Timothy Garton Ash

Historiker und Publizist

Timothy Garton Ash wurde am 1. April 2017 für sein langjähriges außerordentliches persönliches Engagement, als Wissenschaftler, Publizist und Ideengeber den öffentlichen Diskurs zu suchen und mit den von ihm entworfenen Prinzipien die liberale Idee der Rede- und Meinungsfreiheit in einer vernetzten Welt zu vermitteln, mit dem Theodor Heuss Preis 2017 ausgezeichnet.

 

Immer der Freiheit auf der Spur

Einer der seltenen, aber so notwendigen Grenzgänger in einer immer komplexeren Welt: Das ist zweifellos der britische Historiker und Publizist Timothy Garton Ash. Und dies gleich in mehrfacher Hinsicht. Da ist einmal die Art, mit der er mühelos den Brückenschlag zwischen Wissenschaft und Publizistik zu bewältigen weiß, eine Eigenschaft, die im Gegensatz zu den amerikanischen Geistesdisziplinen in Deutschland nicht häufig anzutreffen ist. Seine beachtliche essayistische Kunst erleichtert
ihm gewiss diese Leistung. Er zählt, seit den Hochzeiten des Kalten Krieges und dessen langsamer, aber unaufhörlicher Zersetzung in den Achtziger Jahren, zu den kenntnisreichsten Pendlern zwischen Ost und West. Aufgrund seiner ausgiebigen Erkundungen und bedachten Reflexion vermochte er die stärker werdenden
antagonistischen Strukturen innerhalb des sozialistischen
Systems in Mittel- und Osteuropa für die Leser diesseits des Eisernen Vorhangs zu entschlüsseln und zu deuten. Schließlich ist er ein Intellektueller, der den historischen Prozess mit seinen vielfältigen gesellschaftlichen Veränderungen nicht unter einem einzigen fixen Aspekt beurteilt, sondern unter der Abwägung von Fortschritten wie Rückschlägen, Erfolgen wie Verlusten,
Chancen wie Risiken. Das allerdings mit einem unbeirrbaren Maßstab, nämlich der ihm eigenen ausgeprägten Liberalität.
Eine besondere Affinität zu Deutschland, früh ausgelöst durch die Poetik und Sprachbrillanz von Thomas Mann, macht Garton Ash zudem zu einem engagierten und pragmatischen Vermittler zwischen den widerstreitenden, teilweise sogar feindseligen Positionen und Stimmungen, denen die Bundesrepublik zunehmend in Europa begegnet, auch im Kreis der EU-Staaten. So betrachtet der »englische Europäer«, wie er sich selbst einmal
bezeichnete, die Flüchtlingspolitik Angela Merkels positiv, »weil sie an einer Vision von Europa festhalten will, an einem Europa, das im Prinzip offen ist und solidarisch «. Zugleich verteidigt er die Sicherung der Außengrenzen dieses Kontinents, da dies »eine Vorbedingung für das Fortbestehen liberaler Gesellschaften« sei.

 

Im langwierigen Verfahren des Brexit, den der Historiker von den Briten nicht erwartet hätte, sind solche Fähigkeiten eines ausgleichenden Dazwischen dringend vonnöten. In der Ausrichtung des Denken von Ash besteht jedoch seit Jahrzehnten eine unübersehbare Kontinuität, und diese heißt: Freiheit. Dies ist zwar ein Begriff in vieler Munde, aber ebenso oft auch ambivalent benutzt, mal konstitutiv-unbestreitbar, mal regressiv-regelbar.
Dass Freiheit in Europa längst nicht mehr zu den unumstößlichen Selbstgewissheiten zu rechnen ist, räumt er freimütig ein: »Wir erleben mehrere Aufstände gegen die liberale Demokratie, ja gegen den Liberalismus«, hieß es in einem seiner Interviews. Dabei zitiert er populistische Bewegungen von links, wie in Griechenland und Spanien, ebenso von rechts, in Frankreich, Ungarn und Polen.
Deutschland erfährt diese Kritik an der Demokratie inzwischen
ebenfalls.
Wie sehr seine politisch-historischen Überlegungen um den Gedanken der Freiheit kreisen, lässt sich an vielen Titeln seiner Bücher ablesen. Denn mehrfach taucht der Ausdruck dort plakativ auf. So in »Zeit der Freiheit«, einer Bilanz aus den Zentren Mitteleuropas ein Jahrzehnt nach den revolutionären Umbrüchen im Osten. Oder »Freie Welt«, eine Darstellung des Zwiespalts zwischen Amerika und Europa zu Beginn dieses Jahrhunderts. Zuletzt mit dem Buch »Redefreiheit«, in dem die Möglichkeiten
und Grenzen weltweiter Digitalisierung erörtert werden. Aber auch in anderen Schriften, etwa in der kühl-kritischen Analyse der deutschen Ostpolitik »Im Namen Europas« oder in »Die Akte Romeo«, die seine StasiÜberwachung in der DDR zum Inhalt hat, ist die Freiheitsthematik stets präsent. Seine Liebe zur Freiheit
kann auch pathetisch werden: »Wenn wir frei sind, können wir mit anderen freien Menschen auf eine freie Welt hinarbeiten. Nichts kann uns aufhalten, es sei denn die Mauern der Ignoranz, des Egoismus und der Vorurteile, die freie Menschen untereinander und Freie von Unfreien trennen.«
Bekannt wurde Garton Ash 1990 mit einem Werk, das geradezu eine programmatische Aussage vermittelte: »Ein Jahrhundert wird abgewählt«. Es ist die Summierung seiner Eindrücke und  Einblicke, die der Historiker in den achtziger Jahren in den mitteleuropäischen Zentren Warschau, Budapest, Prag und Berlin sammeln konnte, eben die lähmendlange, doch beständig weiter wuchernde Inkubationsphase der friedlichen und »samtenen« Revolutionen, die die kommunistischen Systeme zuletzt in erstaunlicher Schnelligkeit hinwegfegten. Dieses Buch ist voll von Geschichten um jene mutigen unverzagten Oppositionsgruppen und ihren Milieus, die die kommunistischen Regime zu Fall brachten, aber es ist auch selbst Geschichte. Die persönliche Nähe zu führenden Protagonisten der Bürgerrechtsbewegungen, etwa zu
Adam Michnik in Polen und Vaclav Havel in der  Tschechoslowakei, machen diese Reportagen zu einer wahrhaft historischen Dokumentation über den Weg des Wandels in den mittel-osteuropäischen Ländern vom Sozialismus zur Demokratie.

 

Dabei hatte der kontinentalorientierte Engländer bereits reichlich Berührung mit dem kommunistischen Alltag besessen, als dieser Bestseller erschien. Nach dem Studium der Geschichtswissenschaft an der traditionsreichen Universität Oxford ging er, 1955 in London geboren, Anfang der achtziger Jahre nach Berlin, um im
West- wie im Ostteil der Stadt wissenschaftliche Forschungen für seine Doktorarbeit »Berlin and the Nazis« zu betreiben. Doch schon bald verlagerte sich sein Interesse auf die Gegenwart, und statt dem Verhalten der Deutschen unter der Diktatur Hitlers nachzugehen, beschäftigte er sich intensiv mit der SED-Diktatur unter Honecker. »Und willst du nicht mein Bruder sein...« lautete
1981 sein Report über die damalige DDR. Die Darstellung traf auf erhebliches Missfallen der SED-Oberen, sodass sie schließlich für den Autor ein Einreiseverbot für die sozialistische DDR  verhängten. Doch Garton Ash hatte sein Thema gefunden: die Emanzipation der Moskauer Satellitenstaaten von den Einschränkungen der Freiheit durch die rote Ideologie. Am Ende stand, wie er meint, ein europäisches 9/11, nämlich der 9. November 1989 mit dem Fall der Mauer in Berlin, der »unsere Gegenwart immer noch grundlegender als der Fall der  Zwillingstürme in New York« verändert habe. Eine rege publizistische Tätigkeit über viele Jahre für renommierte
internationale Medien wie Spectator, Times, Guardian, New York Review, Washington Post belegt geradezu diesen Lebensabschnitt des fleißigen Fachmanns.
War Garton Ash, der seit 1990 eine Professur für Europäische Geschichte in Oxford bekleidet, aber auch an der namhaften amerikanischen Universität Stanford lehrt, lange diesen Umbrüchen auf der Spur, so verfolgt er seit einigen Jahren mit dezidierter Emphase einen anderen Transformationsprozess, wie sein jüngstes Werk »Redefreiheit« beweist. Seit 2012 leitet der Wissenschaftler in Oxford die Internetplattform  freespeechdebate.com, über die er weltweit einen Diskurs über die bisherigen Konsequenzen der Digitalisierung in Gang setzte. Es wurde ein bislang einmaliges polyglottes Forschungsprojekt. Mit
einer Gruppe von Studenten, aber auch mit eigenen Vorträgen
von Kairo bis Peking, von New York bis Istanbul stellte er seine Vorschläge und Thesen öffentlich zur Diskussion. Dieser Aufwand entsprang der Idee, dass heute alle Menschen durch das Internet gleichsam Nachbarn geworden sind, in Kosmopolis oder global village, wie immer man es formulieren will.
Die Freiheit des offenen Wortes ist für den diesjährigen Theodor Heuss Preisträger das Grundrecht demokratischer Verfassung schlechthin, und für jedermann wird heute offensichtlich, dass autoritäre und populistische Politiker mit Attacken auf die Rede- und Meinungsfreiheit ihre demagogischen Repressionskampagnen gegen die Grundrechte intensivieren – wie in unterschiedlicher
Ausprägung Wladimir Putin, Recep Tayyip Erdogan und Donald
Trump zeigen. Deshalb spricht Garton Ash ausdrücklich von einem »Kampf um die Wortmacht«, der sich im Zuge von Digitalisierung und Internet entwickelt und abläuft. Dafür benutzt er ein sehr plastisches Bild, nämlich das von Hunden, Katzen und Mäusen.

 

 

Die Hunde sind für ihn die wenigen großen Staaten, die USA und
China, ebenso die EU, die Regeln und Gesetze erlassen können; die Katzen bilden die gigantischen Medienkonglomerate Microsoft, Apple, Amazon, Google, Facebook, Twitter, YouTube. Und die Mäuse sind die Kunden, die nicht abzuschätzen wissen und kontrollieren können, was die Hunde und die Katzen mit Big Data anstellen. Wobei der Primat eindeutig bei den Medienkonzernen
liegt, die längst »private Supermächte« darstellen, keineswegs
sozial orientiert, sondern konsequent profitgetrieben.
Dennoch verfällt der Gesellschaftsanalytiker Garton Ash nicht in jenen kulturpessimistischen Tenor, wie er allenthalben über die modernen Kommunikationstechnologien und deren schier grenzenlos erscheinende Potentiale häufig angeschlagen wird. Für ihn stellt das Internet auch ein Produkt radikaler Meinungsfreiheit dar. Deshalb geht es dem ausgewiesenen Kenner historischer Abläufe darum, wie unter den heutigen Bedingungen die liberale Idee der freien Rede und Meinung aufrechterhalten werden kann. Er entwirft daher »Prinzipien für eine vernetzte Welt«, so der Untertitel seines letzten Werks, und dies macht die umfassende Bestandsaufnahme zu einem beachtenswerten Navigationsmittel durch die Online-Welt.

 

Seine zehn Thesen reichen von freier Meinungsäußerung für alle Menschen, ohne Drohung mit Gewalt und Einschüchterung, offener und robuster Zivilität für alle Arten von Unterschieden zwischen Menschen, Schutz der Privatsphäre und Abwehr von illegitimen Eingriffen durch öffentliche und private Mächte bis
hin zu eigenen Entscheidungen mit den Konsequenzen für diese Verantwortung.
Und wo bleiben da die Mäuse? Garton Ash sieht sie keineswegs so schwach gegenüber den egoistisch agierenden großen Tieren. Denn die Nutzer des Internets verfügen, bei allen Bedrohungen und Nachteilen, doch über ein ordentliches Stück Macht, nämlich durch ihre Klicks, »weil wir mit der Maus abstimmen können«, glaubt der Historiker. Wie nützlich und hilfreich da ein verbindlicher liberaler Kodex für das offene Wort und die freie Meinung wirkt, zeigen jene massiven Beschädigungen, die Donald
Trump mit seinen abstrusen Attacken auf die »Redefreiheit« sogar der amerikanischen Demokratie zufügt. Dieses Beispiel zeigt: In der vernetzten Welt müssen die Mäuse überall und beständig aktiv bleiben.