Nachruf anlässlich der Trauerfeier am 6. November 2009 in Basel

Sabine Leutheusser-Schnarrenberger,
stv. Vorsitzende der Theodor Heuss Stiftung


Lieber Herr Dr. Heuss,
liebe Familie Heuss,
sehr geehrte Trauergemeinde,

 

im Namen der Theodor Heuss Stiftung insbesondere meiner Kollegen im Vorstand und im Kuratorium möchte ich Ihnen meine große Anteilnahme zum Tod Ihrer Mutter, Schwiegermutter und Großmutter aussprechen.

 

In großer Trauer und voller Dankbarkeit nehmen wir heute Abschied von Ursula Heuss.

Ursula Heuss hat die Theodor Heuss Stiftung seit ihrer Gründung vor 45 Jahren begleitet, unterstützt und geprägt. Zu Beginn tat sie dies an der Seite ihres Mannes, Ernst Ludwig Heuss, und nach dessen frühen Tod, war sie es, die die Verbindung zur Stiftung aufrechterhielt. Sie wurde Mitglied im Kuratorium, später im Vorstand - wo sie sogar zeitweise die Position des Schatzmeisters innehatte -, und sie war Gründungsmitglied im Vorstand des Freundeskreises.

 

Von eher bescheidenen Rahmenbedingungen ausgehend, konnte sich die Stiftung über die Jahrzehnte zu einer nicht mehr hinweg zu denkenden Institution des Denkanstosses für Zukunft entwickelt.

 

Nicht nur uns Gremienmitgliedern, vielen, die sie im Rahmen der Theodor Heuss Preisverleihungen oder Kolloquien kennen lernten, war sie eine geschätzte Gesprächspartnerin. Mit ihrer Jugendlichkeit, ihrem lebhaften Interesse für das Gesellschaftliche und Politische und mit ihrer Persönlichkeit und menschlichen Wärme hat sie uns beeindruckt und sie machte dabei immer deutlich, auf was es ihr besonders ankam: die erlebte Vergangenheit als Prägung.

 

Anders als so oft bei den materiellen oder geistigen Erben berühmter Vorfahren hat Ursula Heuss ihr Leben nicht in den Schatten ihrer hochangesehenen Mutter, nicht in den Schatten ihres berühmten Schwiegervaters und nicht in den Schatten ihrer allseits geliebten und geachteten Schwiegermutter gestellt.

 

Im Gegenteil, Ursula Heuss hat ihre Lebensaufgabe darin gesehen, das von den Vorfahren angezündete Licht der Freiheit, der Humanität und der Brüderlichkeit vor dem Erlöschen zu bewahren und an die folgenden Generationen, an die Nachwelt, an uns alle weiterzutragen.

 

Trotz der in früher Jugend erlebten unerbittlichen Verfolgung durch die Schergen des Nazi-Regimes, die ihr im Alter von nur fünfzehn Jahren die fürsorgliche, geliebte Mutter raubten und ermordeten.

 

Trotz der damit unvermeidbar verbundenen tiefen seelischen Verletzungen und traumatischen Erfahrungen tat die gebildete, charmante Frau dies mit ernster Akribie, jedoch unprätentiös, ohne Pathos und ohne Anzeichen von Verbitterung.

 

Ja sie tat es mit einer selbstbewussten Selbstverständlichkeit und Liebenswürdigkeit, der sich niemand, der ihr je begegnete zu entziehen vermochte.

 

So habe ich auch die gleichermaßen empathische wie sympathische Ursula Heuss in den vielen Jahren erlebt, wenn ich in meiner Eigenschaft als Kuratoriumsmitglied oder stellvertretende Vorsitzende der Theodor Heuss Stiftung oder bei anderen meist gemeinnützigen Anlässen Gelegenheit hatte, ihr zu begegnen, mit ihr zu sprechen.

 

Und immer wieder war es auch sie, die an den wichtigsten Aspekt der Stiftung - der im Tagesgeschäft vielleicht zuweilen unterzugehen drohte - erinnerte: die Persönlichkeit und das Lebenswerk von Theodor Heuss als Glücksfall für die Bundesrepublik Deutschland und als Dreh- und Angelpunkt der Stiftung.

 

Sie hat entscheidend die Themen der Preisverleihungen geprägt. Wie Schutz von Minderheiten, Menschenrechtestärkung, Bildung als Grundlage für gesellschaftlichen Zusammenhalt.

 

Nie wieder Unterdrückung und Aufstehen gegen Rechtsextremismus und Fremdenfeindlichkeit.

Bis heute ist ihr Haus in Basel der einzige Ort, an dem sich alle frühen Unterlagen der Theodor Heuss Stiftung befinden. Und nicht zuletzt ist es ihr großes Verdienst, dass der persönliche Nachlass des 1. Bundespräsidenten und ihres Schwiegervaters - von der Privatkorrespondenz bis hin zum Mobiliar - so umfangreich vorhanden ist und auch den nachfolgenden Generationen zu wissenschaftlichen Untersuchungen und Forschungen zugänglich gemacht werden kann.

Sie war es, die sich von Anbeginn kontinuierlich für die Arbeit der Stiftung eingesetzt hat und sie dabei für so wichtig hielt, dass sie sie in den vergangenen Jahren sehr stark finanziell unterstützte.

 

Mit Ihrer Großzügigkeit und Weitsicht hatte sie eine Vorreiterrolle. Sie hat das Weiter-Bestehen der Stiftung ermöglicht, oder kurz gesagt: Ohne Ursula Heuss gäbe es heute diese Theodor Heuss Stiftung nicht. Nicht nur dafür werden wir uns immer dankbar an sie erinnern.

 

Ich trauere mit Ihnen, liebe Familie Heuss, um eine überaus wertvolle Frau, vor deren Lebensleistung, aufrechter Gesinnung und Großzügigkeit ich mich in Hochachtung verneige.

Wir werden sie sehr vermissen.