jetzt wird dieser Imam eingeladen, und wird nicht etwa als ein Paradiesvogel oder als ein schräger Vogel, der in irgendeine Nachmittagstalkshow gehört, präsentiert, sondern er wird als »der Muslim« vorgestellt. Um es noch absurder zu machen: In der einen Sendung bei Frau Christiansen waren auch andere Leute aus der muslimischen Community eingeladen. Darunter waren ein weltlicher Vertreter, nämlich ich, und ein geistiger Vertreter aus der größten Gruppe der Muslime in Deutschland. Wir wurden auf ausdrücklichen Wunsch dieses Herrn ausgeladen. Jetzt stellen Sie sich das andersherum vor: Sie hätten in der Türkei oder in Bosnien eine Talkshow zur besten Sendezeit und da würde ein Vertreter von der Partei der bibeltreuen Christen auftreten und dabei das Bild des Christentums maßgeblich prägen. Wie würde es Ihnen dabei gehen? Und es passiert Tag für Tag in unseren Medien, dass irgendwelche schrägen Vögel oder Außenseiter, die gerne ihren Platz in den Nachmittagstalkshows haben, als die Vertreter des Islams dort vorgestellt werden. Und dann wundert man sich darüber, dass Jugendliche dahin schauen und denken: »So möchte uns die deutsche Mehrheitsgesellschaft gerne haben. So sollen wir als Muslime sein.« Ich hätte sie nicht gerne so. Rita Süssmuth Zunächst habe ich zu dem, was Cem Özdemir gesagt hat, nichts hinzuzufügen. Aber ich finde es wichtig, wenn wir den Dialog beginnen, dass wir nicht in den alten Traditionen fortfahren, indem wir nach den religiösen Wahrheiten fragen oder der Frage nachgehen, wer Recht hat, denn das wird zu nichts führen. Wenn wir uns nicht darauf einstellen, dass wir mit aller Erkenntnis der Theologiefakultäten nur die vorletzten Wahrheiten anstreben, werden wir nicht zueinander finden. Und zum anderen ist es manchmal gut, wenn wir uns erinnern, dass das, was soeben am Beispiel des Händeschüttelns gesagt wurde, auch in der christlichen Tradition vergleichbare Phänomene hat. Die Frauenausgrenzung, die nirgendwo in der Bibel oder im neuen Testament anzutreffen ist, hatten sich die christlichen Religionen insoweit zu Eigen gemacht, dass sie bis zur Hexenverbrennung ging, sobald Frauen selbständig dachten. Und deshalb finde ich es zwar wichtig, dass wir streiten, aber die wichtigste Frage ist doch darauf bezogen, was die Religionen den Menschen anzubieten haben, was sie verbindet, wozu sie sie verpflichtet und was sie auch an Perspektiven und Chancen haben. Der Gedanke der Versöhnung – »tragt Sorge füreinander, nehmt einander an« – das sind mir viel wichtigere Botschaften. Wir werden sowieso nicht ergründen, wer dieser Gott wirklich ist. Das ist schon auch ein Geheimnis. Und deswegen ist es mir wichtiger, dass wir die Botschaften neu interpretieren und nicht an den alten festhalten, die bei Ausgrenzung landeten. Roger de Weck Meine Damen und Herren, was hat dieser Austausch verkörpert? Das Fremde im Eigenen, das Eigene im Fremden – das ist die Definition von Europa, benannt nach einer phönizischen Prinzessin, die wahrlich keine Europäerin war. Das Eigene im Fremden, das Fremde im Eigenen ist auch die Definition von Integration oder schlicht von Kultur und Zivilisation. Wir haben eine im schönsten Wortsinn zivilisierte Stunde verbracht. Herzlichen Dank. » merken Schlusswort Rupert Graf Strachwitz Eminenz, hohe festliche Versammlung, bei einem der wichtigsten intellektuellen Diskurse des beginnenden 21. Jahrhunderts, zumindest in Europa, hat Jürgen Habermas, einer der Beteiligten, u.a. folgendes ausgeführt: »Im Gegensatz zur ethischen Enthaltsamkeit eines nachmetaphysischen Denkens, dem sich jeder generell verbindliche Begriff vom guten und exemplarischen Leben entzieht, sind in heiligen Schriften und religiösen Überlieferungen Intuitionen von Verfehlung und Erlösung, vom rettenden Ausgang aus einem als heillos erfahrenen Leben artikuliert, über Jahrtausende hinweg subtil ausbuchstabiert und hermeneutisch wach gehalten worden. Deshalb kann im Gemeindeleben der Religionsgemeinschaften, sofern sie nur Dogmatismus und Gewissenszwang vermeiden, etwas intakt bleiben, was andernorts verloren gegangen ist...«(1) Differenziert und sehr vorsichtig nähert sich Habermas damit einer, wenn ich es richtig sehe, von ihm selbst über viele Jahre sehr skeptisch beurteilten Auffassung an, es gebe eine externe Legitimierung eines modernen demokratischen Gemeinwesens. Es kann, so Habermas, zu einer »entgleisenden Modernisierung der Gesellschaft im Ganzen«(2) kommen, die ein »Abbröckeln der staatsbürgerlichen Solidarität«(3) zur Folge hat. Eben darum hat die Philosophie, so sie sich derlei Entwicklungen widmet, »Gründe, sich gegenüber religiösen Überlieferungen lernbereit zu verhalten.«(4) Habermas hatte am 19. Januar 2004 in München – das waren Zeit und Ort dieses Diskurses – Joseph Ratzinger zum Gesprächspartner, den Theologen, damaligen römischen Kurienkardinal und heutigen Papst Benedikt. Habermas’ »entgleisende Modernisierung« ist bei Ratzinger die »Macht des Machens und des Zerstörens«(5), was ihn seinerseits zu einer bemerkenswerten Annäherung an Positionen führt, die seine – meine – Kirche noch vor kurzem schlichtweg als Ketzerei gebrandmarkt hätte. Der Lernbereitschaft gegenüber der Religion stellt er zunächst den Gedanken an die Seite: »Vielleicht müsste heute die Lehre von den Menschenrechten um eine Lehre von den Menschenpflichten und von den Grenzen des Menschen ergänzt werden«(6), womit die Brücke zu der von Habermas in den Mittelpunkt gestellten Solidarität geschlagen ist. Ratzinger zieht – und das halte ich für unser heutiges Thema für bedeutsam – den Schluss: »Für Christen hätte es mit der Schöpfung und dem Schöpfer zu tun, in der indischen Welt entspräche dem der Begriff des Dharma, der inneren Gesetzlichkeit des Seins, in der chinesischen Überlieferung die Idee der Ordnung und des Himmels.«(7) So einigen sich gewissermaßen der agnostische Philosoph und der katholische Theologe und – das darf man nicht vergessen – auch zu dieser Zeit Kirchenpolitiker – darauf, dass theoretische Politikwissenschaft neu nach Religion zu suchen hat, die Suche aber nur gelingen kann, wenn sie interkulturell und interreligiös angelegt ist und wenn auch Hüter der Religion bereit sind, im Sinne des Hl. Benedikt, »zu hören«. Für unseren Zusammenhang sind zwei andere Gesichtspunkte dabei noch entscheidender. Zum einen: Karl Poppers Leitidee der von ihm so postulierten offenen Gesellschaft (8) ist die permanente Chance der Überwindung jeder menschlichen Idee durch deren Falsifizierung. Die Feinde der offenen Gesellschaft halten dagegen an falsifizierten Überzeugungen fest. Mir scheint, die Annäherung zwischen Philosophie, Politik und Religion überwindet eine Säkularisierung, die seit rd. 200 Jahren jedenfalls das europäische Denken beherrscht und die noch vor 30 Jahren weithin als prinzipiell unumkehrbare Entwicklungsstufe angesehen wurde. Zum anderen: Die Überwindung eines theoretischen Ideengerüsts steht auch uns offen. Der ‚Clash of Civilizations’ (9) ist nicht eine sich selbst erfüllende Prophezeiung, die allenfalls durch Kampf in Frage gestellt werden kann, deren katastrophale Auswirkungen im übrigen aber bestenfalls gemildert werden können. Er stellt vielmehr ein theoretisches Konzept dar, dessen Zukunft prinzipiell ungewiss und, wenn ich es richtig sehe, in seinem theoretischen Kern überwunden ist. Wenn wir die Kraft aufbringen, den Weg weiterzugehen, den Ratzinger und Habermas – und natürlich nicht nur sie allein – ausgelotet haben, kann dies erfolgreich sein. Unsere Gesellschaft kann ihrem Zusammenleben ein neues theoretisches Konzept zugrundelegen. Wir haben also keine heldenhaften Laokooniden, tragische Helden, ausgezeichnet, sondern, im Sinne Dantes, Menschen, die nicht warten, dass die Welt sich wandelt, sondern die sie kräftig anpacken und handeln. Dass Rita Süssmuth und Mustafa Ceric sich ihrerseits in diesem Sinn von uns haben anpacken lassen, erfüllt uns, den Vorstand der Theodor-Heuss-Stiftung, mit Dankbarkeit. Unsere Gründungsvorsitzende Hildegard Hamm-Brücher zitiert – wir wissen es – immer gern Theodor Heuss mit dem Satz »Demokratie ist keine Glücksversicherung!« In der Tat: Eine Gesellschaft, in der die Bürgerinnen und Bürger herrschen, kann nur leben, wenn ohn’ Unterlass an ihr und in ihr gearbeitet wird. Unsere Preisträger tun dies, wir haben dies heute hier in einem kleinen Ausschnitt miterleben dürfen. Sie sind nicht allein: Frau Schwan hat sie in ihrer Laudatio mit dem Wort des Propheten Jesaja eingeführt: »Ich habe dich bei Deinem Namen gerufen, du bist mein!«(10) Ich denke, dies gilt für alle, die heute und auch schon gestern im Kolloquium mitgerungen haben. Ihnen allen und auch Ihnen, die sie mitgestaltet und mitgehört und mitgefeiert haben, gilt unser herzlicher Dank. Das Thema ist auch für uns nicht mit dem heutigen Tag beendet. Was wir heute gehört haben, wird Grundlage weiterer Arbeit bilden. Wie stets laden wir Sie herzlich ein, heute noch eine Weile mit uns zu feiern und in der Zukunft mit uns zu arbeiten. Lassen Sie mich mit noch einem Zitat schließen, dem Schluss von Joseph Ratzingers Münchner Rede: »Es ist für die beiden großen Komponenten der westlichen Kultur wichtig, sich auf ein Hören, eine wahre Korrelationalität ... einzulassen. Es ist wichtig, sie in den Versuch einer polyphonen Korrelationalität hineinzunehmen, in der sie sich selbst der wesentlichen Komplementarität von Vernunft und Glaube öffnen, sodaß ein universaler Prozeß der Reinigung wachsen kann, in dem letztlich die von allen Menschen irgendwie gekannten oder geahnten wesentlichen Werte und Normen neue Leuchtkraft gewinnen können, sodaß wieder zu wirksamer Kraft in der Menschheit kommen kann, was die Welt zusammenhält.«(11) Zitate: (1) Jürgen Habermas / Joseph Ratzinger, Dialektik der Säkularisierung – Über Vernunft und Religion, mit einem Vorwort herausgegeben von Florian Schuller, Freiburg 2005, S. 31 (2) Loc. cit., S. 26 (3) Ibid. (4) Loc. cit., S. 30 (5) Loc. cit., S. 40 (6) Loc. cit., S. 51 (7) Ibid. (8) Vgl. Karl Popper, Die offene Gesellschaft und ihre Feinde, Tübingen 1992 (7) (9) Vgl. Samuel P. Huntington, Der Kampf der Kulturen: The Clash of Civilizations, die Neugestaltung der Weltpolitik im 21. Jahrhundert, München 1997 (6) (10) Jes. 43, 1 (11) Habermas / Ratzinger, loc. cit., S. 57 f.

2007